Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 37 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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W 1.IJ» »«W . W . . f »£U«J -, *. I^MA^FTT^riT^fTS!■ 6. Jahrgang Nummer 37 Vellage 8. September 1926 Ein vergessener Psalm Meyerbeers. Zu des Meisters 135. Geburtstag (5. September 1626). Bon Leopold Htrschberg. Man stelle sich die Folgen dieses Titels in heutiger Zeit vor: Der 91. Psalm: Trost in Sterbcnsgefahr. Für zwei Chöre und Solostimmen für den Domchor zu Berlin. Komponirt von G. Meyerbecr. Alle »Nationalgesinnten" erhüben ein Zetergeschrei, daß rin Jude die Frechheit habe, ein christliches Heiligtum zu entweihen, ein Gotteshaus zu beflecken, in dem der gottselige Stöcker eine so segensreiche, von Nächstenliebe triefende Wirksamkeit entfaltete. Man kann in der Tat nicht begreifen. daß die Welt vor 75 Jahren soviel klüger sein, daß sie sich ohne die Gemeinheiten des Antisemitismus wohlfühlen konnte, ohne ihrer Vaterlandsliebe das geringste zu vergeben. Denn was man in der Biographie Meyerbeers von spontanen Ehrenbezeugungen aller Monarchen Europas für den Tondichter liest, die höchste Auszeichnungen an einen Juden verliehen, ohne auch uur einen Augenblick an das »nicht vorschriftsmäßige" Religionsbekenntnis zu denken — das alles ist dank der herrlichen Leistungen unserer Völkischen zu einem Märchen geworden. Jngleichen ein Bericht über die Pariser Schiller- Feier 1859, worüber wörtlich in Mendels Meyerbeer- Viographie (1869. S. 115) steht: Das deutsch-nationale 0) Fest am 10. November trn Circus der Kaiserin sEugeniel war ein , großartiges, und die Mitwirkung Menerbeers an dem genußvollen Programm wurde enthusiastisch anerkannt. Der betheiligte Gesangverein Teutonia ernannte den berühmten Landsmann zu seinem Ehrenpräsidenten und erhielt dafür einen patriotischen Männerchor, „An das Vaterland" betitelt. Nachdem wir so festgestellt haben, wozn ein Jude — zu dessen Leichenbegängnis königliche Equipagen und die höchsten Würdenträger in Person kamen, an dessen Grabe ein Rabbiner sprach und ein Klopstocksches geistliches Lied seiner Komposition gesungen wurde — doch immerhin fähig ist, sei der völlig verschollene Psalm, unter Ausschaltung konfessioneller Dinge, vom Kunststandpunkt aus besprochen. Die gediegene Schule des Abtes Vogler, die der junge Tondichter in Gemeinschaft mit Karl Maria von Weber und Gänsbacher ldem späteren Redens chori am Wiener Stephansdom) durchmachte, trug ihre Früchte für sein ganzes Leben. Hatte Meyerbeer schon in den riesenhaften Ensemblesätzen seiner Opern gezeigt, wie vollkommen er die strenge Form beherrschte, hatte er in allen diesen Opern — dem „Robert", den „Hugenotten" und dem „Propheten" — Gelegenheit, seine Satzkunst in mehr oder minder großen echten Kirchenmusikstücken zu erweisen, so durfte "er es wohl wagen, ein Werk solcher Art in ganz großem Stil zu unternehmen. Der reine A capelia-Gesang, wie er nach dem Muster der altberühmten Sixtinischen Kapelle im Berliner Dom und in der Leipziger Thomas-Schule gepflegt wird, schließt von vornherein jede „Effekthascherei" IKas von Meyerbeers Gegnern an erste Stelle ins Feld »eVhtte Schlagwort) aus. Zwei Chöre und vier Solisten aber — im ganzen also 12 Stimmen — für stie. axanhiosen Bibelworte herbeizurufen, das kann ihm niemand verwehren. Der kräftige, einfach gegliederte Anfang: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet" steigert sich schon im neunten Takt bei: „Meine Zuversicht und meine Burg" zu größter Stärke: in lieblicher Schüchternheit tritt leise: „Auf den ich hoffe" entgegen, um nach der weiteren Aussührung — „Denn er errettet