Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 34 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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' '{ .4 t > \ Die «ufklänrngSarLelt wird «lei Geduld und schwere Arbeit kosten, um zum Erfolge du führen. Die tendenziös auf. Sebauschte Geschichte von der Kreuzigung mutz auf ihren Wahrheitsgehalt zurückgefübrt werden, damit endlich kundige und gerecht urteilende Lehrer in de» Schulen da» Uebel an der Wurzel packen und die Jugend, b. h. die Zukunft, ohne Hab und Vorurteile über de» Stifter der christlichen Religion aufklänen. Krau» entwirft ei« großartig^ Pro. aramm zwecks Propaganda für diese AufklarungSarVeit, die darin bestehen soll, nicht Feindschaft zu säen und schreiendes Unrecht zu verewigen, sondern da» messtanische Zeitalter heraufzuführen, da» eine in Liebe und Gerechtigkeit geeinte Menschheit mit Triebe« und Glückseligkeit begnadet. Aber nicht blob die Gemeinschaft Israel-, sondern auch der einzelne Jude muß an dieser Aufgabe der Menschheit Mitarbeiten. Er dqrf stch nicht damit begnügen, ebenso ehrenhaft zu fein wie der DurchschnittS-Nichtjude, nein, er mutz moralischer sein, er mutz ihn an Adel und Gesinnung übertreffen. Seine ganze Leoen»führung mutz allenthalben die Ueberzeugung wecken, daß Judesein die Verkörperung der höchsten und idealsten Prinpizien eine» ethischen Lebensstils bedeutet. Das darf kein bloßer Ehrgeiz fein: der Mitmensch schätzt unS ja doch nur nach dem. waS wir find, und nicht nach dem. was wir zu sein scheinen. Trotz mancher unerfreulichen Zeiterscheinung Sahnt sich in Amerika in unseren Tagen ein gegenseitiges Verstehen, eine weitgehendere Sympathie für die berechtigten yoffnungeu und Bestrebungen von Nationen und Einzelpersonen an,' eine größere Toleranz gegenüber den Verschiedenheiten in bezug auf Glauben und Religion: eine größere Bereitwilligkeit, anderen diejenigen Rechte zuzubilligen. die jeder Mensch für sich selbst ersehnt, nämlich seinen Gott in seiner Weise und nach den Vorschriften feine» Bekenntnisses anzubeten: eine allgemeinere Erkenntnis der Tatsache, daß überall ans dem wetten Erdenrund das Herz der Menschheit tn der nämlichen Weise für eine Höherentwicklung des Menschengeschlechtes schlägt: und dah ein besserer Geist die Zusammenarbeit van Mensch und Mensch und Volk und Volk zur Höherentfaltung deeinzelnen wie der ganzen Mensch. heit burchglüht. Diese Hoffnungen und Erwartungen hat Adolf Kraus in seiner Botschaft niedergelegt, mit welcher er im April 1623 bei der Tagung der KonstitutionSarotzloae in Atlantic City nach nahezu dOjahriaer Tätigkeit im Orden fein Präsidium niederlegte. Leine Worte decken sich mit den Bestrebungen von Stephen Wtse der in seiner vielbesprochenen Kritik des Joseph KlauSnerfchen ChristusbucheS den jüdischen LhrtstuS flir öaS Judentum zu reklamieren suchte. Auf den Ton eines HiuauswachsenS deS Judentums zu einem allgemeinen Menschentum waren auch die Verhandlungen deS Londoner liberalen Weltkongresses gestimmt. Amerika ist der Ansicht, daß baS Judentum zuerst die Hand zur Berwirtlichung des prophetischen Ideals allgemeinen freien Menschentums bieten müsse — wir nüchtern denkenden, durch die Schule dc8 Judenhasses gehenden Europäer erwarten von der allmählich heranretfeuden Einsicht unserer Umwelt den Beweis für ihre Bereitschaft, daS GotteSreich der Liebe und Gerechtigkeit herauszuführen. BiS dahin hat cS leider noch lange Wege. Kritik dankend verbeten. Der bekannte glückliche Zufall weht unö einen Brief vom l6. August INS der Zionistischen Bereinigung sür