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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-08-13 · 33 (13.8.1926) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
33 (13.8.1926)
Date
1926-08-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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niffe ttt Jaffa und Jerusalem vermögen kaum die In. S?$e??cn dUr <Nach einem türkischen, derzeit in Palästina noch rn Kraft stehenden Gesetz wird ein zahlungSunfähiger Schuldner selbst wegen einer geringfügigen Summe mit vl Tagen Arrest bestraft.) Dennoch werden seitens der zionistischen Exekutive neuerlich Arbeitskräfte angefordert. Wenn in einem anderen Lande ein größerer Prozentsatz der Bevölkerung ohne Arbeit ist, so wird zu» mrndeü kein Zuzug des mittellosen Elements geduldet. Anders wird hier praktiziert. Die an Häufigkeit zunehmenden Arbeltslosenkrawalle, die stets mit der Mißhandlung von Beamten -er Palästina-Exekutive durch die hungernden Lhaluzim enden — worauf allerdings letztere von der alarmierten Polizei windelweich durchgepeitscht werden —. läßt me Zionistenführer noch immer nicht diesen zum Abgrund führenden Weg verlassen. In der Great Russel-Street wird me Ruhe nicht im geringsten gestört; auch in der Meinekestraße verläuft alles programmäßig. Der alte Trick wird rmmer weiter gehandhabt, den geehrten Lesern der zionistischen Preise, auf deren Borniertheit gepocht wird, die Meinung aufzuzwängen, als sei jeder, der, nach seinen Wahrnehmungen hinter den Kulissen der Welt, das Spiegelbild PaA'tinas vor Augen führt, ein Gestrandeter. Dessenungeachtet wird sich die Stimme der Vernunft nicht unterdrücken lassen, die fordert: Bekennet offen die erlittene Niederlage, rettet, was in Palästina noch zu retten ist; es gut, die Humanität, nicht die bankerotte Palästinawirtschaft durch propagandistische Galvanisierung zu erwecken! Bei der am 24. Juli d. I. in Jerusalem stattgehabten stark besuchten Volksversammlung äußerte sich Dr. v. Weis! im Lause seiner Rede: „Der Bankrotteur Wcizmann. der wohl ein routinierter Schnorrer ist, jedoch kein Politiker, weigert sich entschiedeu. der Opposition Rechenschaft über den Grund seiner fortwährenden Niederlagen zu geben." Sein Nachredner, Herr Ernst Davis, Palästina-Korrespondent des ^Berliner Tageblattes", hat in seinen Ausführungen die Worte Dr. v. Weisls vollinhaltlich unterschrieben, indem er mit den Worten schloß: „Für einen solchen Führer ist ein der zionistischen Organisation nicht vorhanden!" Dre Frage bleibt noch offen, ob Jabotinsky in der Praxis eine Entspannung herbeiführen würde. Die Forderung der Stunde lautet jedenfalls:.Liquidation dieses Systems! Der Paliislinarausch Von S. Klein. Brüssel. Seit 2000 Jahren gibt es für die Juden eine Zionsyoffnung. Die indische Religion wird von dieser Hoffnung getragen. Alle ihre Gebete zeugen davon Diese Hoffnung bildet die Wurzel und die Grundlage des heutigen sogenannten Zionismus. Seit etwa 40 Jahren, seit dem Auftreten Herzls. begann man, diese Hoffnung in die Tat umzusetzcn. Namhafte jüdische Patrioten, wie z. B. Baron Rothschild, opferten gewaltige Summen für das Werk. Die letzten 15 Jahre brachten endlich eine ungeheure Propagierung des zionistischen Gedankens in der ganzen Welt. Die Juden Amerikas. Rußlands, Oesterreichs, Frankreichs, Deutschlands usw. spendeten und spenden noch unzähliges Geld: Viele, viele Millionen in englischen Pfunden. Ueberall in der Welt hört man jetzt vom „Zionismus" reden. Es werden Kongresse und Konferenzen abgebalten Audienzen erteilt, Interviews gewährt. Die Zeitungen bringen ununterbrochen Nachrichten über die begeisterte Zustimmung oder die wohlwollende Meinung hochgestellter Persönlichkeiten und Staatsmänner der verschiedensten Länder (die doch durchaus nicht aus Freundschaft für die Juden sich für den Zionismus cimetzen). über Reisen der zionistischen Führer, ü-ber die palästinensische Einwanderung und so fort. Wir wollen nun sehen, was mit alledem erretdjt worden ist. Es sind, wie die letzten Berechnungen des amtlichen statistischen Bureaus ergeben haben, im ganzen nur 138000 Inden im Lande. Darunter sind etwck 50 000 von jeher dort ansässig. Einen gewissen Teil kann man als in den letzten 40 Jahren dort geboren betrachten.