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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-08 · 37 (8.9.1926) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
37 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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m WWW wmmpmmm WWWWWWWWWWWWW \ 1 ^Eweinüe von Geist und Gesinnung. E. ur wir sie bekennen, bekennen wir zuerst unsre A^FÄ-^kennen uns zu unserm Wesen, -enn sie ist dreses Wesens, Lie ihm ursprünglich ^^§iung verlieh. Weil nichts Fremdes, SIE unserer Seele Sprödes in ihr fließt, machen wir, Geschlecht auf Geschlecht, sie uns zu eigen, erfassen wir Iw eI^öccRL ®efW' bemächtigen uns ihrer Ä»k!Ä?Sewrffem. nicht tastendem Empfinden: denn nur aus, was zahlloser Voreltern sterhen dem Gerste erarbeitet und gesichert haben. versteckt sich eine große Echwrerrgkertt Relrgron ist Wahrheit, will Wahrheit SÄen D^on Üu.em u.icht zu bezweifelnden, S» erschütternden Sern. Vermag aber das Gezu lehren? Können wir aus der??ostrmmthert unsres Herzens, die tausend persönlichen entqurllt, in die sich der Niederschlag der utapfUtputtgett öI* unserer Vorfahren hineinwsbt, je- W?. E« treues Bild der Wirklichkeit ablesen, die ^r Grenzen unsres persönlichen Seins sich eru^ckt— Rem. sondern das ist das Werk der Ber- £*?'!•«?• Denkens. Nur das Denken findet die Wahryett, me für alle eine ist, die unpersönlich und unbestech-;Ir}a^?et u^ern Wünschen und Neigungen schwebt, rn stolzem Selvstgeniigen hoch über Stimmung und ^egehren verl-arrt. Würden alle Seelen von nichts ^tchtigem Denken erfüllt fein, so wäre die Wahrheit zur Herrschaft erhoben. Aber das Bild dieser -welt trüge keine bunten Farben: denn die eigentümuchen, vielfaltlg gespaltenen Arten des Seins ftitJb jen- ^Ä^tes gepflanzt, dort, wo Stimmung und Gefühl. Affekt und Leidenschaft, darum aber auch Zweifel und Irrtum ihre Stätte haben. Wollen wir ^^^EMchliche Persönlichkeiten in dem erfassen, was rhr selbst und Wesen bildet, wollen wir eine Gemeintcyast von Seelen auf dem Gebiet aufsuchen, auf dem Ne nch selber gehört, so müßten wir sie in ihrem Streben und Tasten, in ihrem Begehren und Sehnen. Irrtümern und Fehlschlägen anschauen, aber nicht dort, wo die klaren Linien gefühlsfreien Denkens un^, sachlichen Urteilens verlaufen. . . In eine Gemeinschaft werden wir hineingeboren, cm bestimmtes Fühlen und Gerichtetsein wird uns als Erbe in die Wiege gelegt. Kann man auch Wahrhetten erven? Ist nicht das. was hundert Geschlechter ^geglaubt", was sie gelebt und empfunden, machtlos gegenüber sicherem, wohlgegründetem Urteil, wenn die -Bernunjt dieses Urteil zu anderem Ziel führt? Gerade diese ehrfurchtgebietenüen Tage, die uns oas Fest des Menschen, das Fest des Göttlichen in der Menschheit feiern heißen, uns als Juden diese Feste feiern heißen, zwingt uns diese Frage ans. Gott ist der Gott der Wahrheit. An ihn und an sein Wort glauben, das heißt immer auch zu wissen glauben, daß er das Urwesen und sein Wort die Offenbarung heiligen Willens ist. Wenn unsere Religion den Gedanken von seiner Einheit verkündet und mit Leiden- "fMst jeder Abbröckelung dieser Idee gewehrt hat. so war sie sich immer bewußt, nicht bloß dem eindeutigen .Srnn der Heiligen Schrift zu folgen, sondern ebenso «sm eindeutigen Spruch der klar druck) keinen Gefnhlsschwang beirrten