Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 34 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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/ '»»«> n t Sie Sislreditiemng der"' VikechW. Gin Nahnrus. Bon Lazarus Soldschmidl. Eö möglich, daß ein biederer Flickschuster, der zwar das laternlsche Alphabet beherrscht, von Sprachschatz und Syntax jedoch nur soviel versteht, um mit Hilfe eine- Wörterbuches den ungefähren Sinn eines lateinischen Satzes entziffern zu können, eine Geschichte deS römischen Reiches ^^ksten Quellen zu veröffentlichen sich anmaßen würde? Ist es denkbar, daß ein deS Griechischen völlig Unkundiger, wenn auch sonst ehrenwerter Staatsbürger über die Metrik Homers zu lehren sich erdreisten könnte? Wurde da nicht die ganze Zunft, die gesamte Fachpresse wie ern Mann auftreten, dem arroganten Eindringling b'rach r/’,urufen und das unkundige Publikum warnen? Das Publikum, das hinter hochfahrender Diktion, breitspurigem Wortschwall, Häufung von Zitatcu und langatmigen Fuß- und Endnotcn, womöglich mit Sätzen und Wörtern in ^r<Jd^'ri*cr Buchstabenform gespickt, ungeheures « . n und immensen Fleiß vermutet, ohne zu ahnen, daß alles Blendwerk: daß der Verfasser die genannten Quellen nicht gelesen, nicht zu lesen vermag, die Zitate sinnlos abgeschrieben und mißverstanden und die ganze Anlage des Werkes nur ein Ergebnis maßloser Unverschämtheit ist, die nur mit der suggestiven Wirkung auf das kritiklose Laienpublikum rechnet, sowie mit der Ueberzeugung, daß von den wenigen Fachleuten einem Teil durch Dedikationsexemplare und persönliche Beziehung der Mund geschlossen ist, während manche derartigen kompilatorischen Werken keine Beachtung schenken und andere hingegen nicht ins Weweunest greifen wollen. Was aber in der modernen Literatur kaum denkbar, in der Profanwissenschaft unmöglich, ist zu unserer Beschämung, zur schände der über die Pflege der jüdischen Wissenschaft wachen sollenden jüdischen Presse Erscheinung deS AlltagS. Arrogante Schmierer, die das Hebräische zu lesen kaum vermögen, auch von wissenschaftlicher Methode und Logik so wenig wissen, daß sie trotz der Hilfe des in allen Nöten beistchenden Wörterbuches aus den plagiierten Schriften haarsträubenden Unsinn herauslesen, schreiben dickleibige und sogar mehrbändige Bücher über Geschichte und Kultur der Inden „nach hebräischen Quellen"! Und die Presse? Die Kritik? Jkicht nur daß sie vor derartigen Schundwerken nicht warnt, sie fördert sogar den Diskrcöit der jüdischen Wn'senschast, indem sie derartige Machwerke über den grünen Klee lobt und den Verfasser zum Träger der jüdischen Wissenschaft erhebt. Mir liegt folgendes Werk vor: Haskalah. Geschichte der AusklärungSbewegung unter den Juden in Rußland von Dr. Josef Meisl. Berlin o. I. Vor diesem Werke warnt ein Fachmann, ein hebräischer nachgcwiesen, daß er die von ihm genannten Quellen gar nicht gelesen, daß das ganze Buch Plagiat ist und daß er sinn- und methodelos ans Encyllopädien abgeschrieben. Diese in hebräischer Sprache geschriebene Warnung blieb deM>,deutsch lesenden und schreibenden Publikum unbekannt, dag.'.