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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-23 · 30 (23.7.1926) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
30 (23.7.1926)
Date
1926-07-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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tcfiuttö von Miß Lily Montague begründet. Die Mische» arbeitenden Männer und Krauen sahen i« jüdische» Wese» Höheres als nur die Beobachtung des ZereuwntalS. Deshalb konnte sie die Orthodoxie nicht befriedigen, ihnen konnte nur das liberale Judentum helfen. Indessen sind die Beziehungen zwischen Liberalismus und Orthodoxie in Gng° land im allgemeinen gute. Wir ergreifen jede Gelegenheit, um zur christlichen Kirche in freundschaftliche Beziehungen zu treten. Das liberale Judentum in England ist gesund und tn vlner Aufwärtsentwicklung begriffen Ucbcr liberales Judentum in Schweden referierte Dr. Denr,k Wolfs. In Schweden wohnen Jude» seit 150 Jahren. Der erste Jude, der die Erlaubnis erhielt, sich in Stockholm niederzulassen, war Aron Isak aus Mecklenburg. Das mar im Mai 1776. BiS weit in das IS. Jahrhundert hlnein waren die Juden Schwedens religiös-konservativ. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begannen die liberalen Tendenzen vorherrschend zu werden. In den letzten Jahren sind infolge der Einwanderung von Juden aus Osteuropa und Deutschland die orthodoxen Tendenzen stärker geworden, doch stehen die älteren Mitglieder unserer Gememschgst die Judentum mit schwedischer Kultur und Tradition verbinden, den neuen Ideen fremd gegenüber. Auch über die anderen Länder wurden Berichte erstattet. H. n. sprach Miß Leas, Ihirad über das liberale Judentum irr Indien. Miß Ihirad selbst war die beste Widerlegung der Nanentbcorie. Sie glich ihren indischen Schwestern genau. Alle dierc Borträge zeigten, daß das liberale Judentum rn der ganzen Welt ein starkes und eigenwilliges Leben führt. lieber die weiteren Referate vom Sonntagabend und den Verlauf der Diskussion am Montag werden wir in der nächsten Nummer berichten. Im Leitartikel finden unsere Leser die Nachricht über die Gründung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum, mit der die Tagung eine» lmpoiantcn Austlang nahm. Die Verfassung des Reichsverbandes. Die Ncichsuerbandskommission der Landesverbände jüdischer Gemeinden in Deutschland trat am Sonntag, dem 18. Juli, in München zusammen, um den Entwurf der Derfassung des Neichsvcrbandcs endgültig durchzuberaten. Anwesend waren für Preußen: der Landcsvcrbandsvorsitzende Kammergerichtsrat Wolfs, die stellvertretenden Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Klee. Iustizrat Lilienthal. Bankier Galewski. ferner Iustizrat Snnnenfeld, Rabbiner Dr. Baeck, Lehrer Stern und Iustizrat Blau-Franlsurt a. M.: für Bauern: der Borsjüende Oberlandesgerichtsrat Neumeyer, Obcrlandcsgerichtsrat Silbcrschmidt. Rechtsanwalt Strauß. Iustizrat Oommel. Rabbiner Dr. I-reudenthal. Kommerzienrat Joseph-Landau, Iustizrat Feuchtwanaer, die Lehrer Stoll- Würzbnrg und Dingfelder-München. sowie der Syndikus der Münchener Gemeinde Dr. Flaschner: für Württemberg: Rechtsanwalt Gnntzenhäuscr: für Hessen: Kommerzienrat Mayer-Mainz: für Sachsen: Rechtsanwalt Salinger: für Baden: