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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-16 · 29 (16.7.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
29 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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tdt Icfiftt nnd *it wirken. Man spricht beute so viel van der ..R e n a i i s a n c e. des Judentum s". Der Zionismus ist im vollen Recht, wenn er dicS Schlagwort für seine Bestrebungen amvcndet, aber wir Liberalen sollten den Gebrauch dieses Wortes meiden. Renaissance heißt doch Wiedergeburt. Znriickversctznng in einen früheren Zustand. Wollen wir denn, daß das alte Inda, das steinerne Jerusalem wiedersieborcn wird mit all seiner Schwäche und mit der Beschrän- FPiui seiner geistigen Wirkung und Ausstrahlung? Wollen wir den gleichen Fehler machen wie jener Hasmonäer, der den Bestand des Judentums zu erhalten hoffte, indem er sich an das mächtigste Imperium der Welt, aber immer nur eine einzige staatliche Macht anlehnte? R e n a i s j a n c c! Wenn Mussolini eine Renaissance des Römertums anstrcbt tob mit Recht oder Unrecht, ob zu Heil oder Unheil Italiens und der Welt), so will er Macht, äußere, ans Gewalt und äußere Kraft gestützte Macht und muß sie wollen. Das Judentum, das religiöse und vor allem das liberale, will doch etwas ganz anderes, will Entwicklung, geistige, ethische Entwicklung, nicht um seiner selbst, sondern um der Menschheit willen. Soll es da Wege beschreiten. die cs vor zwei Jahrtausenden nicht nur zur Zerstörung seines Staates, sondern auch beinahe zur völligen Vernichtung geführt haben?! -• Wenn wir mit solchen Gedanken die Erinnerung an den 6. Ab begehen, dürfte dies die wahre Gedenkfeier dieses Tages in liberalem Sinne sein. —, Gesellschaft für jüdische Aamilienforschung Diese seit mehreren Jahren in Berlin bestehende Gesellschaft erstrebt in gemeinsamer Arbeit jüdische Familiensorschnng, i-n der Erkenntnis, daß die jüdische Familicnkrmde. insbesondere die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte den Zusammenhang der einzelnen FamilienmitgliederZtärlt und erhält, in ihnen ein gesundes und berechtigtes Selbstgefühl weckt und durch das Bewußtwerden der Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Geschlechtern uns denjenigen inneren Rückhalt gewährt, der das Judentum vor Zerfall und Zersetzung schützt. Die Mittel zu diesem Zweck sind zunächst: -I Gründung eines Archivcs, in dem Familiengeschichten, Ehronikeu. alte Urkunden und Dokumente sowie Stammtafeln tVorfahren- oder Nachfahren- Taseln von mindestens vier Generationen) im Original oder in Abschriften vereinigt werden sollen, b) Zusammenarbeit der Mitglieder durch Anskunstcrteilnng über gemeinsame Ahnen nsw., Einrichtung einer Beratirngsstelle, Exzerpierung einschlägiger Akten ans öffentlichen Archiven, e) Zusammenkünfte der Mitglieder zu Vorträgen und Diskussionen über gemeinsam iutercssiercnde Fragen, auch ans den Grenzgebieten der Geschichte, der Soziologie und der Vererbnngs- 'wisscnjchaft. >1) Herausgabe eines Mitteilungsblattes. Ihre Generalversammlung hielt die „Gesellschaft für der Bogen kundtut, ein Interesse an solchen, nicht die Fragen des Alltags betreffenden, und an jüdischen Dingen; fie bilden daher eine Auslese. Und diese geistige Auswahl schließt in erster Reihe die sozial besser gestellten Frauen in sich. — Eine ausgesprochene Neigung zu bestimmten Krankheiten war in den seltensten Fällen angegeben, und auch die Frage der allgemeinen körperlichen Konstitution ergab im Durchschnitt gesunde Kinder. Die Antworten auf die Fragen über geistige Fähigkeiten, wann das Kind sprechen gelernt, ob es eine Neigung zu besonderen guten oder