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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-08-13 · 33 (13.8.1926) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
33 (13.8.1926)
Date
1926-08-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Grlkonferenz. Am Sonntag, den 8. August, wurde im Sitzungssaal des ehemaligen Preußischen Herrenhauses die 111. Allgemeine Konferenz des Verbandes zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft unt:r den Juden „ORT." in Anwesenheit von Delegierten aus Deutschland. Amerika. England. Rußland. Frankreich, Polen. Rumänien. Litauen. Lettland u. a. m. eröffnet. Der Vorsitzende des Verbandes. Herr L. Bramson, begrüßte die Delegierten und die Gäste im Namen des Zeniralrates und der Zentralverwaltnug des Verbandes ORT. Zum Vorsitzenderl der Eröffnungssitzung wird Banköirektor Wilhelm Kleemann, der Vorsitzende des „ORT"- Aufbaufonds in Deutschland, bestimmt. Er dankt für d'-e ihm zuteil gewordene Ehrung, heißt die Versammlung anch im Namen der Berliner Jüdischen Gemeinde, deren Vorstandsmitglied er ist, willkommen und führt aus. die Arbeit von „ORT" sei geeignet, die Juden in allen Ländern zusammenzuschließen. Hierauf begrüßt Stadtrat Dr. Treitel die Konferenz im Namen des Magistrats der Stadt Berlin. Herr Justizrat Dr. Brodnitz. Präsident des Eentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, drückt seine Bewunderung für jene Juden im Osten aus. die trotz aller Fährnisse an ihrer Scholle haften. Die Ostjudcnfrage ist ein Problem, das die ganze Welt interessieren mutz. Hier handelt es sich um einen Versuch, das Problem an Ort und Stelle zu lösen. Männer wie L. Vramion, Dr. Singalowskn und die anderen führenden Personen des Verbandes „ORT" verdienen unsere Bewunderung. Man weis; es im Westen nicht überall, daß in den Ländern des Ostens Hunderttausende Juden an der Ackerscholle Dienst tun. Das Große daran ist. daß die Bewegung für Nebergana zur Produktion eine elementare ist und von den Massen selbst ausgeht. Zu wünschen sei. daß die deutschen Juden noch mehr über die Ideen und die Arbeit des Verbandes „ORT" erfahren. Herr Dr. Singalowskn. Mitglied des Präsidiums des Verbandes „ORT", sprach sodann über die Tätigkeit des Verbandes in der Berichtspcriode 1923 bis 1926. Diese Tätigkeit erstreckte sich auf folgende Gebiete: 1. Gewährung von Krediten an jüdische Handwerker in Form von Werkzeugen und Rohstoffen: 2. Kredithilfe an jüdische Landwirte durch Beistellung von Saatgut, lebendem und totem Inventar, sowie an Baumaterialien und 3. Ausbildung von Lehrlingen und Erwachsenen in Fachschulen und Lehrwerkstätten. Fachliche Jnstrnierung der Landwirte und Handwerker. In der Berichtsperiode unterstützte der „ORT" durch Kredite 1800 Handwerkerfamilien. 3500 Landwirte, und erteilte an 6600 Lehrlingen Fachunterunterricht in seinen Anstalten. In der Bcrichtsperiode wurde eine selbständige Organisation des Verbandes ausgebaut und aus eigenen Mitteln eine Summe von 800 000 Dollar für Verbandszwecke ausgegeben. Der Redner entwickelte den Ideengehalt der Organisation „ORT", die ein Ausdruck des Willens zur Aktivität ist. Allmählich macht, sich eine Besserung in der wirtschaftlichen Position der Inden in den Ostländcrn bemerkbar, und das wird auch aus die Arbeit von „ORT" befruchtend einwirken. um so mehr, als die Juden im Osten Hauptträger und Hauptbcitragende der Aufbau-Arbeit sind. Im Namen