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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-08 · 37 (8.9.1926) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
37 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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teil -es .berliner Tageblatts" veröffentlicht hat. Benn Benas Levy ist nicht nur ein bedeutender Kenner auf dem Gebiet jüdischer Gemeindeverwaltung' sondern auch ein mit besonderem wirtschaftlichen Blick begabter Fachmann des BaumwollHanbels. Wir Höften, den Jubilar auch weiter zu unseren Mitarbeitern zählen zu dürfen, und wünschen ihm als Ärön-ung feines arbeitsreichen Lebens einen sonnigen Lebensabend. Eine Tal des jüdischen Liberalismus. Dah der jüdische Liberalismus bei den bis fetzt geschaffenen Neuerungen nicht stehen bleiben darf, ist oft gesagt, aber selten betätigt worden: die Idee des liberalen Judentums kann ihre Fruchtbarkeit nur erweisen, indem sie schöpferisch sich alter jüdischer Gedanken bemächtigt und diese, jung und lebenskräftig gestaltet, in unsere und spätere Zeiten hineinstellt. Ein solcher alter Gedanke des Judentums ist der der Vorbereitung. Wir können nicht an einem Tage mit all unserm Sein und Denken aus der Enge und Betriebsamkeit unseres Lebens zu Gott uns erheben, vielmehr bedarf Ls dazu langer Arbeit und ernster Vorbereitung. Nur durch Konzentration und Kontemplation kommen wir zu unserer endlichen Versöhnung und „Heimkehr", wie ich -as Worth Tlr'schuwoh einmal etwas frei übersetzen möchte. Dieser Gedanke der Vorbereitung findet seinen unübertreffbar plastischen Ausdruck in den S'lichaus-Tagen, die in der Woche vor'Beginn der hochheiligen Feste begangen werden und bereits von der Tradition durch einige unserer ergreifendsten Bnßgebete und -Melodien ausgezeichnet sind. Wer aber weiß heute davon, und in welche Form ist dieser Gedanke heute gekleidet? Morgens um sieben Uhr vor einigen wenigen zum Gottesdienstbesuck verpflichteten Männern spielt sich das ab — trivial z-u reden: unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. Was also nützt der so köstliche S'lichaus-Gedanke. wenn die Oeffentlichkeit keinen Gebrauch von ihm macht und nicht einmal Kenntnis von ihm hat? Was nützt ein Gedanke, wenn er nichts nutzt?! Es ist eine T a t der „Liberalen Synagoge Norden", den ersten S'lichaus-Tag — der obendrein stets auf den bürge rlichen Ruhetag fällt und also für die festliche Ausgestaltung wie geschaffen erscheint —. es ist eine Tat, sage ich. daß man diesen Vorbereitungstag seinem Mchenbrödeldasein entriß. Der Gottesdienst wurde — statt, wie herkömmlich, in der Frühe — um 10 Uhr begonnen: infolgedessen hatte sich eine stattliche Schar von etwa 180 Besuchern eingesunden, meist jüngere Menschen und viele Kinder, die mit Begeisterung und Empfänglichkeit gekommen waren, „zu tun und zu hören" Und wie waren sie alle gefangen, als zu Beginn die erschütternden Klänge des „großen Kaddisch" an ihr Ohr schlugen: wie lauschten sie all den festlichen Sangesweisen, die Kantor Jakubowski mit ihnen und für sie vortrng! Es mag wohl sein, daß diese Gebete diesmal nur ihr Gefühl bewegten: aber eben deshalb dürfte ihr Interesse und der Wille zum Lernen wach geworden sein, und sie werden im nächsten Jahre auch die Gedanken der Gebete verstehen, werden die Gebete miterleben. werden m i t beten, was ihnen diesmal nur ü'v r gebetet wurde. Und doch kam auch diesmal schon der Gedanke der S'lichaus- Tage zu seinem Recht: Rabbiner Dr. S a l o m v n s k i wußte in ergreifenden Worten davon zu sprechen, daß der Mensch selber die Tafeln anfertigen muß. wenn er will, daß Gott seine Gebote darauf schreibe. n- An den Augen und dem tief andächtigen