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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-08-27 · 35 (27.8.1926) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
35 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Stasv. sich einwieaen in Hoffnung und Trost, «er nie mit EL« jubelt« wie der Pialmift. nie mit ihm schluchzte wie der Prophet, niemals zu Taten begeistert wurde, wer nie tte Norm seine- Gotteslebens zu sprengen vermochte und demnach Gott immer wieder erlebte, wer nie sich darin als Jude fand, wem nie daS Unpersönliche Persönlichkeit ge- Vorben. bas Ewige nie zu dem Ewigen, der ewig wirkenden Kraft in uns und da draußen. der schweige, und er urteile nicht. Nur wissen mag er. es gibt eine Aufgabe, die freilich nur die andern empfinden: auch diesen Anden einen Kultus zu schaffen, den Kultus der Idee als Idee ihres Kultus. Ober glaubt man. sie verlangten gar nicht danach? Als wenn irgendeine Anschauung in der Welt existierte, die nicht nach Norm drängt, um dort ihren Niederschlag zu empfangen. Ja mehr. Wenn irgend etwas, io bedarf doch wob! die Idee einer Norm Hier gerade kann sie ihr Wesen entfalten, hier kann die Norm sich als das enthüllen, was sie ia letzthin immer bedeutet: als Versuch, dem Ritz einen Ausdruck zu geben, der mit ieder Sprache unlösbar verbunden. Unlösbar, weil jedes Gesprochene ein Gefühl um« klingt. Gefühle aber nach anderem Ausdruck, als dem durch das Wort notwenbia verlangen. Ader natürlich — der Kultus wird hier und dort schon von selber entstehen, wenn nur erst die Ideen anerkannt sind oder besser, die Idee der Ideen oder, was ja überhaupt nur noch nötig, auch diese Gläubigen sich „organisiert" Was sollte uns hindern, daß es geschieht? Etwa, weil diese Anschauung für den Gebildeten „selbstverständlich?" Lockt es euch nicht, die ihr nicht wollt, datz sich das Glück des Judeseins zu einem Glück im Winkel verflüchtige? Ruft es euch nicht, die ihr nicht bloß liberal seid, soweit es die Gemeinde-Einheit „erlaubt", sondern die ihr das Judentum ausbauen wollt zu einer „lodernden Bölkersackel", zu einem „Bethaus für alle Menschen"!? «Sitten und Bräuche- Ich nehme für mich das Recht in Anspruch. alS jüdischliheraler Leser im Sprechsaal der „Jüdisch-liberalen Zeitung" alles daS offen und ehrlich aussprechen zu dürfen, was mir im Interesse des Judentums von Wert erschein!. Ich nehme dabei von jedermann gern Lehre an. Für jede Kritik meiner beruflichen Tätigkeit dankbar, muß ich indes gegen die absolut unsachliche, fast ans Persönliche grenzende Art, mit der Herr Heinz Levy. Berlin, (nach dem Vorbild des Herrn Kuttner) gegen mich polemisieren zu müssen glaubt, entschieden Einspruch erheben. — Herr Levy vergibt, datz er in einem GlaShause sitzt. — Er vergißt, datz er den Ankläger spielt, während er doch als der Beklagte erscheinen mutzte. Wer schimpft, hat Unrecht. Herr Levy schimpft, er sagt: „Es widerstrebt mir, auf die Art und Weise einzugehen, wie Herr Wallach über heilige jüdische Dinge schreibt. Herr Wallach hat mich einen Romantiker genannt, nnd glanbe ich daher, dem Herrn Lehrer doch mal einen modernpädagogischen Vortrag über Knigges Umgang und die Heiligkeit des Sabbats halten zu müssen." So ähnlich hat Herr Lcvn geschrieben. Ich weise a b e r die Unterstellung, den Sabbat und Sankrosanktes dieser Art angetastet zu haben, alö unzutreffend zurück! Was habe ich denn uuit verbrochen? Ich habe in meinem Aufsatz, einer poetischen Lizenz nachgebend, die Worte gebraucht: und Sabbatbrot mit Mohn bestreut. Außerdem habe ich Herrn Heinz Levy apostrophiert. Das ist tatsächlich