des Joint Distribution. Commitee begrüßt Herr Dr. Werner Senator, die Versammlung. Das Joint-Commitee, das soviel für die notleidenden Inden in EWppa getan har. und neuerdings wieder eine Aktion zur Tmbringung von 26 Millionen Dollar für .Aufbauzwecke Mkchführt. schätzt die Idee der konstruktiven Arbeit sehr noch ein. Die für Einwanderung in Betracht kommenden Länder haben ihre Tore versperrt. Die einzige Lösung ist jetzt der Aufbau der Produktion in den früheren Auswanderungsländern. aber auch die Vorbereitung von Auswanderern für die Produktion jener Länder, in die sie noch einwanderu können, wie z. B. Palästinas. Der Arbeit des Verbandes „ORT" fei ein ganzer Erfolg zu wünschen. Herr Dr. Paul Nathan drückt seine volle Sympathie der Idee aus, -atz die russische Judenfrage in Nutzland selbst gelöst werde. Palästina als ein kleines Land kann — das ist jedem Streite entzogen — die Lösung nicht bringen. Wir sind dankbar, daß die russischen Juden es versuchen, sich aus eigener Kraft emporzuarbeiten und in der alten Heimat zu bleiben. Gespanntem Interesse begegneten die Reden der Delegierten aus Amerika, die zu den führenden Personen der sozialen Fürsorge in den Vereinigten Staaten gehören. Richter Jacob Pauken, der Vorsitzende der Organisation „ORT".in Amerika, führte in englischer Sprache aus: Lösung der Judennot durch Aufbau ist das Problem der Judenheit in allen Ländern. Die Judenschaft Amerikas setzt sich aus arbeitenden Schichten, aus produktiven Menschen, zusammen. Sie Hai ihren hohen Anteil an der großen Entwicklung des amerikanischen Kontinents. Hier haben die Juden bewiesen, in welch befruchtendem Maße sie produktiv sein können. Das Elend im Osten verschuldete nicht die in das Gebiet der Legende zu verweisende „Arbeitsscheu" der Juden, sondern der Umstand, daß sie früher von -er Produktion, vom Boden, künstlich ferngehalten wurden. Jetzt ist die Bewegung für Wiederaufbau unter den Juden des Ostens elementar. Die amerikanischen Juden haben hierfür vollstes Verständnis und Sympathie. Jedes Problem der Behebung von Not ist ein internationales Problem. Das Problem der Arbeitslosigkeit in England z. B. ist nicht allein auf England beschränkt. Das neue Ideal ist nicht die Isoliertheit und Unabhängigkeit der Nationen, sondern gerade die Abhängigkeit voneinander durch gegenseitige Hilfe. Das Judentum war oft in der Geschichte ein Wegweiser. Auch hier, in der Arbeit für „ORT", mögen die Juden in allen Ländern das Beispiel der Solidarität geben Die Judenschaft Amerikas findet in den Leistungen für die Brüder in Europa einen neuen Inhalt des Lebens, erwartet nicht Dank, sondern ist ihrerseits dankbar. Herr Henry Moskvwitz. der Vorsitzende -es „ONT"-Aufbaufonds in Amerika, betonte, daß die amerikanischen Juden sich der Pflicht bewußt sind, zu helfen, wo es gilt, das zerstörte jüdische Leben im Osten wieder aufzubauen. Große Freude erfüllte ihn der Gruß des Joint Distribution Commitee, jener Organisation, die in der 'Kriegs- und Nachkriegszeit 60 Millionen Dollar zur Linderung der Not im Osten auögegcben hat und neuerdings 25 Millionen Dollar für Aufbauzwecke sammelt. Dr. Emanuel begrüß: die Konferenz im Namen der jüdischen Arbeiterschaft in Polen, die sich ihr Recht auf Arbeit erst erkämpfen mutz, gegenüber jener Politik des wirtschaftlichen Antisemitismus, die darauf ausgebt, das jüdische Wirtschaftsclcment aus seiner Position hinauszudrängen. Das