Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-23 · 30 (23.7.1926) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
30 (23.7.1926)
Date
1926-07-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613871--1883-2619294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

vom Retchöbund jüdischer Frontsoldaten den gefallenen Kameraden unter Anlehnung an -aS Prophetenwort „Auf der Warte stand ich immerfort am Tage, und auf meinem Posten weilte ich alle Nächte" ernste Worte treuen Gedenkens. Mit dem Seelengebet für die Verklärten und dem von Mitgliedern des Reichsbundes jüdischer Front, soldaten gemeinsam gesprochenen Kaödisch erhielt die stimmungsvolle Feier, die auf alle Teilnehmer nachhaltig und ergreifend wirkte, ihren würdigen Abschluß. Aus der Bewegung Frankfurt a. M. (v\ ü d i s ch - l i b c r a l e Jugendge m eins ch a s t.j Am Sonntag, dem 23. Juli, findet eine Wanderung nach Bingen. Schloß Rhcinstetn. RitdeSheim, Aßmannshiusen, gemeinsam mit dem Jugendverein Worms und voraussichtlich auch anderen Jugendvereinen der Umgevung statt. Diele Wanderung, die durch eine der schönsten Gegenden des Rheines führt, dürfte für jeden der Teilnehmer eine schone und eindrucksvolle Fahrt werden. Die Wanderung ist im -Einblick auf das jugendliche Alter ihrer Teilnehmer derart eingerichtet, daß sie nicht mit allzu hohen Kosten verknüpft ist. Evnntagslarte 1. Klasse hin und zurück über Bingen und Rndcsßeini ^.If! M. Wir erwarten, daß alle unsere Freunde sich zahlreich an dieser Wanderung beteiligen werden. ■»»♦»♦»»♦♦♦»»❖♦»♦♦»»»»♦»»♦»»»»»mftft »»»»»ft »»»•»»•»»♦ Spreeksaal »»»♦♦♦♦♦♦»»♦♦»»♦»»»♦ »»»»»»♦»♦»♦»»♦»♦♦♦ Jüdischer Liberalismus und jüdische Nalionalidee. ES ist durchaus an der Zeit, das Verhältnis deS jüdischen Liberalismus zur jüdischen Nationalidec llarzustellen. sowie es überhaupt nackig ist, daß sich der Liberalismus über sich und seine Aufgaben mehr Rechenschaft gibt, als dies gemeinhin bisher der Fall war. Bei den Richtlinien liberaler Rabbiner kann man nicht auf die Dauer ruhig verweilen, um so weniger als der innerste Sinn des Liberalismus geistige Bewegung ist und daher nicht mehr stehen bleiben könine bei irgend etwas, das vor langer Zeit festgesetzt wurde. Und überdies können wir uns nicht mit Reformen im Unterricht und Gottesdienst begnügen. Die Regeneration must schon unfs Gaum gehen. Und dg steht heute, wie überall, bei all den Problemen der Gegenwart int Vordergründe die nationale Idee, uns befragend, wie stehst du zu mir. Die Selbstbestimmung und Selbstbesinnung, in deren Zeichen der Liberalismus wuchs und groß geworden ist, hatten naturgemäß in ihrem Gefolge auch die Selbstbesinnung und Selbstbestimmung der Nationen. Ter innige Zusammenhang liegt ans der Hand. Aber der religiöse Liberalismus, non dem hier allein die Rede sein kann, sieruht aus dem Leben aus dem Geiste tbei der Orthodoxie aus dem Gesetz!, und Religion — hat kein Vaterland. DaS Primäre des Liberalismus lärm also niemals die nationale Idee sein, die seinem Uninersalismns stracks widerspricht und die, soweit sie sich staatlich, politisch'darstellt und unvermeidlich dadurch mit Imperialismus verbunden ist, dem mcssianiichen Ideal direkt zumiderlänft. Das Primäre des Liberalismus kann nur sein die sittliche religiöse Fortentwicklung der Menschheit zu Gott lim. Der jüdische Liberalismus nertritt unbeschwert durch jchuldablösende Mittler Gedanken, die am reinsten den Glauben au das Göttliche im Menschen spiegeln. Und seine Ausgabe ist dementsprechend, der Menschheit in Reinheit vorzuführen, was ihr zugewieien ist: Gott zum Siege zu verhelfen