alles, was man als sachliche Unterlage »Men mich Vorbringen könnte. Das sind die „heiligen jMschen Dinge", von Hetzen Herr Levy spricht. Vufc dann die „Freitagabend-Feier". Daß cs in Aachen liberale Juden gibt, die, nach Ansicht des Herrn Levy, «durch die Anforderungen des Tages gehetzt und gejagt, sich danach sehnen, einmal in der Woche im Kreise der Familie eine Stunde der Andacht, der Weihe, des Friedens und der religiösen Erhebung zu verleben," bestreite ich! Es sind mir zufolge meines Artikels „Gedanken über Sitten und Gebräuche" — beiläufig bemerkt — auch zummmende, ja selbst schmeichelhafte Zuschriften zngegangen. Die Schreiber derselben, als wirklich liberale Menschen, die mich verstehen wollen, hatten ein anderes Empfinden, sonst würden sie wohl mit ihrem Urteil über mich zurückgehalten haben. An dem von mir vertretenen Standpunkt des entschiedenen Fortschritts, derjenigen religiösen Reform also, wie sich dieselbe in der Synagogengemetnde Aachen seit 100 Jahren segensreich entfaltet hat. halte ich fest. Hieran werden die Herren Levy und Kuttner in ihrer Unsachlichkeit wohl ebensowenig ändern können, wie die Dame aus Kassel, die, empört und anonym, wie sie war, ein Brieflein an mich sandte, in dem sie folgendes schrieb: „Wenn ich zu sagen hätte in Aachen, dem Herrn Lehrer Wallach würde ich keine Kinder zur religiösen Erziehung anvertrauen." Frau AüonymuS aus Kassel, ich habe Kinder genug, einen ganzen Hausen der lustigsten Knaben und prächtigsten Mägdleins, von armen und reichen Leuten, von liberalen und orthodoxen, und erst vor einigen Tagen erhielt ich wieder fünf auf einmal znm neuen Semester zugeführt, sogar aus den besten Kreisen. — Mehr brauchts wohl für einen Lehrer nicht» um darzutun, datz die Sympathien der Gemeinde ihn begleiten. Frau Anonymus aus Kassel, sie bleiben daher wohl am besten dort. Entgegengesetzt ist die Wirkung, die ich auf einen Frommen ans Köln mit meiner Auffassung ausgeübt habe. Er schreibt mit Eilbvtenpost nnd gibt mir „noch schnell vor Schabbotz" Nachricht davon, „daß er, von meinem humoristischen Aufsatz hingerissen, sich gestatte, mir jeden Freitag gratis und franko ein geflochtenes Weißbrot, mit Mohn bestreut, überreichen zu lassen. Der gute Mann hat recht, er nimmt die Sache von der hetterer, Seite, und solches mache ick ihm nach, indem ich mich an Fritz Reuter halte, der als Instanz in solchen Fällen zn entscheiden pflegt: „Wer's mag, der magt's, und wer'S nit mag, der magt'S ja wohl nit mögen." Und nun von dem Werfen mit Steinen, wenn man selber im Glashause sitzt. — In den „Blättern für Erziehung und Unterricht" veröffentlichte derselbe Herr Levy seinerzeit ein Essay, betitelt „Die religiösen Hemmnisse der jüdischen Jugend". (Ich habe es sehr bedauert, daß dieses unreife Skriptum vor dem Forum meines Kollegen Steinhardt- Magdeburg, des Redakteurs des Lehrerorgans, Gnade und Aufnahme fand.) Es mutzte mir unerhört und im höchsten Arade Pietätlos erscheinen, daß Herr Levy darin einen Ausfall gegen seine eigenen Eltern unternimmt. Denn nicht allein, datz er ihnen versteckt den Borwurf macht, -atz sie — ihrer Ueberzeugung folgend — zur Reformgemeinde zählten, nein, er tadelt eö auch und das vor aller Oefsentlichkeit — „datz sie weiter nichts hielten, als daS Neujahrsfest nnd den Bersöhnungstag, nnd -atz seine Mutter nicht mal wußte, wann Chanukka sei, wie man denn überhaupt seinen Bitten nach etwas jüdischem Leben im Elternhause kein Gehör geschenkt habe." „Sie gingen selten zur Synagoge." Ist aber „Kirchen, laufen" eine Tugend, und bin ich jüdischer Mensch nur, um Frömmler zu