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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-08-06 · 32 (6.8.1926) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
32 (6.8.1926)
Date
1926-08-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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WaS eS uns Vot, gehört tatsächlich zu den stärksten Eindrücken unseres Lebens. Dabei fehlte uns wahrlich nicht die Gelegenheit, andere gewaltige schauspielerische Leistungen anzustaunen, wie z. B. Julius Caesar bei Max Reinhardt, Kainzens Kranz Moor, Schildkrantö Lear und Shylock, Moissis Hamlet, Wegeners Holofernes, Antigone im großartigen Rahmen des altrömischen Amphitheaters von Orange (Südfrankreichj usw. Aber ein „Dnbuk" gab allen diesen Darstellungen an Wirkungskraft nichts nach. Wir wollen zunächst in ein paar Worten über die Geschichte „Habimaö" berichten. Sie debütierte im Jahre 1918 in Moskau, und zwar in einem kleinen Saale, welcher etwa 125 Zuschauer faßte und eine winzige Bühne besaß. Während der vier Revolutionsjahre war es das einzige jüdische Theater Rußlands. Zehn Jahre vorher hatte Zemach in Litauen die erste Schauspielertruppe, welche in jüdischer Sprache spielte, unter dem Namen „Habima" zusammengestcllt. Die erste Borstellung wurde in Bjalostok gegeben. Es war eine Komödie von Scholom Alechem, welche den Namen „Mascltof" führte. Bald darauf brachte „Habima" zwei bedeutendere Werke zur Ausführung: „Höre Israel" und der „Ewige Pilger" von Ossip Dymow. Die Truppe spielte in Bjalistvk, Wilna, Komuo, Minsk und Warschau. Sic gab ferner Aufführungen in Oesterreich und Ungarn. Im Jahre 1018 installierte sich „Habima" endgültig in Moskau. Dort reorganisierte Zemach mit Hilfe Stanislawstys sein Theater von Grund auf. Er vereinigte eine Truppe, in welche zahlreiche talentvolle Künstler eintraten, und Stanislawski) empfahl für ihre szenische Erziehung seinen getreuen Stellvertreter Engen Wachtangvw, einen der bedeutendsten Regisseure Rußlands. Im Januar 1920 schrieb Stanislawsky dem Theater „Habima" folgenden Brief: ,Flch hatte die Möglichkeit, bei der Schaffung des Jüdischen Theaters eine kleine Rolle zu spielen und bin sehr glücklich darüber, da ich auf diese Weise eine der wichtigsten Sendungen des Künstlers vollbracht habe. Die Kunst ist das Gebiet des Geistes, in welchem sich die Menschen mit den reinsten und höchsten Gedanken vereinigen, außerhalb jeder Politik, außerhalb aller kleinlichen persönlichen Ziele, für die Schönheit und für die ästhetische Freude. In der Kunst besteht kein Unterschied in der sozialen Lage, in der Religion, in der Nationalität. Die Kunst ist das Gebiet, wo die Brüderlichkeit der Völker bestehen kann. In diesen hohen und reinen Sphären der Kunst bin ich den Mitgliedern des Theaters „Habima" und ihrem talentvollen Führer, meinem Freunde Zemach, begegnet. Jetzt, gelegentlich einer vorübergehenden Trennung, sende ich ihnen meine herzlichen und freundschaftlichen Wunsche, sic mögen außerhalb der Grenzen unseres Landes zeigen und propagieren, was sie. ich und mein Schüler Wachtangvw, geliebt, gesucht und herbeigerufen haben." Das Repertoire „Habimas" gewann an Raum und Abwechslung. Heute ist die Truppe von einer Einheitlichkeit, welche die Bewunderung aller Kunstliebhaber