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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-08-06 · 32 (6.8.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
32 (6.8.1926)
Date
1926-08-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Aus lausend Feinden fonberten sich hundert Freunde. «ad cs ergab sich. Saß von Len tausend die hundert die besten avaren. Das zeugte vermehrten Kampf und noch tiefere Zersplitterung: die Existem» -er Juden wurde dem Abendland zum soziologischen Problem. DaS jüdische Motiv, dis. her vorwiegend aktiv wirksam, wurde nunmehr zur Ijfiufifi behandelten Materie. Jede DichtungSform wurde tfjm gewidmet. ie nach geistiger Reichwette de» Schöpferentstand ein treffendes oder mißgestaltetes Bild. Immer ieboch — und das ist wichtig — war, wa» entstand, ein Maidorrer für das jüdische Volk. Da ist — um da» 10. Jahrhundert zu charakterisieren — Korner, der seinem Sultan das Musterbild eines sehenden und gütigen jüdischen Arztes bcigibt, Grillparzers Jüdin. Freytags geknechteter Beitel Jtzig und schließlich Bvrrics von Münchhausen, der einen Band herrlicher Balladen „Inda" widmet, dem Volk, das er begreift. In» 20. Jahrhundert ist die Lage des Judentums innerlich zerzogcner. geistig gelöster, hie fanatische Rückkehr, hie bedingungslose Assimilation: die Pendelschwingung ist weiter geworden. das Blickfeld, zumal aus der Nahe, unübersichtlicher. Dementsprechend die Dichtungen der Juden. Stefan Zweig schreibt einen Jeremias, der alle Zeichen einer Selbstbeschcidung in romantischen Gefühlen tragt: Arnold Zweig schreibt indische Erzählungen von aufreizender Realistik. Einer aber hat den ebenso interessanten wie geglückten Vcrsuch unternommen, die Situation ans der Vogelperspektive zu schildern und damit einen Lageplatt abznstccken: Arthur Schnitzler Sein Roman „Ter Weg ins Freie" ist gleichsam bas große Jndenbrcvier des 20. Jahrlinnderts. Jeder jüdische Tnvns ist charakterisiert jede gedankliche Verästelung mit untergründiger — jüdischer — Ironie nachgezeichnct. Ta ist — es sei heransgcstcllt, »veil cs das heute bctrisft — ein Jude, der gehen, und einer, der bleiben will. Sie führen ein Gespräch, von dem man glaubt, es klinge einem noch im Ohr, weil man cs gestern selber führte: „Mein Instinkt sagt mir untrüglich, daß hier, gerade hier, meine Heimat ist und nicht in irgendeinem Land, das ich nicht kenne, das mir nach den Schilderungen nicht im geringsten zusagt und das mir gewisse Leute jetzt als Vaterland cinrodcn »vollen, mit der Begründung, daß meine Urahnen vor einigen tausend Jahren gerade von dort ans in die Welt verstreut »vordcn sind." „Sie dürfen mir nicht böse sein, aber Ihr Blick in diesen Dingen ist doch ein wenig beschränkt. Es handelt sich ... in erster Linie gar t»icht um Sic und auch nicht mn »nich. auch nicht um die paar jüdischen Beainten. die nicht avancieren,... die jüdische»» Dozenten, die man nicht oder verspätet zu Professoren »nacht — das silt'd lautcr Unannehmlichkeiten zweiten Ranges sozusagen: es handelt sich hier »>„, ganz andere Menschen, die Sic nicht genau oder gar nicht kennen, »nid um Schicksale, über die Sic — gewiß, trotz der Verpflichtung, die Sic eigentlich «dazu hätten — noch nicht gründlich genug nach ge dacht habe»»." Ta ist ferner ein Jude, der seinen