Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 30 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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So ist nun einmal der Mensch. Seit Urbeginn widerstrebte ihm der Gedanke an eine gänzliche Vernichtung. Die Empfindung seiner höheren Natur gab ihm die Zuversicht auf die Unsterblichkeit, und — „noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf" und läßt sie sich, aller materialistischen Natursorschung und allem Skeptizismus zum Trotz, nicht rauben. Wenn Klopstock von des Dichters Unsterblichkeit singt, sie sei ein hehrer Gedanke und des Schweißes der Edlen wert, so wird auch in den Herzen vieler anderer Menschen die Idee der Unsterblichkeit der Seele nie zum Erlöschen kommen. Bücherschau Loren Kierkegaard: Der Begriff des Auserwähltcn. lieber- Setzung und Nachwort von Theodor Haeckcr. 2. Aufl. 1926. Bremcrverlag, Innsbruck, 421 8., brosoh. 9 M. Drei sonst zerstreut abgedruckte Arbeiten Kierkegaards sind hier unter einem vom Übersetzer selbst gewählten Gesamttitel, ..Der Begriff des Auserwähltcn“. zusammengefaßt. Dieser Titel ist glücklich gewählt und weist gleich darauf, daß hier das Schicksal und die Problemwelt dessen beschrieben ist, der als Einzelner durch innere Überzeugung Ti ege gehen muß, die ihn notwendig in Widerspruch mit der Gemeinschaft bringen. Der Schaffende steht auf einer Linie mit dem Verbrecher: beide durchbrechen die Konvention. Erst eine spätere Generation kann die Neuschöpfung würdigen. der Zeitgenosse sieht zunächst nur die Verneinung. Dieser tragische Knoten, den der Jesaja von 53,4 zum erstenmal dem Gewissen der Menschheit vorgezeichnet hat, ist durch keinerlei Einrichtung zu umgehen. Niemand hat schuld, wer erwählt ist, muß es tragen. An dieser Stelle sind die Ausfälle Kierkegaards gegen die Wehleidigkeit eines wissen Typus von Projektemachern und schwatzenden eformatoren, die es sich allzu leicht machen wollen, sehr zeitgemäß. Wer so laut und zornig von der Schuld des Staates, der Gemeinschaft, der Andern schreit, der hat sicher nichts zu bringen. Der wahrhaft Schaffende weiß es, daß er allein ist, und er weiß es, daß sie. denen er das Neue bringen soll, ihm nicht helfen können. Die Liebe, die tief ist, geht diesen leidvollen Weg ohne Anklage. Die seelische .Situation dessen, der ein „Auserwählter“ ist, ist in dem Buche ausführlich beschrieben. Die feinen Nüancierungen zwischen den einzelnen Berufungserlebnissen (Offenbarung, Erweckung, Begeisterung, Errettung) sind Meisterstücke einer synthetischen Religionspsychologie. — Das Nachwort des Übersetzers, eine fast 100 Druckseiten starke, tiefschürfende, mit der jüngsten Philosophie und Theologie abrechnende Abhandlung, zieht die Verbindungslinien von Kierkegaard zur eigenen Stunde. Es ist die Zeit des letzten Stadiums im Weltkrieg, der damals bereits beim U-Bootkrieg und den Gaskämpfen angelangt war. Das erklärt viele Härten. Vor allem die gegen die staatsbejahende Religiosität des Protestantismus. Sicher ist ferner das gegen Troeltsch und Harnack Gesagte in vielem berechtigt, soweit es aber den Protestantismus als Ganzes treffen soll, ist es unberechtigt, da dieser neben den genannten Männern auch eine so andersartige Erscheinung wie Rudolf Otto in seiner Mitte hat. Und schließlich ist das Werk Schelers, den Haecker doch anerkennend nennt, nur