Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 35 (27.8.1926)
- Date
- 1926-08-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Jahrgang Nummer 35 i Beilage 27. August IS« Die jüdische Gegenwart Ausschreitungen gegen Gstjuden in Paris In der Nacht zum 17. August ist es im Pariser Viertel Belleville. wo sich zum großen Teil aus dem Osten eingewarrderte Juden angesiedelt haben, zu ernsten Ausschreitungen des Pariser Pöbels gegen die jüdische Einwohnerschaft gekommen. Ursache zu den Ausschreitungen gab ein Vorfall im Caf6 Sadoul. wo ein jüdischer und ein tschechoslowakischer Gast aneinandergeraten waren. Der Tscheche griff den Juden an. worauf dieser in der Abwehr ihn zu Boden schlug. Der Tscheche verlor für einige Zeit das Bewußtsein. Es verbreitete sich nun das Gerücht, ein Jude hätte einen Franzosen totgeschlagen. Der Pöbel stürzte in das Cafö, demolierte es und mißhandelte mehrere jüdische Gäste zum Teil schwer. Die antijüdischen Ausschreitungen dehnten sich über die Straße und andere Lokale aus. Die Menge stürmte ein Restaurant, in welchem eine etwa 30 Personen zählende Gesellschaft ein Bankett abhielt. Die Gäste wurden mißhandelt und die Inneneinrichtung demoliert. In den umliegenden Straßen wurden mehrere jüdUche Passanten mißhandelt. Einer der Angegriffenen, der Fleischhändler Jancowitz. schoß in der Abwehr auS einem Revolver in die Luft. TieS erbitterte die Menge noch mehr, die Ausschreitungen nahmen einen turbulenten Charakter an. Mehrere jüdische junge Leute wurden mißhandelt, einer derselben erlitt einen Knochenbruch im rechten Arm. Die Polizei-Posten waren anfangs der Menge gegeniiiber machtlos, als dann Verstärkung herankam. wurde die Ordnung wiederhergcstellr. Einige der Rädelsführer sowie der Jude Jancowitz, wurden verhaftet. Im Verlaufe des Dienstag herrschte im jüdischen Viertel eine nervöse Stimmung. Gassenjungentrupps machten Versuche, die Ausschreitungen zu wiederholen. Die Polizei war aber rechtzeitig zur Stelle und schaffte schnell Ordnung. Die Ausschreitungen werden auf die nervöse Jnflationsstimmung zurückgeführt. Man glaubt, daß angesichts der Wachsamkeit der Behörden eine Wiederholung dieser Vorkommnisse nicht zu befürchten ist. Fürsorgeral wehgers Beschwerde Die Beschwerde des sozialdemokratischen FürsorgeratcS Max Metzger an die Landesregierung Wien gegen den Vorstand der Wiener israelitischen KultuSgemeinde. der am 26. April beschlossen hat, 50 000 Schilling für Palästinazwecke zu geben, hat in allen jüdischen Kreisen ungeheueres Aufsehen verursacht. Die jüdisch-nationale „Wiener Morgenzeitung" goß ihre Galle sofort über Herrn Metzger auö, wie es ja nicht anders von dieser Zeitung zu erwarten war. Dem Beschlüsse des Vorstandes ging ein heftiger Kamps in der Knltusgemeinde voraus. Die Jübischnationalen hatten in der Knltusgemeinde den Antrag eingebracht, der Vorstand solle für zionistische Zwecke alljährlich 50060 Schilling bewilligen. Diesem Ansinnen widersctzte sich die Mehrheitspartei, die sogenannten Unionisten. Sie mar auch ernstlich bestrebt, den Kampf/den die Jüdischnationalen pngekündigt hatten, mit ihnen aufzunehmen und keinen Heller von Steuergeldern für diesen angesprochenen Zweck zu bewilligen. Der Vizepräsident der KultuSgemeinde, Herr Dr. Ornstein. fragte in einem Rundschreiben bei verscksiedenen Kultusgemeinöen deS