Schweigen der Versammelten sah man^ wie diese Gedanken der Predigt zündeten und Wurzel faßten 7hier war ein Prediger, -er mitWecht zu ,-andächtigen Zuhörern" sprach. Das war eine köstliche Feier. von persönlicher, individuellreligiöser Erhebung und gleichzeitig von starkem Gemeinschaftsgeist durchweht: ich bin dankbar, daß ich sie miterleben durste. Möchten viele liberale Gemeinden diese positive Reform cinführen! Dies war nicht, wie dem Liberalismus stets uachgeredet wird. Bruch mit der Tradition. Negation, sondern Wiederherstellung und Fruchtbarmachung des Traditionellen iv würdiger neuer Form. Position Glücklich alle, die dabei waren und d:e in kommenden Jahren in allen w a h r h a f t liberalen Gemeinden dabei sein werden'. Die heutige Indenbeit spreche zu dieser Tat. zu diesem Vorbild, das alte Wort: nsasseb w'nischma — lasset sie erst dieses Selbe tun. so werden sie dann auch den wunderbaren Vorderer tungsgedanken hören. Und werden Erfolg schauen bei all den jungen, durstigen Herzen, in denen unzerstörbar die Sehnsucht und der Wille nach Betätigung ihres Jndeseins tobt. Diesen Wollenden ihr Recht zu schassen, ist unser aller Ehrenpflicht. George Goetz. $öc das jüdische Handwerk! Wir haben schon häufig darauf hingewiesen, welche Bedeutuug für die Gesunderhaltung der jüdischen Gemeinschaft eine Ueberführung der Juden in die mit der Hand arbeitenden Berufe hat. Die jüdische Jugend dem Handwerk zuzn-» führen, muß daher als eine unserer vornehmsten Aufgaben betrachtet werden. Diese Umstellung der Juden vollzieht sich auch in immer stärkerem Maße, nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern. Daß man die Wichtigkeit des Handwerks auch im Osten erkannt bat, das hat erst in der Ickten Woche die Veranstaltung des Joint erwiesen. Einen wirklich durchgreifenden Erfolg können diese Umstellnngsbestrebungen aber nur dann haben, wenn es sich sür die jüdische Jugend als lohnend zeigt, sich dem Handwerk zuzuwenden. Aus diesem Grunde haben wir Juden gerade in dieser Zeit wirtschaftlichen Niederganges die besondere Verpflichtung, die jüdischen Handwerker in ihrem Daseinslamvs zu unterstützen. DieS kann einmal durch Zuwendungen an ihre Organisationen und durch Mithilfe am Ansban der hervorragend wichtigen Darlchnskassen geschehen. Mehr tun wir noch, wenn wir dafür sorgen, daß die jüdischen Handwerker nicht erst notleidend werden. Ans diesem Grunde erscheint es als wesentlich, daß jeder Jude, dem der Fortbestand unserer Gemeinschaft am Herzen liegt, dem jüdischen Handwerker Arbeit gibt. Die „Welt am Montag" hat ja erst neulich den sauberen Plan eines Herrn Benthien oufgedcctt, der den Juden dadurch das Dasein unmöglich machen wollte, daß Christen ihnen keine Aufträge mehr geben. Demgegenüber ist es Pflicht indischer Selbsterhaltulrg. soweit wie irgend angängig den Bedarf bei Juden zu decken und alle Werkarbeit durch jüdische Handwerker besorgen zu laii'ev. Auf diese Weise können wir zeigen, daß unser Lebenswille nicht nur eine Phrase ist. Moritz Berg. Tagebuchblätter. Ein bekannter jüdischer Pädagoge stellt unS die nachfolgenden Auszeichnungen einer leider zu früh verstorbenen eifrigen Förderin unserer Bewegung zur Verfügung. Sie wurden vor etwa 20 Jahren geschrieben: der erste Teil im Alter von 13 Jahren, der spätere fünfzehnjährig. 12. Oktober 10 . . Ich habe vergeblich nachgedacht über den Zweck des menschlichen Lebens, ich kann nicht darauf kommen. Zwar habe ich schon viele schöne Phrasen gelesen: der Mensch sei zum Wähle seiner Mitmenschen, zur Arbeit, -um Nutzen für sie und die Nachwelt da. Aber daS sind Redensarten, mit denen tch nichts ansangen kann. Wenn immer nur einer für den andern da ist. so sirck» wir eigentlich überflüssig. Es mutz etwas anderes Schöneregeben. 