Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 34 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdische, beamtete Theologe mit den Vertreter» fetetx Gemeinde gemeinsam beraten und La- Veste für Lie Gesamtheit finden Hessen! Was ist liberal. vaS einleuchtend. was gerecht? % Ferner haben wir wohl ave umgelernt i» -er Taktik gegenüber Zionisten, «an kann wahrlich ebensogut alS Alonist religiös-liberal sei«, wie alS Orthodoxer et» Anttzronist, wie baS verhalte» der Aguba lehrt, Bedauerlich ist, daß wir nach jener Nicht»»- schon soviel Bode» verloren habe»! Die starke ««ft, die de» politischen Zionisten vom Centralvereinler trennt, ist für die religiöse Grundstimmung ohne Belang; sie kann bei Zionisten und religiösliberalen Juden die gleiche sein, wenn wir sie nur herauszuarbeiten und für uns fruchtbar zu machen versuchen. Die PretötSwerte des Zionismus, rein-koloniale, also soziale Bestrebungen und gar philanthropische, können aber beide Gruppen zur Annäherung «nd gegenseitigen Bereicherung dienen. Zu guter Letzt: Die vnchdruckerkunst leistet heute den liberalen Juden LrmlandS mehr alS uns. Jahraus, jahrein gehen Broschüre«. Vorträge. Referate über die schwebenden religiösen Fragen, kein Lest mehr alS 1« Beiten stark, an -re Mitglieder und zur Verdung an immer neue Menschen. Sollen wir die vorhandenen verdeutschen? Sollen wir neue verbreiten? Gleichviel! Aber unermeßliche Frucht würden die Keime tragen, die durch solche literarische Kleinarbeit auSgestreut würden. Darum: Freiwillige vor! f 1! Die jüdische Gegenwart Religionsgemeinschaft — nicht nationale Minderheit. Die „Türkische Post'" in Konstantinopel meldet: Am Sonntag, den l. August, nachmittags 2 Uhr. versammelten sich im Chachamhane, dem Sitz des GrotzraVRnatcs, an die 70 Notabeln der sephardischen Gemeinde unter Borsitz des Herrn JacgneS NachmiaS. Nach kurzer Begrüßung der Versammlung durch S. Em. den Großrabbiner Bedjerano Efendi erstattete Herr Marco Nalum den Bericht der sogenannten Dreizehner-Kommission und machte dieser die folgenden Vorschläge: 1. Die Juden der Türkei verzichten feierlich auf alle Mrnoritätsrechte. . Delegierung wird gebeten, ein Reglement Hinsichtllch der Verwaltung der jüdischen Gemeinde, der Schulen, kulturellen und Wohltätigkeits-Einrichtungen herauszugebcn rrnd die Mittel bekanntzugeben, durch die die Gemeinde und ihre Einrichtungen sowohl vom geistigen alS auch vom materrellen Standpunkt sichergestellt werden können. desgleichen d,e Möglichkeiten ihregesetzlichen Schutzes zu nennen. 3. Der Regierung als unverbindlichen Vorschlag den Entwurf einer Gemeindeverfassung zn unterbreiten. 4seit einem Jahrhundert die jüdische Gemeinde und ihre Einrichtungen von bestimmten Abgaben, die ihnen die Judenschaft zubilligt, erhalten werden, wird die Regierung um die Erlaubnis gebeten, dieses System der freiwilligen Abgaben beibehalten zu dürfen. Ferner fordert die Kommission der Dreizehn die Versammlung zur Wahl eines fünfgliedrigen Ausschusses auf. der der Regierung die Erklärung zu Überbringer: hat, daß die Judenschaft der Türkei auf ihre im Lausanne! Friedensvertrag enthaltenen Minoritätsrechte verzichtet. An der Wechselrede beteiligten sich DamiaS Efendi von der Ottomanbank. S. Em. der Grotzrabbiner. der Uuiversitätsprofessor Avram Galanti, der Besitzer der Zeitung »El Tlempo". Fresco. von der Kaufmannschaft Suriano, Galsraneo, der Advokat Avram Leon und andere. Schließlich wurde eine fünfgliedrige Kommission, bestehend aus den Herren Bissim Mezlich. Ferid Asseo, Avram Fahum, Mosse Cohen, Isidore Gallimidi gewählt, welche die Erklärung nach Angora bringen soll, nachdem sie sämtliche Unterschriften cingcsammelt hat. Von der GRT.