Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-30 · 31 (30.7.1926) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
31 (30.7.1926)
Date
1926-07-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613872--1887-2619299
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

« » Ein Bekenntnis, sagte ich. Denn diese Versammlung wird nur dann eine Versammlung leschem schomajtm soso lehitkajam genannt werden^können, eine Versammlung voll göttlichen Geistes, die Bestand hat, wenn auf ihr daleidenschaftliche Pathos eines großen Bekenntnissezum Ausdruck kommt. Und wiederum habe ich das Glück, mich auf die drei Grundforderungen beziehen zu könen, wie sie in großzügigen Linien Mr. Montefiore formuliert hat, und von denen ich wünschen möchte, daß sie, wie einst die drei Jkkorim Albo's zu ihrer Zeit, so zu unserer Zeit die einheitlich« Grundlage des liberalen Judentums werden mögen. Von dem Glauben an die ununterbrochene Gvttesofsenvarnng, von dem Bekenntnis zur prophetischen Lehre und von der Anpassung der historischen Form, des Judentums an die Lebensmöglichkeiten veränderter Zeiten, hat, wenn ich ec, recht verstanden habe, Mr. Montefiore gesprochen. Forderungen, die nicht länger mehr bloße Theorien bleiben dürfen, sondern mit denen wir Ernst machen müssen. Bon draußen wird uns entgegengehalten, wir seien keine rechten Juden mehr. In der Tat, das theoretische Bekenntnis znm ethischen Monotheismus macht so wenig den Juden wie die platonische Liebeserklärung die Mission Israels. Ter Glaube an die Fortdauer der Offenbarung darf nicht zur Phrase werden, hinter der sich nur die Absage au die alte Thoraosfeubarnng und an die alte Psalmenfrömmigkeit verbirgt. Die Flagge der prophetischen Religion, unter der wir segeln, darf nicht zum leeren Symbol werden, hinter dem nur die negative Verwerfung der priestcrlichen Gesetzesreligion, aber nicht die positive Unterwerfung unter die Prophetenforderung in unserm Leben steht. Das Gesetz der Entwicklung, zu dem wir uns volltönend bekennen, darf nicht zum Freibrief werden für unsere Flucht ans jeder religiösen Bindung,- die Verbundenheit mit unserer positiven Väterreligion muß uns erhalten bleiben. Liberales Judentum muß mehr und etwas anderes sein als die bloße Verneinung ober Verminderung des orthodoxen Judentums. Bor fünfzig Jahren hat der bekannte deutsche Theologe David Friedrich Strauß in seinem Buche „Der alte und der neue Glanbc" die christliche Welt durch die Frage aufgerüttelt: „Sind wir noch Christen?" Ob nicht auch wir liberalen Inden auf einer solchen Tagung die Gewissenspslicht hätten, die Frage an uns zu richten: „Sind wir noch Inden." llnd doch scheint mir in diesem Kreise an diesem Tage eine andere Fragestellung berechtigter. Nicht „sind wir noch Juden?", sondern „sind wir schon Juden?" Haben wir nicht, wie der Prophet Elia, noch einen weiten Weg bis znm Berge des Herrn? Sind wir nicht weit zurückgeblieben hinter der Erfüllung jener Mission, deren mir uns rühmen und die uns allein Daseinsberechtigung gibt? Hat der Geist Gottes uns wahrhaft ergriffen? Haben wir die ethische Forderung der Propheten verwirklicht? Sind wir schon Inden? Lasset die Gesetzestreucn fragen: Sind wir noch Juden? Wir liberalen Inden wollen uns fragen: Sind wir schon Inden? Diese Frage bedeutet, wie es schon Montefiore in seiner Begrüßung angedentet hat, eine Demut, ein Sündengefühl, stärker unser Gewissen belastend als alle Sünden, die uns von den Gesetzestrcneil je vorgeworfen wurden. Sind wir schon Juden, sobald wir