Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 34 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2613366-2613841-2613875--1916-2619331- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 * Diese- Opus operatum verdient wahrlich keine ein» sehende Besprechung, und sicherlich merkt auch der Leser, saß diese Zeilen hauptsächlich joci causa geschrieben sind, -och stimmt eS einen wehmütig, traurig schüttelt man das Haupt, wenn man mitansehen muß, wie abgrundtief wissenschaftlicher Ernst.und ernste Wissenschaft bei unS deutschen Juden gesunken sind. ES ist nicht der Autor, den ich — Lei meiner Ehre — nie gekannt und nie gesehen, es sind nicht seine Proles, die zu lesen mir die Zeit zu schade, gegen die ich mich hier wende, die Zeiterscheinung ist es vielmehr. Während unsere Altvordern eS' zur Norm machten, lo kol harozeü litol des hachem..jitol. will und kann heutzn:rge jedermann Verfasser wissenschaftlich sein sollender Werke sein Während einst der Gelehrte die Resultate seiner Forschung zu Papier brachte und die Veröffentlichung nur Folge war, oft sogar erst nach seinem Tode, ist jetzt nnd die Büchermacherei Geschäft, Selbstzweck geworden, zuweilen sogar Mittel zum Zweck. Es werden Themata herangeholt. die kein Mensch kennt, Literaturzweige h'roorgesucht. mit denen sich auch der Gebildete noch nie befallt: wissenschaftlich frisiert, literarisch stilisiert erscheinen sie dem Laien, auch dem gebildeten, als Ergebnis ungeheuren Wissens nnd FvrschenS Sämtliche Zweige der indischen Literatur und Geschichte bis auf die Zeit Mendelssohns sind der Wissenschaft Gemeingut: sie werden von den jüdischen Gelehrten im Osten gepflegt auf ihre Weise, wie nach Prinzipien der Forschung von Männern der Wissenschaft im Westen. Mit Mendelssohn beginnt die große Spaltung: rabbinische Tiftelei, chassidische Mystik und später Haskalah im Osten, wissenschaftliche Methode und kritische Forschung im Westen. Eine terra incognita war der gesamte. ausschließlich in hebräischer Sprache geschriebene literarische Ertrag der ersteren für die andern, wie auch der der andern, fast durchweg in moderner Zunge niedergelegt, den ersteren unbekannt geblieben. Da blüht nun der Weizen für Charlatanerie und Pseudo-Wissenschaft. Wer im Westen kennt die mystische Literatur der Chassidim? Wer in Mitteleuropa hat je die Aufklärungsliteratur der Ostjuden gelesen? lündere und schinde das unverstandene Schrifttum der hassidim, und du bist der feinste Kenner des Judentums: plagiiere nnd schmiere ans der unbekannten Literatur der Öaskalah. und du bist der bedeutendste Literarhistoriker der Zeit. Der Leser stößt auf Namen, die er nie gekannt ans Phrasen, die ihm ein Rätsel, und auf Büchertitel. von denen er nie gehört — vermutet Gelahrtheit und staunt vor Bewunderung. Kaum einer ahnt, daß jede Zeile von Unwissenheit strotzt, die Betfasser die Ursprache gar nicht beherrschen und das Ganze ein Produkt meist aus fremder Feder herrührenden Zitatenkrams. Der Zünftler zwar fcnuf Methode, weih vielleicht, was dahinter, wer aber schneidet sich ins eigene Fleisch? Den Rotstift schwingt der Chassidist über das Haskalah-Buch heute, morgen ist der Haskalah-Mann über den Chassidisten Richter. Gegenseitige Verherrlichung nnd Beweihräucherung stinkt zum Himmel, nnd geht der Leithammel voran, dann folgt die Herde. Und nun zu unserem Verfasser: ist es bei seinen Kenntnissen der hebräischen Sprache, der hebräischen Literatur und der hebräischen Kultur möglich: aber — beim Bart des Propheten — es ist buchstäblich wahr. Er schrieb und veröffentlichte auch eine dreibändige Geschichte der Inden in Rußland nnd Polen, die einen Verleger gefunden und Ausnahme im Publikum, und wohl auch in manchen Blättern Anerkennung und Lobpreisung. Videant