-Koriferenz. Ten rednerischen Mittelpunkt der ORT-Konserenz bildete am 10. August der Dortrag beS Herrn Dr. A. Singalomskn über die sozialen Grundlagen und die Organisation de- Verbandes ORT. Der Redner setzte in tiefbnrchdachten Ausführungen Wesen, Ziele und organisatorischen Aufbau des Verbandes ORT auseinander. Seine AnSführunge» gipfelte» in folgendem: Die Wirtschaftslage in de» Länder» Osteuropas weift Symptome einer Befferuug auf; fo haben sich auch die >»Ssichten auf eine gesicherte Existenz der ORT-Anstalten gebessert. DteS gibt Grund zu der Hoffnung, daß die nächsten Jahre eine Periode planmäßiger und organischer Aufbauarbeit sein werden. Mehr als bisher muß man sich jetzt mit der Frage der organisatorischen Ausgestaltung des Verbandes befassen. Umfang und Richtung des organisatorischen Ausbaues werden durch die Voraussetzung bestimmt, daß der Umbau der sozial-wirtschaftlichen Struktur des jüdischen Volkes eine i Aufgabe für Generationen bildet. Der Drang weiter jüdischer Mafien zu gesündere» wirtschaftlichen DaseinSformen stellt unS vor die Aufgabe, die jüdischen Aufbauenergien zusammenzufafien und zielbewutzt zu lenken; darin ist die Daseinsberechtigung von ORT begründet. Im Hinblick darauf müssen der Ausbau und die Erweiterung der Organisation ein dauernder Inhalt des ORT-ProgrammS sein. Die Zahl und die Aktivität der Mitglieder, sowie die der bereits bestehenden Organisation müssen verstärkt werden. Es ist eine Aktion einzuleiten zur Gewinnunq der jüdischen Frauen und der Jugend für die ORT-Arbeit. Bei der Zentrale ist eine besondere Abteilung für Organisation zu bilden, der ein besonderer Stab von Reise-Instruktoren zur Verfügung zu stehen hat. DaS Jnformationswesen ist auszugestalten. Es ist ein Sonderfonds für Organisation und Propaganda zu bilden. Eine eigene ORT-Organisation ist nicht ein Mittel, sondern ein integrierender Bestandteil des Äufbaus. Man ist nun aus der Epoche der Katastrophen heraus, nun heißt es: hinein in! eine Periode zielvoller und stetiger Arbeit. verlegene verlegen. Die Landesversammlung des Preußischen Landesverbandes ist zunächst auf den 21. November verlegt worden. Wie erinnerlich, sollte die Tagung ursprünglich im Oktober dieses Jahres stattfinden. Eine unter dem Vorsitze des KammergerichtsrateS Wolfs abgehaltene Besprechung der Dezernenten des Landesverbandes hat jedoch die Verlegung der Tagung beschlossen. Dieser Tagung wird mit besonderem Interesse entgegengesehen, weil auf ihr die Entscheidung über die endgültige Gestaltung der Organisation des Reichsverbandes fallen wird. Also zunächst wird die Landesversammlung aus den 21. November verlegt werden. Worauf wird sie dann verlegt werden? Die Oeffentlichkeit gewinnt allmählich den Eindruck, daß in der Gcschäftsführuna des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden Kräfte am Werke sind, die systematisch die Arbeit dieser Organisation savoj ticreit. Der wahrhafte Freund des Landesverbandes wird ein Interesse daran haben, daß endlich durch den Zusannnentritt