Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 35 (27.8.1926)
- Date
- 1926-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Religion und Leben Nu« ist es schon einige Jatee -er, daß unser verehrter förcuitö Helix Lo-len» in -er Wüte seiner yaüre non unS serufen wurde. Wer ihn auch nur einmal, in dem Tempel in -er HohauniSsttatze zu Berlin oder in wtfienlchaftlicher Diskussion, gehört hat. dem ist diese einprägsam« Gttmme und Sie nmn-ervoll-einfache Diktion dieses frommen Huden, der zugleich einer der begnadetsten Kanzelredner war. tief ins Gedächtnis gezeichnet. Jetzt wirb die Erinnerung an Liesen prachtvollen Menschen und Führer des liberalen Judentums von neuem wachgerufen werden. In Sen nächsten Tagen wird -er Philo-Berlaa m Berlin in einem schmalen Prachtbande Felix Loblenz' Berliner Predigten herausbringen. Wir begrüßen dieses, unserem allzu früh uns entrissenen Freunde gesetzte Denlmal. von dem starke religiöse Sammlung ausgehen kann. Wir werden seine Prediätkunst eingehend würdigen, sobald daS Buch der Oeffentlichkelt zugänglich ist. Schon heute sind wir durch die Liebenswürdigkeit de- Philo-Berlages in der Lage, einen Vorabdruck zu veröffentlichen. Wir haben Teile aus einer Predigt „Religion und Leben" gewählt, die der teure Tote einst im April 1920 gehalten bat und die in besonders ausgezeichneter Weise einen Blick in seines Wesens Tiefe tun läßt: Religion als Sie treibende Kraft unseres Lebens! Wie sollen wir das verstehen? Für unsere Brüder der alten Richtung ist die Antwort von selbst gegeben. Mit freudiger Hingabe machen sie sich die Forderung zn eigen: wir sollen die Religion in den Dienst unseres Lebens stellen! Und sic fassen den Gedanken so auf, daß sie alle Satzungen der religiösen Ilebcrlicfcrung in ihr Leben einfügen und durch gewissenhafte Befolgung sie der Nachwelt erhalten. Gott hat nach ihrer Meinung diese Satzungen gegeben. Sie sind also unantastbares, göttliches Gebot. Uns liegt die Pflicht ob, sie als göttliches Gebot zu halten, unser aanzeS Leben gleichsam mit ihnen zu erfüllen und zu durchtränken. Wir verhehlen uns nicht, daß in dieser Auffassung eine (Geschlossenheit der Lebensführung liegt, die Anerkennung und Bewunderung verdient. Es ist etwas Großes, wenn man bei allen äußeren Vorgängen des Menschendaseins die Religion mttsvrechen läßt und so durch zeremonielle Handlungen das ganze Leben heiligt. Wir haben volles Verständnis für diese Art, Religivn und Leben miteinander zn verbinden. Und doch müssen wir unS fragen, ob -eine solche Auffassung gesund ist, ob sie den Forderungen gerecht wird, die das Leben an uns stellt und mit denen wir uns auseinanöersetzen müssen? Was verstehen wir denn unter Leben? Doch nichts Fertiges, nichts Abgeschlossenes, sondern etwas Gwig-WerdendeS, das in ständiger Entwicklung dahinflutet und niemals stillesteht, etwas, das an jedem Tage sich erneut und verjüngt. Leben heißt für uns vorwärtsschreiten, heißt wirken und schaffen, um durch die Arbeit von heute das Gestern zu überholen. Leben ist die Summe der Leistungen. die wir an jedem Tage aufs neue vollbringen, um unserem Dasein einen gesunden Inhalt zu geben. Wenn also die Religion dem Leben dienen will, dann muß sie selbst etwas Lebendiges sein, eine lebendige Idee, die auch durch ihre äußeren Formen mit lebendiger Kraft das Leben befruchtet. Religiöse Bräuche, die dem modernen Leben fremd geworden sind, weil eine andere Zeit unter anderen Verhältnissen sie geschaffen hatte, kann man wohl halten