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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-23 · 30 (23.7.1926) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
30 (23.7.1926)
Date
1926-07-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Bre-la«. (Ein neuer Arbeitsnachweis.) Iw November vorigen Jahres ist hier aus Initiative des Wohlfahrtsamtes unserer Gemeinde die Arbeitsnachweisgemeinschaft jüdischer Organisationen Schlesiens ins Leben gerufen worden. Ihre Aufgabe war zunächst, die bestehenden, mehr oder weniger tatkräftigen jüdischen Arbeitsnachweise au zentralisieren, vor allem aber die bereits nicht nur mit ehrenamtlichen Kräften arbeitende Beratungsstelle der Schwcsternvcreine im U. O. B. B. zu einem systematischen Arbeitsnachweis auszubauen. Nach mehrmonatlichen Bemühungen ist es gelungen, die finanzielle Grundlage eines solchen 'Arbeitsnachweises zu schaffen, und mit dem 1. Mai d. I. hat der Arbeitsnachweis jüdischer Organisationen Schlesiens seine Tätigkeit in der Wallstr. 23 ausgenommen. Trotz der schwierigen Wirtschaftslage hat er eine umfangreiche Propaganda unter den jüdischen Arbeitgebern geführt. um sie zu veranlassen, auch jüdisches Personal zu beschäftigen, das bei der augenblicklichen Arbeitslosigkeit außer der allgemeinen Schwierigkeit, Stellung zu finden, oft noch dem. Cinivurs begegnet, daß Juden nicht beschäftigt werden türmen. Es ist geradezu notwendig, einen Kampf zu führen, um den Nachweis zu erbringen, daß jüdische Arbeitnehmer nicht schlechter sind als alle änderen, wenn der Arbeitsnachweis das Prinzip verfolgt, den Arbeitgebern nur geeignete Arbeitnehmer für vakante Stellen zu empfehlen. Auf dieser Grundlage arbeitet im Rahmen der Hauptstelle für Arbeitsnachweise in Berlin die nengegründete Organisation und kann in den beiden Monaten ihres Bestehens schon auf einen relativ recht günstigen Abschluß verweisen. So konnten im Monat Mai 24 Stellungsnchende. davon 16 weibliche und 3 männliche, untergebracht werden. Im Monat Juni konnten schon 42 Vermittlungen, davon 27 weibliche und 13 männliche, erledigt werden. Der neugegründete Arbeitsnachweis verspricht daher unter der Voraussetzung, daß das Interesse und die Mithilfe der Breslauer Arbeitgeberschaft weiter und in stärkerem Maße wächst, ein außerordentlich wichtiges Glied in der Reihe der wirtschaftlichen Fürsorge- Maßnahmen unserer Gemeinde, der zweitgrößten jüdisch«,: Gemeinde Deutschlands, zu werden. Colmbcrg. lGol de ne Hochzeit.) In seltener Weise geehrt wurde das Alerandcr Steinbergsche Ehepaar anläßlich seiner goldenen Hochzeit. Fünf Geistliche christlicher Konfession ans dem Ort und der Umgebung statteten dem Jubelpaare ihre Glückwünsche ab. Der Gesangverein deü Ortes brachte ein Ständchen und ließ durch seinen Vorsitzenden gratulieren, und die Jugend der Gemeinde ehrte die alten Leute durch Abbrennen eines kleinen Feuerwerks und durch Frendenschießen. Diese allgemeine Teilnahme aller Ortseingesessenen am Familienfeste eines jüdischen Mitbürgers gereicht nicht nur diesem, sondern auch den vorurteilsfreien Freunden des Jubelpaars zur Ehre. In unserer völkisch verseuchten Zeit verdienen solche erfreuliche Vorgänge erwähnt zu werden. Dresden. (A ns