- Es wandelten also in diesen 40 Jahren höchstens 80 bis 85 000 in Palästina ein. Hierbei ist zu bemerken. daß der größte Teil dieser an sich bereits sehr geringen Einwanderung auf den verstärkten Antisemitismus in Polen, aus die allgemeine politische Lage in Europa und vor allem auf die amerikanische Einwanderungssperre zurückzuführeu ist. — Was tun nun biefe neuzügezoiMen 38060 Juden in Palästina, wie leben sie dort, und womit beschäftigen sie sich? Etwa 7—8000 quälen sich ans den 40—12 Ansiedlungen, sogenannten Kolonien", wo der schlechte Boden auch die primitivsten Bedürfnisse nicht befriedigt und auch niemals befriedigen kann, so daß sie auf Unterstützung angewiesen sind. Diese Unterstützung gewährt ihnen das im Golus gesammelte Geld. Einige wenige Kolonisten, die ohne diese behördliche Unterstützung aus'kommen. erhalten Hilfe von ihren Kindern bzw. Verwandten, die selbst im Golus leben. — Diejenigen, die größere Geldbeträge mitbrachten, haben ohne jede Ueberleguna sofort mit dem Ban von Häusern begonnen und die nunmehr berühmte Stadt Tel-Awiw. die bis vor zwei Jahren da«s Steckenpferd der zionistischen Propaganda war. gegründet. Sie haben dort, wie auch an anderen Orten Palästinas, kleine Industrien eingerichtet. Mit alledem haben sie. wie allgemein bekannt ist. sehr bittere Erfahrungen gemacht: Fast all« haben dabei den größten Teil ihres Vermögens verloren. — Diejenigen, die nur über geringe Beträge verfügten, haben — wie in den kleinen Städtchen Litauens und Polens — unzählige Lädchen etabliert, in denen Selterwasser. Limonade. Brot und Heringe feilgeboten werden. Sie quälen sich um das tägliche Brot, und ihre einzige Hoffnung bilden die weiteren Opfer, die infolge der zionistischen Propaganda mit ihrem Geld nach' Palästina kommen werden. — Dazu kommen endlich noch die Arbeiter, die beim Bauen beschäftigt waren und jetzt leider arbeitslos sind. Das größte palästinensische Unternehmen. Rothschilds Weinkeller, der der zweitgrößte der Welt ist und unzählige Millionen gekostet hat. erwies sich als unrentabel. Die große Oetfabrik produziert nicht daö. was ursprünglich beabsichtigt war. Man war gezwungen, sie einer Gesellschaft zu übergeben, die nicht alle vorhandenen Maschinen ausnutzt. Von einem zukünftigen Aufblühen kann keine Rede sein. Die Scidenfabrik ist bekanntlich geschlossen worden. Nebrigens ist das nicht das erste Unternehmen, das seit den Zeiten Herzls in Palästina schließen mußte. Infolge der unüberlegten Bebauung Tel-Awiivs wird vermutlich auch die Zementfabrik nicht so arbeiten können, wie mau cs erhofft hat. Der Tabakanbau, den die zionistischen Führer vor zwei Jahren so sehr gerühmt und auf den sie so große Hoffnungen gesetzt haben, ist ein schöner Traum geblieben. Die Obstkultur ses handelt sich in der Hauptsache um Apfelsinen) kann ia nur dann einigermaßen ertragreich sein, wenn die Ernte in den Konkurrenzländern schlecht aussällt. Vor allem — und dies kann gar nicht stark genug, betont werden — ist in Palästina überhaupt nur sehr wenig Ackerboden vorhanden, der doch allein das Fundament eines zukünftigen Staates sein kann. Dabei ist zu bemerken, daß gerade eine der zentralsten Ideen des Zionismus eben die Gewöhnung der Juden an die Landwirtschaft war. so viel Land mau auch von den Arabern erwerben, und so viel Boden etwa noch urbar gemacht werden könnte, so wird es doch in Palästina niemals möglich sein, mehr als insgesamt 250—350 000 Juden