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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-08-06 · 32 (6.8.1926) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
32 (6.8.1926)
Date
1926-08-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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6. Jahrgang Nummer 32 BeUage 6. August 1926 Die jüdische Gegenwart Israel Zangwill gestorben. Der bekannte englische Dramatiker und Novellist Israel Zangwill ist gestern abend plötzlich gestorben, Zangwill, der 1864 in London geboren wurde und der seine Kindheit in Plymouth, Bristol und London verlebte, wurde auf der berühmten Stiftungsschule der Londoner Juden erzogen. An dieser Schule begann er seine Karriere als Lehrer, während er zugleich sich in seiner freien Zeit aus die Examen der Londoner llniversität vorbereitete. Zangwill begründete seinen Nus als einer der feinsinnigsten Schilderer -es jüdischen Milieus in seiner Novellensammlung »Tie Kinder des Ghettos die 1892 erschien. Es folgten die Bände »Ghetto-Tragödien". „Die Träumer des Ghetto" sowie die satyrischen Humoresken des Alltags. Auf Veranlassung von New Yorker Thcaterdirektorcn bearbeitete er seine »Kinder des Ghetto" für die Bühne. Wir werden in der nächsten Nummer eine ausführliche Würdigung des Dichters veröffentlichen. Der Kamps um die Wiener Palästina' Subventionen. Der sozialdemokratische Fürsorgerat Max Metzger, Besitzer der ersten Wiener Malerschablonenfabrit E. Keil, hat bei der Wiener Landesregierung eine Beschwerde gegen den Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde wegen Statutenverletznng erhoben, weil dieser, wie wir bereits berichteten, in seiner Sitzung vom 26. April 1026 beschlossen hat, an den Keren Hajesiod 23 000 Schilling, an den Keren Hajischuw 7300 Schilling, an den Palästina-Arbeiterfonds 2500 Schilling und für die Chaluzim 15 000 Schilling, zusammen 50 000 Schilling auszubezahlen. In der Begründung dieser Beschwerde heißt cs: „1. Der Keren Öajcsfod, dem 25 000 Schilling zugewiesen wurden, ist eine jndischnationale (zionistisches Organisation zur Kolonisation Palästinas. 2. Der Keren Hajischuw, dem 7500 Schilling zugewiesen wurden, ist eine jüdisch-orthodoxe Organisation, ebenfalls zur Kolonisation Palästinas. 3. Der Palästina-Arbeitersonds, dem 2500 Schilling zugewiesen wurden, dient zur Unterstützung der in Palästina anzusiedelnden Arbeiter. 4. Das Ehaluzwesen, dem 13 000 Schilling zugewicsen wurden, dient ebenfalls dem jüdischnationalcn Kolonisationszwecke, indem hier durchreisende Palästinaauswanderer mit Geld versehen werden. Tic ail obige Zionistcnorganisationen ausgczahlten 50 000 Schilling stehen in krassem Widerspruche mit dem 8 3 der Statute» der israelitischen Kultusgemeinde, m welchem es ausdrücklich heißt, daß die eingehobenen Steuergeldcr nur für religiöse und humanitäre Zwecke für die Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde in Wien zu verwenden find. Es wird daher beantragt: 1. Den gesamten Vorstander israelitischen Kultusgemeinde für die statutenwidrig ausgezahlten 50 000 Schilling ersatzpflichtig zu machen. 2. Wegen dieser siatntenwidrigen Handlung den gesamten Vorstand seines Amtes zu entheben. 3. Einen Regierungskommissär bis zu Neuwahlen zilr Leitung der Geschäfte der israelitischen Kultusgemeinde cinzusctzcn." Man sieht daraus, daß nicht in allen Ländern die Verwendung von Steuern für gemeindefremde Zwecke widerspruchslos hinge,lommen wird. Andererseits zeigt sich in Wien wie in Berlin, daß ein reibungsloses Zusammenarbeiten mit den Zivilisten ilachgcrade unmöglich wird. Man glaubt, einen Bericht über hiesige Verhältnisse zu lesen, wenn die „Wahrheit", das Organ der „Union deutsch-österreichischer Juden", über das Verhalten der Zionisten bei der im Einspruch gerügten Angelegenheit schreibt: „Sie haben nämlich eine Tat, welche, wir wiederholen es, ausschließlich der edlen sozialen Gesinnung und dem reinen Kerzen