Dr. Piälzcr und Rechtsanwalt Dr. Kaufmann°-Heidelberg: für Anhalt: Landgcrichtsrat Altertum: für Mecklenburg-Schwerin: Rechtsanwalt Dr. Nubensohn-Rostock: für Sachsen-Weimar: Landrabbiner Dr. Wiesen: für Hamburg und Bremen: der Hamburger Gemeindevorsteher Levu: für Lübeck: Rechtsanwalt Dr. Landau. Vertreter des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes waren diesmal nicht erschienen. Auch der Halberstädter Verband hatte keinen Vertreter entsandt. Rach einer Einleitung und Begrüßung durch Dr. Neumeyer übernahm auf seinen Antrag Kammergerichtsrat Wolfs den Borsitz. D!e Debatte bewegte sich im wesentlichen nach vier Richtungen: Name des neu zu schaffenden Rcichsverbandes. seine Ausgaben, die Konstruktion seiner Organe, Finanzen. Was zunächst den Namen anbelarrgt. sy lag eine Reihe von Vorschlägen vor. Rechtsanwalt Tr. Klee schlug vor: ..Reichsverband der deutschen Juden". Kommerzienrat Mayer: „Reichsvcrband der indischen Gemeinden Deutschlands", Kammergerichtsrat Wolfs, lebhaft unterstützt von Iustizrat Blau-Frankfurt a. M.: „Deutsch-indischer Reichsverband". Nach eingehender Debatte wurde auf die Bezeichnung im vorliegenden Entwurf zurückgegrifsen und unter Ablehnung der gestellten Anträge die Bezeichnung „Jüdischer Reichsvcrband" gewählt. — Mit Bezug auf die Aufgaben wurde beschlossen: Der ReichSveribandchatHieLufga-e»Sie dentscha»ÄaudeS«L ss der Auffasirrug Dr. KleeS in längere» AuSMrmrge»< entverbände und Gemeinden zur Pflege des GesamtbervutztseürSH pyogen uud meinte, daß die Organisation nur auf der Basis der deutschen Jude» und ihrer gemeinsame» Jntereffeu zu- )- der Landesverbäud« möglich sei. ES solle »war eine spätere -- «-A-lAA ^Entwicklung nicht auAschÜetzen. jetzt aber seien die Verhält- ^.nisse für eive restlose Demokratisierung verfrüht. Iustizrat ^Sonnenfeld führte nuS. auch er sehe das Ideal in einer restM scnnmenzufaffen. Er vertritt im Rahmen seiner Anständig feit die deutschen Juden und ihre Organisationen gegen über Reich und Oeffentlichkeit unter Vorbehalt der vollen Selbständigkeit der Landesverbände und Gemeinden in Kultus. Ritus. Unterricht. Verjasiung und Verwaltung. Ihm obliegen insbesondere »f die Förderung^ SwenigstenS. daß der neue Rat in einer demokratische« Form der allgemeinen Intereffen der jüdischen Religiongesellschaft. namentlich auf sozialem Gebiet: b) die Errichtung. Erhaltung und Förderung von Anstalten und Einrichtungen, die für daS Reich oder mehrere Länder gemeinsam bestimmt sind: c) «die Beratung der Landesverbände in gemeinsamen Angelegenheiten: ä) Schaffung einer SchiedSftelle bei Meinungsverschiedenheiten zwischen den Landesverbänden, sowie zwischen dem ReichSverband und einem Landesverband: s) auf Antrag von Landesverbänden deren Vertretung im Verhältnis zu deren Ländern zur Wahrung gemeinsamer jüdischer Intereffen: f) sonstig« Aufgaben, die von einem Landesverband dem ReichSverband übertragen und von diesem durch BerbandSbeschluß über, nommen werden. An den Punkt k) schloß sich eine eingehendere Debatte, wobei auf Antrag von Rechtsanwalt Rubensohn die einstimmige Meinung der Tagung festgestellt wurde, daß der Reichsverband die Unterstützung gewisser, von einem Landesverband erbetener Aufgaben mit in sein Arbeitsgebiet einzufügen