Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 30 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Immer und immer wieder war das liberale Judentum von seinen Gegnern totgesagt worden. Und dennoch lebt es. Immer und immer wieder war den deutschen liberalen Juden gesagt worden, sie seien mit ihren Ansichten alleinstehend in der Welt, ringsum gingen die jüdischen Massen mit der zionistischen Bewegung. Immer und immer wieder haben orthodoxe Pamphlete den jüdisch-religiösen Liberalismus als Nur-Negation zu verdächtigen sich bemüht. Und nun zeigte die erste Welt-Konferenz des liberalen Judentums in der liberalen Synagoge zu London die Wahrheit. Die Bedeutung der Tagung war in erster Linie darin zu erblicken, daß eine ständige Verbindung zwischen den liberalen Juden der verschiedenen Länder der Erde hergestellt wurde. Der religiös-jüdische Liberalismus hat sich seine Welt-Organisation geschaffen, die nunmehr zu allen Kragen des jüdischen Lebens Stellung nehmen kann und Stellung nehmen muß. Nun wird vielleicht das Judentum aus der Nolle der Passivität endlich heraustreten, wieder zu den mannigfachen Problemen des Lebens vom Standpunkt der Ethik seiner Religion Stellung nehmen. Ist'uns nicht die Aufgabe gegeben, versöhnend zu wirken unter den Völkern, Gerechtigkeit zu schassen zwischen den Menschen, Demut zu fördern vor der Schöpfung? Als der Weltkrieg toste, schwiegen die berufenen Vertreter der jüdischen Religion, segneten statt .des Friedens die Waffen. Als die Massen verelendeten, schwiegen wiederum die berufenen Vertreter der jüdischen Religion, die nur zu sehr infolge der dauernden antisemitischen Angriffe vor Forderungen im Namen jüdischer Religiosität zurückschreckten. Vor einem Jahre schrieb anläßlich der Stockholmer Kirchenkonferenz der Offenbacher Rabbiner Dr. Dienemann: „Und hätten wir denn zu all den Fragen der Gegenwart nichts zu sagen? Hätten wir gar nichts zu sagen zu der Frage des Friedens, des Rechtes oder Nichtrechtcs auf Krieg, wir, die wir in unseren Propheten Jesaja und Micha die ersten Verkünder eines ewigen Friedens waren? Nichts zu sagen zum Völkerbund, wir, die das erste Gebet geprägt, daß „alle bilden sollen einen Bund, den Willen Gottes zu tun"? Wäre von uns nichts zu sagen über den Zusannnenklang von nationalem Empfinden nud einem rechten Internationalismus? Hätten wir nichts zu sagen zu der Frage der Bodenverteilung, wir, die wir in der biblischen Agrargesetzgebung das klassische Beispiel des Bodengesetzes besitzen? Wäre von seiten des Judentums nichts zu sagen zu der allgemeinen Auseinandersetzung zwischen Individualismus und Sozialismus, dem Recht des einzelnen auf sein Denken und Tun und dem Recht der Gesamtheit ans den einzelnen? Wäre nichts von uns aus beizutragen zur Lösung des Problems einer gerechten Arbeitsordnung, ist von uns, dem Judentum, kein flammender Protest zu erheben gegen die Mechanisierung des ganzen Lebens, gegen die Mechanisierung des Menschen und seiner Arbeitskraft? Hätten wir gar nichts zu sagen zu der Frage nach dem Recht des Zinses und seiner Grenze? Gar nichts zu reden zu der überall einsetzenden Lockerung der Sitten, vor allem im Verkehr der Geschlechter, zur Frage nach dem Recht oder Unrecht der Beschränkung der Kinderzabl, der Geburtenverhütung. der Unterbrechung der Schwangerschast? Wäre nichts zu sagen zum Protest gegen die Herrschaft des Unpersönlichen über den Menschen? Für alle diese und noch so unendlich viele andere die Welt bewegenden und aufwühlenden Fragen hätten wir Entscheidendes zu sagen, zu sagen sowohl aus dem Geiste der Religion im großen, wie er lebendig sein muß in jedem, der mit Ernst nnd Wahrheit sich bekennt, als auch aus den in unserem heiligen Schrifttum anklingenden Stimmen." Nun ist der „Weltverbanö des religiös-liberalen Judentums" gegründet. Ihm wird es obliegen, zu den Problemen des neuzeitlichen Lebens aus dem Geiste des Judentums Stellung zu nehmen. Nicht vom Standpmckt des Buchstaben-Glaubens aus darf das geschehen, sondern nur von dem des Geistes, der unsere Schriften, unsere Geschichte und die großen Führer unseres, Stammes beseelte und auch in Zukunft beseelen soll. Wird der Weltverband des religiös-liberalen Judentums mit der Erfüllung seiner Aufgaben Ernst machen, so wird der Tag seiner Gründung ein Ehrentag in der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft bilden. Schon im Jahre 1914 sollte auf Anregung