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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-08 · 37 (8.9.1926) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
37 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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menschlichen Gedanken in der Bibel sich finden. Man wird erstannt sein über die Gesetze und Erzählungen der Thora, wie über die moralisch geläuterte Anschauung des israelitischen Prophetismus. Wenn dann der Rabbiner allsabbatlich über den Inhalt dessen spricht, was soeben vorgelesen ist. dann wird unser Gottesdienst viel belebter werden. Wir haben ja nicht nur Gebete erbaulichen Charakters, sondern — das gilt namentlich für die hohen Festtage, wo unsere Andacht sich über mehrere Stunden oder am Jom-Kippur gar über den ganzen Tag erstreckt — sehr viele Stücke in unseren Gebetbüchern, die nicht erbauend, sondern belehrend wirken. Auch die Predigt darf ja das letztgenannte Moment nie anher acht lassen. Jeder aber, der nunmehr, die Bibel vor sich, nicht nur mit betet, sondern auch gleichsam mitlernt. also eine alte Forderung des Judentums erfüllt, wird sicherlich erhoben und begeistert und. nachhaltigere Wirkung im Herzen tragend, das Gotteshaus verlassen. Zu ..Isaaks Opferung". Bon Rabbiner Tr. Gottschalk. Frankfurt a. M. Am Neujahrstage wird in allen Gotteshäusern die Geschichte der Opferung Isaaks neu verlesen. Aber bevor das geschieht, wird an den voraufgehenden Tagen — in den Slichoth — immer wieder jenes Ereignisses Erwähnung getan. Wie man früher in nichtjüdischen Kreisen über die Erzählung dachte, ist bekannt. Das Urteil Brausewetters ist noch unvergessen: „Die Geschichte der Ovferung Isaaks auf Moria widerstrebt unserem natürlichen Empfinden geradeso wie unserer Gottesvorstellung. Unter allen Texten des Alten Testaments ist er vielleicht der abstoßendste." Eine andere Stuiime aber spricht geradezu vom »Kadavergehorsam" Abrahams. Die Kunst freilich hat bereits anders geurteilt. Hat auch teuer biblische Vorgang die mannigfachsten Darstellungen gefunden, so scheint doch eine dem Sinn der Erzählung in geradezu klassischer Weise gerecht zu werden Es ist Rembraudt. der den Jlbraham gerade im Augenblick, da er den Sohn tödlich treffen will, die Hand auf dessen Augen legen läßt. Abraham will im entscheidenden Augenblick das Antlitz seines Sohnes nicht noch eiMnal sehen, um in seinem Entschluß nicht wankend zu werden. Er will stark bleiben in seinem Heldenmut, selbst im fürchterlichsten Augenblick. — Ist das nun Grausamkeit oder ist es Liebe? Ilcberprüft man die Schriften der neuen Religionspädagogik-), so findet man eine erfreulich günstige und vorurteilslose Einstellung zum Alten Testament überhaupt. Und so schreibt denn Eberhard über unser Thema: „Die alte Geschichte von Isaaks Opferung bekommt als Ausdruck der geläuterten Gottesauffassung ihr besonderes Licht durch die Anweisung, die menschliche Erstgeburt durch das Tier abzulösen." — Und Emlein, ein Pfarrer, urteilt: „Der religiöse Inhalt dieser Geschichte ist außerordentlich reich und tief. Er rührt an das Schwerste unserer Religion: an Len freiwilligen Verzicht auf unser Liebstes, wenn Gott es fordert." Braucht man zu sagen, baß jüdische Auffassung die Geschichte nie anders gelesen bat? „Gedenke nur Gott der Liebe unsres Ahnherrn" — erklingt es nicht einmal, sondern immer wieder. Und treffend urteilt Moritz Kirschstein: „Wie eine Borachnung schwerer, tragischer Geschicke schwebt die Sage über der späteren Zeit, als hätte der Volkssinn mit prophetischem Sinn geahnt, was ihm in der Zukunft der Tage bevorstand, als hätte er darum in dieser vorgebildeten Handlung allen kommenden Geschlechtern jene Opferwilligkeit zeichnen und lehren wollen, durch die allein sie imstande sein würden, den Besitz des höchsten Menfchengutes sich »» sichern." Soll man die Geschichte zitieren, um Kirschsteins Ansicht zu bestätigen? Soll man die Verächter der Erzählung an den Krieg erinnern, wie auch Emlein es tut. in den gar viele ihren „Einzigen" mit Gott geschickt, aus dem ihn viele „durch Gottes Fügung" wiedererhielten wie Abraham den Isaak? War das etwa auch: „Kadavergehorsam?" Und was erzählt denn unsere Lengende? Sie läßt Abracham. bis er die Tat vollbringt, immer wieder auf Hindernisse stoßen Bald ist es ein Engel und bald ein Jüngling, bald ein Greis und bald ein Strom, die Abraham nicht ans Ziel kommen lassen. Und als er Isaak gebunden hat, vergießt er nach der Legende Tränen. Sind das nicht alles nur Andeutungen der Kämpfe, die sich in Abraham abspielten? pr ntrhf rtiin dnkb rtudi Mensch, liebender Vater von Fleisch und Blut? Aber freilich auch mehr als bloß liebender Vater. Und damit bekommt nun diese alte Geschichte einen gar ernsten vädagogischen Sinn, der sie geradezu zeitlos macht, sie uns heute so