anzusicdelu (i>. h. nur etwa 2% des gesamten Judentums). Die Zahlen, die die Zionisten aus biblischen und sonstigen Quellen schöpfen, sind bekanntlich unsicher und schwer zu deuten. Aber selbst wenn diese Zahlen zutressen. so sind doch die Bedürfnisse heutiger 350 000 Inden ebenso groß, wie die der damaligen 2Vo Millionen. Sagt man aber, daß es gerade gelte, sich die größte Beschränkung aufzuerlegen und möglichst bedürfnislos zu leben, so mögen die zionistischen Führer selbst dort wohnen und ein Beispiel da-sür geben, wie man sich unter solchen Umständen kleiden, was man essen und trinken, und wie man schlafen soll. All das. was unsere Vorfahren — der damaligen durchschnittlichen Bedürfnislosigkeit entsprechend — über Zion gesagt haben, kann nicht auf die heutigen Verhältnisse angewandt werden. — Sobald übrigens Amerika die Einwanderung erleichtert, und sich die politisch-wirtschaftliche Lage in Europa bessert, wird voranssichtlich ein großer Teil der cingewanderten Juden Palästina verlassen Wozu also der ganze Lärm, die großen Auseinandersetzungen und Polemiken in den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften, wozu die tausenden von Angestellten der zionistischen Organisation? Wenn man die bis jetzt für Palästina geopferten Gelder auf die 85 000 cingewanderten Juden verteilt haben würde, so hätte ein jeder von^chncn gern aus Palästina verzichtet, und wjirdc es vorgczogen haben, weiter auf Zion -U hoffen .Die Ergebnisse des Zionismus werden dagegen fri* Hoffnungen vieler Millionen Juden zerstören. Man könnte freilich mit einiger Bitterkeit sagen, daß der Zionismus selbst der vollkommenste Ausdruck reiner Hoffnung -ist, weil sich nämlich diese Hoffnung niemals verwirklichen kann. Die allgemeine jüdische Lage kann durch Palästina nicht erleichtert, geschweige denn gelöst werden. lBom Antisemitismus ist man auch doll nicht befreit, und wird es auch niemals sein können, weil die Wurzeln des Antisemitismus sich eben dort befinden und von dort herstammen.) Man mutz nach Mitteln suchen, die die Lage der Juden verbessern könnten. Daran mutz bas ganze Judentum arbeiten — hierin gibt es keine Parteien les ist übrigens lächerlich, -atz es jetzt bereits unter den 86 000 Einwanderern eine Unzahl von Parteien gibt). Auf der Erdkugel kann man genügend Land finden, um — unter dem Protektorat anderer Länder — hundert größere jüdische Kolonien zu gründen und so die stark von Juden bevölkerten Gegenden zu entlasten. Bon einem Land aber, das niemals etwas gegeben hat unniemals etwas geben kann — (an göttliche Wunder glauben ia die Zionisten selbst nicht) — ist nichts für das Los des jetzigen Judentums zu erwarten. Uebrigens kann jeder Jude, -er Zion liebt, ruhig dahin fahren und sich dort ebenso einrichten. wie es die hunderttausende von Juden seinerzeit in Amerika, Afrika und in anderen Ländern. die in weiterer Entfernung liegen und auch nicht dem Herzen dieser Juden so nahe sind, wie Palästina — getan haben. Das wäre ein gesünderer Weg, um eine Kolonie oder sogenannte „Heimstätte" von 250—350 000 Bewohnern zu gründen. Jedenfalls ist der Glaube, man könne mit Gerede und Geldsammeln einen jüdischen Staat aufbauen, ein Irrwahn. — Es ist wirklich an der Zeit, -atz man damit aufhört, von den armen Juden Schekelgeld einzuziehen. Warum kann man in der Zionistischen Presse keine genauen Angaben darüber lesen, wieviel Bewohner jede Kolonie hat. wie groß die Zahl der Landbesitzer und wie groß die Zahl -er gedungenen Landarbeiter ist, welches -er in den letzten drei bis vier Jahren erzielte Ertrag der Ernte ist. wieviel der Gewinn beträgt und auf wieviel sich das Existenzminimum beläuft (und zwar für jede einzelne Kolonie und jeden einzelnen Besitzer und Arbeiter)? Ferner auch, was jeweils angebaut wird. Warum weiß mau nichts darüber, ob die cingewanderten Juden ihr armes Leben noch