Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 33 (13.8.1926)
- Date
- 1926-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ -er Bereinigung Wr -a- M-rak Ludeninm e. B. Bq«g»p«r» durch die VefchLftsstell« ^iLhrttch M.LSV EdrMrirmmerHSV Bei freier Znserwnng t. Inland SM Mr die «ttgtteder der vereiniseng ist -er DrzuMreto :: u i« MUgUedsdettrage enthnve». s « « (hefredakleur: Dipl.-bng. Bruno Doyda. tto..rüViictz^tzeoiv SHtttMs^ )even NkOUvtz. «etiitoi ii. OefcftaMeftclte: BwHnflW, WtUretmftr. 147. Ywmmti eoh>ftl)«lW> 338«, 338» pWM«»ua,n»n««4 ««tu« nwtne.i*7<w9 W»»W»hhi f«« »a» Hbevala^u»«iit«tN «flchdtzna, r-intttchdb nur mit «0r»»ri0*r VUNshmrsflnA »flr KtofeäkUÖn _ Anzeiaenp_ fii’&'Ä'wl ANHeig enanna hme: Mbifch-ltt gnsrrat-nabteitnng: Berlin GG4^ M (Hasenheide^ 3358^50), sowie siimtl.? Nr. ZS Berlin, 13. August 1928 6. Jahrgang Die Wahrheit marschiert. Der gescheiterte Zionismus Von * * * Die nachfolgenden Ausführungen, die Uns von einem genauen Kenner -der palästinensischen Verhältnisse zngahen, zeigen erneut die Gefahren, dir dir zionistische Siedlung im heiligen Lande bedrohen. Der jüdische Liberalismus, der als religiöse Bewegung Anhänger in allen jüdisch-politischen Lagern besitzt, wird gerade in den Kreisen, die. enttäuscht vom zionistischen Mißerfolg, im Judentum entwurzelt werden, auf die ewigen Wahrheiten der jüdischen Religion Hinweisen müssen. Die Schristleitung. Der Zionismus hat unzweifelhaft dort an Boden verloren. wo ihn der Verlust am meisten schmerzen must: in Palästina. Das Vertrauen der dortigen jüdischen Bevölkerung ist erschüttert. Alan glaubt nicht mehr recht daran. Last Palästina die Judenfrage zu lösen vermagr zumindest bezweifelt mau es. Sollte nicht doch die Lösung der Judeufrage nur in den einzelnen Landern möglich sein? Zwei Symptome zeigen am deutlichsten die Lage im heiligen Laude Die Einwanderung ist ins Slocken Lcraten. und es beginnt sogar eine beachtliche R ü d tt> a n b e x u it g. Während noch vor kurzer Zeit «ronaMch 3 bis 4900 Jüdeu ßnL Land eiurvanderten, betrug ihre Zahl im Monat Juni nur noch etwa 1500. um im Juli weiter aus 965 zu sinken. Auf der anderen Seite schnellte die Zahl der jüdischen Rückwanderer tflt Monat Juni auf «03 empor, während sic noch kurze Zeit zuvor völlig unbeachtlich war. Und das zweite Symptom. Von den im Lande befindlichen Inden zeigte nur ein verschwindend kleiner Bruchteil ein Interesse daran, palästinensisches Staarsbürgerrechr zu erwerben. Ein deutlicher. Beweis dafür, daß der begeisterte national-jüdische Einwanderer in Palästina zum Skeptiker wird. Hier die Tatsachen durch Mängel im Einbürgerungsgesetz erklären zu wollen, ist. wie jeder Kenner der Verhältnisse weist, tr^ig. Die „Jüdische Rundschau" kommt der Wahrheit schon ziemlich nahe, wenn sic in ihrer Ausgabe vom 16. Juli d. I. unter Bezugnahme auf das Naturalisationsgesetz sagt: „ ... so muß doch anerkannt werden, daß es gegenüber den analogen Gesetzen anderer Länder beträchtliche Erleichterungen bietet. Trotzdem haben die Juden bisher nur sehr menia von der Möglichkeit der Naturalisation Gebrauch gemacht. Nach einer vom Waad Leumi veröffentlichten Statistik haben sich in diesem Jahre im ganzen t800 Mens<LL2 (nach anderen Versionen noch weniger) zur Naturalisation gemeldet. Diese Gleichgültigkeit in einer so wichtigen Frage hat den Waad Leumi veranlaßt, eine energische Propaganda zugunsten der Einbürgerung zu entfalten . . . Nur Kurzsichtigkeit kann annehmen, daß durch Nichteinbürgernng. durch ein Sitzen auf zwei Stühlen, individuelle Vorteile erreicht werden können. Für Zionisten dürfte cs in dieser Frage keine Ueberlegung und kein Zögern geben." Worauf wahrscheinlich die Inden in Palästina der ja noch immer in Berlin erscheinenden „Jüdischen Rundschau" mit dem bekannten Sprichwort antworten werden: eicibus provisus sum. Forscht man nach den Ursachen der gegenwärtigen Krise, so findet man Ne auf drei Gebieten: 1. In der Beschaffenheit des Landes,' 2. in der Konkurrenz der arabischen Bevölkerung; 3. in den schwierigen Finanzverhältnissen. Man glaubte zunäclsit, in Palästina die Juden der Landwirtschaft zuführen zu können. Ueberall in der Welt wurde daS Bild dcö jüdischen Bauern auf jüdischem Boden gezeigt, das ja unzweifelhaft für Zionisten und Nichtziouitten etwas Bestrickendes hatte. Das wirkliche Bild der jüdischen Bevölkerung Palästinas zeigt nun aber als vorherrschenden Typus — den Städter. Gegenwärtig kommen etwa auf.120 090 Städter nur 1.8 000 Landbewohner. Don diesen ist natürlich ein nicht unerheblicher Teil bereits vor den Bestrebungen des Zionismus im Land gewesen. Die Neigung zur Stadtansicölung liegt nicht nur in den Menschen, sondern auch wesentlich in den Bodenverhältnissen Palästinas bedingt. Mit Recht schreibt der bekannte Zionist Pros. O. Warburg in einem kürzlich veröffentlichten Aufsatz: „Daß der Ackerbau in Palästina, selbst wenn er Siö zur äußerst möglichen Grenze ausgedehnt und zu möglichst starker Intensität entwickelt wird nur eine relativ bescheidene Anzahl Menschen wird ernähren können, ist eine absolut feststehende, nicht mehr zu bezweifelnde Tatsache, mit der wir uns abfinden müssen/ Wenn gegenwärtig erforscht werden soll, ob Palästina nicht in größerem Maße für die Pflanzungsindustrie, im besonderen also für den Anbau von Orangen. Bananen usw.. geeignet ist. so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß von dieser Seite eine beachtliche Linderung der im Lande herrschenden Not in absehbarer Zeit nicht erzielt werden wird. Die Verhältnisse in der Stadtbevölkernna Palästinas sind gegenwärtig aber geradezu trostlos. Die Bautätigkeit hat nach dem Abstoppen der Einwanderung, wie es zu erwarten war. wesentlich nachgelassen »nd (ineaußerordent. lichr Arbeitslosigkeit hervorgerüfen. In den verschieden ön Industriezweigen hat sich, abgesehen von der Konkurrenz der Araber, über die noch gesprochen werden soll, gezeigt, daß man mit den bisherigen Industrieländern nicht konkurrieren kann. So sind denn die Stadtbewohner zum großen Teil Luftm-euschen, die ihre mitgebrachten Gelder äufzehren oder von Grundstücksspekulationen oder unmöglichen Handelsgeschäften leben. In diesem Zusammenhang sei einmal ganz offen ausgesprochen. daß bei der Stadtbevölkerung der Geist der jüdischen Religion nicht immer das Leben bestimmt. Es ist. natürlich in orientalische Verhältnisse übertragen, tout comrae chez nous. I n Tel-Aviv, der jüdischen Stadt, findet man alle Sitten und Unsitten europäischer S l 8 d t e wieder. Selbst dir geheime Prostitution und Animierkneipen fehlen nicht. Ein gewisser Chauvinismus kommt darin zum Ausdruck, daß (abgesehen von einem englischen Letter der im übrigen rein jüdischen Stadtpolizeij kein nichtjüdifcher Arbeiter oder Angestellter in Tel-Aviv geduldet wird. Eine Tatsache, die sicherlich Gefahren nicht nur für Palästina in sich birgt. Als Kuriosa für prominente deutsche Zionisten seien Zwei Tatsachen angeführt. Dem deutschen Juden wird es bekanntlich am meisten verübelt, daß er den Unterschied von Ost- und Westjuden nicht üb ersahen will. In Tel-Aviv nun liegt die Stadtverwaltüng hauptsächlich in den Händen russischer Juden. Ihnen wird Begünstigung Mer Landsleute bet der Besetzung von Beamtenstetten und der Verteilung von Konzessionen vorgeworfen. Sv bildete sich denn, um den übrigen Juden zu ihrem Recht zu verhelfen, ein Verband der v o l - Nischen Juden und weiter ein rumänischer Berdänd. Noch interessanter ist der zweite Fall. In Tel-Aviv gibt es