Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 32 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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organisatorischer Beziehung ist man den von unserer dortigen Ortsgruppe mit Energie verfochtenen Wünschen etwas cutgegengekommen. Wenn damit auch keineswegs unseren Forderungen soweit Rechnung getragen ist. wie dies erwartet werden mußte, so ist doch immerhin erfreulich, daß unsere Ansichten endlich auch in Bremen sich praktisch auszuwirken beginnen und bei weiten Kreisen der dortigen Gemeinde Verständnis und Zustimmung finden. Wir bitten unsere Freunde und Gesinnungsgenossen, nach Möglichkeit Karten für den Gottesdienst zu nehmen und Lurch ihr Verhalten dazu beizutragen, daß dieser Gottesdienst in jeder Hinsicht vorbildlich gestaltet werden kann. Im übrigen sei bemerkt, daß eine Versteigerung der Aliaus hier nicht mehr stattfindet, sondern Mindestgebühren dafür festgesetzt worden sind. — Die hiesige Ritualbadeanstalt ist nach vorläufiger Beendigung der Renvvierungsarbeiten zur Benutzung wieder geöffnet. Cassel. Wechsel im B o r st e h e ra in t.) Das durch den Tod des Bankiers Hermann Blumenthal erledigte Amt eines Mitglieds des Vorstcheramts der Israeliten zu Cassel ist den: Studicnrat an der Oberrealschulc 2 Dr. Otto Heß übertragen morden. Die Bemühungen auswärtiger Kreise, einen Kandidaten von außerhalb in das Vorsteheramt delegieren zu können, u. a. war der Fabrikant Julius Löwenthal als ein von der Gemeindevertretung Eschweges empfohlener Anwärter genannt worden, traben demnach zu keinem Ergebnis geführt. Die Bestätigung des Studienrats Dr. Heß durch die hiesige Regierung ist bereits erfolgt. Dresden. kV o m neuen sächsischen Gesetz über die R e l ig i o n 8 g e s c l I s ch a ft e n.) Das Gesetz für die öffentlich-rechtlichen Religiousgesellschaften siebt folgende Körperschaften des öffentlichen Rechtes vor: a) die Evangelisch-lutherische Landeskirche, die Römisch-katholische Kirche tim Bistum Meißens, die evang.-resorm. Gemeinden, die Freireligiöse Gemeinschaft, die Evangelische Bruderunität in Deutschland, die Evangelisch-lutherische Freikirche, die Bischöfliche Methodistenkirche, die Vereinigung der Baptisten. die israelitischen Religionsgemeinden: bi die Religionsgcsettschaften. denen das Gesamtministerium die Rechte der Körperschaften des öffentlichen Rechts verleiht. Als solche sind auch die Nutcrverbände dieser Religionsgemeinden sKirchgcmeinden. Pfarreien usw.) anzusehen. Zu den Kürperschaften des öffentlichen Rechts gehören ferner die Vereinigungen, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen und denen das Gesamtministerium die Rechte der Körperschaften d. ö. R. verleibt. Sie haben daher auch die Rechte und Pflichten s u r i st i sch e r Personen. Die zur Ausübung behördlicher Befugnisse berufenen Organe der Religionsgesellschasten und ihrer Unterverbände sind öffentliche Behörden, die Aemter öffentliche Aemter. Auf Ersuchen der Rcligionsgeseschaftcn übernimmt der Staat die Zwangsgewalt gegenüber den Mitgliedern kz. R. Vollstreckung von Geldstrafen). Die religiösen Pflichten dürfen davon nicht berührt werden. Die aus dem Gesetz sich ergebenden staatlichen Befugnisse stehen den unteren Verwaltungsbehörden sGemeinden. Amts- und Kreishauptmannschaften) zu. Die oberste sächsische Instanz ist das Ministerium für Volksbildung. An dieses ist Rekurs gegen Entscheidungen zu richten, in Ansrchtungsprozessen entscheidet das Oberverwaltungsgericht. Neubildung oder Veränderungen von Unterverbänden hat der Staat zu genehmigen. In Vermögcnsaugelegenhciten ist er nicht zuständig. Geistliche und Beamte müssen in der Regel schon bei Amtsantritt die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Nach Artikel 107 