In- und Auslandes an, wie sie sich zu einem solchen Antrag der Zionisten verhalten würden. Die Jüdischnationalen, die von dieser Rundfrage Kenntnis erhielten, eröffncten nun in ihrem Parteiblatt und in Versammlungen ein Trommelfeuer von Jnjektiven gegen Dr. Ornstein. Der Vizepräsident, der eine weiche, keine Kampfnatur ist und nicht im Mittclvunkte so gehässiger Angriffe sein wollte, wurde nun mürbe gemacht. Die Verhandlungen mit den Jüdischnationalen wurden wieder ausgenommen. Man einigte sich, indem man die angesprochenen 60 000 Schilling in folgender Weise verteilte: An den Keren Hajessod 25 000 Schilling, an den Keren Haiischuw 7500 Schilling, an den Palästinaarbeitersonds .2500 Schilling und für die Chaluzim 16 000 Schilling. Herr Metzger, ein intelligenter, mit vielem jüdischen Wissen ausgestatteter guter Jude, steht auf dem allgemein jüdischen Standpunkte, Paläftinaaufbau zu fördern. Für solche Juden, die in ihrem Daterlande wegen ihres Judentums verfolgt werben, aus Palästina eine gesicherte Heimstätte zu schaffen, aber nur aus Privatmitteln. Die Kultusgemeinöen sollen und dürfen die oft mit Zwangsmitteln eingetriebenen Kultussteuergelder nur für Institutionen ihrer Gemeinden verwenden, wie dies ja ausdrücklich die Statuten der Wiener israelitischen KultuSgemeinde besagen. Und in Wien gibt es noch viele notleidende jüdische Institutionen. Um nur einige zu erwähnen: DaS Elisabetheim, in welchem man nach dem Ausspruch einer Vorstandsdame mittags nicht weiß, woher man abends Nachtmahl für die Zöglinge herbeischaffen soll. Die mit Oeffentlichkeitsrecht ausgestattete Volks- und Bürgerschule „Talmud Thora", die ihren langsährig dienenden Lehrern ihren Monatsgehalt nicht auszahlen kann. Das jüdische Blindeninstitut, das ebenfalls nur von Betteln sein Leben fristet. Das jüdische Taubstummeninstitut, öaS bereits 80 Jahre besteht, ist vor dem Zusammenbruch. Die Lehrer können nicht bezahlt werden, und als vor etwa zwei Monaten das Kuratorium sich an den Kultusvorstand um Hilfe durch Uebernahme oder Subvention wandte, wurde es mit der Motivierung abgewiesen, es sei kein Geld vorhanden. Jetzt werden mit der sozialdemokratischen Stadtgemeindc Verhandlungen um Uebernahme gepflogen, die es in diesem Falle interkonfessionell einrichten würde, wodurch der jüdische Charakter dieses Instituts gänzlich verloren ginge. Hätte man aber die 50 000 Schilling diesem örtlichen Institut gegeben, so wäre dieses altrenommierte jüdische Taubstummeninstitut gerettet. Aber auch das Wqhltätigkeitswesen der KultuSgemeinde steckt noch in vormärzlicher Zeit. Wie könnte man dies mit jährlich 50 000 Schilling Heven und ausbouen! Die Jüdischnationalen, die den ewigen Kamps in die Kultusftnve hineintrugen, terrorisieren alles, was sich ihren Wünschen nicht fügen will. Der Zionismus in Wien hat aber keinen Halt mehr, weshalb die Führer in der KultuSgemeinde durch ihr Geschrei und Gepolter den Zusammenbruch verkleistern wollen. Aber kein vernünftiger Mensch läßt sich mebr von diesem Getue. daS seine Schlag, kraft gänzlich eingebützt hat. irreführen. Bei den letzten National- und GemeinderatSwahlen haben sie bereits drei Mandate verloren, so daß nur ein Schreier im Wiener Gemeinderat vertreten ist. Und dieses einzige Mandat der Wiener Zionisten haben sie auch nur dem 'Hereinfall der Unionisten zu verdanken, die