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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-16 · 29 (16.7.1926) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
29 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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als für. Landwirtschaft nicht geeignet abgezogen werden müssen. Die Eisenbahnlinie, die von Charkow nach der Krim zieht, geht genau mitten durch die Halbinsel durch. Tie Halbinsel hängt im Norden mit dem Kontinent zusammen und ragt in das Asowsche Meer hinein. Aus der Halbinsel gibt es zwei Eisenbahnstationen. Tschangar und Siwosch. in deren Umgebung sehr guter Boden vorhanden ist. Von dort znr Kreisstadt Melitopol ist eine Entfernung von etwa HO Werft. In gnten Erntejahren ergab -er Boden von Tschangar 2'»0 Pud pro Desjatin. Die Halbinsel bietet Raum für 627 Siedlcrfamilien: gegenwärtig wohnen auf der Halbinsel 273 russische Bauernfamilien. Man plant, dort SöO jüdische Familien neu anzusiedeln. Schon in diesem Jahre sollen 2ö0 Familien dahin gebracht werden. Die Insel Kask-Tisp, die man mit der Halbinsel Tschangar durch eine Brücke vereinigen kann, eignet sich besonders für Viehzucht: sie hat den besten Weidegrund der Gegend, aber kein Vaster. Bei Einführung einer Bewästerungsanlage wird die Insel besten Anbauboden geben. Bankier Marburg — Ehrendoktor. Die staatswistenschastliche Kommission der Universität Heidelberg hat den Bankier Paul Marburg in New Äork zum Doktor der Staatswistcnschaften ehrenhalber ernannt, in Würdigung seiner Verdienste um den Ausbau des Bankwesens, des allgemeinen Wirtschaftslebens, und um die Förderung der Wirtschaftswissenschaften sowie seines Interesses für die deutsche Volkswirtschaft in ihrer schmierigen Gegenmartslage. IH\ Aus den Gemeinden j||| Bebra. (Israelitische L eh r e r k o n f e r e n z.) Die 7-4. Jahresversammlung der Israelitischen Lehrerkonferenz Hessens führte letzten Montag eine stattliche Anzahl jüdischer Lehrer ans allen Teilen der Provinz in unser zentral gelegenes Städtchen, das den Konferenzteilnehmern einen freundlichen Willkommensgruß durch den Vorsitzenden der Gemeinde, den Vertreter des .Kreislehrervereins und andere Abgesandte voll Behörden und Vereinigungen entbieten lieg. Auch der hessische Volksschullehrerverein hatte wieder einen Bertreter entsandt, der das kollegiale Verhältnis der jüdischen Mitglieder mit ihren christlichen Berufsgenossen betonte, und die Versammelten des Interesses versicherte, das die Mitglieder des Vereins den Bestrebungen der Israel. Lehrerkonferenz entgegenbringc. Lehrer Schaumberg begrüßte als Vorsitzender Mitglieder und Gäste, während Landrabbiner Dr. Walter. Cassel, namens des Vorsteheramts der Israeliten zu Cassel und der übrigen Borsteherämter den Verhandlungen Erfolg wünschte. Im Jahresbericht, den der Vorsitzende erstattete, wurde der im verflossenen Bereiusjahre verstorbenen Mitglieder in üblicher Weise gedacht. An deu instruktiven Vortrag, den Lehrer Heilbrunn, Cassel, über „die Betätigung des jüdischen Lehrers in der Wohlfahrtspflege" hielt, knüpfte sich eine rege und den Gegenstand fördernde Aussprache, an der auch Gäste lebhaften Anteil nahmen. Hatte der Vortragende mehr die theoretische Seite des Problems erörtert, so wurde durch die Diskussion die praktisch orientierende in den Vordergrund gerückt, wobei ans die Vielseitigkeit der mit dem Begriff „Wohlfahrtspflege" zusammenhängenden Erziehungsfragen sozial gefährdeter oder psychisch minderwertiger Kinder hingewiesen und dadurch die Schwierigkeit der Behandlung der Frage im Nahmen eines'Vortrags betont wurde. Dem Neferenten wurde durch den Vorsitzenden der Dnuk der Versammlung zum Ausdruck gebracht. Lebhafte Aussprachen riefen auch der in Aussicht genommene Anschluß ßH'freit Verband der Jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche und die vom Ausschuß beantraaien Satzungsänderungen hervor. Dem Antrag, säumige Mitglieder durch den Ausschuß, mehrmalige Erinnerung vorausgesetzt, aus dem Verein ausschließen zu können, wurde mit knapper Majorität zugestimmt.