innerhalb der philosophischem Tradition der deutschen Universitäten möglich, die doch selbst in der protestantischen Kultur fest verwurzelt sind und diese voraussetzen. Zum Schluß noch etwas Sonderbares, das sich in diesem sicher wertvollen Essay findet, und zwar in folgendem Zusammenhang: Haeckcr widerspricht von Kierkegaard her der Vorstellung Dostojewskis, der meinte, daß die Gotteserkenntnis aus den Tiefen der Volksseele aufsteige. Das ist nicht richtig, betont Haecker. Immer ist es ein Einzelner, der erwählt ist, und der der Träger der Offenbarung ist. Ein auserwähltes Volk iin Sinne der Natur gibt es nicht. Oder vielmehr nicht mehr, bemerkt Haecker einschränkend. Die Juden nämlich waren erwählt, und daß sie nicht untergingen unter Bedingungen, unter denen ein anderes Volk kaum 100 Jahre weitergelebt hätte, hat nicht einen naturhaften Grund, sondern er ist zu suchen in ihrer religiösen Tradition und den daraus entspringenden geistigen Kräften. Diese geistigen Kräfte sieht aber Haecker in der jüdischen Geschichte insofern, als sic den Rahmen für den irdischen Weg Christi abgegeben habe. Aber gerade deshalb, fährt Heacker fort, werden die Juden nicht um diese eine Frage herumkommen: „Ist Christus der Messias gewesen oder nicht?“ Alles andere, welche Lösung der Judfcnfrage auch immer, sei Ausflucht. Nun, diese Frage, deren Antwort uns längst evident ist, beantworten zum Beispiel auch innerhalb der protestantischen Kirche schon sehr viele in unserm (jüdischen) Sinne, indem sie die Überpersönlichkeit Christi preisgeben und nicht besorgt sind, in der Tatsache der Geschichtlichkeit des Leben Christi eine Gefahr für den Glauben zu sehen. Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum - Bingen a. Rh. Martin Buber. Sein Gang in die Wirklichkeit von Wilhelm MicheL Literarische Anstalt Kütten und Loening, Frankfurt a. M. 1926. Brosch. 48 Seiten. Martin Bubers geistiger Weg als „beispielhafte Verdeutlichung eines allgemeinen Geschehens der Zeit“! Buber als Paradigma für den „Gang des Zeitalters in die Wirklichkeit“! In seiner bekannten tiefschürfenden und feinsinnigen Art läßt Wilhelm Michel an uns die geistige Persönlichkeit Bubers vorüberziehen. Seine Anfänge in dem geistigen „Abseits der Mystik“, der entschlossenen, wenn auch nur halb bewußten Abkehr aus geistiger Verflachung und naturalistischer Realität. Aber das L’art pour l’art - Prinzip rächt sich, die verlassene Wirklichkeit drängt sich auf und aus allen Bitternissen der Erfahrung wächst die Erkenntnis der unlösbaren Beziehung zwischen Geist und Stoff, Seele und Leib, die moderne Anschauung von dem umfassend Lebendigen. Der Schrifisteiler, gleichsam der Seismograph, der empfindlichste Ankündiger geistiger Strömungen, ist Sprachrohr des Zeitwerdens. Und Buber, derjenige, der nach Michels Ansicht der Betroffenste ist, weil Angeriihrleste, Empfindlichste, Ernstmachcndsle, Gehorsamste, Hingegebenste, verkörpert in Leben und Werk am klarsten den Weg der Wandlung. Sein Stil und seine Sprache, innerlich leuchtend und künstlerisch durchglüht, anfangs noch in den chassidisctien Geschichten etwas kunstmäßig und abseits gewollt, gewinnt immer höhere Nüchternheit und Leben. Sein Werk, er spricht es einmal aus, ist immer weniger Anschauung und Schilderung, sondern gelernte Lehre und selbsibeschrittcner Weg. Und das ist der entscheidende