Abs. 3 kann von den Religions-Gesellschaften das geordnete Dienststrafverfahren gegen sie eingeleitct werden. Dessen Durchführung und Urteilsvollstreckung schützt der Staat. Lehrangelegenheiten bleiben davon unberührt. Die Steuererhebung erfährt siaatlicherseits nur unwesentliche Aeuderungen. Den bei Inkrafttreten des Gesetzes in den Dienst einer Religionsgemeinde übertretenden Beamten leistet der Staat Gewähr für jene Ansprüche, die zur Zeit des Uebertritts dieser Beamten begründet sind. In den Worten „leistet Gewähr" liegt, daß der übertretende Beamte sich wegen seiner Gehaltsansprüchc zunächst an die betr. Religionsgesellschast zu halten hat. lAus Einzelheiten dieses im August vom sächsischen Landtag zum Beschluß zu erhebenden Gesetzes geht hervor, daß die AusführungsbestimmunZen geeignet sind, die verschiedenen Richtungen innerhalb der jüdischen Gemeinden zu einer politisch selbständigen Wahrnehmung ihrer Interessen zu ermuntern. Somit dürften insbesondere den Landesverbänden ungeahnte Schwierigkeiten durch die Neuregelung entstehen. Persönlichkeit endlich doch bei Barnhagen und strahlt als Sonne in ihrem Kreis, während Dorothea uns entwurzelt erscheint, wie sie als glänzend erzogene Tochter. Moses Mendelssohns sich nicht einfach mit der Tatsache ihrer Ehe abfindet, sondern sich von ihrem Manne Veit trennt und weiter treibt, zu Schlegel hin, der ihr das Glück ihres Lebens scheint. Man denke: diese Emanzipation! Und doch wieder läßt sich ihr Erbteil von den Müttern beobachten, wie sie an Schlegels Seite das Geächtetwerden von der Gesellschaft mit der selbstlosen Demut ihrer Ahninnen erträgt. Und weil diese Frauen so urplötzlich zu Persönlichkeiten eines großen Formats sich entwickelten — eigentlich über Nacht, denn jahrhundertelang war doch das Frauenleben ein Schemen geblieben, erfüllt von Zwang, Arbeit und Zwang —, weil sie ihre feinen geistigen und seelischen Kräfte so überraschend schnell. disziplinierten und formten kam meisten wohl die Rahel). fielen die neuen Ideen des geistigen Deutschlands bei ihnen auf den fruchtbarsten Boden. Es ist ja unter diesen Umständen begreiflich, daß etwa die deutschen Frauen viel mehr sich an die zopfigen Ideale klammern: sie sind eben präokkupiert, sind an ihre Linie, an den Rhythmus ihrer Vergangenheit im Denken und Dichten allzusehr dewöhnt. Aber hier, bei diesen Jüdinnen, gibt es gar keinen historischen Ballast, kein Vorurteil. Geschmack und Kritik können sich unbehindert entfalten und einem Goethe oder Heine, dem Sturm und Drang oder der Romantik, allem, was ihnen schön und groß gilt, also frei erschließen. Und so ist die Beeinflussung der deutschen Literatur durch diese Jüdinnen und die Bedeutsamkeit ihrer Salons zu erklären. Aber hier taucht auch zum erstenmal das Problem auf, das unS Heutige wohl alle schon beschäftigt und mit Sorge erfüllt hat. Denn hier ist zum ersten Male Assimilation vorhanden, und nicht nur eine Angleichung an die äußeren Lebensformen, sondern an das deutsche Denken, an eine geistige Kultur, die nicht mehr von der jüdischen Geschlossenheit eingeengt ist. Wo beginnt nun die Beeinflussung ihres Denkens von außer her, wo endet ihre jüdische Mentalität, denn diesen beiden Faktoren ist doch das Phänomen ihrer Wirksamkeit gemeinsam zuzuschreiben. Es wäre nun keine erlösende Antwort wenn man den oder jenen WesenSzwang als ererbt und andere als angenommen rekognoszieren würde, die Frage bleibt ebenso unbeantwortet, wenn man das äußere Aufgeben Ihres Judentums bei dtesen drei Persönlichkeiten z. B. so betrachten würde, daß sie damit aufgehört hätten, Jüdinnen zu sein. Man kann ja auch eine Weinsorte nicht ändern, wenn man der Flasche ein anderes Etikett ausklebt. ... der Inhalt bleibt natürlich trotzdem derselbe. Ich mutz leider