hervorruft, und heute endlich, nach achtjähriger Arbeit in Svwjctrußland, beginnt „Habima" einen Triumphmarsch durch Europa und demnächst auch durch Amerika. In Paris spielte das Theater unter ungeheurem Zulauf französischer und ausländischer (unter diesen besonders russischer) Kreise etwa drei Wochen lang in dem luxuriösen Rahmen des „Th'mtre de la Madeleine" die folgenden Stücke: „Der Golem", „Der Ewige Jude", „Jakobs Traum", „Tie Sündslut" und „Dnbuk". Die stärkste Wirkung rief verdienter- und begreiflicherweise das Stück „Dybuk" hervor, denn diese folklvristische Legende in drei Akten von Anski (hebräisch von Bialik) zeigt in buntester und getreuester Weise das jüdische Leben in Rußland, was noch von der Musik von Engel unterstrichen wird. Die Leistungen eines Zemach, eines Raikin-Benari, eines Prndkin, einer Gowinskaja sind Ausdruck höchster Kunst, und Szenen wie der wild-groteske Tanz der Bettler im zweiten Akte prägen sich für immer dem Gedächtnis ein. Die Pariser Presse, ohne Unterschied der Parteiricht,urg, welche im allgemeinen ausländischen Darstellungen nicht viel Nachsicht cntgcgenbringt — mit Recht übrigens, da nicht selten auch Minderwertiges geboten wird — und unter einer äußerlichen Höflichkeit und Schonung oft einen scharfen Tadel verbirgt, zeigte sich diesmal einstimmig begeistert und legte ihrem Lobe keine Einschränkung auf. Dabei war unter den Kritikern wohl kaum einer, welcher die hebräische Sprache verstand. Auch wir — seien wir offen — hatten schon manches von dem verschwitzt, was wir vor vielen Jahren in der Schule gelernt hatten. Aber was lag daran! Die Künstler legten in jede Miene, in jede Gebärde so ungeheuer viel Ausdruck, daß man gar nicht auf die Worte hinhorchen mußte. Dies war übrigens nicht das erstemal, daß wir von einer dramatischen Darstellung aufs tiefste ergriffen waren, ohne alles zu verstehen, z. B. als wir hier in Paris die sogenannte Prager Gruppe deS Moskauer russischen Theaters Dostojewskis „Brüder Karamasow" spielen sahen, ohne zehn Worte Russisch zu verstehen. Zum Schlüsse möchten wir nochmals Gorki zitieren: „Dieses Schauspiel, welches mit seiner Schönheit und Harmonie in Erstaunen setzt, erinnert mich an die besten Jahre des Artistischen Theaters in Moskau, als seine bewundernswerten Künstler jung und von dem Glauben an )ic Heiligkeit ihres Wirkens beseelt waren. Aber die Künstler des Theaters „Habima" besitzen, wie mich dünkt, eine große Ueberlegenheit über die des Artistischen Theaters in ihrer besten Epoche: die Kunst ist bei den ersteren nicht geringer und besitzt überdies mehr Leidenschaft, mehr Ekstase. Für sie ist das Theater ein Ovferdienst und man empfindet dies sofort. Die Worte, die Gebärden, die Musik, alles ist tief harmonisch und in allem glänzt diese große Weisheit, welche nur die Kunst, nur das Talent hervorbringen. Man hat in diesem kleinen Theater eine riesige Arbeit vollbracht und man hat eine neue herrliche Probe der magischen Kraft der Kirnst und des Talents deS jüdischen Volkes geschaffen. „Habima" ist ein Theater, auf welches die Juden stolz sein können." Fuhrt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu! Kalendarium für Me Zeit vom 7. S. d.14.8.1926. August 1925 Ab 5686 Sonnabend 7 Sonntag 5! Montag '.) Dienstag KJ Mittwoch 11 Donnerstag 12 Freitag 13 Sonnabend 14 27. Neumondweihe Wochen-Abschnitt: R'eih Haftarah: Jesaja 84, 11—17,- 65, 1—5 Sabbat-Ausgang: 8,89 Uhr 28. 