Schritt in die Wirklichkeit. Wirklich ist auch die Mystik des Chassidismus, die frei von jedem Begriff, fern von jeder Idee, das Göttliche verlebendigt und schlicht ins Leben des Alltags hineinzieht. Das Leben wird zum Dienste verklärt, die Verborgenheit in Reih' und Glied zum heiligen Werk. Auch Sünde ist notwendiger Bestandteil dieses Daseins, heiligungsfähig und goltentstammt. Die Gott-Mensch-Beziehung wird zum Schlichtesten, zum Ich und Du, die mystische Einheit, die noch Rauschempiindung ist. von der realen Tatsächlichkeit des Weltengegensatzes überwunden. Der Weg vom Ich zu Gott geht durch die Welt, die kein abseitiges, unheiliges Es ist. Wesentlich ist die Beziehung, des „gelassenen Sich-immer-wieder-Entscheiden zum rechten Tun“. Gott ist Sein, Mensch das Werden, Tun sein Weg. Dieser Weg zum Tun, zur Wirklichkeit, den Buber geschritten ist, bedeutet nach Michel den entscheidenden Schritt des gesamten deutschen Geisteslebens in allen Wissenschaften, geistigen und praktischen Tätigkeiten. Daß Buber als Jude zu Juden spricht, hindert nicht seine Verbundenheit, seine Führerrolle im deutschen Geistgeschehen. Wir freuen uns der Unvoreingenomnienheit, mit der ein Christ — der sogar sein Christentum nicht verleugnen kann, denn er spricht einmal von dem Schritt, den das Christentum über das Judentum hinausgetan hat, ohne zu spüren, wie er damit seinem ganzen Buch widerspricht —, das Werk des Juden zu würdigen vermag. Wir nehmen das Paradoxe gern zur Kenntnis, das uns in unserer deutschjüdischen Anschauung bestärkt, daß selbst der Zionist, der Orientale, als den Buber sich fühlt, der motorische Mensch, so eingetan ist in seine sensorische, deutsch-europäische Umgebung, daß er zum Prototyp des deutschen Geisteslebens erlesen und als einer der „entscheidenden deutschen Sprecher der Zeit“ hingestellt wird. Dr. Erwin Seligmannl, Frankfurt a. M. Eisenstädter Forschungen. Hrrausgegeben von Sändor Wolf. Band I. Die Grabschriften des alten Judenfriedhofes in Eisenstadt. — Band II. Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt. Beide bearbeitet von Dr. Bernhard Wachstein. Wien und Leipzig. Wilhelm Braumüller. 1922—1926. 8°. Während die jüdischen Grabschriften aus Wiener Neustadt von D. Kaufmann, die aus Adelt von H. P. Chajes, die von Italien durch Ascoli und H. Graetz, die aus Prag von S. Hock, die aus Frankfurt a. M. durch M. Horowitz bearbeitet wurden, hat Bernhard Wachstein uns die „Hebräischen Grabsteine aus dem XIII.—XV. Jahrhundert in Wien und Umgebung“ und die „Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien 1570—1783“ in mustergültiger Weise geboten. Dieser letzteren Publikation reiht sich in würdiger Weise sein neuestes Werk an. Der erste Band enthält den einen Teil des Rohstoffes, nämlich die Grabsteine, die zum Teil in photographischer Wiedergabe den Band schmücken. Von der Mühe, aie auch nur die Lesung der Inschriften macht, kann sich der Außenstehende keine Vorstellung machen. Daß mehr als zwei Jahrhunderte schon an dem Material der Grabsteine ihre verheerende Wirkung ausgeübt haben, ist ja eigentlich selbstverständlich. Wenn man sodann ferner bedenkt, daß die Inschriften, soweit sie erhalten sind, gleichfalls durch die Zeit zum Teil ganz unlesbar, zum Teil schwer lesbar geworden sind, so kann man zu der Ausdauer, Geschicklichkeit, dem Scharfsinn und der Gelehrsamkeit