vorwem'agen. datz ich Ihnen diese Frage genau so wenig beantworten kann, wie alle anderen, di» sich damit beschäftigt hatten, denn alle Diskussionen darüber blieben doch bisher ergebnislos unb dienten lediglich Frankfurt a. SW. (18 Prozent Ä ul tu 5 ft euer«.) Der Kirltussteuersatz der Israelitischen Gemeinde für baS Rechnungsjahr 1926/27 beträgt 18 v. Hundert der Reichseinkommensteuer. Don den Nur-Lohnsteuerpflichtigen wird die Kirchensteuer in Form von Zuschlägen zu den feststehenden Pauschsätzen erhoben. Gelnhanse«. (Ein neues Mitglied deS Borst eheramt S.) Der Kaufmann Julius Strauß ist zum Mitglied deS Borsteheramts der Israeliten in Hanau ernannt und durch die Aufsichtsbehörde bestätigt worden. Groß-Strehliß. (Lehrer Simon gestorben.) Nach 25jähriger Tätigkeit an der hiesigen Volksschule war Lehrer A. Simon im Jahre 1922 infolge der Auslösung der Anstalt in den Ruhestand getreten. Jetzt, also nach nur vierjähriger Aufgabe des Lehramtes ist er durch den Tod plötzlich aus einem arbeitsreichen und geachteten Leben abbcrnfcn worden. Die Gemeinde beklagt den Heimgang ihres langjährigen Vorsitzenden der Chewra-Kadischa unb stellvertretenden Vorsitzenden, der sich aller Gemeindeinteressen mit treuer Hingabe und großer Sachkenntnis annahm, der daher nicht nur bei der Jugend, deren Herzen er mit echter Religiosität erfüllte, sondern auch bei den Erwachsenen, denen er ein Muster non Friedfertigkeit und geraden Sinnes war, unvergeßlich bleiben wird, wie auch der große Kreis seiner Amtsgenossen, auch die nichtjüdischen, die den Verblichenen schätzten und achteten, seiner in Treue gedenken wird. Hamburg. (Die Aufstellung der Heine-Denkm ä l e r.) Das jetzt im Hamburger Stadtpark ausgestellte Heine-Denkmal von Prof. Hugo Lederer soll, wie aus Hamburg gemeldet wird, noch im September mit einem besonderen feierlichen Akt der Oeffentlichkeit übergeben werden. Die ttebergabe wird durch den Hamburger 1. Bürgermeister Dr. Petersen persönlich vollzogen. Auch das zweite, jetzt im Besitz der Stadt Altona befindliche Heine-Denkmal soll demnächst am Elbufer, am Donncrschloß, seine öffentliche Stätte erhalten. Hoppstadte«. lE i n e bemerkenswerte Rede.) In Hoppstädtcn, das zum ehemaligen Fürstentum Birkenfeld gehört, wurde im Juli ein Denkmal zur Erinnerung an die gefallenen Bürger der Gemeinde Hoppstädten errichtet. Auf der Brücke, in Stein gehauen, an einer Straße, die nach ihrer Fertigstellung der Gemeinde Hoppstädten von der Pfalz her starken Verkehr und neues Leben bringen soll, künden ihre Namen den nachkommenden Geschlechtern die Größe ihres Todesopfers für Heimat und Vaterland. Das Denkmal besteht aus zwei Obelisken, die von den zwei Trauer und Hoffnung symbolisierenden Figuren einer von Schmerz gebeugten Frau und eines Säemanns bekrönt sind. Nach hinten runden sich diese hoch aufrogenden mit Denkspruch und Namen bedeckten Gedenksteine zu Halbsäulcn. Das Denkmal ist nach dem Entwurf des Architekten HanS Hcilig-Darmstadt aiiGstertigt. Bei der Einweihungsfeier. bei der die Spitzen der Behörden, die Geistlichkeit und zahlreiche Bürger anwesend waren, hielt Herr Land- I rabbiner Dr. Lewin eine ausgezeichnete Rede, die wegen ihrer pazifistischen Tendenz sehr erfreulich ist. Die Birkcnfelder Zeitung meldet, daß seine mutigen Worte starken Widerhall gesunden haben. Landrabbiner Dr. Lewin führte etwa folgendes aus: .Wenn wir die Namen der Gefallenen lesen, erinnern wir uns alle des Großen und auch des Bitteren, das Kriegs¬ und Nachkriegszeit uns brachten. Es kann nicht meine Ausgabe sein, das Wort der Rede zum Stachel zu benutzen, unter dessen grausamer Berührung alle Wunden von neuem zu bluten anfangen. Das Elend des Krieges spricht für sich. Lebendig stehen Witwen und Waisen. Vater und Mütter vor uns