entsprungen ist wie besagter Beschluß, als einen Parteisieg ausposaunt. als eine Niederlage der nichtnationalen Parteien im Kultusvorstande. Dieses Triumphgeschrei, welches wahrlich nicht am Platze war, hat nun auch den Rest der Palästinabegeisterung mancher Gemeindemitglieder vernichtet, die Lurch das ebensowenig von Takt wie von Taktik zeugende Verhalten der Jüdischnationalen direkt zu der — wie wir nochmals betonen wollen — irrtümlichen Auffassung gebracht wurden, daß das Geld der Wiener Kultussteuerzahler einem Politischen Zwecke geopfert worden wäre. Es hat sich bisher noch immer gerächt, .wenn mit der Humanität Politik getrieben wurde und auch diesmal hat sich die Folge hiervon, und zwar in Form einer Beschwerde an die Landesregierung, Prompt eingestellt." Majestät überschätzen sich. Die amerikanische Zeitschrift »Current History" veröffentlicht einen Artikel des deutschen Exkaisers Wilhelm» der sich gegen jüdische Religion und Altes Testament richtet. Ausgehend von den Versuchen Professor Joseph Klausners von der Jerusalemer Universität und des Rabbiners Dr. Stephen S. Wisc, New?)ork, die rein ethische Lehre Jesu als jüdischen Ursprungs hinzustellen, behauptet der Exkaiser, daß von jüdischer Seile eine neue Religionsaussassung propagiert werde, die davon ausgehe, Jesu als Lehrer einer neuen Moral anzuerkennen. Dies sei, setzt der Exkaiser fort, ein ebenso unaufrichtiger wie gefährlicher Versuch, »den Donner der christlichen Religion zu stehlen und der Menschheit eine neue jüdische Weltreligion aufzudrängen". Exkaiser Wilhelm kommt zum Schluß, es sei eine vollständige Trennung des Alten und des Neuen Testaments erforderlich. Das Alte Testament sei ein orientalisches Werk, qeschrieben von Orientalen für Orientalen, und es sei keine Botschaft an die Völker des Abendlandes. In der gleichen Zeitschrift gibt Rabbiner Kraß aus New -Aork eine Antwort auf den Aufsatz des Exkaisers. Rabbi Kraß erklärt, Wilhelm II. sei auf theologischem Gebiete ein vollkommener Ignorant, seine Behauptungen seien dreist und ohne jede Beweiskraft; das einzig Positive ist sein Mut, über Dinge zu sprechen, von denen er nichts versteht. Ein weißer Nabe. Die Urteile, die man im allgemeinen in den polnischen Zeitungen über die Juden findet, sind nicht gerade von philosemitischem Geiste getragen. Um so mehr überraschen in der Zeitung »Kurier Powczechny" folgende Ausführungen: „Wenn sich die Juden durch viele Jahrhunderte mit Handel und Handwerk beschäftigt haben, so ist das nicht aus bösem Willen geschehen. Sie sind seinerzeit, ebenso wie die Deutschen, von polnischen Königen nach Polen erngeladen worden, unter Erteilung von Privilegien, um dort Handel und Gewerbe zum Aufschwung zu bringen. Dre Rechte, die man ihnen gab, erhielten sie jedoch nur fut ötc Ttckdte. Zur Landwirtschaft wurden sie nicht zugelasien. ebensowenig zur Aufnahme in die Innungen, die das ausschließliche Recht zum Handwerksbetrieb hatten. So blieb ihnen nur der Handel übrig. Den von den Großgrundbesitzern bedrückten Bauern wurden die Juden als die allein Schuldigen hingestellt, und obwohl diese nur die Vertreter und Vermittler der Edelleute waren, wurden sie von den Bauern aufs bitterste verfolgt. Die gleiche Methode wurde unter der Zarenherrschaft angewendet. Je mehr die Bauern und Arbeiter unter der Zarenwirtschaft seufzten, desto häufiger wurde die Volkswut auf Die Inden abgelenkt, und es kam zu blutigen Pogromen. Die Juden wurden für »die natürlichen Feinde des Volkes" erklärt. Aber von demselben Schicksal wurden die anderen Minoritäten des Zarenreiches ereilt, und jetzt erleben wir dasselbe Schauspiel in Polen selbst. Es gibt unter den Inden gute und schlechte Menschen, gerechte und ungerechte, nützliche und schädliche — wie bei allen Völkern in der ganzen Welt. Sie sind Fabrikanten,Bankiers, Großkauflente, aber anch Handwerker, Arbeiter und kleine Kauslente. Eine Einheitlichkeit und Solidarität besteht