consules! Oer tote Jude. (Forts.) Von Doris Wittner. «achdruck verboten. — CoBjrrjjbl 67 Grelhlein ch Co., Cr. m. d. U„ 1 Die Erbitterung, die Deutschlands gekrönte Männer gegen ihren freradstämmigen Zwingherrn dereinst beseelen sollte, würde sich zu entzünden und zur hellen Flamme anzufachen haben an dem inbrünstigen, durch stumme Jahre der Unterwerfung hindurch schwälenden Haß* von Deutschlands gekrönten Frauen, in deren Adern die Beleidigung brannte. Und mehr noch als die Kränkungen, die ihnen von Napoleons aufpeitschender Rücksichtslosigkeit widerfuhren, verletzte sie die natürliche Suprematie von Josefines Frauentum und die ebenso bedingungslose Anerkennung wie das — befremdend bedingungslose Verständnis, so von den eigenen erlauchten Gemahlen, Söhnen, Brüdern und Verlobten für eben diese Suprematie geäußert wurde. Und — dieses wurde nie yerziehen von Frauen und würde — fürchterlich Rache fordern. Auch in den Kreisen der Berliner jüdischen Intellektuellen, allda Prinz Louis Ferdinand von Preußen bei der Demoiselle Rahel Lewin (pardon, Robert!) oder bei der Madame Henriette Herz seiner patriotischen Empörung freien Lauf (wenigstens in Worten) lassen durfte, und wo die schöne Kriegsrätin Pauline Wiesel ihn unterdessen über die zwangsläufige Tatenlosigkeit durch ihre Frauenreize hinwegzutrösten trachtete, sah man dem funkelnden, lodernden Europa, das von Paris aus in Brand gesteckt wurde, mit steigendem Staunen und weidlich entrüstet zu Am meisten freilich war man erbittert über die vielfach dominierenden Rollen, die jüdische Männer und Frauen an den neu gegründeten Höfen von Frankreichs Gnaden spielten. Und in diesen Zirkeln war es, daß auch der Name Judith ben Sonnino nicht eben selten und nicht eben wohlwollend Erwähnung fand. Benjamin Cerf Pereira hatte sein Wort gehalten. Nachdem die batavische Republik in ein Königreich unter dem Souvcrain Louis Bonaparte umgewandelt worden, hatte er die erste Gelegenheit benutzt, um, anläßlich einer Vorstellung bei dem neuen Monarchen, zum sachlich überzeugenden Fürsprech für den Gatten seiner Tochter zu werden. König Louis, gedemütigt durch seine eigene unglückliche Ehe, in die der überlebensgroße Bruder seinen verhängnisvollen Schatten warf, hilflos* auch der Machtstellung {‘egenüber, die die Staatsraison eben dieses Bruders ihm, ohne nach seinen eigenen Wünschen zu Fragen, einfach zudiktiert hatte, fühlte sich immer etwas beklommen und befangen, wenn die auf ihren Reichtum und ihre Weltgeltung pochenden Handelsherren der bislang batavischen Republik — „Kaffeesäcke" hatte Judith Pereira sie einstmals, ihr dünkten es hundert Jahre her, genannt — bei dem schüchternen und verträumten, am wenigsten machthungrigen Bonaparte um Audienz nachsuchten. König Louis' Interessen waren nach innen gekehrt, und äußere Charakteristika oder Unterschiedlichkeiten nahm sein ins Wesenlose schweifendes Auge kaum wahr. Je weniger er sich jedoch auf dem ihm dekretierten Throne zu behagen schien, desto beflissener war er, seine fürstlichen Pflichten mit Vorsorge und Anstand zu erfüllen. Da die Gleichstellung der Juden in der batavischen Republik längstens zu einer unumstößlichen Ueberlieferung geworden war, plagte auch der neue König sich nicht mit konfessionellen Gegensätzen oder mit einer in Deutschland noch nicht überwundenen Rasseverhetzung mehr. Als Benjamin Cerf Pereira, einer der Großwürdenträger seines Staates, mithin vor sein königliches Angesicht trat, um für seinen Eidam, den aus Venedig gebürtigen David Daniela ben Sonnino, der allsolang Hoffaktor des entthronten Kurfürsten von Hessen gewesen, eine neue, seiner würdige Position zu beanspruchen, sann er ein weniges nach, um den Bittsteller alsbald an seinen jüngsten Bruder, den König