Vernunft. Sicherlich will hier Wissen und Glauben dasselbe sein: der Glaube will uns die Wahrheit über dasjenige offenbaren, was wirklich ist, was nicht nur Gefühl ersehnt und Hoffnung erträumt: will nicht phantasievoll von dem erzählen, was nur für mich gilt und nicht auch für dich, sondern uns die Gewißheit eines Weltseins eingraben, das unabhängig von subjektivem Meinen und sehnsüchtigem Verlangen ijt; Religion mag Gemütsbedürfnis sein: aber kein noch so tief eingefurchtes Verlangen, keine „heilige" Stimmung, kein hehres Gefühl vermag eine Wirklichkeit zu schaffen, die das ruhige, unbestechliche Denken ablehnt. Und wo über- Livpen. ,Er gleicht dem Geist, den er begreifet, nicht Gott! Er säet Wind. — Ko rach, du kannst nur durch Recht und Wahrheit erlöst werden. Birg dich im Staube, Korach! Denn das Urteil spricht heute der Ewige der Heerscharen über alles Gemeine und Niedrige. Er durchforscht üaS Innere jedes Menschen, seine Gedanken und Entwürfe und die Triebe zu seinen Handlungen. Länqstvergessener Dinge ist er eingedenk. Schau in dich selbst! Reinige deine Seele, schass' das Böse weg von dir'. Versöhne den. den du gelästert, weil er dein selbst entwürdigt' Spiegelbild dir zeigte und mit Seilen der Güte den Weg zur Freiheit dir gewiesen! Widerstehe allen Lockungen, die den Sabbat des Herzens nrcht aufkommen laßen! Liebe die Menschen, fühl ihr Bedürfen und trage ihr Leid! Begnüge dich mit Wenigem! Lerne dir selbst etrvas versagen, um anderen zu Helsen! Reich machen nur die Opfer für andere. Brich dem Hungrigen dein Brot! Oeffne betrübten Armen dein Haus! Nimm dich de.r Waise an! Hilf der Witwe! Schütze den Schwachen und Bedrückten! Latz am heiligen Ruhetag deine Tritte rasten! Tann schwindet die Sorge und Beklommenheit deiner verdüsterten, verödeten Seele, und du wirst wieder frei ausschauen. Tann rufe. Gott an. und er antwortet. Er wird sein Antlitz gnädig dir zuwenden und dir Frieden geben." Ta trat eine Traue in ÄorachS Auge, und er sprach: „Sei mir gesegnet, du himmlischer Bote! TaS Wort aus deinem Munde kehrt nicht leer zu dir zurück. Ich erkenne meine Missetat und will sie wieder gutmachen. Du hast aus der Tiefe mich heraufgefnhrt. hast mich getröstet und erhoben, wie einen seine Mutter tröstet! Wahrlich, hier ist eine Stätte Gotte» und hier eine Pforte, die zum Himmel führt." Und Korach faltete die Hände und sprach: „Mit schmerzvollem Herzen komme ich bittend vor dich, heiliger Gott, und flehe um Verzeihung gleich dem Armen an der Türe. Mögen dir Wohlgefallen die Worte meines Mundes und die Gedankt meines Herzens, dir. Ewiger, mein Hort und mein Erlöser! Tu mir auf die Twre der Gerechtigkeit: sch will eingehen durch sie und dein Lob künden!" Ta öffnete sich das Tor des Herrn, und Korach vernahm im tiefsten Innern die Stimme Goites. die also svrach: »Ich habe verziehen!" Und in der Höhe erklang es im Chor der Engel: „Bon Geschlecht zu Geschlecht wollen wir deine Grütze künden und deinen Namen heiligen bis ans Ende der Zeiten. Nimmer weiche aus unserem Munde dein Ruhm, -atz du der Erhabene, der Allmächtige, der Heilige bist. O, gib die Ehrfurcht vor dir über alle deine Geschöpfe, auf daß alle Erschaffenen sich vor dir beugen, und sie alle zu einem Bunde werden, um deinen Willen zu tun mit Sßffn z e m Herze n." wallende Kräfte von jener Art die Vernunft