dem S ä ch s i s ch e n Gemeindeverband.) Bis 1627 amtiert als Vorsitzender Rechtsanwalt Sulinger. Sanitätsrat Dr. Emil Zimmermann wurde zum stellvertretende!: Vorsitzenden gewählt. Karl Goldschmidt, Mitglied des leipziger Gemeinderats, gehört dem Vorstand als Beisitzer an. Mit beratender Stimme nimm: ail den Vorstandssitzungen Rabbiner Prof. Dr. Winter im Austrag der „Vereinigung der Rabbiner im Freistaat Lachsen" teil. In dem in der Bildung begrifsenen „Rcichsverband der deutschen Inden" wurde der Verband durch Rechtsanwalt Salinger vertreten, zunächst auf der am 18. d. M. stattgefundencn Münchener Tagung, an der alle beteiligten Verbände iliid Organisationen teilnahmen. An Hand des vorliegenden Verfassnngscntwurfes erklärte Rechtsanwalt Salinger in der letzten Auöschnßsitzung des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes, daß der Reichsverband die Aufgabe habe, die deutschen Landesverbände und Gemeinden zur Pflege des Gcsamtbewnßtseins der deutschen Juden und ihrer gemeinsamen Interessen zusammenzufasscl:. Dem Reichsverband liege cs ob. im Rahmen seiner Zuständigkeit die deutschen Inden und ihre Organisationen gegenüber Reich und Oeffentlichkeit zu vertreten. Indes soll den Landesverbänden irnd Gemeinden die volle Selbständigkeit in Kultus und Unterricht, Verfassung und Verwaltung Vorbehalten bleiben. Diesen Richtlinien stimmte der Ausschuß des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes in aller: Teilen zu. Dresden. lA u s der Gemeinde.) In dem Obervochwitzcr Kinderferienheim der Fraternitasloge wurden in der ersten Juliwoche etwa 39 Zöglinge der Gärtenbauscbnle Ahlen: ausgenommen. Der Besuch, der in erster Linie der Besichtigung der Dresdener Gartenbau- und Kiinstailsstelluug galt, fand seinen Abschluß mit einer herrlichen Fahrt in die Sächsische Schweiz. Die Gemeinde hatte die jungen Leute in der Mittelstandsküche zu Gast geladen. — Als Barbe tcr für den Zweiggottesdienst, der anläßlich der hohen Feiertage stattfindet, verpflichtete die Gemeinde den Berliner Kantor Josef Cycowski. — Auf dem 139 000 gm umfassenden Gelände des Prinzengartcns, der dem mit dem HiatäHBlmi—IM—«— Stadion verbundenen Georg-Arnhold-Bad gegervüberltegt und von der Stadt nicht zuletzt wegen -er sportkulturell überau» günstigen Lage in diesen Tagen für v Millionen Mark käuflich erworben wurde, wird mit Hilfe von Staat und Reich der bereitseit über Id Jahren geplante Ban be- Deutschen Hygienemuseums errichtet werden. Darin soll die auf der „Gesolei" gezeigte Sonderabteilung „Hygiene Juden" in wesentlich erweitertem Umfange einen dauernde» Platz finden. . . ' Forst. (70. Geburtstag.) An: 28. Juli feiert das Vorstandsmitglied. Herr Kaufmann Max Levy, in großer geistiger und körperlicher Frische feinen 70. Geburtstag. Herr Levy gehört zu den Begründern der Gemeinde Forst und ist einer der eifrigsten Förderer der Bestrebungen deS liberalen Judentums. Frankfurt a. M. (B ü r s e n e i n f ü h r u n g der G old - a n l e i h e der S y n a g v g e n g e m e: n d e.) Die Israelitische Gemeinde hat. wie wir seinerzeit^ berichteten, eine tOprozclltige Gvldanleihe ausgegeben. 