schlechten Eigenschaften zeige, u. a. m., müssen skeptisch behandelt werden, weil die Eitelkeit der Eltern die Angaben, bewußt oder unbewußt, übertreibt. Interessantes konnte auch bei der Aufzeichnung der Stammbäume aufgedeckt werden. Man konnte hierbei feststellen, daß die Fruchtbarkeit der jüdischen Familie in den letzten Jahrzehnten erheblich geringer geworden ist. Die Fruchtbarkeit mit.Hilfe der Stammbäume zu berechnen, birgt insofern eine Gefahr in sich, als dabei ja die kinderlosen Ehefrauen nicht berücksichtigt werden. Selbst wenn man diesen Fehler außer acht läßt, beträgt nach statistischen Berechnungen die Kinderanzahl einer heutigen Mutter im Durchschnitt nur 2,4. während die der Großmütter unserer heutigen Jugend 4,2 Kinder war. Es ist dies eine sehr bedenkliche Tatsache, da nach Feststellttugen eines berühmten Familienforschers im Minimum 8,1 Kinder erforderlich sind, imi eine gegenwärtig bestehende Gesellschaft zu erhalten. Ein weiterer Unterschied in der Kinderanzahl ist der, daß sie früher allmählich anwuchs und abnahm. Es gab ebenso häufig Familien mit 3 und 4 wie mit 5 nnd 6 Kindern: heute ist eine gewaltige Stauung bei 2 Kindern zu beobachten; Familien mit noch mehreren Kindern sind schon eine Seltenheit. Die Berechnung stellte bei den Vätern eine größere Kinderanzahl als bei den Müttern fest: für die Väter der heutigen Zeit eine Kinderdurchschuittsanzahl von 2,5 und für die Großväter von 5,18. Man erklärt diese Erscheinung l. aus der größeren Möglichkeit der Männer, eine 2. Ehe einzugehen imd 2. gehören die Ehemänner für gewöhnlich einer etwas älteren Generation als ihre Ehefrauen an. — Fast nicht verwendbar waren die Angaben über Mischehen, die im Vergleich zur allgemeinen Berliner Statistik unverhältnismäßig gering waren. Diese Diskrepanz ist wieder zu verstehen aus der Verschiedenheit des der allgemeinen Statistik zugrundeliegenden repräsentativen Materials und dem in der jüdischen Statistik verwandten einer Anslese. Gemäß der Berliner Statistik vermählten sich nach Ende des Krieges etwa die Hälfte aller heiratenden jungen jüdischen Männer mit christlichen Frauen; jetzt ist diese Zahl wieder etwas gesunken. Die Verwandtenehe kommt bei uns in der Häufigkeit von 0% vor. Nähere Auskunft über die Enquete, die noch nicht abge- > schlossen ist, erteilen der Jüdische Frauenbund, die Gcsellj schaft für jüdische Familicnsorschung und das Zentralwohlfahrtsamt. Rahel Lipschütz. die Ergebnisse einer non dem Jüdischen Frauenbund veranstalteten Familien-Sammeltätigkcit. Im Jahre 1021 begann der Frauenbund eine Enquete, die vor allem das jüdische Kind in seiner besonderen körperlichen Beschaffenheit zur Umwelt erfassen sollte. Man verschickte damals zu diesen! Zwecke 8W) Fragebogen mit je 58 Fragen, von denen ein Teil schon, ansgefüllt zurückgesaudt, die Berechnung eines Tcilcvgebnisscs, welches allerdings mit einigem Vorbehalt zu gebrauchen ist, möglich machte. Recht interessante Einzelheiten ergaben die verschiedenen Fragen. Die Körpergröße, die, wie man weiß, nicht von der Ernährung abhängig, zum großen Teil vielmehr eine Frage der Vererbung ist, wies bei jüdischen Kindern gleichen Alters große Unterschiede, die sogxnannie Strennng, ans. Diese Streuung in der Körpergröße ist bei jüdischen Kindern viel größer als bei nichtftidischcn. — Die Frage über die Beschaffenheit der Zähne, die von großer Bedeutung für die gesamte Entwicklung des Menschen ist, stellte bei jüdischen Kindern Stellungsanomalie ungefähr im Verhältnis von 0% fest, eine Zahl, die dem allgemeinen Verhältnis ungefähr ^lcichtommt. Schlechte Zähne, die sonst bei 00% Kindern Vorkommen, sind bei uns nicht so häufig. — Die Haare sind bei den Juden