ans Pietät. auS Tradition, aus romantischer Gesinnung. und man mag von ihrer Uebung persönlich auch befriedigt werden. Aber etwas Gequältes und Ungesundes liegt doch darin; denn man macht dann nicht die Religion dem Leben dienstbar, sondern man kehrt has Verhältnis um: man erhebt die religiöse Form zur Herrin über das Leben, man sucht die lebendige Entwicklung durch toten Brauch -st meistern. And darin liegt ein^ furchtbar ernste Gefahr, eine Gefahr, der airch unsere strenggläubigen Brüder nicht entgangen sind: sie schließen sich dadurch von dem Leben der anderen ab und leben ihr Leben für sich. Sie richten gleichsam eine hohe Mauer um sich auf und schaffen ein künstliches Gettho, das sie von der Mitwelt scheidet. Allein ihr Wille verlangt's. und niemand darf deshalb mit ihnen rechten. Aus ehrlicher Ueberzeugung suchen sie in ihrer Art Religion und Leben zu verbinden. Sie sind -er Folgen sich bewußt. Wir schätzen die Konsequenz ihres Handelns. Welch wohltuender Gegensatz zu der inneren Unwahrhäftigkeij der jüdischen Kreise, die zwar den alten Formen keinen Einfluß mehr auf ihr eigenes Leben einräumen, aber doch nicht den Mut finden, mit dem Abgestorbenen zu brechen und Neues an seine Stelle zu setzen! Sie lassen alles gehen, wie cs geht. Nur nichts ändern! Nur nicht die Religion auch in ihren äußeren Formen zu lebendigen Kraft werde» lassen, die ihnen für ihr Lete» «ttval geben könnte! DaS würde Schwierigkeiten -ringen! Würde U.urute. schäfte» vnd «* Mf««#1 ihrer B^Lnlichkeit ans. rütteln! Lieber soll alle» »leiben wie e» ist. Lieber soll die Religion raufend«« abtterbe». rausende» verloren-ebe», als fa| fi« selbst eine» Kampf für da» Neu« «aae» sollten. Die Glei-atzltieckeit mag wachse», wenn nur der äußere Friede« bleibt. In -er State de» total taten st, die Ruhe einer füllen Entwicklung. Sie täuschen sich sewst und täusche« die anderen. Durch ihre Schuld büßt die Religion für so manches Menschenherz die Segenskraft ein. die Leben K, weil sie selber Leben ist. Durch ihre Schuld stirbt ligion für viele dem Lebe» ab. Mir scheint, hier gibt es nur ein Entweder-Oder. Entweder man läßt die alten Formen auf sei« Lehen wirken, dann muß man auch stark genug sein, der religiösen Ueberzeugung Opfer zu bringen. Man muß die Formen wirklich leben. Oder man sucht neue Formen zu schassen, die für tan Menschen der Gegenwart lebendige Kraft bedeuten. Ein Drittes ist nicht möglich. Wir wollen die Religion dem Leben dienstbar machest. Durch neue Formen zu neuer Kraft! Mer nicht nur durch neue Formen. Formen sind etwa» Aeutzerlichcs. Religion ist etwas Innerliches. Das Innerliche hat äußere Formen nötig. Das wird so bleiben, solange wir Menschen sind. Aber das Innerliche darf sich im Aeußerlichen nicht erschöpfen und verlieren. Fm besten Teile seines Wesens muß es innerlich bleiben. Religion ist trotz aller äußeren Formen das innerlichste Gut. dal wir besitzen. Und deshalb muß sie auch in ihrer tiefsten Wirkuna den inneren Menschen packen. Das ist der andere Sinn des Wortes: Religion, die treibende Kraft unseres Lebens. Sie soll unsere Gesinnung beeinflussen, soll unseren Charakter bilden helfen, soll sittlich wertvolle Menschen aus uns machen, Menschen, die ihr ganzes Leben mit religiösem Geiste erfüllen. Wodurch wird die Religion dieser zweiten Aufgabe gerecht? Wdl schenkt sie uns an inneren Werten, die neue lebendige Kraft in unser Leben hincintragen? Man weist gewöhnlich auf die vorbildliche Gesinnung hin. die aus dem Wirken der