zu entthronen suchen, da darf sie gewiß nicht mutlos abdanken, sondern mutz sich doppelt hüten. In der Geschichte der jüdischen Frtkmnigbeit tritt diese Kardinalfrage „positiver" Religiosität nirgends deutlicher hervor als bei Iehnda Halevi, dem tiefe» Dichter. Seine Glaubensgesinnuna, Len Schranke» mittelalterlicher Formulierung entrückt und dem Verständnis von heute nahe gebracht, kann uns leiten. Er bekämpft die „Aufklärung der philosophischen Theologen, Lie sich's zutrauteu, im freien Spiel des wissenschaftlichen Denkens die Fundamente der religiösen Wahrheit legen zu können, welche die Göttlichkeit der Offenbarung zwar ohne Vorbehalt anerkannten, aber schon durch die Leuchtkraft eigener Einsicht die in der Heiligen Schrift enthaltenen Lehren an den Tag zu bringen vermeinten. Iehudas Gläubigkeit will demütig und gehorsam Gottes Wort hinnehmen, wie es sich den Ahnen enthüllt. Ihm rückt die Offenbarung und das weltgeschichtliche Leben des jüdischen Stammes, der sich ihr hingegeben, in den Mittelpunkt seiner Ueberzeugung. Ihre Tatsächlichkeit steht ihm unbestreitbar fest. Denn eine sichere und lückenlose Kette der Ueberlieferung führt vom Sinai bis auf die eigenen Tage: und in dem augenscheinlichen Wunder der Erhaltung des so arg urndrohten Volkes durch seine treue Hingabe an das göttliche Gesetz liegt ein Zeugnis von nicht zu erschütternder Zuverlässigkeit für die Wirklichkeit und Wirksamkeit der höchsten Wallung. Das alles leugnen die bekänrpften Gelehrten, die „Philosophen", nicht: aber sie lehren die durchgehende Harmonie des Wissens, der theologischen Erkenntnis, mit dem Gehalt des Glaubens, der auch von ihr gefunden werden könne: und es liegt auf der Hand, daß der Schwerpunkt dieser Religionsanschauung sich allmählich von der übernatürlichen Erleuchtung ins natürliche Licht verschiebt, da jene sich „im Grunde" als überflüssig herausstellt. Dem „aufgeklärten" Leser spricht sicherlich die Romantik Jehuüa Halevis weniger zu Herzen als der Vernunftglaube der Philosophen, zu denen sich sogar unser Größter. Maimonides, gesellt hat. Aber dem eigentümlich Jüdischen in unsrer Frömmigkeit verhilft doch der Dichter viel mehr zum Recht. Wenn er skeptisch auf die Bemühung des Intellekts um die höchsten Wahrheiten schaut, er, selbst der tiefsten Denker einer, der die Technik der wissenschaftlichen Erkenntnis als Meister handhabt, so tut er nur. was viele vor und nach ihm geglaubt, die dem forschenden Sinn gerade die Pforten des Abgründigsten verschlossen erachteten. Doch mit der ganzen hellstrahlenden Glut seiner Seele setzte er sich für das ein. was ihm die sicherste Tatsache seines Lebens und der ganzen menschlichen Entwicklung ist: die einzigartige Bedeutung des geschichtlichen Daseins Israels, das Wunder, das sich in der Erleuchtung seines Geistes offenbart hat. Er erlebt sich selber als ein Glied der Kette, die von Sinai ausgeht. Bon dieser Tatsache der Offenbarung und der ihm unmittelbar gewissen Ueberzeugung, datz der jüdische Stamm der Wahrer des größten Gedankens ist/ wird sein Gemüt vor allein erfüllt. Der Inhalt der religiösen Wahrheit selbst, die Ideen von Gott und Menschenseele, treten für ihn in den Schatte» vor der überwältigenden Erscheinung, daß der Schicksalsweg seines Geschlechtes sichtbar durch den Höchsten gelenkt wurde, und daß diese Leitung