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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-08-13 · 33 (13.8.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
33 (13.8.1926)
Date
1926-08-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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durchaus zufriedenen Eindruck und leben in der vollen Zn« verficht, daß ihre Arbeit erfolgreich sein wird. Eine medizinische Untersuchung stellte fest, -aß der Gesundheitszustand der Kolonisten ein bedeutenbesserer als der der übrigen indischen Städte und Städtchen sei. Dieser neue jüdische Bauerntyp ist das beste Propagandamaterial für die Ltvlonisationsbewcgung in Rußland, und diese Bauern selbst fordern ihre Freunde und Bekannten auf, ihrem Beispiel zu folgen, so daß es überhaupt nicht nötig ist, irgendwelche Agitation zu treiben, da sich eine große Menge von Reflektanten melden, die den Wunsch haben, zur Landwirtschaft überzugehen. Durch die materiellen Schwierigkeiten kann aber nur ein Teil der Landwirtschaft zugesührt werden. Die Vertreter des „Agro Joint" haben persönlich bei Hunderten von Kolonisten angefragt, ob sie wieder in die Städte zurückkehren möchten. Diese haben jedoch eine solche Zumutung mit Abscheu abgelehnt. In den Kolonien befinden sich schon jetzt 125 000 Seelen. Ihr Vermögen beträgt zehnmal mehr als der „Agro Joint" investiert hat. Dr. Bernhard Kahan, Direktor des europäischen „Joint", erzählte: als er ungefähr vor einem Jahre dieselben Siedlungen besuchte, aus denen er eben gekommen war, habe er gesehen, daß die Felder öde waren, etwas beackert, mit kleinen, armen Hütten besetzt, und man habe ihm gesagt, -aß hier und da ein Dorf entstehen solle. „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so bin ich damals in sehr pessimistischer Stimmung abgereist. Ich dachte, daß wir hier mit mehr gutem Willen als mit realen Möglichkeiten zu rechnen haben. Wie groß aber war meine Freude und Bewunderung, als ich dieses Jahr an denselben Plätzen über dreißig jlidische Siedlungen und neue jüdische Dörfer, von jüdischen Bauern bewohnt, die von Sicdlnngsgeist durchdrungen waren, vvrfand. Dies hat meinen Mut und meinen Glauben an die jüdische Siedlungsarbeit gekräftigt und ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß diese jüdische Kolonisation wirklich eine große geschichtliche Bedeutung hat und die Sympathien aller Schichten des Judentums auslöst." Diese Erfolge, die das russische Judentum von der Einwanderung nach Palästina fernhült, haben die Zionisten nicht gleichgültig gelassen. Denn die russischen Juden haben als Kolonisten und Cbaluzim für Palästina immer eine große Bedeutung gehabt. Nachdem aber die Zionisten gesehen haben, daß alle jüdischen Gesellschaften, wie „Agro Joint", „Ort", „Jca", „Jkor" „Prokor", und sonstige Vereine sich mit aller Energie der moralischen und finanziellen Unterstützung der jüdischen Kolonisation in Sowjet-Rußland widmen, haben sie doch ihr Gleichgewicht verloren und mit Betrübtheit festgestellt, daß gerade in Amerika der Keren Hajessod vollständig in den Hintergrund gedrängt worden ist. Um die Situation zu retten, beschloß die zionistische Organisation eine große Propagandakanone nach Palästina zu senden, wozu der Dichter Bialik ausersehen wurde. Nach einer seiner Propagandaversammlungen wurde zu Ehren des Dichters Bialik ein Festbankett veranstaltet, auf dem er versuchte, die jüdischen Intellektuellen und die Schriftsteller Amerikas für den Zionismus zu gewinnen. In seiner romantischen Rede ries er den jüdischen Schriftstellern zu, sie möchten ihm in die Augen schauen und von der großen Anflebungsarbeit, die in Palästina jetzt vor sich geht, überzeugt sein. Bialik wiederholte seine bekannte Phrase, daß die paar tausend Juden, die sich in Palästina befinden, für ihn