jüdische arbeitende Element ist dem Verband „ORT" zu großem Dank verpflichtet. Herr Dr. Tschlenow spricht für den Verband für Gesundheitsschutz der Juden „OSE", den ein ähnliches Streben beseelt wie „ORT". Der Verband „OSE" erstrebt die physische Regeneration des jüdischen Bolkskörvcrs und schasst eine der Voraussetzungen für die Arbeit von „ORT". Die beiden Verbände sind von brüderlichen Gefühlen für einander beseelt. Nach Verlesung weiterer Begrüßungen schloß Direktor Kleemann die Eröffnungssitzung. Die Lüge der Inden in Rußland und in den anderen Ostländern. Zn Beginn der Nachmittagssitzung, die im Festsaal des Lögenhauses, Kleistftratze, abgehalten wurde, wird die von Dr. Silberfarb vorgeschlagene Tagesordnung für die drei Sitzungstage genehmigt. Hierauf wird ein Präsidium gewählt, das sich aus Senator Körner-Warschau, Dr. Silbersarb-Warschau, Dr. Gottlieb-Kischinew, Dr. Moskowitz- New Dort, Richter Panken-New Pork, Dr. Krainin-Berlin und Direktor Kleemann-Bcrlin znsammensetzt. Den Vorsitz übernimmt Dr. Henry Moskowitz. Herr L. Bramson erstattet den Bericht der Zentralverwaltung. Die ersten drei Jahre waren der Arbeit ungüpstig: in den letzten drei Jahren aber waren große Fortsck)ritte zu verzeichnen. Die Abteilungen des Verbandes ORT haben sich seit der Danziger Konkurrenz von 62 auf 62 erhöht. An Hand von Karten und Diagrammen zeichnete der Redner die Entwicklung der Arbeit. Während in den ersten drei Jahren 390 000 Dollar ausgegeben wurden, konnten in den letzten drei Jahren 860 000 Dollar der Arbeit zugcführt werden. Die Zähl der Mitglieder ist stark angestiegen. Das System der technischen Ausbildung wurde verbessert, sieben neue Fachschulen wurden gegründet. Das Technikum in Wilna gilt als einzig in seiner Art. Die jüdischen Fachschüler erhalten bei Ausstellungen die besten Auszeichnungen. Auch die Form der landwirtschaftlichen Instruktion wurde verbessert, das Kreditwesen durch Bcistellung von Produktionsmitteln auf Abzahlung ausgestaltet. Der Häuserbau von ORT für die Kolonisten im Odessaer Rayon wird bei seiner Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit als Muster anerkannt, so daß sogar die offizielle Kvlonisationsgesellschaft KOMZET bei ÖKT Häuser bestellt. Durch Beistellung von Maschinen und Werkzeugen werden neue Erwerbszweige geschaffen. Alles geht vorwärts, leider mutz die Arbeit noch immer unter der Unsicherheit der finanziellen Grundlage leiden. Dr. Bramson berichtet, daß in der ersten Zeit die Mitel aus Beiträgen von JOINT, ICA und anderen Organisationen flössen, daß aber später mit Erfolg versucht worden ist, eigene Mittel durch Ausgestaltung der Organisation und Anwerbung neuer Mitgliedermassen zu schassen. Ueberall in der Wen sind die Arbeit und die Ziele der ORT bekannt. In Ländern wie Finnland, Estland, Aegypten und Marokko werden ORT-Gelder zur Verfügung gestellt. Die Hoffnung aber bleibt das starke amerikanische Judentum, wo wir bereits Fuß gefaßt haben. Eine zweite Hoffnung gründet sich auf die Rückzahlung der vorgeschossenen Beträge. Die Kolonisten und Handwerker haben begonnen, die vorgestreckte Summe zurückzuzahlen. Die Summe solcher Rückzahlungen ist in drei Jahren von 11000 auf 33 000 Dollar gestiegen. Wenn das, wie zu erwarten ist, so weiter geht, so werden die zurückgezahlten Summen einen großen Teil der Grundlage für weitere Arbeit bieten. Allein für Fachausbildung wurden 44 Prozent des Gesamtbudgets bereitgestellt« An zweite Stelle kommt die Landwirtschaft, dann das Kreditwesen. Ueberall bestehen Sympathien für die ORT-Arbeit. Diese werden uns helfen, zu einer breiteren systemisierte» und organisierten Tätigkeit überzugehen. Auf die Rede Bramsons folgten Berichte aus den einzelnen Ländern. Mit größter Spannung wurde der sehlr interessante und aufschlußreiche Bericht -es Ingenieurs Zegelnicki über die Arbeit in Rußland angehört. In Rußland leben ungefähr drei Millionen Juden. 