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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-08-20 · 34 (20.8.1926) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
34 (20.8.1926)
Date
1926-08-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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0 0. Jahrgang Rümmer 34 Z« Achad Haams siebzigsten Gebvrlslag. In der menschlichen Geistesgeschichte gibt eS Persönlichkeiten, die so überragend sind, deren geistige Wirksamkeit so grob ist, daß die Diskussion über die Frage» wieviel unmittelbar-praktische Nutzanwendung ober höhere historische Wahrheit ihren Ideen und Kritiken zukommen. sekundär neben der Pflicht ist, ihr Schassen und Gesamtwerk kennen- . zu lernen, nm sich von ihm bereichern oder begeistern zu lassen, um sich jedenfalls mit ihm auseinanderzusetzen. — Eine solche Persönlichkeit ist dieser große jüdische Gelehrte, Philosoph und Sozialkritiker, der in den letzten Jahrzehnten auf das jüdische Geistesleben aller Länder grundlegend eingewirkt hat und weit über die zionistische Bewegung hinaus, jedem sür jüdische «Belange" Interessierten, ja, jedem philosophischen Kopf — vor allem dem soziologisch eingestellten — Neues und Ticfdurchdachtcs zu sagen hatte. Die Zionisten selbst haben ihn freilich zuerst arg beschimpft. Max Noröau hat ihn mit Schmähungen überhäuft, ihn u. a. als «Flachkopf", als „verkrüppeltes, geducktes Opfer der Intoleranz, einen verachteten Sklaven intoleranter Knutenschwinger" bezeichnet, „seine sogenannten Essays ein Gefasel" genannt, „dessen anspruchsvolle Nichtigkeit mit keinem parlamentarischen Wort zu kennzeichnen ist". Und diese Angriffe des temperamentvollen Fanatikers sind verständlich: denn Achad Haam ist Zeit seines Lebens einer der besten und einflußreichsten Kritiker des Zionismus gewesen: wenn nun dieselben Blätter, die sich einst nicht genug darin tun konnten, das Schaffen dieses Mannes als irrelevant hinzustelleu, heute enthusiastische Würdigungen seiner Tätigkeit bringen, so ist dies nur ein Beweis, wie sehr man mit Erfolg bemüht gewesen ist. von ihm zu lernen, wie weit jetzt die Erkenntnis verbreitet ist, daß seine Ansichten die richtigen waren. Usch er Ginzberg — dies ist der bürgerliche Name Haams — wurde am 5. August 1856 in Skvira lGouvernement Kiew) als Sproß außerordentlich wohlhabender und J angesehener Eltern geboren. Schon sein Vater war ein solch abnorm gescheiter und dabei bekannter Mann, daß ihn die russische Negierung bei wichtigen handelspolitischen Entscheidungen um schriftliche Gutachten bat. Uschers Jugendzeit verlief frei von irgendwelcher äußeren oder inneren Not auf dem großen Gut. das seiner Familie gebürte, und er erhielt die denkbar sorqfältigste Erziehung. Diese harmonische Jugend erklärt die ungewöhnliche Vornehmheit und ruhige Würde seines Wesens, die vielen jüdischen Schriftstellern, die ihre Jugend in Kummer und Entbehrung zubringen mußten, abgeht. Aus dem Munde oder der Feder dieses Mannes ist wirklich niemals ein Wort gekommen, das — von Verbitterung gezeugt — verletzend oder herabsetzend hätte wirken können. Während eines vieljährigen Studiums an westeuropäischen Universitäten, hauptsächlich deutschen, legte er den Grund zu einem polyhistorischen Wissen und kehrte dann in die Abgeschiedenheit seines russischen Heimatdörschens zurück. In dieser Zeit — es sind die siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts — gehen die Wogen des Antisemitismus in Europa besonders hoch: Pogrome in Rußland und Exzesse in vielen Ländern verhindern ruhige Entwicklungen. Der Zionismus kommt