bei ihnen nicht. In ganz Rußland und Polen leben gegen 4l^ Millionen Juden, aber mit dem Handel beschäftigen sich nur 470000. Die Mehrzahl sind Klcinkrämer, Vermittler und kleine Kauslente, die kaum für sich und ihre Familie ein Stück trockenes Brot haben. Handwerker und Arbeiter sind 450000, Landwirte 38 000. Tie Mehrzahl mutz sich im Schweiße ihres Angesichts ihren Erwerb schassen und hat oft mit bitterer Not zu kämpfen. Daher die große Auswanderung bei ihnen. Ein Sprichwort sagt: „Dem Glück entflieht man nicht!" Die Legenden aber von der Schädlichkeit aller Juden, welche die Antisemiten verbreiten, sind Märchen, mit denen man nur kleine Kinder schrecken kann. Hugo Salus, der Sechziger. Am 3. August wurde Hugo Salus, der Prager Dichter, der deutsche Lyriker, der jüdische Poet, 60 Jahre alt. Es gibt niemanden, der sich auch nur etwas mit der neueren deutschen Dichtung beschäftigt hat und der Hugo Salus nicht kennt und liebt. Er ist bei aller unsentimentalen Naivität und überlegenen Klugheit einer von den Stillen im Lande, einer von den Sinnenden, Jmmerdar-Leuchtenden, Abseitigen, die, wie einstmals etwa Eichcndorf, Mörickc, Storni, wenig von sich hcrmachcn, sich nie in Positur setzen, ihre Gefühle immer nur bescheiden-schlicht sagen, wie sie sie fühlen, die sich ängstlich vom geschäftigen Treiben des Literaturmarktes fernhalten; — über die man nicht diskutiert, deren „literarischen Wert" man nicht abschätzt, sondern die man ganz einfach — liebt, herzlich liebt, mit einer Liebe, die eigentlich mehr wert ist, als die bcdrückcud-scheue Hochachtung, mit der man zu den Ganzgroßcn aufblickt.... Salus ist ein Deutsch-Böhme, und wer die süße, dunkelgedämpfte Melodie seiner immer harmonisch abgewogenen und abgestimmten Versmnsik je vernommen hat, dem geht es, wie dem einsamen Wanderer, der im Bornberschrcitcn böhmische Volksweisen gehört hat und der sic nun nie mehr vergessen kann: „Mich rührt so sehr böhmischen Volkes Weise, schleicht sie ins Herz sich leiic, macht sic cs schwer. Wenn ein Kind sacht singt beim Kartosfeljäten, klingt dir sein Lied im späten Traum noch der Nacht. Magst du auch sein weit über Land gefahren, fällt es dir doch nach Jahren stets wieder ein." -Die Ernte dieses Dichters ist überaus reich. Viele Jahre hat er seine entzückenden kleinen Kunstwerke, die abwechselnd voll von Schwermut, Schelmerei und Gedankentiefe sind, in der „Jugend" und im „Simplizissimus" veröffentlicht, und die Idylliker unter den Malern, wie Heinrich Vogeler, Eichlcr, Diez u. a. wetteiferten, um den Wohlklang seiner Strophen zu illustrieren oder in zeichnerischem Schmuck gewissermaßen optisch mittönen zu lasten. Dann hat Salus im Laufe der Zeit etwa ein Dutzend Gedichtbände erscheinen lassen. — Wenn man sie genießend durchblättert, freut man sich der Feststellung, daß dieser Nur-Lnriker kein Epigone ist. — Gewiß sinö's oft Erlebnisse, die schon andere zu gestalten versuchten, aber bei ihm ist alles graziöser, klangvoller, beschwingter. — Mühelos fliegen ihm die Stoffe zu: ein Beet roter Rosen, ein alter Älosterkreuzgang, ein sterbender Wald, dessen Stämme stromabwärts geflößt werden, ein kleines Dörfchen abends in unendlicher Ebene, das unerklärliche Rätsel des Todes, oder eine einsame Wolke, musizierende Menschen, alte, tiefsinnige jüdische Talmudlegenden, seltsame Träume-alle Eindrücke verklären sich ihm zu liedartigen Gedichten, und unter diesen sind manche Kunstwerke höchsten Ranges, die ebenso bleibend sind, wie die wundervollsten Melodien aus klassischen Musikwerken. Schlichte, lyrische Gedichte voll Anmut und Grazie sind auch seine zahlreichen Erzählungen: er selbst hat ein Bändchen besonders schöner unter ihnen „Novellen des Lyrikers" genannt. •— Es ist selten, daß man das gesamte Schassen eines Dichters mit einem völlig treffenden Schlogwort kennzeichnen kann. Bei Salus ist es möglich: er hat überall und immer etwas Mozart'sches. Aber ebenso wie dieser