Wachsteins nur mit scheuer Distanz auf blicken. Auf Grund eines mit solcher Mühe gewonnenen Materials, zu dem im zweiten Teile die Urkunden hinzutreten, entwickelt uns der Verfasser ein höchst lehrreiches und anziehendes, bis jetzt wenig gekanntes Bild des Lebens dieser Sieben Gemeinden, natürlich in erster Linie von Eisenstadt selbst. Wir erfahren aus Protokollen, Entscheidungen, Verordnungen, wie sich das geistige und materielle Leben der Bewohner dieser Zeit gestaltet hat. Die Anfänge der Eisenstädter Judengemeinde reichen bis in das 14. Jahrhundert zurück, und wenn sie auch seither mannigfache Schicksale erlebt, eine geraume Zeit sogar zu existieren aufhörte, seit 1670 erfreute sie sich eines ununterbrochenen ruhigen Daseins als einer Insel im Meere. Es fehlt uns leider der Raum, an dieser Stelle einzeln diese kulturhistorisch außerordentlich interessanten Sittenschilderungen wiederzugeben. Für das nicht nur in seinen Einzelheiten, sondern auch in seinen Ergebnissen so überaus anziehende Gesamtbild, das Wachstein aus den zahllosen Mosaiksteinen entrollt, muß ihm jeder Kulturhistoriker seinen aufrichtigen Dank zollen. Die Ausstattung des ganzen Werkes (zwei stattliche Bände) ist vornehm. Dank der Munifiszenz eines einzigen Mannes, Sändor Wolf, der selbst Forscher aus Liebe zur Wissenschaft und zu seiner Vaterstadt Eisenstadt die sehr ansehnlichen Mittel zur Verfügung gestellt hat. Solche Mäzene sind geradezu in unsere heutigen Zeit — Amerika ausgenommen — überaus selten und es ist der Dankbarkeit Pflicht, solches an dieser Stelle besonders hervorzuheben. Hofrat Dr. Michael Holzmann. Der tote Jude. (Forts.) Von Doris Wittner. Nachdruck verboten. — Copyright by Grethlein & Co., G. m. b. H.f Leipz!^-. „Nur Ruhe, Ruhe, Kindchen! Wie habt Ihr Euch aber auch so verirren können oder verführen lassen von dem, den unsere Leut' allzumal .eine neue Gottesgeißel’ nennen? Daß Ihr nicht in Häusern wie meine .Goldene Kugel' gehört, das fühlt doch ein Blinder mit dem Stock. Und seltsame Gründe müssen es sein, die Euern hochmögenden Freund und Liebhaber — denn hochangesehen und mächtig ist er, das wissen selbst die, die - ihm am liebsten einen guten Stahl zwischen die Rippen setzen und damit ein für allemal kaltmachen möchten, weil er ihnen unbarmherzig die Kehle zupreßt — seltsame Gründe, die Euern „Freund", sage ich, dazu veranlassen, Euch in die schlechtesten und verworfensten Häuser der Judenheit zu führen, Euch, die Feine, Reine, die Scheue und Empfindsame, die Tochter aus großem Haus, wie man leichthin erkennen mag. Aber, sei's drum! Ihr braucht deswegen nicht am Leben selbst zu verzweifeln. Werdet Ihr die Gesichter der Nacht doch ehestens vergessen haben in all dem Glanz und dem Schimmer, wohin Ihr gehört und wohin Eure Route auch sicherlich — wenn auch auf eigenartigen Umwegen — dereinst führen wird.