ihren erhaveusten Ausdruck in der religiösen Erkenntnis des jüdischen Stammes gefunden. Iehnda Halevis Beweise für die Wahrheit des israelitischen Glaubens operieren mit übernatürlichen Wunderzeichen und mittelalterlichen Seltsamkeiten viel stärker als die Gedankengänge seiner Gegner, in denen die kühle Luft einer reinen Intellektgesinnung wehr. Das liegt in der Begrenztheit jener Zeit. Aber seine Frömmigkeit atmet den Erdgeruch des lebendigsten Gefühls der Zusammengehörigkeit mit seinem Stamme, dem auserwählten Volke des Ewigen. Dem geschichtlichen Letzen seiner Gemeinde, ihrem Ruhm und ihrem Schmerz, brennt sein heißes Empfinden. Und weil er sie mit der ganzen Liebe seiner großen Seele umfängt, weil sein Gemüt von dieser Leidenschaft überströmt, wird ihm dieses Bewußtsein zum Quellort aller Religion und Gottesgesinnung. Er erscheint konservativ, weil das Gefühl dem Intellekt gegenüber sich immer als konservativ erweist, eingegraben und verwurzelt im festen Grund des als wirklich Erlebten, während der frei schweifende Verstand leicht überall seine Zelte anfschlägt. Damit hat Iehnda Halevi der tiefsten Gestimmtheit Ausdruck verschafft, die überhaupt in der jüdischen Frömmigkeit waltet, wo sie sich ihrer bewußt wird. Wie verhalten wir uns zu den „Glaubenssätzen" unsrer Religion, die von der Weltanschauung handeln? Wir sirrd davon durchdrungen, daß sie unter allen „positiven" Religionen am wenigsten den Forderungen denkender Einsicht entgegenstrebeu. Wenn uns erst die Existenz einer Gottheit gewiß ist. so ganz sicher ihre Einzigkeit und Einheit. Die Unvergänglichkeit des Geistes gilt als Ziel frommen Sehnens,- und die Selbstbestimmung des Willens, der in solcher Freiheit erst die sittliche Persönlichkeit schafft, dünkt uns Bedingung wahrhaft moralischen Lebens: wogegen unser Empfinden sich sträubt, an die grundsätzlich heillose Verderbtheit dieser Seele zu glauben. In der messiavischen Erwartung birgt sich die Gewißheit, daß ein werdendes Gottesreich, das so sicher sein muß wie Gott selber, der Menschheit die Vollendung ihrer Aufgabe der Erkenntnis und' Liebe schenkt. Fromme Zuversicht und ethische Wahrhaftigkeit sind in dieser Hoffnung einig. Sie bewähren^ sich nach jüdischer Gemeindeüberzeugung als die Fundamente aller reinen Religiosität überhaupt. In diesem Lichte gesehen, besteht die Meinung von ihrer Vernunftmäßigkeit doch zu Recht. Aber weil wir bei ihnen als bei etwas längst selbstverständlich Gewordenem beharren, versinken sie für uns beinahe im Unbewußten: aus dem hellen Tageslicht des Geistes, in dem Vermutungen und Zweifel, halb fertige Gedanken unO einander bekämpfende Ideen sich tummeln, sirrd sie geschwunden. Denn sie bilden den uns unanfechtbar scheinenden Besitzstand echten und wabrhaften Glaubens. Darum vermögen sie auch nicht aufwühlende und auflodernde Gefühle in unsrer Seele zu entzünden: sondern wie die atmosphärische Luft nicht gespürt Wird, die uns umgibt, so verbleiben S: in kühler, wohltuender Ruhe als der natürliche tem unsres Geistes. Wenn wir das ergreifendste Wort der Heiligen Schrift vernehmen, das uns zum Bekenntnis gewordene «Höre, Israel", so packt nicht nur Sie in ihm ausgesprochene Anerkennung der Einzigkeit GotteS, sondern auch die wehmütige mab stolze Erinnerung an das Geschick der viele» Gch< schlechter von unserm