2. März 19 . . Zufällig fiel dies Buch mir heute beim Kramen in die Hände. Die letzten Worte passen sich so meinen jetzigen Gedanke» an, daß es mich treibt, weUerzufchretben. Ich bin immer noch auf demselben Fleck. Ueber den Zweck des menschlichen Lebens denke ich Tag und Nacht «ach, kaum eine Stunde vergeht, dah meine Gedanken nicht wieder zu diesem einen Gegenstand irren. Denn es ist ein Irren und Verirren. Ich kann die Qual nicht länger ertragen. Heute morgen habe ich mich Herrn L .... anvertrant. Er war gütig wie immer, konnte mir aber keine befriedigende Antwort geben: da wir beide große Eile .hatten. Er hat mich anfgefordert, Sonntagnachmittag zu ihm zu kommen. Darauf warte ich wie auf eine Erlösung. Mir kommen soviel Zweifel, so schlechte, verkehrte Gedanken, daß ich spüre, ich verkomme innerlich, wenn es so weiter geht. Die Welt ist so seltsam, ein Buch mit sieben Siegeln, ich glaube» daß wir die Siegel lösen könnten, doch keiner zeigt uns wie? Warum nicht? Wenn ein liebender, zärtlicher Vater seinen Sohn ans dem vom Sturm aufgewühlten Meere weiß, so bangt er für das Leben deS Sohnes. Gott, den wir Pater nennen, treibt uns hinaus auf die bewegte Flut, obgleich er vorher wissen mutz — er ist ja allwissend! —, dah W von 100 seiner Kinder untergehen in dem schrecklichen Kampf gegen die Wogen d«S Lebens. Warum? Ich sehe es um mich herum. Auf ein kleines gebrechliches Fahrzeug stellt er uns. in diesem segeln wir frohen Mutes hinaus ins wilde Meer. In stolzer Jugendkraft meint der Mensch, auch die steilsten Klippen nicht fürchten zu brauchen. Und wie bald werden alle Don Carlosse eines Besseren belehrt! Was der Mensch draußen sucht — ich glaube, er weiß es selbst nicht: es hat ihm ja niemand gesagt. Warum nicht? Ein Verlangen nach einem Etwas lebt in uns, wir nennen es Glück. Was ist das? Wenn uns ein höheres Wesen geschaffen hat, so geschah es gewiß nicht ohne Zweck. Doch warum müssen wir uns so erfolglos mühen, diesen Zweck zu finden? Warum gibt es schlechte Menschen in der Welt? Wenn Gott der Gute und der Allmächtige ist, warum ließ er Adam und Eva sündigen? Auf eine ähnliche Frage, nämlich: „Warum gibl es Arme?" antwortete neulich Rabbiner Dr. W . . . . (es sieht ihm ähnlichj: „Damit die Reichen Gelegenheit haben, Gutes zu tun." Also auch Gott bevorzugt die Reichen, indem er die Reichen zu ihrem Werkzeug macht, an dem sie versuchen, wie groß ihr Egoismus ist? Nein, der Gott, der unser aller Vater ist, gibt die Armen nicht willkürlich der Macht der Reichen preis. Eher schließe ich aus dem Umstande, daß es so viel mehr Arme gibt als Reiche, daß Gott Armut höher schätzt als Reichtum. Warum? Auf Erden ist doch soviel leichter, als reicher Mensch gut zu sein, denn als armer. Ob die Tiere glücklich sind? Ich glaube ja, weil sie das Wort „glücklich" nicht kennen. Die brauchen nicht zu denken, waS das heißt, „glücklich sein". Der Mensch ist auch ein Tier, warum hat ihn Gott mit Verstand „gesegnet"? Oder warum machte er den Verstand nicht vollkommen? Gott muß doch vorher wissen, ob der Mensch, den er schafft, den Zweck seines Lebens erfüllen wird oder nicht. Warum schafft er ihn im letzteren Falle denn überhaupt? Ich kann gar nicht mehr klar denken. Mein Kopf ist ganz verwirrt. Wenn bloß erst Sonntag wäre! Ich habe solche Angst, daß er, den ich so verehre, auch nichts weiß, daß ich ebenso fürchte wie hoffe. 