die Maßstäbe der ethischen Forderung der Propheten an uns legen? Es gähnt eine offensichtliche Kluft zwischen Forderung und Erfüllung, zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Religion und Leben. Oder beherrscht etwa bei uns liberalen Inden, die rvir mit einer großen Gebärde uns die Erben und Bekenner der prophetischen Religion nennen, in Wirklichkeit die Religion der Propheten unser Leben? Wird ihre Forderung von uns ^erfüllt in Handel und Wandel, in Geschäft und Berns, auf Straßen und Märkten? Wenn ein alter Weiser sprach: „Lieber all niein Lebtag ein Tor unter Menschen, als eine Stunde ein Sünder gegen Gott," so spricht unser Leben: „Lieber all mein Lebtag eia Sünder gegen Gott, als eine Stunde ein Tor unter Menschen." Wir haben die prophetische Religion ans ein kärgliches Brot gesetzt. Wir haben sie in die gute Stube iuic ein kostbares antikes Möbel zur Schau hingestcllt und dabei alle persönliche Beziehung zu ihr verloren. In ttnsern Taten und Gesinnungen, nicht in unfern Worten und Programmen nur muß unser prophetisches Judentum sich bewähren. Unser Gewissen mutz sie wachrütteln, unser Leben muß sie endlich sittlich gestalten. Im Sinne dieser das Leben beherrschenden Religion müßten wir alle vor den Quäkern uns in Ehrfurcht beugen, die allein in der Stunde der Prüfung sich bewährt haben. Und wie steht cs mit unserm Glauben an die Fortdauer der göttlichen Offenbarung? Gewiß muß uns Gott ein Selbsterlebnis sein. Gewiß hat man Gott noch nicht, wenn man ihn nur von den Vätern geerbt hat und ihn als Bekenntnis auf den Lippen trägt. Man muß um ihn in heißem Kampf, in den Jeldschlachtcn inneren Lebens gekämpft und gerungen haben. Aber ist Gott uns liberalen Inden allen ein lebendiger, selbst errungener Besitz? Ist er der Atem unsrer Seele, das glühende Feuer in unserm. Innern? Schlagen wir Wasser dcS Trostes, des Lebensmutes ans dem Felsgestein des GottcSglanbcns? Haben wir den großen Glauben, der die Seele vom Schmerz befreit, der die schrillen Mißklänge des Lebens in Harmonien austönen läßt, der uns sprechen läßt, wie er unsre frommen Väter aus gläubig frommem Herzen sprechen ließ: „WaS Gott tut, ist «ohlgetan?" Sind wir liberalen Juden Gottsucher in dem Stnue, wie die Psalmisten Gott gesucht und gesundes haben? Haben wir die tiefe innere Gläubigkeit, da- Gefühl unauflöslicher Verbundenheit mit Gott? Dawäre ein Bekenntnis, würdig dieser großen Versammlung, wenn wir in dieser gotteutfremdete» Welt wieder wahrhaft um unseres BätergotteS Fahnen uns scharten, wenn wir inmitten dieser im Grunde wieder heidnisch gewordenen Welt die Zeugen des lebendigen GotteS würde«. Aber auch mit dem wahrhaften Bekenntnis zu dem ethischen Monotheismus, der zum Schlagwort des liberalen Judentums geworden ist, erschöpft sich unsre Aufgabe nicht. Wir sind eine geschichtsverbunbene Gemeinschaft. Bier Jahrtausende Weltgeschichte haben uns unsre eigenartige Individualität ausgeprägt. Wir sind Träger eines in klassische Form gegossenen historischen Erbes. Der religiöse Genius unsres Volkes hat das ganze Leben des Menschen mit Religion in Verbindung gebracht, um ihn immer wieder an seine sittliche Lebensaufgabe zu erinnern und in sein Alltagsleben Momente der Ruhe und Selbstbesinnung zu bringen, die das Familienleben heiligen, dem jüdischen Haus seine eigentümliche Weihe und Stimmung geben und das Band der Glaubensgemeinschaft festigen, die Glaubenstreue stärken und ein edles jüdisches Selbstbewußtsein wachrufen. Nicht als Bettler sind wir in die moderne