des BerbandStages in voller Oeffentlichkeit Remedur geschaffen wird. Und wenn die Leitung des Landesverbandes den Verbandstag auS Verlegenheit immer weiter verlegt, daun wird es Sache der Abgeordneten selbst sein, das Interesse ihrer Wähler dadurch zu wahren, daß sie von sich aus die Einberufung herbeiführen. Die liberale Fraktion als stärkste des Verbandstages wird sich ein besonderes Verdienst erwerben, wenn sie in das jetzige Dunkel endlich das dringend erforderliche Licht bringen wird. Ausgrabungen Prof. Dr. Ernst Sellin, der seit 'dem 16. Juni wieder in Balata, der Stätte des alten Sichem, unterstützt von Dr. Walter und H. Johannes, Ausgrabungen unternimmt, hat eine wichtige Entdeckung gemacht. Etwa acht Meter südwestlich von dem linken Flügel des Palastes, den er im Frühjahr entdeckte, stieß er auf ein 26 : 27 Meter großes, auf gewaltigem Fundament ruhendes Gebäude, das aller Wahrscheinlichkeit nach der berühmte Tempel des BundesgotteS von Sichem ist. Das Bauwerk, dessen Dach von sechs Säulen getragen wurde, wirkt noch jetzt, trotz aller Zerstörungen, ganz einzigartig: es hat bis jetzt nicht seinesgleichen im ganzen alten Palästina. an nsn Aus de» Gemeinden j; Beeilt». Vrodnttz 60. Gebur tStag.) Justizrat Dr. Julius Brodnttz, 1. Vorsitzender des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, feiert am 10. August 1906 feinen 60. Geburtstag. I. R. Brodnitz ist den Lesern dieser Zeitung kein Unbekannter. Seit einer langen Reihe von Jahren steht er in der vordersten Reihe in dem Kampf gegen den Antisemitismus. I» religiöser Beziehung hat er stets die Ziele unserer Bereinigung unterstützt und ist als Anhänger der Reformgemeinde immer wieder für einen entschiedenen Liberalismus eingetreten. Wir wünschen dem Jubilar, daß er noch lange Jahre in alter Frische die Geschicke des befreundeten EentralvereinS zum Segen der deutschen Judenheit leiten möge. * Berli«. (Vortrag des Herrn Kapellmeister A. Kelle r ma nn im Berliner Rundfunk.) Zum ersten Male wurde der Berliner Rundfunk in den Dienst der Verbreitung jüdischer Wissenschaft gestellt, was besondere Erwähnung verdient. Am 11. August hielt der in der jüdischen Oeffentlichkeit wohlbekannte Kapellmeister Albert Kellermann. Leiter des Chores der Neuen Synagoge zu Berlin, vor dem Berliner Sender einen Vortrag über das Thema „Kulturgeschichtliche Betrachtungen über hebräische Gesänge und Melodien". — In klaren formgewandten Ausführungen wußte der Vortragende in der ihm zur Verfügung stehenden kurzen Zeit das Wesentlichste über dieses wohl manchem unserer Glaubensgenofien bekannte Thema zu sagen. Man darf annehmen, daß nicht nur diejenigen, die dieses Spezialgebiet besonders angeht, sondern auch die andersgläubigen Zuhörer, die vermutlich zum erstenmal und dazu durch dieses modernste Verbreitungsmittel von Nachrichten mit der ihnen fremden Materie bekannt wurden, die Bedeutung und den Ernst des Themas würdigten. Mit Rücksicht aus die Zusammensetzung des unsichtbaren Hörerkreises hatte der Vortragende die Eigenart des Themas nach Möglichkeit dem allgemeinen Auffafiungövermögen angepaßt und sich bezüglich der Einwendung der nur dem Kundigen verständlichen hebräischen Ausdrücke möglichst beschränkt, diese durch Erläuterung in der Landessprache ergänzend. Der Vortragende führte aus, daß über die hebräische Musik in den ältesten Zeiten keine