3. März 19 . . Auf dem Schulwege habe ich mich heute mit X. A. und N. N. über etwas unterhalten, das ich ganz anders auffasse als sie: Die Unsterblichkeit der Seele. Sie glauben beide an eine Seelcnwanderung im buchstäblichen Sinne deS Wortes Als ich gestern mal das Ganze durchdachte, überlegte ich mir erst, ob die „Seele" ein Konkretum oder ein Abstraktum sei. Schließlich entschied ich mich für letzteres. Ich bade mir folgendes znrechtgelegt: Der Mensch bildet seine Seele selbst. Die Fähigkeit erhält er von Gott. Die Seele ist der Mensch selbst, sein Tun. sein Denken, seine Arbeit, alles Geistige. Der Mensch bildet sich seine Seele, solange er lebt, d h. solange er denkt, fühlt und will. Nach seinem Tode denkt, fühlt und handelt er nickt mehr, a l s 0 i st er nicht mehr, also auch seine Seele nicht. Diese kann trotzdem unsterblich sein, wenn der Mensch sie dazu gemacht hat. In den Taten des Menschen spiegelt sich seine Seele, sind jene unsterblich, muß diese es auch sein Die zweite Möglichkeit der Unsterblichkeit der Seele wäre, daß sic in einem anderen Körper überginge, also Seelenwanderung. Doch da die Seele nach meiner Auffassung ein Abstraktum ist, kann sie nicht buchstäblich in einem anderen Körper weiterleben, wohl aber geistig. Wenn Herr X, mir am Sonntag wirklich ans meine Fragen eine befriedigende Antwort gibt, so teilt er sein Denken und Fühlen mir mit. es wird das meine, io lebt etwas von seiner Seele in mir weiter, ist unsterblich, da cs mein Handeln beeinflussen und dies wieder neue Wirkungen Hervorrufen wird, 4. März 19 . . Es läßt mir keine Ruhe. Immer neue quälende Gedanken steigen in mir auf. Was ist Gott? Ich kann mir nichts mehr darunter vorstellen, es ist mir nur ein Begriff, das Wort „Gott". Ist er nichts anderes als die große Naturkraft, der alles Leben und Sterben untertänig ist, Ist er das Gute? Warum läßt er das Böse geschehen? Wenn er gerecht ist, müßte er alle Menschen vernichten, und wenn er allmächtig ist. hat er doch wieder schuld an all dem Elend und der Sünde. Ich kann gar nicht mehr vertrauen, solange ich nicht klar bin. Und dann werde ich sicher noch ganz schlecht Oder bin ich cs schon durch solche Gedanken? Ist Gott immer gewesen? O. warum ist unserm Denkvermögen eine Grenze gezogen, die so eng ist, -aß cs den Begriff der Unendlichkeit nicht auszndenken vermag? Wenn jene Kraft nicht ewig ist. dann ist sic erschaffen, wer ist das rätselhafte Wesen, das sie erschaffen hat? Aber ein Wesen ist ja Gott gar nicht. Warum läßt Gott sich nicht erkennen? Warum hüllt er sich in ein Dunkel, das unsere schwachen Augen nicht zu dnrchdringcn vermögen? Halt, es wird doch wohl so sein, daß es um ihn so bell ist. daß wir. die im Dunkel leben, geblendet dasteben. Dock man kann sich darin üben, ins Licht zu sehen. Allerdings werden die Augen verdorben, ehe mau gelernt hat. das zu helle Licht zu ertragen. Wer in die Sonne gesehen hat. dem erscheint seine Umgebung nachher um io dunkler, obgleich er nichts hat erkennen können, da er für feine Kühnheit bestraft wurde, indem seine Augen ihn schmerzen Der Mensch begeht ober -och trotzdem immer wieder die — Dummheit — nein, die —, ich finde kein Wort, in die Sonne zu sehen, obgleich er vorher weiß, daß er nichts finden werde. Warum findet er nichts? Ob es Menschen gegeben hat und gibt, die ins Sicht sehen können, ohne geblendet die Augen schließen zu müssen? Ob Herr X. so ein Begnadeter ist? Dann möchte ich nur ein ganz kleines Fünkchen seines Lichtes haben! 8. März 19 . . Ich will nur schnell andeuten, was mir Herr X. vorgestern gesagt hat. Wir unterhielten uns fast zwei Stunden, und ich bin jetzt ruhiger und zufriedener als seit langer Zeit Weniger seine Worte als seine ganze Denkweise, sein Wesen und seine Art haben diesen Einfluß auf mich auSgeübt.., Folgt die Unterhaltung, die sich vor allem um vie« Punkte dreht: Der Zweck des Individuums. Zweck der Menschheit. Unsterblichkeit der Seele, Wesen und Eigenschaften Gottes. 