Deutschland, „Politische- Sekretariat" an den Verleger deö Hamburger Israelitischen Familienblattes. Herrn Leßmann, auf den Schreibtisch. auS dem einige interessante Mätze wiedericgebcn seien: „Sehr geehrter Herr Leßmann. Wir gestatten unS. Sie auf Nr. 82 des .Famburaer Israelitischen FamillenblatteS" hinzuweisen. Wir müssen sägen, daß wir in letzter Zeit daS Gefühl steigender Unfreundlichkeit in der Haltung Ihres Blattes haben. Wir würben eS verstehen, wenn Sie an Hand eines konkreten Fallevon Bedeutung eine den zionistischen Anschauungen entgegengesetzte Haltuna einnehmen würden. Wir können unS aber nicht vorstellen, daß Seitenhicbe, zu denen nicht der geringste aktuelle Anlaß vorliegt, Ihre Billigung finden und im Interesse der doch im allgemeinen treu bewahrten Neutralität Ihres BlattcS liegen können. Wir glauben nicht, daß Jhrey Bemerkungen die Absicht zugrunde lag. den Palästina-Aufbau zu schädigen, ebenso wie wir nicht glauben können, daß Sie wünschen. Ihr bisher neutrale- Blatt in ein antizionistisches Fahrwasser zu lenken. Wir gestatten unS jedenfalls, Ihre Aufmerksamkeit aus diese Angelegenheit zu lenken, zumal uns die Herren Levu und Alfred Berger, mit denen Sie seinerzeit in ähnlicher Sache sprachen. unS mitgeteilt -oben, daß wir uns in derartigen Fällen an Sie wenden kannten. Mit vorzüglicher Hochachtung gez. Karl Glaser." ..... ebenso wie wir nicht glauben können, daß Sie wünschen, Ihr bisher neutrales Blatt in ein antizionistifcheS Fahrwasser zu lenken." So schreibt die zionistische Oberaufsicht in Deutschland an das „Hamburger Israelitische Familicnblatt". WaS ist qeschehen? 1. Eine antisemitische Zeitung batte die Tatsache, daß in zahlreichen Ländern die Jude« nationale MinderheitSrechte in Anspruch nehmen, zu einem Angriff gegen die Juden benutzt Daraus eine scharfe Zurückweisuna des Hamburger Blattes, das gleichzeitta feststellt, „wie gefährlich daS zionistische Jonglieren mit dem Begriff „nationale Minderbeitsrcchtc" ist" und objektiv hinzufügt, daß die deutschen Zionisten auf dieses Danaergeschenk verzichten. In London fand ein« Sitzung der AkttonS-KomiteeZ Ser Zionistischen Weltorganisation statt. DaS Israelitische Familieublatt veröffentlicht dessen politische Beschlüsse, die in Forderungen an die englische Mandatarmacht gipfeln. Es fügt eine Glosse bei. wonach England sich nicht gerade nach zionistischen Wünsche» richte und die Beschlüsse wohl auch mehr der Beruhigung der radikalen Jünger in Sen eigenen Reihen dienen sollten. Man wird unS gewiß nicht der übermäßigen Zuneigung zum Hamburger Israelitischen Familienblatt verdächtigen, dessen stark zionistisch angehauchte Berichterstattung in diesen Spalten oft scharfe Zurückweisung erfuhr. Hier aber hatte die Redaktion recht. Die zionistischen Forderungen an England machten stark den Eindruck „eines zionistischinnerpolitischen SchachzugeS." Und daß diese Wünsche nicht aus einen allzu gut gedüngten Boden sielen, wird erneut durch den Bericht der Mandatskommission des Völkerbundes an den Dölkerbuttdrat über die Führung des Mandats durch England erwiesen. Deshalb das Gefühl steigender Unfreundlichkeit gegenüber dem Zionismus? Deshalb der Druck auf den Verleger eines jüdischen BlaiteS, — der nun wohl Ser Uederzeuguna feiner Redakteure di« richtige Wendung geben soll? Man verletzt also die Neutralität, wenn man seinen Lesern eine objektive Kritik zionistischer Politik vvrsetzt. Man wahrt sie aber dann, wen» man Sie ziontMch gesävbten Berichte seines Berliner zionistischen Berichterstatterdruckt. Wir glauben nicht, daß Me