als Zeugen der Zeit und als Zeugen der Not. Keiner ist unter uns. der nicht einen verlorenhat. mit dem ein Stück seines Lebens dahingegangen. Nicht den Schmerz erhöhen wollen wir, sondern Aufrichtung und Erhebung suchen^indem wir nach dem Liede fragen, unter dessen Klang diese Stunde tönt. Es ist kein süßes Lied, kein Schlummerlied, cs heißt: „Nie wieder Krieg!" Es ist das Lied, das aus dem Mund der alten jüdischen Propheten den Königen entgegengeschleuüert wurde „Friede auf Erden", das ist die große Sehnsucht des Menschengeschlechtes. Es ist nicht wahr, daß die Völker einander hassen, wie eine falsche Massenpsychologie es uns lehren will, mögen auch Mentalität und seelische Einstellung noch so verschieden sein. ES ist nicht wahr, datz deutsche Menschen kriegSliebend seien, deutsche Menschen, die die Sprache Schillers und Goethes sprechen, die Sprache jener Heroen, in deren Herzen Weltbürgertum und Vaterlandsliebe in feinster Harmonie sich versöhnten. Mö^en die. die weit vom Schuß sitzen, die den Krieg nur von" Hörensagen kennen, den Haß aufzupestschen suchen. Wir. die wir im Grenzlande wohnen, wir wissen, der Krieg ist ein Unheil für Sieger und Besiegte. — Klingt es nicht wie eine grausame Ironie, wenn wir in dem Rhythmus unseres Denkmals jenes Zauberwort zu hören glauben: ,Rie wieder Krieg. Friede ans Erden." Der Krieg der Waffen mit der ganzen Welt, den wir heldenhaft bestanden haben, ist zu Ende, aber es tobt der Kampf im Innern in selten gekannter Heftigkeit, obwohl alle ihre Pflicht für das Vaterland im Kriege erfüllt haben. Es scheint mir die Situation nicht unangemessen zu sein, wenn ich als Vertreter der jüdischen Neligionsgemeinschaft es ansspreche, daß von den 500 090 Juden, die in Deutschland leben. 12 000 gefallen sind. Fünf ihrer Besten hat die kleichc jüdische Gemeinde Hoppstädten verloren. Dieses Kämpfen muß aufhören, wenn wir wieder in die Höhe kommen, luemt wir wieder i den Platz im Rate der Völker einnehmen wollen, der uns gebührt. „Nie wieder Krieg", so tönt es uns aus den Millionen Gräbern entgegen, in denen die Gefallenen ruhen. „Friede auf Erden", das ist die stumme und doch io beredte Bitte, die unser Ehrenmal an uns richtet. Es ist gut, daß es mitten in die Gemeinde zu stehen kommt als ein Mahner und Warner zur Einheit und Brüderlichkeit." Köln. (Mutige Tat.) Ter Lehrling Max Weiß, ein früherer Schüler der Stadt, israelitischen Volksschule, Lützowstraße, hat ein Kind vor dem Ertrinken im Rhein gerettet. Dem mutigen Schwimmer wurde vom Herrn Regierungspräsidenten eine Belobigung erteilt. Mainz. (Erhaltung jüdischer Altertümer.) Bereits im Herbst vorigen Jahres konnten wir berichten, daß sich hier ein Arbeitsausschuß gebildet hat. der es sich zur Aufgabe setzte, in Mainz eine würdige und bleibende Ausstellung jüdischer Kulturdenkmäler zu schaffen. Der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde stellte daraufhin in seinem Verwaltungsgebäude einen passenden großen Raum zur Verfügung: der Ausschuß versandte ein Rundschreiben an die Gemeindemitgliedcr. Las zum Beitritt zu einem „Verein zur Pflege jüdischer Altertümer Mainz" aufforderte. Der Ausruf verhallte nicht ungehört. ttebcr hundert Mitglieder meldeten sich, Lurch Spenden und Stiftung von Ausstattungsgegenständen wurde es möglich, während des Winters den Ausstellungsraum sertigzustcllcn. Hier ist bereits der reiche Besitz an Dhoravorhängen der Mainzer Gemeinde wie der der Vorortgemeinden von Weisenau und Bretzenheim cingeordnet. Bilder, Bücher, Urkunden und Silbergeräte sind als Geschenke oder Leihgaben eingctrofsen. so daß die „Historische Sammlung der Israelitischen Gemeinde Mainz" bald der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Inzwischen ist die offizielle Gründungsversammlrma des jungen