Kultur eingetreten, sondern als Besitzer und Bewahrer uralter, eigenartiger Religiosität, die wir erhalten haben und die uns erhalten hat. Wir haben nicht nur eine Religion, sondern wir sind eine religiöse Gemeinschaft, llnd so müssen wir bewußt jüdisches Leben in Gemeinde, Gotteshaus, Familie wie im persönlichen Leben — bei aller Ablehnung juristischer Bindungen — auch als Forderung liberalen Judentums aufrecht erhalten. Nur wenn wir Ernst machen mit Religion, wenn wir unser Leben in neue Gottestiesen tauchen und unfern matten, blutleer gewordenen jüdischen Menschen von heute den großen Stil und die heroische Kraft der Religion wiederzugewinnen verstehen, wird ein neuer Frühling unserm Judentum blühen. AnS der großen Versammlung, die vor 2400 Jahren Esra und Nehemia beriefen, ging die welthistorische Erneuerung des Judentums hervor. Möge aus der großen Versammlung, die wir zu eröffnen im Begriffe stehen, eine ähnliche kraftvolle, in Stille sich auswirkende Erneuerung des Judentums ihren Ausgang nehmen! Bibeloffenbarung und Dibelkriiik. Von Rabbiner Dr. Wiener-Berlin. Das Problem des Liberalismus in der Religion kann nicht gestellt noch weniger beantwortet werden, ohne daß man Zilvor über das Problem der Religion überhaupt sich Klarheit verschafft. Das Problem ist eine Frage, im eigentlichen Sinne des Worts — eine Frage. Wie ist Religion in ihrer ganzen Unheimlichkeit, in ihrer so gänzlich von allem sonstigen Erleben der Seele verschiedenen Art möglich? Sie bedarf immer des Eindringens eines Jenseitigen in die irdische Sphäre, der Osfenbarnug deö Göttlichen, das nicht ergründet, nickst. erklügelt, nicht ausgerechnet werden kann, sondern das sich selbst dem Menschen darbietcn, ihm schenken mutz. In den Erfahrungen der Propheten schien der Vorwelt diejes Kommen GotteS zu den Menschen seinen gewissesten und sichersten Ausdruck zu finden. Aber diese naturgemäß nur in innerer Ergriffenheit zu erfahrene Offenbarung wurde als heiliges Buch, in das sie eingezeichnet war, zu etwas anderem, zum Bericht über die Offenbarung. An diesem Punkte scheiden sich die Wege zwischen Liberalismus und Orthodoxie, oder besser gesagt: Traditionalismus. Während dieser letztere — man möchte sagen seit dem Deuteronomium — den Glauben an die literarisch fixierte Offenbarung darstellt, die Kristallisation, das eigentlich nur in blutvoll lebendiger Erleuchtung erfahrbaren Wortes Gottes, muß inan daran festhatten, daß Religion nur in der unmittelbaren Gegenwärtigkeit des Göttlichen in uns besteht. Wichtiger als diese, schließlich sie fast in den Hintergrund drängend, wurde aber das zur Heiligen Schrift mehr und mehr sich verfestigende Wort Gottes. Keine ReligionSanschaunng hat einen Sinn, die nicht au einem unmittelbaren Jnnewerdcn des Göttlichen in der Menschenseele festhält. Doch der Glaube daran, das; alle literarischen Zufälligkeiten und Schicksalssügungen, die einem Buche zuteil werden können, ebenfalls und für alle Ewigkeit Offenbarung sind, trennt die liberale Auffassung von der des unbedingten Ueberlieferungsglanbens. Dessen Freiheit besteht lediglich in der nach bestimmten — wiederum als Offenbarung gedachten — Auslegungsregeln interpretierten UeberUcferuug. Wir verkennen nicht die ungeheure Gefahr, die in dem Subjektivismus besteht, die der Liberalismus notwendigerweise mit sich führt. Sie muß hingcnvmmen werden, denn cS ist für unser Bewußtsein unmöglich, die Gesamtheit der Tradition als göttliche Offenbarung anzuerkennen. Wir müssen uns das Recht zuerkenncn, ausznwählen