Stamm hcrvorhebi. und einer, der ihn verleugnet, einer, der gleichgültig scheinen an Ul, und einer, der nur aus Ab »v ehr vorgibt, ans sei»» Judentum stolz z»l sein. Und ferner einer von den vieü'i», die, bedacht ans die Geltung ihrer Rasse, vftinals selbst als Antisemiten erscheinen. Diesen» letzten gibt Schnitzler zur Verteidigung folge»tdc Worte: . . daß ich den Fehlern der Inden gegenüber besonders empfindlich bin. das will ich gar nicht leugnen. Wahrscheinlich liegt es nur darau. daß ich. »vir olle, auch wir Juden »nein ich, zu dieser Empfindlichkeit systematisch hcrangezogen worden sind. Von Jugend auf »verdei» »vir daraus lün gehetzt, gerade jüdische Eigenschaften als besonders lächerlich und wider,värtig zu empfinden, was hinsichtlich der ebenso lächerliche»» und widerwärtigen Eigenheiten der andern eben »nchl der Fall ist. Ich will es gar nicht verhehlen. — »venn sich ein Jude in »»»einer Gegenwart ungezogen oder lächerlich benimmt, befällt mich »nanchrnal ein so peinliches Gefühl. daß ich vergehen »nöchte, in die Erde sinken. Es >»t wie eine Art von Schamgefühl, das vielleicht irgendwie mit dem Schamgefühl eines Bruders verwandt ist. vor dein sich seine Schwester entkleidet. Vielleicht ist das Ganze auch nur Egoismus. Es erbittert einen eben, daß inan irnmcr »vicder für die Fehler von andern mit verantwortlich gemacht wird, daß man für jedes Verbrechen, für jede Geschmacklosigkeit, für icöc Unvorsichtigkeit, die sich irgendein Jude auf der Welt zu schulden konnnen läßt, mitzubüßen hat. Da »vird man bann natürlich leicht ungerecht. Aber das sind Nervositäten, Empfindlichkeiten. weiter nichts. Ta besinnt man sich auch »vieder. Das kann »nan doch nicht Antisemitismus nennen. Aber es gibt scho», Juden, die ich wirklich hasse, als Inden hasse. Das sind die, die vor andern und manchtttöl auch vor sich selber tun. als wenn sie nicht dazu gehörten. Die sich in wohlfeiler und kriecherischer Weise bei ihren Feinden und Verächtern anzubieten suchen und sich auf diese Weise von dem ewigen Fluch loshukanfen glauben, der auf ihnen lastet, oder von dem. wa» sie eben al» Fluch empfinden." Um eB mathematisch auszubrücken: Da» Buch ist mit „angewandter" Inbrunst geschrieben und mit „angewandter" Ironie. Mag e» vielleicht nicht so restlos durchgeformt sein wie ein andere» de» gleichen oder eine» anderen Verfasser-, sein Wert ist richtungweisend und liegt in der Freilegung des „Motivs". Das so klar sich nirgendwo sonst erschließt und formulicrt ct»va heißen könnte: Behütung der Unbedingtheit des Empfinde»»- und Kultivierung, d. h. äußerste Fruchtbarmachung der Ironie. Konfirmation. Bon Rabbiner Dr. A. Kahlberg. Die vvrivnrssvollc Behauptni»g, der jüdische Liberalismus sei voriviegend negativ, hört man seit der eifrigen positiven Arbeit, namentiich der liberalen Jugend, in letzter Zeit zivar seltener, allein sic taucht doch immer noch aus. Das liegt zun» Teil auch daran, daß einig' ursprüngliche liberale Neuerungen nunmehr a»»ch im k.o:»servativen Kultus Eingang gesunden haben. Es sei hier »"»r ai» die deutschen Gebete erinnert, noch vor eitrigen Jahrzehnten eine Un- »nöglichlcit in jeder konservativen Synagoge, jetzt jedoch in den meisten cingeführt. Gar »licht die Tatsache zu erwähnen, daß die Mcndclssohnsche Bibelübersetzung