730 000 RM. dieser Anleihe find auf Antrag der Deutschen Effekten- und Wcchselbank, der Filiale der Darmstädter, und Nationalbank und der Deutschen Bank und der Bankhäuser I. Dreyfus & (So., Lincoln, Menny Oppenheimer. Lazard Speyer- Ellissen, Jacob S. \>. Stern und Gebr. Sulzbach in Frankfurt a. M. nunmehr zur Frankfurter Böse zugclassen worden. Die Anleihe ist ab 1928 zu 108 Prozent rückzahlbar und stellt die Hälfte deS Betrages dar, welcher der Israelititischcn Gemeinde in Frankfurt a. M. im September 1923 aufzullehmcn gestattet wurde. Der Erlös dient zur Anlage eines neuen Friedhofs. Die Haftung für die Anleihe trägt die Israelitische Gemeinde zu Frankfurt a. M. mit ihrem gesamten gegenwärtigen und zukünftigen Vermögen und mit ihrer Steuerkraft. Nach dem im Anzeigenteil veröffentlichen Prospekt besteht das Vermögen aus 3,37 Millionen RM., die Schulden betragen 0,90 Mill. RM.. davon sind 0,39 Mill. RM. Hypotheken, der Rest Anleiheschulden. Die Tilgung geschieht ab 1. April 1923 durch Auslosung bis spätestens 1946. Die Anleihe-Nehmcrii: kann fedoch ab I. Januar 1923 eine ganze oder teilweise Heimzahlung zu 103 Prozent vornehmen. Frankfurt a. M. (T o d e - f a l l) Rabbiner Dr. Salomon Brencr, Rabbiner der hiesigen Israelitischen RcligionSaeseNschaft. der seit 1930 in Frankfurt als Rabbiner wirkte, ist Samstagabend nach kurzem, schweren Krankenlager im vollendeten 70. Lebensjahre verschieden. ' Friedberg. lVölkische H e l d e n.) Die durch die Verfassung allen Staatsbürgern gewährleistete Sicherheit der Person scheint für völkische Rgdaubrüder nicht zi: existieren. In den letzten Wochen ist es in den benachbarten Dörfer,: Lindhciin, Limbach und Eckartshausen, meistens unter der Einwirkung und in unmittelbarem Anschluß an völkische Hctzversaiumlnngcr:. zu Tätlichkeiten gegen die in den genannten Orten wohnenden Glaubensgenossen gekommen. Unbeteiligte Einwohner israelitischen Glaubens mußten vor den rüpelhaften Gesellen flüchten und sahen sich Mißhandlungen und gröbsten Beschimpfungen ausgesetzt. Die Rechtspresse, die sich so leicht künstlich ausregt, wenn ein Reichsbannernntalicd unkorrekt gehandelt haben soll, dürfte ihren eigenen Freunden erst einmal anständige Lebcnsgemohuheiten beibringen. Fulda, lE r w c i t c r n n g S b a u der Synagoge.) Die hiesige Synagoge wird demnächst einen Erweiterungsbau erhalten, weil der zur Verfügung stehende Raum der: Bedürfnissen nicht mehr entspricht. Durch Zuzug, auswärtiger Familen ist die Gemeinde bedeutend an Seelenzahl gewachsen, so daß cinc Vermehrung der Synagogenplätze unerläßlich blieb. Durch den vom Vorsteheramt beschlossenen Erweiterungsbau hofft man ollen Ansprüchen gerecht zu werden. Der demnächst in Angriff zu nehmende Ban soll so beschleunigt werden, daß seine Fertigstellung bis zum Ncujahrsscst gesichert ist. Hameln. (Todesfall.) Mit dem kürzlich verstorbcl:e>: Herrn Mcver Katzcnstein verliert die hiesige Gemeinde nicht nur ihr ältestes Mitglied, sondern auch einen langjährigen und verdienstvollen Vertreter des Reprascntantcnkvllegiums. In dieser Eigenschaft hat sich der Verstorbene mit größten: Eifer um die Gcmeindeangelegenheiten verdient gemacht, was bei der Tranerseier non: Pediger Roscnzweig mit Worten des Dankes anerkannt wurde. München, i D i e <'s> e f «o h r d e. s S ch ä ch t v e r b o t s.) Anläßlich der Tagung der ReickSverbandskommis.swn der .deuisch-jvdischen Landesverbände wurde das in Bayern drohende Schächinerbol besprochen. Rabbiner Dr. Freudcnthal Nürnberg referierte über die Sach.