Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 36 (3.9.1926)
- Date
- 1926-09-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Jahrgang Rutzimer 3ö Die Iudenkolonien in Gsleuropa. Berliner Pressekonferenz deS Joint. . Wie sind die Liberalen angegriffen worden, wenn sie auf die Bedeutung -es russischen Kolonisationswerkes für das Wohl der Inden im Osten hingewiesen haben! Und jetzt wird das alles bestätigt von Männern, die nicht allein auf Grund eigener Beobachtungen oder eigener Arbeit in -er Kolonisation urteilen, sondern auch den Zionisten nahestehen. Und es war die schärfste Verurteilung ihrer Politik, wenn der zionistische Schriftsteller Rüben Brainin in einer Pressekonferenz des American Joint Distribution Committees. die am :i0..August in Berlin stattfand, sagte, er sei seit 40 Jahren begeisterter Nationaljude, aber er könne nur die kurzsichtigen Zionistenführer bedauern, die sich gegen das russische Kolonisationswerk ausgesprochen haben. Er sei, nach 40jähriger Abwesenheit von Moskau, mit starken Zweifeln gegen daS Krimwerk, aber ohne Vorurteil in die jüdisch-russischen Kolonien gegangen: heut aber müsse er feststellen, daß unter allen.russischen Juden, auch unter den Zionisten, 69 Prozent für die Kolonisation seien. Nicht allein die Intellektuellen, sondern auch die werktätigen Juden seien vom Jointwerk begeistert. Tie Inden seien überglücklich, daft man sie aus der furchtbaren Lage des Händlers befreit, und zwar zu schwerer Arbeit, aber zu einem produktiven Leben gebracht habe. Jetzt erst, so haben ihm russische Christen gesagt, erkenne man, das; der Jude vollwertiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden könne. Brainin bedauert als Nationaljude, dast die Kinder in allgemeinen Schulen und ohne'jede hebräische Kultur erzogen werden. Dr. Rosen, dieser prachtvolle jüdische Mensch, der den wichtigsten Teil der Aufbauarbeit des Joint geleistet hat, gab Schilderungen ans seinem Tätigkeitsgebiet. 99 Prozent der Juden müssen in Rußland bleiben, weil sie wegen Paßschwierigkeiten nicht herauskommen und weil kein Land da ist, sie aufzunehmen. Diesen Leuten müsse Hilfe gebracht werden — gleichgültig, ob cs den Zionisten paßt oder nicht paßt. — Die Massen der östlichen Juden sind nur durch Uebersührung in Landarbeit, in Handwerk und Fabriken zu retten. Die wertvollste Hilfe dabei bieten die 133 Kassen des Jöint und der Jca. in denen eine halbe Million jüdisches, zwei' Millionen russisches Regiernngs-Kapital investiert worden sind. Von diesem .Kolonisationsmerk könne und dürfe die Joint und mit ihr das Judentum nicht zurücktreten. Das Hauptrcferat hielt Herr Billikopf aus New Port, der von 1917 bis 1919 den Vorsitz im amerikanischen Joint führte und unter dessen Leitung 25 Millionen Dollars aufgebracht wurden. Er sprach als Privatmann, aber im Einverständnis mit der Jointführung, die inzwischen 75 Millionen Dollars gesammelt hat. Herr Billikopf führte uns in dem in englischer Sprache gehaltenen ausgezeichneten Referat durch alle vstjüdischen Kolonisationsgebiete, die er jüngst bereist hat. Zuerst Polen, wo der Joint 15 000 Kinder, Voll- und Halbwaisen, versorgt, wo er Volksküchen für 10 000 Schnlkiuder und ungezählte Arbeitslose errichtet hat. Als der Joint zu arbeiten anfing, waren von 100 Kindern 75 tuberkulös und unterernährt. Seit seine Rettungskomitees, Erholungsheime. Spitäler, Tnberknlosekliniken, Sommer- und Winterkurorte bestehen, ist das Bild zwar noch trübe, aber dvch^ schon die Lage der Juden wesentlich gebessert. 