seiner Zeit mit dein Ban ne belegt »vordcn ist. - Znr Ausgestaltung des Gottesdienstes, »vas ja das Streben der Rcfor»n hauptsächlich ausmachte, gehört »»eben Orgel, Ehorgesang, deutsche»»» Vortrag des Prophcteiiabschnittcs »»s»v. auch die Mädchcnko»»fir»natiol». Leider begeguet ihre a l l g c n» c i n e Einführung überall noch gelvisscn Schwierigkeiten. Obwohl selbst konservative Gewcindcn sie keuucu, z. B. die konservative Religionsschule l in Breslau sie unter dem Namen „Schulcntlass'mgsfeier" in der Slinagoge — sogar an» Sonntag veranstaltet hat — lehnen liberale Ellern sie vielfach noch als »»»»jüdisch ab. Allerdings ist die Eil'richtnng traditionslos. aber das ist doch auch bei der Barinizwah der Fall, zuinal in der Art, »vie diese heutzutage allenthalben, auch wiederum bei den Konservativen, gefeiert wird. Denn »vas »st die mehr oder »»»»»»der (angda»»erndc Vorbereitung anders »vie ein Koufirinationsunterricht'? De»»»» dieser besteht doch wohl nirgends »»»ehr bloß darii», daß dein Knaben der Abschnitt aus der Thora oder ans den Propheten eingepaukt »vird: selbst »nenn n»tr dieser Abschnitt übersetzt und erklärt rvürde ~ »vas doch scllistverständlich Pflicht des vorbereitenden Lehrers ist —, wenn ferner über gewisse Ritualien für den Barrnizivah gesprochen iverde» »»»nß, so ist das alles de»»» Konfirinandenuliterricht zu vergleichen. Dazu kornisit, daß die Feier he»rte neben de»»» Vortrag des Knaben in der Ansprache des Rabbiners oder Lehrers besteht. Tiefe aber dient ja lediglich den» Zwecke, den Knaben zu konfirinieren. d. h. in der Religion zu befestigen. Diese Ansprache hat sicherlich in» Judentnin feilte Tradition, sie ist durchaus liberalen Ursprungs. Die Feier überhaupt ist noch nicht sehr alt und kcinesivegs ct»va bei allen Juden ciiigcführt: »in Ostei» »vird vielfach der .Knabe an den» erste»» Tage nach seinen» vollendeten 13. Lebensjahre, an dem Thoravorlesung stattsilidct, ciniach ansgeruse»!, also airch an einen» Montag oder Donnerstag. Das ist dann die ganze Barmizwahfcier. Das ko in »nt daher, daß aitch beim Knabe»» die Institution der Feier der Volljährigkeit, ebenso »vcnig wie der Uwstand, daß diese wit 13 Jahren eintritt, biblisch ist. In der, Thora finden »vir ganz a»»dcre Altersstufen, da »vlrd »mlerschieden zwischen de»»» 1.—\ ivon» 2. Monat fl»»), 5.-20., 20.—60. Lebensjahre und darüber, also etwa Kindes-, Jünglings-, Mannes- und Grciscnalter. Erst der Talrnnd setzt in der Gewara (Nidda 47 ff.) als Mündigkcitsalter für das Mädchen das vollendete l2., für den Knaben das vollendete 18. Lebensjahr fest. Die Mischnah bringt über die Barmiz- »vah nur die bekannte Stelle i»r den Sprüchen der Väter (Aboth 5,24): „Mit 18 Jahren für die Gebote", d. h. mit 13 Jahren ist der Knabe verpflichtet, die Pflichten zu er» füllen. Dieser Ausspruch stammt von Jehnda ben Tema, einem Mischnahlehrer des ztveiten Jahrhunderts nach Christo. Die Geinara spricht an einer Stelle (Ketynboth 50«) von der Pflicht des Vaters, den Svh»» »vährend des Kindesalters zn erziehen, und der Midrasch bemerkt deutlicher zu der Stelle Genes. 