eine Bereinigung der Hans- und Grundstücksbesitzer. Diese hat bei der Regierung, also der nichtjüdischen Aufsichtsbehörde. beantragt. die Verordnungen der Stadtvertretung als ungesetzlich und daher ungültig zu erklären, da sie ihre jetzige Zusammensetzung einer nicht ordnungsgemäß vorgenommenen Wahl verdankt. Als Gründe des Wahlprötestcs werden angegeben, daß bei den Wahlen Nichtsteuerzahler gewählt haben und in besonderen auch „Ausländische" mitgestimmt haben, die nicht wahlberechtigte Juden sind. In einer Erklärung an die Presse führt die Vereinignna der Haus- und Grundstücksbesitzer in Tel-Aviv ans. cs müsse dem Zustand ein Ende gemacht werden, daß Elemente, die in der Stadt nicht verwurzelt sind, und denen daher an deren Wohlergehen nichts gelegen sei. den entscheidenden Einfluß bei den Wahlen ansüben. Die tiefsten Gründe der gegenwärtigen Krise dürften darin zu suchen sein, das; die e i u g e w a n d e r t e jüdische Bevölkerung mit den arabischen Einwohnern nicht zu konkurrieren vermag Während der jüdische Arbeiter mindestens 30 Piaster, also etwa 6.50 Mark Tagelohn erhält, beträgt der Lohn des männlichen Arabers etwa die Hülste. Die Bedürfnisse eines aus Europa eingewanderten Juden sind cScit nicht auf das Eristenzminimum von Beduinen zu drücken. Will man aus der jüdischen Bevölkerung Palästinas nicht nur ein Pendant znm arabischen Volk schaffen — eine Gefahr, ans die unser verehrter Eugen Fuchs schon vor Jahrzehnten hinwies —, sondern ein Zentrum des Weltjndentnms. so wird die Vedcntuna der Frage klar. Aus dieser Lohndifserenz resultieren nicht MM wenigsten zahlreiche Krisenmvmente. so z. B. die Arbeitslosigkeit. die Wettbewerbsunfähigkeit. Hier ist auch die Ursache dstfür zu suchen, daß die Manöatarmacht bei öffentlichen Arbeiten fast .keine Juden beschäftigt. Ein Notstandöprogramm der Regierung würde, wie man sagt, „im Interesse der Steuerzahler", dem billigen Araber, nicht aber dem jüdischen Arbeiter zugute kommen. Verschärft wird die Krise noch durch die schlechten Finanzverhältnisse der zionistischen Organisationen und Fonds, im besonderen des Kcren-Hajcssvd, der die gesamten Kosten der Palästina-Exekutive, also neben den Gehältern auch die Kosten der Kolonisation und des Schulwesens, aufznbringen hat. Hier macht sich die Unrentabilität des bisher investierten Kapitals außerordentlich stark fühlbar. Man hat ja bisher gesunde kaufmännische Grundsätze bei der Sieülungstätigkeit fast völltg außer acht gelassen und sich einem blinden Fatalismus ergeben. Auch glaubte Man. daß die ständige Einwanderung fortgesetzt neues Geld ins Land bringen und somit auasi der ganzen Maschinerie immer neuer Brennstoff zugeführt werden würde. Um die finanziellen Schwierigkeiten m mildern, sind bereits die verschtz>wensten Schritte eingeleitet. Man hofft, daß die Palästinaanleihe, bankmäßige Transaktionen usw. Linderung verschaffen werden Tatsächlich dürften die Schwierigkeiten auf diesem Gebiet wohl noch am ehesten zu beseitigen sein. Betrachtet man unvoreingenommen die Lage der Juden im gegenwärtigen Palästina, so ergibt sich ein besorgniserregendes Bild. Vielleicht liegt ein geschichtlicher Sinn darin, daß einmal die Möglichkeit zur Realisierung des ZiomSmuS gegeben wurde. Kein religiöser Jude kann an den Geschehnissen in Palästina, dem heiligen Lände, unlintereiftert vorbeisehen. Der Gedanke des .HiröenstaatS" hat bereits Gchjffbruch.Mitten: Mbr‘ nitzmus. daß dieses zionistische JSeal «irerreichb« leicht worden Sie Verhältnisse bald mit anderen ..nätioEen Programmpunkten aufränmen. . , Kurz nach der Weltkojiferenz deS liberalen Judentums tagte in London das zionistische Aktionskomitee. .Sorgfältig schloß man die Türen der Beratuttgszimmer und gab über den Verlauf der Sitzungen