mit ihnen damals Gemeinschaft machten, waS künftighin ausgeschlossen erscheint, weil dies die Unionisten tief bereue», In der Kultusstube haben die Jüdifchnattonalen ihre zehn Mandate auch nur den Unionisten zu verdanken, die sich überreden ließen, mit den Zionisten einen Pakt zu schließen. Künftig, hin werden die Jüdifchnattonalen gezwungen sein, in KultuSwahlen allein, zu gehen, wobei sie sicherlich nicht die Hälfte tbreS jetzigen Mandatsstandes erreichen werden. Das wissen die Jüdischnationalen am besten und haben Furcht vor der künftigen Kultuswahl. Die Unionisten haben nicht gut daran getan, sich dem Terror der Jübischnationalen zu beugen. Herr Dr. Ornstein sagte unserem Gewährsmann, sie wollen von den Jüdischnationalen Ruhe haben. Das ist aber kein richtiger Standpunkt. Sie hätten sich auf die Statuten berufen müssen. Die Unionisten hätten, mit Ausnahme der kleinen Zionistengruppe, die kaum 8000 Steuerzahler hat. alle übrigen sca. 60 0 00) Steuerzahler an ihre Seite. Das beweisen die zahlreichen mündlichen und schriftlichen ZustimmungSzuschristen. die an Herrn Metzger gelangen. Nun läuft die Beschwerde des Herrn Metzger, der sie auch, wenn eS nötig sein wird, beim BerwaltungsgerichtShof vertreten wird. Ein analoger Fall trug sich unter der Bürgermeisterschaft Luegers zu. Damals hatte die antisemitische Stadtgemeinde beschlossen, aus Steuergeldern Kirchen zu bauen. Lucian Brunner führte dagegen Beschwerde und gewann den Prozeß. Es wäre nun wünschenswert, daß die Beschwerde deS Herrn Metzger von Erfolg begleitet wäre, damit der Zerfall der Wiener Jübischnationalen jedem klar vor Angen tritt. Die jüdischnationale Welle würde mit dem Terror in Men verschwinden. Es würden Ruhe und Frieden in die KultuSgemeinde wieder einziehen. I.. Wien. G sage mir. Graf Gerindur. . . Die „Jüdische Telegraphenagentur" hat am 7. August 1026 die auch von uns wiedergegebenen Zahlen der Palästina- Ein- und Auswanderer im Juni bzw. Juli veröffentlicht, die blitzartig Sie Krise des Palästina-Aufbaus beleuchten. Die jüdische Rundschau" redet sich selbst gern ein. daß sie günstige und ungünstige Nachrichten über Palästina veröffentlicht und ihre Leser objektiv unterrichtet. Die .jüdische Rundschau" hat bisher regelmäßig über die Einwanderung in Palästina berichtet. Wann und wo hat die „Jüdische Rundschau" die Zahlen, die die ,/Jüdische Telegraphenagentur", die den Zionisten nahesteht, am 7. August mitgeteilt hat, zum Abdruck gebracht?. U. A. w. g. Die Beschlüsse der „Ort"-Tagung Wir hatten bereits eingehend über die dritte Internationale Konferenz des Verbandes „Ort" berichtet, die am 11. August geschlossen worden ist. Wir tragen hier die Beschlüsse nach, die auf Grund eines ausgezeichneten Referates des Herrn Dr. A. Singalowsky, über .Wesen und Aufbau der „Ort"--Organisation" gefaßt worden sind. Die III. Internationale Konferenz der Verbandes der Gesellschaften „Ort" anerkennt die Verdienste der Zentral- Verwgltung auf dem Gebiete der Weckung des öffentlichen jüdischen Interesses in Amerika und Europa für die neue jüdische landwirtschaftliche Siedlungs-Bewegung in Rußland und stellt fest, daß, diese Arbeit in der gleichen Richtung fortgeführt werden muß. Nach Anhörung des Berichts des Vertreters des .Ort"- Verbandes in Rußland. Dr. I. Zegelnitzky, über die geleistete Arbeit und auch in