25, 27: R. Eleasar sagt: „Ein Vater muß sich mit seinem Sohne bis zi»n» 18. Lebensjahre beschäftige»», dann aber soll er sprechen: „Gepriesen sei der, der mich von der Verantwortung für diesen befreit hat." (Beresch. rabv. Absckw 63.) Der genannte R. Eleasar gehört dem drittelt nachchristlichen Jahrhundert an. Die Feier der Barmizwah ist in der Alleren talmndischen Literatur überhaupt nicht erwähnt, also sicherlich ganz jungen Ursprungs. Durchaus modern ist auf jeden Fall die Ausdehnung bex Feier dahin, daß dem jungen Menschen die Bedeutung der jüdischen Religion an diesem wichtigen Lebe»»sabschnitt eingehend vor Augen geführt wird. Wie wertvoll und angebracht das ist, bedarf um so »veniger besonderer Worte, als ja diese Art der Barmtzwahseter in Deutschland rvohl allgemein üblich ist. Warum läßt man aber, wenn man doch den hohen Wert dieser Jnstitlittvn erkannt hat. sic nicht auch dem Mädchen zugute kommen? In früherer Zeit, im Ghetto, lagen die Verhältnisse doch fo, daß der Knabe »»ach der Barmizwah das Elternhaus in der Regel verlassen »nutzte, während dem Mädchen der Schutz dieses Hauses erhalte»» blieb, bis sie durch Heirat in ein anderes jüdisches Haus zog, stets umgab sie also ein jüdisches Milken. Heute gibt cs dagegen nur eine verschwindend kleine Anzahl Mädchen, die nicht im Berufs» leben stehen ober sich für eine»» Beruf vvrbereiteu: die Ehe kom»»»t ja l»ur für einen Teil i»» Betracht. Da »väre es doch durchaus angebracht, daß auch die Mädchen in Stunden des Zweifels am Glauben als Stütze die Erinnerung an den feierlichen Augenblick hätten, da sie vor versarnntelter Ge- »neinde sich einst zuin Glauben der Väter bekannt. Vielleicht bewahrt diese Erinnerung die eine oder die andere davor, eine Mischehe cinzugehen, sicherlich aber kann der intensive Borbereitunqsunterricht, der einen ttebcrblick über die gesaintc jüdische Glaubens- und Sittenlebre in reifem Alter gibt, nur von größtem Vorteil sei»». Es »st »vohl vielfach Requernlichkcit der Eltern, auch die Scheu vor den Kosten einer häuslichen Feier, die der allgeineineu Einführung der Mädchenkoufirmation tnt Wege steht. Demgegenüber »st darauf hinzuweisen, daß diese häusliche Feier durchaus nicht erforderlich ist und daß sie natürlich im einfachsten Rahmen vor sich gehen kann. JederifallS »n»»ß mit aller Energie' darauf hingewirkt »verden, daß alle Mädchen wenigstens am Konfirmandenunterricht, der ein Jahr vor der Koufir- »nation begtiinen soll, teilnehinen, auch »venu sie sich nicht einsegnen lasten »vollen. Dieser Unterricht sollte auch in jedem Jahre erteilt »verden. selbst »venn die Zahl der in Betracht kommenden Mädchen so gering »st, daß nur alle z»vci Jahre eine Konfirmatiousfeier stattfinden kann. || | Aus den Gemeinden Berlin. (Silberhochzeit.» Der Kain'rnann Ferdinand Horwitz und Frau Anna geb. Kohu begehen arn 4. August das Fest der Silberhochzeit. Sie stehen seit ca. 20 Jahren mit an der Spitze der Berliner Humanitären Bestrebungen, gehören den meisten "Berliner Wohltätigkeitsvereincn a»r und haben es sich als ideales Ziel gesteckt, ihren armen Glaubensgenossen das Leben nach Möglichkeit zu erleichtern. Berlin. (Von der „Ose".» In Berlin erscheint seit kurzem initcr Leitung hervorragender jüdischer Aerzte eine neue Zeitschrift „Ose-Rundschan", die die Fragen der jüdischen Volksgesundheit von allen Seiten bclenditet und Aufsätze in deutscher i»nd englischer Sprache verössentlicht. Berlin. (O r t s k o »: f c r c »> z.) Vom 8. bis 10. August »vird