25 000 jüdische Familien sind durch zinslose Darlehen, viele andere durch die Mitgliedschaft in den 300 Kassen und Genosienj&'Crftcn des Joint gerettet worden. Die Kinderklinik in Lodz sei so weit ausgebaut. daß amerikanische Städte auf sie stolz sein würden Diese umfassende Arbeit ist von Dr. Kahn geleitet worden, der stets auf die Unterstützung des Joint rechnen dürfe. Ihm sind auch die 5000 Häuser zu danken, die in Brest-Litowsk und anderen Städten entstanden sind. Man habe zuerst die Tätigkeit des Joint kritisiert. Heute werde in Polen ihre große historische Bedeutung von allen Volksschichten anerkannt. Auch in Rußland müsse man Tatsachen sehen, dürfe man si^' nicht der Romantik hingeben. Auf 6 Millionen Hektar Boden, der fast zu Dreivicrteln bebaubar ist, sind 34 jüdische Kolonien mit 2500 jüdischen Familien entstanden. Primitive Unterstände, harte Arbeit, ein Leben, nicht auszuhalten, in den jungen Kolonien. Daß die Inden diese Feldarbeit dort ertragen, sieht man in den Kolonien, die schon mehrere Jahre bestehen. Feste Häuser, Tiere, Inventar und Wohlstand sind hier das Zeichen. In der Krim ist das Land besonders gut bebaubar: fetter Boden wie in Western-Kansas und in Abraska (U. S. A.l. Auf 200 009 Hektar Juden, die der Hunger statt in den Tod aus der Stadt getrieben hat. „Warum bleibt ihr hier'?", fragt sie Billikopf, „trotz schwerer Arbeit." „Wir waren Luftmenschen und haben uns gedreht. Wir haben festen Boden gefaßt. Wir sind trotz schwerer Arbeit glücklich, eine unverfolgte, eigene Existenz zu haben." Das größte Interesse hat die amerikanische Judenheit an dem religiösen Leben dieser Leute. Der Synagvgenbau ist ihnen erlaubt, sie halten Sabbat und regelmäßigen Gottesdienst. Es gibt keine antireligiösen Interventionen. Musterhaft das Gesundheitswesen. Im nächsten Jahre beginnt die Sowjet- Regierung mit dem Bau von Schulen. Die Juden haben sich genossenschaftlich organisiert und leben im besten Einvernehmen mit der Umgebung. Immer neue Juden wollen nach Rußland ans diesem Grunde einwandern. Noch liegen Gesuche um Kolonisierung von 22 000 bis 30 000 Familien vor. Die Ansiedlung gebt so vor sich, daß der Ansiedler selbst 200 bis 300 Rubel beitragen muß, um sein Privatinteresse zu wecken. Die Regierung gibt das Land, verbilligt die Transportkosten, liefert Hausmaterial, läßt die Kolonie drei Jahre steuerfrei und gibt Kredite auf 3 bis 15 Jahre. Etwa 500 Rubel gibt der Agro-Joint. r Er hat die Bewegung nicht etwa künstlich hervorgernfen. Sie ist natürlich entstanden. 1923 wunderten spontan 20000 Familien aufs Land, und der Joint hatte diese Bewegung nur, zu stärken. Wohin aber Herr Billikopf kam, überall betonten die Juden, daß sie, komme was wolle, den Boden nicht wieder verlassen wollen. War in der Krim die Ernte in diesem Jahre nicht besonders, so war sie um so besser in Cherson (Ukraine). Hier siegen eng zusammen 35 neue Kolonien mit 3500 Familien. Hier kann mau mehrere Tage durch jüdisches Land reisen. Es werden besonders intensive Kulturen, wie der Weinbau, gepflegt. Die Juden sind sehr glücklich und wollen die Scholle nicht wieder verlaßen. Während in den ukrainischen Dörfern 65 bis 70 Pud vro Deßjatin geerntet werden, ernten die Juden infolge der Agronomen und Traktoren des Joint 135 Pud. In diesem Jahre wurden 500 000 Pud geerntet, wovon 100 000 Pud zur Ausfuhr gelangten. Im Krimoroff-Distrikt sind zur Zcst 1200 Familien angesiedelt. bald werden es 2000 sein. Auf Grnnd der großen Erfolge deS Joint hat die konservative „Jca", die der Jointarbeit zuerst sehr skeptisch gegenüberstand und sie für ein Experiment hielt, sich selbst mit erheblichen Mitteln beteiligt und für SV0 Familien in Beilage 3. September 1926 Mariopol gesorgt. Auch die von der Regierung gegründete „Ozet" hilft tätig bei den Jubenansiedlungen mit. Nach Ansichten führender Sowjetleute können nämlich noch 100 000 bis 200000 