bezug auf die aktuellen Probleme des wirtschaftlichen Aufbaues in Rußland auf der Grundlage produktiver Arbeit stellt die Konferenz mit Befriedigung die günstigen Ergebnisse dieser Tätigkeit fest. In Anerkennung der großen Bedeutung der Ansicdlung der jüdischen Binnenwanderer auf den neuen, für diese Zwecke bestimmten Bodenflächen. die der „Ort"--Verband nach Kräften zu fördern die Ausgabe hat, erachtet cs die Konferenz als besonders wichtig, daß in der kommenden Arbeitspcriode die Tätigkeit sich hauptsächlich darauf konzentriert. der jüdischen Bevölkerung die Ausnutzung jener Möglichkeiten zu erleichtern, die auf dem Gebiete der Siedlung in den gegenwärtigen Wohngebieten und namentlich in der Umgebung der Kleinstädte im Oüessaer Bezirk und in Weißrußland bestehen. Gleichzeitig beschließt die Konferenz. daß der ,Ort"-V erbau d von den Erfahrungen aus seiner intensiven Tätigkeit zugunsten der jüdischen Stadtbcvölkerung in Rußland in der Richtung ihrer Verwurzelung in Handwerk und Industrie weiter Gebrauch macht. 1. Die Konferenz spricht ihre besondere Anerkennung den Mitarbeitern von „Ort" und anderen Organisationen, die den Ausbau des jüdischen Lebens auf gesunden Grundlagen fördern und in der Richtung der Festigung ö-er alten jüdischen wirtschaftlichen Positionen und der Erwerbung neuer Positionen tätig sind. aus. 2. In Würdigung der Entwicklung der jüdischen Produktionsgenossenschaften in Polen beschließt die Konferenz die Unterstützung dieser Bewegung durch kreditweise Beschaffung von Werkzeug und Maschinen für die bereits bestehenden wie auch für die in Entstehung begriffenen Genossenschaften. 3. In Würdigung der Besonderheit der jüdischen Arbeitermassen in Osteuropa, unter welcher Lage die Arbeitslosigkeit fortwährend verschärft werden muß, beschließt die HI. Weltkonferenz von ,Ört". die Zentralverwaltung zu bevollmächtigen, die Organisationen und Institutionen der jüdischen Arbeiter in Osteuropa in ihrem Kampfe gegen die Arbeitslosigkeit und für das Recht der jüdischen Massen auf Arbeit tatkräftig zu unterstützen. 4. Bon dem Standpunkt ausgehend, baß für das große Werk der Produktivierung des jüdischen Lebens vermittels Kolonisation und Jndustriealisierung schon jetzt in immer wachsendem Matze akademisch geschulte, leitende Fachleute lAgronome und Techniker) erforderlich seien. — beschließt die III. ,Ort"-Konferenz. daß bei der Zentralvermaltung des ,Ort"-Berbandes eine besondere Kommission für die Angelegenheiten der studierenden jüdischen Agronome und Techniker geschaffen wird. In dieser Kommission soll die jüdische Studentenschaft vertreten sein. In einem besonderen Beschluß wird der großen Verdienste der Mitglieder der bisherigen Zentralverwaltung, insbesondere der Herren L. Bramson, Dr. A. Singalowsky und Dr. Lvovitch, gedacht. Anzeigen als Anzeichen Sir Alfred Mond, der bekannte englische Zionistenführer, gibt die Vermählung seiner Tochter mit einem englischen Christen bekannt. Die Trauungszeremonie fand am Sabbat statt. Der Zionist Sir Alfred Mond führte die Braut persönlich in den Schoß -er alleinseligmachenden Kirche. Sprechsaal Die Idee des Kultus — der Kultus der Idee Bon Rabbiner Dr. Gott schalt, Frankfurt a. Mai».! Die Ausführungen Wallachs-Aachen, über den Kultus haben vier ,/Gegner" auf den Plan gerufen. Ich fühle mich nicht berufen, die zweifellosen