Vereins unter dem Vorsitz von Rabbiner Dr. Lern abgehalten worden. Die Richtlinien für die Satzungen wurden festgelegt: ihre Ausarbeitung wurde einem besonderen Ausschuß unter Leitung von Justizrat Dr. Lichten überwiesen. Dem seitherigen Arbeitsausschuß wurden unter Zuwahl von Rabbiner Dr. Bondi die Vor» standSämter anvertraut. Lehrer Eschelbacher und Dr. Leonhard Fulda werden mit der Ausstellung des Inventars beauftragt. Mit besonderem Interesse folgte die Versammlung dem Berichte von Rabbiner Dr. Levi über die Ergcbniffe seiner Forschung an den Inschriften der alten Grabsteine. die soeben aus dem städtischen Museum nach dem alten Friedhofe überführt wurden, wo ans dem „alten Juden,and" ein sog. DenkmalSsriedhvf im Entstehen begriffen ist. Die Beschäftigung mit diesen ältesten Dokumenten jüdischer Seßhaftigkeit auf deutschem Boden soll mit zum Aufgabenkreise des neuen Vereins gehören. Die junge Gesellschaft hofft, daß ihr von allen Seiten Ausstellungsgegenstände zur Verfügung gestellt werden. Dies um so mehr, als dem einzelnen Aussteller keine Gefahren und keine Kosten entstehen: denn die Versicherung der im Eigentum der Aussteller verbleibenden Gegenstände trägt der Verein. Usfenheim. (Doypeljubiläum.) Am 24. Juli beging dte Israelitische Kultusgemeinde ein D oppcljubiläum: die 50-Jahrseier ihres Bestehens und das 50jährige Dienstjubiläum ihres Beamten, des Hauptlehrers Abraham Strauß. Die gesamte Bevölkerung UsfenheimS nahm an diesem Toppeljubiläum den innigsten Anteil. Anläßlich des Jeldgckkte-dlenstes in der reichgeschmnckten Synagoge gedachte Rabbiner Dr. Munk Ansbach in seiner predigt der Verdienste des Jubilars um b.<, Aus in: h.?n der Gemeinde und seines segensreichen Wirkens in Schule, Gemeinde und Oeffentlichkeit. Für die anschließende akadedazu, Parteien und Gegensätze zu schaffen, einfach weil eben die einen das deutsche, die anderen das jüdische Element als das entscheidende ansehen. Hier also bei diesen Emanzipationsjuden, auf die wir doch so stolz sind, liegt eben schon der Ausbruch eines Konfliktes, der uns beute noch beschertet. Und diese Uneinheitlichkeit des neuen Juden blieb der Außenwelt genau so wenig verborgen, wie den Betroffenen selbst: und auf beiden Seiten hat man in der damit verbundenen seelischen Zerrissenheit ebensoviel Nuancenreichtum und Schönheit, wie Unorganisches und Destruktives, Befruchtendes und Gefährliches für die andere Kultur erblickt. Wie man es aber auch betrachten mag: ob als Philosemit oder als Gegner, als Nationaljude oder als Assimilant, an der Tatsache des enormen Einflusses, den diese Umformung des Juden aus das übrige Geistesleben gewonnen hat, kann man nie vorbeisehen. Otan denke sich beispielsweise einmal das neunzehnte Jahrhundert ohne Heine! Schon erscheint es uns wie ein Loch in der nachgvctheschen Lyrik zu gähnen. Oder denke an Börne, der zum erstenmal die absolute Literatur in den politischen Essay hineintrug, und man wird sehen, datz er heute noch zu uns spricht, während gleichgeartete deutsche Zmgenossen — Schlegel oder Görres — erst eine Verdolmetschung durch unser Hirn brauchen, so antiquiert und unwirklich erscheint uns ihre Art. mit der sie uns eben nicht mehr treffen. Ich will damit nichts gegen die deutschen Romantiker oder für Heine oder Börne sagen, ich will damit nur betonen, daß sie voll und ganz mit der deutschen Dichtung amalgamiert sind. So hat man naturgemäß auch tm neunzehnten Jahrhundert viel Stolz dabei empfunden, wenn man die beiden in seinem Bücherschrank ein bißchen als Verwandte vertraut begrüßen konnte, aber gerade unsere Väter oder Urväter haben damals die Tendenz gehabt, nicht das Jüdische, das Trennende bei ihren Großen zu betonen, überhaupt den Juden als Sondererscheinung innerhalb der deutschen