“ Und die schwere, schmalzige Frau hatte Judiths zarte, weiße Prinzessinnenfinger in ihre großen, verarbeiteten Pratzen gelegt. Und siehe, das Unerhörte, nie zu Begreifende war Tatsache geworden. Judith, deren Haut in Ekel zusammenschauerte vor den Umgebungen, denen David ben Sonnino sie auf dieser Reise (um der Heimlichkeit ihrer Liebe willen, wie er heuchlerisch versicherte) einmal um das andere aussetzte, war vor dem schlichten Wort dieser schlichten (und im Alltag vielleicht auch häufig genug schlechten) Herbergsmutter in die Knie gesunken und zusammengebrochen, als vor dem ersten gütigen, sich ihrer erbarmenden Menschenwort, das sie seit ihrer schimpflichen Abreise aus dem Hause Sontheimer vernommen hatte. Zum ersten Male seit dem Abend der Flucht war die Wohltat der Tränen über sie gekommen, und sie dachte bei sich: Mochte dieses fremde, widerliche, schmutzige Weib in seinem Alltag sein, was es wollte, ihr, der verlassenen, in die Irre gegangenen Judith Pereira war es die erste Menschengüte, ja, mehr als das: die erste Gemeinsamkeit von Frau zu Frau gewesen, die ihr auf der Straße der Leiden entgegengetreten war. Und sie legte ihren schönen, gepflegten, wohlduftenden Mädchenr köpf in den mächtigen Schoß der großen, ihr so entgegengesetzten schmutzstarrenden Matrone, und schluchzte sich zum erstenmal auf dieser entsetzlichen Reise fassungslos, hemmungslos aus. Bis Sonnino, dem die Abwesenheit seiner Braut im Gastzimmer aufgefallen war, jählings eindrang in den Raum, wo zwei Frauen von den entgegengesetzten Polen der Menschheit sich dank ihrem Frauentum fanden, zürnend eindrang und die haltlose Judith mit brutalem Griffe emporriß aus der ihr wohltuenden Umarmung. Aber da kam er schlecht an. Die Wirtin zur „Goldenen Kugel" wußte, wie man mit Hochstaplern und Glücksrittern, mochten sie niedrigster Abkunft oder höchster Stellung in diesem Narrenhause — Welt — sein, umzuspringen hatte. Darum hub sie auch kaltblütig an: „Laßt nur, fein’s Herrchen, die junge Frau oder Fräulein — Ihr wißt's ja* am besten, bei uns nimmt man’s mit dem Personenstand eh' nicht so genau — braucht augenblicklich ein wenig Ruhe. Insbesondere aber vor Mannsbesorgnis oder gar Männerzärtlichkeit. Geht nur wieder hinein zu den säubern Kumpanen, mit denen Ihr wohl dieses oder jenes Geschäftchen abzuhandeln haben dürftet. Ich werde mich des Kindchens heute Nacht selbst annehmen. Da tun Frauenbünde not. Und wenn ich mich auch nicht vermesse und nicht höher hinaus will, als mir zukommt, sondern genau weiß, daß ich ein schmutziges, verlästertes, von Gott und all seinen Engeln verlassenes Frauenzimmer bin, so weiß ich doch auch, daß auch daran nur Ihr verdammten Mannsbilder schuld seid. Und darum weiß ich. was so einem fein säuberlichen Geschöpfchen, wie diesem da, aus eitel Seide und Sammet gesponnen, not tut. Weiß der Teufel, wie diese zarte, holdselige Menschenblüte justament in Eure Mannsfäuste geraten ist, Aber das schwöre ich Euch, so wahr Ihr die Wirtin zur „Goldenen Kugel“ kennt: heute nacht wird sie in in einer Bettlade ruhen wie in Abrahams Schoß. Und das beste Stück geschmuggeltes holländisches Linnen werde ich herfürzienen, damit sich die Feine und Reine, die Schlanke und Ranke nicht zu ekeln und fürchten braucht. Und solltet Ihr versuchen wollen, Euch etwa mit Gewalt den Eintritt in meine Schlafkammer, allwo heute Euer Feinsliebchen unter meinem Schutze ruhen wird, zu erzwingen, so mache ich Euch im voraus darauf aufmerksam; Ihr kennt die Riegel und Bohlen, mit denen man Unrechtes Gut "or unbefugten Augen in diesem Hause zu schützen weiß. Und sollte Euch das noch nicht genug sein, Euch abzuschrecken, nun, so werden sich ja wohl ein paar handfeste Kerle zu finden wissen, die schon des öfteren heimliche Juwelen in diesem Hause geschirmt haben. Also, Gott befohlen, Herr, geht zu Euern Zechgenossen zurück, und die Sorge für die weiße, verängstigte Taube hier, die überlasset geruhig mir! Sie wird besser aufgehoben sein als bei Euch und Euresgleichen, Euer Hochgeboren.