sein? Finde ich in meinen eigenen Augen Wert nur dann, wenn ich — wie dieser oder jener in elender Sicherheit mich wiegend — auf konservativem Boden stehe und zeremonielle Dinge übe? Und ist -er Kultus der Reformgemeinde weniger feliawachenb. als der Gottesdienst in anderen Synagogen? — Ich frage aber Herr« Lev» fettet, der Hemmnisse findet, wo keine Hemmntste sind, tst'S nicht ein Glück, -atz es so kommen mutzte? Denn wenn eS um. gekehrt gewesen wäre, wenn einer streng religiösen Haushaltsführung seiner Eltern er sich hätte unter, werfen müsien. mit allem Druck und zeremoniellem Zwang, wer weiß, ob er noch zu uns zählte und nicht schon längst Johannes Lewa!- hiebe. In den zehn Geboten Gottes steht von „Sitten und Ge» brauchen" nichts geschrieben, wohl aber dalapidare: Kabrt eehs owicho weehs immecho. Ehre deinen Vater und deine Mutter! Hermann Wallach. Die Bedeutung der Synagoge im modernen Leben <«M»M Wenn der moderne Mensch je wieder zu Gott zurück» kehrt, wird cs zu einem solchen Gotte sein, und der Mensch wird in seinem Glauben stark genug sein, Gott nicht nur in dem Guten zu sehen, sondern auch in dem, was die Menschen böse nennen. Er wird religiösen Mut mit philosophischer Logik verbinden, er wird nicht schwächlich sagen, daß daS Gute in der Welt Zufall sei, das von einer blinden unethischen Macht komme, er verwirft den alten gnostischen DualiSmns wie jenen, der sich in den theologischen Romanen unserer Zeitgenossen breitmacht. Kurz, er wird verstehen, daß der Gedanke des Jesaja: „Ich bin Gott, keiner anher mir, schaffe Licht und mache Finsternis, ich mache Frieden und schaffe das Böse, ich, der Herr", mit seiner erhabnen Größe, mit seiner furchtbaren Kraft, alle Theologie über den sogenannten Judengott hinwegfegt, wie wir ihn in WellS „Mr. Britling" und in ähnlichen Offenbarungen unserer Zeit finden. Der moderne Mensch wird nicht mehr lange die Flachheit dulden, welche das Weltall in zwei Teile teilt, in dem einen alles, was wir gut und göttlich nnd Religion nennen und in dem anderen alles, dem blinden Schicksal überlassend, der unverantwortlichen Naturgeivalt oder irgendeinem teuflischen Einfluß. Wenn der moderne Mensch seinen freien Gedanken überlassen bleibt, dann wird er die Einheit Gottes wieder verstehen, wie die jüdischen Propheten sie mutig begriffen haben. Er wird erkennen, daß Gott, wie Emerson einmal sagt, nicht ein D. D. mit weißer Halsbinde ist, der beim behaglichen Tee nur über behagliche Dinge spricht, sondern, daß er die gewaltige Kraft ist, die Welten schafft und zerstört, datz er aber auch die leise Stimme ist, die zu unseren Herzen und zu unseren Seelen spricht. Er ist sowohl unser Vater, den wir lieben und dem wir vertrauen, als auch unser König, der uns daS Gesetz des Lebens gibt und dem wir gehorchen müssen. Als Zweites ist das Gesetz charakteristisch für das Judentum und welches der moderne Mensch dringend braucht. Manchmal hört man sagen, datz Israels Mission erfüllt sei, und datz seine Arbeit als Lehrer der Welt getan ist. So verkündet sowohl der herrschende Glaube der westlichen Welt, so verkünden es aber auch solche Inden, die das indische Bewußtsein nur in indischem Nationalismus auöörücken. Solche Juden lachen über uns, die wir von einer solchen Mission sprechen. Sie sagen, Monotheismus ist jetzt von der ganzen Welt anerkannt. Nach ihnen bliebe uns zu tun nichts mehr übrig. Va-Gvgim unter den Völkern. Sie sagen deshalb, seien wir Ka-Gogim, wie die Völker. Der kleine Unterschied < in der Form der beiden hebräischen Buchstaben erklärt genügend den großen Unterschied zwischen uns und