- und Rechtslage. Es wurde einstimmig eine Resolution beschlossen, wonach gegen den Eingriff in die Gewissensfreiheit protestiert wende, der darin liegen würde, wenn daS Schächten in Bayern durch ein Gesetz verboten werde» würde. München. > S a n i tä ts r a : D r. C p yenheime r gestorben) Das im alten israelitischen Friedhof erfolgte Begräbnis des bekannten Kinderarztes Geh. Sanitätsrats Dr. Karl Oppenheimer gestaltete sich zu einer großen. erhebenden Trauerkundgebung. Neben den verwandten bemerkte man die Vorstandschaft der israelittschen Kultusgemeinde, viele Aerzte, Krankenschwestern, Schulermnen und die Isaria-Logc. Rabbiner Dr. Baerwald gab ferner Gedächtnisrede die Worte des Propheten JefaiaS: „«Der Edle sinnt auf Edles und er bleibt auf Edles bestehen zum Inhalt. Der Rabbiner rühmte das soziale Verständnis des ArzteS. Sein Werk würdigen können nur die Fachgenossen, sowie alle Eltern, denen er das kranke Kind gesund zurückgab. Er war treu seiner Ueberzeugung, treu fernen Freunden, treu seinem Glauben. Dr. Straub sprach nn Namen des sozialen Ausschusses der israelitischen Kmtnsgemeinde München sowie im Aufträge der ind:iche:r Wohlfahrtspflege herzliche Scheideworte. Weitere Anfprachen hielten Vertreter der Isaria-Loge und der Vorstandschaft deS Vereins Jüdisches Landheim in Wolfratshciusen. Unter Worten'des Dankes und der Anerkennung spendeten Kränze Geheimrat Dr. Seitz für den Landesverband für Mutterschutz, Säuglings- und Kleinkmdenursorge in Bayern, Bezirksverband München für Säuglings- und .Kleinkinderfürsorge, Hofrat Dr. Doernbcrger als Dertreter deärztlichen Vereins und des Aerztlichei: BczirksvereinS München. Dr. Max Nassauer für die deutsche Gesellschaft für neuzeitliche Findelhäuser „Kinderfrcistatt" und die Vorstandschast der Münchener Gesellschaft der Kinderheil- Schirmeck. (Einweihung der israelitischen Ferienkolo nie.) Der „Straßburger neuen Zeitung" entnehmen wir folgenden Bericht über die Einweihung einer neuen israelitischen Ferienkolonie: Auf der Anhöhe, die stolz über Schirmeck und dollen reizende Umgebung blickt, überragt vom Schatten der Vogesenberge. fand gestern eine erhebende Feier, statt. Die „Colonic de Bacances der Sotziöts Immobilere de l'ocuvre israölite" wurde in Gegenwart eines auserlesenen Publikums in feierlicher Weise ihrer Bestimmung übergeben. Um 11 Uhr traf M. Borromöe, Prefet du Bas-Rhin, in Begleitung von M. Amade, Souö-Prsfet von_ Molsheim, im neuen Ferienheim ein. Er wurde von M. Henry Levy- Straßburg, Präsident der Societä immobiliöre de l'oeuvre isra^ltte des (Solonies de Bacances, M. Schmartz, Großrabbiner, General Zeller, M. Aron Weil, M. Schmoll, Präsident des israelitische!: Konsistoriums, Bankier Asch, Dr. Schmoll, M. Gilbert Meyer, Senator Diebolt-Weber, Dr. Herrmann. M. Abrahams, Generalrat Walter, und einer großen Anzahl Straßburger Persönlichkeiten, die auf dem Gebiete der Wohltätigkeit eine große Rolle spielen, cmp. fangen. Zugegen war ferner der Maire von Schirmcck, M. Dulvisy. M. Henry