von Westfalen, zu verweisen. Niemals hätte er, obzwar dem Herrn der Welt zwiefach verwandt, gewagt, einen Menschen in den Dunstkreis der Majestät selbst einzuführen. Ihm eignete in hohem Grade die Gabe der Selbsterniedrigung und Selbstverspottung, und darum dünkte ihn jede Gefälligkeit, die er einem Mitmenschen erweisen durfte, als eine d^plorable quantite negligeable. Jerömes Glanz und Schimmer, sein abgegucktes und abgelauschtes „l'Etat c'est moi "-Tum lagen der bescheidenen Natur König Louis’ sicherlich nicht; aber mit dem unfehlbaren Instinkt des mehr fühlenden als denkenden, neben dem Leben einherschreitenden Mannes hatte er richtig erfaßt, daß eine Stellung am westfälischen Hof am geeignetsten für dem Eidam des stolzen Handelsherrn sein würde, von desen Tochter sonderbare Mären umliefen. Allerdings, einen Augenblick hatte er gezögert. Diese Judith ben Sonnino sollte von ungewöhnlicher Schönheit und — nicht eben glücklich verehelicht sein. Und vor seinem inneren Auge war wieder seine eigene hohe Gemahlin, die Königin Hortense, mit den blauen Porzellanaugen und den abwehrenden Gebärden einer nicht liebenden, eher hassenden oder zum mindesten geringschätzig übersehenden Frau erstanden. Aber, was verschlug's? Warum sollte der Venezianer, der unbekannte Schwiegersohn eines ihm unbekannten Bürgers des von ihm kaum gekannten Landes, es besser haben, als er, Louis Bonaparte, König von Holland, Bruder des Kaisers der Franzosen, erlauchter Gemahl Hortense Beauharnais’, nächst seiner Schwester Pauolina Borghese, die schönste Frau auf dem europäischen Kontinent! Und in Gnaden bewilligte König Louis dem Handelsherrn Benjamin Cerf Pereira eine Empfehlung des Hoffaktors ben Sonnino an seinen Bruder, den König von Westfalen. Jeröme, der jüngstgeborene Bonaparte, der kaum mehr , eine Erinnerung an die rauhen Daseinsbedingungen der korsischen Heimat hütete, sondern der schon als reifender Knabe in den Glanz und die Herrlichkeit der kaiserlichen Familie von Frankreich hineingewachsen war, galt mit Recht als einer der gutartigsten und leutseligsten Mitglieder der neuen Dynastie. Außerdem kennzeichneten ihn zwei Eigenschaften, die er höchstens mit seiner durch ihre Schönheit berühmten Schwester, der Fürstin Borghese, teilen mochte: das war ein ausgesprochener Hang zu Freiheit und Duldsamkeit und daneben eine nicht einzudämmende, gelegentlich, wenn auch in liebenswürdigen Formen, überschäumende Lebenslust. In seiner Persönlichkeit vereinigten sich alle reizvollen und betörenden Gaben, die Mutter Läfitia oder „Madame Möre", wie sie nunmehr von Europa offiziell betitelt ward, ihrer zahlreichen Kinderschar vererbt hatte. Nur der strenge moralische Ernst der Mutter sowie die stets weite Horizonte abmessende Klugheit und der inkommensurable Ehrgeiz seiner ältesten Brüder, Napoleon und Lucian, fehlten dem Nesthäckchen des Hauses. Seit Jeröme den westfälischen Königsthron bestiegen, war er von seinem gebieterischen Bruder mit einer deutschen Prinzessin — der Tochter des erst von Napoleon zum König erhobenen Herrschers von Württemberg — vermählt worden, während eine frühere, aus Neigung eingegangene, aber unstandesgemäße Ehe des Königs aus Staatsräson kurzerhand gelöst wurde. Katharina von Württemberg war zwar nur ein Jahr älter als ihr hoher Gemahl, aber die Grazien waren an ihrer Wiege leider ausgebliehen und hatten sich auch späterhin nicht eingefunden. Diese Tatsachen störten indessen den unbekümmerten „König Lustik" wenig, und das Klima einer südlichen Sorglosigkeit, Prachtliebe und Verschwendungssucht blieb dem Westfälischen Hofe Vorbehalten. Jeröme, ein Charmeur von Beruf und Neigung, war selbstverständlich immer von den schönsten Frauen seines und anderer Länder entouriert. Frau Fama