im Kampfe gegen sich aufbänmende Materie, dem Absoluten Geltung zu verschaffen in der Welt der Bedingtheiten. Diese universalistische Ausgabe zur Lebensaufgabe zu gestalten derart, daß alle uns bewegenden Fragen, sei cs bezüglich auf das Verhältnis non Masse und Persönlichkeit oder überhaupt aus die soziale Frage oder ans die Versöhnung der Völker oder aus die Versöhnung der Klassen oder auf den einzig sittlichen Kamps, den Kampf gegen die Macht der Gewohnheit und die Trägheit der Seelen, daß alle diese Fragen vom Standpunkt dieser Lebensaufgabe ins Auge gefaßt und behandelt werden, getaucht in die religiöse Glut unserer Traditionen und neu angcsacht durch das Lebendige, das mit und in unS geworden ist. Dies nun ist eine Mission für die Menschheit — in der Diasvora — durch uns Juden West- und Mitteleuropas, mir dem wir organisch verbunden sind, dem wir trotz allem, trotz Antisemitismus und Zionismus verwurzelt sind. Nicht der Palästina-Aufbau, sondern die genannte Diasporamission allein kann im Vordergründe unseres Wollens und Sollenstehen. Für den Osten, für seine Masten, für seine Schichtung, seine Geschichte, seine Mystik kommt Palästina zweifellos als tröstend sammelndes, halbromantisches, halbrealpolttischeS Ideal in Betracht. Und unsere Verpflichtung den Ostjuden gegenüber als gleichen Stammes und Glaubens verlangt von unS, das Palästina-Werk zu unterstützen, gleichzeitig aber durchaus auch alle kolonialen Bestrebungen anderwärts, die Licht und Luft den Ostjuden zu bringen, Aussicht eröffnen. Aber wir verwahren uns und wehren uns gegen Uebertragung auf uns besten, was für den Osten als gut und als notwendig erscheint. Wir verwahren unS dagegen, auf Grund künstlicher Konstruktionen, gestützt durch Ressentiment-, unS hier entwurzeln zu lassen, palästinensisch werden zu sollen, hebräisch zu sprechen statt die Sprachen unserer Länder. Wir Westler fußen zu tief in der Sprach- und Schicksalsgemeinschaft unserer Vaterländer. DaS PerfönlichkeitS- und Humanitätsideal deS zukünftigen Europas, demokratisch und sozial vertieft, ist unS Eigentum geworden und verbindet sich in glücklicher Synthese mit unserer leuchtenden Gottesmenschheitsidce und unserer optimistisch-heroischen Einstellung zu einem zu erkämpfenden Reich der Gerechtigkeit. So gesehen, steht uns ein Romain Rolland unbedingt näher als ein Chasid. Freilich müssen wir daraus achten, die uns eigene Farbe und Form unserer Gotthettsidee in ihrer Eigenart zu behaupten, weil sie nicht nur dadurch allein als solche erhalten bleiben kann, sondern weil sie erst im wahren Sinne fruchtbringend wird,, wenn deutlich wird, wie wir trotz aller Verwandtschaft auch wieder verschieden sind, selbst vrn einem Kant und selbst von einem Humanitätsideal unserer Klassiker, dadurch, daß unS Puritanismus fremd ist und ebenso die Ueberschätzung der Harmonisierung der Welt, der wir ein herberes Gerechtigkeitöiöeal entgegenzustellen haben. Denn was uns von allen unterscheidet, ist der nüchterne Idealismus, der weder das Leid meidet noch in ihm schwelgt, der diese Wirklichkeit bejaht und iede romantische Schwärmerei ablehnt, diese Welt aber vervollkommnen will und jedes Opfer ohne pathetische Geste ans sich nimmt, wenn es sich darum handelt, diese Welt zu verinnerlichen und zu vergeistigen, aber nicht Opfer auf sich nimmt, nur um Opfer zu bringen, der die Freuden dieses Lebens und seine Leiden bejaht, aber alle Leiden, die beseitigt werden können, beseitigen will, keine Ungerechtigkeit hinnimmt, als sei sie von Gott gegeben, keinen Mittler annimmt, sondern. Sandkorn an Sandkorn reihend, durch