Propheten zu uns spricht und Maßstab und Richtschnur für unser eigenes Wirken werden soll. Man sagt: eine Religion, die solche Charaktere hervorgebracht hat. wird schon durch diese Tatsache allein zum religiösen Erzieher unseres inneren Menschen. Das ist sicherlich richtig. Aber die Propheten bilden doch nur den Höhepunkt in der religiösen Entwicklung unserer Gemeinschaft. Sie sind die großen Pfadfinder, die der Genius Israels der Menschheit geschenkt bat. Wir blicken zu ihnen emvor. Wir eifern ihnen nach. Wir stellen sie als leuchtendes Ideal in unser Leben hinein- Aber das allein genügt nicht. Eine Religion, die wirklich Leben für uns werden soll, darf nicht nur in ihren großen Führern vorbildlich für uns sein. Sie mutz als Ganzes auf uns wirken, als Ganzes uns etwas geben können. Selbst in den Vorschriften und Bestimmungen, die längst tot und abgestorben für uns sind, müssen wir noch den Geist erkennen, aus dein heraus sie geschaffen wurden. Und der alles beherrschende Geist des Judentums ist der Geist des Gemeinschaftsgefühls, der Geist des sozialen Denkens. Mit freudigem Stolze dürfen wir darauf Hinweisen, Berantwortlichkeitsgesühl im Dienste der Gemeinschaft ist von je und je der lebendige Geist des Judentums gewesen. Umschau. In Nr. 6s der „Jüdischen Rundschau" vom 17. August beschäftigt sich ein Leitartikel «Der Kampf g-egen den Zionismus" wieder mit den Liberalen und insbesondere mit der .Jüdisch-liberalen Zeitung". Die in Nr. 93 enthaltenen Artikel über Palästina veranlassen die „Jüdische Rundschau" zu einem derartigen Wutausbruch, wie er selbst in den Spalten dieser gewiß eine gute Klinge schlagenden Zeitung unerhört ist. Dir Nr. 33 unserer .Jüdisch-liberalen Zeitung" wird als ein „Dokument der Golusschande" bezeichnet: es ist von „publizistischem Abschaum" die Rede: ein sachliches Eingehen wird abgelehnt, weil man nicht weiß, ob nicht „auch dieses Mai wieder Wechselfälscher unter den Verfassern" sind, es sei „mit Freuden im Schmutz herumgewühlt worden" usw. Bezeichnenderweise geht der Artikel von der jüngst in Logenkretseri vielbesprochenen „Ritterlichkeit im innerjttöischen Kampf" aus und zeigt dannwie er diese „Ritterlichkeit" seinerseits ausgefaßt wissen will. ES wird einmal Zeit, daß man in der Oefsentlichkeit ein deutlich-es Wort über die mimosenhafte Empfindlichkeit der Zionisten spricht, dir immer dann sich einstellt, wenn sie die An« gegriffene» sind. Dann auf einmal besinnt man sich, wiei s« Kämpfen und Ringen der böse Gegner bas Forum dev Mtterttchkeit vertaffe» hat und dem Zionismus zu nahe^ Srete» ist. Wal liegt vor? Die vier Artikel, di« in dev t im Effekt aeg«n die zionistischen Palästinasiedlungew gestellt, die «er im Ton absolut einwandfrei und ohne jede persönliche Spitze sind, versuchen, zum Teil unter Be^ rntang aus eigene Angaben zionistischer Männer und zionistischer Zeitungen, die an Aussichtslosigkeit grenzendes Schwierigkeiten der Palästinasiedlung darzulegen. Ueber die technischen Seiten der Palästinafrag« kann man sehr zweifelhaft sein und ich weiß, daß manche Zionisten selber in wünschenswerter Offenheit die großen Schwierigkeiten der Palästinasiedlung sich und anderen zu Gemüte geführt baden. W i r ziehen daraus die Folge, daß man sich tunlichst zurückhalten soll, die Zionisten ziehen die Folge daraus, daß immer neue Anstrengungen und größere Kapitalien ist die Palästinaarbeit hineingesteckt werden müssen. Woher der Unterschied der Behandlungsweise bei sachlich gar nicht so großem