wünsch« . . .?Lpjenti 8*1! Kritik am Zionismus dankend verbeten. Da» ottomanische Gesetz — ein Grundpfeiler des «Nationalen Helms". Von unserem palästinensischen Korrespondenten. R. F. Jerusalem, den 10. August 1926. Die zionistischen Führer, an die Wand gedrückt, müssen kleinmütig zugeben, bisher planlos gearbeitet zu haben. Von da oiS zu dem Geständnis, von den Ereignissen nicht weniger als die Geführten überrascht worden zu sein, ist nur ein kurzer Schritt. Die Presse dagegen — oder daS, waS man darunter versteht — bekennt sich noch immer nicht geschlagen und schwingt unermüdlich die Kübel mit unflätigen Schimpfwörtern aus dem eigenen Lexikon, ständig bereit, diese über daS Haupt deS WahrheitSwaghalfeS zu ergieße«. AlS die Nachrichten von dem Elend der Chaluzim in Palästina bis nach Berlin durchsickerten, und die zionistengegnerischen Blätter diese besprachen, da hat Herr Dr. Robert Weltsch in einem rundschauerlichcu Leitartikel von „einer Unverfrorenheit, sich zum Sachwalter der hungernden Arbeiter aufzuwerfen" gesprochen. Die Meinung der humanen Welt kann jedoch den Gedanken nicht von sich weisen: ES ist eine Berfrorenheit des Gewissens, an diesem Jammer teilnahmslos vorüber zu gehen! Die Arbeitslosigleit in Palästina manifestiert in Dasein noch immer säst im gleichen Umfang. Dies trotz der massenweisen Abwanderung des substanzlosen Elements nach dem Auslände: denn es kommen immerhin zirka 1100 im Monat herein, von denen 90 Prozent unbemittelt sind. Daß nicht eine größere Anzahl von Leuten Palästina verläßt, ist dem Mangel an den erforderlichen Spesenbeträgen und den —- Hafenverhältnissen zuzuschreiben. ES versuchen nämlich viele von den Chaluzim, sich auf ein in Jaffa oder Haifa verankerte- Schiff zu schleimen, um als Schwarzfahrer die Heimreise mitzumachen. Diese Experimente scheiterten jedoch durchwegs au dem Umstand, daß der Dampfer weit vom Ufer sestliegt und nur durch kleine Ruderboote erreichbar ist, die eben reinen Raum zum Verbergen bieten können. Mau würde cs sonst wagen, weil die schlimmstenfalls drohende Arreststrafe, im Betretungsfalle, nicht den Schrecken cinzuflößen vermag, wie bas unendliche Hungerleben. Es haben sogar fünf junge Leute den Gang durch die Sinai-Wüste nach Port Said nicht gescheut, um — wie sie bei ihrer Ergreifung in Port Said zu Protokoll gaben — vom dortigen Hasen die Heimreise anzutreten. Der Port- Offizier war auch bereit, die Burschen auf Staatskosten heimbefördern zu lassen jcS waren Reichsdeutsche). Doch die zionistische Exekutive bekam davon Wind und verlangte deren sofortige Rückstellung unter dem angeblichen Vorwand, für sie Arbeit in Bereitschaft zu haben: die Bemitleidenswerten warten noch heute aus diese Arbeit. Dieser Fall ist bekanntgeworden jnicht etwa durch zionistische Zeitungen!). Wieviele aber erreichen auf diese Weise ihr Ziel'? Seit einigen Wochen liegt eine Gruppe von Arbeitslosen der Palästina-Exekutive in den Ohren. Deren Ansprüche erscheinen dev Beamten unverschämt, daher unerfüllbar. Sie verlangten nämlich entweder Arbeit oder Retourspesen und stützen sich ans die seitens der zionistischen Organisation bei jeder Gelegenheit und Ungelegenheit verlautbarte Mitteilung, wonach dieselbe sür die mittels Zertifikat Herbezogenen ein Jahr hindurch haftbar sei. Da sich unter diesen 33 kein einziger befindet, der länger als sechs Monate im Laude weilt.' glaubten die Naiven, ein Anrecht ans Arbeit zu haben. Ta die Exekutive (Generalsekretär Krupskt) die Vorhaltungen der Delegation mit der Alarmierung der Polizei beantwortete, wandten sich die 35 an die