wertvbller sind als die Millionen Juden im Galuth. Die Inden des Galuth, das sind die „Assereth haschwotim" (die zehn Stämme), die untergehen werden, und die Juden, die sich in Palästina befinden, das ist der Stamm „Jehuda". der fvrtleben wird. Daraus erlaubten sich viele jüdische Schriftsteller, ihm doch in die Augen zu schauen, darunter der bekannte jüdische Kritiker Nigger und der Verfasser der „Polnischen Wälder", Dpatatschu, und andere und sie erklärten ihm, daß sie seinen Rat befolgt und ihm und den Brüdern in Palästina in die ÜkUgcn geschaut hätten. Da hätten sie bemerkt, daß. während sie sprachen, er seinen Kopf zu Boden gesenkt hielt und nicht wagte, ihnen in die Augen zu sehen, als sie bewiesen, wie der Stamm Jehuda in Palästina größtenteils aus Maklern und Händlern und Lustmenscheu besteht und Zionistenführer wie Zlvcisti & Ev. bereit sind, um ihre Bodenspekulationen erfolgreich durchzuführen, den ganzen Stamm Jehuda zu verkaufen. Die heutige Situation in Palästina hat die Ehaluzim, die die Hoffnung hegten, eine neue Generation aufleben zu sehen, eine Generation von produktiven Juden, bitter enttäuscht,' statt dessen finden sie dort eine Armee von ' Vermittlern und Hausierern. Sie wurden von ihren Träumen bald getäuscht. Durch den Zustrom der Luft« Menschen wurde das Luftschloß zerstört . .. und die letzte Krise hat alle so weit geführt, daß sie, um aus dem Elend herauszukommen» wieder gezwungen sind, ein neues Palästina zu suchen... Mein letzter Aufsatz über die Krise in Palästina hat der „Jüdischen Rundschau" nicht vollkommen imponiert,' darum importierten sie Herrn Dr. Preub aus Palästina, der etwas gegen meinen Artikel einzuwenden versuchte. Auch Herrn Waldmann hat mein Aufsatz nicht befriedigt, jedoch war seine Polemik ausnahmsweise taktvoll: die des Herrn Dr.Preuß aber war daö Gegenteil. Dr. Preuß versuchte, in seinem Aufsatz dem naiven Leser zu erzählen, daß er „zufällig" die „Jüdisch-liberale Zeitung" in die Hand bekommen hat, in der er „zufällig" einen Aufsatz über „Die Krise in Palästina" fand, wo dieses Thema in der ganzen jüdischen Presse der Welt behandelt wird. Natürlicher wäre es doch gewesen, wenn er die Wahrheit gesagt hätte und auch etwas konsequenter in seiner Beweisführung aufgetreten wäre. Vor allem versucht Dr. Preuß zu beweisen, daß die von mir angegebenen Fabrikunternehmungen nicht vollständig, wie ich berichtet habe, eingegangen, sondern nach einigen Monaten durch Morphiumeinspritzungen wieder auferstanden sind. Jedoch muß die Tatsache zugegeben werden, daß die in Palästina entstandene Industrie auf schwachen Füßen steht und keine Existcnzmöglichkeit hat. Ferner will Dr. Preuß beweisen, daß am Strande von Tel-Awiv Juden nicht beim Leim, sondern beim Bansand gearbeitet haben. Ich will gern zugeben, daß es Bausand gewesen ist: jedoch will ich nicht auf seinen Leim gehen und will ihn bitten, sich beim palästinensischen Arbeiterführer Ben Zwi zu informieren, wie die Arbeitsverhältnisse sind. Er hat darüber einem jüdischen Berichterstatter die Mitteilung gemacht, daß mehrere hundert Juden durch die Konkurrenz der Beduinen brotlos geworden sind. Ebenso wird kaum jemand glauben, daß die jüdischen Arbeiter der Konkurrenz der arabischen Bevölkerung, die auf einem weit tieferen kulturellen Niveau steht und ganz an das Klima gewöhnt ist und die geringsten Lebensbedingungen hat, gewachsen ist. Wenn Dr. Preuß den Leser glauben machen will, daß die jüdische Arbeiterbevölkernng nicht verdrängt wird, sondern sich in den Dörfern seit 1923 vergröbert hat, so muß ich sagen, daß ich darin mit ihm ganz einverstanden bin: dasselbe Bild bietet sich nicht nur in den Dörfern, sondern auch in den Städten, wo sich die Bevölkerung ganz kollossal vergröbert hat und von Luftmenschcn überschwemmt ist. Es kommt jedoch nicht auf die