Kultur zu betrachten. Und diese Befangenheit trägt wahrscheinlich die Schuld, daß die Untersuchungen darüber allzusehr den Antisemiten, die ja vom gegnerischen Standpunkt aus ähnliche Interessen an den Fragen hatten, diesen Feinden das Thema überlassen. So ist es ja auch die ausschließliche Lebensaufgabe eines Mannes, der Barthels heißt und sich scheinbar als ein Gesandter des teutschen Gottes auf der Erbe hier fühlt, baß er unendliche schwarze Listen schreibt über die Juden, die ihre Anwesenheit mit gedruckten Lettern auf dem Büchermarkt dokumentieren. Denn er findet, eS steht einem Juden durchaus nicht an, seine Gedanken so zu formulieren, daß sie dem harmlosen Leser einleuchten könnten, da sie doch gar ketn richtiges Bild des Lebens projizieren, sondern eines, das durch die Optik deS jüdischen Auges gesehen und darum schlimm und schlecht ist. Also nagelt er alle die fest, deren Name oder Wesensart ihm verdächtig scheint. Und dieser Verdacht ist für ihn das Argument gegen das Werk, scheidet also natürlich seine Forschung von vornherein von wissenschaftlicher Arbeit. Und nun, in neuerer Zeit, da der Antisemitismus nach dem Kriege ein mutvolleres und offeneres Bekennen zum Judentum notwendig gemacht hat, haben die Juden selbst die Behandlung dieser Fragen in dte Hand genommen. Sv gab der „Welt-Verlag" in den letzten Jahren ein Buch heraus, das mit bemerkenswerter Objektivität dem Juden in der deutschen Literatur nachgeht. Und zwar nicht mit dem ungenügenden Rüstzeug, der Nase eines Barthels, sondern mit psychologisch und literarisch diszipliniertem Wissen geht eine kleine Schar non Mitarbeitern an die Aufgabe, das Phänomen zu suchen, das die zwei Dutzend jüdischer Männer heute den großen Bau der deutschen Dichtung mit am stärksten tragen läßt. Es handelt sich dabet nicht um die Verteilung von Lorbeeren an Stammesgenossen, an ein Zrrckerbrot für die, die naturgemäß das jüdische Wesen am deutlichsten nach außen bringen und bei den antisemitischen Püffen am ehesten gepackt werden, sondern es dreht sich um die Frage, ob das deutsche Theater bleibt, was es ist, wenn man einen Sternheim. einen Schnitzler, einen Werfel oder auch nur einen Toller megdenkt? Natürlich: ein Repertoire käme schon zustande, aber es läßt sich nicht verkennen, daß gerade die, die dem deutschen Impressionismus ebenso wie dem Exprcinvnismus das erste und bedeutsamste Gepräge gegeben haben, bei diesem Versuch zu abstrahieren, mitabgetrennt mären. Oder man nehme die dichterische Atmosphäre ltiit einen Hugo von Hofmannsthal (mag man ihn als dcgenicrt oder als klassizistisch empfinden, aber für die deutsche Dichtung ist er ein so feststehender Begriff geworden, daß er nicht ohne weiteres lvszulösen ist). Und mit einem Beer-Hosmann, einem Peter Altenberg, einem Kafka oder unserem Mvmbert hier ist es nicht anders, auch wenn der oder jener weniger in die Breite des Publikums wie in die Tiefe der Dichtung gedrungen sein mag. Oder wir denken an den Roman der Nach-Zola-Zeit! Können wir da. ohne seine Bedeutung zu schmälern, uns einen Schnitzler oder einen Wassermann, einen Kellermann oder Max Brod oder aus der expressionistischen Epik einen Döblin einfach wegdenken? Noch einschneidender vielleicht läßt sich an der Kunst des Journalismus das Einwirken jüdischen Geistes auföecken. Wenn man bedenkt, daß „Zeitungsdeutsch" ein Schimpfwort war, daß die Ungepflegtheit des journalistischen Stiles belächelt wurde, und man vergleicht damit das Niveau heutiger Feuilletonisten oder politischer Schriftsteller, das Wunder seiner Veredelung ist geklärt, wenn man an die Feder eines Theodor Wolfs, eines Harden, an Alfred Kerr oder Polgar und Jacobsohn, an Mauthner oder Julius Bab, an Stefan Zweig oder Enri'l Ludwig sich nur erinnert. Schluß folgt.