Regierung mit dem Ersuchen, die Exekutive zur Einhaltung ihrer Verpflichtungen zu verhalten. Die Exekutive wußte nun, daß cs gelte, keinen Präzedenzfall zu schaffen, da ja nach weitere 7000 Arbeitslose den Verlaus der Dinge mit Spannung verfolgen und viele Nachahmer sich finden könnten. Sie bot daher vor der Entscheidung seitens der Negierung vier oder fünf von ihnen Arbeit sür zwei Tage in der Woche au: doch wurde dieses Angebot aus Solidarität entschieden abgelehnt. Am Tage der Vorstellung der Petenten vor dem stellvertretenden Gouverneur hot die Palästina-Exekutive ihre zwei Vertreter dahin entsandt, die dem englischen Beamten eine den Bittenden unbekannte Erklärung abgabcn, woraus der Entschluß den Leuten verkündet wurde, sie möchten sich am darauffolgenden Tage zur Exekutive begeben. Juridische Beratung stand in Ermangelung der Geldmittel nicht zu ihrer Verfügung: außerdem wollte kein jüdischer Rechtsanwalt sich der Sache annehmen und zum „Verräter" werden, wie die hebräischen Tageszeitungen „Haaretz" und „Dawar" die armen Schlucker nannten. Am nächsten Tage begaben sich elf auS dieser Gruppe zu den Räumlichkeiten der Exekutive, wurden aber nicht vorgelassen. ES ist ihnen nur von „Herrn Naqmani", einem unverantwortlichen Subjekt der Exekutive, bedeutet worden, sich zum Arbeitsamt zu verfügen. Dieser Vorschlag fand jedoch ihren Beifall nicht, da sie sich die Antwort deS zionistischen Arbeitsamtes leicht vorher ansmalen konnten. Sie wußten, im günstigsten Falle werde mau anderen Arbeitern die Arbeitstage kürzen — und zwar solchen, die schweigen können — um ihnen einen Tag in der Woche zuzuwenöen. Es kam zn Exzessen, die damit endeten, daß die Polizei herbeigeholt wurde und die „Ruhestörer" verhaftete. Einige von ihnen werden als „Kommunisten" des Landes verwiesen werden, die übrigen werden gesund und prügelbefriebigt entlassen werden, damit ihnen die Lust vergehe, billigerweise zu Obdach und Beköstigung zu kommen. Schläge und Handfessel — nach ottomanischem Gesetz — alS Beilage zu empfangen, wird sich mancher reiflich überlegen. Bedarf dies noch eines Kommentars? Bücherschau Aus der Arbeit des Heims des Jüdischen Frauenbundes in Isenburg, 1914—1924. Von Bertha Pappenhcim. Verlag R. Th. Hauser & C'o., 1926. „Schutz den Schutzbedürftigen und Erziehung den Erziehungsbedürftigen“, das war der Gründungsgedanke des Isenburger Heims, von der vorbildlichen Art, in der dieser Gedanke zu verwirklichen versucht wird, legt dieser Tätigkeitsbericht Zeugnis ab. Diese Broschüre sollte von allen, die in der jüdischen Wohlfahrtspflege Mitarbeiten, gekannt werden. Isenburg ist keine „Anstalt“ im üblichen Sinne. Es ist „Surrogat der einzig wünschenswerten guten Familienerziehung. ein Heim. Eine Heimat sollte es werden für jene schütz- und erziehungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen, denen der moralische Lebensodem auszugehen droht“. Wie hier Menschen ohne Vorurteile behandelt werden, wie ihren Schwächen Verständnis entgegengebracht wird, wie ihre Seelen geheilt werden, das kann man aus jeder Zeile dieses Heftes lesen. 1914 wird dem Heim ein zweites Haus für Schwangere und junge Mütter mit ihren Säuglingen angegliedert. Da prasselten die Moralpredigten: „Es gibt in der jüdischen Gemeinschaft keine entgleisten Elemente“, hieß es damals, und sich mit ..solchen Personen“ beschäftigen, sie nicht ignorieren, ihnen sogar menschlich.freundlich begegnen, kommt einer „Sanktion einer Förderung des Lasters gleich". (S. 9.