Bevölkerungszahl an, sondern auf die Produktivität der Bevölkerung. So gut wie in der Großstadt verschiedene unproduktive Elemente von Wohltätigkeit und Luftgcschäften leben, lebt auch die Dorfbevölkerung in derselben Weise. Damit kann man noch nicht behaupten, daß sich die Zahl der produktiven Erd- und sonstigen Arbeiter auf dem Lande vergrößert hat. Dr. Preuß versucht überhaupt, entgegen der Bestätigung der zionistischen Presse, die Krise in Palästina vollständig zu vertnschcn, wo viele zionistische Zeitungen ihn das Gegenteil lehren können. Es genügt, dem Herrn Dr. Preuß einige Berichte der palästinensischen Zeitung „Hadvwor" Nr. 156 zu zitieren, um die gewaltige Arbeitslosigkeit und das große Elend der jüdischen Massen in Palästina zu illustrieren. Es liegt mir fern, den Anwalt des Herrn Fischer zu spielen. Jedoch bin ich erstaunt, daß die Zionisten so schrecklich über den Palüstinabericht des genannten Herrn aufgebracht find. Wenn die Oeffentlichkcit orientiert wäre mit welchen unsauberen Mitteln die zionistischen Berichterstatter die verzweifelten Juden Polens nach Palästina locken, um sie dort dem Hungertode preiszugebcn, würde sie ihre Empörung für diese Sorte von Berichterstattern aussprechen und sich nicht mit der zionistischen Schuhpolcmik, die in den Privatangelegenheiten des Herrn Fischer herumtrampelt, abgeben. Als Illustration, wie selbst die Zionisten über die gewissenlosen Palästina-Berichterstatter urteilen, ist es interessant, den nachstehenden Brief eines Berichterstatters der Warschauer Tageszeitung „Hajnt" in Nr. 245 der Palästina- Zeitung „Hadowor" wiederzugeben. Nachdem die genannte Zeitung dem Berichterstatter em verdientes Zeugnis über seine Berichte gab, schrieb der saubere Berichterstatter Folgendes: „Ich will nicht beweisen, daß ich mit meinen Berichten für den „Hajnt" recht habe. Jedoch möchte ich den geehrten Redakteur fragen, aus welchem Grunde er etwas derartiges über mich schreibt, das den Anschein erweckt, daß ich ein Erpresier und Scharlatan bin?" . . Darauf antwortete die Redaktion unter anderem, daß für Sie die Person deö Berichterstatters rvenig Interesse habe. Auch lege sie keinen Wert darauf, zu wissen, was ihn zu dieser Schreibweise bewogen hat. Sie wolle nur den Wert dieser Berichte klarstellen und die -Oeffentlichkeit aus die Unverantwortlichkeit und Gewissenlosigkeit derselben aufmerksam machen. „ . . _ Dies muß doch auch den Zionisten sagen, daß sie vor allem ihren Berichterstattern auf die Finger sehen müssen, bevor sie andere Berichterstatter berunterreißen. Am Schlüsse möchte ich noch zugeben, daß die neue schwierige Situation durch die britische Politik, die in Palästina letztens entstanden ist, sowie durch die erwachende arabische Befreiungsbewegung und durch die zionistischen Luftschlösser sich entwickelt hat. Diese Situation läßt sich am besten durch den Witz eines jüdischen Publizisten kurz illustrieren, Der sagt: „Die Regierung Palästinas liegt in den Händen der Engländer, der Boden in den Händen — der Araber, jedoch das Land gehört den Zionisten..." Warum nicht offen bekenne»? Bon unserem palästinensischen Korrespondenten R. F. Jerusalem, den 3. August 1926. Dem in Palästina befindlichen objektiven Beobachter deS zionistischen Aufbauwerkes in allen seinen Phasen muß sich früher oder später die Ueberzeugung aufdrängen: Die Palästina-Aktion der Zionisten ist als gescheitert zu trachten. Die Symptome hierfür offenbaren sich in solch schreiender Plastik, daß jede vertuschungsgewandte Sophistik dagegen verblaßt. Das palästinische Siedlungswerk, als Instrument zur Lösung der wirtschaftlichen Seite der Judenfrage gedacht, hat selbst die anspruchslosesten Erwartungen nicht zu rechtfertigen vermocht. Das Los des Auswandererproblems dürfte nicht viel besser bestellt sein. Es ist klar, Daß-Herr