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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-30 · 31 (30.7.1926) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
31 (30.7.1926)
Date
1926-07-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Münchener Jude, der mit der. Taufe zwar seinen Glauben, nicht aber fein Blut ändern konnte. Ein Menschenalter später war Führer der konservativen Partei Graf Limburg-Stirum, dessen Blut mit dem der Juden Ebers gemischt war. Er hat auf öffentliche Erinnerung deren Grabstätten auf dem alten Friedhof in Berlin wiederherstellen lassen, weshalb er, als der Antisemitismus in die Mode kam, gelegentlich als „Ko h n servativer" angepöbelt wurde. Wenn Wilhelm II. einen Douglas zum Grafen machte und zwei andere Douglas, Archibald und Rezinard, als preußische Offiziere den Weltkrieg mitmachten, so waren sie sicher-von deutscher Gesinnung, aber ebenso sicher nicht deutschblütiger Herkunft, sondern ihr Stammbaum führt nach Schottland, wie der Immanuel Kants. In Bayern hat es zu des ersten Napoleon Zeiten einen genialen Staatsmann, den Grafen Montgelas gegeben. Seine Nachkommen, unter ihnen der General dieses Namens, sind leidenschaftliche Vorkämpfer des Deutschtums,' bei den Bärenhäutern der „nordischen Edelrasse" haben ihre Urväter nicht gesessen, sondern in den Bergen und Gefilden Savoyens. Und ist denn bei den Häuptern dieser nordischen Klasse alles so reinlich und so zweifelsohne. Als Fritz von Holstein, die „graue Eminenz", lange nach seinem Tode als gewerbsmäßiger Börsenspekulant entlarvt wurde, er, der unter drei Reichskanzlern der 8piritu8 rector der auswärtigen Politik war, da fanden oder erfanden die Erbpächter guter Gesinnung, daß er nur das Opfer der „jüdischen Witwe" und ihrer Verführungskünste gewesen sei. Zwar war Helene von Lebbin die Tochter des Gendarmerieobersten von Brandt und einer urgermanischen von Seydewitz, und des Gendarmerieobersten Vater war General der Infanterie und Präses der Generalordenskommission. Aber die Ahnentafel bis zu den Großvätern und Großmüttern hinauf genügte den Blutschnüfflern nicht. Sollte Holsteins Freundin nicht wenigstens eine jüdische Urgroßmutter gehabt haben? Da der Gatte starr konservativer Personalienrat und Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat im Ministerium des Innern gewesen war, was er als Jude oder Judenstämmling nie geworden wäre, so blieb der einzige süße Trost: die Ahnen der Urahne mußten an den Wassern Babylons gesessen und schließlich in Abrahams Schoß Zuflucht gefunden haben. Wenn derlei Beweise genügten, so könnte man in der Tat auch Herrn Ludendorff zum Judenstämmling machen, weil einer seiner Vorfahren, der Stettiner Kaufmann Karl Otto Ludendorff, die Tochter eines Seidenhändlers Abraham Weilandt geheiratet habe. Ja, ein deutschsozialer Kämpe hat sogar Herrn Wulle, dem urteutonischen Hakenkreuzler, nachgesagt, er habe eine jüdische Großmama gehabt. Mit größerem Schein von Reckt ließe sich.immerhin Herrn von GräfeS unverfälschtes Deutschtum anfechten. Der bürgerliche Stammvater derer von Gräfes war nämlich am 8. März 1787 zu Warschau geboren und erhielt den p o l n i s ch e n Adel nebst Wappen aus St. Petersburg am 2./14. Februar }820; ein Schlachzig von des. Zaren Gnaden. Ain '16. November wird' allerdings der mecklenburgische Junker das hundertjährige Jubiläum der preußischen Anerkennung seines polnischen Adelsdiploms feiern können. Er wirb sich ungern erinnern, daß Wilhelm I.' noch keine Ahnung von deutschblütiger Staatskunst und Kultur hatte. Denn der erste Kaiser machte einen leibhaftigen beschnittenen Hebräer zu seinem Bankier und sogar zur Exzellenz und zum Baron, Herrn Cohn aus Dessau, und zum Generaladjutanten den polnischen Fürsten Anton Rabziwill. Nicht erst zu reden von Friedrich III., dem „Judeukaiser", der den Antisemitismus die Schmach des Jahrhunderts genannt hatte, ungetaufte Juden, wie Martin Magnus und Professor Lazarus augenfällig auszeichnete und einen getauften, wie Frtedberg, den Schwarzen Adlerorden verlieh. Daß dieser Friedberg und außerdem Friedenthal Minister werben konnten, obwohl die alles eher als „deutschblütig" waren, können die um Hitler, Gräfe, Ludendorff und Compagnie Bismarck noch heute nicht verzeihen, auch nicht seine Intimität mit Bleichröder. Und wenn Wilhelm II. mit Ballin, James Simon, Rathenau, Isidor Loewe umging, avancierte er bei denen von der strikten Observanz zum — „Semimperator", damals, als er Herrn Claß