^en aber finden sich in deutsch geschriebenen jüdischen Blninern folgende Urteile, wie sie kaum einem'Ranke zuteil rvnpsvn., mit denen Verlag und Autor krebsen. „Die^ von Mendelssohn ausgehende Entwicklung in ihrem Hauptstrom wissenschaftlich erfaßt zu haben, ist das hohe Verdienst des Verfassers. Das Werk ist eine der wichtigsten Vorarbeiten für die heißcrschnte Geschichte des Judentums im 19. Jahrhundert." („Jüdisches Volksblatt".) ^Sein Buch zeichnet sich durch große Vertrautheit mit dem Material aus . . Es ist aufrichtig jedem, nicht nur dem Historiker, zu empfehlen, ist es doch die einzige zusammenhängende Quelle, ans der man sich derzeit über diejenige Bewegung in der neuesten Geschichte deS Judentums unter, richten kann, die dem Chassidismus an Bedeutung gleick)- („Ter Jude") „Die gründliche, auf umfassenden Quellenstudien sundiertc Arbeit gibt auch dem viel zu bcui'cu, dem das Thema zunächst etwaS abseits liegt. . . . All das ist lehrreich zu lesen. MeislS Werk begrüßen wir alS einen großen Fortschritt in der Geschichtsschreibung der russischen Juden." („Jüdische Dolkszeitung") „Eine fleißig, aus einem umfassenden Material sich anfbonende Arbeit, die einen wichtigen Beitrag zur Kulturgeschichte der Juden liefert." „Jahrb. f. jüd. Gesch. u. Lit.".) „Eine glänzende Leistung . . . Eine fast sinnverwirrende Fülle von Material ist zu einem klaren Gesamtbilde der Aufklärungsbewegung verarbeitet worden." („Monatsschrift der im K. CT. ver. Korpor.".) „Ter Verfasser hat sich mit dem vorliegenden Werke selbst einen festen Platz unter den Geschichtsschreibern seines Volkes gesichert." („Israelitisches Familienblatt") „Wir haben es hier mit einer gründlichen historischen Arbeit zu tun, die sowohl für den Kultnrforscher wie für den einfachen Leser von großem Wert ist." („Jüdische Korrespondenz".) Nach dem bekannten rabbinischen Spruch „tcwen atem machnißim leaphrajim" würde es mir kaum je in den Sinn gekommen sein, diesem Buche irgendwelche Beachtung zu schenken, und seine völlige Wertlosigkeit u.nd die ungeheure Unwissenheit seines Verfassers auf einschlägigem Gebiete würde mir unbekannt geblieben sein, wenn nicht ein Umstand mich veranlaßt hätte, nach diesem Buche zu greifen. Vor kurzem verstarb zu Leipzig ein bekannter jüdischer Literarhistoriker und Bibliograph namens Zeitlin, der einer der berühmtesten Hastalah-Familien Rußlands entstammte. Mit der Lebens- und Familiengeschichte deS Genannten zur Zeit literarisch beschäftigt, hielt ich es für eine Pflicht der Gründlichkeit — trotz der obenerwähnten Warnung —. auch das Haskalah-Buch MeislS zu Rate zu ziehen. Dort ist auf S. 41 zu lesen: „Hochgewachsen, um Haupteslänge die Menschen der Umgegend überragend, breitschulterig, mit einer hünenhaften Brust und einem langen, wallenden Barte schritt er, stets nur in einen Mantel gebullt, mit leichten Schuhen und einem Hute wie die Lastträger durch die Straßen. Er war grundsätzlicher Vegetarier und genoß Wein und alkoholische Getränke selbst nicht an Sabbaten und Feiertagen. Nur selten aß er Fische und in Oel gebratene Kartoffeln, nur zu Ehren seiner Gäste trank er starken Kaffee ohne Honig und Milch, scherzweise „Melancholie" von ihm genannt. Im Sommer badete er täglich abends und morgens im See. im Winter rupfte er außer am Sabbat täglich morgens Geflügel, studierte dann fast den ganzen Tag und den größten Teil der Nacht, immer mit der Feder in der Hand, um die Ergebnisse seiner Studien sofort aufzuzeichnen . . . Wohltätig und edel war sein Wirken, und durch sein Wenn gewann er sich auch die Zuneigung jener ersten Chasiidim in Wotikin, die wegen ihrer barbarischen Sitten Asiaten genannt wurden." Der harmlose Leser, der das Leben der Juden im Osten nicht kennt, findet in diesen Zeilen nichts Auffallendes, der Folklorist findet hier ein Stück Kulturgeschichte, er glaubt dem „gründlich gelehrten" Verfasser, der „eine sinnverwirrende Fülle von Material verarbeitet hat", aufs Wort, daß Rabbinen im 18. Jahrhundert grundsätzliche Vegetarier waren, daß manche Hüte wie Lastträger trugen, daß fromme Männer ihre Morgenstunden mit Geflügelrupfen verbrachten, -aß unter den ersten Chassidim, besonders in Wotikin, barbarische Sitten herrschten, weswegen sie Asiaten genannt wurden, und dergleichen manches. Aber da staunt der Fachmann und der Kenner wundert sich, wie jemand die Unverfrorenheit besitzen kann, einen derartig heillosen Blödsinn einem Publikum zu bieten. Hochgewachsen konnte wohl der Rabbi sein, auch um Haupteslänge „die Menschen der Umgegend" überragen, daß aber ein der Kasteiung ergebener Mann, dazu noch ein grundsätzlicher Vegetarier und zum Geflügelrupfen verdammt, breitschulterig war und mit einer hünenhaften Brust, — das glaube ich kaum. Wann, wo trugen Lastträger, wohl die jüdischen, einen besonderen Hut? Welches Kultur- oder Kostümwerk berichtet darüber? Wollte man auch den Vegetarianismus in das rabbinische Judentum einschmuggeln, so bliebe noch immer ein Fische essender Vegetarier eine ganz sonderbare Erscheinung, und nach rabbinischem Gesetze dürfte ein solcher auch kein Geflügel rupfen. In Oel gebratene Kartoffeln mögen manchem Gourmand munden, zum Speisezettel der Ostjuden des 18. Jahrhunderts gehören sie jedoch nicht. Starker Kaffee „ohne Honig und Milch" mag wohl manchen melancholisch stimmen, ein sprachliches Rätsel bleibt es jedoch, wieso ihn der Rabbi, wenn auch scherzweise, Melancholie nannte, und ein psychologisches obendrein, daß jemand in melancholischer Stimmung zum Scherzen geneigt ist. DaS tägliche Baben im See zeugt wohl von lobenswerter Reinlichkeit, wer aber die Lebensweise und die Sitten der frommen Rabbinen kennt, wird wohl eher ein tägliches Tauchbad im Fluß vermuten. Daß der Verfasser den frommen Rabbi die langen winterlichen Morgenstunden mit Geflügelrupfen verbringen läßt, ist wirklich nicht schön,- er sollte diese Arbeit lieber seinem Weibe oder seiner Magd zuweisen und ihn die Morgenstunden mit dem Studium der Thora verbringen lassen, wie sonst in Jisrael Brauch. Das Studium immer „mit der Feder in der Hand, um die Ergebnisse seines Studiums sofort aufzuzeichnen", ist eine sonderbare Methode, wie sie Schreiber dieser Zeilen, der viele Rabbinen bei ihrem Studium beobachtet hat, noch nie gesehen. Recht hahnebüchen ist das, was über die „ersten Frommen" berichtet wird. Während diese im Talmud als äußerst fromm, gottergeben und tugendhaft geschildert werden und ihre Taten und Lebensweise jedem als Vorbild anempfohlen werden, werden sie von unserem Verfasser als Leute von barbarischen Sitten gekennzeichnet, die dieserhalb mit Schimpf belegt und „Asiaten" genannt werden. Wunderbares wird von unserm Rabbi berichtet und Sonderbares, was aber allem die Krone aussctzt, ist sein ungeheuer hohes Alter, das sogar einen Methusalem in den Schatten stellt. Von den „ersten Chassidim" ist uns historisch verbürgt, daß sie etwa zur Zeit Christi und früher lebten, und bei diesen Männern gewann unser Rabbi, der um die Wende des 19. Jahrhunderts noch zu den Lebenden zählte, Liebe und Zuneigung. Auch unserm „Kulturforscher" scheint die Sache ein wenig verzwickt und verdächtig, und aus diesem Grunde beschränkt er seine „Zuneigung" ans die Chassidim in Wotikin: aber trotz aller Mühe und Nachforschung gelang es mir nicht, irgendein Städtchen oder Dörfchen dieses Namens auf unserm Planeten ausfindig zu machen: auch der neueste Andree versagte, und eine Anfrage bei der Nerv-Porker Post, deren Findigkeit in den Zeitungen so sehr gepriesen wird, blieb erfolglos. All diese historischen, kulturgeschichtlichen, philologischen und geographischen Entdeckungen, die nach den oben angeführten Urteilen der „Fachpresse" wohl ein Ergebnis der „umfassenden Quellenstudien" sein sollten, wollten mir nicht recht in den Sinn. Ich verbiß mich vielmehr in die fixe Idee, das Wörterbuch habe unserm „Ouellenforscher" einen bösen Streich gespielt. Daß das ganze Buch Plagiat ist, sieht der Kenner auf den ersten Blick, wie aber bei der großen Zahl der diese Materie behandelnden Werke seststellen, welches an dieser Stelle abgeschrieben worden ist? Aber auch hierbei macht Erfahrung klug, und man hat seine Regeln. Ein gerissener Geschäftsreisender, der der Konkurrenz ein Schnippchen schlagen will, wird stets Leipzig als Reiseziel angegeben, wenn die Reise nach Frankfurt geht. Auch ein routinierter Plagiator wird, teils um Belesenheit vorzutäuschen, teils um irrczuführen, Unmengen von Quellen nennen und zitieren, nur nicht diejenige, die er wörtlich abschreibt. So gelangte ich zur Ueberzeugung, daß cs nur das Buch Kirja Neemana von S. I. Fünn sein kann, ans dem unser „Historiker" diesen Bericht „entnommen" haben kann, und siehe, tatsächlich heißt es aus S. 278 (der ersten Auslage) dieses Buches in wortgetreuer Uebcrsetzung: „Der Rabbi Binjamin war hochgewachsen (das Wort bedorv, in seinem Zeitalter, ist eine poetische Lizenz, aus Nidda 24b entnommen, L. G.) und von seiner Schulter an ragte er über das 'ganze Volk empor (nach 1. Sam. 0, 2). Ein in einen Mantel gehüllter Greis, mit über den Saum seiner Gewänder wallendem Barte (nach Ps. 133, 2, L. G.): er hatte leichte Schuhe an seinen Füßen und trug eine Zobelmütze auf seinem Haupte. Er aß weder Brot noch Fleisch, trank weder Wein noch irgendein Getränk, vielmehr bestand seine Nahrung aus Gemüsen und Früchten, selten auch aus Fischen und in Olivenöl getunkten Kartosfelu. Sein Getränk, nur bei Durst und Appetit und seinen Gästen zu Ehren, bestand ans starkem Kaffee, ungesüßt und ohne Milch, den er scherzweise „Mara-schechora" (Bitter-schwarz: m a r a heißt hebr. Galle, wonach das genannte Wort „Melancholie", schwarzgallig, bedeutet, L. G.) nannte. Morgens und abends nahm er ein Tauchbad im Fluß, und im Winter brach er sogar daS Eis ein, außer am Sabbat. Er studierte den ganzen Tag und die ganze Nacht, stets den Bleistift in der Hand, um etwaige Anmerkungen aus den Rand der Bücher zu notieren. Seinen Sitten nach ist er wahrlich mit jenen ersten (od. früheren) eifrigen Frommen zu vergleichen, die Essäer genannt werden, deren Lebensweise und Bräuche bekannt sind." Der der Kostümkunde gänzlich unbekannte „Lastträgerhut" entpuppt sich hier als alter Bekannter, als die berühmte Zobelmütze, die heute noch in manchen Orten das Haupt eines ehrwürdigen Rabbi schmückt. Da die kulturgeschichtlichen Kenntnisse unseres „Historikers" versagten, mußte zum Freund Wörterbuch gegriffen werden, das sabal mit Lastträger übersetzt. Das überflüssige Aleph ist zwar orthographisch ein unwillkommener Eindringling, jedoch bringt es einen „Historiker" nicht aus der Fassung, wie auch daS Braten von Kartoffeln in Oel, die lediglich eine gastronomische Angelegenheit ist, vielleicht seine folklo. ristischen Kenntnisse bloßen, seinen historischen aber gewißlich keinen Abbruch tun. Tabar gesisa debarda ist eine im Talmud gebräuchliche Wendung (Berachoth 18b), da aber dieser, wie wir weiter sehen werden, für unfern Verfasser prähistorisch ist, muß abermals das Wörterbuch helfen, in dem er gasas mit scheren übersetzt fand: da jedoch das Scheren von Tieren bei den Juden im Osten historisch nicht nachweisbar ist, dagegen aber das Gänserupfen, besonders in der winterlichen Gänsegriebenperiode, so wird gasas in übertragenem Sinne mit rupfen überseht. Für die Verwendung deS Wortes tabar und die Wiedergabe des Wortes debarda mit Geflügel finde ich denn besten Willen keine plausible Erklärung. Aber da fällt mir der Scharfsinn jenes Schantpächters ein, der das Wort efod mit Schwiegermutter übersetzte. Gefragt, wie er ans diese Uebersetzung komme, erwiderte er: „Es heißt in der Bibel choschen weefod, wenn nun chvschen Schwiegervater (chothen) heißt,so dürste wohl efod mit Schwiegermutter zu übersetzen sein." Auch unser Historiker läßt scharfe Logik nicht vermissen: wenn gasas rupfen heißt, sv kann logisch debarda nichts anderes als Geflügel bedeuten. Bewundernswert und erstaunlich ist die logische Assoziation unseres Historikers, mit welcher Konsequenz und mit welcher Meisterung der hebräischen Sprache, unter Anwendung von neuen, allen Grammatikern bisher unbekannt gebliebenen Sprachlizenzen, er den Bericht weitcrzuführcn versteht, so daß sich die Sätze wie die Glieder einer Kette einander genau anpassen. Im abgeschriebenen Text lesen wir, der Rabbi habe sich kol hajom, den ganzen Tag, und kol halajla, die ganze Nacht, mit dem Studium der Thora befaßt. Wo nahm er nun die Zeit her, allmorgens Geflügel zu rupfen? Schon mancher hat cs versucht. Kopf- und Handarbeit gleichzeitig anszuüben, aber von unserm Rabbi aber wird vorher berichtet, er l)abe „immer mit der Feder in' der Hand" studiert, so daß auch seine Hände beschäftigt waren. Unser Historiker übersetzt daher kol halajla den größten Teil der Nacht, so daß ein kleiner Teil zum Rupfen von Geflügel noch übrigblicb. Die chassidim harischonim sind jene ersten (oder früheren) Frommen auS der Frühzeit der tannaitischen Periode, die im Talmud häufig genannt und als Muster der Tugend und. Frömmigkeit geschildert werden: sie werden häufig (vgl. Berachoth 9b) vathikin (eifrig, fittenrein, tugendhaft, gottergeben) genannt. Jeder Nichthistoriker weiß, daß sie mit den bei Joscphus so ausführlich geschilderten Essäer n identisch sind: hebräisch heißen diese Assijim, was auch das angezogene Zitat berichtet. Wer vom Hebräischen nur etwas versteht und in die Literatur nur hereingerochen, kennt daS Wort Assijim als hebräische Ucbertragung für Essäer; wer von der jüdischen Geschichte nur wenig weiß, findet im Worte Assijim die Essäer, selbst wenn er vom Hebräischen nur das Alphabet kennt. Die „gründlichen und umfassenden Quellenstudien" unseres Historikers reichen jedoch nur bis auf Martin B u b e r, und sv kennt er nur die von Jisrael Befcht begründete Sekte des Chassidim, während seine glänzenden Kenntnisse der hebräischen Syntax, die den geographischen nicht nachstehen, aus Hawathi-kin einen Ortsnamen hervorzanbern und den Artikel ha in eine Präposition „in" verwandeln. Weniger Kopfzerbrechen bereitete ihm. das Wort Assijim. . Im Levyschen Wörter-, buche fand er das Wort Assia mit ,3$ i i c it wicdergegebcrr, wonach Assijim eigentlich Asier heißen sollte, wegen der „barbarischen Sitten" der Chassidim aber A s i a t e n heißen muß. Unerklärlich bleibt es, wieso der Verfasser dazu kommt, den gänzlich harmlosen, ja sogar tugendhaften