Familien aufs Land gebracht werden. So will die Sowjet-Regierung wieder gut machen, was der Zarismus an den Inden verbrach. Sie will sie aus dem Handel ziehen und zu produktiven Menschen machen. Für die Judenhändler ist die Kleinstadt das Inferno, wenn für den Judenbauer die Kolonie das Paradies ist. Dem Judentum diese Bauernreserve zu schaffen, so führte Herr Billikopf aus, war das Beste, was der Joint tun konnte. Das erkennen , heute selbst führende Zionisten an, und die russischen Zionisten-Kolonisten verstehen die Feindschaft des offiziellen Zionismus gegen die Ost-Siedlungen nicht. Die Chaluzim-Kolonien sind die besten, die wir haben. Es war die höchste Zeit, als der Joint vor einigen Jahren cingriff. Denn so allein war es in letzter Stunde möglich, daß die Juden in großem Matzstabe bei der Landverteilung berücksichtigt wurden. Billikopf sprach dann auch noch von anderen Arbeiten des Joint in Ruhland, von den Darlehnskassen für Handwerker, von der Gründung von Fachschulen und von der prachtvollen Arbeit Dr. Rosens, die, obwohl er liberal ist, vom orthodoxesten Rabbi ebenso anerkannt werde wie vom kleinen Manne. Rosens Aufenthalt in Rußland sei eine Herzenserleichterung für die dortigen Juden. So müssen, was die zionistischen Geschäftspolitiker schmähen, aufrechte, klarsehende Zionisten jubelnd anerkennen. Immer und immer wieder werden wir auf die Bedeutung der vstjüdischen Kolonisation Hinweisen und unsere Freunde auffordern, für.sie einzutreten. Und eines Tages wird dann doch wahr werden, was in unseren Spalten einst Justizrat Max Chodziesner ausgeführt hat: „Ich sehe im Geiste jüdische Männer die Sense führen und . hochheladene Erntewagen in die Scheuern fahren, jüdische Frauen die Garben binden und die Hacke handhaben. Jüdische Kinder tummeln sich gesund und fröhlich auf den Feldern, in den Wäldern und Gärten. Ihre Seele wird nicht schon non klein auf durch das Wort „verfluchter Jude" verletzt. Jüdische Jünglinge und Mädchen ziehen singend und lachend vom Felde heim. Und abends, nach vollbrachtem Tagewerk, wird der jüdische Bauer. Handwerker und Arbeiter im Kreise seiner Familie nach der Väter Weise dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs sein Dankgebet sprechen. Ein einziger Film dieser Bilder wird den Antisemiten der ganzen Welt mehr Wind ans den Segeln nehmen als 10 000 Broschüren und Borträge. Ans den verachteten polnischen Schnorrern, den geschmähten, getretenen und geknechteten Ostjuden wird ein „eneö, starkes, gesundes und freies Geschlecht von Menschen erblühen." B. Lst. Paläsünawanderunq. Laut einer soeben veröffentlichten Mitteilung sind im Monat Juli 989 Personen aus Palästina ausgewandert: von diesen waren 840 Juden. Im gleichen Monat sind nach der Meldung der Jüdischen Telegraphen-Agentur insgesamt 966 Personen in Palästina eingewanöcrt. Gründung einer jüdischen Gemeinde in Buenos'Aires. In Anbetracht der fortschreitenden Vermehrung der jüdischen Einwohner in Buenos Aires wurden vorbereitende Schritte zur Bildung einer auf demokratischer Wahlgrundlage stehenden jüdischen Gemeindeorganisation getroffen. Der Statutenentwurf wurde bereits fertiggestellt. Berliner Gemeindegelder für Parieizwecke? Wir wir hören, ist aus Kreisen der zionistischen jüdischen Volkspartei beim Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde beantragt worden, dem zionistischen Palästinaamt in der Meinekestratze eine Subvention von 4000 Mark und dem national-jüdischen Turn- und Sportverein Bar-Kochba ein „Darlehn" von 5000 Mark aus Mitteln der Berliner Jüdischen Gemeinde zu bewilligen. Wir behalten uns vor, auf diese ungeheuerlichen Anträge noch zurückzukommeii. Aus der Bewegung