habe, so z. B. gegebenenfalls Unterstützung leistungsschwacher Verbände in bezug auf Unterrichtserteilung und dergleichen. Cs wurde einmütig die Auffassung vertreten. daß eine solche Unterstützung, also die Schaffung einer Art Ausgleichsfonds, in Aussicht genommen werde, wenn die finanziellen Mittel des Reichsverbandes es gestatten. Eine besonders eingehende Debatte erforderte dann Punkt g. Hier hatte der Entwurf als Aufgabe des ReichSverbandes bezeichnet: »Die Vertretung der deutschen Juden und ihrer Einrichtungen gegenüber den Juden des Auslandes und deren Organisationen". Justizrat Blau wünschte eine Formulierung. aus der hervorginge, daß es sich dabei nur um religiöse und soziale Organisationen ausländischer Juden handeln dürfe. Rechtsanwalt Dr. K'lee bekämpfte diese Auffaffung. da es eine Reihe von Ländern gäbe, in denen die Juden politische Organisationen hätten, denen soziale und religiöse Aufgaben übertragen seien und mit denen statutarisch die Möglichkeit der Verbindung osfengelassen werden müsse. Er erinnerte z. B. an litauische und andere Verhältnisse des jüdischen Ostens, an den amerikanisch-jüdischen Kongreß, die Anglo-Iewish Assooiation usw. Rechtsanwalt Strauß-München griff eine Acußernng in der Diskussion auf, nach welcher wissenschaftliche Arbeit »u den Aufgaben des ReichsoerbaudeS gehören sollen, und wies nach, daß auch hierzu uneingeschränkte Fühlungnahme mit den Organisationen ausländischer Juden möglich sein müsse. Es wurde dann die Formulierung des Entwurfs unverändert angenommen mit dem Zusatz von Iustizrat Lilienthal: „im Rahmen seiner Zuständigkeit". Die Hauptdebatte wurde ausgcsüllt von dem Thema: „Organisation". Hier standen sich zwei Anschauungen gegenüber: Rechtsanwalt Tr. Klee verlangte absolute demokratische Basis. wobei die Reichstagung auf der Basis des allgemeinen. gleichen, geheimen, direkten und prvportionellcn Wahlrechtes für alle deutschen Juden und Jüdinnen über 20 Jahre gewählt werden soll und der Rat aus der Neichstagung. eventuell unter Zuwahl von Ratsmitgliedern auf Vorschlag der Landesverbände zu wählen ist. Er wies auf die Genesis des Reichsverbandes hin. der der denkwürdigen Versammlung zu Berlin vom 28. Januar 1921 sein Entstehen verdanke. Er kritisierte einen Landesverbandspatriotismus, der das deutsche Judentum trennt, verlangte Großzügigkeit und warnte vor Bagatellisierung der Reichsorganisation. „Im Tenach" schloß er. „stünde nichts von einer Main-Linie." Dagegen traten die württembergischen und badischen Vertreter, denen lick Bayern und Hessen anschlossen. dafür ein. daß die Reichsorganisation sich auf die bereits vorhandenen Landesverbände stütze und daß nur ein Rat geschaffen werden sollte, in den die Landesverbände Vertreter entsenden sollten. Namentlich wünschten sie die Ausschaltung einer Reichötagung, die nicht viel mehr als eine Organisation zur Verteilung der verhältnismäßia nickt großen Mitteln sein würde, die die Landesverbände zur Verfügung stellen werden. Iustizrat Hommel-Schweinfurt trat losen Demokratisierung. die aber zur Zeit angesichts der Hälftung der Verbände nicht zu erreichen fei. So verlangte er gewählt werde und beantragte demgemäß, daß der Rat von den Landesverbänden in gemeinsamer Sitzung der