Entgleisungen und liebertreibungen des Verfassers zu verteidigen. Ich will auch gar nicht leugnen, daß er in der Wahl seiner Beispiele eine wenig glückliche Hand bewiesen hat. Aber ist es denn überhaupt „liberal", wenn man einem religiösen Menschen, btt seiner Sehnsucht Worte leiht, so überlegen und im Gefühl des Berufenseins gegenübertritt und teilweise mit -och wirklich sehr flachen Motiven. Und darf man überhaupt über eine religiöse Seele zu Gericht sitzen, die man ja gar nicht begreifen und der man nicht nachfühlen kann, ebe« weil man sie so nicht selber besitzt? Gibt es nur eine liberale Toleranz gegenüber Nichtliberalen und Zionist«« und keine gegenüber liberaler Auffassungen? Hat nichß eben die „Weltkonferenz" getagt? Hat sie nicht zu einem Weltbund der Liberalen geführt? Und sind diese Liberale« nicht durchaus verschieden? Wer freilich nur seinen eigenen Liberalismus kennt» wer nicht längst Gelegenheit hatte. Umschau zu halten, di« mannigfachsten Stimmen anfzufangen, die verschiedenste» religiös-liberalen Nöte noch nicht an seiner Tür klopft« hörte, der mußte freilich über die Ausführungen Wallach-«, soweit ihr Kern in Frage kommt, verwundert und gar entsetzt sein. Wer sich aber die Forderung der WeltkonfereU» längst zu eigen gemacht, sie längst propagiert hat. daß -er Liberalismus den „Denk- und Lebensverhältnissen" der Zeit Rechnung, aber auch wirklich Rechnung tragen Este» der wird dort wichtige Stücke seiner eigenen und wicht««» Stücke der Auffassung sehr, sehr, sehr vieler unter ittt&unol nicht zuletzt der „Indifferenten" wiedergefunden haben. Denn es gibt eine Kultusnot. und das „einheitlich^ liberale Gebetbuch wird daran gewiß nichts ändern. EU gibt diese Not nicht etwa bloß wegen der oft behandelte« Zcitfrage, die dann wieder zu der einseitigen Fordert«« des Sonntagsgottesdienstes führte. Daß hier Uebel zu heben sind, habe gerade ich schon längst betont. Aber M« Wurzeln der Not liegen doch tiefer Die „LebensverhAtnisse", von denen wieder die Rede ist. find doch wohl rncht bloß äußerlich zu verstehen. Es handelt sich vielmehr all«« Ernstes daraus dem europäisch eingestellten lJu-en, bev nicht durch Beruf oder Tradition mit den alten Forme« verwachsen, oder wenn er es war. ihnen heute eben eurwachsen ist, einen Gottesdienst zu schaffen, den zu erllmge« er berechtigt ist. Man muß verstehen können und ltbereck genug sein, es dulden zu wollen, daß es Frömrnigkettstype« gibt, die eines regelmäßig zur bestimmten Zeit, nach immer gleichem Schema sich abrollenden Gottesdienstes nicht «IW nicht bedürfen, denen er vielmehr eben seiner Starrheit und Gleichförmigkeit wegen widerstrebt. Und nicht nur deshalb, sondern, weil sie sich in ihm als Menschen „Lebenö". ihrer Geistes- und Gefühlssphäre nicht wieder* finden. Nicht etwa, daß alle Zusammenhänge mit <öcr schichte kühn und restlos zerschnitten werden sollen, ave«, der Raum, den diese Zusammenhänge mit der Vergangene, heit gegenüber der Gegenwart einnehmen, sollte in mngee kehrtem Verhältnis zu heute ftvhen. Ob es sich nur fr« Texte handelt, ob um die Müsik. ob um — die Sprach». Ich verstehe gewiß auch nicht, wie Wallach das Opfer -ech Intellekts von der Gemeinde verlangen kann, hebräischMW« dem Verständnis der „Funktionäre" zu überlassen. Mer. daß wir gegenüber der wesentlich zionistischen PropagaMa für das Hebräische den durch nichts zu ersetzenden Gefühl»-, wert der Muttersprache nachdrücklichst wieder zu betone» haben, ist ja gar keine Frage. Und ob gerade die CV.