“ Zähneknirschend, nahezu Schaum vor den kirschroten Verführerlippen, stand der, dem diese geringschätzige Rede gegolten, vor der einfachen Frau aus dem Volke, die kein Blatt vor den Mund nahm. Aber cs schien doch, daß er keine Widerrede wagte, sondern nur in Judiths halb ohnmächtiges Antlitz zischte: „Schlaf in aller drei Teufels Namen, wo immer-dm willst! Mich gelüstet es gerade heute nicht, dem-J3«jtit zu teilen, schneebleiche Madonna du. Aber büßen wirst du's mir noch, daß du dich gemein gemacht hast mit diesem alten Kuppelweib und ihr wunder was für sammetne und seidene Lügen aufgetischt hast. Angenehme Ruhe, meine Damen, und vor allen Dingen, wohlverdiente Träume!" Und die beiden voneinander so grundverschiedenen Frauen blieben allein mitsammen in dem Raum. Sie kamen wohl von den entgegengesetzten Polen der Menschheit, aber immerhin, beide waren Frauen. Wenn auch nicht Schwestern, so doch Leidtragende des gleichen Geschlechts. Die Alte, die der Venezianer in seinem weißgischtenden Zorn ein altes „Kuppelweib" genannt hatte, und die dieser Bezeichnung im Alltag wahrscheinlich auch alle Ehre machte, diese Alte, vom Leben schier zu einer eklen Masse verwahrlosten, schmuddligen und verkommenen Weibcrfleisches zusammengeknetet, diese Alte, in der dem äußeren Anschein nach alle herzlicheren und gütigeren Regungen seit Jahrzehnten — man mochte glauben seit einem Jahrhundert — abgestorben und verdorben sein mußten, bemühte sich, kaum daß die Türe ins Schloß gefallen, um die halbohnmächtige Judith mit einer Zartheit und einem Feingefühl, die jeder geborenen Lady würdig gewesen wäre. Kein zudringliches Wort fiel von ihren Lippen, das Eingang begehrte in das Geheimnis dieses offenkundig vom Schicksal verschlagenen jungen Weibes; keine üble Intimität suchte Brücken zu schlagen von ihr, der vom Leben hartgesottenen, zu jener, die vom Leben überhaupt noch nichts ahnte: vielmehr alles an der großen, robusten, handfesten Frau war im Augenblick abgedämpft zu rein praktischer, aber möglichst geräuschloser Hilfsbereitschaft. Sic hatte Judith zuvörderst in einen großen Lehastuhl gesetzt, nicht ohne vorher ein sauberes Tuch über das Rückenpolster zu breiten, damit des schönen, jungen Weibes duftendes Haar nicht etwa in Berührung käme mit den abgeschabten Gespinsten des Stuhles, die wohl auch ihre mehr oder minder sauberen Geheimnisse hüten mochten. Dann hatte sie vor Judiths Augen aus einem Schrank mit allerlei Geschirr, ein feines, geschliffenes Glas genommen, hatte es aber ebenfalls noch einmal einer gründlichen Reinigung unterzogen, ehe sie eine alte, nicht minder geheimnisträchtige Flasche entkorkte und daraus den kristallenen Becher mit dem edlen Saft eines funkelnden spanischen Weines füllte. Die dreiviertel verschmachtete Judith griff nach dem Glase, ohne zu fragen oder zu danken, und leerte den glühenden Rebensaft auf einen Zug, Dann legte sie die feinen, weißen Hände auf die beiden Lehnen des wurmzerfressenen, morschen Holzes, das einstmals eine Kostbarkeit gewesen sein mochte, und döste, jeder Aufnahmefähigkeit beraubt, stier und starr vor sich hin. (Fortsetzung folgt.) Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu! / i