Endlichkeiten ohne Ende sich selbst reinigt durch Buße, aber mehr noch durch Arbeit im Dienste für die Menschheit, alles auf tätige LeÜenslenkung hin angelegt, geweiht durch das religiöse Geheimnis. Wir danken dem Zionismus sein Schaffen für den Osten und sein Erwecken zum jüdischen Selbstbewußtscin. aber mir müssen ihn ablehnen aus den genannten Gründen für uns im Westen, wir müssen ihn ablehnen, soweit er staatlichpolitisch ist seiner Nurmclttichkcit halber, soweit er romantisch ist aus unserem Wesen heraus, das wir in obigen Bemerkungen schon mit „nümterner Idealismus" gekennzeichnet haben. Wir erhoffen für den Osten in Palästina eine Zentralsonne. Unsere Zentrale kann nie Palästina werden, sondern das geistige Bereich, das durchströmt wird von einem europäischen Liberalismus, der freilich erst sich geitalten muß, und der imstande sein wird, dem zionistischen Jerusalem Kräfte zu geben und der auch von ihm ihm zusagende Kräfte empfangen wird. Ueber eines aber müssen mir uns vor allem klar sein. Unsere ursprünglich nationale Religion mündet ins Universalistische, ins Menschheitbesreiende und Versöhnende, und nur in dieser Art kann unser Judentum und Europäertnm lebendig und zukünftig sich gestalten und harmonisch sich einen. Andererseits ist kein Zweifel, daß nirgends und nimmer in der Geschichte eine so innige Verbindung von Blut und Geist vorhanden war wie beim Judentum. Sic mar entscheidend für die Entwicklung und wird cs weiter sein. Aber gerade hier ist grundsätzlich und mit allem Nachdruck zu betonen: Nichts liegt dem Menschheit führenden Weg in die Zukunft ferner als das Haftenbleiben am Blut, am Stamm, als die Abhängigkeit von völkischer Sklaverei, von stumpfer Natnrgebundcnheit. Der jüdische Stamm soll nur ein Mittel zum Zweck sein, ausschließlich dazu dienen, das Geistige zu veranschaulichen, aber nicht die Entwicklung zu hemmen und zu vercn.gen, sondern uns den Blick der Welt aufzuzeigen alS die Beauftragten für die Menschheit befrei-- ende Gottesmission. Alles wird davon abhängev, daß der Liberalismus lebendig die hier skizzierten Ausgaben zu gestalten weiß. Dann werden sich Führer der Zukunft und Jugend, die fidi dafür begeistert, ihm zuwenden, also diejenigen, welche jetzt durch die Lockungen eurer leicht faßlichen Nationalidee berauscht und gewonnen sind und welchen die Not der Zeit zu Hilfe gekommen ist, die Not der Zeit, die in Wahrheit nur gemildert und behoben werden kann aus geistigem Weae durch sittlich-religiöse Erneuerung. M a x Krämer- München. Da ist eine Familie, welche die Abendrnhe im Garten zusammen genießen will. Ueberall merkt man, wie mit Gewalt alles in anderer Weise, als cs sonst üblich ist, angeordnet worden ist. Südpflanzen sind fast überall hingestellt. Das Gartenhänschen ist in maurischem Stil gezimmert: die Fontäne mit summarisch ansgesührten orientalischen Ornamenten bedeckt. Die Tischlampe tr«mt einen dunkelrote» Lampenschirm und ist so gestellt, daß sie kaum die Gegenstände beleuchtet, so daß diese ein seltsames Ansehen erhalten. Aber da, wo man am besten alle diese unerklärbare» Dinge suhlt, dieses Heimweh einer tiefen und bitteren Traurigkeit, welches die Maske des gewöhnlichen LebenS dnrchdringt, — das ist da oben, im Anfang des Stadtviertel-, an dem Abhange, nahe am alten jüdisches Friedhof. Die Sonne will untergehen und der ganze Himmel ist Gold und Blut. Dünne, von Flammen bekränzte Wolken erleuchten den Horizont. Schon in Dämmerung gehüllt liegt unten die Wiese Boulina. Am Fuße des Abhängebefindet sich ein kleiner Teich und, wie immer gibt das Wasser dem ganzen Gemälde