Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 30 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein weiter die menschliche Gemeinschaft umfassender LuLblick ist niHt nur mit fester Treue gegen die wichtigsten Grundsätze unseres Lebens vereinbar, nein, dieseerhalt seine stärkste Befruchtung aus der Totalitüt deS Lebens.' Wahrscheinlich rvar Spinoza ein viel stärker betonter Jude als die Juden, die ihn in den Bann taten. Der Prophet, der auf der Heerstraße zwischen Legypten und Syrien stand und der die Gedankenkarawane» zu allen anderen Völkern der Erde gehen hieß, war mehr Jude als andere, deren Hauptmahnun-g -er Aufrechterhaltung de- Kultus galt und die fortschrittlich gesinnten Propheten in den Bann taten. So wie das Leben, so schreitet das Judentum weiter. Wer das Recht leugnet, die Thora mit den Gedanken und Pflichten jedes neuen Tages zu vereinen, ist mehr mit sich selbst, seinen Rechten und Forderungen beschäftigt als mit dem Judentum. Ein Abraham, der der lebendigen Offenbarung Gottes gegenüber blind und taub ist. die einen neuen und besseren Weg zu Gott zeigt, ist ein Abraham mehr von hochmütigem Selbstbewutztsein als von der Gottesaufgabe erfüllt, allen Völkern der Erde zum Segen zu werden. Für das liberale Judentum sind Formen weder geheiligt noch unbedingt. Kein Synhedrin kann Sitten ge- oder verbieten, wenn das Leben es anders verlangt. Wo eine „Form" zwischen Leben und Religion steht, bleibt die Religion, unbeeinflußt vom Leben, nur ein Teil seines Bewußtseins, oder sie wird zn einem mechanischem, mehr oder minder wirksamen Werkzeug seines sozialen Daseins. Wir sind nicht Juden nur für unser Heim und die Dyna» gogen. „Du sollst von ihnen sprechen" in jeder Phase und jeder Betätigung Deines Lebens. Und wenn der Jude an die Pforten der großen Lebcnszentren vocht, so kommt er als einer, in dem der Geist des Propheten lebt, als einer, dessen Buch nach dem Leben geschrieben ist. von dem der Talmud Gebet statt Opfer verlangt, ein Gebet, das aus dem immer beweglichen, immer starken, freien, weitansblickenden und zielbewnßten Lebens strömt. Die Sountagssitzuug. Der Sonntag wurde durch Rabbiner Abram Simon aus Washington eröffnet, der über die Flüssigkeit des liberalen Gedankens sprach, nur die Orthodoxie ist starr. Der Liberalismus muß auch manchesmal nach rückwärts blicken, sonst verliert er die Verbindung mit der Zukunft, mit den Massen, mit der Jugend. Deshalb darf er auch nicht nur auf Intellektualismus eingestellt sein. Das liberale Judentum sollte sich seiner schöpferischen Kraft bewußt sein und seine eigenen Formen, selbst seine eigene Mystik haben. Das Problem des liberalen Judentums ist das Problem des modernen Lebens. Was das Judentum der modernen Welt zu geben hat i st: Verwerfung jedes Nationalismus, der auf B l u t s g e m e i n s ch a f t g e st ü tz t ist. Rabbi D r. Samuel S ch u l m a n , New Aork, hielt darauf einen Vortrag über „Die Synagoge im modernen Leben". Es gälte zu ergründen, sagte er. was der moderne jüdische Mensch, der inmitten einer nichtjüdischen Umgebung lebt, braucht. Das Judentum ist eine Religion für moderne Menschen. Seine Formen waren niemals in Stein erstarrt gewesen. Die jüdische Religion ist die Autobiographie der jüdischen Seele. Die Synagoge gibt dem modernen Menschen drei Dinge: die Idee eines transzendentalen, rein geistigen Gottes; ein ethisches Lebensgesetz; eine unzerstörbare Hoffnung auf den Fortschritt der Menschheit. In diesem Sinne ist Israel eine Nation, ein historisches Volk, vereinigt durch eine gemeinsame Mission. Mir lehnen alle Begriffe einer Nationalität ab, die aus Blut basiert. Wir sehen die jüdische Individualität