unerreichte »Glückssall der Menschheit" ist auch Salus durchaus nicht stets der formsichere, heitere Rokokokünstlervoll Neckerei und tändelnder Besclnvingtheit. Es ist zuweilen, als habe er einmal in einer Vorexistcnz Blicke in unendliche Traurigkeiten, in leere Abgründe unsäglichster Melancholie getan, deren unbewußt nachhallende Erinnerung ihn später Stimmungen finden läßt, denen noch leise Wirkung von jener deprimierenden Gewalt invewohnt. Und dafür gibt es auch eine Erklärung. Salus ist eben Jude. Erinnerungen an die vieltausendjährige Leidensgeschichte dieses Stammes, das Gefühl der blutsmäßigen Zugehörigkeit zu dieser merkwürdigen Bevölkcrungsgruppe, die so viel innere Bindung und Bedeutung beansprucht, bildet — oft unbewußt — einen deutlich mitschwingenden Ton in seinem Sang. Gewiß ist Salus zugleich ein ganz und gar d e u t s ch e r D i ch t e r! Er ist sogar, ebenso wie die Prager Juden Max Brod und Franz Werfel, eine der wichtigsten Stützen und einer der rührigsten Propagandisten des Deutschtums in dem immer mehr tschechisch werdenden Prag. Salns, der jüdische Dichter, ist dort — nnd nicht nur dort — geradezu ein Bestandteil deutscher Kultur: durch sie gebildet und ihr, was sie ihm an Reichtümern gab, zurückerstattend, indem er ihre Mannigfaltigkeit durch seinen Eigenton und seine Besonderheit mehrte. — Menschliche und künstlerische Echtheit bis zur letzten Faser ist die Legitimität seines Lebenswerkes, nnd in der neueren deutschen Literaturgeschichte nimmt er bereits einen Ehrenplatz ein! Er schreibt eben nur das, was er schreiben muß! — Uns Juden ist sein Schaffen recht ans Herz gewachsen, weil wir den jüdischen Pulsschlag und den Rhythmus unseres Blutes bei ihm immer fühlen. Jüdische Züge finden sich in allen seinen Schriften: die schönen Talmudlegenden, die in seine Bersbücher eingestreut sind, die Wiedergaben der alten poetischen Prager Sagen vom hohen Rabbi Löw und anderen berühmten jüdischen Weisen sind das Erbteil alt-ehrwürdiger, jüdischer Kultur. Ein ganz keuscher und reiner Idylliker ist Salns, der in Prag den bürgerlichen Beruf eines Frauenarztes versieht, in seinen jüdischen Erzählungen, wie in der Gbcttvgeschichte »die Bechan" und in seinem „David von Michelangelo". Welcher andere Dichter in Deutschland könnte so wie er mit dieser Zartheit und vornehmen Feinheit die heikle Situation schildern, da der jüdische Mäzenas vom genialen Michelangelo gefragt wird, wie ihm der Entwurf seines nackten „Davids mit der Schleuder" gefalle, und der kluge Simon den Meister höchst erschrocken daran erinnert, daß er ja vergessen habe, den jungen jüdischen Helden beschnitten öarzustellcn!- In letzter Zeit ist cs Hugo Salus ebenso wie allen Vertretern der älteren Dichtergeneration gegangen: Tie „jungen" und „jüngsten" Radikalen der Literatur haben den „unmodernen, alten Herrn" mit Nichtachtung behandelt! — Salus sollte sich über diese „Herabsetzung" nicht ärgern und soll ruhig weiter unmodern bleiben! Seine „Unzcitgemäßhciten" sind bleibender, als die meisten „Aktualitäten" der Heutigen! Herzliche Glückwünsche mögen dem Sechziger zeigen, wie sehr wir alle sein Schassen kennen und schätzen. Möge ihm ein langer und schöner, nach jeder Richtung hin ersolgreichcr und glücklicher Lebensabend bcschicden sein! Wenn man zur „Feier des Tages" einige besonders einprägsame Gedichte von Salns zitieren möchte, gerät man in Verlegenheit: Dieser Poet hat eben zuviel schöne Strophen geschrieben, um eine rasche Auswahl zu ermöglichen! »Treffer" sind in seinen Büchern so zahlreich, daß man nicht weiß, was man zuerst darbicten soll. Anfs Geratewohl sei ein jüdisches Gedicht abgedruckt, das für den Zusammenhang zwischen ihm und seinen jüdischen Ahnen charak* tcristisch ist: Meinen Großvater Hab ich noch gekannt, Er trug sein Bündel durch das Land Und konnte nicht schreiben und konnte nicht lesen Und ist ein armer Hausierer gewesen. Doch wenn ich meinem Vater frag: „Wer war deines Vaters Vater? sag!" — Er lächelt traurig: „Wie soll ich das sagen, Er hat sein Bündel durchs Land getragen. Und vor ihm. all die tausend Jahr', Wer unser Ahn und Unahn war? 