} Isenburg ließ sich' nicht beirren und, wie die Statistik Jahre 1914—1924 zeigt, mit Hecht nicht. Die Liebe zum Kind und die Liebe zum Judentum sind die Grundpfeiler der Isenburger Arbeit. „Die ganze jüdische Messiashoffnung personifiziert sich in jedem1 Kinde, dem man helfen muß, an Körper und Geist heil, den Weg der Gottähnlichkeit zu suchen.“ (S. 24.) „Wenn es una sonst nur gelänge, in allen — nach Hillel — den Inhalt des Judentums m der Durchführung des Gebotes der, Nächstenliebe und der Erfassung der Zehngebote zur Richtschnur ihres Lebens zu machen, es wäre ein be^ glückendes Ergebnis unserer Bemühungen. (S. 27.) Und von den Freitagabendfeiern heißt es: „Nach diesen Freitagabenden haben alle unsere entlassenen Kinder Heim, weh." (S. 26.) . In dieser Wohlfahrtsarbeit merkt man den frischer! Zug, der leider auch in unseren jüdischen Wohlfahrtsämtern“ so häufig durch Bureaukratismus erstickt wird. Wie unangenehm wäre ihnen häufig der Satz, der hier verzeichnet ist: . . der Gedanke ist aufrechtzuerhalten, daß jede jüdische soziale Einrichtung Interesseneigentum der. jüdischen Gesamtheit Ist, von der unter Kontrolle dey Oeffentlichkeit Höchstleistungen zu fordern sind“ (8. 17.) Das deutsche Judentum schuldet Bertha Pappenheirrf für ihr großes Werk gewaltigen Dank. Wenn sie über den Mangel an Helferinnen klagt, so liegt das nicht, wie sie meint, daran, daß „den meisten Mädchen im Blute von dent Destillat des Schulchan-aruch fehlt, sondern daran, daß mm einmal die tiefen Persönlichkeiten in der Gegenwart selten sind. Daß sie trotz des Mangels an jungen Helferinnen immer neue Arbeiten im Isenburger Heim über« nahm, sei besonders anerkannt. Der recht informativen Statistik von 1914—1924 sinck ausführliche Bemerkungen von Hanna Karminski, Berlin* beigegeben. Walter Locwenstein. Daheim und draußen. Ein Jugendbuch von Max Speie?« Zweite vermehrte Auflage. 1926. Kauffmann, Frankfurt a. M. Preis: brosch. 2,50 M.; gcb. 3.59 M. Ein Symptom für die Lebenskraft eines Buches besteht! darin, daß es in zweiter Auflage erscheint. In einer poetischen, schönen Einleitung hat der Verfasser, bescheiden seine Aufgabe begrenzt. Das Büchlein bringt viel mehr, als er ankündigt. Silberglöckchen klingen mit schönem, hellem Geläute durch die Betrachtungen, die er anstellt-, überall vernimmt man Akkorde, die dem Herzen des Lesers ein klangvolles Echo wahrhaft ethischer Wirkung hinterlassen. Abgesehen von dem kleinen Fehler, daß! ab und zu hebräische Yulgärausdrückc vielleicht lieber verdeutscht oder durch Fußnoten hätten erklärt werden sollen, da doch alle jüdischen Kreise, selbst die indifferenteren, den Genuß des ganzen Büchleins voll in sich aufnehmen müßten, muß man zusammenfassend sagen: es wäre! ein Glück, wenn mehr derartige Perlen echt jüdischer Poesie! der Jugend zuteil würden, die den Jugendlichen ganz erj fassen und auch den Erwachsenen ergreifen können. I Jüdische Eltern, schenkt Bücher dieser Art eure« Kindern! Ihr gebt ihnen dadurch ein Stück jüdischen Erziehung und lenkt ihre Schritte ‘zugleich nach den Eicht, linien wahren Menschentums. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtenbcrg. Briefe an einen antisemitischen Freund. Von 1. R. Deutsch, Verlag Gustav Engel, Leipzig 1936. Die Vorwürfe der Antisemiten gegen das Alte Testament* gegen das deutsche Judentum und das Judentum überhaupt werden hier teils als unberechtigt zurückgewiesen, teils widerlegt, und zwar von einem vom Antisemitismus geheilte®■ Christen. Das Buch, vertritt in politischer, Beziehung Ansichten, die mit dem Geist einer Völkerverständigung, auf die hinzu« n. arbeiten jüdisches Gebot ist, nicht in Einklang