üppig; von einem ausgesprochen schwarzhaarigen jüdischen Typus, wie ihn die antisemitische Hetzpressc darsteltt, kann nicht die Rede sein. Dnukolhaarig sind 40% aller Juden, was sehr gering ist, wenn inan bedenkt, daß selbst in dem blonden Skandinavien nur 78% Blondhaarige vorhanden sind. Ter rothaarige Typus kommt bei uns wie überall im Verhältnis von \ % vor. - Die Frage über die Muttermilch ergab, daß die jüdischen Kinder in weit größerem Umfange gestillt werden als die nichtjüdischen, die vielfach mit der Flasche ausgezogen werden. Diese Tatsache erklärt sich ans den verschiedenen sozmlen Verhältnissen, die die arbeitenden Frauen zwingen, die natürliche Säuglingsernährung durch eine künstliche zu ersetzen. Es muß auch bedacht werden, daß die Beantworter der Bogen kein repräsentatives, d. h. in ihren Angaben charakteristisches Material darstellen. Sie zeigen vielmehr, was sich schon allein in der Beantwortung Ein Dedakle des jüdischnattorurlen Sportgedankens. Man kann nicht leugnen, daß die Jüdischnatioualen es mit großer Geschicklichkeit verstanden haben, die Erfolge, die ihnen bei den Reisen und Erwachsenen versagt blieben, bei den Unreifen und Jugendlichen zu finden. Namentlich die jüdische Sportjugend zeigt eine bedenkliche Vorliebe für die l^lau-weiße Kvuleur. Biel tiefer als bis zur Farbe der Sportdreß scheint das politische Bekenntnis der jungen „Muskeljuden" allerdings nicht gedrungen zu fein. Aufschluß darüber geben die Vorgänge, die sich gerade in diesen Tagen in der repräsentativsten jüdischnatioualen Sportvereinigung, der Wiener H a k o a h, abspieleu. Die Wiener Hakoah hat es verstanden, unter dem Schlagwort von der „nationalen" Einheit des Weltjudentums Fnßbaltstars ans aller Herren Länder zusammcnzukaufen. Die österreichischen Fnßbgllbehördeu sahen der Einbürgerung dieses Systems, das an Stelle des mühevollen Heranziehens eines ansbildungsfähigen Nachwuchses eine zwar kostspielige aber bequemere Art der Sportkontinnität setzte, mit einiger Besorgnis entgegen, die sich auch als berechtigt erwies. Denn das Beispiel der Hakoah machte nur zu bald Schule, und cs gibt heute nur mehr wenige Sportklubs in Wien, deren repräsentative Mannschaften nicht mit mehr oder weniger Ausländern durchsetzt sind. Die wenigen Vereine, die nach wie vor ihren Zweck in der sportlichen E r t ü ch t i g u n g d e r heimischen Jugend erblicken, mußten diesen Idealismus mit ihrer Verdrängung von ihrer oft lange Jahre behaupteten Spitzenstellung in der Meisterschaftstabelle bezahlen. Hakoah aber eroberte im Vorjahre mit ihrer bunt zusammengewürfelten Mannschaft den stolzen M e i st c r t i t c l von Oesterreich. Jedoch schon die wenig ruhmvolle Weise, mit der dieser Titel in der darauffolgenden diesjährigen Saison verteidigt wurde, verriet den inneren Zusammenbruch des Prvsessionalsystems. Während die wirklich sportbegeisterte jüdische Jugend Wiens in kleinen Vereinen, denen Geldmangel das Engagement tüchtiger Trainer unmöglich macht, ihre Kräfte ziellos verpulverte und in Pflichtkampfen mit minderklaistgen Vorstadtathleten ihre geroden. Glieder aufs Spiel setzte, sröhnten die gut bezahlten .viakoaystars hemmungslos ihren von keinem Idealismus oeichwerteu Primadonnenlaunen. Diesen Launen mutzte die Klubleitung nicht nur materielle, sondern auch ideelle Opfer bringen, äo endete die in einem Anfall „nationalen" Pslichtbewußtsems übernommene Fürsorge für einen in Not geratenen in di - scheu Kindergarten mit einer Niejcnblawrage für den gewiß nicht mittellosen Verein. Dafür mußten den Spielern kostspielige Reisen geboten werden. Daß einige derselben nach Palästina führten, ist noch lange kein Beweis sur idealistische Beweggründe solcher