jüdischen Religionsbekennern und jüdischen Nationalisten. Denn tatsächlich haben beide unrecht, jene, die da sagen, daß die Juden ihre Erfüllung gefunden haben als Prolog zu dem wirklichen Drama, welches mit der Religion begann, die aus dem Christentum entstand, und jene, welche sagen, wir sind um unserer selbst willen da und nicht um Gottes willen. Wir haben noch die Arbeit vor uns, die Welt zu' Gott und zu seinem Gesetz des heiligen Lebens zu führen. Wir sind die Diener Gottes, und als einzelne Juden mögen wir blinde und taube Diener sein. „Wer ist so blind wie mein Diener und so taub wie der Bote, den ich sende." Aber alS Israel, alö Synagoge sind wir entweder Zeugen und Diener Gottes oder wir sind nichts, ein bloßes Anhängsel der Menschheit ohne jede lebendige Mission. Nach meiner Meinung hat die westliche Welt den jüdischen Gottesbegriff nie ganz verstanden. Im Herzen betet sie den Menschen an, nicht Gott. Das ist das große Ketzertum der westlichen Zivilisation. Die Frucht jener Ketzer, die sich von der Synagoge loslösten und deren Folgen noch nicht abzuseyen sind. Es ist töricht, Mythus und Dogma als Zufall anzusehen. Sie sind es nicht mehr, als die Form eines BlatteS» der Duft einer Blume es sind, man kann die ersteren ebensowenig von den Anfängen einer Religion trennen, die sie schuf, wie die letzteren von der Wurzel, auS der sie stammen. Sich an die Stelle Gottes zu setzen, erhöhte den Menschen über das Maß, es trug in sich den Samen, dessen Frucht der Gegensatz von Gehorsam gegenüber dem Gesetz und mystischen Glauben war. In der Theologie führt eS zu der Vergöttlichung des Menschen, im Modernismus zu der Lehre vom Uebermenschen, der jenseits von Gut und Böse steht, in der Ethik führt dies zu einer Antinomie, die durch die zeitgenössische Literatur aller westlichen Länder geht, die den Millen des Individuums zum erhabensten Gesetz macht, die jedem Manne oder jeder Frau das Recht gibt, sein oder ihr Leben ohne Rücksicht auf irgendeinen anderen Willen außer ihrem eigenen zu leben. Es ist das alte Tier mit einem neuen Namen. Dieses Tier mutzte gezähmt werden, damit soziales Leben überhaupt möglich wäre und Kultur und Zivilisation bestehen können, und wenn nicht ein göttliches Gesetz von neuem entdeckt wird, wird das Tier beide ganz und gar zerstören. In der Politik führt die Vergöttlichung deS Menschen zur Vergöttlichung der Majoritäten. Die Demokratie wird nicht nur als eine Staatsfvrm anerkannt, die beste, die vielleicht die menschliche Vernunft ersinnen konnte, sondern sie wird als eine sich selbst genügende Religion betrachtet. Nun, das Judentum lehrt eine sehr hohe Auffassung vom Menschen. Es sagt, datz er in Gottes Ebenbild geschaffen war, begabt mit göttlichen Möglichkeiten, die zu verwirklichen ihm überlassen ist. Im Gesetz Gottes liegt Methode, den Menschen zu gewinnen. in der Pflicht deS Menschen Methode, Gott zu finden. Weder der Uebermensch. noch die Menge machen daS Gesetz. Es wird durch Intuition und Erfahrung erkannt und die Menschen haben das anzuerkennen. Das Gesetz ist zwiefach. Die Thora, die ganze jüdische Lehre läßt Raum für Priester und Propheten, für die Erfahrung -er Vergangenheit und für die lebendige Erkenntnis. DaS Gesetz ist Erhaltung und Disziplin, eS erzieht den Menschen zu Gehorsam, zu Reinheit, zu Gesetzestreue, zu Güte. ES ist aber auch Fortschritt, und bewußt und frei schöpferisch. Von Zeit zu Zeit spricht es die neue Erkenntnis des lebenden Gewissens aus. , *ü6i^e Gesetz war niemals hex bloße Ausdruck einer toten Vergangenheit. ES wurde Immer verlebeudtgt durch Sie Propheten