mich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz" — zu lauter Zuversicht fortgerissen zu werden. Dann hebt langsam ein wundervolles Idyll der Solostimmen an: ftH» -1-1— Er whd 4^- dich mt sei-tw fit ■ ti gen <Jtk . ken. Ob iwsurdfiasend' tau-. send fal-len zu dei ner Sei te annehmen zu wollen, ist wohl nicht angängig, wiewohl daS dreifache „tausend" den Gedanken nahelegen könnte: der Ernst und die Gewalt der Worte verpflichtet uns. den Gedanken des Tondichters weiter nachzuforschen. Schon der Uebergang aus dem heiteren Dur in Moll beim dritten Erklingen des „tausend" führt zu einer andern Deutung: wir finden die Lösung des Rätsels in den weiteren Worten des Psalmisten: „Ja, du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen." In der Folge bewegt sich der Gesang in geistvollem Wechsel von Chor- und Solostimmen durchaus melodisch, mit einem naturgemäßen Höhepunkt: „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir." Vorübergehend zeigen sich heftigere Akzente bei: „Auf den Löwen und Ottern wirst du gehen", aber nur, um die folgenden Worte des Herrn desto inniger hervortreten zu lassen. Der dem Chor gegenübergestellte Solotenor bei der Stelle: Chor> so ihm ms will ich Tenor. Solo Et be - geh ret mei ner; die sich analog fortsetzt in: Solo: Er kennet meinen Namen, Chor: Darum will ijjj ihn schützen. Solo: Er ruft mich tut, Chor: So will ich ihn erhören ist ein ganz transzendentaler Gedanke, wie etwa im „Prolog im Himmel" des Faust: himmlische Heerscharen. Erzengel und Engel, die das Gottcswort künden. Höchst gewaltig die seltsame, leicht fngierte Rhythmisiernng der Chörworte: ihm in der Noth bin bei mit Hartnäckigkeit setzen sich diese Triolenviertel bei: „Ich will ihn heraüsreitzen und will ihn zu Ehren bringen" fort. Diese Schilderung des „Nvth"-Begriffes ist tief empfunden und ausgeführt: sie bildet gleichsam den Auftakt der großen Schlußfuge: „Ich will ihn sättigen mit langem Leben, und will ihm zeigen mein Heil", die in nicht weniger als 116. Takten von höchster Stärke ^bis zu allmählichem Erlöschen .sich bewegt. Indem das letzte Wort „Heil" nach 3 Takten im Sopran, nach 4 im Alt, nach 5 im ersten, nach 6 im zweiten Tenor, nach 7 im ersten Baß erstirbt und der Grundsatz sein tiefes G noch 3 weitere Takte lim ganzen 9) aushält: 1 l i -t 5 6 7 89 steht uns wieder Goethe vor Augen, der Meyerbeer einmal seinen berufenen Faust-Komponisten nannte: Der Himmel schließt, die Erzengel verteilen sich. Der Sohn, wie es einen zweiten kaum wieder gab. hat 1853, schon selbst betagt, den Psalm seiner 87jährigen Mutter, ein Jahr vor ihrem Tode, als Trost gespendet. Benas Levy. Am 9. September ö. I. vollendet Benas Levy sein 70. Lebensjahr, erreicht er das biblische Alter, das man ihm bei der Beweglichkeit seines Geistes und Körpers nicht Zutrauen möchte. Mancher wird, wenn er von dem Geburtstag hört, dankend feines liebenswürdigen Freundes oder seines treuen Beschützers gedenken. Am meisten aber danken ihm die liberalen Juden für seine selbstlose und unermüdliche Tätigkeit im Dienste des Judentums. Achtundzwanzia Jahre war er Mitglied der Repräsentantenversammlung. Welche Unsumme von freiwilliger, selbstloser und — undankbarer Arbeit hat er für die ©e* mcinde geleistet. Alljährlich hatte er den Haushalt, dessen Referent er fast immer war, zu prüfen. Hierbei verstand er es, nicht nur Fehler aufzudecken und Wege der Abhilfe zu öffnen, sondern auch vorausschauend für die Zukunft auf die Notwendigkeiten für alle Zweige der Gemeinde hinzniveisen. In der Waisenkommission fehlte es nicht an seiner Mitwirkung. gehörte er doch ein Vierteljahrhundert dem -Kuratorium des 2. Waisenhauses zu Pankow