- auch die auf pädagogische Fragen hinzielenden Anregungen (Schaffung eines Ergänznngsheftes für jüdische Volksschulen zum Gebrauch bei den Lesebüchern n. a.) riefen einen regen Meinungsaustausch hervor. Der Kassenbericht führte zur kleinen vom Ausschuß beantragten Erhöhung des Mitgliederbeitrags, auch der Vorsitzende der Hilfskasse „Esra" warb mit beredten Worten für seine zuweilen stiefmütterlich bedachte soziale Einrichtung, die der Linderung sozialer Not bestimmt ist und häufig schon segensreiche Arbeit geleistet hat. In einem Rundschreiben an die Mitglieder war die eifrigere Förderung der Bestrebungen der Kaste znr moralischen Pflicht gemacht worden. Die bis nt die Nachmittagsstunden sich erstreckenden interessanten Verhandlungen boten für die praktische Erziehungsarbeit des jüdischen Lehrers manche wertvolle Anregung. Lehrer Rosenbusch, der sich um die Bebraer Veranstaltung besonders verdient gemacht hatte, wurde .in herzlichen Worten gedankt. Die Abendzüge entführten die etwa 30 Teilnehmer der Tagung nach den verschiedensten Richtungen des Hessenlandes mit dem allseitigen Wunsche eines frohen Wiedersehens zur 53. Mitgliederversammlung, die im kommenden Jahre'in Cassel stattfinöen soll. Dresden. (Gemeinde r a l s s i tz u n g.) Aus den Eingäitgen und Mitteilungen geht hervor, daß der Vorsitzende, Rechtsanwalt S a l i n ge r, als Vertreter der Dresdener Gemeinde und des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverüandes der Einweihung des von, der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig errichteten Ehrenmals für die Gefallenen beigewohnt hat. Vorsteher Pionkowski berichtet über den Schulausschuß, der einstimmig beschlossen hat. das Gehalt für eine weitere Lehrkraft nach Gruppe VIII der RBO..zu bewilligen. Für die von dem neuen Lehrer in der Wanderfürsorge und Wohlfahrtspflege zu leistende Tätigkeit wird eine Sondervergütung gewährt, wenn dieser Dienst außerhalb der für Lehrer üblichen Pflichtstuvden ausgeübt werden muß. In geheimer Sitzung beschließt der Gemeinderat,. die Lehrerstelle Herrn Lea Anschel, der schon während und nach dem Kriege an der Religionsschnle angestellt war. zu übertragen. Als »Fürsorgerin wird auf Beschluß des Vorstandes und des Finanzansschufses an Stelle der wegen ihrer Verehelichung ans dem Amte scheidenden Fürsorgerin Hede Klein die zur Zeit in München ansässige Sozialbeamtin Thea Waitzselder gewählt. Das Gehalt wird nach Gruppe VII unter Zugrundelegung des zweiten Berufsjahres festgesetzt. Die nochmalige Vorlage der Satzungsänderungen des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes wird von dem Vorsitzenden, Rechtsanwalt S a l i n - ger, dahingehend ergänzt, das in Verhandlungen mit der Verbandsgemeinde Clientnitz, die einige vom Dezernenten im Ministerium für Volksbildung, Geheimrat Dr. v. Zimmernrann, gebilligte Zusätze zur Satzung verlangt, die diesem für die sächsische Iudenheit hochbedeutsamcn Verfaisuugswerk entgeaenstehenden Schwierigkeiten beseitigt werden konnten. ^Inzwischen erfolgte in der Ausschußsitzung des Verbandes die Annahme der Satzungsänderung. D. Red.) Der Vorsitzende teilt weiter mit, daß sich inzwischen die Sächsische Israelitische Lehrervcreinigung konstituiert habe. Ihr soll im Sächsischen Israelitischen Gemeindeverband die gleiche Vertretung zugebilligt werden, wie sie der Vereinigung der Rabbiner im Freistaat Sachsen zusteht, nämlich ein Bertreter im Vorstand mit beratender Stimme und ein ordentliches Mitglied im Ausschuß. Mit sämtlichen Vorschlägen des Vorsitzenden erklärt sich der Gemeinderat einverstanden. Sprechsaal Jur Trage der Reichsorganisation Von Iustizrat D r. Salomo». Bon offiziöser Seite des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes erhalten wir folgende Ausführungen: Die Verhandlungen der Münchener Tagung zur Vorbereitung eines Reichsverbandes haben einen Verlauf genommen. der ernste Bedenken Hervorrufen mutz. Am 23. Januar 1921 hatte der Deutsch-Israelitische Gemeindebund dem XV. ordentlichen Gemeindetage eine Satzung vorgelegt, auf Grund deren er sich zu einem öffentlich-rechtliche» Verbände der deutschen Synagogengemeinden umgestaltete. Diese Satzung, die einen Reichsverband auf breitester demokratischer Grundlage vorsah, wurde fast einhellig genehmigt. Der Jubel und die Begeisterung waren damals groß und Dr. Klee gab gm Schlüsse der allgemeinen Stimmung der Versammlung dahin beredten Ausdruck, daß etwas ganz Großes zustande gekommen sei. Damals war der bayerische Landesverband bereits vorhanden und auch die übrigen süddeutschen Länder schon längst organisiert. Aber der allgemeinen Stimmung konnte sich auch Bayern nicht entziehen, und den berechtigten partikularistischen Tendenzen der bereits organisierten Länder wurde in 8 2 der Satzung dadurch Rechnung getragen, daß die Regelung des Verhältnisses zwischen Bund und Landesverband der besonderen Vereinbarung Vorbehalten blieb. Was hat sich nun ereignet, daß die bereits fertige Organisation beiseitegelegt und die Organisationsarbeit von neuem auf anderer Grundlage ausgenommen werden muß? Zunächst dürfte aber hier eine naheliegende Vorfrage zu behandeln sein,- weshalb nämlich nicht mit den Arbeiten des Gemeindebundes auf Grund der neuen Satzung sofort begonnen worden ist und weshalb namentlich die Wahlen nicht ausgeschrieben und die satzungsmäßigen Organe ans Grund der vom Gemeindetage genehmigten Verfassung geschaffen sind. Es mag dies, vom gegenwärtigen Standpunkt aus betrachtet. ein Fehler gewesen sein, aber der Grund hierfür war folgender: Der Reichsverband sollte eine öffentlich-rechtliche Korporation ans Grund des Artikels 137 der Reichsverfafsung sein. Die Ansichten darüber, ob im Falle eines Zusammensammenschlusses öffentlich-rechtlicher Rcligiousgcsellschaften zu einem Verbände der Verband automatisch die öffentlichrechtlichen Korpvrationsrechte hat oder sie erst durch staatliche Anerkennung erlangt, waren damals noch nicht geklärt. Die überwiegende Meinung ging dahin, daß erst die Anerkennung der zuständigen Regierungen erlangt werden müsse, bevor die Wahlen ausgeschrieben werden könnten. So entschloß sich der Geweindebund, erst das Genehmigungsverfahren zu betreiben, und verlor damit viel Zeit, zumal er auch aus Loyalität gegen den inzwischen begründeten „Preußischen Landesverband" ohne dessen Zustimmung nicht in Aktion treten zu können glaubte. Gegenwärtig ist aber die Rechtslage so, daß nach Ansicht der Reichsregierung der Gemcindebund ans Grund seiner neuen Satzung die öffentlich-rechtlichen Korporationsrechtc eo ipso hat. während das preußische Ministerium noch immer ans dem Standpunkt steht, daß eine besondere Anerkennung des Verbandes als öffentlich-rechtliche Korporation erforderlich ist. Da cs sich aber hier um einen Reichsverband handelt, für den nur das Reichsministerium zuständig ist. ist die übrigens unrichtige Ansicht der preußischen Regierungsbehörden gleichgültig. Es steht jetzt also nichts mehr im Wege, daß der auf Grund der Verfassung von 1921 ins Leben gerufene öffentliche Reichsverband mit seinen Arbeiten beginnen kann, nachdem er sich die hierzu erforderlichen Organe geschaffen haben wird. In dieser Situation erklärt jetzt der bayerische Landesverband, daß ein Reichsverband, der sich direkt auf den Gemeinden aufbant, für ihn nicht mehr in Frage komme und er sich an einem anderen Zusammenschluß als dem der Landesverbände nicht beteiligen würde, und die übrigen Länder haben sich schließlich, Obwohl sie ursprünglich überwiegend unitarisch eingestellt waren, dem bayerischen Statrdpunkt gefügt, weil sie sonst das Einheitswerk zu gefährden glaubten. Bayern behielt die Führung, und der von ihnU ausgearbcitete Satzungsentwurf bildete die Grundlage der Beratungen. Bei aller Anerkennung der segensreichen Tätigkeit des bayerischen Verbandes muß doch gesagt werden, daß in allgemeinen jüdischen und deutschen Angelegenheiten eine besondere partikularistisch-boyertsche Einstellung nicht am Platze ist. 