Dertreterversammlunge» und der RatSnritglieder der Landesverbände gewählt werden solle, wobei, wenn mehr alS zwei . Ratsmitglieder zu wählen sind, die Grundsätze des Derhältv niSwtchlrechtS Anwendung finden müßte». Auf 10 000 Seelen müßte ein Vertreter der Landesverbände in den Rat gewählt werden. Jeder Verband soll mindestens einen Vertreter haben, kein Landesverband aber mehr als zwei Fünftel sämtlicher von den Landesverbänden gewählten Vertreter. Nach sehr eingehender Debatte wurde der Antrag Klee, .der in der preußischen Delegation in der Minorität blieb, und da die Landesverbände ie eine Stimme hatten, also von Preußen nicht akzeptiert wunde, mit 9 gegen 3 Stimmen abgelehnt. Der Verbefferungsvorschlag Sonnenfeld wurde angenommen. aber die Reichstagung. für die eine demokratische Unterlage nicht akzeptiert wurde, fallengelaffen und nur bestimmt, daß bei Lebensfragen des deutschen Judentums der Rat zu Demonstrationszwecken berechtigt sein solle, eine Gesamtversammluna aller Mitglieder der Landesversammlungen und der Räte sämtlicher Landesverbände einzuberufen. Diese Versammlung soll aber ausdrücklich nur de- > monstrativen Charakter haben und lediglich bei ganz besonders lebenswichtigen Fragen des deutschen Judentums einberufen wenden rönnen. Zum Schluß wurde eingehend über die -Finanzen des Reichsverbandes aesprochen. mit Rücksicht aber auf die vor. geschrittene Zeit und den Umstand, daß die Meinung sämtlicher Vertreter gehört worden war. ein neungliedriger Ausschuß eingesetzt zur Formulierung der über die Finanzengegebenen Gesichtspunkte un- »ur redaktionellen letztem Ueberarbeitung der angenommenen Berfaffung. Die Verfassung muß nunmehr in den Landesversammlungen der Landesverbände öurchberaten'und angenommen werden. Die von der Orthodoxie gewünschte Sicherung, daß di« von dem Reichsverband unterhaltenen Einrichtungen auf^ber Grundlage des Rcligtonsgesetzcs geführt werden müssen, wurde einstimmia angenommen. nachdem vorher vom allein Rednern erklärt worden war, datz^dieA'orderung»eme'Selbstpcrständlichkeit enthalte. (Ycwtnnzicyung der Deutschen Bühnengenossenschafts.Lotterir. Die Zielinna der staatlich «enchmiqten Warenlotterie der Penston-anitalt der Geiwslensäiai! Deutscher Bühnoi'-Ä,»gehörigen fand am Donver-tag. dem 15 Juli, im Hauke der Bübnengcnosfenfchaft (F'örster^aali unter Aufsatz der Behörde und unter Hinzuziehung des Notars Iustizrat Dr. Ernst Schlesinger Berlin statt Ter Ziehung wohnten dom Vorstand der Pension-» anstait Herr Kammersänger Aeisinger. sowie von der Verwaltung Herr Per» waltungsdirettor Lasst und zeitweilig vom Präsidium der Bcnossenschafd Herr Präsident Rieselt und Präsident Watlaner I,ei. Die grob das tznteresse war. beweist der Umstand, datz schon am frühen Morgen der Ziehungsraum von LoLinbabern besetzt >»ar. die dem Verlauf, der Lotterie mit Dvannnng folgten. Infolge der hervorragenden Organ», sation der ganzen Lolterie waren die sämtlichen 600 000 Lose bereits vor, dem ttiemingSlage restlos auSverlauft: denn der Anreiz, für 50 Pf. ein Auto t Vierzimmer-Eiiriichtung. 1 Flügel. 