an, in dem er seine emsige Fürsorge der Verwaltnna ebensosehr wie jedem einzelnen Zögling zuzuwenden wußte: seiner eifrigen Mitarbeit war es zu danken, daß den Zöglingen des 2. Waisenhauses in Wustrow in Mecklenburg ein Ferienheim errichtet werden konnte. Seine Neigung für Literatur — ergriff ec doch selbst oft mit Erfola die Feder — und Kunst trieb ihn zur Mitarbeit! an den Bibliotheken und bei der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde, die er beide, wo er konnte, förderte. Box allem aber machte diese Neiguna ihn zum eifrigen Mitarbeiter im Verein für indische Geschichten und Literatur, der sich jetzt zum Landesverband unter seiner Mtwirkung entwickelt. Dem Verein stellte er sich immer zur Verfügung» galt es ihm doch, hierbei die idealen Bestrebungen zu unterstützen, die der Verein weit in die Kreise der deutschen Juden hineinzutragen sich bemüht. . Am liebsten aber versah er das Amt des Vorstehers an der Synagoge Fasanenstraßc, deren Entstehung und Gedeihen lag ihm am meisten am Herzen, für sic arbeitete er in Gemeinschaft mit seiner leider so früh dahingeschiedenent Gattin, soweit nur seine Kräfte reichten. — Bei all seiner unermüdlichen Tütigkyt aber hat er stets seine Ueberzeugung als liberaler deutscher Jude zum Ausdruck gebracht. Er war stets durchdrungen davon, daß eine richtig verstandene Fortentwicklung dem Wesen des Judentums entspricht. Diese seine Anschauung machte er deshalb auch zur Grundlage seiner Arbeit in der Gemeinde, und er war auch seit Bestehen des liberalen Vereins für die Angelegen«., heiten der jüdischen Gemeinde ein eifriges Vereins- und Vorstandsmitglied. Auch jetzt will der tapfere Kämpfer sich noch keine Putze gönnen. Wir danken ihm Mr alles, was er der Gemeinde im Dienste des jüdischen Liberalismus geleistet hat. unk» wünschen ihm für viele künftige Jahre Glück und Kraft. I u st i z r a t Bernhard Breslauer. Auch die Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung'* drängt es. dem verehrten Jubilar ihre Glückwünsche anszusprechen. Hat sie doch von Benas Levy stets starke Anregungen empfangen. Seine meist auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet liegenden Aufsätze dürfen stets aus lebüafte Beachtung rechnen. Sie haben eine eigene Note und' sind von tiefer Sachkenntnis getragen. Dies ist bei allen Arbeiten von Benas Levy der Fall. Es zeichnet auch die Aufsätze aus, die er wiederholt als Leitartikel im HandelsmmmnmmnmMaBmBMmmKmmBMamBmaBBmmmmmmmmmmmmmmmmammi ... .. ' ' '' \ Durchtränkt von jenem Adel der Melodik, den wir bei dem Meister kennen. Je plastischer und glühender aber die Bilder des Dichters werden, um so malerischer gestaltet sich bas Musikalische: —4-—1-— — V —■ - Vor den FftUlenßie äesTa-gtS' die des Tag es die des Tages fJie - n HBr-m-Tjag A .... L-,.1 dn' F- V '>> qen, vorder J - tb-sh -lern, die int 1 -#• 3*: 7 "" finstern schlecht, die im |/.,g A, ,A —\rnmd i 1- -■) k ±=4 > > _ _ =* Ein -stern schleichet, die im > > . chet j finstem Schlei. i—v . rH i U/Ir TJ -Ul■'■ 'r 1 — 1^ sft-f - Derartige, die Wirklichkeit absviegelnde Schilderungen — die flüchtigen Läufe für das Fliegen der Pfeile, die düster sich windende Chromatik für das finstere Schleichen — können, ebenso wie die dynamischen Gegensätze, in einer Kantate Bachs oder Beethovens Missa solemnis stehen. Höchst merkwürdig, und wohl in diesem Werke unter hundert andern Kompositionen desselben Textes einzig dastehend. ist die Auffassung der berühmten Stelle: „Ob taufend fallen zu deiner Sette" ufw. Die Tempobezeichnnng „Allegretto" mutz stutzig machen. Einen Krregs- ,T an z" in diesen fröhlich beschwingten Tönen: ileipziger Strasse 42 * Oraniensfrasse