hier die 3. allgemeine Konferenz des Verbandes der Gesellschaften „Ort" stattfinden, unter Betcilia»n»g von Vertretern sämtlicher europäischen »»nd amerikanischen Ort- Organisationen. Die Verhandlungen »verden durch eine feierliche Kundgebung im großen Sitzungssaale des ahe-, maligen Herrenhauses eröffnet »verden. Ter Tagung komm» ganz besondere Bedeutung dadurch zu, daß auf ihr das Pro- ' blcm der Wiederaufrichtung des jüdischen Wirtschaftslebens durch Bcrufsnmschichtilng eingehend erörtert werden soll. Das Thema „Kredithilfe in For,n von Werkzeug und Rohstoffen" bildet einen besonderen Punkt der Tagesordnung. Wir wünschen den Beratungen der „Ort"-Gcsellschaft einen recht erfolgreichen Verlauf. Bremen. (Gottesdie»»st r e f o r m.) Unsere Bremer Freunde können insofern einen kleinen Erfolg für sich buchen, als, wie der Vorstand der hiesigen israelitischen Ge- »ncindc nunmehr den Gemeindemitgliedern zur Kenntnis bringt, bet dem im großen Saul der Union an de»» hohen Feiertagen stattfindenden Zweiggottesdienst mit Zustimmung des Gemcinderabbiners Dr. Aber eine Reihe hebräischer Stücke, und zivar leise gesprochene Piutitns fortgeiasten »vird. Wo eß dem Religionsgesetz nicht zuwiderläuft, sind deutsche Gebete eingefügt worden. Auch in gesanglicher und Die Jüdin in -er deutschen Literatur. Vor» Lotte H e r »n a n n - B o r ch a r d t. Unser verehrter Mitarbeiter Georg H e r - mann, der Verfasser von „Jettchen Gebert", „Henriette Jacob»)", „Schnee" und vielen andere»» bedeutenden Werken, hat uns iu liebenswürdiger Weise dieses letzte Vortragsmanuskript seiner vor kurzem leider allzi» früh verschiedenen verständnis-volle»» Lcbensgvsährtin zur Verfügung gestellt. Unsere Leser werden aus dieser reifen Arbeit viele interessante Zusauunenhäuge entnehmen. Die S ch r i f t l e i t»»n g. Deutlich erinnere ich mich noch au die nicht allzuferue Schulzeit, als »vir eines Tages von ei»»em sehr hölzernen Litcraturlehrer aus unserem Halbschlaf aufgerüttelt »vurden, wie er — wahrscheinlich sehr verzweifelt über unsere Stumpfheit und Lethargie — sich plötzlich hinreitzen ließ, zu bemerken, daß er „rvenigsteus vo»» den jüdischen Schülerinnen mehr Interesse für seinen literarischen Gegenstand erwartet hätte",' „ja", »»»einte er, „bedenken Sie doch nur, ivelchen Anteil an der Literatur die Jüdinnen des vorigen Jahrhunderts scho»» geno»n»nen haben". Wir guckten ur»s rotköpfig an, denn irgendwelche Beziehl»ngen zivische»» de»»» Geist der Berliner Salons und diesen furchtbaren Stunde»»t konnten »vir nicht entdecken, z»»mal dieser Pauker nie vor» seinen» Hartman»» von der Aue, seinen» Promvtivnsthe»na loskain und uns außer Hartmanns Zeitgenossen, dem Minnesänger Süßkind von Trimbvrn, der in» 13. Jahrhundert im Würzburgischen jüdisch dichtete, als Jüdinnen nicht besonders verpflichten konnte. Trotzdem, irgend etwas von dem Appell »nag zurückgeblieben sein, »vas mich imrner aufhorchen ließ, »velche Beziehungen zwischen Literatur und Juden existieren. Und als ich »nich, Jahre später, wirklich einmal au das Barnhagenschc Tagebuch setzte und die Atmosphäre rrm eine Rahe! und eine Henriette Herz oder die Zerrissenheit einer Dorothea Beit zu fassen suchte, fiel »nir der Vorfall aus den langtveiligen Stunden wieder ein und ich blieb nie ohne innere Erregung. Nicht