°-Zettung, die Zeitung des deutschen Inden, dazu berufen ist. Hebräische im Gottesdienst fordern zu lassen, wie geschehe«? erscheint mir mehr als zweifelhaft. ' Daß aber trotz dieses Hinweises nicht etwa mit „Reform" geantwortet werden kann, bedarf nach dem Barangegangenen keiner Erläuterung. Auch sie sorgt ja wut" für den Typ des ständigen Beters — der selbstverständlich nicht etwa als minderwertig, sondern nur als ander» fromm hingestellt werden soll — kultiviert trotz aller äuße-t reu Aendcrungen die Vergangenheit unendlich wehr avH die Gegenwart. , Wenn aber — und das muß das Ziel fein — für werlige religiöse Feiern mit immer neu zu gestalte»-«« „Liturgie", die ihre Texte und ihre Musik, die ihre Gesänge und ihre „Predigt" neben der Bibel wie svlbstvera stündlich perzüglich aus Stoffen der Gegenwart. neujüdisch«< religiösen in erster Reihe, weltlich-religiösen in zweiter M schöpfen hätten, mit Entschiedenheit eingetreten wird, so geschieht das natürlich nicht aus leerem AesthetizismuS. E« soll hier vielmehr nur das Symbol für das Welt-Religion-- Judentum geschaffen werden, das immer schärfer und mutiger herauszuarbeiten ist. Muß man betonen, daß „Welt" hier nicht bloß im örtlichen Sinn zu verstehen ist, sonder« daß es sich um das Letzte — für uns jedenfalls — handelt» die Religion weltlicher und dadurch die Welt religiöser M gestalten. Die Idee dieses Kultus muß also die Idee unseres Judentums für jedermann deutlich zum Ausdruck bringen. Hier müssen alle die gewonnen werden, die «w» gern übersieht, als „Dreitage-Fromme" gering einschätzt ustft in denen doch so oft. so oft eine gewaltige religiöse Energie steckt, die zu entfalten eine lohnende Aufgabe ist. — Aber es sollen ja nicht nur „Lebens"-, sondern auch „Denkanschanungen" berücksichtig werden. Ob man eS nun auch tun wird — offen und bis zur letzten Konsequenz? O8 man nicht doch nur Altes wiederholen wird, von Entwicklung reden und seelischer Auferstehung? Ist denn die Not nicht noch viel größer, die durchaus die Idee deck Kultus nicht zu einem Kultus der Idee gestalten will — für alle, die brennend darauf warten? Oder gibt es immer noch keine Idee der Religion und keine Idee von Gott und gibt es nur religiöse Ideen? Wlk man immer noch behaupten, daß „Ideen" nicht begeistern. daß man nicht ,Du" sagen kann zu ihnen, -atz ei» „Beten" mit ihnen nicht möglich ist? Kennt man immer nur noch die „Idee" eines Cohen, die selbstverständlich durchaus religiös, aber hinter der „Idee" eine- SteintHch, diesen wahren Nachschöpfer aller Propheten an urjtzdischem Gebalt, an hinreißender, bis in die Tiefe gehender Wirkung unendlich zurücksteht und sich das Herz erst grübelnerobert, während Steinthal von Seele zu Seele spricht. Ja, wer freilich nie derartiges fühlt, -er wirb auch hier nicht-! verstehen können. Wer nie bei der Bibel ergriffen geweilt» erschüttert, aufgewühlt, erhoben, getröstet — odwohl ihm Gott „nur" eine Idee, das Sinnbild restlicher Dollkommenheit. die Verkörperung des ,/brennenden Geheimnisse-" i» der Welt, wer nie diesem Gott sich so nahegefühlt, -atz er ihn als Kind seinen Vater genannt, wer niemals mit ihm su „beten" vermochte, h. sich erheben über Mtag Mtz