1 ..Lchwermotorrod. Piano. Sil» verkästen, Fahrräder und diele andere nützliche Dinge zu gewinnen, war für daS Pudlilum verlockend. . . _ Die Leitung der ganqen Deranstaltuas latt in den HSaden des Herrn Direttor Roihschild aus Frankfurt a. M,. der seine organisatorischen Fähig»^ keilen 'ei- Mona'en in den Dienst--n Sache gestrUt'chatte und'sie zu einem vollen Erfolg siivrie. So lonnlc diele Warenlotterie alle Erwartungen! erfüllen und wenn, was durchaus möglich itt, die «rohe Riesentrommel dem'glücklichen Gewinner, der ganz und aar nnnursikalifch ist. den Flügel und einem VerkehrSällgst. Ilcfton das viutrf bestimmt hat. so möge er erkennen, daß Fortuna eine lau» Nische «ottin: der aber, dem ein schwarzes LaL beschi^en. md«o sich trösten, denn die Glüasgvitin wallet blind und bringt nicht immer Erfüllung, meist aver Entiauschuna. . , Für den -.weck der Lotterie, den durch die Inflation schwer aeschädrgten und notleidenden Pensionären der Bühnenangehorigen Beihilfen gewähren zu tonnen, dür'tc eine erfreuliche Summe übrrgbleiben und somit das unermndli be Bestreben des QbmanneL dl.-r 'PensionSanstalt. Herrn Kammer» langer .outznor. belohnt sein. Der 1. Hauvtgewinn. 1 Harch^-Auto. siel am, die Ja. 598 599 1 Vierzimmer-Einrichtung, 1 Feurich-Flügel. i Schlafzimmer u. Küche. , ft-Rad. 1 Piano, ohne Gewähr. 229 780 41520, 281 807, 419 093 519 370 haben könne, mährend das Christentum doch die Ehe beibehalten wolle? Silvester gründet dies aus Weissagungen bei Ezechiel l'?s: Die Gottesmutter soll so sein, wie oer Dornstranch. der nicht verbrannte (Exod. 8,2s und die Erde, i wie Adam sie empfing. Silvester bringt hier den schönen ) Gedanken, daß die jnngsräulicke Erde durch das unschuldige j Blut Abels entweiht worden sei und nur durch eine Jungj frau wieder erlöst werden könne. Nicht unberührt konnte die Frage bleiben, ob der Sabbat! oder der Sonntag zu feiern sei: denn nicht lange vorher hatte \ die Kirche ja auf dem Konzil zu Nieaea (315) den Ruhetag j aus den Sonntag verlegt. Thara will nicht das Gesetz durch Mißachtung des Sabbats gebrochen wissen. Der Papst verteidigt die Feier des Sonntags, weil an diesem Tage Christus verkündet und geboren wurde, anserstand und den Heiligen Geist sandte. Jubal wundert sich über die Höllenfahrt des göttlichen Jesus. Silvester erklärt dies für vorhergesagt in den Psalmen, wo geschrieben steht: „Tollite portas principes vestras" sPsalm 21,7s. Man übersetzt diese Stelle: »Erhebt, ihr Tore, eure Häupter! Ja. erhöht euch, ihr uralten Pforten, daß der König der Herrlichkeit einziehe!" Die Kirchenväter scheinen diese Stelle so ausgclegt zu haben, daß.Jesus die Worte zu den Pforten der Hölle sagt. Diese Erklärung muß sehr bekannt gewesen sein: denn in der Kaiserchronik wird keine nähere Erläuterung hinzngcsügt und denselben Satz trifft man in einigen Passionöspielen des 14. Jahrhunderts wiederZ. Eine solche Auslegung des ganz unbedeutenden Psalmenwortes ist ein schönes Beispiel für die polemischen Deuteleien der Kirchenväter. Als letzter der zwölf Gelehrten tritt Zeleon auf. Er behauptet. Christus sei nicht auferstanden, sondern die Jünger batten seinen Leichnam bei Nacht gestohlen. Dasür will er Zeugen beibringen. Am nächsten Morgen bringt Zeleon 60 Leute herbei, die den Diebstahl gesehen haben wollen: das schwören sie bei der Lehre Moses. Silvester fragt darauf die einzelnen Zeugen nach ihrem Alter und sie geben 90 oder 80 Jahre