300 000 Familien mit 860 000 Seelen sind den Gewerkschaften angeschlossen. 150 000 Familien mit 380 000 Seelen leben vom Ackerbau. 38 Prozent des jüdischen Elements ist im Handel tätig. Es bleibt noch immer eine Million jüdischer Seelen übrig, deren wirtschaftliche Existenz im Dunkel liegt. ES ist das Element der kleinen Städte, das durch Krieg, Bürgerkriege und die Umstellung in der Wirtschaft des Landes aus seiner gewohnten Sphäre geworfen und deklassiert worden ist. Cs ist aber kein schlechtes Element, denn eS strebt mit allen Kräften danach, sich in der Produktion eiü» zuordnen. Besonders traurig ist die Lage der Jugend innerhalb dieser Bevölkerung. Die russische Industrie, obwohl jetzt wieder in voller Kapazität, kann nicht viel von diesen Kräften absorbieren, denn das physisch kräftigere bäuerliche Element bietet stärkste Konkurrenz. Der Ausweg ist der, daß die jüdische Jugend technisch ausgebildet wird, da für qualifizierte Arbeiter stets Arbeit sein wird. Der Redner schilderte, wie schnell sich die früheren Krämer der Landwirtschaft angepaßt haben. Die Wirtschaften der neuen Kolonisten gelten für die benachbarten russischen Bauern als Musterwirtschaften. Der jüdische Kolonist ist mehr neuen Ideen und Methoden zugänglich, und er läßt sich von den Instruktoren gern belehren. Er ist geistig rege und verwirklicht allerlei Pläne für eine bessere Ausnutzung der Kapazität einer kleinen Wirtschaft. Das gleiche gilt von den Kolonien, die auf kollektiver Grundlage aufgebaut sind und Produktionsgenossenschaften bilden. Die letzte gute Ernte hat es den jüdischen Bauern ermöglicht, ihren bisher lächerlich geringen Bestand an lebendem Inventar ansehnlich zu erhöhen. Der Redner schilderte ausführlich das Arbeitssystem des Verbandes ORT im Odessaer Rayon. ORT hat den ersten Versuch unternommen, die in den Bürgerkriegen und Pogromen vernichteten jüdischen Kolonien zu fördern. Eine Spezialität der ORT-Arbeit ist hie Förderung der kleinen Wirtschaften in der Nähe der Städte. Die Maschinen und Werkzeuge, die ORT nach Rußland brachte, leisten wunderbare Dienste. Der Redner gab einen Ueberblick über die jüdische Kolonisation in Rußland, die von verschiedenen Gesellschaften gefördert wird, und besprach insbesondere den Plan der KOMZET, 100 000 jüdische Familien bis zum Jahre 1986 auf dem Lande anzusiedeln. Vorläufig reicht der der jüdischen Kolonisation zur Verfügung gestellte Boden für diese Massensiedlung nicht hin, es sei denn, daß man Brachland anbaufähig macht, was natiirlich mit Kosten verbunden ist. Allenfalls ist die Fragk' der Ansiedlung von Juden nuf dem Lande jetzt brenneM die Gelegenheit muß ausgenutzt werden, da der BoÜow später nicht mehr frei sein wird. Zur Ansiedlung von 100 060 Familien brauchte man eineinhalb Millionen Desjatin Boden. Die bisher bewilligten Flächen sind fast schon ausgenutzt. Freie Flächen sind noch in der Gegend Jewpatoje—Dschankoj, am Asowschen