Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 35 (27.8.1926)
- Date
- 1926-08-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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tft gut, daran au denken, baß er Gott lieben soll, selbst wenn Gott sein Leben für immer auSlöfchte. Warum solle» wir Gott nicht dafür banken, gelebt zu haben? Da- Lebe» war schön. War es nicht herrlich, die Wärme -er Tonne, den süßen Dust und die Schönheit der Blumen, die Un» schuld und Reinheit eine- Kinde-gestchtgekannt »u haben? War enicht schön, Liebe für eine Krau, Freude an Arbeit und Kampf empfunden zu haben, kurz: für einen kurzen Augenblick Gottes Gehilfe im Aufbau seine- Reichegewesen zu sein? Ist enicht genug, wenn auch nur dageringste Instrument gewesen zu sein, dem Gott leine eigene persönliche Melodie gestattete? Ist es nicht auch eine besondere Gendung, ein bestimmter Wille Gottes, daß wir beiseite gestoßen werden, zerbrochen, um in undie Kraft zu finden» uns wieder zu erheben? Die größte Gnade ist eS, so zu leben, baß wir erkenne«, was wir Gott schulden, nicht, waer unS schuldig ist. Diese drei Gedanken: Gott, da- Gesetz de- Leben-, und die Hoffnung auf die Zukunft, daist der ganz starke Beitrag der Synagoge am modernen Leben. Um ihretwillen leben wir. die einzelnen Juden und Jüdinnen, als Vorbild für die Welt im Glauben an Gott, ein Glaube, der voll Vernunft, Klarheit und Wärme ist, als Vorbild in Selbstzucht und Demut, und doch von Leidenschaft erfüllt, Gerechtigkeit in die Beziehungen der Menschheit unter, einander zu bringen. DaS Werkzeug, das wir zu dieser schweren Arbeit brauchen, ist die Liebe. Damit beweisen wir — wie manche antisemitische Philosophen wohl erkannt haben —. daß wir keinen Gebrauch machen von ihrem eigenen Pessimismus. Wir betonen den Wert des Leben-. Wir wissen, daß wir Gott vertrauen können, trotzdem er unS züchtigt. Wir wissen, daß unS ein Erlöser lebt, — wir Optimisten sind voller Hoffnung für die Zukunft. Das Judentum ist, wie ich gesagt habe, eine vielseitige Lehre. ES ist eine ganze Thora, da- Wort im klassische«, traditionellen, umfassenden Sinne de- Geistes und der Kultur gebraucht, eine ganze Lehre, die sich auf die Heilige Schrift gründet. Das Judentum nimmt für sich in An. spruch, eine vollkommene Offenbarung -essen zu sein, waS man unter dem Alten Testament versteht. DaS Wort fortschreitende Offenbarung lproüressivv revelation), damanche lieben, scheint mit ein Widerspruch in sich selbst zu sein, denn das Wort „fortschreitende" stammt auS menschlicher Erfahrung, und das Wort „Offenbarung" bedeutet ein übernatürliches Eingreifen der Gottheit. Es mag eine fortschreitende Entwicklung (evolution) geben, ein Leben, daS ans einfachem Samen keimt, sich reich und vielseitig gestaltet, das Samenkorn trägt die ganze zukünftige Entwicklung, ebenso wie Verfall und Zersetzung in sich. Das Element der Zeit ist nicht entscheidend in bezug auf den Wert, sonst würde da- Letzte immer das Beste sein. Nicht so darf man — so meine ich — Fortschritt auffassen. In der Religion ist er nur die Entwicklung der ursprünglichen Offenbarung durch öie schöpferischen Propheten. Ich bin der Ansicht, daß daS Alte Testament keine Ergänzung braucht, eS genügt in sich, es ist eine vollständige Thora. Es gibt unS die vier Elemente der religiösen Erziehung: das Gesetz als Disziplin, und wir Liberalen geben zu. daß. während öie Gesetze sich je nach Zeit und Ort ändern, das Gesetz selbst ein Begriff von unveränderlichem Werte ist. Es hat unS die Prophetin gegeben, die Vision