zu bringen sind. Da wird von einem Deutschland phantasiert, das bei Verbindung von deutschem und jüdischem Geist in 100 Jahren Wirklichkeit werden soll: ..... cler Po, die Rhone« die Maas, die Narwa und Weichsel könnten wie früher die Grenzen Deutschlands sein in Europa, während Afrika im Süden niederdeutsch und in seiner Mitte hochdeutsch sein würde." (S. 125.) Als Mittel gegen „Defaitisten“ wird empfohlen, diese „unter dem Beifall des Volkes einfach kalt“ zu machen. Daß es im Weltkrieg nicht so geschah, ist nur auf die „weiche, widerwärtige Seite des deutschen Volkes“ zurückzuführen. Dieser politischen Anschauung entspricht die soziale. Auf Seite 115 heißt es von den unterere Schichten: „Möglichst viel Anwesenheitsgcld und möglich wenig Arbeit, das ist die Parole.“ Bei der Einstellung des Vor fasset s ist es nicht verwunderlich, daß man ihm auc-h in jüdischen Fragen nicht zustimmen kann. Da wird als Beispiel des wohlmeinendere j Juden der Assessor Caspaiy gezeigt, während andererseits 1 z. B. zur „Verteidigung4 von Freust angeführt wird, daß eigentlich die Schuld doch bei den Auftraggebern, nicht bei dem Beauftragten liege. Für den Verfasser ist der Jude „nicht allein zweisprachig, sondern er hat, solange er nicht auf dem Boden^ der Heimat seiner Vorfahren lebt, gewissermaßen zwei Seelen, zwei Gedanken, zwei Vaterlandc.“ (S, 133.) Ihm ist es selbstverständlich. ..daß die Juden’ weniger Veranlassung hatten, sieh totschießen zu lassen, als die Deutschen, die ihr eigenes Land verteidigten.“ (S. 117.)| , Der gleiche Grundgedanke kehrt wieder in der Auffassung: i Den Juden ist es doch wahrhaftig ganz gleich, welche Flagge 1 wir Deutschen haben, ob schwarz-weiß-rot oder schwarz-rotfold. wenn sie nur ihre alte Davidsfahne wieder über dem ende ihrer Väter flattern lassen können. •Schließlich noch ein Wort über die wiederholten Ausfälle gegen die liberale Religionsauffassung. Es zeugt von einer geradezu ungeheuerlichen Gehässigkeit, wenn die liberale Theologie für den Antisemitismus verantwortlich gemacht wird, und wenn beispielsweise als geistiger Vater von Fritsch kein Geringerer gls Well hausen entdeckt wird. Trotz der unzweifelhaft guten Absichten des Verfassers muß man das Buch ablehnen: wegen seiner Auffassung des Deutschtums, des Judentums und der liberalen Theologie. D r. B. Kellermann. Um die Welt zu Panctiropa. Gesammelte Aufsätze von W. Gatmann. Verlag Gebrüder Stiepel. G. m. b. H., Reich enberg. In einzelnen, zusammenhanglosen Abhandlungen erzählt der Verfasser von den Erfahrungen, die er auf seiner Weltreise gesammelt hat. Seine Ausführungen sind interessant, auch da, wo man auf Grund von Beobachtungen, die man nicht im Tempo des Weltreisenden gesammelt hat, ihnen nicht zustimmen kann. Dem religiösen Menschen sind am wertvollsten die Mitteilungen über die Gandhi-Bewegung, die religiöse Ethik nicht nur verkündet, sondern im Leben des Alltags zu verwirklichen trachtet.* Auf den Seiten 56—60 wird die Judenfrage gestreift. Der Verfasser betont, in der Fremde sei ihm Gewißheit geworden, daß ihm, dem Wiener Juden, ein Wiener Christlichsozialcr näherstehe, viel verwandter sei, als etwa ein reichsdeulscher Jude. Das scheint mir übertrieben, ein Zeichen mangelnder jüdischer Religiosität. Zustimmen kann man dem Autor in seiner Ablehnung der Rassentheorie, in seiner Forderung, mehr auf Gesinnung als auf Abstammung zu sehen. In dem Seblußkapite! „Biologische Entwicklung und Pan. europa“ werden die Juden als Beispiel für die Assimilatioaskraft der äußeren Lebensbedingungen angeführt. Moritz Simptt, v