Gegensatz? Die Zionisten dürfen dock nicht vergessen, daß für uns die Palästinafrage lediglich — wie auch! schon oft in diesen Blättern hervorgchoben —. als Teillösung des Siedlungsproblems der wandernden Judenheit in Betracht kommt, sie ist also für uns ein gewiß außerordentlich bedeutsames, aber doch immerhin ein Teilproblerst nicht allerersten Ranges. Für die Zionisten dagegen ist die Palästinasiedlung eigentlich das Kernstück ihrer ganzen Bewegung überhaupt. Für sie ist Palästina nicht eine Siedlung mehr, sondern sie sehen in Palästina ein geistiges, ein volk* liches Zentrum für die gesgmte Judenhcit. Sie erwartest von Palästina nicht nur eine Lösung der Judcntumssrage, sondern eine Erneuerung des Judentums in national-c jüdischem Sinne. Die Zionisten werden aber einiehen lernest müssen, daß die verschiedenen Problemstellungen auch eine verschiedene Beurteilung der technischen Möglichkeiten in Palästina sint sich bringen. Wer auf dem Standpunkt steht, daß mit Palästina das Judentum steht und fällt, wem Palästina die Heimat, die Länder -er Diaspora aber daS Golns sind, der muß natürlich auch zur Lösung noch so> großer technischer Schwierigkeiten den letzten Blutstropfen, den letzten Pfennig aufbieten, da das Judentum auf dem Spiel steht. Wer aber, wie wir. auf dem Standpunkt steht, daß das Judentum erhallen werden mutz ohne Rücksicht aus! Palästina, wie es sich ja 2000 Jahre ohne Palästina erhaltest hat. und wen lediglich, wenn auch in hohem Maße. die technisch-wirtschaftlichen Seiten der Palastinasiedlung interessieren. -er kann die Kritik, unbeschwert von der idealen! Voreingenommenheit der Zionisten, in viel tiefdringender Weise vornehmen. Das steht eben zu der Wichtigkeit der Palästinasieblung in einem ganz anderen Verhältnis, als! die Zionisten selbst. Wozu also der schauderhafte Lärm gegen jede, aber auch jede noch so objektive Kritik nach der technischen Seite hin? Warum verschmäht man es, mit einer stolzen Geste, auf derartige Bedenken sachlich einzngehen, und warum vor allem verschweigt man in zionistische« Blättern dauernd und systematisch den gläubigem Lesern die Tatsachen, die doch schließlich von ausschlag* gebender Bedeutung sind, daß wir religiös-liberalen Juden! unsere jüdischen Gründe haben, uns von der Palästinabegeisterung zurückzuhalteu. Gerade aus dem ersten Artikel! der so heftig angegriffenen Nummer der „Jüdisch-liberalere Zeitung" spricht eine religiös-jüdische Seele, es ivricht daraus der Wunsch, au einer gemeinsamen jüdischen Aufgabe, wie es trotz alledem jedes Siedlungsproblem ist. mit-i zuwirken. Gerade dem besten und überzeugtesten, dem! jüdischen Gemeinschaftsgedanken inmgsi anhängenden Juden wird die Zusammenarbeit mit Zionisten in der Palästl«« frage unmöglich gemacht durch die Verknüpfung des technische wirtschaftlichen mit dem nationalen Endziel der Zionisten, Handelt es sich wirklich nur üm die Frage größerer.otaL geringerer techuisch-r Schwierigkeiten, so könnte man ftdr getrost mit den Zionisten zusammensetzen und nach Lage der Sache hier geben, dort sparen, hier Geld, dort Menschenkraft einsetzeu. So liegt eS aber keineswegs. Wir weigern uns, der Zusammenarbeit mit den Zionisten in der Palästinas frage, wril wir nicht alles auf diese eine Karte setzen wollen. Wir machen uns zu Mitschuldigen, wenn wir hier die ganz grundsätzlichen Gegensätze vertuschen würden. Dabei stört unS keineswegs so sehr die Möglichkeit, daß sich in Palästina selber eine mehr oder weniger national-jüdische