etiva, daß ich »nir, einfach als Jüdin, die vom Lehrer angedeutete Wesensverwandtschaft mit diesen großen Frauen, weil sie Jüdinnen »varen, vortänschte, sondern »veil ich hier etrvas spürte, »vas ich die geistige Gebiert der deutschen Jüdin nennen möchte, ..... ein plötzliches Werden, dessen Früchte wir alle noch genießen. Man stelle sich doch zunächst einmal vor, in welcher häuslichen und geistigen Enge die Ghettojuden lebten! Sie .nutzten (ich glaube nicht, daß es ohne »veiteres als Rassetigentümlichkeit anzusehen ist), sie. mußten Materialisten sOin, denn: »ver sich die Situation ganz klarinacht, ist von -er Notlvcudigkeit, mit der sie es »verden »»»»»tzten, bald überzeugt: sie »nutzten also da nach Geld, Schätzen, Juwelen und im»ncr »vieder Geld streben, denn das »var ihre einzige Waffe gegenüber den Verfolgungen, Launen, Antipathien, denen sie überall ansgesetzt »varen. Was sie erarbeiteten, errangen, erjagten — zuin Gespött der anderen sich abgeizten, das »var ihnen ja kein Mittel zum Luxus, zun» Wohlleben — »nie etwa uns heute —, sondern es »var ihr einziger, nie versagender Schutz, »venn irgendein Fürst oder Bischof oder sonst ein Mächtiger in Geldnot »var und dann seine Juden los sein wollte, »nn etrvas aus ihnen herauszupressen. Der Einfluß solchen Zwanges, solcher Not auf die Psyche der Frauen dieser Zeit ist da leicht erklärlich. Als Kinder von 10—12 Jahren »vurden sie verheiratet, d. h. das Bestiinmungsrecht über sie geht plötzlich von den Eltern auf den Mann über und dem bri»»gt sie fast alljährlich ein Kind zur Welt. Und mit diesen Mutterpflichten ist ihre Aufgabe lange nicht erfüllt: denn die Not und das häirfig wechselnde Schicksal zlvingt sie, dem Manne bei seiner schweren Arbeit zu helfen: er ist ja bei dem dainals üblichen upd nur möglichen Ber»»f viel untenvegs, braucht also den Beistand der Frau, die in einer großen Zahl von Fällen ihn vertreten und das Geschäft aufrechterhalten muß. Rur a»n Sabbat, an einer»» einzigen Tage der Woche, ruht sie von all den Plagen als Fra»», Mutter und Kaufmann. Und da (im Gegensatz zu Proletarierfra»»en, die in ihre»»» äußeren Elend vielleicht einen ähnlichen Eindruck »nachei») gilt ihr als Vergnügung nicht das Volksfest, der laute Trubel, »vie er beim Volke üblich ist, sondern ihre Erbauung ist das Buch, das öamals noch iu jirdischer Schrift gedr»»ckt »st: denn nirr die hat sie in der Gcbetschule gelernt und unterscheidet sich dadurch von deutschen Zeit- und Geschlechtsgenossen, die da noch A»»alphabeten sind. Aber in einer so leidenschaftslosen Selbsta»»fgabc, einer so sittsamen Zucht kann man sich — außerhalb ihrer »veltlicheu, d. h. »virtschaftlichen Probleme — ihren Geist eben nur mit religiösen oder religiöö-ethischen Dingen erfüllt vorstellen. Bei der strengen Dogmatik, die sie umschloß, kömren die Probleine, die rein dichterisch erfaßt werden, überhaupt nicht an sie herankomrnen. Weder Bardentum noch Liebesprobleme, noch Minnesang existieren in dem Kreis ihres Denkens ... Es ist für sie eine religiöse Vorschrift, die natürlich zu erfüllen ist. Ilnd es ist für uns Heutige sogar ein wenig beschärnlich, zumindest bedenklich, wenn wir beobachten, daß es trotzdem keine unglücklichen Ehen gibt, ... daß die Ehe zrvar ga»»z unprobleinatisch, eine gegebene