Breslau. ( Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger") Am Sonntag, dem 20. August, wanderten wir, von herrlichem Wetter begünstigt, von Obernigk nach Prausnitz. Die mustergültige Führung von Ludwig Freund lieh uns die vielseitigen Schönheiten dieser Gegend erschließen. Alle Mitwanderer sagen auf diesem Wege unserem lieben Führer für alle seine Bemühungen herzlichen Dank. Versammlungskalender Berlin. (Liberale Synagoge Norden.) Schönhauser Allee 162, Auerbachsches Waisenhaus. Gottesdienst: Freitag, den 3. September 1926, abends 7y* Uhr. Predigt: Herr Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 4 September 1626, morgens 10 Uhr. Sonntag, den 5. September (1. Selichottag) 10 Uhr vormittags. Gottesdienst und Predigt: Herr Rabbiner Dr. Salomonski. Rausch-Haschono: Mittwoch, den 8. September, abends 6% Uhr. Predigt: Herr Dir. Plaut. Donnerstag, den 9. September, vormittags 9>- Uhr. Predigt: Herr Rabbiner Dr. Salomonski. Donnerstag, den 9. September, abends 6% Uhr. Predigt: Herr Rabbiner Dr. Salomonski. Freitag, den 10. September, vormittags 9K Uhr. Predigt: Herr Falkenberg. Freitag, den 10. September, abends 6% Uhr. Predigt: Herr Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 11. September, vormittags 10 Uhr. Für eine leitende organisatorische Stellung suchen wir zu möglidut sofortigem Eintritt eine auf dem Boden des jüdischen Liberalismus stehende Persönlichkeit. Bewerbungen mit Lebenslauf und Gehaltsansprüchen an UM! hüll tlr iii W. ImcMi u itrlit mSSüSS. %. Der tote Jude. (Forts.) Von Doris Wittner. Nachdruck verboten. «* Copyright by Grethleln & Co., G. m. b. H., Leipzig. Je tiefer sich die Gedanken der jetzt ebenfalls von höfischer Herrlichkeit umflossenen Jüdin rückwärts gruben, nein, förmlich wühlten in eine noch nicht so sehr fernab liegende Vergangenheit, desto gebieterischer flammten die Erinnerungen in ihr auf an jene unvergeßliche Stunde, da eine andere Frau — jene ihr fremde und doch schicksalhaft nahe Josäfine Beauharnais — auf inkommensurablen Höhen gewandelt war, um heute vielleicht schon wehmütig zu erkennen: „Alles ist eitel und hascht nach dem Wind." Illusionen, Visionen: alles wirbelte bunt durcheinander in dem von König Jörömes schwärmerischen Blicken belagerten Schönfrauenkopf Judith ben Sonninos. Ihr war, als müßte ihr das Gedenken jenes Erlebnisses Hilfe gewähren gegen neue, andrängende, ihr selbst geltende und nicht zu beschwörende Gefahr. Nur fort von jenen werbenden, fragenden Augen, lieber zurück zu den Impressionen einer verrauschten, verklungenen Stunde, sich festsaugen an den Eindrücken eines Tages, der ganz Europa in Taumel und Trunkenheit versetzt hatte! Der weiße, unbarmherzige Mann in der Antichambre; fünfzehn Pagen — alles Jünglinge aus Frankreichs erlauchtesten Adclsgeschlechtern, Söhne guillotinierter Herzoge und Prinzen, emigrierter Aristokraten, geächteter Royalisten — herbeistürzend, die Schleppe und den Krönungsmantel des neuen Monarchen zu tragen; die sechs Großwürdenträger des Reiches, die Pairs der Krone, Staatsräte und Senatoren, sechzehn Marschälle von Frankreich und die gesamten Generäle der großen Nation, Napoleons wahre Brüder, die Stirnen zu ehrerbietigem Gruß vor ihrem neuen Souverain geneigt. Der aber war zwischen ihnen hindurchgesohritten, ohne die Cambaceres und Lebrun, die Talleyrand und Fouche, die Murat, Lannes, Bessieres, Duroc, Junot, Soult, Davoust, Bernadotte, Lefebre, Ney, Berthier, Massena und Marmont auch nur mit einem vertrauten Blick gestreift zu haben. Der General Bonaparte, der Premierkonsul mochte Kameraden gekannt haben, der Kaiser Napoleon hatte nicht — seinesgleichen. In der Dianagalerie hatte die Kaiserin ihres erlauchten Gemahls geharrt. Ihre Kaiserlichen Hoheiten, die