Gemeinschaft entwickeln könnte. Wir können uns vorstellen, daß. sei eS aus eigenem Willen der Juden heraus, sei es. weil es die Weltyolitik mit sich bringt, ein wirtschaftliches, jüdisches Nationalheim lauf den .Judenstaat" Herzl's verzichtet man jetzt selbst schon in offiziellen zionistischen Kreisens entsteht, Das erste Kind. (Zu einem Bilde von Lester Ury.) Auf fernen Bergen leuchtet das Morgenrot, Wild lodert die Brandung zuw Fe-ls. Auf starren Steinen vom Widerschein rot. Hockt stumm und versunken: der erste Mensch! Und neben ihm. auf die Knie gebückt, In ihren Schoß blickt zärtlich und still. Mit Augen so tief, wie der Erd' entrückt: Die erste Mutter — auf das erste Kind! Und als das Kleine zur Mutterbrust Zum rinnenden Liebe ssaste sie hüb: Da floß ein Strom von siegender Evdenlust Weit über die dürstende Welt. Ob auch dort drüben ein Gott zerbrach. Was feine Sehnsucht, sich stillend, gegeben: Hier unten, empfangen in Fluch und Schmach — Hier sprach zum erstenmal: das Leben! Thekla Skorra. Einiges über Mendelssohns Elias Zum achtzigjährigen Jubiläum seiner Erstausführung (36. August 1936). Von Dr. Leopold Hirschberg. Die dreizehn riesigen Tonpyramiden mit den Namen: Joseph. Israel in Aegypten, Josua. Jevtha, Deborah, Samson, Saul, Salomo, Äthalia, Susann«, Belsazar, Esther und Judas Makkabäus, die der tiefsinnigste und weiseste aller Oratorien-Tondichter, Georg Friedrich Händel, ausgezeichnet hat, stellen ein lückenloses Bild der biblischen Geschichte vom rein menschlichen Standpunkte dar. Nur Menschen von Fleisch und Blut — das hatte der Unsterbliche erkannt — vermögen als handelnde Helden im Oratorium aufzutreten. Die Namen: Mos« und EliaS fehlen in der schier unerhörten, bis heute auch nicht im entferntesten wieder erreichten, fast göttlich zu nennenden Rethe. Mit gutem Grund. Denn wer Wasser aus dem Felsen zu schlagen. Tag in Nacht zu verwandeln. Tote ins Leben zn erwecken und im feurigen Wagen gen Himmel zu fahren vermag, setzt sich außerhalb des den gewöhnlichen Sterblichen zugewiesenen Kreises. Er ist ein Wundertäter, und seine Taten gewinnen, wenn man sie dramatisch vorstthrt. den Charakter der Zauberei. Erzählt man sie aber mit den Worten der Bibel, als uralte und herrliche Legenden, dann glaubt man sie als Wunder des unsichtbaren Gottes. Mose und Elias können also nur in der epischen Form glaubhaft gemacht werden. Die scheinbare Lücke in Handels alttestamentlichen Oratorien wird für Mose durch das Riesenepos „Israel in Aegypten" für die Zeit deS Götzendienstes beim Auftreten deS EliaS dnrch „Athalia" geschloffen. Indem Felix Mendelssohn in seinem Oratorium „EliaS" einige der von dem Propheten vollbrachten Wunder dramatisch vorführte, war fein Werk, wenn man tan Hänbelschen Maßstab anlegen wollte, von vornherein zum Scheitern bestimmt. Das zu tun, wird aber niemanden bestallen; denn die Zeit der wahren Klaffizität ist längst und unwiederbringlich dahin. In ihrem rührenden und ernsten Bestreben, sich den verlorenen Formen fo stark wie nur irgend möglich zu nähern, in der Reinheit und Lauterkeit ihres Empfindens wird die Tondichtung deS edlen Meisters stets ihren hohen Wert behalten und ein festes Bollwerk gegen den bodenlosen Ungeschmack der heutigen Zrit bilden. Mach mir in den nächsten Wochen einen Text zu einem biblischen Oratorium, das ich Im Laufe heS ArmmerS komponieren könnte. Ich sagte Dir schon damals 2 Stoffe, die mir beide gleich lieb waren, Petrul u. Elias. Am liebsten wäre mir'S, Du