Meer und ln einigen anderen Gebieten. Achtzehn neue jüdische Kolonien im Odessaer Rayon werden von ORT gestützt. Die neuen Kolonisten sind mit ihrem Schicksal zufrieden und sind glücklich, daß sie auf ihrer eigenen Scholle sitzen können. Der Redner gab dann einen ausführlichen Ueberblick über die Arbeit von ORT im technischen Ausbildungswesen und im Kreditwesen. Besonders an Maschinen und Rohstoffen auf Kredit ist großer Bedarf vorhanden, und hier kann man oft mit wenigem einer Familie aufhelfen. Hierauf referierte Herr Dr. Silberfarb über die Arbeit von ORT in Polen. Hier ist die Arbeit in der Kolonisation naturgemäß beschränkt, da es an Boden für jüdische Siedlung mangelt, um so segensreicher sind die Leistungen von Jehovas Ruhm. Bon Arthur S i l b e r g l e i t. Weiherstillc, wolkem'iberschmcbt: Wipfeldämmerungen, grün und golden. Läßt von Sonne sich der Tag besolden. Daß er ganz von ihrem Golde lebt? Gottes MärchemulergründUchkeit Schlummert in den grünsten Waldesgründen. Aber wo ins Meer die Ströme münden, Rauscht sein Name wellenbenedeit. Zephir flüstert ihn im zagsten Hall, Und er fließt von Knospemnund zu Blume, Und er raunt im Farbenheiligtume Gelben Feldes, mittagsstrahlenprall, Segenssprüche zärtlich Korn und Halm, Und er überzittert der Cyanen Ucberirdisch sehnsuchtsblaue Fahnen Mit der Sommerwinde Andachtspsalm. Wer wenn Jehova lauschend schweigt, Hörst du unter seiner Sternenstille Noch sein Preislicd. wenn die letzte Grille Seinen Ruhm durch Duft und Dunkel geigt. Der Spalt. (Eine Ferienskizze.) Bon E. Ca pell. Draußen war Sommer, war Leben, war Fülle, war Ganzes. Draußen lebte man als Teil des großen All — mitgenietzenb, mitverpflichtet im Ganzen. Sonne, Wiese, Wald, sie waren unser: Bächlein, Vögel, Mücken, als nur für uns geschaffen. Menschen, die wir sahen, vom gleichen Sinn erfüllt: „Genießen"! Und es wurde klar — hier ist genießen nicht nur erlaubt — fraglos erlaubt: — es ist Gebot! Wozu die schöne lachende Gotteswelt, wenn keiner sich ihrer freut? Nein, Sünder der, der nicht mit ganzem Ich sich ihr schwelgerisch ergibt, hingibt. Hingabe an das All, an Freude und Schönheit! Gott. Natur gibt — wir empfangen! Primitivstes Leben — schlafen auf der Wiese, leben von den Walderdbeeren — Milch. Eier, wie Natur sie schafft. Glücksgefühl, Zufriedenheit beim Sonnenschein — ruhiges Abwarten in der Hütte, wenn Regenschauer hernieöerfallen: dankbares Wiederaufatmen, wenn die Sonne neu durchbricht. Die Nacht in der Herberge auf dem Strohsack ist köstlich: — man schläft dem taufrischen Morgen entgegen, der wiederum Sonne zu bringen verspricht. Und die Ferientage schwinden — die Zeit mahnt zum Alltag zurück. Die Lokomotive pustet und eilt, als könne sie uns nicht schnell genug ans Ziel bringen. Wir kommen heim. Freunde empfangen uns: Wie war's? Was habt Ihr erlebt? Ihr Aermsten! Es war sehr heiß — es regnete mitunter! Hattet Ihr darunter zu leiden? Biel Bekanntschaften gemacht? Viel gesehen? War das Essen gut? Kinder, Kinder, hört doch mit fragen auf. Wir waren doch draußen, draußen in Gottes Nähe. Seine Wunder belauscht, erschaut, genossen. Wir waren Menschen!