Prinzessinnen Eliza, Paulette, Caroline, Julie (Gemahlin Joseph Bonapartes) und Hortense (Gemahlin Louis Bonapartes) hatten die Staatsschleppe Ihrer Majestät zu halten gehabt. In der vorschriftsmäßigen Tracht, dem kostbaren Courmantel und der starren Cherusque, die die Nacken der Frauen mit einer gewissen bizarren Steifheit feierlich umrahmte, waren die 32 Ehrendamen der Kaiserin in tiefe ehrfürchtig« Reverenz versunken, in eben dem Augenblick, wo der Kaiser den Raum betrat. Und wortlos hatte sich dann der Zug formiert. Der Zug, in dem auch Judith Pereira nebst ihrem hochangesehenen Vater ihren Platz eingenommen hatte. Wortlos hatten die Majestäten den Wagen bestiegen; die goldene Karosse mit den gewaltigen Glasscheiben, hinter denen man das Herrscherpaar in seiner vollen Glorie bewundern konnte, das Kutschdach überragt von vier goldenen Adlern, die eine Kaiserkrone in ihren Schnäbeln hielten. Dann hatten die acht Isabellen ausgegriffen und unter dem Donner der Geschütze, die die Quais von Paris säumten, hatte das Gefährt seine Richtung nach Nötre Dame eingeschlagen. Und in pomphafter Zeile waren die Galawagen des Hofes, der Reichs- und Staatswürdenträger, der Minister, Botschafter und Behörden gefolgt. Die Gespanne und Geschirre der Equipagen aber hatten einen Reichtum und einen Luxus entfaltet, wie er selbst unter der Regierung des Sonnenkönigs nicht gekannt worden war. Und in einer der Kutschen hatte auch der ebenfalls zum Feste geladene reiche Handelsherr Benjamin Cerf Pereira aus Amsterdam, nebst seiner Tochter, der Braut des Hoffaktors David Danielo ben Sonnino, gesessen. Und schon damals war kein Wort zwischen Vater und Tochter mehr gefallen. Das gemeinsame Band der Sprache war zerschnitten zwischen denen, die einander zu sehr geliebt hatten, um Unbotmäßigkeit oder Nichtachtung, geschweige denn Trauer und Unglück durch Worte ausdrücken zu können. Sie waren schweigsame Gäste bei der jubelnden Feier gewesen. Dem kaiserlichen Wagen voran war die von acht arabischen Vollblütern gezogene Staatschaise sichtbar geworden, worin der geheiligte Gast von Paris, der Statthalten Christi, sich zrnn Schauplatz seines Wirkens — der Kathedrale — begeben hatte. Ein römischer Kämmerer in reichem Kirchengewand, auf einem Maultier reitend, hatte dem Wagen Seiner Heiligkeit den Kruzifixus vorangetragen. Und gaffend hatte die Bevölkerung von Paris den fremdartigen Aufzug mit den Glossen ihres scharfzüngigen Mutterwitzes begleitet. Die gotischen Gewölbe der Kirche Unserer Lieben Frau waren von dem Feuer vieltausender Wachskerzen und lodernder Pechfackeln bis zu einer nahezu schmerzhaften Helle erleuchtet gewesen. Die ehrwürdigen Mauern, geschwärzt vom Staub der Jahrhunderte, waren bekleidet worden mit den kostbarsten Teppichen und Gobelins. Von den Spitzbogen hernieder schien in unendlicher Schallbrechung wieder und wieder der hallende Atem der Weihgesänge zu strömen, mit denen eine unübersehbare Priesterschar die Segnungen des Allmächtigen herabflehte in brünstiger Erwartung des Stellvertreters Christi auf Erden, der unter diesem Dach die heilige Handlung vollziehen sollte, und dessen Thron bereitet war am Hochaltar, zur Seite des Tabernakels. In den Seitenschiffen der Kathedrale hatten — Judith vermeinte sich jeder minutiösen Einzelheit zu erinnern — die gesamten Körperschaften des Senates, die Abgesandten aller Städte, die Vertreter ganz Frankreichs Aufstellung gefunden. Von den würdevollen Kopfbedeckungen der Senatoren, der Staatsräte und Tribunen hatten Tausende von Federn geweht. Die Ueppigkeit der Uniformen und Hof trachten hatte den Blick verwirrt. Roms Hirtenschar aber hatte das ihre dazu getan, durch das farbige Leben ihrer 1