irgendwie fristen können, oder ob sie sich im völligen Elend befinden, ob sie von irgendeiner Seite unterstützt werden, und wie hoch diese Unterstützung ist. Das Judentum möchte gerne wisieu, wieviel Juden sich mit Industrie beschäftigen, und wieviele Juden Limonade und Heringe verkaufen, wieviel Juden vom Vermieten ihrer Häuser leben, wie die Arbeiter entlohnt werden und wie sich ihr Leben gestaltet. Es, wäre auch interessant zu hören, wieviel Angestellte die zionistische Organisation hat. wie groß die Unkosten dieser Organisation sind, und welche Spesen die jährlichen Reisen verursachen.— Mit den fortwährenden Mitteilungen der zionistischen Zeitungen über die Reisen, die Begrüßungsfeiern und die Reden der Führer, sowie über die verschiedenen Geldsammlungen wird man Zion nicht weiterbringen, und auch die Nichtzionisten, d. h. soviel wie 95 Prozent des Judentums, nicht anlocken können. Der Nichtzionist hat für all dies kein Interesse. Der Nichtzionist wie auch jeder Schekelzahler hat aber ein größeres Interesse daran, zu erfahren, wie die unglücklichen Opfer der zionistischen Propaganda in Palästina leben. Dies darf nicht verheimlicht werden. Die Eiterbeule mutz und wird einmal platzen, und die Wahrheit wird sich, wenn nicht sofort, so doch in wenigen Jahren durchsetzen. Die Führer üeö Zionismus werden dann auch von den Zionisten verachtet werden. Die einzigen, die dem Zionismus dankbar sein werden, sind di«,. Touristen und die Pilger aller Religionen, die es nun auf den von den Juden mit so viel Schweiß und Mühe gebauten Ehausseewegen bequem haben werden. — Weizmann heil unlängst gesagt, die Frage der Miliz sei gar nicht so wesentlich. es sei viel wichtiger, sich zu bemühen, die Antizionisten in die Bewegung hineinzubckommen. Aber das sinsehr unklare Worte. Was sollen sie dort tun? Sollen sie mit ihrem Geld nach Palästina fahren, damit die dort bereits wohnenden Juden davon existieren können, oder ist diese Meinung Weizrnanns nur eine Vorbereitung für eine spätere Behauptung. (wenn das Fiasko eintritt) daß die Juden die Bewegung nicht genügend unterstützt hätten? Um das zu verstehen, bitte ich Sie, wieder an die männliche Literatur zu denken, die gerade in den neunziger Jahren eine so neue Gestaltung und weltumfassende Bedeutung bekommt. Und wenn wir bei diesen Kämpfen um den Naturalismus, Neuromantik und alle die anderen neuen Richtungen einen Barthels bittere Tränen weinen sehen, so geschieht das. weil dcc Juden bei dieser Umwälzung stark beteiligt sind. Zwar kann er weder Ibsen, noch Strindberg, noch Tolstoi der Herkunft nach Verdächtiges nachsagen — und sie waren ta die Verkünder der neuen Gedanken — und auch ihre deutschen Manen, wie .Hauptmann oder Liliencron, Hartleben und Bölsche — und wie sie alle heißen — sind nicht zu verdächtigen: aber sie fielen doch den Juden in die Hände, und erst die trugen die Bewegung. — Ob das die Brüder Hart waren oder Leo Berg, die für sie rangen, oder Otto Brahm, der sie anfführte, oder Verleger, die sie druckten und ernährren ... es waren eben die Inden, auch die der Literaturgeschichte, die sich um die neuen Ideen bemühten, sie analysierte und dem Publikum nahebrachte. Da sind Richard M. Meyer, Bielschowski, Harden oder Witkowski. Und die leisten diesen ganzen sozialen und dichterischen Bestrebungen und dem Kampf für eine neue Menschlichkeit noch Vorschub. Prozentual ist hier die Jüdin nicht stark beteiligt. Gewiß, Namen tauchen in großer Zahl auf, wenn auch oft genug verborgen hinter einem männlichen Pseudonym. Sie sind.wohl auch viel gelesen worden, denn Erzählerinnen wie Emmy Rosst und Ada von Gersdorsf, der Titzer, oder El Correi (die eigentlich Ella Thomas hieß), selbst Olga Wohlbrück und Marie Eugenie delle Grazie boten einen Unterhaltungsstoff, der eben gern aus den Leihbibliotheken geholt wurde. In dieser Form der