- Sie sind zu sehr vom Alltag befangen: ein Glück, daß sie uns nicht verstehen. Sie müßten sonst die Arbeit beiseite werfen, weglaufen. — Zu lauschen am Spalt, wo's etwas Ewigkeit zu schauen gibt. — Eindrücke aus dem MufLe de Cluny in Paris Von Dr. C. L o e w c. Mitten in Paris, an einem der belebtesten Boulevards, wo die Autohupen einander ttbertönen, im größten Lärm und Trubel, ist ein mittelalterliches, stilles, graues Gebäude: das Clunymuseum. Einst waren dort sogar römische Bäder, von denen jetzt noch Mauern als Zeugen uralter Vergangenheit dastehen: noch gräbt man dort, um weitere Reste zu finden. Efeuumrankt sind die Mauern, im Garten stehen halbzerfallene römische Figuren. Im Innern des Museums findet man die verschiedensten Kunstwerke, von den kleinsten, zierlichsten Pantoffeln der Hofdamen unter LoniS XIV. bis zu der glänzenden, goldgeschmückten Karosie des Sonnenkönigs. Ueberall ist kostbares Glas. Porzellan, die schönsten Elfenbeinschnitzereien — und dann plötzlich ein Zimmer: „Collection hsbra',que„" Eine Tafel sagt, daß dies alles von der Baronin Nathaniel de Rothschild gestiftet ist. Als erstes fällt ein Schrank auf, der zierlich geschnitzt ist, als „Arche Sainte" bezeichnet: er ist aus Italien, Ende des 15. Jahrhunderts: es ist eine wundervolle Arbeit, in Rot und Gold, gehalten» mit Säulen an der Seite. Dann ist dort unter Glas ein feingewebter Teppich „Esther et Assuerus", deutsche Weberei aus dem Jahre 1590. Da sitzt der König Ahasverus, ein deutscher Patrizier mit langem Bart in der Tracht des deutschen Mittelalters. Sein Zepter hält er gesenkt, und Esther kniet vor ihm. Auch sie trägt eine Kette und eine goldene Krone. Ein Spruchband zwischen beiden verkündet uns ihr Gespräch: „Esther, was ist din begeren? Das w!l ich dich geweren." — „Ach, Herr und König m!n» Laß dir min volck bevohlen sin!" — Dicht daneben ist ein herrlich schlanker, neunarmiger Leuchter, flämisch, aus dem 17. Jahrhundert. Sehr kunstvoll in der Malerei sind einige Ehekontrakte aus dem 18. Jahrhundert (Italien), hebräische Buchstaben in goldener Schrift, viele Blumen und Tiersymbolik. Die Vorhänge aus dem 17. Jahrhundert sind prächtig: Rot Samt mit Silber, Blau mit Gold, ein gestickter Sack in Rosa mit silbernen Blumen. In einem Glasschrank sind kostbare Trauringe aus dem 16. Jahrhundert, getriebenes Gold, mit Buchstaben und Blumen. Man weiß gar nicht, was man zuerst bewundern soll: die wundervollen Schlösser, die Oellampen oder die Sabbatbecher. Besonders schön stno die Schlösser zur Lade: Engel halten eine Krone über einer kleinen Bundeslade, weiter unten sieht man Löwen — alles in getriebenem Gold. Verschiedene Chanukahleuchter sind da: „Pour la fete des Macchabes." Meistens sind es Oellämpchen, oben sieht mau eine kleine Figur des Juda Maccabi mit dem Schwert. Entzückende Riechbüchschen aus Nürnberg (18. Jahrhundert) und Holland, kleine Festungstürme. Auch ein Sabbatbecher aus Jerusalem ist dort aus dem 18. Jahrhundert: er ist sechseckig geformt und zeigt getriebene Arbeit. Ein anderer Glasschrank birgt kostbare Manuskripte, Megillen in ganz feiner, kleiner Schrift, wahre Kunstwerke. Eine andere Megillah aus Holland ist wie ein großes Bilderbuch, mit bunten, primitiven Bildern, Illustrationen zu der ganzen Geschichte. Meisterhaft ist der Deckel eines Gebetbuches» ganz aus Gold, darauf Rebekka am Brunnen. — Stunden und Stunden könnte man hier zubringen in diesem kleinen Raum. Aber vieles Interessante wartet noch auf mich in diesem wirbelnden Paris — noch einen letzten Abschiedsblick — dann bin ich wieder mitten im Trubel -e- Boulevards. im wilden Getriebe des 20. Jahrhunderts.

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