nicht im Blute. Die jüdische Individualität besteht in ihrem Ideengehalt. Wir nehmen teil an dem nationalen Leben des Volkes, unter welchem wir leben. Die Ideen können Völker vereinigen, Blut ist keine Brücke. Das Judentum kann niemals mit der Wissenschaft in Konflikt geraten; es heißt jede Wahrheit willkommen, stamme sie aus welcher Quelle immer. Es wurde gesagt, daß Israels Mission erfüllt sei. Dies behaupteten sowohl die Vertreter der herrschenden Religionen, als auch die Inden, die das Judentum nur national interpretieren. Nein, wir haben immer noch , die Aufgabe, die Welt zu Gott zu führen und auch uns selbst zu bekehren. Die westliche Welt hat die jüdische Auffassung von Gott noch niemals begriffen. In ihrem innersten Herzen verehrte sie den Menschen, nicht Gott. Das ist die große Ketzerei der westlichen Zivilisation, daß sie Mensch und »Gott identifiziert. Das GotteSgesetz ist die Methode Gottes, umden Menschen zu werben: Pflicht ist die Methode de- Menschen, Gott zu finden. Die Synagoge hat die Idee einek htantpf der Liberalen weniger gegen die Orthodoxie als ' xgegen de« Ziont-mus. Die großen jüdischen Gemeinden _ tzhAen religiöse und kulturelle Aufgaben, in deren Berwirkkonkretttr, einepersönlichen Äefsias 'verworfen." Sie stehtz JKa« fi<§ beiden religiösen Richtungen teilen. Sie nicht endliche Erfüllung tn irgendeinem Geschehen oder in, kMehrtzeit der Zionisten ist religiös konservativ, ihre Berirgendeinem Menschen. Die Quintessenz messianischer Hoff, nung ist eben die Hoffnung selbst. Erfüllung zerstört das Jdeal. Die Synagoge ist dem ewigen Bräutigam selbst angetraut. Da- Alte Testament ist nmfaffeud, es braucht kein Supplement. Das Judentum steht in der Natnr keinen 4 Dualismus. Es sieht nicht Gott in den geliebten Dingen und das blinde Fatum in den bösen Dingen, die es nicht gibt. Das Judentum sieht Gott in allen Dingen, im Guten und im scheinbar Bösen. Gott will die guten wie die bösen Gefühle zu einem höchsten Zwecke. Die Spekulation ans Unsterblichkeit ist nicht jüdisch. „Wenn Du mich auch schlägst, ich will Dir dennoch vertrauen." DaL ist jüdischer Geist. Wir danken Gott für das Leben, seine Schönheit und Wunder und sind zufrieden, den Rest in seine Hände zu legen. Anmaßung ist es. gleich Gott ewig fein zu wollen. Gäbe es eine Unsterblichkeit, es wäre eine große Sache, aber es ist nicht an uns. dies zu verlangen, als etwas, das unS gebührt. » , Als nächster Redner sprach Rabbiner Dr. Wiest er,, Berlin, über daS Thema: „Der Glaube an die Inspiration der Bibel im Lichte der Bibelkritik." Unsere Leser finden in der nächsten Nummer einen eingehenden Auszug aus seinem ausgezeichneten Referat, das den stärksten Beifall der Versammlung fand. D r. M a t t u ck. Rabbiner an der liberalen Synagoge in London, spricht über den Gebrauch der Bibel im Gottesdienst und im Unterricht, und über den Unterschied zwischen Bibel und Talmud. Die liberalen Juden der ersten Generation hatten die Bibel weit über alles andere gestellt, sie hatten ihr wieder den ersten Platz im jüdischen Leben gegeben. Die Bibel war ihnen nicht nur das größte jüdisch-liberale Erzeugnis, sie war das einzige Schriftwerk, das allen Juden aller Sprachen zugänglich mar. Alle andern jüdischen Schriften, wenn sie überhaupt durch Uebersetzung zu erlangen waren, kamen dem Originale in keiner Weise nahe. So lag für den Juden der einzige Weg zum jüdischen Geiste in der Bibel. Aus ihr kam der Glaube an Gott und an fein Volk Israel. Doch wir dürfen uns der Tatsache nicht verschließen, daß die Autorität der Bibel durch Forschung und Wissenschaft in großem Maße zerstört ist, viele ihrer Erzählungen können nicht mehr als historische