schriftlichen Notizen vorhanden sind. Die ersten Aufzeichnungen stammen von dem im 14. Jahrhundert in Worms lebenden Rabbi Jacob Levy, genannt Maharil. Der Synagogengesana entwickelte sich aus den Negunim (Trop). wie solche noch im heutigen Kultus bei der Thoravorlesung, üer Haftara-Rezitation und der Vorlesung der Klagelieder JeremiaS am Tischo b'Ab verwendet werden. Diese Negunim sind nicht eine Anzahl einzelner Töne, sondern bilden ganze Tonskalen: sic sind in den sogenannten Kirchentonarten geschrieben. Als die Juden mit den Völkern ihrer Umgebung sich vermischten, übernahmen sie in ihre Melodien auch Einflüsse von den Andersgläubigen, z. B. im Mittelalter Anklänge an den Ziergesang und die damals üblichen Minnelieder. Die wechselseitige Einwirkung der christlichen und hebräischen Gesänge ist vielfach nachweisbar. In Italien, wo der Katholizismus im Mittelalter seine Blütezeit hatte, machte sich die Einwirkung der Umgebung besonders geltend, indem die Kantoren die Melodien bewußt oder unbewußt in ihre Rezitationen aufnahmen. Später entstanden die sogenannten „Wandermelodien". Besondere Erwähnung verdient der im 16. Jahrhundert lebende Samuel Rossi. In den von Oberkantor Naumburg (ParMs§ gesammelten Gesängen befinden sich außer Kompositionen von Rossi solche von Halevy, Meyerbeer und Rossini. AuS der Zeit nach Rosst sind die sogenannten „Steiger" hervprzuheben, in denen die Kantoren rezitierten: diese „Stetßtt^ haben sich bis ans unsere Zeit erhalten. In neuerer Zeit finden wir Anklänge an Haydn und Mozart. Daß sich christliche Musiker für hebräische Musik interessierten, läßt sich an dem Beispiel Franz Schubert (Psalm 92) Nachweisen. AlS nicht allgemein bekannt erwähnte der Vortragende die Verwendung der Harfe (Kompositionen von Naumburg) und der Violine (im Mittelalter in der Altneuschul in Prag z. D. beim Freitagabend-Gottesdienst). Sehr interefiant waren die Ausführungen über die Gesänge der sephardischen Juden im Gegensatz zum askenafischen RituS. Die seiner Zeit aus Palästina nach Spanien und Erlebtes «nd Erlauschtes. Kleine Skizze« von unterwegs. Von Dr. 8. § v e w e. I. BchabbeS in Ronen. Rouen — Stadt der herrlichen gotischen Kirchen, wie ein Schmucklasten, auf engem Raum, eine neben der anderen — ein unerhörtes Wunder von Zierrat und Spitzenwerk — und dann plötzlich nach all den Kirchen und Heiligen die „synagogue". In einer schmalen, verwinkelten Straße. Ein neues Gebäude, verhältnismäßig groß für die kleine Stadt, bnntgetüncht die Wände, vorn in der Mitte ein großer, silberner Chanukkahlenchter. Am Sabbatmorgen kam ich hinein — drei, vier Männer im Gebet — vorn neben dem Vorbeter der Rabbiner mit dem altertümlichen runden Hut. Ich erhalte ein Gebetbuch — es stammt aus dem Jahre 1830 — die Tage der Julirevolution ziehen an meinem geistigen Auge vorüber — Da ekblicke ich auch schon die Worte: „Zeigneur, notre Dieu, üarde et protsge notre roi vien-sime Louis Philippe.