und zu bestimmen, was den Grundideen dcS religiösen Geistes jüdischer Prägung entspricht. Aber gerade diese so gefährliche Freiheit macht es für uns praktisch zur absoluten Notwendigkeit, die Gemeinschaft der Träger der jüdischen Idee zu betonen und in der Arbeit für die Erhaltung dies« Gemeinschaft ein gut Stück praktischer Relchiofttüt zu sehen. Unter diesem Gesichtspunkte betrachte ich auch die Arbeit in dem Lande an der Grenze ^*Atcht*enße»wolle»ber Beifall folgte den tiefgründigen und doch so schlicht geformten Darlegungen Dr. Wieners, die selbst de» der deutschen Sprache wenig kundigen Hörern verstündlich waren. > Wk wirkt sich der Liberalismus am beste« in den Gemeinden aus? Bon Justizrat Dr. Blau- Frankfurt a. M. Herr Justizrat Dr. Blau-Frankfurt, a. M., einer der deutschen Vertreter für die Londoner Weltkonferenz, war leider durch eine auf der Reise eingetretene Erkrankung seiner Gattin verhindert, am Kongreß teilzunehmen. Er hat uns liebenswürdigerweise die Ausführungen fixiert, die er in London voxzutragen beabsichtigte. Die Frage: „Wie wirkt sich der Liberalismus am besten in den Gemeinden aus?" oder mit anderen Worten: „Wie wird der religiöse Liberalismus in den Gemeinden gefördert?" läßt sich nicht für alle Länder einheitlich beantworten, weil der Einfluß der einzelnen auf die Berwaltung und Führung der Geschäfte der Gemeinde in den verschiedenen Ländern nicht der gleiche ist. Wenn z. B. in einem Lande eine gesetzlich eingerichtete Hierarchie besteht, die ihre Anschauungen auch gegenüber einer andersdenkenden Majorität durchzufetzen imstande ist» so wird in diesem eine liberale Majorität weniger leisten können als in einem Lande, in dem der Staat sich um die Religionsausübung nur so weit kümmert, alS durch sie die äußere Ordnung nicht gestört wird, die Religionsausübung vielmehr der Privatinitiative der einzelnen oder der von ihnen gebildeten KnltuSvereinigungen überlätzt. Ja, selbst für alle Gemeinden' ein und desselben Landes, auch wenn die Religionsausübung in ihm, frei non jeder staatlichen Beeinflussung, von den Religionsgenossen selber geordnet wird, ist die Frage nach der bestmöglichen Auswirkung des Liberalismus nicht einheitlich zu beantworten, weil die größere oder geringere Auswirkungsmöglichkeit und Durchschlagskraft des liberalen Gedankens stark von der Finanzkrast der Gemeinde einerseits und von der Zahl der Anhänger der verschiedenen religiösen Richtungen andererseits abhängig ist. Läßt sich die oben gestellte Frage demnach für jedes Land, ja oft auch für jede Gemeinde nur gesondert beantworten, so könnte doch die Entwicklung, die der Liberalismus in den verschiedenen Gegenden genommen hat, gewisse feststehende Grundlinien gezeitigt haben, die, wo auch immer der Liberalismus nach Verwirklichung seiner Grundsätze ringt, eingehalten werden müssen. Das ist m. E. in der Tat der Fall. Ich glaube — und kann mich in dieser Beziehung auf keinen geringeren als Abraham Geiger berufen —, daß „eine gedeihlichere Reform nur innerhalb der Gesamtgemcinde vollzogen, nicht aber in Separatgemeindcn, die sich von der Hauptschar getrennt, bewirkt werden kann und soll". lSiehc Ludwig Geiger: Abraham Geigers Leben und Lebenswerk Seite 16.) Das Zeugnis Abraham Geigers ist um so wertvoller, als dieser zu Beginn seiner reformatorischen Laufbahn ganz an-, dcrs gedacht und, um die Pflege freier Gesinnung möglich zu machen, die gebildeten und freisinnigen Elemente zu einer Spaltung, zu einer Loslösung von den „Zurückgebliebenen" zu