empor. Da gibt Ginzberg eine hebräische Zeitschrift „Haschiloach" heraus, nennt sich . «Achad Haam" ldas heißt „ein schlichter Mann ans dem! Volkes und veröffentlicht im Laufe von Jahrzehnten in hebräischer Sprache eine große Reihe von Essays, die ohne jeden Zweifel zu dem Bedeutendsten und Tiefsten gehören, | was in neuerer Zeit über Juden und Judentum geschrieben worden ist. Niemand, der sich mit der Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert beschäftigt, kann an diesen längst berühmt gewordenen Aufsätzen vorübergehen. Sie sind in die wichstigsten Sprachen übersetzt worden: erschienen in vielen Zeitschriften. Im Deutschen ist eine vortreffliche Auswahl in zwei Bänden unter dem Titel: „Am Scheideweg" erschienen. — Ich verstehe nickt genug hebräisch, um sie im Original lesen zu können, aber der verstorbene, bekannte, evangelische Theologe und Hebraist der Berliner Universität. Professor Dr. Strack, erzählte mir einst im Gespräch, daß die Form und Sprachkunst dieser EssavS im Hebräischen geradezu großartig und epochemachend seien! — „Mas für die Entwicklung der deutschen Sprache die Luthersche Bibelübersetzung. für die der italienischen Dantes Göttliche Komödie. das sei für die neuere hebräische die Publizistik Haams", sagte der vortreffliche Gelehrte: aber schließlich kann sich jeder Jude den Inhalt der Aufsätze aus der jeweiligen Uebersetzung aneignen. Und der ist in der Tat außerordentlich! - Man versteht eS. daß von diesen Gedanken eine Art jüdischer Renaissance ausgegangen ist. — Achad Haam ist trotz seines profunden umfassenden Wissend, trotz feiner Fähigkeit, abstrakt zu denken, nichts weniger als ein weltfremder Gelehrter. Er ist so wenig weltfremd, daß er „nebenamtlich" vor dem Kriege viele Jahre mit großem Erfolg als kaufmännischer Leiter eines wichtigen russischen Export- und Jmportunternehmens in London fungieren konnte. — Haam ist ein an Darwin aeschulter Soziologe, der sich alle neueren Erkenntnisse mit Bezug auf soziale Ent. wicklnng angeeignet hat. So ist er durch und durch Evolutionist. Er hat den Beariff der Entwicklung logisch erfaßt, zum Angelpunkt seiner Weltanschauung gemacht und ihn mit dem Mute des unbedingten Wahrheitssuchers auf das Judentum unserer Taae. vor allem ans die zionistische Beivegung. angewandt. Wie die Natur keine Sprünge macht, sondern langsam, aber sicher, ihre Ziele verwirklicht, ebenso; gibt es im geistigen Leben keine gewaltsamen Wandlungen. Alles, was nicht als Produkt einer steten und natürlichen Entwicklung und als „notwendig" im höheren Sinne bezeichnet werden kann, ist nicht lebensfähig, nicht daseinSberechtigt. Was die Größe nnd Stärke deS antiken Judentums ausgemacht habe, sei die Kraft der ihm innewohnenden sozialen Ethik gewesen, sei ihr „antiindividualistischer" Geist. Das Wohl der unsterblichen Gesamtheit stand höher, als das Wohl des vergänglichen Einzelwesens. Dieser Zug der Hingabe an das Gesamtheits-Interesse sei den heutigen Juden im erheblichen Maße verlorengegangen. Es hat reinen Zweck, in Palästina die „Gründung" eines „neuen Judentums" zu versuchen, bevor nicht eine „Renaissance der Herzen" in langer, historisch-berechtigter Entwicklung eingetreten sei. — Diese geistige Regeneration, die nur das Ergebnis und bas Werk langer Zeitläufte sein könne, sei viel wichtiger, als „durch Anpreisung der Rentabilität der palästinensischen Kolonisation und durch gefärbte rosige Berichte die Zionsfreunde anzulocken". Und wenn daraufhin die Klage ertönte, daß dieser Weg zu lang und diese Hoffnung zu fern sei, so antworte er: „Jawohl, Brüder! Weit, sehr weit entfernt ist der Hasen, den wir mit der Seele suchen. Dem tausendjährigen Wanderer jedoch darf kein noch so weiter Weg zu lang sein!" — * Das ist einer der vielen Gedankengänge der Haamschen Kritik. Was er aber sonst noch über viele Probleme geschrieben hat, die unS Juden am meisten beschäftigen, aber auch jeden benkerischen Köpft aufs stärkste fesseln, ist so tief, meist so richtig, in so überzeugender Form dargebracht.