raunte sich daher ergötzliche Legenden zu über die königlichen Amouren und die bürgerlichen Affären, die sich bisweilen aus der Allerhöchsten Gnade ergaben. Aber wenn nicht gerade der Kaiser der Franzosen in eigener Person auf einer seiner Kriegs- und Eroberungsfahrten in Kassel Station machte und alsdann die schmützstarrenden Kanonenstiefeln des Welteroberers höchst unsanft eine galante Idylle zertraten oder auch seine runzelnde Jupiterbraue selbst den respektlosen Jeröme in Ehrfurcht und Zucht zurückscheuchte, gingen die Schäferspiele von Wilhelmshöhe ebenso unerschrocken und leichtfertig weiter, wie seinerzeit die bukolischen Spektakel von Versailles und Trianon. Als darum zu gelegener Stunde ein Spezialkurier des Königs von Holland an den König von Westfalen eintraf, begegnete folgende Botschaft einem nur zu leicht geneigten Gehör. Euer Liebden und königlicher Bruder! Diese Zeilen mögen dazu dienen, Euer Liebden willige Aufmerksamkeit auf den Hoffaktor und Finanzagenten des ehemaligen Kurfürsten von Hessen, einen gewissen David Daniela ben Sonnino, gebürtig aus Venedig und in allen Sätteln der Finanztechnik wohlgerecht, zu lenken. Ich bin für besagten Sonnino um meine Fürsprache angegangen worden von einem der angesehensten und vermögensten Bürger meines Landes, einem gewissen Benjamin Cerf Pereira, dessen Eidam eben dieser Venezianer ist. Wie ich nicht nur den Angaben des sehr reservierten Bitta stellers, sondern auch fürsichtig emgeholten Informä« tionen entnehme, muß der fragliche Sonnino ein Mann von seltenen und eigentümlichen Qualitäten sein. An einem Hof von Prunk und Expansion, wie Euer Liebden ihn caressieren, scheint mir ein solcher Tausendsassa und mit allein Wassern gewaschener Finanzkünstler eben recht an seinem Platze zu sein. Ich empfehle ihn daher der Huld und Gnade Euer Liebden, weil man ja nie wissen kann, in welchen Verlegenheiten ein solcher Dukatenzauberer einer generösen Hofhaltung wie der Euren zu seiner Stunde nützlich werden könnte. Beta läufig erfahre ich, daß die jung angetraute Gattin des besagten Petenten, eben die Tochter meines Untertanen Benjamin Cerf Pereira, eine gewisse Judith Pereira, mütterlicherseits von der iberischen Halbinsel stammend, eine Schönheit von ganz ungewöhnlichen Valeurs und trotzdem nicht eben glücklich verehelicht sein soll. Aber, ich bitte um Verzeihung, daß ich Euer Liebden mit solchen überflüssigen Racontars belästige« die für Euer Liebden ja kaum Interesse haben können. Ich wollte bloß nicht versäumen, möglichst gründliche Informationen über meinen Schützling einzuholen. Ich hoffe, daß mein königlicher Bruder die Gnade haben wird, sich des Befürworteten in Huld anzunehmen, und ich zweifle nicht, daß der Empfohlene meiner Für-« spräche Ehre machen wird, Mit ergebenen Grüßen an Euer Liebden erlauchte* Gemahlin bleibe ich allzeit Euer wohlaffektionierter Bruder und König Louis von Holland. Selbstverständlich verschlug es hinwieder dem allzeit liebenswürdigen „König Lustik" wenig, seinem königliehen Bruder von Holland den erbetenen Gefallen zu tun. Und also hielt das Ehepaar David Danielo ben Sonnino in der königlichen Residenzstadt Kassel seinen Einzug. Kaum, daß Jeröme, neugierig gemacht durch die Anden-, tungen seines erlauchten Bruders, den ehemaligen Hof-, faktor und Finanzagenten des Kurfürsten von Hessen nebst Gemahlin zu sich ins Schloß entbieten ließ, als auch schon aus der bloßen Gefälligkeit eine rechtschaffene und redliche Freude seiner Majestät sich entwickelte. Der, geschmeidige Südländer, der, wenn es darauf ankam« selbst den korsischen Heimatsdiaiekt seines neuen Landesherrn kannte und übte, sagte dem, höfischer, Etikette und dem Parfüm des Weihrauchs äußerst Zugänge liehen, jüngsten Monarchen aus