Dr. Weizmann auf das bange „c,uo vadi8, domime? der jüdischen Auswanderer Osteuropas keinen positiven Bescheid! zu geben imstande ist: der einmal verkorkte Abfluß nach dem , Uebersee läßt sich in seinen verhängnisvollen Folgen nichts an Schärfe nehmen. Wem noch keine Gelegenheit geboten war, sich an Ort und Stelle mit der Situation vertraut zu machen, den mag das von Dr. Weizmann am 22. April d. I. in einer öffentlichen Versammlung in Tcl-Awiw gemachte Geständnis belehren, ob und inwiefern die an Palästina geknüpften Hoffnungen der Erfüllung nähergerückt sind. Er sagte u. a.: „Palästina ist ein Land von begrenzter Aufnahmefähigkeit. Mit den im Vorjahre hereingebrachten 40 000 jüdischen Immigranten (gemeint sind: 31688!) haben wir das Höchstmaß überschritten." Die Annahme wäre jedoch irrig, als ob das Land alle 31688 absorbiert hätte. In Wirklichkeit beschränkte sich die Absorption auf eine nur geringe Anzahl von ihnen. 300 Arbeiter haben in der Landwirtschaft Aufnahme gefunden 0 Prozent), einige Tausend wurden im Baugewerbe vorübergehend beschäftigt — die aber seit 10 Monaten einen Großteil der Arbeitsloscnzifser bilden — und der Rest konnte, abgesehen von einer Handvoll Kaufleuten und Industriellen, absolut keine Wurzel hier fassen. Was jedoch da- Schlimmste ist, das ist der Umstand, daß diese Bedauernswerten von ihrem Ansgangslande bereits völlig entwurzelt worden sind, so daß sie nun zwischen zwei Polen zu pendeln verurteilt sind. ,n9£ Besicht man sich den Leistungskomplex der zionistisches -Organisation in Palästina näher, so kann man sich pi& traurigen Resultate als Summe der bisherigen Jnvestlosten an Barmitteln, Menschenmaterial und Energie nicht erwehren, da das gegenwärtig Vorhandene im argen Mißverhältnis zu den aufgewandten Mitteln steht. Bemerkenswert ist, daß im Laufe der dreißigjährigen kolonisatorischen Tätigkeit die Konsolidierung auch nur eines einzigen Siedlungspunktes nicht zuwege gebracht worden ist. Es taumeln siebentausend hungernde Arbeitslose durch die Gassen Jerusalems, Haifas und Tel-Anmvs, die Mission hält reiche Ernte leine Illustration zum Thema „Austritte auS dem Judentum und deren Veranlassung"), die Schuldgefäng- Die Jüdin in der deutschen Literatur. Von Lotte H e r m a n n - V o r ch a r d t. (Schluß.) Diesen großen Umweg über die Juden in der deutschen Literatur habe ich als unerläßlich für mein Thema gesehen. Und nach diesem Ausflug will ich auch gleich Grund und Resultat sagen: Für uns jüdische Frauen haben wir nämlich Größen wie einen Simmel oder Bubcr, Hofmannsthal oder Schnitzler nicht in Anspruch zu nehmen. Und das scheint zunächst unerklärlich, wenn ich daran erinnere, daß vor hundert Jahren ans diesem Gebiet die deutsche Jüdin ihrem Manne deutlich voraus mar, denn die Männer, vielleicht von Natur aus amusischer als die Frauen, stürzten sich nach ihrer geistigen Befreiung zunächst auf die Wissenschaften, nicht auf die Künste. Aber wenn wir uns nochmals in die Situation einfühlcn. bleibt es nicht mehr so unerklärlich, denn diese genialen jüdischen Frauen konnten eben in der Zeit einer allgemeinen geistigen Umwälzung hcrvvrbrechcn und sich durchsetzen. Nachdem aber das Meer, das sich bei ihrem Durchgang geteilt hatte, wieder zusammenschlug, mußte es sehr schwierig sein, ans der Flut deö Alltags emporzutauchen — nachdem seine Fesseln sich zwar geändert, aber doch wieder nm die Familie gelegt hatten Mit Ausnahme der George Sand, die in Frankreich die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, wobei aber die Tatsache, daß sie Jüdin war, gar keine Rolle spielte, ist diese ganze Zeitnur mit maskulinen Begabungen erfüllt. Nun kommt es mir aber so vor, und ich glaube, es wird einleuchtend erscheinen, als ob die Frauen, und zwar > besonders die Jüdinnen, gar nicht anders reagieren könnten. I