und immer wieder neu auSgelegt und angewandt von der lebenden, fließenden Tradition der Rabbiner, der Nachfolger des Propheten, wie es die beste historische Forschung heute anerkennt. Ein solches Gesetz kommt nicht in seiner ganzen Fülle auf uns durch Pergament ober durch eine Stimme, eine Art Bath Kol. ES kommt auf uns durch die Vernunft und das Genüssen, es wird offenbar im Gedankenaustausch unserer Denker und Führer, unserer Lehrer und Schüler, in der Mitte derer, die Arbeit schaffen und vollbringen. Aber wenn es offenbar ist, verlangt eS Gehorsam. Das Judentum hat keine besonderen Privilegien für Minstler in bezug auf Moralität, noch für Propheten in bezug auf Unterordnung. Gottes Gesetz, das uns sagt: „Du sollst" und „Du sollst nicht" ist für den einzelnen bindend. Sin solches Gesetz. daS der Gerechtigkeit. daS der Vernunft und dem Gewissen, der werktätigen Liebe und der demütigen Lebenshaltung zugrunde liegt. Der moderne Mensch mutz Sem Gesetze gewonnen werben. Ohne Gesetz schwankt bas moderne Leben zwischen einem bluterhitzenden Heldentum, heißer Sinnlichkeit als entscheidender Lebensmacht und einem SpirrtuallsmuS. der die Erlösung deS Menschen durch Ertötung seiner natürlichen Instinkte herbeiführen möchte. DaS Judentum will Lebensfreude. Es berücksichtigt die Leidenschaften, Wünsche und Instinkte der Menschen, denn auf ihnen baut sich die Welt auf. Aber es zähmt und beherrscht sie. eS ordnet sie unter, ein höheres Gesetz von Recht und Pflicht. Unser Schöpfer hat uns vor die Aufgabe gestellt, die menschliche Natur nicht zu zerstören, sondern zu erziehen, zu beseitigen, was in ihr böse, zu nutzen was gut ist Eine der letzten Nummern deS Punch brachte ein treffendes Bild. Der englische GesundheitSwinister sah aus dem Fenster seines Amtszimmers hinein in die rauchlose Stadt. „Wenn es doch wieder diesen gräßlichen Rauch gäbe, jagt er, „i(q brauche ihn. um ihn zn beseitigen." Es gibt Menschen, die die menschliche Natur zerstören möchten, um die Welt „gut" zu gestalten. Andere möchten sie sich ganz selbst überlassen. Aber wir brauchen öte menschliche Natur, wie England den Rauch braucht, aber nur mustett hie und dort einiges unterdrücken und beherrschen, sie mutz wissen, daß ein höheres Gesetz über ihr steht. Ein solches Gesetz kann durch kein „verweichlichendes Heilsystem" ersetzt werden — ein Wort RuSkins, da er steht, datz man „Gerechtigkeit" öurch „Glauben" ersetzen will. Der geistige Gott spricht durch das Gesetz zu uns. Dce Wstsenschaft ordnet demütig ihren Willen den Gesetzen der Natur unter, ohne Laune, ohne Vorurteile, ohne Hochmut. Sie will nichts, als die Gesetze der Natur entdecken. Der moderne Mensch muß es lernen, vor dem Gesetz Ehrfurcht zu empfinden, vor dem Gesetz in der Ethik, in der Politik, in der Volkswirtschaft. Das Leben ist der große Entdeckungsweg zum göttlichen Gesetz, im Lichte der Offenbarung, dre uns zu diesem Zwecke durch Gottes Bolen, die hebräischen Propheten, gegeben wurde. Wenn der moderne Mensch das erfassen soll, wird er seine Religion revolutionieren müssen, denn das Judentum sieht in der Religion eine Thora, eine Erziehung, eine langsame Erziehung, nicht zeitweilige, freudige Botschaften einer übernatürlichen Erlösung. Das Judentum kennt keine Devotion vor Menschen, aber Devotion vor den Grundsätzen der Wahrheit, des Rechts und der Gerechtigkeit. Die Demokratie brach mit dem persönlichen Feudalsystem, das ganz gut zu dem damaligen System des Denkens paßte. Es konnte nicht von «einem neuen Persönlichkeitskultus abgelöst werden, es mußte endlich erkennen, daß, sowie es in seiner