Tatsachen gelten, was wir Liberalen Juden offen zugeben müssen. Wir können nicht glauben, daß „Gott Pharaos Herz hart machte —" und daß er befahl, daß Aegyptens Erstgeburt getötet werde. Der Verfasser dieser Bibclstellen hatte eine Vorstellung von Gott, die wir nidjt zur unsrigen machen können. Dagegen sträubt sich unser Gewissen wie unsre Ehrfurcht Je fester wir in der Bibel nur das Beste zusammensassen. was uns durch Kritik und Wissen ermöglicht wird, desto größer wird uns die Bibel. Die rauhe Darstellung der früheren Teile der Bibel wird ausgeglichen durch das Aufblühen des jüdischen Geistes in den Propheten, den Psalmen und den Gesetzgebern. Die Einheit zwischen diesen Teilen und dem ersten Teil wurde von der höheren Kritik und der geschichtlichen Entwicklung gesehen nicht in der einmaligen Offenbarung, sondern in deren fortschreitendem Geschehen. Sie ist groß, nicht mell sie göttlich ist. sondern weil sie den menschlichen Geist in seinem Bemühen zeigt, zu Gott zu gelangen. Das Gesetz, so sagt Dr. Mattirck, bedeutet dem Orthodoxen etwas anderes wie dem Liberalen. Diesen ist er ein Symbol der Offenbarung, nicht die Offenbarung selbst. Ihre Stellung zur Bibel besteht nicht darin, daß sie daraus wählen, was ihnen gefällt und anderes verwerfen. Sie nehmen die Bibel als ein ganzes, von heiliger Begeisterung erfülltes Werk, das zum höchsten wurde, weil cs von Menschen verfaßt war. die vom Geiste Gottes berührt worden waren. Der Nachmittag war der Erörterung des Standes der liberalen Bewegung in allen Ländern gewidmet. Das erste Referat erstattete Rechtsanwalt Heinrich Stern, der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland über „Jüdischen Liberalismus in Deutschland": Hier, so führte er aus, gibt es keine spezifischen liberalreligiösen Gemeinden, die nach Gesetz bestehenden Gemeinden vereinigen liberale, konservative und zionistische Gemeindcmitglieder. eigene Gemeinden besitzt nur die „Tren- -rnrngsorthoLoxie„.> In politischer Hinsicht richtet sich der .tretar 1» Le« Gnnetnöeverwaltungen gehen in der Regel (»mit den Konservativen zusammen. Der Gegensatz zwischen .Liberale» und Zionisten besteht darin, daß die Liberalen jEda- Judentum nur als eine religiöse Gemeinschaft ansehen , %n& den Begriff „Jüdisches fßoir ablehnen. Die Mehrzahl »der Liberalen betrachtet alle politischen und kulturellen Fragen vom rein deutschen Standpunkt und anerkennt die >NotwenbigLÄt eines jüdischen Sonderlebens nur in religiöser Beziehung und auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge an. Der Kamps gegen den Antisemitismus wird von der Mehrheit liberaler Jstden von dem Gesichtspunkt aus ge- 'führt, daß die Juden in Deutschland nicht allem volle volitische und staatsbürgerliche Rechte zu genießen haben, sondern daß sie politisch, wirtschaftlich und lnlturell mit ihrem Vaterlande auf Gedeih und Verderb verbunden sind. Der nationaljüdische Standpunkt einer jüdischen Kollektivität innerhalb des Staates und der Notwendigkeit einer Hcbräisierung der Jugend schwächt unseren Kampf gegen den Antisemitismus. In dieser Beziehung stehen viele Konservative auf unserer Seite. Die brutschen Zionisten fühlen sich kulturell und politrsch gar nicht als Bestandteil des deutschen Volkes und unterscheiden sich darin von den englischen und amerikanischen Zionisten. Die deutschen Zionisten unterstreichen die Existenz einer nationaljüdischen Gemeinschaft in den Ländern der Diaspora. Deshalb sind die Gegensätze zwischen Liberalismus und Nationaljudentnm in Deutschland so scharf, daß sie sogar eine Zusammenarbeit in rein religiösem Fragen zwischen Liberalen und liberalgesinnten Zionisten unmöglich machen. Jndesien streben einige religiös-liberal orientierte zionistische Führer eilte Annäherung zwischen den beiden Bewegungen an, und so ist zu hoffen, daß der Kampf an Schärfe verlieren und eine Zusammenarbeit in 'Fragen religiöser Natur möglich werden wird. Herr N.