und die neu von außen empfangene und hereinströmende Kultur zunächst in ihr Haus tragen mußten. . . . nach innen also wirkten. Sic bringen die Kinder in gute Schulen, auch die Mädchen und in ihr Haus einen Stil, den weder das! Ghetto noch, bis auf eine kleine Zahl sehr begünstigter j Juden, Jahre des Krieges zngcbilligt hätten. Das Hans er-! fährt eine Pflege, die sich nicht nur ans die realen Dinge : beschränkt, sondern Freude an der Knnst und Geselligkeit j dokumentiert. Wenn ich an die Behaglichkeit eines jüdischen , Hauses in den vierziger Jahren also denke, darf ich mir! vielleicht erlauben, an das Milien von Jettchcn Gebert zu i erinnern, das bei manchen auch ein festgefügter Begriff ge« j worden ist und das illustriert was ich als neuen Znsiand im? jüdischen Frauenleben deutlich machen möchte. Hier ist! äußerlich das Leben einer deutschen Familie, aber es ist! unzweifelhaft durchsetzt mit jüdischen Elementen, die vorher so gar nicht modnlationsfähig erschienen waren und die doch der Geist der Jüdin mit den Fortschritten der Zeit zu verbinden verstand. Schon, daß es sich um ein junges Mädchen bandelt, ist ja etwas durchaus Neues, denn diesen Begriff kannte ja die starre jüdische Tradition nie: wir sprachen ja von der Tatsache, daß das Kind als Kind noch verlobt und als halbes Kind schon verheiratet wurde. Und dieses junge Mädchen sträubt sich sogar gegen das Berlobtwerden: nicht nur im intimen Kreis und gegen die Verwandtschaft gewandt, sondern ganz offiziell: sie rennt bei der Hochzeit davon, und zwar mit dem Argument von Liebe oder vielmehr Nichtliebenkönnen! Das sind so die neuen Ansichten, die zu Beginn des Jahrhunderts nur die großen, gewissermaßen revolutionären Persönlichkeiten für sich in Anspruch nehmen konnten, die aber nur um die Mitte des Jahrhunderts bereits im Bürgertum stecken. Und diese fünfzig Jahre sind relativ wenig Zeit, um so bahnbrechende Ideen zum Sein reifen zu lassen, und die Kürze der Zeitspanne beweist, daß die Jüdin inzwischen den neuen Geist in sich ausgenommen hat. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob dieser Fortschritt eine günstige oder ungünstige Veränderung geschaffen hat, wir können nur durch diese Tatsache den Beweis erbracht sehen, daß die Jüdin, auch wenn hier große Namen fehlen, geistig nicht stillgestanden hat. Und wenn wir davon absehen, daß nur mit Namen und Werk die Bedeutung dcS fraulichen Wirkens fixiert werden kann, müssen wir auch an die andere Möglichkeit noch denken, mit der die Jüdin einen starken Einfluß auf die deutsche Literatur bekam. Gerade wenn wir uns das gutgepflegte Haus einer kultivierten jüdischen Familie vorstellen, ist uns die Anziehungskraft auf die oft viel primitivere und vHimperc Art der Deutschen nicht unverständlich. Und die Berjudung der deutschen Literatur, wie Barthels das bezeichnet, ist infolge der Mischehen, die doch wohl häufiger sind, als man glaubt, ist ein Schluß, den man nach dieser Voraussetzung leicht ziehen kann. Und die Namen eines Friedrich Spielhagen, Wilhelm Jordan, eines Hans Hopfen oder Paul Hense, auch die dunkle Herkunft Richard Wagners, die alle Mischehen entsprossen sind, waren für ihre Zeit und darüber hinaus sehr bedeutsame Erscheinungen. Und die Frage, ob diese Bedeutung den jüdischen oder den anderen Bestandteilen ihres Blutes zuzuschreiben ist, hat ihre Anhänger und Gegner viel Tinte und Atem gekostet. Denn, wie Sie wohl wissen, gibt es außer dem Semi-Gotha auch einen Senri- Kürschner, so daß neben den verjudcten Aristokraten auch die geistigen Aristokraten, die ihr Blut durch Pater oder Mutter oder Heirat jüdisch infiziert haben, für alle Zeit geächtet werden können. Und da die Zahl nicht gering ist, scheint cs mir doch auch kein Zufall zu sein, der noch in unserm Zeitalter einen Gerhart Hauptmann, einen Richard