29. 30. 1. Tg. Rösch Chodesch Elut 5686 1. 2. Tg. Rösch Ehodesch 3. 4. Wochenabschntit: Schaustim Haftarah: Jes. 51, 12—28,- 52, 1—12 Sabbat-Ausgang: 8.24 Uhr Der tote Jude. (Forts.) Von Doris Witta«r« Nachdruck verboten. — Copyright by Grethlelo Ss Co.. G. m. b. H., Leipzig. Eine halbe Stunde, ehe die offizielle Sprechstunde des Hausherrn für all seine Mitbürger — Reiche wie Arme, Ortsansässige wie Zugereiste — anhub, befahl er, seiner Tochter Judith Einlaß zu gewähren. Der Franzose Benjamin Ccrf Pereira war aus härterem Holze geschnitzt denn viele seiner Brüder in Gott. Und Judith Pereira war seine echte Tochter, Fleisch von seinem Fleisch, Bein von seinem Bein, nur daß noch das wildfahrene Blut ihrer marannischen Stammesmutter in ihr loderte. Darum nahm es weder Vater noch Tochter Wunder, daß bei dieser ersten Begegnung nach einem selbstherrlisch erfüllten Schicksal weder des einen noch der anderen Mund oder Hand sich regten. Ehern aufgerichtet, stand Benjamin Cerf Pereira hinter seinem mit Dokumenten, Skripturen und gelehrten Schriften hoch bedeckten Schreibtisch und sah der Tochter gleich einer völlig Fremden, ihm Wesensfernen entgegen. Und Judith verstand diese Sprache der Abwehr zu gut, als daß nicht auch sie sich ihrer mit der Vermessenheit des Weibes bedient hätte. „Wie ich von meinem Geschäftsfreunde Mardochai Israel Sonthcimcr hören mußte, habt Ihr, Judith Pereira, entgegen den frommen Bräuchen unseres Stammes, in der Fremde und ohne Eure Nächsten zu befragen, über Euer Dasein entschieden, ein Dasein, das fürderhin den entehrenden Namen David Danielo ben Sonnino trägt. Eurer von mir absichtlich umhegten und gesteigerten Weltunkenntnis will ich zugute halten, daß Ihr nicht wißt, was dieser Name in Wahrheit bedeutet, und wer ihn in Wahrheit trägt. Ihr habt Euch betören lassen, und leider warnte kein Instinkt Eures edlen Blutes Euch, auf der Hut zu sein vor diesem Räuber und Wegelagerer unseres Stammes. Gleichviel, Ihr habt Euer Schicksal an seines gekettet, und es wird nun meine aus eigener Schuld erwachsene Pflicht sein, das Gesicht zu wahren und gute Miene zu bösem, sehr bösem Spiele zu machen. Ich werde mithin Euern Verlobten als meinen künftigen Eidam in diesem Hause empfangen und werde alles dazu tun, daß Eure Blöße nicht ruchbar werde, sondern werde dem Vater Eures etwaigen Kindes — insbesondere vor Fremden — gebührende Reverenz erweisen. Auch dafür werde ich sorgen, daß, dank meinen Beziehungen, der Gatte meiner Tochter alsbald in eine hohe soziale Stellung aufrückt. Dafür wollet mich und meine Häuslichkeit mit dem Anblick Eures Familienglückes verschonen. Eure Hochzeit wird ausgerichtet werden mit aller Eurem Stande zukommenden Gebühr. Der Gatte Judith Pereiras wird eraporsteigen in jene gesellschaftlichen Sphären, die mir nichts besagen, die aber doch für Euch und Euresgleichen Maßstab und Kriterium des Lebens sind. Meine eigene Schuld aber nehme ich auf mich, indem ich mich des größten Glückes jüdischer Häuser beraube, fortab eine eigene Familie mein Eigen zu nennen. Euer persönliches, von Eurer Mutter und mir ererbtes und gemehrtes Vermögen wird zu Eurem eigenen