'Nähere Anführungen sollen hier unterbleiben, aber sie liegen nahe. Die innerstaatlichen Vcrhätnisse Bayerns liefern ein Analogon. Die Gliederung des Reichsverbandes aui Grund der Landesverbände bietet keine Vorteile, unterliegt aber erheblichen Nachteilen. Die Selbständigkeit der Landesverbände wird auch in der Satzung des DIGB. nicht in Frage gestellt, da. wie bereits bemerkt, hier nähere Vereinbarungen Vorbehalten sind und die Landesverbände es in der Hand haben, kroit ihrer tatsächlichen Bedeutung diese Vereinbarungen so anszngcstalten. wie es ihren Zwecken dienlich ist. Für die Organisation des Reichsverbandes muß aber entscheidend bleiben, daß seine Grundzettc die Gemeinde ist. er sich unmittelbar auf den Gemeinden anfbaut und nur deutsche Juden, nicht preußische, bayerische usw., kennt. Soweit die Gliederung nairli Ländern, insbesondere in finanzieller Hinsicht, notwendig ist, ist dem in der Satzung des DIGB. schon weitgehend Rechnung getragen und, soweit dies den Ländern nicht genügt, sind selbstverständlich im Interesse des Zustandekommens des Werkes noch weitere Konzessionen möglich. Die Nachteile, die die neugcvlante Organisation hat. sind sowohl rechtlicher wie tatsächlicher Art. In rechtlicher Hinsicht wird man sich darüber klar sein müssen, daß auf diesem Wege eine öffentlich-rechtliche Korporation, wenn überhaupt, nur unter großen Schwierigkeiten geschaffen werden kann. Denn der Artikel 137 der Reichsverfassung sieht nur einen Zusammenschluß öfsenilich-rechtlichcr Religions-Gesellschaften vor. Dies sind zwar sicherlich die Gemeinden. Ob es die LandcSverbändi sind, muß bezweifelt werden. Jedenfalls steht das ReichSministeriuw des Innern in einem an den Geweindebund gerichteten Erlaß auf dem Standpunkt, daß cs die Landes verbände als zulässige Träger einer Reichsorganisatiou aus Grund des Artikels 137 der Reichsverfassuug nicht anse'fn kann. Ein aus den Landesverbänden aufgebautcr Reichsverband wäre daher nichts weiter wie ein privater Verein, und das Ziel, eine öffentlich-rechtliche Gesamtorganisanon zu erreichen, bliebe mehr als je entfernt. In tatsächlicher Hinsicht müßte die neue Organisation zur Auflösung des seit 1S69 bestehenden Gemeindebundes führen. Die Ansicht, daß der Gemeindebund als Vertreter solcher Gemeinden, die nicht in Landesverbänden organisiert sind, Mitglied des Reichsverbandes werden kann, wird der historischen Bedeutung des Deutsch-Israelitischen Gemeindcbnndes nicht gerecht. Denn welche Gemeinden bleiben hierfür übrig, nachdem itr der in Aussicht genommenen Satzung Hamburg. Bremen und Lübeck als besondere Landesverbände anerkannt fittöV Auch von einer Ausgestaltung des DIGB. als Träger der sozialen Arbeit im Reiche ist in der Satzung nichts z« finden. Die Satzung erwähnt nur die Zentralwohlfahrt?- stelle, die aber gerade eine vom Gemcindebund in Verbindung mit der Großloge und dem Jüdischen Frauenbund geschaffene Gründung ist und seitdem selbständige Bedeutung hat. Nicht unerwähnt darf schließlich bei den heutigen schipierigeu wirtschaftlichen Verhältnissen bleiben, daß der DIGB. nicht bloß eigenes Vermögen besitzt, das er in die Reichsorganisation einbringt, sondern auch durch Erbschaft einen erheblichen Zuwachs zu erwarten hat. Durch eine Zerstörung des Gemeindebundes würde ein unberechenbarer Schaden für das gesamte Judentum entstehen, der nicht durch einen auf der neuen Grundlage geplanten schwächlichen Reichsverband ausgewogen werden kann. Noch ist es Zeit, den vom XV. Gemeindetag vom 23. Ja-, nnar 19-21 genehmigten Weg eiuznschlagen, um zu einer wirklichen Reichsorganisatiou zu gelangen. Sollte Bayern, was sehr bedauerlich wäre, ablehnen, s» müßte die Reichsorganisatiou auch ohne Bauern zunächst zustande kommen, und die Verhältnisse werden so stark sein, daß auch Bayern über kurz oder lang sich der Organisation anschlicßen mi^d. Oer tote Jacke. (Forts.) Von Doris Witt ner.t Nachdruck verboten. — Copyright by Grethlein 4 Co., G.