als Symbol des dauernden sittlichen Fortschritts, -es lebendigen Gewissens in jedem Zeitalter Das Alte Testament gibt uns sodann die Weisheit, das intellektuelle Element des Lebens. In den Sprüchen schenkt es uns die Logik, daß letzten Endes das Gute siegreich um die menschliche Gesellschaft wie ihre Zivilisation aufzubauen, und daß diese dabei Gesundheit un- Glück findet. Es zeigt unS im Buche Hiob einen erhabenen Idealismus, der den einzelnen lehrt, Gott zu bienen, auch ohne Belohnung. Diesen Idealismus brauchte Israel, um treu zu bleiben. Koheleth enthält für unS einen JutellektnaliSmus, der den Verstand ermutigt, im Reiche der Natur und des Lebens frei zu forschen. ,Las Ende von allem ist, fürchte Gott und beobachte seine Gebote, denn dies ist der ganze Mensch." Wenn der moderne Mensch eine intellektuelle Forschungsmethode sucht, findet er sie im Alten Testament. Er wird dort alles finden, waS er braucht: Pragmatismus, Idealismus und das Recht, zu denken und zu sprechen. Endlich gibt uns die Schrift nicht nur Disziplin, Vision und Weisheit, sondern in den Psalmen, im Gebete die geheimnisvolle Vereinigung der Seele mit Gott, dessen Nähe das absolut Gute ist. DaS ganze Judentum im ganzen Verlauf seiner Geschichte ist eine Entwicklung dieser Grundlehren: Halachah und Haggadah, unsere ganze Ueberlieserung, beschäftigen sich mit den Gesetzen des Pentateuchs, den Visionen der Propheten, der Weisheit der Weisen und der Inbrunst der Mystiker. In unserer Literatur haben wir den Prüfstein für unsere Mission. Diese Literatur ist eine Offenbarung Gottes durch ein Volk. Unsere jüdischen religiösen Gedanken sind die natürliche Frucht dieser besonderen Literatur. Wir können alle anderen heiligen Bücher verehren, ebenso wie alles, waS in andern Religionen gut ist. In der Welt ist Raum für viele Religionen. DaS Judentum lehrt nicht die „Erlösung durch den Glauben", nicht durch die Annahme unserer besonderen Glaubenssätze, sondern Erlösung nur durch gerechtes Tun, das allen Menschen erreichbar ist. Daher ist das Judentum voller Nachsicht gegen andere, es nimmt sie aus, aber wirbt nicht um sie oder übt einen Zwang auf sie auS. Es erkennt an, daß eS mit anderen Religionen soviel Gemeinsames hat, daß es mit ihren Vesten Vertretern an dem großen Werk deS modernen sozialen Fortschritts Zusammenarbeiten kann. Aber soweit unsere eigene Religion in Frage kommt und bie Integrität ihrer Gedanken gewahrt bleiben soll, verliert sie meiner Meinung durch die Vermischung mit anderem Schrifttum. DaS Judentum kann Licht einströmen lassen, woher eS auch komme, aber es muß durch das Medium deS hebräischen Schrifttums hindurchgehen, das den ewigen Gott offenbarte, welcher sagt: „Ich bin der Herr, das ist mein Name und mein Buch, die ich keinem andern geben will." Der Mittelpunkt unseres Schrifttums ist Gott. Das gibt ihm seine Besonderheit und seine Größe. Ich glaube, daß am Ende des babylonischen Exils die Synagoge schon voll entwickelt war. Der Begriff des Kenesseth Israel hatte schon Funken geschlagen, wenn auch dafür ein Ausdruck noch nicht geprägt war. Wir Haben ein neues Zeitwort ki-noth, sammeln, in einem der letzten Bücher der Bibel. Das ist ganz charakteristisch. Laßt uns uns sammeln, uns wiederfinden alS Vertreter der Synagoge. Läßt uns die Thora wieder entdecken als die vollkommenste Erziehung für uns selbst, als den höchsten Ausdruck, den eine retchgestaltete Religion für die Erziehung der Menschheit fand. Gott, den die Synagoge verehrt, wird am hellsten offenbar inmitten der Herrlichkeit des