Blut, die für diese Wahrheit gelebt und gelitten haben. So klammern sich flbe uns Gefühl und Leidenschaft deren wir uns bewußt werden, viel weniger au den Inhalt des Bekenntnisses denn an das Los der Bekenner: und unsre Geschichte wird zum eigentlichen Quell des stärksten jüdischen Empfindens. ,,Gedenke, daß du auS Aegypten, dem Hause der Knechtschaft, gezogen! Gedenke der Großtaten deines Gottes! Du sollst es künden deinem Sohne!" Die Grundstimmung solchen Bewußtseins aber, in der freudige Bejahung gegenwärtigen Seins mit der Anerkennung unver-, gänglicher Geltung des Gewesenen Zusammenflüßen, ist das Gefühl der Pietät. Ist Frömmigkeit vertrauende Hingebung in das ganze von Gott gefugte Schicksal, so bedeutet Pietät den gläubigen Empfang des uns von unfern Menschen geformten Loses. Wie dem Judentum von Haus Ms diese urwüchsig menschliche Regung im Blute liegt, das offenbart schon dev Aufriß der biblischen Erzählung, Um der Urvater willen, die Gott geliebt, wird Israel das auserwahlte Volk und Erbe der heiligen Wahrheit. So liegen Sinn und Bestimmung des Lebens in seinen Ursprüngen verborgen. Zur tausendfach wiederholten Formel rst. in unserm Gebetbuch die Wendung geworden: „Unser Gott und Gott unsrer Väter!" Indem am Anfang der Geschichte die wichtigsten, grundsätzlich an Bedeutung nicht zu überholenden Ereignisse stehen, ruckte das Ziel des frommen Empfindens über die erfahrene Gegenwart zurück, in jene Geschlechter, die das wahre Heldenzeitalter der Religion gebildet. Diese Periode mag für klares An schauen und Heltes Erleben seid Jahrtausenden im Nebel der Vorzeit verschwimmen, die Schilderungen von ihr den meisten unter uns nur noch in halbverwehten Klängen von der Kindheit hev gegenwärtig sein. Für die Empfindung des Herlrger^. Göttlichen, die in der jüdischen Seele schwebt, ist doch die Rückschau auf das Alte und durch Fülle und Kraft ehrwürdig Gewordene zu tiefer Andacht erwachsen Aber der Mensch, dem Pietät eine Stimmung des Lebens und nicht des Todes ist, weiß, daß er Ser Der-- gangenheit. die ihn geprägt, nicht bloß gedenken, sondern ihr auch danken soll, daß der Dank ans Gewordene' zur Tat für Werdendes und Zukünftiges sich formen muß. Der tief sich steckenden Wurzel gebühren hohev Stamm und weit sich dehnende Aeste. Und so wird dre Hoffnung, welche die beste Gabe des Glaubens ist, zum treuen Sckaffen an der Zukunft der Gemeinde. Der Schriflabschmtt. Von Rabbiner Dr. A. Kahlberg in Halle a. d. S. Schon seit einigen Jahrzehnten hat der Gottesdienst am! Freitagabend, vor dem deS Sabbatvormittags eine erhöht^ Bedeutung gewonnen» der im stärkeren Besuch zum Ausdruck gelangt. Die Ursache dafür liegt nicht nur in unseren wirtschaftlichen Berhältnisien. die die meisten beruflich Tätigen vormittags am Besuche deS Gotteshauses hindern, sondern auch darin, datz der Abend eine bessere, für die Andacht geeignetere Stimmung auslöst als der Vormittag. Bewers dafür sind wohl die Freitagabende im Winter, pro die Gottes* dienst« auch mitten in die Geschäftszeit fallen — noch dazu in die ziemlich rege Geschäftszeit vor Weihnachten —und dennoch ebenfalls den stärkeren Besuch aufweisen. ES ist ja aber fernen auch Sei etwas gutem Willen durchaus nicht so schwer öden gar unmöglich, sich ein bis zwei Stunden vom Beruf freizumachen, um das Gotteshaus außer zum Beginn des