Touristik. Weit eher ist es charakteristisch, sür den Hakoahnergeist. daß der auch für dieses Jahr geplant gewesene Besuch des heilrgen Landes zugunsten einer Amerikafahrt aufgegeben wurde. Diese Fahrt ist nun dem jüdischnatioiialen Klub zum Verhängnis geworden. Nicht sportlich! Die Hakoahner hielten sich besser, als ihre in den letzten heimischen Meisterschaftskämpfcn gezeigte Form erwarten ließ. Sie wußten schon, warum! Während die angeblichen Pioniere der Z i o n S s e h n s u ch l auf ihren Palästinarcisen stets eine bemerkenswerte Anhänglichkeit an ihren — Wiener Klub bewahrten und in schöner Vollzähligkeit in den Jammer des „Galuth" znrückkehrtcn, erlagen sie dem Zauber des Dollarlandes so radikal, daß itid'.tf weniger als sieben Spieler vorteilhafte Engagemerrts bei amerikanischen Klubs eingingen. Ten in Aussicht gestalten Gagen in so hochwertiger Valuta kann die Hakoah kein Acquivalent cntgegcnseüen und befindet sich jetzt i,t der betrüblichen Lage der Lohgerber, die ihre Felle davonschwimmen sehen. Ihr nachträgliches Philosophieren über die mangelhafte Gesinnullgstüchtigkeit von Berufsspielern kommt einigermaßen verspätet. War doch gerade die. Hakoah mit Rücksicht aus ihr eingangs geschildertes System eine der Hauptpropagenten für die Einführung des Professional ismus im österreichischen Fußballsport. Es ist eben ihre tragische Schuld, daß sie, obwohl sie als erster Verein in -Oesterreich ihre Mitglieder um eiit ideelles p o l i t i s ch e s Banner scharen konnte, sich beim Aqnirieren der Spieler lieber aus ihre finanzielle Stärke verließ. Dieses mangelhafte Vertrauen zur We r b e k r a f t d e S i ü d i s ch n a t i o n a l c n Gedankens mar eigentlich der Beginn des moralischen Debakles sür den Sport- Zionismus, und es steht dessen Bannerträgern schlecht an, die Rechtfertigung ihres eigenen Pessimismus jenen übelznnehmcli, die diese Rechtfertigung vollziehen. Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, daß dras jüdischnationale Organisationstalent in Wien nicht nur ans dem Gebiet des Sports, sondern schon früher auf dem der K u n st ein groteskes Fiasko erlitten hat. Nach dem Umsturz fanden sich in Wien einige jiddische Schauspieler zusammen und veranstalteteii in einem kleinen Gasthause Vorstellungen. Es ging ihnOi materiell herzlich schlecht, bis cs ihnen gelang, die jüdischnotionale Presse für sich zu gewinnen. Diese rührte im Namen der ,.n a t in itji I c it" Kunst in erfolgreichster Weise die Reklametrommel für die Jargonbühne, die plötzlich einen unerwarteten 2lchsschwnng nahm. Als sich das Unternehmen zu rentieren begann, trat ein zionistischer Journalist als „künstlerischer" tlies: politischer) Beirat an die Spitze der Truppe. Im Vollgefühl seiner „n a t i o n a l e n" P i o u i e r p s l i ch t befiel ihn das Reisefieber, das eine jüdischnationale Parteikraukheit zu sein scheint, und er fuhr mit seinem Ensemble — nicht nach Palästina, sondern nach dem europäischen Osten, wo man für jiddische Kunst noch etwas übrig hat — nicht bloß Beifa.1l. Das Ende dieser überaus erfolgreichen Tournee war, daß der Herr „Dramaturg" — allein zurückkam und froh sein mußte, wieder bei seinem zionistischen Blatte nnterznkommen. Was aus seinem Ensemble geworden ist, das meldet kvknr Lied, kein Heldenbuch. Vermutlich hat sich auch in diesem der jndischnationale Gedanke nichtals hinlänglich starker.Mittn materiellen Versuchungen gegenüber erwiesen. E. W. Gberrichier Mamelok gestorben. Am Montag, dem 5. Juli, verstarb nach kurzer Krankheit im Alter von nicht ganz 50 Jahren Oberrichter Dr. Arthur Mamelok. Der Verstorbene war ein angesehener Rechts« gelehrter und Philosoph nnd ein treuer Jude. Die „Neue Züricher