Weltalls. Gott ist überall, oder er ist nirgends. „Das Weltall," so sagt Rabbi Semlai, „strahlte in hohem Glanze, ehe die Thora gegeben -worden als die Thora erschien, verblaßte es. Gott zeigt sich am stärksten und deutlichsten in unserer Thora, d. h. im gesamten jüdischen Schrifttum, das sich aus der Thora aufbaut. Durch sie lernen wir die ewige Wahrheit über Gott und unser eigenes Leben, eine Wahrheit, die lebt über den Wgnbel der Zetten und der Menschen hinaus biin alle Ewigkeit. Me MstteMermg der Wische« Msieaschaft. Zum Fall Meisl. 9« unserer letzten Nummer hatte Lazarus Goldschmidt, einer der hervorragendsten Vertreter der jüdischen Wissenschaft, der glanzende Talmudist, dem mir eine Gesamtausgabe von Mischna und Gemara in deutscher Sprache verdanken, einen Mahnruf gegen die Diskreditierung der jüdischen Wissenschaft an die jüdische Oeffentltchkeit gerichtet. Gr hatte dabei als Beispiel den „Historiker" Josef Meist, dessen Buch „Haskalah" angeführt. Darauf iwerfenbet uns nun Dr. Meist folgende nicht eben vielsagende ' Erklärung. Herr LazaruS Goldschmiüt versucht, durch öie suggestive Kraft einer überspitzten Polemik, die sich um einige Lesefrüchte gruppiert, mich alS Schriftsteller unmöglich zu machen. Ich erkläre: 1. DaS längst vergriffene Buch „HaSkalab" ist kein Plagiat. Richtig ist, daß das Material zu diesem kompilatorischen Werk verschiedenen Büchern. Zeitschriften, Sammelwerken entnommen ist. die ich teils selbst kannte, teils mit Hilfe der Ltteraturangaben in Enzyklopädien ausfindig gemacht habe. DaS Material ist in SW Noten verzeichnet, auch die Stelle aus Fünn ist in Note 150 zitiert. Ein Plagiat ist mir auch in der „Hatekufah" nicht „nachgewiesen". Der Verfasser dieser in eingeweihten Kreisen sei sechs Jahren bekannten scharfen Kritik, die wir in der Hauptsache systemlose Verwendung von Notizeukram und etliche Schnitzer vorwarf, hat mir in Diskussionen und in Briefen über seine Kritik erklärt, daß er mir den Vorwurf des Plagiats nicht machen wollte. Diese Kritik hat ihn und andere nicht gehindert, mit mir in Briefwechsel über wissenschaftliche Fragen zu treten und mich zu wissenschaftlichen Arbeiten einzuladen. Mit einem Charlatan und Plagiator würden'diese Gelehrten bei ihrer strengen Auffassung von wissenschaftlichem Ernst niemals in Verbindung getreten sein. Gelbst, wenn unter den von mir zusammengestellten Notizen einige zum Teil auch dem Wortlaut nach dem in den Anmerkungen angegebenen Material entnommen wären, *o widerlegt die doch unbestrittene selbständige Ordnung und Zusammenfassung dieser Unterlagen den Vorwurf des Plagiats. Kein Gericht, kein vorurteilsloses Forum könnte zu anderem Schlüsse gelangen. Die Beschuldigung des Plagiats ist gegen weit Größere als meine Wenigkeit erhoben worden, z. B. auch gegen Graetz von feiten Steinschneiders. 2. Niemand hat das Recht, ohne sich dem Vorwurf des Pamphlctismus auSzusetzen, durch Verspottung und Verzerrung von einzelnen Mißgriffen, sie seien noch so schwerer Natur, über ein Werk und einen Autor den Stab zu brechen. Kritik muß Licht und Schatten in gleicher Weise verteilen. Unbeeinflußt von lobhudelnden Besprechungen, auf die ich nichts gebe, kenne ich die Fehler meiner größeren synthetischen Arbeiten besser als weine Kritiker. Trotzdem behaupte ich in aller Bescheidenheit, daß diese Arbeiten imstande sind, das Publikum in großen Zügen über einen Teil unserer Geschichte und eine sehr erhebliche Zahl von Details zutreffend zu informieren, mögen sie in vielen Einzelheiten stark reformbedürftig sein. L. Die