Belletristik tritt aber der künstlerische Wert allzu weit zurück, als daß man sie zur absoluten Literatur zählen könnte. Auch die Erzählerinnen, die ein jugendlicheres, aber auch begeistertes Publikum fanden, wie Else Croner oder Else Ury, kann man nur außerhalb dieses Rahmens nennen. Der Komik wegen möchte ich noch bemerken, daß vor einiger Zeit das Heidelberger Tageblatt einen Roman abdruckte, eine Geschichte, in der eine Katja ihren Mann doch noch lieben lernt und daß diese rührende Sache von einer Jüdin stammte, die als Edela Rüst schreibt, aber anders heißt. Wenn wirklich ein Unterschied zwischen ihr und einer Courths-Mahler besteht, so kann er zugunsten der Courths-Mahler sein. Aber auch unter den erzählenden Jüdinnen grbt cs natürlich Begabungen, für die der Roman nicht ein Machwerk ist. sondern ein Stück Leben und Erleben, mit Menschen und Fragen, die klug beobachtet und sicher gepackt sind. Da sind Ulla Wolf und Carry Brachvogel, von den Jüngeren Grete Auer, Regina Ullmann und L. Andro. hinter dem sich die Jüdin Therese Rie verbirgt, da ist die Gattin Stefan Zweigs. Maria Winternitz und Vicky Baum, oder Martha Karlwels, die ihre großen epischen Gaben in sehr lebendiger Form zu Romanen zu gestalten wissen. Auch die Erzählerinnen unter ihnen, die sich in den Dienst des Humors stellen — und der ist bei Frauen eigentlich selten - verbinden mit ibrer liebenswürdigen und ansprechenden Art ein durchaus künstlerisches Streben. Was beispielsweise Alice Bcrend schrieb, hat nicht immer den gleichen Beifall gesunden, spricht aber niemals gegen ihr künstlerisches Niveau: und das kann man wohl auch von der kürzlich verstorbenen Ernst Georgy behaupten, die mit viel Humor einst die Berliner Range schuf. Auch eine dramatische Begabung wird durch eine Jüdin vertreten, obwohl gerade auch dieses Talent sehr selten bei schöpferischen Frauen zu finden ist. Und Elsa Porgcs. deren Dramen unter dem Namen Ernst Rosmers erschienen, schließt sich in ihrem künstlerischen Streben einem Max Halbe, Fulda oder Drcycr mit so viel Erfolg an, daß Richard M. Meyer von einem ihrer Dramen rühmt: es sei nicht nur ihr bestes, sondern gehöre auch zum Besten, das diese Schule hervorgebracht habe. Im Gegensatz zu der Häufigkeit epischer Talente unter den Frauen, scheint die Lyrik ihnen, wenigstens produktiv, sehr fern zu liegen. In den Versen der Isolde Kurz und der Huch, die daS höchste an deutscher Dichtung von Frauen darstellen, sind doch fast Ausnahmen zu erblicken gegenüber der großen Zahl schreibender deutscher Frauen. Und von Jüdinnen können wir da auch nur zwei Namen nennen: Hedwig Lachmaun und Else Lasker-Schüler, die beide schöne Berfe schufen, aber doch nicht das große Format einer Huch oder Kurz aufweisen. Hedwig Lachmann hat zwar neben dieser feinen Begabung noch ihren besonderen Verdienst als Uebersetzerin, was ebenso der fraulichen wie der jüdischen Eigenart entspricht. Wenigstens rühmt man, seit Dorothea, ebenso dem einen wie dem anderen dieser beiden Momente die große Kunst des Sich-Einfühlens in eine fremde Kultur und eine fremde Psyche nach, die wohl mit der Frauen und Juden eigenen Feinnervigkeit zu erklären ist. Und der größte Reiz an einem Menschen wie Hedwig Lachmann war ihr durchgeistigtes Menschentum, das sie später Gustav Landauers Frau werden ließ. Glücklicherweise starb sie vor seiner grauenhaften Münchener Ermordung. Ilnd ich möchte hier, da man sich bei dem Scblaomort ..Anarchismus" allzu leicht etwas Falsches und sehr Blutrünstiges vorstellt, doch auch an die geistige Kapazität einer Rosa Luxemburg erinnern. Mag die Karikatur, der Haß sie auch die „Rote Rosa" genannt haben, . . . wer ihre Briefe und ihre rein-menschlichen Ansichten kennt, wird sie nicht billig abtnir. auch wenn man politisch weder ihren Standpunkt noch ihr Vorgehen versteht. Unter den Jüdinnen, die sich im