-A. Stern führte weiter aus, daß in Deutschland viele für die Wiedereinführung der Gebete um Zion sich einsetzen. Sonntagsgottesdienste sind tn Deutschland selten, da die überwiegende Mehrheit der Liberalen gegen solche Gottesdienste sind, die des sabbatlichcn Zeremoniells entbehren müssen. Die liberale Bewegung in Deutschland betrachtet den Kampf gegen religiösen Jndifferentismus, der unter vielen mit dem Zionismus sympathisierenden jungen Juden Platz greift, als die wichtigste Ausgabe. Ueber liberales Judentum in Amerika referierte Rabbt I. Morgenstern. Das amerikanische Reformjudentum ist nunmehr in die dritte Generation cingctrcten. Die erste Generation, die ihren Reformismus aus Deutschland mitbrachte, stand vor dem Problem der Sicherung der wirtschaftlichen Position und der kulturellen Anpassung. Die Führer waren in Deutschland geboren und erzogen, sprachen deutsch und fühlten sich im Geiste mit Deutschland ver-! bunden. Die Gebetbücher enthielten auch den deutschen! Text, die Predigten wurden in deutscher Sprache gehalten und atmeten deutschen Geist. Die zweite Generation ist gekennzeichnet durch die Begründung der „Union of Hebrew Congregations" (1873) und der „Hebrew Union College", (1875), beides Schöpfungen des Begründers des Reformjndentums Mr. Jsaac M. Wise. Unter der Führung der Vertreter amerikanischen Geistes begann in der dritten Generation die neue Orientierung. Im Jahre 1882 setzte die jüdische Masseneiuwanderung aus Osteuropa ein. die 40 Jahre andauerte. Die Neuankömmlinge waren orthodox gesinnt. Diese Orthodoxie lehnt jedes Kompromiß mit dem modernen Leben ab. Mit. der Zeit entsteht ein neues Judentum in Amerika, das sich wahrscheinlich vom Reformjudentum ebenso unterscheidet wie von der Orthodoxie. Zu bedauern sind die Erscheinungen der Abtrünnigkeit und der Mischehe, sowie die Nichtbeachtung der Sabbatruhe. Der Synagogenbesuch hat nachgelassen. Die seit 40 Jahren bestehenden Sonntagsgottesdienste sind auch heute noch Experimente von zweifelhaftem. Wert. Mit aller Kraft mirß das neue Erziehunqssystcm gefördert werden, das helfen wird, ein neues Judentum aufzubauen. Ueber liberales Judentum in England berichtete Claude G. Mo nt es io re. Die religiös-liberale Union besteht seit 16 Jahren und entwickelt sich unabhängia von der 1842 entstandenen Reformbewegung. Die Union wurde auf An- Der Disput zwischen dem Papst Silvester und zwölf gelehrten Juden. Nach dem Bericht in der Kaiscrchronik des Pfaffen Konrad. Von Herbert Loewcnstein-Danzig. SUs das Christentum in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens sich bemühte, seine Berechtigung und seinen Wert zu beweisen und unter den Juden und Heiden Anhänger zn werben, da wurde es hauptsächlich von zwei Bestrebungen bei den Bckehrungsversuchen geleitet: Einmal bemühten sich die christlichen Apostel, ihre Lehre als etwas ganz Neues, als die Krone aller Verkündigungen hinzustellen; andererseits hegten sie aber wieder den Wunsch, zu zeigen, daß die christliche Lehre die Tochter des Judentums sei, die von den WeiSsagnilgen im alten Testament schon lange verkündet worden war'). Von diesem Geiste zeugen die Bibelauslegungcn und oft recht gezwungenen Deuteleien der Kirchenväter, wie sie Tertullian in seinem „Contra Praxean", Justinus, Eusebius von Cäsaren und Augustin in seinem „Sermo contra Judaeos" bringen. Ein wichtiges Beispiel für solche Polemik, die sich schließlich