au. Nun beweist aber der Papst aus der Schrift, daß 286 Jahre seit dem Tode Christi verstrichen sind, worauf die Juden beschämt abzichcn. Es meldet sich jedoch noch ein dreizehnter Jude, Zambri genannt, der die Ehre seiner Genossen retten will: er beabsichtigt durch eine Wundertat die Macht des wahren Gottes zu beweisen. Silvester verspricht vorsichtig, er wolle ihm In dem Frankfurter Spiel des Baldemar u. Peterweil (um 1380) spricht Christus, an das Höllentor pochend, diesen Satz, den man dort übersetzen mutz: „Oeffnet eure Tore, ihr Fürsten der Hölle!" Dies Passionsspiel weist überhaupt eine große Kenntnis der polemischen Literatur auf: So sind auch zwei Predigten Augustins. „Contra JudaeoS, PaganoS et Arianos" und „De alteratione ecclesiae et fynagogae". in daS Spiel hineingearbeitet. glauben, wenn Gott durch ihn ein Wesen töten und wieder auferstehen lasse. Zambris Einwand, daß man Gott nicht zweimal versuchen solle, weist Silvester mit Hinblick auf Gideon ab, der auch zweimal Gott versuchte (Richter 6. 37 ff.s. Nach drei Tagen wird ein außerordentlich wilder Stier gebracht, dem niemand zu nahen wagt: Zambri aber flüstert dem Tier etwas ins Ohr, woraus es tot zur Erde nicdersällt. Große Freude herrschte darauf bei den Heiden und Juden, die ihr „wichorn", ihre Schlaclsttrompetc. blasen (Schofar?f. Die Christen fasten und beten, und nach fünf Tagen tritt die Versammlung noch einmal zusammen. Silvester behauptet jetzt, Zambri habe die Tat mit Hilfe des Teufels vollbracht: er erinnert noch eimugl an alle Wunder, die der Gott getan hat. dessen drei Namen ^Abraham sah. (Hiermit sind wohl die drei Engel gemeint, die Isaaks Geburt verkündetesi (Gen. 18. 1 ff.f. Nach nochmaligem Gebet heißt der Papst den Stier im Namen Christi ausstehen, was auch geschieht. Daraufhin lassen sich alle Juden und Heiden taufen. Diese Erzählung, die uns recht naiv und primitiv erscheint, findet sich auch bei Zonaras (I3X :>j. Dort beißt der Jude Sambres, richtiger Jambres: dies soll nach GraetzZ ein stehender Name für Zauberer" sein. Was kann man mm ans dieser Erzählung iibcr das Leben der römischen Juden unter Constantin erfahren? Wie schon gesagt, hat diese Disputation wohl kaum stattgesunden, und I mau kann das Ganze als Sage, als Legende bezeichnen.! Trotzdem lassen sich daraus wohl einige grobe Züge. Allgemeinheiten über jene Zeit in Erfahrung bringen. Die Tatsache, daß ein Archisnnagogus, ein Erzbischof und ein Bischof (wie cs beißt) der Juden genannt werden, bestätigt unsere Kenntnisse von den Inden in Rom: gerade aus der Zeit Constantins des Großen sind Urkunden erhalten, aus denen hervorgeht, daß die „hieroi, presbyteri, archisynagvgi, patres synagogarum" dieselben Rechte hatten, wie die christlichen und heidnischen Priester. Es muß also ein reges materielles und geistiges Leben bei den Juden in Rom geherrscht haben, wie es auch schon in der frühen Äaiserzeit bestand: denn man hat ja in Pompeji ein Hans gefunken, das mit seinen bildlichen Darstellungen biblischer Szenen wohl einem Juden gehört hat (Pompejis Untergang 7V u. Chr.f. Ferner erfahren wir, welche Thesen der jungen christlichen Kirche von den Juden und wohl auch von den Heiden am meisten angefochten wurden. Da mißfällt den Inden zunächst