Levy ergriff das Wort zu einer bemerkenswerten Rede, in der er zunächst dem Präsekten für seinen Besuch dankte und all denen, die zum Gelingen des großen Werkes beigetragen haben, große Anerkennnug zollte. M. Levy unterstrich die große Bedeutung der privaten Wohltätigkeit, die außerordentlich viel zu leisten vermag. Er sprach der Privatinitiative ein beredtes Wort und kam alsdann auf die großen Mühen und Opfer zu sprechen, die gebracht werden mußten, um das spontane Werk der Wohltätigkeit, das nunmehr seiner Bestimmung übergeben wird, zu verwirklichen. Die Idee der Ferienkolonien blickt auf eine 50jährige Entwicklung zurück. 1923 wurde das Projekt der israelitischer: Ferienkolonie Schirmeck entscheidend ausgenommen. Es konnte zur Ausführung gelangen, einmal durch private Zuwendungen, und dann durch Subventionen des Staates, des Departement du Bas-Rhin, der Stadt Straßbnrg, und durch ein besonderes Entgegenkommen der Stadt Schirmeck. M. Borromöe, Prüfet du Bas-Rhin, dankte für den herrlichen Empfang. Er brachte die Grüße der Regierung und das Bedauern des Arbeitsministcrs. M. Durafour, an der Feierlichkeit nicht teilnehmen zu können. Innige Dankesworte richtete er an M. Henry Levy, M. Schwartz, an die „Soests immobiliere de l'oeuvre isra^lite", an M. Crom» back, Architecte du Gouvernement, unter dessen Leitung der prachtvolle Bau entstand, und an alle, die beigeholfen haben, das Werk in seiner ganzen Größe und Bedeutung entstehen zu lassen. Ein Rundgang durch das Gebäude zeigte das geschaffene Werk in seiner Eleganz und fortschrittlichen Größe. Wolfshagen. (H e l d e n - G e d e n k t a f e l.) Auf Anregung der Kreisgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten hat die hiesige Gemeinde für die im Weltkriege gefallencn^Helden eine Gedenktafel Herstellen lassen, welche letzten Sonntag in besonderer Feier ihrer Bestimmung übergeben wurde. Nach kurzen, cinlcitendcl: Worten des Vorsitzenden Klebe vom Reichsbnnd jüdischer Frontsoldaten sprach der Gemeindeälteste Möllerich den Stiftern der Ehrentafel den Dank aller Gemeindeangehörigen aus. Lehrer Katzenstein hielt im Anschluß an die Tafclinschrift „Wie sind die Helden gefallen" die Weihcrcdc, und Lehrer Bacher aus Cassel widmete namens der Landesgruppc Hcsscn-Waldeck Das Iudenvieriel in Sofia. Boi: D i n: i t r i C i ch m a n o v. Der Teil Sofias, welcher der: Namen „Jüdisches Viertel" trägt, ficht keineswegs so aus, ivie das Ghetto iir Prag, Frankfurt oder Amsterdam, nn: nur einige zu nennen. Bis 7.«m Jahre 1390 existierte allerdings in Sofia eine Art Ghetto, aber es verschwand in der neuen Stadt und ans seinel: Steller: erstrecken sich heute die allsehnlichsten Gefchastostraßcll. Vertrieben von ihrer, hundertjährigen Wohnsitzen, mußten sich dlc Juden irgendwo auf noch freiem Boden, der einen 3.e:l des neuen Stadtplanes bildete, niederlassen. Vielleicht bewußt oder auch unbewußt, vielleicht auch auf Grund eigen« sinniger Anhänglichkeit, deren Spuren bis auf die ältesten Zeiten verfolgt werden könnten, errichteten sie ihre neuen Wohnungen in der Nähe des alten jüdischen Friedhofes, der allerdings damals schon seit geraumer Zeit eingegangen war, wo aber viele ihrer Rabbiner und vornehmsten