-chaß man diesen Mann sürwahr schon einen Welt« eisen nenuen kann! — Bücher machen den Mensche» weder gut noch schlecht. Aber etwas veffer oder etwas schlechter machen sie ihn doch! — Kein Mensch — wer es auch sei — wird Achad Haam lesen, ohne dadurch etwas besser und etwas klüger zu werden! — Der Siebzigjährige ist kein in der Vollkraft des Schaffens mehr Stehender. Er ist ein müde gewordener, überarbeiteter Mann. Der große Kummer, den er — der alles mitfühlt — im Kriege und in der Nachkriegszeit erleben mußte, haben seine Gesundheit zerrüttet. — Er hat seine besten Kräfte für das Gedeihen und für eine neue Entwicklung des Judentums dahingegeben. Dafür wird ihm jeder Jude Dank wissen!— Seine Persönlichkeit, an der nur Berehrungswürdiges ist. gehört heute schon der Geschichte an. — Gute Wünsche, die aus bewegtem Herzen kommen, fliegen auch von uns zu dem kleinen Landhause in Tel Awiro am blau-leuchtenden Mittelländischen Meer hinüber, in dem der hervorragende Mann seit einigen Jahren seinen Lebensabend verbringt. Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin. Der C.-V. und die Sprache des Gottesdienstes. Von Bruno W o y d a. Der jüdische Liberalismus steht als religiöse Bewegung außerhalb der jüdisch-politischen Parteien. Man findet religiös-liberale Juden unter den Mitgliedern des Central- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, unter den Mitgliedern des Verbandes nationaldeutscher Juden, und es dürfte sie — wovon man allerdings in den maßgebenden Vertretungen der deutschen Judenheit noch nichts bemerkt — auch in der zionistischen Vereinigung geben. Man kann aber wohl behaupten, wofür historische Zusammenhänge maßgebend sein mögen, baß der überwiegende Teil der Mitglieder der Vereinigung für das liberale Judentum dem C.-V. angehört, von dessen Mitgliedern sich schätzungsweise 90 Prozent zur liberalen Auffassung des Judentums bekennen dürften. Bei dieser Situation fällt es mir natürlich nicht gerade leicht, Kritik an der Tätigkeit des C.-V. zu üben, zumal jahrelange freundschaftliche Zusammenarbeit mich mjt seinen Führern verbindet. Der in der letzten Nummer der C.-V.-Zeituug veröffentlichte Artikel „Frauengeüanken über die Sprache des Gottesdienstes" macht mir jedoch als Schriftleiter dieses Blattes und als selbstbewußtem liberalen Juden diese Kritik zur Pflicht. * „ . . . sind diese Worte non einem Proselytenmacher geschrieben, der uns den Boden unserer Tradition unter den Füßen sortziehen will, um uns Halt an einem anderen Bekenntnis suchen zu lassen? O nein — so schreibt ein „aufgeklärter" jüdischer Lehrer in einem jüdischen Blatte." Mit dieser groben Taktlosigkeit beginnt nach einem einleitenden Zitat der Aufsatz von Nosi Graetzer ans Kryschanowitz bei Breslau, den die Schriftleitnng der C.-V.- Zeitung ohne jeden Kommentar ihrem überwiegend liberalen Leserkreis oorznsetzen wagt. Gilr's Antisemitismus abznwehren, Vorurteile zu bekämpfen? Nein! Es gilt gegen einen Aufsatz zu polemisieren, den Lehrer Hermann Wallach-Aachen im Sprcchsaal der „Jüdisch-liberalen Zeitung" unter der Ueberschrisl „Gedanken über Sitten und Gebräuche" vor etwa 214 Monaten veröffentlicht hat. Es ist nicht meine Aufgabe, Lehrer Wallach zn verteidigen: er ist selbst Manns genug. Auch habe ich seinen Ausführungen nach Form und Inhalt nicht in allen Punkten zugestimmt, was rein äußerlich schon darin zum Ausdruck kam, daß ich sie im Sprechsaal veröffentlichte. Der unsachliche Angriff in der C.