16. September 19 .. Rausch haschouo! Was hat doch dieses Wort für einen Zauberklang, daß es bte Seelen aller Juden aufruttelt. Schlafendes rvachruft, Neues entdecken läßt. Verborgenes ans Tageslicht fördert. Einen Seelenkampf beschwört es herauf, und de» Kampf folgt Frieden! Gibt es ein schöneres Wort? Wonach sehnt sich die gequälte, gehetzte, gejagte Menschheit? Nach Frieden, nach Frieden. Und Friede» soll es bringen, dieses Fest der Schöpfung. Frieden dem einzelnen. Frieden der Gesamtheit. Es gießt sein mrldes Llcht aus an diesem Täge'über alle Juden, über alle, die sich als Juden fühlen, denn nur dies sind ja eigentlich Juden. Als ich gestern zum Gottesdienste eilte, fast im Sturmschritt. um den Anfang nicht zu versäumen, da kam es mir recht bitter zum Bewußtsein, daß das Leben der Durch« schnittsmenschrn doch nichts ist als ein Hetzen, ein Sagen. Bei uns ist es so. Was stürmte da alles die Frredrichstratze entlang, um nicht zu spät zu kommen! Wieviele komme» doch zu spät, verpaffen den rechten Augenblick. Und dann? Alles -räirgte sich in der engen Straße, und es war mir so merkwürdig, das Geschiebe und ruhelose Gedränge am Neujahrsabende. Keiner gönnt dem anderen einen Blick, jeder meidet ängstlich, den anderen zu berühren, lauter Fremde! Sind wir nicht alle Kinder eines Vaters? Hat uns »rcht alle ein Gott geschaffen? Und doch ist jeder lieblos gegen den andern, den Bruder, die Schwester. Hinter mir beginnt ein zur Synagoge gehendes Ehepaar einen lauten Streit, neben mir haut ein Kutscher auf seine Pferde ein. vor mit wird ein lahmer, alter Mann, der nicht so flink forttann, über den Haufen gerannt Das ist das Treiben der Großstadt! Endlich bin ich am Ziel, im Langenbeckhaus. angelangt, Welch anderer Ton hier drinnen, als dort draußen, wo es „kämpft und tobt und ringt, daß mir ein kaltes Grausen das tiefste Herz bezwingt." Als ich den Festraum betrat, sah ich in ernste, aber ruhige und andächtige Gesichter. Und feierliche Stille umfängt mich. Da crtönt's in g^ragenen Tönen: Wie schön sind deine Zelte Jakob! Wie es einem, je öfter man es hört, doch immer tief von Herzen kommt. Und dann: Heil denen, die in deinem Hause weilen. Heil sollte ihnen werden, den armen Menschen, und „Heil brachte wohl manchem geplagten Herzen die hohe Verkündigung, der erhebende Orgelklang. Es wird ganz strll in einem und so groß und voll Heil denen, die in deinem Hause weilen! Wo ist das Haus des Ewigen? Ueberall da, wo der Mensch ihm einen Tempel errichtet, sei es im Gewühl der Großstadt. sei cs in der freien Natur, sei es im engen Zimmer, wenn der Gottesdienst nur in dem engen und doch so endlos weiten Herzen stattfindet. Heil denen, die in deinem Hause weilen! In der Religionsstunde wurde neulich die Frage aufgeworfen, ob man nicht an jedem Ort Gottesdienst abhalten könne. Ich glaube das gewiß, und Gott wird ei» andächtiges kurzes Gebet, selbst ein unausgesprochenes, ebenso ausnehmen als den gemeinschaftlichen Gottesdienst seiner Gemeinde. Aber als ich in diesen Raum trat, wo ich so viele sah. die in diesem Augenblick dasselbe fühlten und dachten wie ich, da wurde mir klar, warum ich mich immer so auf die Synagoge freue, warum ich nirgends so andächtig beten kann, warum ich nirgends so Gottes Nähe fühle wie dort. Es ist hier wirklich, als seien nur Brüder und Schwestern versammelt, die gemeinsam zu ihrem BAttzp sprechen durch den Mund eines Bruders oder den aller... .4 Das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist ein festes. Bgyd, das nicht nur Menschen und Menschen verbindet, sonder» auch den Menschen mit seinem Gott. Owinu malkenu. unser Vater, unser König, segne dein Volk mit Friede», Frieden, Frieden! das ist der Schrei des Einzelnen, das