Sabbats auch zum Hauptgottesdienst am Sonnabendvormittag regele mäßig oder doch häufig aufzusuchen. „Denke dir nur." ich zitiere eine oft wirkungsvoll vorgebrachte Mahnung eines Vorstandsmitgliedes unserer Gemeinde, der ein eifriger Synagogenbesucher ist, „du müßtest zu einem Termin aufs Ge* richt. zum Arzt, zum Rechtsanwalt oder zu einer Sitzung. Wie hast du auf einmal Zeit. Stunde um Stunde zu warten." — Ein zweiter Grund für den geringen Besuch des Gottesdienstes ist die innere Fremdheit, mit der die meisten ihm gegenüberstehen. Auch das gilt für den Gottesdienst amj Sabbatmorgen mehr, als für den Freitagabend. Ist doch dev Mittelpunkt dieser Andachtsstunde die Vorlesung aus de« Thorah und aus den Propheten. Daher ist denn auch im Orient — ich habe z. B. einmal in Konstantinopel in einer Synagoge der Sephardim den Sabbatandachten beigewohnt — der Gottesdienst am Morgen viel feierlicher und eindrucksvoller als am Abend. Ja, der Freitagabend macht nur etwa den Eindruck eines gewöhnlichen Wochentages, gerade der Thoravorlesung dagegen lauscht das ganze gefüllte Gotteshaus, einschließlich der Frauen, mit ungewöhnlich andachtsvoller Ruhe. Bei uns ist aber gerade Liefe Thoravorlefung nicht etwa der Mittelpunkt des Gottesdienstes, sondern die Zeit, wo die meisten Synagogenbesucher am ungeniertesten sich unterhalten, jedenfalls dem Gottesdienste die geringste Teilnahme zuwenüen. Man soll nicht einwenden. Laß dies deshalb geschehe, weil man des Hebräischen nicht so kundig sei. um die Thoravorlesung zu verstehen: denn auch während der Verlesung des Prophetenabschnittes, die in fast allen liberalen Synagogen jetzt in unserer deutschen Muttersprache erfolgt, muß man dieselbe Teilnahmslosigkeit feststellen. Das ist überaus bedauerlich. Denn was die Propheten mit einer nie wieder erreichten Wucht und Innigkeit der Sprache, besonders in diesen Tagen, den Trostwochen zwischen dem 6. Av und dem Neujahrsfest, dem tiefgebeugten Volke Israel als Trost zusprechen, das gehört zu den bedeutenden Denkmälern der Weltliteratur. Nur die Psalmen können dem etwa noch an die Seite gestellt werden, Spricht doch der Prophet deshalb io wirksam zum Volke, weil er seine eigene« trostbedürftige Seele aufrichtet und labt. Nein. Ler Grund für unsere Gleichgültigkeit dagegen ist die Tatsache, daß wir gänzlich unbeteiligt diesem Teil des Goitesdienstes gegenüberstehen. Soll das anders werden, so müffen wir eben dafür sorgen, daß wir uns beteiligen. Wenn der Prophetenabschnitt nicht nur vorgelesen, sondern auch mit« gelesen wird, dann ist Liese Beteiligung nüt einommal da«. Die Klage, Lie man in früheren Jahren oft hörte, daß int Len Häusern der Juden, die doch die Bibel geschaffen haben« dieses Buch kaum zu finden sei. iß heutzutage sicherlich! unberechtigt. Unsere Gemeinde z. B hat durch die lieber« retchung eines Exemplares dieses Buches der Bücher a» jeden Barmizwoh-Knaben dafür gesorgt, Laß die Bibel überall vorhanden ist. Man braucht sie als» nur ins Gotteshaus mitzubringen, und die GemetnLen müssen höchstens «och dazu einige wenige Exemplare in das Gotteshaus legen, damit Frauen und Männer auch in diesem wichttge» Teil« -es Gottesdienstes beschäftigt sind, wie beim Betem Ma« wird staunen, welche Fülle von tivfreligiösen und erhabene»

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