politischen Form Vertrauen in die menschlich», Natur bedeutet. eS in seinem innersten Wesen seinen Willen dem höheren Witten von Recht und Gerechtigkeit unterzuordnen hat. ES muß auf sozialer Gerechtigkeit die Welt aufbauen, waS geschieht, wenn Gottes Gesetze zur Herrschast gelangen, die höher sind als menschliche Willensäußerungen, höher sogar als demokratische Majoritäten. Endlich gibt das Judentum dem modernen Menschen die Gewißheit des unendlichen und unbegrenzten Fortschritts. Das Beste ist noch nicht erreicht, es soll noch erreicht werden. gm Judentum gibt eS nur Hoffnung, keine Erfüllung. enn jede Erfüllung tötet das Ideal, als wie die Kinder ihre Väter verschlängen. DaS Ideal der Synagoge war so hoch, daß sie gar nicht zugeben konnte, es in irgendeiner Der jüdische Messianismus ist leicht Jür die Hoffnung, schwer für die Erfüllung. Darum hat das Judentum jeden erschienenen Messias abgelehnt, darum hat das liberale Judentum i» vollem Verstehen der messianischen Hoffnung das Reich Gottes wiederentdeckt, dessen Begriff bester begriffen als den Begriff des Messias, dessen Personifikation eS ablehnt. Das liberale Judentum lehrt mit dem klassischen Judentum aller Zeiten, daß Gott einst über die gesamte Menschheit herrschen wird, die in seinem Willen geeinigt sein wird. Und in 200 000 Jahren werden Juden wie heute mit unseren Propheten von „der Zukunft" sprechen, in der Gottes voller Glanz erscheinen wird: Beheheritts Ha—. Namim. Die Synagoge, die Kencsseth Iisro-cl. ist einem ewigen Bräutigam vermählt. Gott. Sie ist treu, und in dieser Treue ist sie glücklich. Die Synagoge kann nicht sterben, sie mutz leben, und besonders im modernen Leben hat sie die Menschen zu lehren, Gott zu erkennen und zu lieben. Ihr Leben erhält das Licht von ihrem Glauben an eine bessere Zukunft. Sie kann frei mit den Anschauungen der Vergangenheit schalten und walten, da sie in ihrem unzerstörbaren Glauben an einen ewigen Gott fest verankert ist. Wenn der moderne Mensch einen festen Glauben hat, so ist es der an den Fortschritt. Er glaubt nicht nur an Evolution, an die fortschreitende Entwicklung der Natur, er glaubt auch an die Evolution und Vervollkommnung der menschlichen Gesellschaft. Auch er sagt: der Messias ist noch nicht gekommen, denn die Welt ist noch nicht vollkommen. Er weiß eS vielleicht nicht, daß fein Glaube an den Fortschritt seine religiöse Grundlage in Israel hat, das noch nie an einen Messias als erschienen glaubte, sondern immer aus sein Kommen wartet. -vtx. vj/iuwuv uii uic wiMiciünwctii oer «ceeie spien meines Erachteneine untergeordnete Rolle im Wesen der Synagoge, bas im Glauben an das kommende Gottesreich ruht. Der moderne Mensch beschäftigt sich zuviel mit diesem Glauben, und das hat ihn zu allerlei seltsamen Vorstellungen geführt. Ich glaube an die Unzerstörbarkeit der menschlichen Seele, und dieser Glaube macht mir Freude. ES ist jedoch etwas unbeschreiblich Kühnes in dem Glauben mancher alten Hebräer, der eS mit dem Mute moderner Männer und Frauen ganz gut aufnehmen kann: „Der Lebende, der Lebende." sagt König Hiskia, „er wirb dir danken, wie ich dir heute danke. Väter werden ihren Söhnen deine Wahrheit künden." ES genügt, in diesem Leben mit Gott zu wandeln und alle Geheimnisse deS Zukünftigen mögen ihm überlasten bleiben. Wir machen eS uns zu selten klar, wie stark wir GotteS Geduld auf die Probe stelle», wenn wir verlangen, ewig zu fein wie er. Ich ertappe mich manchmal dabei, zu denken, ich glaube an dre Unsterblichkett -er Seele,' aber für einen Judsu jtz

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