nicht eben vlelsagenoe ..ossizrelle Kommuniques" heraus. Sie gleichen den Veröffentlichungen anderer Länder, die sich nach ihnen mitunter schon tstgesiegt haben sollen. Dr. Weizmann sprach mm,einer Armrdlung von je 40 060 Juden durch 5 Jahre. Dr. .R^vin in seinem Ne^^te von einer Ansied'nnq von je 80 000 Juden durch 10 Jahre. Und schließlich nahm man sogar eine Nesolution an deren maßgebender Absatz mit den .Worten beginnt: „DaS AOionsloMitce gläubt, daß nunmehr, nachdem eine gewisse. Stabilisiernng der Verhältnisse in Palästina er- ^^Es ist eiN Spiel mit dem Feuer, das hier die zionistische Organisation treibt. Jeder religiöse Jude, aleichviel. ob er den Zionismus bejaht oder ablehnt. sollte^fordern, daß in jüdischen Dingen die Wahrheitsliebe politischen Erwägungen Vorangestellt wird. ^. ... Mag 5ic Zeit kommen, wo Palästina nicht mehr einen Stteitball der jüdischen. Parteien bilden muß. Wenn die Undutchführbarskeit der zionistischen Theü'ri'e in Palästina erwiesen sirin wird. dänN wird die Ausgabe der religiösen NichtzioNisten im heiligen LäNde beginnen. Dünn wird die Mögilichkeit vorliegen, ein. chariisttives Werk größten Formats zu schaffen, eine Zu- Zionisttsche Romantik und Ktimer Wirklichkeit Bon L. Äölff. Als die Idee, jüdische Siedlungen in Sowjet-Rußland zu schaffen, entstanden war, versuchten die Zionisten mit allen Mitteln, sie nicht nur zu ignorieren, Andern die schlimmsten Eiuwände dagegen zu erheben. Nachdem es der jüdischen Kolonisationsgesellschaft gelungen ist. im Jahre 1025 5468 Familien in verschiedenen Gegenden Rußlands wie folgt zu kolonisieren: .. Im Cliersoner Rayon » * . . iO^B Familien Im Äljaschkaex Rayon .168 „ Im Alichailower Rayon .... 610 „ Im Odessacr Rayon. 564 ,, Im Kenner Rayon. Ö10 „ Im Weißrußland-Rayon .... V00 „ Im Hommeler ssiayvn. 296 „ Im Wolhyucr Rayon . . . » . 144 „ 5468 Familien hört die zionistische Presse nicht ans, von einem „Krim- Projekt" zu phantasieren, obwohl das eine ^ähr Kolonisation in Rußland mehr Juden der Landwirtschaft zugcsührt hat. als die letzten fünf Jahre m Palästina. Selbstverständlich sind den Zionisten ihre „Projekte", die jüdische Kolonisation in Sowjet-Rußland zu schädigen, mißlungen, da die jüdische Oeffentlichleit aller Länder nicht nur das größte Interesse daran hat, sondern auch bemüht ist, den Ausbau der Kolonien moralisch und materiell >ü unterstützen. In diesem Jahre sollen wieder 10 400 jüdische Familien in Rußland der Landwirtschaft zugeführt werden. ^Daraus ersehen wir, daß die jüdische Kolonisation in Sowjet-Rußland prosperiert, und wird die doppelte Zähl der Siedler wie im vorigen Jahre wie folgt angesiedelt werden: Im Chersoner Rayon ...... 764 Familien Im Michailower Rayon ..... 800 „ Im Odessaer Rayon. 96 ,, Im Schrvlochower Rayon .... 1620 „ Im Melissopoler Rayon ..... 1000 „ Im Marjampoler Rayon * . . . 4$0 „ Im Krrrner Rayon ....... 640 „ Im Tolsker Rayon . . * . . * Ä 5000 10400 lättiie» Hauptsächlich ist in allen Schichten des ämerikänischen Judentums der Wunsch wach geworden, die jüdischen Siedlungen in Sowjet-Rußland zu fördern, und eS sind fast -in allen Städten Gesellschaften entstanden, die.bemüht sinh, diese Siedlungen finanziell zu unterstützen. Solch« Gesellschaften sind auch in Brasilien, Argentinien und änderen Ländern geschaffen worden. Einen besonders regen Aüteil an der Gründung dieser Gesellschaften haben die russiUe» Landsmannschaften letztens gezeigt, indem sie große Geldäktionen ~ " stör 8$t waren ättö. Rußland ... .... _ __« > eine, starke Begeisterung für Sce Külonien in Sowjet-Rußland hegem Sie gemerung mr oie Kolonien in Sowjet-Rußlanü hegen. Sie berichten, daß jüdische Siedlungen tvie durch einen Zauber audar Erde wachsen; die jüdische« Färme'r machtzn einen