Tatsache, aber doch das Poetische im Leben der Juden ist. Ich möchte Sie da an die Glücke! von Hameln erinner», an ihre Memoiren. Denn sie ist die einzige Frau, die unS ein wirklich echtes Bild von dem Erleben der Jüdin gibt, wie sie ja überhaupt wohl die einzige Frau ist, die die Feder zn führen weiß, und zwar nicht wie die anderen zu geschäftlichen Notierungen, soirdern bewußt, um den Leser ihr Leben miterleben zu lassen, waS ja die Forrnel für die Ausgabe eines jeden Autors ist, der Selbsterlebtes oder Erdachtes erzählt. Wenn ihr auch noch jeder künstlerische Ehrgeiz fehlt — sie stellt sich doch das Ziel eines ringenden Schriftstellers, den Leser die persönlichen Schicksale int Nahmen der Zeit miterleben zu lassen. Und es gelingt ihr auch, denn »vir atrnen etwas von der Ghettoluft, »venn »vir die Auszeichnungen, die 1720 schließen, lesen. Und die wir nicht ungerührt aus der Hand legen, wenn »vir bedenken, daß gerade 50 Jahre später Henriette de Lemos den Berliner Arzt Marcus Herz heiratet und sein Haus schon z»»m Zentrum der geistigen Geselligkmt gestaltet. In diesen fünfzig Jahren hat sich die Starre des Mittelalters gelöst: die chinesischen Mauern fallen auf beiden Seiten. Am Judentum wäre»» die Veränderungen eines Deutschlands nicht spurlos vorbeigegangen, hätten erst ghettolose Niederlassungen und dadurch eine gervisse Assiinilation beivirkt, die wieder»»m eine gewisse Erhöhung des kulturellen Niveaus zur Folge hatten: und draußen wiederum waren die philosophischen und die revolrrtionären Gleichheitsideale nicht ohne Widerhall geblieben, denn schließlich hatte man inzwischen einen Friedrich den Großen, einen Rousseau, eine französische Revolution und Amerika erlebt, so daß es erklärlich ist, wenn der Jude um die Wende des 18. Jahrhunderts eine ganz andere wirtschaftliche und geistige Struktur aufweist, »vie fünfzig Jahre vorher. Man begreift, daß aber diese Umstellung nicht unchaotisch verlief. Und in den Konflikten, sich von den Gebundenheiten der Vergangenheit zu lösen, waren die Frauen naturgemäß unbeschwerter als die Männer, denen die Traditionen schon auf ihrem üblichen BildrrngSweg eingepfla»»zt »vorden wäre»». Die Fra»»en also erweisen sich da liberaler, m»d ihre Klugheit braucht sich nun nicht mehr auf die Enge ihrer Privatwirtschaft, aus den ganz realen Lebenskampf allein zu beschränken, sondern plötzlich »verden auch Freundschaft und Geselligkeit, ja, Kunst und Wissenschaft zu Problemen ihres Daseins. Zunächst sind die ä»»ßeren Riten dabei gar nicht bedeutsam verändert: Henriette Herz heiratet ebenso wie lebe andere Jüdin vorher auch »nit 16 Jahre»», und zwar auch den Mann, den der Vater ihr gewählt hat. Und diesem Manne »vird sie trotz aller Erfülltheit mit geistigen Dingen und großem Können ganz die demütige Gattin, die ebenso von seinem Wiffen beglückt and als feine Schülerin sich fühlt wie die Generationen vor ihr stolz waren über das Talmud- Stirdium ihrer Männer. Bei Rayel u»»d der Dorothea läßt sich die seelische Struktur aber schon nicht mehr so einfach aus den Generalnenner der aut gezogenen Jüdin bringen. Beide sind zu individuell, um sich so erfaffen zu lassen, beide auch zu zerrissen von den Strömungen und Gegensätzen. Aber Rahel verankert ihre

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