veranlassen gesucht hat. Ein Blick auf die Entwicklung des religiös-jüdischen Liberalismus in Deutschland die Richtigkeit meiner Ansicht wenigstens für DeutsHlkMm: aufs schlagendste. Die liberalen Synagogen in Deutschland sind fast ausnahmslos Gemeindesynagogen, die liberalen Vereine Ge- . meindevereine. Was der Liberalismus an Verwirklichung seiner Forderungen erlangt, hat er innerhalb der Gemeinden und durch die Gemeinden erlangt, und er wird — das darf man ruhig annehmen — seine Forderungen auch in der Zuknnft durchsetzen, wenn sie sich bewegen innerhalb der Grenzen, die die Einheit der Gemeinde, das Verbundensetn von Liberalen und Orthodoxen in der Gemeinde vorschreiben und — das Festhalten an der Idee der Einheit des Judentums, b. h. an der Idee, daß Liberalismus und Orthodoxie nicht in der „Konfession" verschieden, sondern daß sie im sogenannten „Jkkor" gleich sind, daß ihre Verschiedenheit im wesentlichen auf der Verschiedenheit der Anschauungen über die unabänderliche Verbindlichkeit des sogenannten Religionsgesetzes in der Gegenwart beruht. Allerdings legt diese Verbundenheit und dieses Festhalten : dem Liberalismus gewisse Verpflichtungen und Beschränkungen auf. Als eine solche Verpflichtung z. B. erscheint es mir, den mit den Liberalen in einer Gemeinde vereinigten Konservativen, soweit es die Finanzen der Gemeinde nur *) Anm.: Der Vorsitzende hatte von vornherein Besprechungen und Diskussionen, über Palästinafragen ausgeschlossen. An den Mond Nicht die Sonne mit ihrem goldenen Lachen, Nicht der Sterne helläugig Erwachen, Nur der sauste, sinnende Mond Ladet lächelnd zu höheren, himmlischen Firnen, Zärtliche Milde gießend ans rnhlose Stirnen: Siehe, wie oben der Friede wohnt. Brennst den Blick, Sonne, das; er sich flimmernd muß wenden; Kalte Sterne irren suchend mit zuckenden Händen. Nur die Gottcsampel am Nachthorizont Weist stille Wege ans lautem Flitter und Glimmer, Ruhig erhaben; erhebender Hoffnungsschimmer — Tein"Licht versöhnt, gütiger Mond. Ella van C l e c s. Debora und Hanna. Eine Skizze von Gehcimral Ed. König in Bonn. Tie nördlichen Kanaaniter, die von Israel unter Josuas Führung auss Hanpt geschlagen worden waren, strebten trotzdem in der Zeit der Richter wieder nach der Oberherrschaft über die fruchtbaren und landschaftlich schönen Gegenden am Galiläischen Meere, am Berge Tabor, in der Ebene Jesscd, am Bache Kison, am Karmelgebirge und weiter südwärts. Ein schlachtenkundiger Feldherr namens Sissera stand damals an der Spitze der pordkanaanitischen Scharen, und erschütternd hallte das Dröhnen durch die Luft, mit dem die Rosse ihrer gefürchteten Streitwagen aus den nördlichen Berggegenden in die ebenen Gefilde am Kison hcrcingaloppierten, wie eS in dem anerkannt alten Liede heißt: „Da rasselten der Pferde Füße" lRicht. 8.22). < Damals aber brannte das Licht der wahren Religion Israels am hellsten in einer Frauenseele. Debora hietz sie, übrigens keine Tempeldieneriu (1. Sam. 2,22», sondern Eheweib des Lapidoth. Mit der lodernden Fackel ihrer Begeisterung für Jehova, den „ewigen" Gott, und für die Freiheit seines Volkes entzündete sic das tapfere Her.; Baracks, eines kriegsgeübten Helden vom Stamme Naphtali, dessen Gebiet zu den damals am meisten bedrängten Teilen des israelitischen Landes gehörte. Ein echtes Vorbild der Jungfrau von Orleans schon fast dreitausend Jahre vor ihr, zog Debora — wenn auch nur als Beraterin — mit in den Krieg. Sie erlebte das Glück, die Streiter ihres Volkes ans der Wahlstatt am Kison mit Gottes