Gebrauch — und vor den Zugriffen eines Dritten — sichergestcllt werden. Eure Ausstattung wird Eurem Range angemessen sein, ebenso wie die Vermählungsfeier, die Euch zum letzten Male in Eurem Vaterhause sehen wird. Solltet Ihr es wünschen, so könnt Ihr Euch Eure alte Bedienerin, Duena Philomea, mitnehmen. Ich hehle Euch indessen nicht, daß ich es für besser halte, zwischen Eurem alten und Eurem neuen Leben einen tiefen Graben zu ziehen. Das war, was ich Euch, Judith Pereifa, zu sagen hatte. Darüber hinaus werde ich alles unumgänglich Notwendige mit dem von Euch erkorenen Verlobten, David Danielo ben Sonnino, besprechen.“ Also — verstoßen! Verstoßen aus des Mädchens Heimat und Heim! An der rauhen Tatsache änderten die höflichen Formen, die für Acht und Bann gewählt wurden, nichts. Judith hatte schweigend zugehört, ihr Gesicht hatte sich mehr und mehr verhärtet. Sie hatte nunmehr nur noch pochenden Herzens gebangt und gewartet, daß die Tür sich jählings öffnen und David Danielo ben Sonnino eintreten möge, um die Ehre der tausendfältig Beleidigten ritterlich zu wahren. (Tief drinnen in ihrer Brust löckte allerdings der Zweifel an solchem Beginnen.) Was sie jedoch nicht wußte, nicht wissen konnte, war, daß der Venezianer von ihrem Vater auf eine spätere Stunde beschieden worden war, weil es dem Hochmut Pereiras unmöglich dünkte, die beiden mitsammen vor sich zu sehen. So verneigte Judith sich jetzo nur in herber Verschlossenheit und erwiderte kalten Tones: „Euren Bestimmungen, Herr Vater, wird Gewähr geleistet werden. Und ich darf den Herrn Vater wohl versichern, daß jenseits dieser erfüllten Bestimmungen Judith ben Sonnino sich ihr eigenes Leben errichten und auf*- bauen wird, ohne Rücksicht auf die von Euch selbst nicht eben sonderlich hochgehaltenen Traditionen des Hauses Pereira. Ihr habt Euch, Herr Vater, Eure eigenen Maße zugelegt und vermeint, alle anderen messen zu können mit der Elle dessen, der sich selbst höher, größer und selbstbewußter erscheint als sogar jene, die seines eigenen Blutes Sprossen heißen. Wohlan, ich bin des einverstanden; aber Ihr möget dann auch in Zukunft Eurer Tochter Maß und Mut respektieren lernen.“ „Nichts soll mir willkommener sein, als wenn eine Judith ben Sonnino jemals vermag, mir Würdigung, geschweige denn, Respekt abzunötigen. Aber es sind weite Wege, die zu solchen Zielen führen, dessen wollet eingedenk sein, Judith Pereira.“ Stumm verneigte sich Judith und verließ ihres Vaters Gemach. So hatten sich die Herzen derer, die in Liebe und Blutsgemeinschaft einander vegetativ verbunden waren, durch gegenseitigen Dünkel gegeneinander gekehrt; aus eifernder Liebe war scheinbar geifernder Haß geworden und erkältender Stolz verlegte alle Straßen der Reue und Sühne. Eine geraume Frist nach Judiths Unterredung mit ihrem Vater, als längstens schon die treue Philomea sich um die stumme Haustochter vergeblich bemühte, hatte der Venezianer Benjamin Cerf Pereira seine Aufwartung gemacht. Auch er nicht, wie seine phantastische Großmannssucht ihm vorher vorgegaukelt haben mochte, als Schenkender, Vergebender, sich gnädig Herablassender, sondern vielmehr auch er vor Angesicht und Haltung Pereiras als einer, dem plötzlich alles Mark aus den Knochen zu weichen schien und der mit schlotternden Knien vor