-B.-Zeitung aber gibt mir Veranlassung, zu erklären, daß Lehrer Wallach unzweifelhaft eine jüdisch-religiöse Persönlichkeit ist, der „Proselytenmacherci" vorzurverfen ganz gewiß nicht Aufgabe des C.-B. sein sollte. Der C.-V. beginnt nachgerade sich um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angehen, weil er eine religiösneutrale Institution zu sein hat. Hierzu gehört unzweifelhaft die Frage, ob die Sprache des Gottesdienstes vorwiegend deutsch oder hebräisch sein soll. Und er vernachlässigt auf der anderen Seite Dinge, die ihm wesentlich sein sollten. Es sei nur an das merkwürdige Verhalten bei den letzten Berliner Rcpräsentantenwahlen erinnert, deren jüdisch-politische Bedeutung von den maßgebenden Herren der C.-V.-Arbeit entweder nicht erkannt öder aus Gründen der Vereinstaktik übersehen wurde. * Nochmals: ich protestiere dagegen, daß der C.-V. zu einem religiösen Sprechsaalartikel einer jüdischen Zeitung Stellung nimmt und für die hebräische Sprache im Gottesdienst die Werbetrommel rührt. Der C.-V. mag als Telegrammadresse das kurze, einprägsame Wort „Centralglauben" behalten. Er hüte sich aber davor, etwa einen solchen Centralglauben schaffen zu wollen. Während der Vorsitzende des C.-B., Justizrat Dr. Julius Brodnitz, bekanntlich der Jüdischen Reformgcmeindc in der Johannisstraße zu Berlin angehört und also trotz der Nosi Graetzer aus Kryschanowitz für die deutsche Gebetssprache im jüdischen Gottesdienst eintritt, kämpft beispielsweise Meier Hildcskieimer, ebenfalls Vorstanösmitglicd des C.-V., vom religiösen Standpunkt ans entschieden gegen die jüdische Reformgemeinde. Kann es da Aufgabe des C.-V. sein, Artikel zur Frage der Sprache des Gottesdienstes zu veröffentlichen? Ich protestiere aber auch ebenso entschieden gegen die oberflächliche und unsachliche Art, in der hier zugunsten der hebräischen Gebctssprachc geschrieben wird. Man rede uns doch nicht ein, daß die Gebetssprache das Band ist, das uns mit den Glaubensbrüdern der ganzen Erde verbindet. Wer beispielsweise an der Londoner Weltkonfercnz des liberalen Judentums im vorigen Monat teilgenommen hat, der weiß, daß die Delegierten der verschiedenen Länder n i ch t die Gebets spräche, sondern der Geist der jüdischen Religion verband. Niemand wird der hebräischen Gebetssprache als Symbol unseres jahrtausendealten Judentums die geschichtliche Bedeutung absprechen wollen, aber der liberale Jude weiß, auch wenn er Anhänger der hebräischen Gebetssprachc ist. daß letzte Bedeutung nur dem Inhalt des Judentums, nickt seinen Symbolen zukommt. Ich kenne die religiösen Verhältnisse in Kryschanowitz nicht. Wenn aber in dem angegebenen Aufsatz gesagt wird, „das Verlesen deutscher Uebersctzungen unserer Gebete im Gottesdienst verhallt oft wirkungslos, weil der Inhalt durch die ständige Wiederholung uns zu bekannt ist," so mutz doch in Ergänzung gesagt werden, daß etwa das Verlesen von Thora- und Haftara-Abschnitten in hebräischer Sprache meist noch etwas wirkungsloser verhallt, weil die Gemeinde ihm in ihrer übergroßen Mehrzahl nicht zu folgen vermag. Zeugt eS nicht von einer maßlosen Uebertreibung, zu schreiben, daß. wer glaube, die Gebetssprache ändern zu müssen, „mit dem Radikalismus der Neuzeit Hand an das Rückgrat unseres Judentums legt"? Und schließlich: Ist es nicht