Hilfe triumphieren zu sehen, und feierte die gnädige Bewahrung vor dem drohenden Joche der Knechtschaft in jenem kraftvollen Liede, das gewiß mit Recht ihren Namen trägt und das fünfte Kapitel des RichterbuchcS bildet. Mit den Worten „Lobet den Herrn, daß Israel wieder frei geworden, und das Volk willig dazu gewesen ist!" beginnt dieser Trinmphgesang, und die Worte, in die es ansklingt, lauten: „Also müssen umkommen, HErr, alle deine Feinde! Die ihn aber lieb haben, müssen sein, wie die Sonne ansgchet in ihrer Macht." Religiöser Glaube und vaterländische Begeisterung waren die beiden Flammen, die das Leben Deboras dnrchleuchteten. Beide Flammen aber sprühten bei ihr aus einem geheimnisvollen Brennpunkt hervor. Dies war der Wiederschein der lichten Glut, in welcher jener Dornbusch vor Mose brannte und nicht verbrannte. Solcher außerordentlichen Erfahrungen gewürdigt, war Debora eine Prophetin, eine Dolmetscherin des göttlichen Geistes. Wie völlig wird also schon dnrch den Hinweis auf Debora die Behauptung eines Neueren iDelitzsch in „Babel und Bibel" II) widerlegt, datz die Kultur des Volkes Israel in bezug auf Frauen hinter der Kultur Babyloniens zurückgeblieben sei. Babylonische Frauen, so sagt dieser Schriftsteller, würden in der Keilschriftliteratnr erwähnt, die ihren Sessel sich in das Heiligtum eines Gottes hätten tragen lassen. Aber den Frauen Israels soll nach seiner Behauptung die Teilnahme am Gottesdienst versagt gewesen sein. Er hat dabei sich nicht an Debora und nickt an die „Prophetin" Mirjam erinnert, welche bei der Huldigung, die Israel nach der Errettung aus der ägyptischen Knechtschaft Gott darbrachte, die Vorsängerin war (2. Mos. 15,21). Aber die Hauptsache ist, datz jener moderne Beurteiler der israelitischen Kultur bei der Heruntersetznng der Frauenrechtc Altisraels auch Hanna vergessen hat. Hanna wurde ja nicht nur von ihrem Manne Elkana jährlich zum Opferfcste mit nach Silo, dem Orte der Stiftshütte, genommen und nahm dort an der Opfcrmahlzeit teil. Nein, sie ging auch selbständig zum Hause des HErrn hinein und schüttete die Betrübnis ihres Herzens vor ihrem Gotte aus (1. Sam. 1,5 ff.). Sie gelobte auch ihren Sohn dem speziellen Dienste Gottes und wurde so die Mutter des Propheten Samuel. Auch dadurch hat sie mittelbar zur Verteidigung der wahren Religion und der Freiheit ihres Volkes bcigctragen. Denn um diese beiden Güter Israels stand cs damals sehr schlimm. Die religiöse Treue nnd die sittliche Lauterkeit waren sogar in der Familie des Hohepricsters Eli sehr gesunken, nnd die nationale Unabhängigkeit Israels wurde dnrch die Philister von Südwesten her bedrängt. Bei diesem Tiefpunkt der religiösen und politischen Entwicklung Israels trat aber Samuel hervor und entrollte die Fahne des Enthusiasmus zugleich für die wahre Religion und zugleich für die nationale Freiheit seines Volkes. Wie wird Hann a, wenn sie noch lebte, innerlich gejubelt haben, als der grundlegende Sieg bei Mizpa erfochten worden mar, zu dessen Gedächtnis das Denkmal mit der Aufschrift „Eben Ezer" (Bis hierher hat der Ewige geholfen) errichtet wurde (1. Sam. 7,12). Wie wird sie sich gefreut haben, als durch diese Tat Samuels ihre kühnsten Hoffnungen für ihren Sohn und ihr Volk durch die Wirklichkeit weit übertroffen waren! Darum sei gegrüßt mir, Hanna, du Prophetenmutter, wie Debora, die Prophetin des HErrn! Möge eure Tugend vielen ins Herz leuchten und ihre Gedanken auswärts zu Gott lenken! >

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.