*m. b. H., Leipzig. Als darum beim Hinausschleichen auf den jetzt von der Abenddämmerung beschatteten Seitenweg in einem dunklen Hausflur ein paar weiche, warme, duftende, ebenso wie Judiths eigener Körper gepflegte Frauenarmc sich um die flüchtende Törin schmiegen wollten und tränennasse Wangen sich an die ihren preßten, eine halb erstickte Stimme aber dicht an ihrem Ohr raunte: ,,Tu‘s nicht, laß ab von deinem schlimmen Beginnen, liehe, teure Judith“, da quoll es rauh und voll hitziger Abwehr aus Judiths Pereiras Kehle: „Geh’, falsche Angeberin, laß dich mein Los nicht kümmern. Oder vielleicht gelüstet cs dich, dir noch einmal einen Judaslohn an mir zu verdienen?“ Und die so schroff zurückgcstoßtnc Cora Perl, deren weiches Herz trotz ihrem kalten Kopf, sie in zwölfter Stunde noch einmal heimlich zu der gefährdeten Ba$ö 1 und Freundin getrieben hatte, ahnte nicht, konnte nicht ahnen, mit welch inbrünstiger Herzensangst die beleidigte Beleidigerin danach lechzte, gehalten zu werden; allem Geschehenen zum Trotz bewahrt zu werden vor einem ungewissen, nur scheinbar dank dem Irrtum einer Stunde, selbsterkorenen Schicksal. Aber — wie so oft in einem entscheidenden Augenblick — verdrängten arge, aus großer Not, Scham und irrender Bitternis geborene Worte die wahren Triebe der Herzen, und es legte sich das böse Mißverstehen hartnäckiger Rede zwischen die trotzmütig verschütteten Quellen gegenseitiger Güte und Barmherzigkeit. Cora Perl Sontheimcr zog die helfende, rettende Hand zurück, die sie im Dunkeln — halb wider Willen — ausgesrtreckt . hatte, und Judith Pcreira wartete vergebens noch eines Pulsschlages Dauer, ob nicht doch letztes Verstehen sie — am Rande des dräuenden Abgrundes — noch zurückreißen und beschützen würde. Aber zwei Frauen, hinter Zerrbildern des Wortes, Grimassen ihres wahren Gefühls, verstockt und versteckt, ließen lieber dem Unheil seinen Lauf, als daß die eine oder andere noch einmal den Mund aufgetan hätte, den großen Hilfeschrei ihrer Seelen auszustoßen. Hätte eine von beiden die andere* sich in ein tobendes Gewässer stürzen sehen, keine von beiden hätte auch nur eine Sekunde gezögert, nachzuspringen und die Bedrohte aus der aufgischenden Gefahr zu retten — unter Einsatz des eigenen, ach so köstlichen Lebens. Aber ein lejtztes, ebenso rettendes Wort zu sprechen, auf dem Gipfel der Krisis nachzugeben, und die Schleier vom Antlitz der Wahrheit zu reißen: dessen waren sic nicht fähig, denn sie waren ja — Frauen mit dem instinktiven Wissen, daß die Gerettete der Retterin niemals verzeihen würde, von ihr gerettet worden zu sein. Und also verließ das Schicksal, in Gestalt Judith Pereiras, das Haus Mardochai Israel Sonthcimers, und CoraPerl blickte versteinert auf ihre eigene Hand, die dieses Schicksal, verkörpert in der Base und Freundin, nicht mit. allen Gewalten dieser Erde gehalten und bewährt hatte. Leise erschauerte sie im Dunkeln, als drunten ein Pförtchen leise knirschte und Cora Perl immer noch aut ihre weiße, weiche Mädchenhand starrte. Es war ihr, als röteten ihre schlanken Finger sich jäh mit Blut. Da stürzte sic — die allzeit Besonnene, kühl Abwägende — in wildem Lauf die Treppen hinan, zu dem geheiligten Zimmer, hinter dem sie Reb Mardochai Israel Sontheimer wußte, und dort warf sic sich in leidenschaftlichem Ausbruch dem Vater zu Füßen: „Herr Vater, helfet, rettet, sie sind fort. Und ich, ich trage Schuld an Judiths Los. Lasset satteln’ und zäumen, Herr Vater, nur lasset die Flüchtigen einhölen, ehe das größte Unglück geschieht. Ich habe mich in Werbt neue Mitglieder

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