ein Leben von besonderem Reize. Auf der anderen Seite des Teiches erheben sich hohe Pappeln, schlank wie Cnpresscn, die ganz schwarz zum Himmel und ins Wasser ihre Schatten werfen. Gewaltige graue Steine jüdischer Gräber, von kleinen hebräischen Reliefaufschriften bedeckt, liegen auf diesem Abhang. Und um diese Gräber herum — niemals darauf — sitzen kleine jüdische Gruppen, Frauen. Kinder, Greise. Unbeweglich blicken sie zu dem verschwindenden Tagesgestirn empor: feine letzten Strahlen fallen auf die dunklen Gesichter, die von innen heraus zu leuchten scheinen. Die Augen sind groß geöffnet, der Mund geschlossen. Und je mehr die Sonne untergeht, desto mehr neigen sich die Schatten, bilder nach vorn, als wenn eine unwiderstehliche Kraft sie gegen die weißglühende Kugel zöge. Einen Augenblick noch, und sie würden ihre Hände gegen das untergehende Gestirn ausgestreckt haben. Und wenn die Sonne gänzlich verschwunden ist, wenn für einen Augenblick ein roter, einem flammenden Schwerte gleicher Widerschein sich über den Teich ausbreitet, verbleiben die Juden ebenso unbeweglich. Ihre Augen glänzen traurig und ihr Heimweh wird fühlbar. Dann nrit einem Blick auf die Männer da unten und auf den Teich murmeln sie unwillkürlich die Worte des Psalm isten: „An den Wassern Babylons faßen wir und weinten." tEinzig berechtigte Ueberfetzung von I. Sternber g.) Sitten und Brauche. Wenn Herr Hermann Wallach in seinem Artikel über obiges Thema behauptet, daß die heutige jüdische Jugend Sitten und Bräuche vollkommen negiert, so ist diese Aenßcrung, noch dazu von einem Lehrer, unverständlich. Um offen zu sprechen, muß man sich natürlich darüber klar sein, daß ein großer Teil der jüdischen Jugend sehr wenig oder fast gar nichts mehr vom Judentum kennt. Hieran ist, das betone ich immer wieder, zu einem erheblichen Teil das Elternhaus schuld. Ein jüdisches Kind, das zu Hause nichts vor sich sieht, waS mit dem Judentum zusammenhängt, kann nur einige theoretische Kenntnisse ans dem Religionsunterricht in der Schule haben. Wenn nun, wie das leider oft geschieht, und auch Herrn Wallach bekannt sein dürfte, jüdische Kinder am Religionsunterricht nicht einmal teilnehmen, so haben sie, wenn sie ins Leben treten» wenig oder gar nichts, was sie mit dem Judentum verbindet und an ihm festhält. Wer ist dann hierfür verantwortlich zu machen? Nicht etwa, wie Herr Wallach befürchtet, der Lehrer, der sich, wie mir wohl bekannt ist, oft die größte Mühe gibt, die Kinder an den Religionsunterricht zu fesseln, sondern einzig und allein das Elternhaus, das durch seine Gleichgültigkeit in religiösen Dingen dem Kinde nicht genügend Gelegenheit gibt, das Wesen des Judentums kennenzulernen. Herr Wallach führt zur Bekräftigung seiner Ausführungen das Beispiel an, daß ein jüdischer Jngendverein die angebotene Feier eines Sederabends abgelehnt habe. Da Herr Wallach von einem Sederabeud spricht, darf ich ihm an einem ebenso markanten Beispiel das Gegenteil beweisen: Der — ich betone dies ausdrücklich — liberale Synagogenverein, Fasanenstraße in Berlin, veranstaltete am zweiten Sederabend dieses JahreS einen Sederabend für diejenigen Kinder, die eine derartige Feier zu Hause nicht haben. 