Chassidim barbarische Sitten anzudichten. Selbst dieBescht- Chassidim, und dies sollte er aus Martin B u b e r wissen, trinken ja ihren Schnaps nur zu dem Zwecke, unt sich ekstatisch für den Gottesdienst zu erwärmen. Meine bescheidenen hebräischen Sprachkeuntnisse finden im Text kein einziges Wort, das auf derartige Sitten deuten könnte, der sich oft bewährende Scharfsinn des Historikers aber dürfte wohl daS Wort mischpat als Germanismus aufgesaßt und mi s ch u f t gelesen haben, deutsch: s ch u f t i s ch, wohlklingender: barbarisch: mischpat chajehcm nminhagehcm heißt mithin: barbarische Sitten, Lebensweise. Die Konstruktion des ganzen Satzes ist demnach zwar sprachlich nicht ganz korrekt, historisch aber — und mir haben es mit einem Geschichtsmerk zu tun — ist dagegen nichts einzuwenden. Der. geneigte Leser wird wohl gemerkt haben, daß hier nicht etwa eine Lese von Schnitzern bzw. groben Fehlern aus einem mehrere hundert Seiten fassenden Buche geboten wird, sondern eine aus wenigen Zeilen bestehende Stichprobe, auf die ich zufällig bei der ersten Benutzung stieß. Wollte man das ganze Buch oder auch nur einen einzigen Abschnitt einer Analyse unterziehen, so würde diese den Umfang desselben bei weitem übersteigen. Eine kurze Musterung von knapp fünf Minuten überzeugte mich, das; der Verfasser die von ihm genannten, beschriebenen und oft wegwerfend behandelten Haskalahmäuner gar nicht kennt, von ihnen kaum etwas gelesen und nur Notizen und Exzerpte, die jemand für ihn zusammengetragen, übersetzt (oft vollständig mißverstanden) und verarbeitet hat. Deklinierte Eigennamen, wie im Russischen üblich, treten oft als Grundnamen auf, während andere, weil er sic nur ans der hebräischen Transkription kennt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind. Ich nenne beispielsweise einen von ihm nagelneu erschaffenen Dichter Jehalel, der noch nie einen Standesbeamten mit der Eintragung seines Namens behelligt hat, noch je die Lunge eines Setzers mit Blei vergiftet. Wie kommt er auf diesen Namen? Der als Dichter und Schriftsteller bekannte Juda L ö w L e v i n unterschrieb oft seine, selbstverständlich hebräisch geschriebenen Aufsätze mit I. H. L. L.-(Jchuda Löb Lewin), den Anfangsbuchstaben seines vollen Namens: diese Kürzung fand wohl der Verfasser in den für ihn angefertigten Notizen, und da er die Abkürzungsstriche übersah oder mißverstand, schrieb er schlechthin Jehalel. Der auch um die jüdische Wissenschaft hochverdiente russische Gelehrte Daniel Chwolson, der fast ausschließlich deutsch schrieb, ist nicht nur jedem Orientalisten und Theologen, vielmehr auch (wegen seines wiederholten Eintretens für die Juden in Rußland in Schrift und Wort) jedem Glaubensgenossen bekannt: unser Verfasser einer Kulturgeschichte der Juden in Rußland hat weder von ihm noch über ihn je ein Wort gelesen, denn er schreibt David Chvolsohn, wohl nach seinem in hebräischen Lettern geschriebenen Zitatenkram, weiß jedoch über ihn zu berichten, er habe sich der Karriere wegen umtaufen lassen. Von der im Aufträge der „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden in Rußland" von Mandelkern verfaßten und preisgekrönten Geschichte Rußlands (in hebräischer Sprache), die der Ver, sasser nie gelesen hat und nie gelesen haben kann, wird hochfahrend und wegwerfend gesagt, sie sei wert- oder bedeutungslos. obgleich er die Geschichte Rußlands sicherlich nicht Vesser beherrscht als die feines.eigenen Volkes. — Das sind deine Historiker, Jisrael! 02