von Herrn Golöschmidt analysierte Stelle ist ein kompletter Widersinn, dessen Zustandekommen mir selbst unerklärlich ist und bleiben wirb, und nur vielleicht aus dem Sturm und Drang, der ehedem meine Arbeiten beeinflußte, verstanden werden kann. Weil ich daS weiß, und weil ich längst erkannt habe, daß ich in vielleicht zu früher Jugend mich an zwei große Arbeiten, die die Kraft des einzelnen beinahe übersteigen, herangowagt habe, darf ich sagen, daß alle Schlußfolgerungen Goldschmiüt's meilenweit über das Ziel hinausschießen. Er hat nicht das mindeste Recht, lediglich aus Blühen, die ich mir gegeben, auf meine Kenntnisse und Fähigkeiten zu schließen. Dieses Urteil steht einzig und allein denjenigen zu. die mich in langem Verkehr und auch auS zahlreichen anderen Arbeiten wirklich kennen. 4. Was kann mit dieser Attacke erreicht sein? Nichts, als daß man gegen den Schriftsteller Meisl einige Zeit mißtrauisch sein wird. Mag man! Und mag man mich, wenn ich gefehlt habe kritisieren! Ich werde nach diesem lehrreichen Intermezzo doch meinen Weg gehen. Dr. Josef Meisl. Wir haben diese Erklärung Herrn Lazarus Golöschmidt übersandt, der darauf nochmals Stellung nimmt zu dem so wichtigen Thema Die Diskreditierung der jüdischen Wissenschaft. Die von mir geschilderte Methode mancher Schriftsteller, suggestiv zu wirken, ob mit gelehrt klingendem Kram oder mit einem nichts verbergendem Wortschwall den Leser zu täuschen, beim richtigen Namen: zu bluffen, zeigt sich eklatant auch in dieser Erwiderung des Herrn Dr. Meisl. Man denke sich einen Angeklagten, der einen EinbruchSbiebstahl begangen und dabei dem Wachthund auf den Schwanz getreten zu haben beschuldigt wird, gestikulierend und tobend in das Auditorium hineinschreien: ich habe den Hund nicht getreten, ich bin kein Tierquäler! Was bezweckt er? Belastet der Hundeschwanz sein Gewissen? Nein. Ablenken, die Hauptsache in den Hintergrund schieben: daS Publikum, wenigstens das über den Fall nicht orientierte, möge glauben, er sei wegen des Hundeschwanzes angeklagt. Ich habe in meinem Aufsatz den Charlatanismus in der jüdischen Literatur gegeißelt, das M.sche Haskalahbuch war nichts weiter als Schulsall: Leute, bie von der Materie gar keine Ahnung haben, die die angeblich benutzten Quellen gar nicht gesehen und die Sprache, in der diese geschrieben, nicht beherrschen, schrieben, lediglich nach einem für diesen Zweck angefertigten Zettel- und Zitatenkram, dickleibige Bücher, die vollständig wertlos sind und zum Teil heillosen Unsinn enthalten. Der Vorwurf des Plagiats. den man, wenn man sich darauf verlegt, vv miniature auch Gelehrten von Weltruf Nachweisen kann, war nur nebenbei erhoben worden: er ist logische Folgerung, da der Verfasser die Materie, über die er schreibt, nicht kennt. Eine beim ersten Oeffnen deS genannten Buches — dies kann durch einen einwandfreien, der Redaktion bekannten Zeugen uachgewiesen werben — entnommene Stichprobe von etwa M Zeilen enthält baren Unstnu: sie beweist, daß der Verfasser Hebräisch nicht lesen kann, von Logik keine Ahnung hat »ntz wissenschaftliche Methode nicht kennt. Eine wettere Musterung von knapp fünf Minuten zeigt, baß der Verfasser sogar die Namen der HaSkalabmänner falsch und entstellt schreibt: lösche Folgerung: er kennt sie nicht und hat ihre Schriften nicht gelesen.' Nun eine Erklärung M Verfassers: er bestreitet nicht die Behauptung, daß er die Namen falsch und entstellt schreibt, gibt zu. daß da- Buch das Ergebnis eines Zettel- und Zitatenkramsei. pflichtet bet, daß die Stichprobe „kompletter