ans beiden Seiten durchsetzte, bildet der Religionsdispnt des Papstes Silvester mit zwölf gelehrten Juden Roms, der auf Veranlassung Cvnstantins des Großen stattgefunden haben soll. Zwar ist cs kaum genügend geschichtlich beglaubigt, daß dieser Disput wirklich stattgefunden hat; denn die Gestalten Silvesters wie Cvnstantins werden von Sagen und Legenden umwoben. Jedoch kann man wohl annehmen, daß die Inden jener Zeit sich auch mündlich gegen die Thesen des Christentums gewandt und ihre eigenen Glaubenssätze ins rechte Licht gesetzt haben; wenigstens aber läßt sich aus den im Gespräche behandelten Fragen ersehen, welche Grundsätze der christlichen Lehre am meisten angegriffen wurden, und mit welchen Argumenten die Kirche sie zn stützen suchte. Die Silvesterlegende, in deren Zusammenhang der Disput beschrieben wird, erzählt Mombritius in seinem Sanctuarium II als „Actus Silvestri". Bon dort hat die Legende ihren Weg auch in die erste deutschsprachige Chronik genommen: In die Kaiserchronik des Pfaffen Konrad. Um 1160 mag dieses Werk des Regensburger Geistlichen entstanden sein, das in mittelhochdeutschen Versen mit der Geschichte des römischen Reiches von Julius Cäsar an beginnt. Ueber Dietrich v. Bern, Karl den Großen geht die Chronik weiter bis Bernhard v. Clairvaux, mit dessen Auftreten die Erzählung abbricht. In seinen unebenen Versen, nicht recht als Poesie und nicht als Prosa zu bezeichnen, bringt der Verfasser eine Sammlung von Legenden und Anekdoten; sein Ziel ist es nicht, einen geschichtlichen Bericht zn schreiben. Z Vgl. hierzu Graetz, Gesch. d. Juden IV. sondern zn unterhalten, und so bringt er wehr Geschichten als Geschichte. Im Zusammenhänge der Regierungsgeschichte Vespasians findet man auch in der Chronik einen Bericht von der Belagerung und Eroberung Jerusalems; von Joseplms wird da erzählt und von dem Schicksal der besiegten Juden, von 1 denen dreißig für einen Pfennig verkauft worden sein sollen! Weiter kommt der Chronist schließlich auf Constantin den Großen (274—337), der am Aussatz litt und vom Papst Silvester durch die Taufe geheilt wurde. Ueber den Glaubenswechscl des Kaisers mar seine Mutter Helena sehr traurig. Mombritius erzählt, die Juden hätten sich hinter sie gesteckt und sie beredet, so daß sie fast Jüdin geworden wäre; um auch ihrem Sohne das Judentum nahezubringen, habe sie einen Disput veranstaltet. Weniger motiviert läßt der Pfaffe Konrad die Königin Helena einen „Sent"') einberufen, in dem Silvester den Wert des Christentums den Juden und Heiden beweisen soll. Es werden die Gelehrtesten von den Juden und Heiden cinberufen lbci Mombritius wählt der Hohepriester Asachar die zwölfe aus,; von den Heiden ergreift im Verlaufe des Disputs aber keiner das Wort. Von den Juden spricht der Archisynagogus Abiathar, der „Erzbischof" Jonas, der Edle Godolias, Doech sin anderen Handschriften Docht, Doüct und Jocch genannt), Annan iAnan?) und der „Bischof" Kusi; ferner tritt aus Didascali jdieser Name soll nach Roediger ans der falschen Auffassuna von „didascali synagogae" bei Mombritius entstanden sein), Arocl, Benjamin, Tharä, Jubal und Zelevn. Zuletzt tut der Jude Zambri noch ein Wunder, das aber von Silvester übertroffen wird. Als Richter werden die Römer Crathon und Zeuvphilus gewählt. Der Wettstreit sollte in Tnraz, dem heutigen Dnrazzo bei Skutari in Oberalbanieu, ansgetragen werden. Gegen die christliche Lehre bringen die jüdischen Gelehrten folgende Gründe vor: Abiathar, der Archisynagogus, behauptet, daß die Christen das Gesetz Moses verletzen, weil sie drei Götter haben wollen. Durch viele Juden ließ Gott Wunder Inn, was man noch nie von Christen gehört