der deutschen „Bereinigung für das liberale Judentum" in Elberfeld der Zusammenschluß aller liberalen Juden der Welt erfolgen. Ein Jahr zu spät. Denn der Weltkrieg vereitelte die Absichten. Gegenüber den Aufgaben .zur Verwirklichung jüdisch-religiöser Ideen im Leben der Menschheit wirken die Bestrebungen anderer jüdischer Bewegungen der Gegenwart klein. Man weiß, daß die Orthodoxie fast immer nur „zurückgebliebener Liberalismus" ist; hundert Jahre weiter, und das, was wir Heute sagen, wird auch bei ihr gelten. Wir Menschen schreiten einmal verschieden schnell. Und man wußte auf dieser Konferenz, daß die Verwirklichung jüdischer Ideen nur durch Weckung jüdischer Religiosität, nicht durch zionistische Politik erfolgen wird. Unzweifelhaft war die überwältigende Mehrzahl der Kongreßteilnehmer nicht zionistisch gesinnt. Sie alle hielten den Zionismus für eine Bewegung, die nicht nach Ewigkeitsmatzstäben wie der jüdisch-religiöse Liberalismus gemessen werden kann. Als Stephan S. Wise, amerikanischer Reform- Rabbiner und Mitglied des zionistischen Aktions- Komitees, eine Stellung der Konferenz zum Zionismus herbeisühren wollte, stieß er auf den heftigsten Widerstand bei seinen amerikanischen und englischen Freunden. Und der Vorsitzende der Konferenz, der Londoner Rabbiner Dr. Mattuck, widersprach scharf der Erörterung dieser Frage: denn man sei zusiammengekommen, um Fragen des religiös-liberalen Judentums «zu erörtern. Der Kongreß überlasse die Stellung zum Zionismus dem Einzelnen, beim einzelnen Zionisten liege auch die Entscheidung, ob er am Weltverband des religiös-liberalen Judentums Mitarbeiten könne. Die Londoner Konferenz hat ihre Ausgabe erfüllt. Der Zusammenschluß der liberalen Juden der Welt ist erfolgt, die Grundlageir des jüdisch-religiösen Liberalismus wurden klargelegt. Die nächste Konferenz wird sich mit der Verwirklichung der jüdischen Religion im Leben des Menschen und der Menschheit zu befassen haben. % * * Wir lassen nunmehr den ausführlichen Sitzuugöberrcht über die londoner Tagung folgen. Aus Deutschland waren u. a. anwesend: Rabbiner Dr. Tienemann-Osfenbarh, Dr. Ettinger-Fronksurt, Fabian-Königsberg, Prof. Friedländer-Berlin, Rabbiner Dr. Goldmann-Leipzig, Dr. Hoffman-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Italiener-Darmstadt, JauluS-Berlin, Rabbiner Dr. Salzberger-Frankfurt, Rabbiner Dr. Samuel- Essen, Rabbiner Dr.^eligmann-Frankfurt a. M., Professor Sobcrnbeim-Berlin, Rechtsanwalt Stern-Berlin. Rabbiner Dr. Wiener-Berlin, Rabbiner Dr. Wilde-Magdeburg. Wovöa-Berlin. Ter Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum hatte folgende Begrüßungsadresse durch ihren Führer, Rechtsanwalt Stern-Berlin, bei Beginn der Tagung überreichen lassen: „Namens der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland begrüßen wir die Londoner Versammlung der Vertreter und Führer des liberalen Judentums aller Länder, in denen der Drang nach Erneuerung und Verjüngung des Judentums sich mit lebendiger Kraft regt. Wir begrüßen diese Versammlung als eine bedeutsame Kundgebung zur Erhaltung nnd Fortbildung des Judentums und zur Belebung des religiösen Sinnes unter seinen Bekennern. Wir begrüßen sie als eine weithin vernehmbare Botschaft von dem Lebensivillen des religiösen Judentums und von seiner ungebrochenen Kraft. Wir erwarten von dieser Versammlung die Berkündigung einer wohlerwogenen Plattform des gesamten liberalen Judentums, ein Bekenntnis vor allem zu der unvergänglichen Sendung des Judentums, das die göttliche Bestimmung und die heilige Aufgabe Israels inmitten der Völker der Erde mit prophetischem Geiste erfassen und damit die Gleichgültigen unter uns. anfrütteln, die Kalten erwärmen und die Entfremdeten zurnckfuhren soll zu der religiösen Heimat. In einer Zeit, in der neue Menschen nnb neue Gedanken und Forderungen überall an die Türen pochen, geben wir uns der Zuversicht hin, das Ohr dieser Versammlung geöffnet z« «Men dem relisiSssn Sehnen und Verlangen der jüdischen Gegenwart, die den Ruf der Jugend nicht überhört, aber auch die Ewigkeitsforderuvgen des Judentums, die Treue und den Gehorsam zu dem Vermächtnis der Väter zu bewahren gewillt ist, um so dem Judentum einen Weg aus der Zerrissenheit der Gegenwart in eine sichere Zukunft zu verbürgen. Mögen die hohen Erwartungen, die wir von dieser Versammlung hegen, mögen die Wünsche und Hoffnungen, mit denen wir sie begleiten, sich erfüllen! Möge