seinem zukünftigen Schwiegervater 'etandj Hatte er geglaubt oder gehofft, den vielgerühmten Kauf« herrn und Schriftgelehrten in seiner Tochter demütigen zu können, so lernte nunmehr er, was es heißt, selbst vom Gipfel eingebildeter Macht herabgestoßen und in den grauen Staub der Gasse und Gosse erniedrigt zu werden. Benjamin Cerf Pereira schien es nicht einmal der Mühe für wert zu halten, dem künftigen Eidam auch nur einen Sitz anzubieten. Er ignorierte des anderen fürstliche* Gewand, schien den Stutzer vor sich zu übersehen und äußerte zu dem Fremden, der ihm von Rechts wegen fortab der Nächste hätte heißen sollen, mit eisiger Sachlich-, keit: '„Mynherr David Danielo ben Sonnino, es hat dem Gott unserer Väter gefallen, grade Euer sündiges Auge auf die äußeren Vorzüge meiner Tochter Judith Pereira zu lenken. Ich weißmicht, durch welch schmachvolles Benehmen sie solche Bevorzugung verdient und erfahren hat« Aber da mir als Geschäftsmann von Verbindungen in aller, Herren Länder auch Euer Ruf als skrupelloser Empore kömmling nicht verborgen geblieben ist, nehme ich an, daß es Euch weniger um die Reize meiner Tochter als um die materiellen Besitztümer Judith Pereiras zu tun war« Mit jener verruchten Kenntnis der Mcnschenseelen, die Euresgleichen eignet, habt Ihr den Weg gewählt, auf dem allein es galt, die Unerfahrene zu täuschen, ohne daß sie einen Schritt ungetan machen konnte. Wäre es ehrliche,, leidenschaftliche Lust an den Schönheiten meines Kindes gewesen, ich hätte aller Frömmigkeit und Strenggläubigkeit zum Trotz Euch dennoch vielleicht verzeihen und als Eidam in meinen Armen willkommen heißen können; dieweil cs aber nur List — und in meinen Augen mehr als das: Laster — war, so Euch dazu bewog, sie in Eure Kammer zu locken und Euch eine Kostbarkeit zu stehlen, um die Ihr in Ehren hättet bei mir werben müssen, kann es nimmermehr ein anderes Band zwischen Euch und mir geben als das von Euch erstrebte und erreichte. Die Magd, die sich Euch schenkte, werdet Ihr zum Eheweib erhalten. Zu ihrem und Eurem Unheil. Die irdischen Güter, über die Judith Pereira nach ihrer Mutter und mir zu gebieten hat, werden zu ihrem und ihrer etwaigen Kinder ganz persönlichem Gebrauche festgelegt und Euch nur der Nießbrauch zugestanden werden. Euch selbst, Mynherr, verbleibt als genügsamer Profit dieses schmählichen Handels noch immer der Umstand, in der Welt als Eidam Benjamin Cerf Pereiras zu gelten. Und ich weiß, Ihr seid Geschäftsmann genug, um diesen Vorteil im vorn aus berechnet und hochwertig in Euer Kalkül eingestellt zu haben. Diesen Vorteil aber kann ich Euch nicht nehmen, da ein Benjamin Cerf Pereira sich nicht, wie vielleicht Eure Stammesgenossen, in der vcrachtetsten Judengasse Europas, in dem venezianischen Ghetto, den Luxus eines unehelichen Enkelkindes zu leisten vermag. Es wird demnach die Vermählungsfcicr zwischen Judith Pereira und Euch hier in Amsterdam, in Anwesenheit aller an-; gesehenen Mitglieder der europäischen Judenheit, statt-, haben. Und zwar je eher, desto besser! Soweit mir bekannt ist, steht Ihr als Hoffaktor und Finanzagent noch in' wohlbesoldeten Diensten des Kurfürsten von Hessen. Ich bin Franzose von Geburt und Gesinnung, und ich kenne die weit ausschauenden Pläne Napoleon Bonapartes, die die europäische