habe. Silvester beweist darauf an Hand des Josephns, daß Jesus die Tochter des Archisynagogus Jairns erweckt habe: ferner erzählt er vom Jüngling zu Rain und von LazaruS. Abiathar meint, das beweise nur, daß Jesus ein guter Arzt gewesen sei; er wolle nicht mehr als den einen Gott. Nach längeren Beweisen gestehen die Richter Silvester zu, daß die Dreieinigkeit nur einen Gott bedeute. — Zur Zitierung des Josephns ist folgendes zu sagen: In sämtlichen Werken des Geschichtsschreibers wird dieser Jairns nirgends erwähnt, sondern nur ein Richter des Namens ans der Zeit vor Simson lJüd. Gesch. V 7). Christus wird nur an einer Stelle dort genannt, über deren Echtheit man sich aber nicht im klaren ist (Jüd. Gesch. XVIII $). Jonawundert sich, baß Gott sich martern und ans Kreuz 2) Mittelhochdeutsches Lehnwort, entstanden aus „synodus". schlagen ließ; Silvester zeigt ihm dies als voransgesagt bei ,^JeremiaS". Die fragliche Stelle findet sich in Wahrheit aber bei Jesaias 53,7: Jahwe aber ließ ihn treffen unser aller Schuld. Gemißhandelt ward er . . . usw."Z. Godolias hält es für unmöglich, daß eine Jungfrau ein Kind gebären könne. Der Papst gründet diese These auf mehrere Zitate auS dem alten Testament: Eins aus Jesaias, ein anderes, das in einem der Bücher Moses stehen soll, aber kaum echt ist, und als drittes aus „Habaknk". daß man den Gottessohn zwischen Tieren in einem Stall finden werde, Bei Habaknk findet sich jedoch nicht eine solche Stelle. Später kommt Annan noch auf diese Frage zurück: Silvester habe gesagt, daß Maria ans ewig Jungfrau geblieben sei; nun habe sie aber noch mehr Kinder gehabt, wie etwa den Apostel Jakobus. Der Papst beruft sich hiergegen auf eine Stelle, die bei Ezechiel zu finden sein soll. Doech sagt: Nach deiner Rede hätten ja viele Menschen Gott geschaut, was nicht einmal Mose, seinem Liebling, vergönnt war. Silvester liest zur Begründung eine Stelle aus dem Psalmen vor lPs. 109, 1): „Sede adextris". i„Denn er lJahwe) steht dem Armen zn Rechten") Diese Worte sollen sich erfüllt haben, als Gottes Sohn Mensch wurde. Nach schlauen Erkundigungssragen stellt nun Kusi, der „Bischof" der Juden, cs als ungerecht hin, daß Christus nur die Menschen aus der Hölle befreite, nicht aber Luzifer und die anderen sündigen Engel. Auf die Frage des Papstes, was Gott denn im Himmel tue, antwortet Kusi, er verdamme die Uebermütigcn, schütze die Niederen und lasse die Demütigen das Himmelreich gewinnen. Nun erklärt Silvester, daß die Kinder Adams befreit wurden, die nur ungehorsam gewesen waren, nicht aber Luzifer, der die Sünde deS Hochmuts begangen hatte. Didascali beginnt, daß Abraham als erster Gott gehorsam war, während alle Menschen vor ihm verloren seien. Hier greift Silvester schon ein und beweist aus der Schrift, daß Abel, Noah und Henoch gerettet worden wären. Didascali erklärt, er habe gemeint, Abraham sei gehorsam gewesen, weil er als erster die Sitte der Beschneidung übte, der sich auch Isaak, Jakob, Moses und Jesus unterzogen. Silvester bestätigt dies; aber Jesus stehe an der Grenze der alten und der neuen Lehre: er ließ sich beschneiden und führte die Taufe ein. Außerdem wurden einige Menschen vor Abraham gerettet, weil Gott nach Deuter. 10,16 eine aeistige Beschneidung für wichtiger halte als die leibliche: „Circumcidite corda". Aroel fragt, ob die fünf Weltalter erlöst worden seien, und erhält die Antwort, daß nur die Gläubigen, die Gottes zehn Gebote halten wollten, aus der Hölle befreit worden wären. Auf die Frage der. Jungfrauengeburt kommt Benfamin noch einmal zurück: Warum Jesus keine ehelichen Eltern *) Diese und die folgenden Bibelstetlen in der Uebersetzung von E. Kautzsch.