'Was könnte uns an sie gemahnen? Arme haben keine Ahnen!" Elend, Verfolgung, Jammer und Not, Dunkel ihr Leben, dunkel ihr Tod! Und ich schäme mich fast, durch den Abend zu gehen Und seinen Zauber und Glanz zu verstehen! Denn vor mir und neben mir keucht cö schwer, Da zieht meiner Ahnen dunkles Heer Mit wunden Rücken und Füßen, die brennen. Und mit ernsten Augen, die mich nicht kennen . . . Dr. Ludwig D a v i d s o h n - Berlin. Pariser Gastspiel des Moskauer jüdischen Theaters „Habima" Das jüdische Theater „Habima" wird im Herbst auch in deutschen Städten gastieren. Der nachstehende Aufsatz unseres Pariser Korrespondenten darf daher aus besonderes Interesse rechnen. „Eine glänzende Probe der Kraft, welche aller besiegt, ist das Theater „Habima". Es sind junge Juden, welche von einem talentvollen Künstler, Zemach. und einem fast universalen Regisseur, Vachtangow — diese beiden haben das Theater geschaffen —, geführt werden. Dieses bemerkenswerte Werk wurde in Hunger und Kälte geschaffen und m einem außergewöhnlichen Kampfe um das Recht, sich in der Sprache-der Bibel, in der Sprache des genialen Bialik ausdrücken zu dürfen. Alle Künstler der „Habima" sind junge Männer und junge Frauen, welche gezwungen sind, ihr Brot durch eine sehr harte Arbeit zu gewinnen. Ich weiß, welche Schwierigkeiten, welche Hindernisse diese Menschen zu besiegen hatten, welche Energie sie entfaltet haben, um gegen die Dummheit, den Neid, den Haß zu ringen, und ich will gar nicht von den Leiden reden, dort wo mau von einem großen Siege des Geistes sprechen kann. Wir haben allzuviel vom Hebel gesprochen — es stärkt «ur unser Leben. Die Zeit ist noch. nicht gekommen, um die Leiden zu verachten. Ich habe in diesem Theater dreimal einen Zweiakter non Pinsky »Der ewige Jude" gesehen und habe der Generalprobe von „Dybut" von Anski beigewohnt. Der Held des Stückes von Pinskn wurde von einem hervorragenden Künstler. Zemach, gespielt, welcher das ungeheure Bild eines Propheten aus der Zeit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem unter Titus bot. Er spielte mit einer übermenschlichen Macht und Ueberzeugung. Ohne die Sprache zu verstehen und einzig durch ihre Kraft und ihren Klang ergriffen, habe ich alle Leiden des Propheten gefühlt, dessen Worte nicht bis zum Herzen des Volkes gelangen, welches er unendlich liebt. Ich habe die ganze Verzweiflung eines liebenden Herzens gefühlt." So äußert sich kein Geringerer als Maxim Gorki über das Theater „Habima". Und der berühmte russische Sänger Schaljapin schreibt ihm im Jahre 1923 aus Paris die folgenden Zeilen: „Für einen unruhigen Künstler, wie ich cs bin, gibt es im Theater nur wenig geistige Befriedigung Es scheint gut zu sein und doch fehlt immer etwas. Man spielt und singt bald hier, bald dort, und selten ist man mit sich selbst zufrieden .... immer fehlt etwas. Und eines Tages ging ich ins Theater. Es war ein kleines Theater in Moskau in der Nignaja Kislovka- Straße, „Habima" war sein Name. Dort hörte ich zum ersten Male die hebräische Sprache, welche mir vollkommen unbekannt ist, und ich sah unbekannte Schauspieler, welche in dieser Sprache das Stück ,,Dybuk" spielten. Ich hatte den Eindruck einer wahren Kultusfeier und meine Seele war in einer angenehmen, unaussprechlichen Weise bewegt.... Ich verließ das Theater fassungslos nnd bewahre für mein ganzes Leben den Eindruck, daß ich an diesem Abend eine wahre künstlerische Befriedigung empfand. Es lebe das Theater „Habima". Ich wünsche diesem schönen Theater von ganzer Seele Erfolg." * Was bleibt uns armen Sterblichen übrig, als mit ganzem Herzen dem zuzustimmen, was zwei so große Künstler wie .Gorki und Schaljapin über das Theater »Habima" sagen?,

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