Vogel-Strauß-Politik, wenn eS so dargestellt wird, alS ob heute noch die Juden auf Grund ihrer Kenntnis der hebräischen Sprache wirksam den Antisemitismus bekämpfen Beilage 20. August 1026 —wr können? Gilt dies nicht nur für wenige, vornehmlich die jüdischen Rabbiner und Lehrer? Rost Graetzer konzediert gütigst: „Freilich können wir nicht alle Talmudbeuter fein» aber wir können die Gegner schon entwaffnen, wenn wir ihnen an der Hand des hebräischen Originales beweisen, daß wir täglich zu beteu haben: „Nicht nur für eigenes Glück» sondern für das der frommen Andersgläubigen." „Hand aufs Herz! Können diesen Beweis an Hand des hebräischen Originales führen, beten es täglich die vier Vorsitzenden deS C.-V. und die Schriftleitung der C.-B.-Zeitung? Das Problem der Gebetssprache ist bitterernst. Zu ernst, um in oberflächlichen Artikeln in der dafür völlig ungeeigneten C.-B.-Zeitung behandelt zu werden. Da unsere Muttersprache die deutsche ist, kann die Sprache unserer tiefsten Andacht nur die deutsche sein. Das hindert nicht, baß zum Zeichen historischer Verbundenheit mit unseren- Ahnen, als Symbol, im Gottesdienst auch das Hebräische seinen Platz behält. Hier wird der wahrhaft religiöse Jude ein Kompromiß zu suchen haben. Und diese Aufgabe hat meines Wissens niemand verkannt: weder der meist noch zum Hebräischen neigende Gemeindeliberalismus, noch die, grundsätzlich die deutsche Gebetssprachc befürwortende Jüdische Reformgemeinde zu Berlin, noch Herr Lehrer Wallach, dev in -er C.-B.-Zeitnng als „Proselytenmacher" bezeichnet wird. Weil die Liberalen im C.-V. so stark in der Mehrheit sind, haben sie bisher vielerlei übersehen. Wir haben ge» schwiegen darüber, daß seit Jahr und Tag in der C.-B.- Zeitung Betrachtungen zum Wochen-Abschnitt ans der Feder eines jüdischen Theologen erschienen, dessen Anschauungen vom Judentum mit denen der meisten C.-V.-Mitglieder ganz gewiß nicht in Einklang zn bringen sind. Trotzdem es uns nicht mehr als recht und billig scheinen würde. zur Abwechslung einmal einen liberalen Theologen zu Worte kommen zu lassen und so auch den numerus clausus auf diesem Gebiete abzuschaffen. Wir haben geschwiegen, als der C.-V. sich, im Glauben antisemitische Regungen abzuwehren, für orthodoxe Sonderwünsche einsetzte. Aber man überspanne den Bogen nicht! Auch die Langmut der Liberalen kann ein Ende finden. Wichtiger als die Abwehr des Antisemitismus, deren Bedeutung ganz gewiß nicht unterschätzt werden soll, ist sür den religiös-liberalen Juden der Glaube an seine religiöse Ueberzeugung. Und er ist nicht gewillt, diese von irgend jemand — und sei dieser Jemand auch der befreundete C.-V. — als „Prolesytenmacherci" bezeichnen zu lassen. Die Zukuristshoffnungen der amerikanischen Judenheit. Von Professor Dr. Engen Wölb e. Wenn der Name „Amerika" an unser Ohr dringt, weckt er in uns die Vorstellung von einem Paradiese, in welchem der Mensch zwar arbeitet, aber doch sich seines Lebens freut, namentlich aber von einem Lande, in welchem sich jeder als Staatsbürger und als Jude — voll ansleben kann, ein Land, in welchem keine Vorurteile herrschen, Kränkung und Zurücksetzung aus religiösen Gründen für unvereinbar rmt der demokratischen Einstellung des staatlichen Lebens gelten. Weit gefehlt! Schon lange vor dem Kriege behauptete der Gelehrte Werner Sombart. im Vergleich zu denr in Amerika herrschenden Judenhaß sei der in Deutschland^gezrichtete Antisemitismus ein „Waisenknabe". Gewiß, formell haben die amerikanischen ftu&W alle staatsbürgerlichen! Rechte, die ihnen den Aufstieg zn hohen Aemtern im Staate und in den Städten ermöglichen, aber