Widersinn" — aber da- Buch ist kein Plagiat! Was. zum Donnerwetter, ist e- -enn? Die Materie ist mir fremd, die Sprache der Quellen verstehe ich nicht. — wie kommt der Glanz in meine Hütte?, Ad. la. „Nichtig ist, daß daS Material zu diesem kompilatorischen Werk verschiedenen Büchern, Zeitschriften, Sammelwerken entnommen ist. die ich teils selbst kannte, teilmit Hilfe von Literaturangaben in Enzyklopädien ausfindig gemacht habe. Das Material ist in 59 Noten verzeichnet, auch die Stelle aus Fünn ist in Note 150 zitiert." Na also. Da sind wir ja einig: auch ich habe, allerdings mit anderen Worten, dasselbe gesagt: der Verfasser kennt die Haskalahmänner rinihre Literatur nicht, das Buch sei eine Kompilation nach einem Zettel- und Zitatenkram, die teils er selber, teils andere für ihn angefertigt. Aber es ist kein Plagiat. — „Herr Schulze, Sie haben nicht gestohlen. Sie haben gemopst." Daß Unmengen von Noten vorhanden sind, habe ich ebenfalls gesagt, eS sogar gegeißelt. Es stimmt auch, daß Fünn als Quelle angegeben wird, aber wo? In Note 150, wo sie nicht hingehört: „Fahr' ich nach Frankfort. sag' ich, nach Leipzig." m Ad 1b. In der Hatekufah wird das Wort „Plagiat" nicht gebraucht: dies stimmt, aber nur aus dem Grund, weil dieses Wort lateinisch ist, die genannte Zeitschrift hingegen in hebräischer Sprache geschrieben. Ob und was der bereits verstorbene Verfasser der Kritik — ev. an- Höflichkeit — gesagt hat, soll hier nicht untersucht werden: wenn aber Herr M. seine Kritik von einem Kenner der hebräischen Sprache übersetzen ließe, so würde er folgendes lesen: „Ist das Zettelsammeln abgeschlossen, so legt der Talmid-chochem lJronisierung des Wortes Gelehrter) feine ganze Weisheit in eine besondere Schachtel, und dann beginnt die Arbeit des Schaffens: das Heraussuchen und Zusammenstellen der Zettel und die Ordnung des Stoffes zu einer „wissenschaftlichen Arbeit", die Kompilation heißt. Run beginnt die Tragödie des miserablen Handwerker-: er gesondert und seine Gelahrtheit gesondert. Der Verfasser hat den ihm fremden Stoff nicht verdaut und der „Schöpfer" beherrscht das Material nicht, so daß er bet jedem Schritte strauchelt. Zuweilen versteht er die Worte seiner verschiedenen Quellen nicht, merkt nicht, daß die eine so und die andere anders sagt usw. Wehe einem solcheu Talmid-chochem. wenn ihm einige Zettel abhanden kommen, — dann verduftet ein großer Teil seiner Gelahrtheit, und er muß von neuem das Zettelsammeln anfangen." Die weiter folgende Behauptung ist nicht wahr und der Beweis nicht stichhaltig. Das Strafgesetzbuch für daS Deutsche Reich kennt keine entehrende Strafe auf miserable Schundwerke, und cs kommt sehr häufig vor, daß Gelehrte und andere prominente Personen mit Verfassern derartiger Werke in brieflichem Verkehr stehen, oder wenigstens ihre Briefe, beantworten. Ich selber erhielt am 18. cr. von solch einem Verfasser namens Dr. M. einen Brief, und trotz Abraäen-' eines Bekannten beantwortete ich ihn, sogar höflich. .Ad l c. Dieser Passus klammert sich abermals krampfhaft an das Wort „Plagiat", um den Leser zu täuschen, «ährend ich wiederholt betont habe, es handle sich nicht etwa um einzelne herübergenommene Teile, die man schlechthin al- Plagiat bezeichnet, sondern um ein Sammelsurium von Namen und Zitaten, die falsch und sinnlos zusammengestellt, tteber die „unbestrittene selbständige Ordnung und Zusammenstellung" schreibt Simchoni in der genannten Kritik: „Auf diese Betrachtungen kommt man beim Anblick bedcutschen Buches des Dr. Josef, Meisl, das der Verfasser „Geschichte der Aufklärungsbewegung unter den Jude» in Rußland" nennt. Der verehrte Verfasser zeigte unS bereitvor drei Jahren in seiner miserablen Broschüre „Sur Geschichte der Inden in Polen", daß er kein großer Kenner der Geschichtsschreibung sei: vergeblich bemühte er sich nunmehr, durch ein neues historisches Buch einen konkreten Beweis seiner besonderen Befähigung zu erbringen, und vergeblich beglückte er abermals die Menschheit mit dieser neue» „Mezie". Jede Seite des Buches belehrt unS, baß die Kenntnisse des Verfassers über die Aufklärungsbewegung zu ihm nur aus Zetteln gelangt sind, und da ihm dieses Gebiet vollständig fremd ist, wußte er nicht, wo er mit der Zettelsammlung beginnen und wo er aushören soll. Er wußte nicht, was damit anzufangen, und begnügte sich, sie nach „seinem System" in einer sonderbaren Mischung zusammenzustellen, öie seine Schreiberei kennzeichnet, und mit Hinzufügung seiner augeschwollenen jedes Gehaltes baren Phrasen kam dieses Kalb hervor . . . Der Verfasser hörte vom Brauche, Bücher in Kapitel zu teilen, und teilte uns zwölf Kapitel zu, entsprechend der Zahl der Sternbilder und der Stämme Israels, aber die Ordnung dieser Kapitel versteht kein Leser, denn was früher und was später, kennt die Weisheit de- Verfassers nicht. Er pflegt das Geschriebene hinzuschütten, und wiederum hinzuschütten und seine Worte wiederzukauen, einmal unzweimal und mehr, um ihnen „Bekräftigung" zu geben. Oft wiederholt er ganze Seiten lz. B. S. öS n. S. 114, S. 81 u. S. 117 u. ö.i. Wer das Buch durchblättert, kommt auf den Gedanken, dem Verfasser seien zwei Zettel in die Hände geraten, ohne daß er merkte, daß beide identisch sind . . ." Ganz verfehlt ist der Hinweis auf den von Steinschneider gegen Grätz erhobenen Borwurf des Plagiats. Daß Steinschneider jeden Gegner anrempelte, ist bekannt, und Kenner der jüdischen Literatur wissen von den Streitigkeiten und Zänkereien zwischen Zum. Ravvaport, Luzzatto, Steinschneider n. a. auf der einen Seite und Grätz, Fürst, Carmoly u. a. auf der anderen Seite. Aber auch Dutzende von Plagiaten können kaum bie Bedeutung deS Grätzfchen Geschichtswerkes herabwürdigen, während wir es hier mit einem elenden Zettelschmarren zu tun haben, -er nur auS einem einzigen Fehler besteht. Offenbar wollte Herr M. damit nur sagen: Auch Kollege Grätz bat e biSche plagiiert. Ad 2. Bereits in meinem ersten Aufsatz wteS ich fatouf hin, baß es sich nicht etwa um herausgegriffene Schnitzer oder grobe Fehler handle, sondern um den Nachweis, daß der Verfasser weder die Materie kennt noch öie Sprachen der angeblich von ihm benutzten Quellen verstcht. Bon einer Zerteilung von Licht- und Schattenseiten" kann gar keine Rede sein. Das Buch in seinem gamen Umfange ist gänzlich wertlos, selbst wenn in ihm einige Seiten Vorkommen sollten, die nicht von grober Unwissenheit strotze«. Die Behauptung. „diese Arbeiten seien imstande, das Publikum in großen Zügen über einen Teil unserer Geschichte und ei»e sehr erhebliche Zahl von Details zutreffend zu informieren", ist nicht wahr. Das Buch nennt Autoren, die gar nicht existieren, gibt verzerrte Kulturbilder lick erinnere an de» vegetarischen, geflügelrupfenden Rabbi, an öie asiatischen Sitten der Chassidim zu Wotikin) und gewährt nicht das fahlste Bild der Literatur- und Kulturgeschichte der behandelten Zeit. Das milde Urteil der genannten Kritik Mm* choniS lautet: „Ich weiß nicht, ob die Leser im Veste» in diesem Buche irgendwelchen Nutzen finden oder auta» i» ihm herrschenden Chaos sich irgendeinen Kegrrff vo»