sehr naherückt. Lernt Opferer sein an euren Kindern — aber nicht erst dann, wenn Gott euch ruft! Das scheint jene Erzählung zu predigen. Und sagt nicht, wozu diese Selbstverständlichkeit? Wir meinen ja nicht bloß das Opfer der Mutter, das sie mit jeder Geburt darbringt, meinen nicht Nächte bloß und nicht bloß Tage, in denen man sich für Kinder zernervt. Wir meinen die Opfer an unseren Kindern, die manche, die viele nicht bringen wollen. Das Selbstverständliche ist nicht das Größte. Nein, groß können wir erst vor uns selber dastehn und damit auch groß vor unserem Kinde, wenn wir unsere Liebe so weit überwinden, daß wir es gern seinem Gotte weihen — d. h.. wenn mir freudig zuschanen können, wie unser Kind seinen Gottesweg geht, den Weg geht, welchen es sein Gott führt: wenn wir unsere Liebe zu ihm mit alldem teilen, was unser Kind vor allem selber erfreut: mit seinen Neigungen, mit seinen Freunden, mit seinen Büchern, mit seinen Anschauungen. Ja, unser Opfer, es wird erst groß, wenn wir die Kinder nicht neidisch hemmen, nicht einschnüren in die Grenzen des Hanfes, weil wir anderen ihre Liebe nicht gönnen, weil wir sie nicht glücklicher sehen wollen als uns. Aber ist das alles nicht unnatürlich und ist es darum nicht nur Theorie? Nicht doch, all das, es ist lebenswahr, ist oft die Quelle gar schmerzlicher Leiden, der Ursprüng btt Tragik von „Bätern und Sühnen": ist Quell der Entfremdung und Bitterkeit. Ja dte Jsaakgestalten sind gar nicht selten, die auf dem Wege zu ihren: Gott den Hilferuf ausstoßen: „Ori, mein Vater" — die aber nicht immer so glücklich sind, daß ihnen ein Vater mit Kraft und Verstehen, mit Liebe, die groß ist in ihrem Verzicht, ein rettendes „Hineni" — hier bin ick — zur Antwort gibt. So aber Abrahamsmenschen sein, heißt das nicht den Propheten Jeremias verstehen in seiner klassischen Formulierung: „Ich habe nicht von Tieropfern zu euch gehzrochen, als ich euch aus Aegypten führte, sondern vom Gehorsam gegen meine Stimme." Denn dieser Gehorsam gegen unfe. ren Gott — auch er verlangt Opfer und Opfer, nur freilich viel schwerer als jene anderen. Hören auf seines Gottes Stimme heißt immer, im ganzen Leben das run. was Abraham einmal an Isaak tat, was Eltern heut noch an Kindern tun: heißt den Ausgleich suchen zwischen Glück und Wollen, zwischen Schicksal und Wünschen. O, über die schwermütigen Augen der Jugend, die Augen der Sehnsucht von Männern und Frauen, hie soviel von Opfern erzählen können', weil sie ihres Gottes Stimme gehorcht! O, über die Glücklichen aber dann auch, die es — wie Abraham einstmals — gelernt, opfern und dennoch glücklich sein! Glücklich allein schon in dem Gedanken, daß wir uns das Glück ja selber geschaffen, wir mit nuferer gottstarken Kraft: glücklich, weil wir aus all unseren Opfern uns jenes Glück entschlossen gerettet. Und ob wir mit einem derartigen Leben nicht auch noch anderen „ein Segen" werden, wie es dem Abraham einstmals verheißen? Ja. ihr. die ihr mir dem Leben gerungen und Sieger des Lebens geworden seid, ihr, die ihr glücklich sein könnt trotz Opfer, die ihr noch weich seid trotz harte» Daseins, die ihr noch reich seid trotz aller Armut, die ihr noch Ueberfluß habt trotz Entbehren — gehet uur hin und gebt nur ab! Sucht sie auf die leidende Jugend, schaut ihr tief in die sehnenden Augen, fühlt euch beglückt, wenn sie euch leuchten, fühlt euch Gott nahe in dem Gefühl, Seelenschöpfcr geworden zu sein! Doch auch den Aelteren zeiget den Weg, lehrt sie die Kunst, auf Trümmern zu leben, lehret sie glücklich sein mit den Resten, welche das Leben jedem beschert, lehret sie frei werden von sich und ganz erst glücklich sein im Beglücken! Abraham-Isaak, wir sind es ja selber, sind es ja alle! Berufene Boten Gottes die einen, Schüler des Ewigen aber die anderen. Und von den Größten an Kraft der Seele geht es wie ein jauchzendes Helferwort durch all die Stürme der Zeiten hindurch: „Hineni — hier bin ich," klingt es befreiend und stärkend und tröstend, wie cs der jüdische Dichter uns sang: „Lern' von mir, warum ich nicht Unterm Leid des Lebens bebe Und die Last der Tage hebe Leicht wie Rosen vors Gesicht." der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens, e.V., Berlin hat in seiner Organisation alle Berufe vereinigt und ist jederzeit in der Lage, leistungsfähige Handwerksmeister nachzuweisen. v Geschäftsstelle: Louis Wolff — Berlin NO 18 — Gr. Frankfurter Straße jjjtyßlj Amt Königstadt 2490 Amt KönigsWff -2490 <xxx>ooooo<xxxxxxx>< | Malerarbeiten jeder Mt O führt aus | Robert Gutheim $ Seriin MS0, Lulmbocher Strotze 7 X Lühow 6260 $ — Kostenanschläge gratis. - oooooc 0OO<X>C><XX><>CK>O<X><><X><X><>C>O<X> Hodisdiule ffir die Wissenschaft des Jndenfnms Berlin, Artillerie* iralje 14 Beginn des Winter-Semesters: Montag, den 23. 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