dem Hause Bonaparte mehr zu, als dieser sich selbst einzugestehen wagte. Et; überschüttete darum den neuen Hoffaktor — denn Sonnino sollte bei dem König von Westfalen die gleiche Stellung bekleiden wie ehedem bei dem Kurfürsten von Hessen —, mit neiderregenden Auszeichnungen aller Art. Der Blick des erfahrenen und geübten Frauenkenners aber war mehr, denn einmal hinübergeflogen zu jenem Platze, wo, nach tiefem Hofknicks, nunmehr mit leicht geneigtem Haupte Judith ben Sonnino stand. Obwohl sie die Augen züchtig und ehrerbietig niedergeschlagen hatte, spürte sie den-, noch mit aufsteigender Hitze die entkleidenden Augen des Königs auf sich ruhen. Ihre kurze, durch mancherlei Kabalen und die zynischen Instruktionen ihres Gatten bewegte Ehe mit Sonnino, ihre gemeinsamen Reisen auf dpm europäischen Kontinent, ihre Visiten an neuen uncP^Wln Fürstenhäfen, die jedoch insgesamt in napoleonischer Glanzentfaltung wetteiferten, hatten aus der einstmalige^ keuschen und scheuen Magd Israels eine Dame der großen Welt gemacht, die sich, ihrem Gatten gleich, in vielen Sprachen zu unterhalten wußte, und die das Ziel ihrer einstigen Sehnsucht, eine überragende Rolle nicht etwa zwischen einfachen Bürgersleuten, „Kaffee- und Geldsachen", geschweige denn in geschlossenen Ghetti« sondern in den Salons des tonangebenden Europas zu spielen, längstens erreicht hatte. Sie war an den Höfen von Mainz und Dresden, von Mailand, Neapel und Wien empfangen worden und allenthalben hatte ihre natürliche Schönheit Triumphe gefeiert. In Wien war sie mit dem ihrem Range zukommenden Wohlwollen aufgenommen worden in den Häusern der ihr stammverwandten Baronin Arnstein und Eskeles nebst der ihr sogar blutsverwandten Baronin Pereira, die ihr schon einige Längen in der „Steeplechase“ des gesellschaftlichen Erfolges voran waren. Aber gerade hier, wo man hohe soziale Stellung mit stolzer Selbstbehauptung zu vereinen wußte, und wo man weder vor anderem, sich erlauchter dünkendem Geblüt, noch vor höherem Rang auch nur einen Schritt der eigenen Geltung rückwärts tat: gerade hier — unter den ihren — hatte Judith ben Sonnino sich von schmerzlicher Einsamkeit umbrandet gefühlt. Man hatte sie allenthalben begrüßt und empfangen mit jener formvollendeten Höflichkeit, die eine Nuance z u vollendet erschien, um nicht als Beleidigung zu wirken. Man hatte sich vor ihr gebeugt und verneigt; Stutzer und Streber von dieser und jener Seite hatten ihr teils förmlich, teils inbrünstig die wohlgepflegten Hände geküßt; es war wohl auch ab und zu in der pomphaften Villa Gentz, die dieser agent provocateur der habsburgischen Politik dem neuen Sterr der Bretter und der Herzen, der liebreizenden Tänzerir, Fanny Eisler erbaut hatte, ein überdeutliches Kompliment an die Schönheit aus dem Hause Juda gewagt worden; aber niemals hatten sich liebevolle Frauenarme zärtlicl um ihren Nacken geschlungen; niemals hatte der Geis! des Vertrauens versucht, an ihr Herz zu klopfen. Geradt die Basen und Muhmen, die Gevatternschaft große: Häuser hatten sich, unter strenger Beobachtung aller Etikette, von der zugereisten Cousine nach Möglichkeit ferngehalten, hatten ihr — „kühl bis ans Herz hinan" — gehuldigt. Judith wußte ja nicht, welche absurden Mären ihr Gemahl ihr gerade in jenen ihr hluts- und wesensverwandten Zirkeln vorangeschickt hatte, auf daß sie nicht etwa ein zweites, gefährlicheres Mal (er hatte ihr die Wirtin zur „Goldenen Kugel" niemals vergessen) ihre Zuflucht nähme von Frau zu Frau. Und dabei hätte es dieser Vorsichtsmaßregel kaum bedurft, denn die vermählte Judith war verschlossener als nur je die verschlossenste Magd, war in all ihren Nerven erstarrt und zu einen) steinernen Gebilde geworden. (Fortsetzung folgt.) Werbt neue Mitglieder 1