Landkarte nicht unwesentlich veräfüfötn und gar manche Eurer deutschen Potentaten und Pötiftitätchen von ihren Thronen wegfegen werden. Meine Pflicht und meine Sorge wird cs mithin sein, unter allen politischen Veränderungen dem Manne meiner Tochter eine gesellschaftliche Stellung zu verschaffen, wie ich sie ihrem Range gemäß erachte. Ich nehme an, daß meine Intentionen sich in diesem Punkte mit den Euren begegnen. Schaffet darum ehestens alle notwendigen Papiere und Dokumente zur Stelle — man wird bei dem Eidam Benjamin Cerf Pereiras keine allzu gründlichen Nachforschungen anstellen, ob die Schriftstücke echt oder falsch sind — und sobald diese Formalitäten erfüllt sein dürften, werde ich Tag und Datum Eurer Vermählung anberaumen. Unterdessen auch wird sich die Position habert finden lassen, die dem Eidam Benjamin Cerf Pereiras zu-i kommt. Ist alles dieses in Ordnung gebracht, so werden unsere Wege sich trennen und, so Gott will, niemals wieder kreuzen. Mein Hausmeister mag Euch das Geleite geben. Judith Pereira aber wird vor ihrer Vermählung für Euch nicht mehr zu sprechen sein. Weder nach meinem, noch aus eigenem Willen.“ (Fortsetzung folgt.) Büdierschau Spinoza: Von den festen und ewigen Dingen. Ucbertragcii und erläutert von Carl Gebhardt. Blumenleser und Breviere, sind schon immer eine höchst zweifelhafte Sache, aber in der Philosophie gewiß zu nichts nutze. Und auch den sogenannten „UcDcrtragungen“ philosophischer Werke muß man sehr skeptisch gegcnübersleh^n. All solche „Erleichterungen4' nehmen im günstigsten Falle, d. h. wenn sic wenigstens den Sinn richtig wiedergebem, dem Original Saft und Kraft und verwischen seine Prägnanz. Mit ihnen hat der von Carl Geblnrdt herausgegebene Band: Spinoza, Von den festen und ewigen Dingen (erschienen in Heidelberg bei Winter) nichts zu tun. Der Kern ist eine Ueberselzuna der Spinozistischcn Ethik „in der Absicht, das philosophische Hauptwerk Spinozas bei der sorgsamsten Treue gegen den Bestand und die innere Form der überlieferten Salze in eine sprachliche Form zu bringen, die es dem Theologisch-Politischen Traktat als der großen kritischen Schrift Spinozas an die Seile stellt, als eine zusammenfassende und zusammenhängende Darstellung seiner Philosophie“. Es fällt also die Zwangsjacke des mos geometricus; darüber hinaus werden, wo es dem Uebersctzer nötig schien, zur Verdeutlichung längere und planere Teile aus anderen Schriften (besonders aus dem Theologisch- Politischen Traktat, aber auch ans den Briefen) in den Zusammenhang eingestellt. Die Ueberselzung selbst ist unbedingt zu loben, die Diklion dem lateinischen Original adäquat, und auch der Gcsnmlzusammenhang, der sich ergibt, überzeugt. Die Philosophiebeflissenen werden auch weiter zur eigentlichen Ethik greifen müssen, dem aber, der nicht aus der ursprünglichen Quelle zu schöpfen braucht, wird man diese neue Ausgabe empfehlen müssen. Voran geht eine Einleitung: Was ist Spinozismus? die in der heute beliebten Weise, ästhetische Kategorien auf andere Gebiete zu übertragen, die Lehre Spinozas aus dem Geist des Barocks zu verstehen sucht, sie als Religion der Immanenz begreift und ihren Ausprägungen in Mythos, Logos, Ethos und Eros nachgeht. Dr. Fritz Bambergen,

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