ist der Schrei der Gemeinde. Der höchste Friede aber ist der des einzelnen mit der eigenen Seele. Süßer Friede, komm', ach komm' in meine Brust! Und beim Eintreten war es, als empfinge man den Frieden dieses Gotteshauses. Aber der Friede wird nicht kampflos gewönnet:. Jaum hassikkoraun, tönt's an mein Ohr. Tag des Gedächtniffes, was für Erinnerungen beschwörst du herauf! Ein Jahr verrinnt. singt die Gemeinde. Und wie ein Schrecken, ei» Bangen klopft Der Gedanke an: Wieder ein Jahr um. ein Jahr d-er Mühen, etn Jahr des Höffens, der Enttäuschung, ein Jahr, das viel versprach und wenig hielt, und doch soviel hielt, das viel Kampf brachte und wenig Frieden. Was hast du getan in diesem Jahr, wie hast du deine Pflicht getan, hast du sie überhaupt immer erfüllt? Ob wohl einer in dieser Gemeinde ist, der sagen kann: ich habe getan, waS ich tun sollte und ich habe eS so getan, wie ich es tun sollte. In mir erregten diese Gedanken einen wahren Sturm, Nichts wollte mir im Augenblick einfallen, das ich getan hätte, wie ich sollt-e. Nichts, gar nichts. Ich schämte mich so. das ich mein Gesicht am liebsten verborgen hätte, weil ich dachte, cs müsse mir jeder meine Gefühle von der Stirn ablcseu können. Es war mir, als sei ich die Schlechteste, unter all denen, die sich beugten unter der Lait der auf sin einstürmenöen Gefühle. Nichts, gar nichts! Es waren ja keine großen Dinge, die ich im vergangenen Jahr hätte tun sollen, zum Teil auch wirklich getan habe, aber wie? wie? O'est le ton ciui fa.it la musique. Nirgends war es mir gelungen, den richtigen Ton zu treffen. Wie oft hatte ich daneben getroffen, wie oft die falsche Sait-e angeschlagen und dadurch -Ohr und Herz des anderen tief verletzt. Wieviel Gutes hatte ich empfangen, was an Großem und Schönem nicht gerade in diesem Jahr erlebt! Wieviel Schlechtes und Häßliches dafür geboten. Wie oft hatte ich Wahrheit mit Lüge vergolten, wie oft war ich allerdings auch belogen worden. Wie oft hatte ich Hoffnungen zerstört, Wünsche gekreuzt, Pflichten versäumt, lind wie oft waren meine Hoffnungen durch eigene Schuld zunichte geworden, wie oft hatten andere meine Wünsche gütig erfüllt. Ich dachte an . . . nnv all die Menschen jenes Kreises, an zu Haus, wo man mir mit solcher Herzlichkeit und Liebe entgegenkommt, und ich scbämc wich so. so über Gebühr geschätzt zu werden. Sie alle denken viel, viel zu hoch von mir. Wenn ich mal so etwas zu . . . sage, hält sie es für Phrase und es ist doch keine. Ich fuhr innerlich zusammen, wenn iG an meine! Eltern dachte. Wie hatte ich ihre Liebe geloMt. wie oft sogar an ihrer Liebe gezweifclt, weil sie anders waren, und! deshalb anders wollten als ich. Denn heute muß ich einmal offen sein, wenigstens gegen mich selbst. Es ist ja Rausch haschono heute. Und voriges Jahr, wie war es Loch da gewesen. Ob ick, dieselben Gefühle gehabt, weiß ich nicht mehr. Aber sicher hatte ich doch damals auch gute, Vorsätze gefaßt. Wo war deren Ausführung geblieben- Woran lag's, am Wollen oder am Können? Ich glaube an der geistigen Trägheit, die so gern alles htnnimmt, wie eS ist. die alles seinen Laus gehen läßt, und die zu gänzliche« Versunkenheit führen muß. wenn nicht ein Tag kommt, der an die Herzenstüren auch der Gleichgiltigften klopft und dessen mahnende Stimme gebieterisch Einlatz fordert. Dir. himmlicher Vater, sei Dank, daß es nicht zu spät ist, ihr Gehör zu schenken. ES ist immer ein neues großes Wunder. Latz wir immer wieder zu Dir zurückkeüren dürfen,wie weit wir ims auch von Dir entfernt hatten. Den» „ein Jahr verrinnt — ein Jahr beginnt", freilich auf immer vorbei ist Las alte Jahr, ein Tropfen in dem unendliche»

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