Kampf um die weiteren Fortschritte der Frau den deutschen Kämpferinnen, die sich ja teilweise auch literarisch betätigen (ich meine da nicht nur die Stöcker, Salomon, sondern auch Lili Braun, die Reuter, Helene Böhlau und die Viebig) anreihen, sind außer den vorhin erwähnten Roman-Dichterinnen weder Auguste Hauschner noch Anselma Heine zu vergessen. Auch die Grete Meisel- Heß gehörte zu den Jüdinnen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel befehdet waren. Und doch müssen wir ihr Mut und Scharfblick zugestehen, wenn wir bedenken, daß sie das Wort von der sexuellen Not lange vor Freud geprägt und offen ausgesprochen hat. Ueberhaupt glaube ich. daß das philosophische Element unter den schreibenden Frauen der Gegenwart bei den Jüdinnen am glücklichsten vertreten ist. Das ist nicht so zu verstehen, daß ich den nächsten Kant aus ihren Reihen prophezeie. Ich denke nur au die künstlerisch sehr begabten Frauen, die durch eine wissenschaftliche Disziplin meist durchgegangen sind und die Probleme ihrer Zeit abstrakter behandeln. Sie verzichten, wie schon die Hauschner oder Anselma Heine es oft tat, auf den Rahmen eines Romans oder sonst einer dichterischen Gestaltung, sondern erörtern ihre Gedanken mehr in essaiistischer Form. Das versuchte eine Journalistin wie Alice Schalek, die die Welt an allen Enden kennt und mit fast männlicher Energie zu erfassen weiß, ebensogut wie etwa Julie Elias, die die Kultur der Dame zu schützen sucht mit der Pflege eines bestimmten fraulichen und häuslichen Stils. Und alle die anderen Namen, Lola Landau, Gabriele Tergit, Eva Maria Bud, auch Sclma Stern und Martha Badt, deucn wir ziemlich häufig in den Feuilletons der großen Zeitungen und Zeitschriften begegnen, dokumentieren die Klugheit und künstlerische Disziplin der Jüdin, die alle Fragen mit großer Ueberlcgenheit zu behandeln weiß. Und da ich hier die Domäne der deutschen Jüdiu für den Augenblick sehe, in diesem Ringen um leinwägcnde Gedanken, muß ich mich einer ganz singulären Erscheinung unter ihnen zuwendeu. die diesem objektivierenden Trachten ganz entgegengesetzt ist. Ich nannte vorhin schon Else Lasker-Schüler mit ihren Versen und möchte nur auf die künstlerische Eigenart dieser Vollblut-Jüdin aufmerksam machen. So unbeschwert sie sich auf das moderne Leben mit seinen Realitäten einzustellen weiß, flüchtet diese Dichterin in ihrer Kunst mit einem kühnen Sprunge über die Jahrhunderte hinweg. Im Orient ist ihre seelische und künstlerische Heimat. Und wenn uns dieser Sprung in die Bibelluft des Orients oft ein wenig gewollt erscheint, müssen wir ihr doch die Sehnsucht glauben! „Ich kann die Sprache dieses kühlen Landes nicht Und seinen Schritt nicht gehen" singt sie einmal. Und auch das müssen wir ihr glauben. Denn so fanatisch, so phantastisch überladen sie uns auch erscheinen mag — nie ist sie innerlich verlogen. Dazu ist ihre Seele zu kindlich, zu nnirdisch, zu offen auch im Bekennen ihrer Launen und Liebe für alles, was eben nicht nur Morgenland ist, sondern auch Morgenland vortäuscht. Und da wir ihr'glauben müssen, daß ihr die Sprache dieses kühlen Landes etwas Fremdes ist — was sie natürlich symbolhaft meint, so wollen wir bei diesem Worte bleiben und an ihm das Phänomen messen, trotz der Fremdheit der Sprache, sie so vollendet als Instrument gemeistert zu sehen. Und mit dieser Feststellung mutz ich mich begnügen. Lösen kann man das Rätsel wohl nicht, das Rätsel, das ich aufzustellen versuchte: wie der jüdische Geist ganz plötzlich deutsch zu denken lernt und dann, gepflegt von Männern und Frauen, vielleicht besonders von Frauen, bewußt und unbewußt so stark wird, daß ohne ihn das Schaffen des deutschen Geistes schon nicht mehr zu denken ist, auch wenn man; sich der letzten Fremdheit auf beiden Seiten wohlvewutzt .ist.

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