70 Kinder. Jungen und Mädels in verschiedenem Alter, horchten aufmerksam der Hagada-Borlesung und den Erklärungen des Rabbiners zu und waren von der Feier begeistert. Ich sprach mit vielen von ihnen nach der Feier, und sie bestätigten mir alle, daß sie jetzt erst sähen, wie schön derartige Gebräuche seien, die sie oißher noch gar nicht kannten. Glaubt Herr Wallach vielleicht, daß diese jungen Menschen, die gewiß in ihrem sonstigen Leben sehr liberal sind, durch einen Sederabend zum Ghetto zurückkehren? "7 Herr Wallach führt zwei Beispiele an, zwei Episoden auß dem Leben. In dem alten Mütterchen oder dem alten Vater, über die er hier spricht, liegt aber nicht die Zukunft deS deutschen Judentums. Die Zukunft deS deutschen Judentums liegt in der Jugend, die sich auf liberaler Grundlage ihren Weg ebnet, aber hierzu eine gewisse Kenntnis vom Judentum, von seinen Sitten und Bräuchen haben muß. ES widerstrebt mir, an dieser Stelle aus die Art und Weise einzugehen, wie Herr Wallach über heilige jüdische Dinge schreibt. Aber den Punkt des Freitag-Abends will ich noch kurz berühren. Weil ich es in früher Jugend gern gesehen hätte, wenn meine Eltern einen Freitag-Abend abgehalten hätten, nennt mich Herr Wallach kurzerhand einen Romantiker. Wenn Herr Wallach bei der Veranstaltung der „Freitag-Abend-Feier" der Vereinigung für das liberale Judentum, Ortsgruppe Aachen, nicht zugegen war, so empfehle ich ihm, wenigstens den kurzen Bericht und den Festprolog in Nr. 26 dieser Zeitung nachzulesen: „Habt Ihr ein Recht, waS Euch geliehen Als Erbe ward, den Kindern zu entziehe^? Und dürft Ihr ihnen rauben den Gewinn, Den alter Brauch gibt dem Familiensinn?" Vielleicht ändert sich dann seine Ansicht über die Heiligkeit und Notwendigkeit der Sabbatfeier. Vielleicht sieht er hieraus, daß es, außer tu anderen Großstädten, auch in Aachen liberale Juden gibt, die, durch die Anforderungen des Tages gehetzt und gesagt, sich danach sehnen, einmal in der Woche im Kreise der Familie eine Stunde der Andacht, Weihe, des Friedens und der religiösen Erhebung zu verleben. Heinz Levy. LeLHenvervrennung und UrrsleMiWett der Seele. Bon Sanitätsrat Dr. Scherbe!, Lisia i. P. Mein Artikel in Nr. 26 dieses Blattes „Leichenbestattung oder Leichenverbrennung" hat, wie ich sehe, Aufmerksamkeit erregt, und die Bewegung, die er veranlaßt hat, hat auch ein Flugblatt der Feuerbestattungsvereine auf meinen Tisch geweht, Lessen Verfasserin und Absenderin die bekannte Schriftstellerin und Borkämpferin der Feuerbestattung Else D o r m i tz e r in Nürnberg ist. Der ideale Sinn, der aus ihm spricht, die Begeisterung für die Sache können nur hohe Achtung einilößen. Der Reichstagsabgeordnete Dr. med. Grevc hat einstmals betont, daß -die Freunde der Feuerbestattung, welche für die Einführung dieser Einrichtung Propaganda machten, eine gesetzliche Regelung dieser Frage durchaus nicht im Sinne der obligatorischen Leichcnverbrennung erstrebten, sondern daß ihr Ziel die Einführung der fakultativen lfreiwilligcns Feuerbestattung sei, so daß niemand in seinem Gewissen sich bedrängt zu suhlen braucht, der an dem bisherigen Gebrauche sestzühaltcn und sich begraben zu lassen wünscht. Wenn man diese Einschränkung gelten läßt, durch welche die Agitation für die Leichenverbrennung es vermeidet, den Gefühlen Andersdenkender Gewalt anzutnn, so ist gegen die Propaganda der Feuerbestattungsvereine durchaus nichts einzuwenden. Es soll nicht nur „ein jeder nach seiner Fasson selig werde::", sondern auch, ganz nach Belieben — csiacun ä son goüt — sich begraben oder verbrennen lassen. Deshalb bleibt es auch jedem frommen Juden unbenommen, sich, wie bisher, auf feinem Friedhof bestatten zu lassen. Denn wenn das erwähnte Flugblatt es als einen Elementarsatz ytnstellt: „Kein Religionsgesetz kennt ein Verbot der Feuerbestattung, kein Dogma verwirft dieselbe als irreligiös und unvereinbar mit ihren Thesen!"» so werden unsere Gelehrten sicher gegen diesen „Elementarsatz" scharfe Einwendungen