Dehmel (öptt sogar zweimal) oder einen Heinrich Mann als Gattin Aste Jüdin wählen läßt. Und wenn ich noch Thomas Mann hier erwähne, so kann ich die Entwicklungslinie der deutschen Jüdin ganz bequem nachzeichnen. Denn die Tatsache, daß Thomas Mann mit einer Enkelin Hedwig Dohms verheiratet ist, führt uns wieder zum Thema zurück, zu der Jüdin in der zweiten Halste des neunzehnten Jahrhunderts. Und da ist gerade das Haus Hedwig Dohms, die sicher mit der Atmosphäre, die sie um sich herum schuf, ihrer Zeit und den nachfolgenden Generationen mehr geistigen Reichtum häufte als in ihren Werken, obwohl auch die bedeutend sin2. da ist gerade dieses feinsinnige Haus das treffendste Beispiel dafür, daß die Wirksamkeit der Frau nach außen beschränkt sein mag, nach innen aber nicht unterschätzt werden darf. Und es ist vielleicht in diesem Zusammenhang iuteressant, wenn ich einen mir sehr nahestehenden Schriftsteller zitiere, der kürzlich meinte, daß man mit seinen Ohren zumindest ebenso stark aus dem jungen Dichter Claus Manu den Ton seines Vaters wie das Erbteil seiner Urgroßmutter heraushören kö'.rnte. Und wenn wir einen Augenblick noch bei Hedwig Dohm verweilen, die in ihren Büchern den Typ, dem die Zukunft der Frau gehörte, darstellte, so wollen wir nicht vergessen, daß diese Iran nicht nur der Literatur zugewandt ist. sondern sich zu den Fragen ihrer Zeit auch außerhalb ihrer künstlerischen Produktivität als Mit- und Vorkämpferin mutig betätigte. Uns Heutige wag die Tatsache, daß sie eine der Ersten war, die in Deutschland für Nietzsche eintraten, nicht weiter erstaunen, denn für uns ist er eine abgestempelte Größe, aber in dem auftauchenden Hin und Her gehörte ebensoviel Mut wie Scharfblick dazu, bahnbrecherisch hcrvorzutreten. Und cö blieb nicht bei dem einen Fall. Wir dürfen nicht vergessen, daß in diesen Jahren zum erstenmal der Kampf öffentlich ausloht, der den Sieg des Frauenrechtes bringen soll. Es gab ja nicht nur ungenügende politische Rechte, bedenken Sie. in den Jahren kämpft die Frau noch um das Reicht auf Bildung, auf Schulung, kämpft um Berufs- und Geltungsrecht. Und wenn Hedwig Dohm sich auch von allem Bercinsmüßigen aanz fernhielt, mit ihrer Feder, ihrem Wort und ihrem Geist schuf sie Positiveres als mit Statuten und Sitzungen. Eng verbunden — vielleicht nicht einmal durch persönliche Beziehungen, über die nichts weiter bekannt ist — jedoch durch die ganze Art ihres ethischen und künstlerischen Wirkens sind ihr zu dieser Zeit die Jüdinnen Fanny Lewald und Jenny Hirsch, wenn ich mich mit den Prominentesten begnüge. Diese Frauen, auch noch andere Jüdinnen, die sich gerade bei der Erkämpfung der Frauenrcchte organisatorisch stark beteiligt haben, deren Bedeutung aber nur innerhalb ihres Kreises, also lokal beschränkt war (ich denke da an Henriette Goldschmidt oder aber an Lina Morgenstern), alle diese Frauen waren noch im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts geboren: also in dem Augenblick, da die Stimmen einer Ellen Key, Karin Michaelis oder auch der Lagerlöf von Norden her weckend nach Deutschland herüverdringen, da sind diese Frauen bereits Greisinnen ober gar nicht mehr am Leben. Erst die nächste Generation, die etwa in den 50er und 60cr Jahren geboren und um Ende des Jahrhunderts mündig wird, erst diese Generation ist dann die teilweise noch lebende Brücke zu unserer Zeit. Aber das ist wohl ein Grund, daß unser Urteil über sic am wenigsten Schärfe hat. Tenn vielleicht ist der zeitliche Abstand zu den Menschen ebenso nötig wie der räumliche zu den Dingen, wenn das Bild ein ganz rich. tiges sein soll. Ich möchte alko besonders vorsichtig sein, wenn ich auch eine kleine Enttänschung am geistigen Fortschritt der Jüdin in dieser Zeit nicht unterdrücken kann.

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