von der Versammlung, die aus dem Mutterboden deutschen Judentums ihre ersten Keime empfing, ein Geist der Einsicht und Kraft, der Versöhnung und des Friedens ausgehen, zur Verherrlichung Gottes und zum Segen des Judentums und der ganzen Menschheit!" Der erste Tag. Die Konferenz wurde von Claude Montefiore» dem Vorsitzenden der Jewish Religious Union mit Worten deS Dankes an die Erschienenen eröffnet, nachdem einer der Rabbiner gebetet hatte, nicht in herkömmlichen Gebets- Worten, sondern ganz dem Augenblick und dem Zweck des Zusammenseins entsprechend. Dies wiederholte sich übrbgens bei und nach jedem Zusammensein, und alle anwesenden Rabbiner hatten auf diese Weise Gelegenheit, der Versammlung ihre Kraft und Eigenart im Gebet zu zeigen. Montefiore betonte, daß er stolz darauf sei, daß die Konferenz der neuen Synagoge der Liberalen Bereinigung d»e Weihe gebe. Der erste Gedanke einer solchen Konferenz war t» Jahre 1913 von den Führern des deutschen und amerikanischen liberalen Judentums ausgegangen. Per Krieg vereitelte die Ausführung. Daß sie jetzt gelungen ist, ist nicht mein Verdienst, sagte Mr. Montefiore, sondern lediglich das der Gründerin unserer Vereinigung. Miß Lily Montague deren Begeisterung und Energie alle Hindernisse überwanden. Die Konferenz zeigt ihre große Bedeutung schon in der Tatsache, daß so viele große Gelehrte hier sind: ich begrüße besonders Professor Elbogen, auf dessen Mitarbeit wir stolz sind. Wie würde Israel Abrahams sich gefrent haben, hätte er diese Konferenz miterlebt. Die Schwierigkeiten, die das liberale Judentum in allen Ländern findet, sind groß, aber größer sind die Fortschritte, die es aufzuweisen hat. Die Konferenz zeigt die Lebenskraft des liberalen jüdischen Gedankens, der hier in keiner Weise polemisch ausgesprochen werden soll. Gerade weil wir davon überzeugt sind, daß die Zukunft und das Glück des Judentums auf dem liberalen Judentum aulgebaut sein wird, deshalb sind wir um so demütiger. Da sich das liberale oder fortschrittliche Judentum überall verschieden entwickelte, sind seine äußeren Formen nicht einheitlich. Aber diese sind von untergeordneter Bedeutung» da die Grundlage des liberalen Judentums den wahren Kern des Judentums enthält. Wir liberalen Juden glauben an die Grundsätze ununterbrochener Offenbarung, wie sie sich dem modernen Leben anpaßt, und mit diesem verbinden wir Lehre nnd Ueberlieferung. Mr. Montefiore bittet alles zu vermeiden, was rn-it jüdischem Nationalismus nnd Zionismus zusammenhängt, damit die Geister nicht allzusehr aneinander geraten, ba viele Liberale entschiedene Gegner dieser Bewegung sind, andere wieder die Neberzeugung haben, daß sich Liberalismus und Zionismus vereinigen können. Diese Konferenz wird, so hoffen wir, der Anfang einer langen Reihe von Konferenzen sein, die uns liberalen Inden aus allen Teilen der Erde vereinigen und jenen Inden die Botschaft des liberalen Judentums bringen wird, wo es noch schwach oder gar nicht entwickelt ist. Nunmehr nahm das Wort zu einer Erwiderung auf die Willkommensrede Montefiores Rabbiner Dr.Selizmann-Frankfurt a. M. Wir werden sein Referat ungekürzt in der nächsten Nummer veröffentlichen. Rabbiner D r. L o n i s W o l s e y, der Präsident des amerikanischen Rabbinerverbandes, führte hierauf etwa folaendes aus: Unser Verband, die größte Rabüinerveremigung in der Geschichte, ist seiner ganzen Gesinnung nach fortschrittlich. Wir glauben, daß die Entwicklung des jüdischen Lebens in jedem Punkte mit dem Leben selbst gleichen Schritt hält. Darum unterstreichen mir nicht allein das parnkularistische, sondern auch das universelle Judentum. Wir sind verbunden nicht durch Land, sondern durch Geschichte, nicht durch Sitten sondern durch Ethik, nicht durch Ghettos sondern durch Gott. Das Wort: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst", ist für uns eine Mission an die Menschheit und bedeutet nicht bestimmte Reckte innerhalb eines Stammes. Wir können nicht wiederholen: „Sprich zu den Kindern Israel, daß sie vorangehen" nnd dann an einer starren Glaubensform festhalten. Wir können nicht sagen: Adonai Echod" und dann immer nur von n n s e r m Gott sprechen, wir dürfen nicht „En Kelalauhcnn" singen und «Adann aulom" für unmöglich halten. Das Wort: „Israel soll allein wohnen", sprach ein nrchtjüüischer Prophet. Käme es von einem Juden, dann hieße eS: H»ette Dein Zelt aus und Dein Reich soll nnMen.