noch nicht beglückwünschte. Denn sie hatten zu entdecken geglaubt, daß auch in seinen Adern via Koburg ein Tropfen jüdischen Blutes fließe. Daß jedenfalls nicht ungemischt deutsches Blut durch diese Adern rollt, ließ sich freilich zuverlässiger erweisen. Denn erstens war die Ahnfrau aller heutigen Hohenzollern eine Französin. Der Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig heiratete Eleonore Desmier von Schloß Olbreuse bei La Rochelle. Ihre Enkelin Sophie Dorothee wurde die Gattin des Königs Friedrich Wilhelm I. und damit Stammmutter des Fürstengeschlechts, das bis zum 6. November 1918 in Preußen und Deutschland geherrscht hat. Zu dem französischen Blut kommt zweitens das russische durch die .Kaiserin Augusta, die eine Enkelin des Zaren Paul I. war. Dazu kommt drittens das englische Blut, von der Kaiserin Friedrich her, die eine Prinzessin von Großbritannien und Irland war. Also Großmeister des Runenordens Walvater hätte Prinz Friedrich Wilhelm bei strenger Ahnenprobe kaum werden können, selbst wenn seine Haare unverdächtig gewesen wären. Wie mit dem Hause Hohenzollern bei näherem Zusehen geht es mit vielen Adelsfamilien, deren Sprossen heute predigen, die jüdische Rasse verderbe unser Volk moralisch und physisch, und Deutschland müsse von Deutschblütigen regiert werden. Eine lehrreiche Unlersuchung stellt ein Gelehrter, Robert Michels, in einer Abhandlung „Adel und Aristokratie" an: „Wenn ein Graf Jtzenplitz nach der Emanzipation der Juden in Preußen im Jahre 1820 ein Fräulein Sanders heiratete, der aus dieser Ehe geborene Sohn 1846 die Dochtes des Rostocker Universitätsprofessors Dr. Emanuel Kurz ehelichte, der Sprößling dieser Ehe sich 1878 mit deS süddeutschen Berlagsbuchhändlers Tochter, Fräulein Müller vermählte, und deren Sohn 1897 sich wieder ein Fräulein Cohen zur Gattin auserwählte, so wird deren Sohn, der 1913 als Avantageur Tiet den Gardekürassieren eintritt, zwar äußerlich also bezüglich des Namens und Titels dem uradeligen Urgroßvater durchaus gleichen, und an finanzieller Potenzialität wahrscheinlich sogar weit übertreffen; es ist aber unleugbar, daß der Graf Jtzenplitz von 1913 aus dem Geblüte Jtzenplitz von 1820 nur noch zum achten Teil stammt. Die übrigen Abstammungsteile (sieben Achtel) sind unaristokratischer, ja zum Teil „unarischer" Herkunft. Mit anderen Worten: Der Adel hat sich zwar dem Namen und der Stellung nach erhalten, aber es ist doch anthropologisch ein völlig anderer, ganz anderen Kreisen angehöriger Name, der 1913 die Familie vertritt." Wenn Herr von Berg, der Adelsmarschall und Geschäftsführer der Hauses. Hohenzollern. in jedem Fall ähnliche Untersuchungen und Rechnungen anstellte, wie viele oder vielmehr wie wenige Mitglieder zählte dann wohl seine rassenschützlerische Vereinigung? Und wenn ernst gemacht werden sollte mit der Forderung „Deutschland ist von Deutschblütigen zu regieren", wo nähme man die Regierer her, von den obersten Spitzen bis zum Nachtwächter, die ihr« rein deutschblütige Herkunft urkundlich nachzuweisen vtt« möchten? Und bis zu welchem Glied hinauf? Und vor welcher Prüfungsstelle? Bor den Herren Hitler, Gräfe und Ludendorff? Vor Herrn Clatz und dem Runenorüen Walvater? Das ganze ist eine groteske Posse oder eine echte Querelle d'Allemanö. Kalendarium für dir Zeit vom 31. r. b.r. 8.1S26. Juli 1928 Ab 5888 Lonnabend 31 20. Wochenabschmtt: Ekew Haftarah: Jesaja 40, 14—26; 50, 1—11,- 81. 1—3 August 1926 Sabbat-Ausgang: 8,53 Uhr Sonntag 1 21. Montag 2 22. Dienstag 3 23. Mittwoch 4 24. Donnerstag 5 25. Freitag 6 26. Sonnabend 7 27. Neumondweihe Wochen-Abschnitt: R'eih Haftarah: Jesaja 54,11—17: 55, 1—5 Sabbat-Ausgang: 8,39 Uhr Ä^/, Wolle, "Wrchuhe m mvi HAr«. KÖNIG5TR. ECKE SPAN DAUER STR. Konditor«! und <af£ Feinbäckerei Werner Kumrow Inhaber Paal Donner BERLIN W, Motzstraße 70 u. Haberlandstraße 8 1 ollslindlt um renoviert! Tel.: Nollcndorl 3164 Angenaiimr Aufenthalt SPEZIALITÄT: Wasser-Bar dies Pfd. 50 Pf. 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Berlin W 35, Potsdamer Str. 118c, Lützow 2764 Reklame ist die Quelle ieal, Erfolge«! Petlfllt Vereinigung stk da» liberal, Judentum ML Berlin ES 48. - Verantwortlicher Redatteur: DiPl^Jng. »runovotzda. Berlin NW 83. Druck: Gebrtaa » Reimer». Berlin SW 88. Rttteritr. 7L. < 009191232323232353535353535348484848232353235389894853234853485331234823 534891480053235348534848534823232323232353484890004823484823015348480101

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