Glaubensgenvssen ruhten. Der Stadtteil gedieh langsam und erstreckt sich heilte vom Boulevard Fcrdittand bis zum Zigeunerviertel. Auf den ersten Anblick bietet er nichts Besonderes. Er erscheint wie en: armes irnd etwas eingeschränktes Viertel, nicht besonders unsauber, aber regelmäßig entworfen. Die Häuser in gleichtölnger Schattierung haben selten einen Garten. Vor Mittag sind die Straßen wenig belebt und das ganze Viertel unterscheidet sich kaum von anderen Teilen Utch-BouuarS. Aber am Abend, besonders in: Frühling und im Sommer, wenn die Einwohner ihr Leben auf die Straße verlegen, rnmmt es ein ganz anderes, ganz ungewöhnliches Gepräge an. Was dann den Beobachter hauptsächlich frappiert, ist gerade das Gefühl, d a ß e r s i ch n i ch t i n einem Ghetto befindet, in dem Menschen gegen ihren Willen eingeschlosien sind, wohin Verachtung und Haß ihrer Mitbürger sie verfolgen. Mar: fühlt, daß diese Bevölkerung ihre schmachvolle und schimpfliche Behandlung feit langer Zeit vergcsien hat, daß sie als freie Menschen tun und lassen können, was sie wollen, und daß sie sich eine LebenSexistenz wählen kölmen. die ihnen gefällt. Und gerade, weil man keine Spur des Zwanges findet, vermutet man. daß sie sich m:t Geldgeschäften befassen, Glas, oder Kleiderhändler sind, jeher geglaubt hatte, daß dieseihr auSschließllches Gewerbe sei. ' ~ •- > In Wirklichkeit ist die Hauptstraße eine Reihe von Läden aller Art. Aber nirgends ein Wechselgeschüft, nirgends ein Engroshaus von Glas oder Eiern. Man erblickt nur Bäckereien, Gasthöfe, Kaffeehäuser, Schneider und Schuhmacher, mit einem Wort, Magazine, die alles enthalten, was ein Stadtviertel für das gewöhnliche Leben nötig hat. Dieies frappiert uns ganz besonders. Aber noch mehr sind wir erstannt, wenn wir eine Bäckerei sehen, die auf ihrem Hansschild anstatt „Au lac d'Ochrida“ oder „Zum unglücklichen Mazedonier" in große» Buchstaben die Worte „Zum Makkabäer" trügt. Betreten wir das Innere, erblicken wir anstatt eines nutntcrci: Mazedoniers einen alten, weißbärtigen Juden, der einem Patriarchen gleicht und uns Brot verkauft. Zuerst glaubt man, daß dieses vielleicht eine Ansnahme sei, und man vermutet, daß eine andere Bäckerei bestimmt einem Menschen gehört, der ans Prilep oder aus Beles gekommen ist. Aber weit gefehlt: dieser Laden gehört Samuel Konosti oder Jomtov Levy uitö das Schild trägt die Aufschrift „Jordan". Der erstaunte Beobachter macht sich dann daran, auch die ar:deren aufmerksam zu prüfen. Hier stößt er auf eine ganz gewöhnliche Kneipe, genau wie sie in Utch-Bonnar oder in Pobouene sind. Auf dem Büfett stehen die bekannten Flaschen mit Slivovitz und anderen Getränken: die Tische sind braun, der Saal dunkel und an den Wänden hängen alte Bilder. Unwillkürlich sucht das Auge den dicken Gastwirt und die Bauern mit ihren Bierschoppen vor sich. Aber der Eigentümer ist ebenfalls ein alter Jude, der wie ein Kabbalist aussieht, und seine Kundschaft besteht nur auS Juden, die trinken, schreien und Karten spielen. Letzteres muß besonders auffallend erscheinen, da man gewöhnt ist anzunehmen, daß alle Inden bis in die späte Nachtstunde hinein arbeiten, sei es als Lastträger oder als Kurzwaren- Händler, so daß man sich