gesellschaftlich werden sie gemieden: unter den tausend Personen, die Theodore Roosevelt einst zur Vermählung seiner Tochter einlud, befand sich kein einziger Jude: Rockefel ler erklärte, in der Wallstreet mache er mit den Juden Geschäfte, .in der Fifth Avenue kenne er sie nicht! Ganze Stadtviertel in Nerv Nork verwehren Inden das Wohnrecht: in Chicago war es einem angesehenen Universitätsprofessor jüdischen Glaubens nicht möglich, Gelände zum Bau einer Villa in einem Borschweigen! Da die Union sich als einen „Schmelztiegel" für alle emwandcrnden Rassen bezeichnet, so „zieht" die Parole von der jüdischen Fremdrassigkeit nicht: und da der Amerikaner selber ein smarter Geschäftsmann ist, so kann er nicht gut anderen Leuten kommerzielle „Zielstrebigkeit" zur Last legen. Ans Mangel an stichhaltigen Gründen muß in Amerika die alte Fabel von der jüdischen Schuld am Märtyrertode Christi als Vorwand für die Abneigung gegen die Juden herhalte». Wie steht's damit? In die Schnllesebücher wurden häufig Stücke ausgenommen, welche die Kreuzigung Christi den Juden zur Last legten. Ebenso werden in vielen Staaten der Union, in welcher Staat und Airche voneinander getrennt sind, Versuche unternommen, um das Bibellescn in den Schulen zum Pflichtfach zu machen. Der Orden V. B. hat in beiden Fällen energische Schritte unternommen. Die Herausgeber der Lesebücher wurden genötigt, in einer Ergänzung zu jener ChristuSgcschichte zu bemerken, daß cs der römische Statthalter Pontius Pilatus war, der tu Christo den Hochverräter sah, der sich — tu einer Zeit römischer Besatzung! — als „König der Juden" ansgab, und ihn deshalb den römischen Soldaten zur Kreuzigung seiner im jüdischen Lande völlig unbekannten Todcsart) überantwortete. DaS Bibellesen in den Schulen bekämpft der Orden deshalb, weil er genau weiß, daß die Auswahl der zu lesenden Stücke nach christologischen Gesichtspunkten erfolgen würde. In seinen jüngst erschienenen „Lebenserinnerungen" stellt der jahrzehntelange Präsident des weltumspannenden Ordens B.B., Adolf Kraus, die Willfährigkeit deS Hohenpriesters Kaiphas den römischen Machthabern gegenüber ans die nämliche Stufe wie die Gleichgültigkeit seine- — des Hohenpriesters — Kollegen, des Papstes, gegen den Prager Theologen Johann H n ß, der die überladene Pracht der Kirchen als ein Verbrechen am Volkswohlstände geißelte und sozialen Ausgleich zugunsten der Hungernden und Obdachlosen forderte. Der Hohepriester-Papst ernannte einen Gerichtshof von drei Bischöfen, der über die angeb. lichen Verbrechen dieses ansgcklärten Priesters das Urteil sprechen sollte. Selbstverständlich wurde er für schuldig erklärt und zum Tode ans dem Scheiterhaufen verurteilt. Kraus stellt die Frage, ob es in der ganzen Welt einen Menschen gebe, der das katholische Volk haßt, weil katholische Priester in Konstanz 1415 einen edlen Vorkämpfer der Wahrheit und echten Frömmigkeit hinrichteten? Obwohl von den Gehässigkeiten und Vorurteilen, die auS dieser historischen Sache herstammen — sagt Kraus —, heutzutage keine Spur vorhanden ist. so lebt doch leider Gottes der Haß und das Vorurteil gegen die Juden in tausendfach grausamerer Form weiter fort und übt seine vergiftende Wirkung auch fürderhin aus, weil die einzige Grundlage hierfür, nämlich die Kreuzigung Christi, kritiklos hingenommen wird und sich „wie eine ewige Krankheit" von Geschlecht zu Geschlecht forterbt. Dieser Judenhaß kann weder mit Drohungen noch mit Gewalt bekämpft'werden. Nur ein Appell an .Vernunft und .Gerechtigkeit kann hier helfen. *

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