alles, was gegen das Gesetz Moses verstößt: Die Lehre einer Dreieinigkeit, das Unterlassen der Beschneidung und die Feier des Sonntags an Stelle des Sabbats. Dann wenden sich Juden und Heiden gegen die christlichen Lehren, die der Verstand nicht fassen kann: Die unbefleckte Empfängnis, der Erdenwandel Gottes, sein Leiden und schließlich die Auferstehung. Wir sehen in der Disputation Silvesters mit den Juden ein lebendiges Stück jene- Ringens, daS die christliche Kirche i a) Geschichte der Juden, Bb. IV, Kap. 7. mit dem Judentum führte, um sich die Seelen und Körper der von ihrem Götterglauben unbefriedigten Heiden zu sichern. Auch das Judentum wird in den Strudel deS Werbens und BekehrenS mtthineingeriffen. und allein in dieser Zeit hat eS sich um Proselyten bemüht. Jedoch diese Tätigkeit fand noch der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion (824) ein rasches Ende, und die Juden schritten gering an Zahl hinein in die Welt der Verfolgungen und Leiden, die das spätere Mittelalter.ihnen bereiten sollte. Paul Mühsam. (Zum S0. Geburtstage des Dichters. 17. Juli 1926;) Bon Dr. E. Schwenk. Fernab von der lärmenden Heerstraße der Modeliteratur wandelt der Denker und Dichter Paul Mühsam. Der nüchterne Alltag, das Getriebe des Parteigezänks, das Geschrei der Gasse ist ihm fremd. Und wo er — wie im „Ewigen Juden" — Tagesfragen berührt, werden sie unter seinen feinnervigen Händen zu Ewigkeitsproblemen. Sein Dickten ist Denken, Erkennen, und sein Denken dichterisch gefühlt, gehoben. „Auf stillen Wegen" (wie es dieser Titel eines seiner schönsten Bücher andeutetf sucht er die Wahrheit. Er findet sie in geläuterter Naturbetrachtuwg, die mit gleicher vicbe Mensch und Tier, Blume und Stern umfaßt.' Das Verhältnis des Menschen zu Olott („Gespräche mit Gott"j, des Menschen zum Menschen („Aus dem Schicksalbuch der Menschheit"), des Vaters zum Kinde („Worte an meine Tochter"!, der Widerstreit der Bekenntnisse („Der ewige Judc"f sind die Probleme, die ihn am stärksten beschäftigen. Wie er sie löst, daS zeugt immer von dem heißen Ringen einer edlen, gütigen Seele. „Haß dem Hasie!" könnte als Motto über allem stehen, was er geschrieben. Reinheit, Frömmigkeit. Nächstenliebe sind die Pole seines Schaffens. So wird er, im edelsten Sinne, zum Mahner, zum Prediger. „Mehr Mensch!" ist der Weckruf, den er in seiner Zeit oberflächlicher Genußsucht, wütenden Näckstenhasses immer wieder an seine Mitmenschen richtet. Dem tiefen ElboSseiner Gedanken wird sich niemand entziehen können, der mit reinen, gläubigen Augen sich in das Werk des Dichters versenkt. Wenige sind, wie Paul Mühsam, berufen, Führer der Menschen zur Versöhnung, Verbrüderung, Liebe zu sein: die farbenprächtige, bilderreiche sprachliche Gestaltung des Gedankeninhaltes erhebt auch tn der Form sein Werk weit über den Alltag. Ueber alle Gegensätzlichkeiten hinweg, hat das reine, fromme Wirken des Dichters in allen Lagern — von der „Völkischen Kultur" über den „Reichsvoten" und das JB. T." bis zur „Sächsischen Bolkszeitung" freudige Anerkennung gefunden. Möge feine Stimme im deutschem Volke ein immer stärkeres Echo finden! DaS A unfex Wunsch zu feinem Geburtstage — für chn-und für uns!

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