schwer.vorstellt, sie könnten zuweilen freiwillig feiern und ihre Zeit in einer Wirtschaft, wie andere Menschen, zum Vergnügen zubringen. Gehen wir weiter. Wir kommen an ein albanisches Wirtshaus. Aber der Wirt ist kein Albaner, sondern ein junger Jude. Und so ist es in den anderen Läden: Schneider, Schuhmacher, Obsthändler, Metzger» allesind ausschließlich Juden. Um sich herum hört man nur Spanisch sprechen, die stolze Mundart, welche die Hebräer audem alten Kastilien mit» gebracht haben. Nach einiger Zeit ist man über nichts mehr erstaunt, und man weiß gar nicht mehr,-daß man aus dem Mittelpunkt der Stadt kommt. Man hat den Eindruck, in einer fremden Stadt zu sein, die aber weder eine deutsche, noch eine türkische ist, sondern einfach eine jüdische Stadt. Man sagt sich: „So sieht eine ganz jüdische Stadt aus, nicht ein Ghetto, sondern eine Stadt auf jüdischen: Boden in freier Existenz." Und wenn man dann seinen Blick um sich schweifen läßt, denn dieser zunächst sonderbare Gedanke ruft in yns ein Lächeln hervor, dann muß man sich sagen: „Und warum nicht überall so?" Diese Menschen leben wie andere: sie erzeugen alles, was sie für das tägliche Leben nötig haben. Unten, am Ende des Stadtviertels, sieht man Küchengärten, die von den Inden mit Liebe bebaut werden. Und doch sagt man gewöhnlich, daß sie zu Landarbeiten nichts taugen. Diese Menschen erfüllen alle ihre Pflichten als Staatsbürger, erfüllen sie gut und siild stolz darauf. Den Kopf voll solcher Gedanken denkt unser Spaziergänger darüber nach und fühlt und sicht, was zwischei: ihn: und den Menschen seiner Umgebung Gemeinsames ist, um sich ihrem Leben mit immer größerer Gewogenheit zuzuneigen. Aber gerade in dem Augenblicke, wo er sie näher betrachtet, merkt er plötzlich in ihrem Leben etwas Fremdes und Unerklärbares pochen, ein Etwas, welches seinen soeben gemachten Beobachtungen widerspricht. Allerdings haben die Juden hier eine regelrechte Existenz wie die anderen Bürger. Sie geben dem Lande, was dieses von ihnen verlangt. Indessen trägt diese ganze Existenz doch in ihrem Wesen einen Stempel der Unruhe, ein Etwas, das sie immer vorwärts treibt. Es sieht aus, als wenn alles, was hier erbaut worden ist, nur für eine gewisse Zeit errichtet ist. Diese Frauen, von denen viele in ihren funkelnden Geschmeiden einen herrlichen Anblick gewähren, scheinen nicht aus Häusern zu kommen, sondern aus einem Zelte, welches nur für einen kurzen Augenblick aufgerichtet ist. In den Bewegungen und Handlungen der Männer, die durch die Straßen ziehen, zeigt sich nervöse Eile. Selbst in ihrer Fröhlichkeit scheinen sie den Wunsch zu haben, einen Schmerz zu betäuben, die Angst vor einem Unsicheren zu verbergen. Auch die Alten, die in Gruppen durch die Straßen ziehen, unterhalten sich in ernster Weise und besprechen ein wichtiges Thema, das sich auf irgend etwa- Zukünftiges bezieht, welches mit dem gewöhnlichen, gegenwärtigen, geregelten und ruhigen Leben nichts zu tun hat. Und erst die Jugend, die in der Erwartung künftiger Kriege lebt und schreit? So merkt man überall, wie ein Heimweh, die Begierde de- Unbekannten, die Begierde, sich vom täglichen Leben zu trennen.

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