erheben, und ich habe ja schon die widersprechende Meinung angeführt, die Rabbiner Dr. Immanuel Deutsch in seiner Schrift „Sollen wir Juden unsere Leichen verbrennen?" ausgesprochen hat. Aber jenes Flugblatt hebt noch einen sehr wichtigen Punkt hervor, der für die Frage der Feuerbestattung ausschlaggebend sein soll. Es verweist aus jene Tausende, die während des Weltkrieges in Feindesland gefallen und in Massengräbern eingescharrt sind, oder die aus dem Boden des McereS liegen und bei denen die Trauer der Verwandten und Freunde Raum und Zeit überfliegt und allein den G e i st des Gefallenen sucht, dessen sterblich Teil ja gar oft vollständig zerstört oder zum mindesten unerreichbar ist. Wahre Pietät sei also unabhängig von Grabhügeln und äußerem Totenkult, und die wahre Trauer schwinge sich in eine höhere Sphäre, zu. edleren Bahnen auf. Diese Worte erinnern an das Wort von Schiller in „Wallensteins Tod": „Es ist der Geist, der sich den Körper baut," ihn also auch in der Erinnerung und Phantasie neu erstehen läßt, und hier lenkt das Problem aus ein anderes Feld hinüber, ans ein Gebiet von gewaltiger Ausdehnung und Bedeutung, auf die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Denn wenn der „sterbliche Teil" des Menschen zerstört ist und man seinen Geist sucht, der in „höheren Sphären" weiterlebt, so kann man darunter doch nur die „unsterbliche Seele" des Menschen verstehen. Und das ist schließlich der Kern der ganzen Frage. Denn es ist klar, daß alle Religionsgesetzc, alle Kulte, alle die Lehren von der Belohnung im Jenseits und der ewigen Verdammnis, die Hunderte von Einrichtungen im modernen Kulturleben iwir erwähnen nur den Eid) ans diese Lehre, wie ans einen Brennpunkt, hinausgehen. Aus ihr ruhen ja auch Spiritismus, Okkultismus, Telepathie und jene merkwürdigen geistigen Strömungen lFluide), die auch in der Kabbala einen Niederschlag gefunden haben und ans die sich das Wort aus dem „Hamlet" anwenden läßt: „Es gibt mehr Ding' im Himmel und aus Erden, Als Eure Schulweisheit sich träumen läßt." Unsere Zeit mit ihren irdischen Nöten und der scheinbaren Ungerechtigkeit im Weltenlanf und den menschlichen Geschehnissen hat dem Unsterblichkeitsgedankcn neue Nahrung gegeben. Mein Vater, Prediger Moritz Sch erbe l, sagt in seinem Ruche „Der Unsterblichkeitsglaube": „Wir kommen weit ab von der Anerkennung einer gerechten Weltordnung, wenn wir den Glauben an die Unsterblichkeit verwerfen. Nichts würde uns dann Aufklärung geben über die Erscheinung, daß der Mensch mit seinem körperlichen Besitztum so wohl und vollkommen ausgebildet in der Welt dasteht, während er in seinem geistigen und moralischen Teil, selbst in der bestmöglichsten Ausbildung, sich unvollendet sieht. Es ist nicht möglich, daß der Mensch bet all der hohen und edlen Veranlagung, die er in sich birgt, nur als Kreatur, d. h. für das Irdische bestimmtes Geschöpf, gelten soll, daß er ein ganzes Leben lang um geistige Erwerbnisse sich bemühen soll, um sie schließlich in einem tierischen Tode untergehen und von einem Rasenhügel bedeckt zu wissen." Und er denkt auch an die Feuerbestattung, denn er zitiert aus dem epischen Werke „Psyche", des vor zirka hundert Jahren gestorbenen Dichters Ernst Schulze die Worte: „Zum neuen Sein schmilzt Geist und Geist zusammen. Und glänzend steigt ein Phönix auS den Flammen." Das erinnert an den Grund- und Leitsatz der FeuerbestattungSvereine: „Gleiches Recht, ob Wurm, ob Feuer Einst den müden Leib vernicht'! Leitstern sei unS die Devise: DlZrch die Flamme auf zum Licht!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.