“ Wie bald war cS mit deiner Macht vorbei, du „geliebter König!" — Merkwürdig klingen die altbekannten Gebete alle in der französischen Uebersetzung, die wortgetreu dem hebräischen Texte folgt: „Zeigneur, noire Oieu. bouchier de David" usw. — Nun wird die Thora ausgehoben — und im feierlichen Zuge schreiten der Rabbiner und der Vorbeter durch den Raum, «nd jeder der Anwesenden (inzwischen hatte sich die Zahl ans ca. sieben erhöht) berührt ehrfurchtsvoll den schöngestickten Umhang und küßt ihn. So wird öaS Heilige Buch in der ganzen Welt geehrt. Und nach all den Kirchenbesuchen, wo ich Zeuge der Bekrcuzimnificit und Knicfälle vor den tausend Heiligenbildern und Altären war, von oft ganz kindlich — kitschigen Pseudokunstrrcrfen — da ergriff mich doppelt diese tief symbolische ehrfürchtige Anbetung der Lehre. dcS rein abstrakten Wortes — des Wortes, um desscntwillcn Tausende lächelnd in den Tod gingen .... II. Zwei Hrinc-DenkwÄer. In Paris aus dem Montmartre. Ueverall kleine, vermauerte Steinhäuser — seltsam, diese französischen Friedhöfe! Und nirgends etwas Grünes, ein Baum oder Blumen. Stein und wieder Stein, und droben auf der Brücke sausen (die Bahnen und AutoS. der Lärm der Großstadt dringt biS zu diesen Schlafenden und droht fast, ihre Ruhe zu stören ...!jDa — eine Wegbiegung —, ich stehe, vor Heine- Grab. Die Marmorbüste auf Sem Gockel — lächelnd, aber nicht ironisch, sondern verklärt, fast heiter — friedlich. — Drunten, am Sarkophage, die schönen, unS allen so vertrauten Borte: „Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein?"... Blumen, weiße Rosen und brennendrote Nelken liegen auf dem Marmorstein — deutsche Landsleute haben einem ihrer größten Dichter ihre Huldigung dargebracht —. ich aber neige mich andachtsvoll vor dem jüdischen Dichter und Dulder . . . Frankfurt! — uralte, hohe Bäume am Wall — und dort — unt-cr schattendem Grün — ein Heine-Denkmal. Im ersten Augenblick befremdend. Ein hoher Sockel und darauf zwei Gestalten: eine liegt da, schwer, hingesunken, ein Weib. Ncber ihr aber tanzt freischwebend ein Jüngling. Er schreitet harmonisch, von allem Erdenleid befreit, den Sternen zu. Das Weib aber keucht am Boden und kann sich nicht erheben. Befremdend? Nein — beim näheren Betrachten leuchtet die Schönheit des Gedankens geradezu aus den Steinen! Wie schwer warst du. Armer, an die Erde gefesselt, zuerst durch Neid und Mißgunst und Haß — dann im wörtlichsten Sinne als Kranker an deine Matratzengrust — aber dein Geist entrang sich all der Qual und all dem Leid — gleich jenem Jüngling schritt er tanzend und jauchzend über das Schwere und Bittere hinweg — auch hier wieder ein Triumph des Geistes! III. Der Heilige Antonius zu Frankfurt — und die Juden. WaS hat der Heilige Antonius mit den Juden zu tun? Er hat sich doch sonst nm genug anderes zu bekümmern! Bor allem muß er verlorengegangcne Dinge wiederbringen. dann muß er kleine kranke Kinder gesund manchen (wovon die vielen Danktäfelchen und Kerzen in der Basilika San Antonio in Padua deutlichste Beweise geben), und bann muß er gar den jungen Mädeln einen netten, hübschen Mann verschaffen — waS er auch schon öfter getan haben soll . . . Wahrhaftig, ein wundersamer, höchst liebenswerter Heiliger! In folgender, wirklich und wahrhaftig passierter Geschichte aber zeigte er nur die zuerst erwähnte Wuuderkraft — er fand Verlorenes wieder. — Es war im Sommer des Jahres 1926: eine jüdische junge Dame ging über den „Römerberg" in Frankfurt — sie „ging" — nein —, sic lies in höchstem Eilmarschtempo ins Bureau, denn die Domuhr wollte eben zu den schicksalsschweren acht Schlägen auöholen. Beim Laufen verlor sie ihr Uhrarmband mit der kleinen Taschenuhr. Im Bureau große Bestürzung! Die katholische, strenggläubige Kollegin beruhigt und versichert: „Ich weiß es ganz genau „Sie finde Ihr Uhr Widder! Ich bet' noch heut zum Hailige Antonius!" — Als die junge Dame nach Hause kommt — liegt die Uhr schon da — ein Bekannter, der kurz nach ihr über den Platz ging, hat sie gefunden und nach den innen eingeritzten Initialen erkannt . . . Als die Kollegin am nächsten Tag sagt: „Gell, Sie habbe Ihr Uhr Widder?" tc geniert sie sich fast. eS einzugestehen. Aber im Tone der Ueberzeugung. mit Triumph, erwidert die andere: „Ich habb'S gewußt. Ich war drinne im Dom beim Hailige AntoniuS una Hab gebest': Hailiger Antonius, schaff' die Uhr Widder, Hailiger Antonius, blamier dich nit, eS iS '» Judd!" — Erziehung. Unter diesem „Geleitwort" ist in der Neuausgabe deS „Juden" im 2. Heft eine Reihe von Abhandlungen erschienen. die alle die Erziehung unserer jüdischen Jugend zum Gegenstand haben. Es ist eine schwer zu entscheidende Frage, ob eine Erziehung zum „Judentum" ermöglicht werden kann oder ob von einer jüdischen Erziehung gesprochen werden kann. Das. was in diesen Abhandlungen größtenteils geboten wird, ist eine Uebertragung moderner Erziehungsmethoden auf das jüdische Kind. Und wie der Zionismus und seine Auswirkung in Palästina nichts anderes ist als ein Versuchskaninchen moderner sozialpolitischer Probleme, so scheinen mir auch die in Palästina und Polen getriebenen Erziehungsmethoden nur tastende Versuche zu sein. Leider, daß sie wertvolles Material dazu benützen und so vieles noch zugrunde richten, was sonst in anderer Form großen Nutzen bringen könnte. Oder glaubt man mit der hebräischen Sprache jüdische Erziehung gegeben zu haben. Das religiöse Moment in dieser jüdischen Erziehung tritt zu sehr in den Hintergrund. Und doch sind diese Abhandlungen ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der Pädagogik im Indentu m. Es zeigt sich auch hier, daß der Jude moderne Probleme in sein eigenes Gebiet zu übertragen versteht, daß er überall da, wo er kolonisatorisch-produktiv zu arbeiten die Möglichkeit hat, zuerst an die Jugend und damit an die Zukunft denkt. Die einzelnen Abhandlungen sind verschiedenartig, gar manche verhehlen nicht die Schwere der Probleme, manche auch wiegen sich allzusehr in dem Erfolg des Erreichten. Es sind 16 Abhandlungen, die in er Aufeinanderfolge systematischer geordnet sein dürften. Mit allgemeinen Fragen beschäftigen sich Bäck: Religion und Erziehung: Kellner: Die Problematik der jüdischen Erziehung: Elfriede Bergel-Gronem«nn: Ueber religiöse Erziehung; Ernst Simon: Erziehung zur Tradition. In den Bemerkungen äußern sich zu diesen Problemen: Ernst Müller: zum pädagogischen Problem der Bibel, und Arthur Posner: Der Vater alS Lehrer. Die Erziehung in den v o l n i s ch e n Judenzentren behandeln: Siegfried Lehmann: Bon der Stratzenhorde zur Gemeinschaft. Anjeh Tartakower: DaS jüdische Mittelschulwesen in Polen. Jacob Robinson: Das jüdische Schulwesen in Litauen. Vom P a l ä st i n e n - fischen Schulwerk sprechen: Tugatschow: Das Kinderdorf in Emek Jesreel. Moses Calvary: Jugendnot in Palästina. Fritz Löwenstein: Das hebräische Schulwerk in Palästina. In den Bemerkungen äußern sich hierzu: Helene Hamal Cohn: Die 2. Generation in Palästina und die arabische Umwelt; Hugo Bergmann: Die bebräische Sprache in Palästina, und Hans K ohn: Der Fremdspracheuunterricht im hebräischen Schulwesen Palästinas. Aus dieser Inhalts-