nähmest den EliaS. theilest die Geschichte in zwei oder in drei Theile, u. schriebst eS hin mit Chören u. Arien, die Du entweder selbst dichtetest in Prosa oder Bersen. oder auS den Psalmen u. Propheten zusammenstelltest, aber mit recht dtcken.starken, vollen Chören^ Du magst es nun dramatisch einrichten, wie den MaceabäuS, oder episch oder auS beiden gemischt, mir wäre alles recht. Und willst Du Bibelstellen benutzen, fo lies yesalal eap. 60 u. SS bis zum Ende des Propheten, u. Jesaias eap. 46. «u die Klagelieder Jeremiä u. die Psalmen. Dann gibt sich Dir gewiß die Sprache u. Allel wie von selbst. Denke doch, was sch nach Deiner Meinung jetzt für etn« Art Oratorium schreiben müßte, u. so eins schick mir. Eß soll mein Hochzeitlgefchenk sein: el wäre mir haß liebste was Du «ir getan könntest: bitte »erseg el «t» nicht. In diesem an den ihm innig befreundeten Legationsrat Karl Klingemann nach London gerichteten Briefe vom 18. Februar 1887 hören wir zum erstenmal von dem Werke, das ihn von nun an Vis zum Jahre 1847 beschäftigen sollte. Klingemann aber, ein ganz geschickter Libretto-Dilettant» der Mendelssohn schon den Text zu dem Singspiel „Die Heimkehr aus der Fremde geliefert hatte, kam trotz vielfachen Drängens des Komponisten nicht über die Anfänge hinaus. Namentlich scheint ihm die schon hier von Mendelssohn aufgeworfene schwierige Frage über die Vermengung dramatischer und epischer Elemente zu große Mühe gemacht zu haben. So nahm denn der Tondichter seine Zuflucht zu einem im Jünglingsalter (1825) gewonnenen Freunde, dem Dessauer Pfarrer Julius Schubring, dessen Bibelsestigkeit — denn nur aus Worten der heiligen Schrift selbst sollte sich der Text deS Oratoriums zusammensetzen — er Vertrauen konnte*). Die erste Niederschrift der Schubringschen Textzusammenstellung, die im großen und ganzen maßgebend für die von Mendelssohn selbst gefügte definitive Gestaltung wurde, ist vom 28. Oktober 1838 datiert. In bunter Reihe erscheinen die verschiedensten Bibelstellen, namentlich Jeremias und die Kragelieder, Könige, Daniel, Hiob usw. Man kann den Gedanken an jene Neuschaffung eines Schillerscheu Gedichts aus einzelnen Strophen ganz verschiedener (Graf von Habsburg, Glocke, Mädchen auS der Fremde, Handschuh, Gang nach dem Eisenhammer usw.) dabei nicht loswerden, wenn auch ein die Aufeinanderfolge von Sätzen aus dem Hiob, den Psalmen und Daniel einen leiblichen Sinn gibt. WaS Mendelssohn aus diesem buntscheckigen Allerlei geschaffen, wie er es zu einer bedeutsamen Einheit verschmolzen, und vor allem, wie er das dramatische Element in den Vordergrund gestellt hat. bas ist schlechthin bewunderungswürdig und zugleich der beste Beweis für sein sicheres und feines ästhetisches Empfinden. Man muß den Briefwechsel mit Schubring (Leipzig 1893) und andern lesen, um beurteilen zu können, wie ein Künstler den ihm von einem Theologen überlieferten Rohstoff gestaltet. Die kühne Neuerung, dal Werk nicht, wie üblich, mit eirier Ouvertüre und einem Chor, sondern mit einem in feiner Kürze urgewaltigen Prolog de! Helden selbst beginnen zu lassen, ist durchaus des Tondichterl eigenste Erfindung, die allein schon die Lebensfähigkeit des Oratoriums für alle Zeiten sichert. Bo» einigen schwachen Stellen abgesehen (Szene der Witwe, der Königin und einige andere) ist in ihm eine solche Sülle edelster Melodik und sorgfältigster technischer Arbeit .«^«dchuormg, der als Dreiundachtzigjähriger erst .1888 starb, hat Mendelssohn um 42 Jahre überlebt. Ende 4