Zeitung" schreibt in einem Nachruf ans Tr. Mamelok u. n.: „Nur 50 Jahre ist dieser scharfsinnige Jurist nnd anßerordcntlich gewissenhafte Richter alt geworden, der seinerzeit nach Abschluß seiner Studien in Berlin und Zürich an der Züricher staatsmisscnschastlichen Fakultät promovierte." Wachsen des Krim-Werkes. Die jiddische Tageszeitung „Emes" bringt eine Beschreibung der Insel Kask-Tisp und der Halbinsel Tschangar, die beide vom Lanöwirtschoftskommissariat der ukrainischen Regierung für jüdische Kolonisation bereitgestellt wurden. Die Halbinsel Tschangar liegt ganz in der Nähe -er Krim, mißt 18 000 Desjatin, von denen aber 4000 Tcsjatin!Eein. Sir wollen uns in etwas hineinheben, Damit wir ilicht mehr außer uns sind — Umschlinge uns nrit deinen Armen, Gottheit, Daß wir ganz in dir darinnen sind. Sir stehen draußen vor deri Türen des Levens; Dinge lassen uns nicht hinein. Die uns glänz«!d umgleißen, Verdunkeln das wirkliche Lein. Die wir klagend umklammern, Zerstampfen unser Ich; Denn sic vergelten nnd lassen uns nur die Leere — Die uns aber in den Kreis Gottes lieben, bleiben ewiglich. Ella van E 1 c e f. 60. Geburtstag Richard Beer-Hofmanns. Am 11. Juli weilten die Gedanken aller Geistigen unter d»n Inden mit freudigem Stolz bei diesem Dichter, der bisher so wenig geschrieben hat, dessen äußerlich schmales Lebenswcrk aber so schwer, so unsagbar viel wiegt. Unzählige Gri?ße und Artikel «'hrten den Autor; bei Nennung seines Namens schlägt uns das Herz höher, allein in alt die tief gefühlten Glückwünsche mischt sich etwas wie ängstliche Sorge und ungeduldig-bange Erwartung: — wird diesem Großen, so schmerzvoll-langsam Schassenden, der zur Konzeption, Ansro-ismig und Feilung jeder Dichtung Jahrzehnte braucht, auch die B o l l e n d u n g seines Lcbenswerkes gelingen? Wird seine große Dramentrilogie „Die Historie vom Könrtz David", von der bisher nur das Vorspiel und einige Bruchstücke veröffentlicht sind, fertig werden? — Daß es Beer-Hofmann vergönnt sein möge, sein Werk auf der Höhe des bisher Geleisteten wejter und zu Endck zu fuhren, das ist sicherlich der beste und herzlichste Wunsch, den wir alle an die Vorsehung richten. — Jetzt, in der Feststimmung, paßt cs nicht recht. Forderungen an diesen unersetzlichen Geist zn stellen. Weiser ist es vielmehr, uns seiner zu freuen und einem gütigen Geschick zu danken, das ihn dem Vaterland nnd dem Judentum gab. — Beer-Hofmann ist einer der größten lebenden deutschen , Dichter, einer der ganz Wenigen, über dessen Wert nnd Bei dcutung überhaupt niemals, — von keiner Seite!, — diskutiert worden ist. Er ist einer der Vereinzelten, von denen es ganz sicher ist, daß ihr Werk ans die Nachwelt kommen nnd noch künftigen Geschlechtern eine Quelle der Erhebung und Andacht sein wird. Wir verfolgen das Schassen dieses Mannes aber mit ganz besonderer Anteilnahme, denn was liegt uns mehr am Herzen, als die gewaltige Mission, der der Dichter bisher lebte?! — Beer-Hofmann ist der Dichter des Judentums! Wie kein anderer Künstler unserer Tage hat er den Sinn und das Wesen Israels vcrtündet, in einer Weise, die unvergänglich ist, der sich kein empfängliches Ohr ie entziehen kann! — Er hat der „Ontologie des Judentums" eine neue, zn tiefster Seele sprechende, poetische Formulierung gegeben nnd das gegenwärtige, vor allem deutsche Judentum an seine Weltsendnng erinnert. Das Schicksal der jüdischen Bcoölkerungsgrnppe, die der Welt die meisten „Genies des Herzens" geschenkt hat, die, an tausend Kreuze geschlagen, immer wieder anfersteht nnd der Menschheit immer wieder ein ebenso unentbehrlicher wie unbequemer Mahner ist, hat bei ihm eine unvergeßlich-lyrische Gestaltung gefunden. Selbstüberhebung und -bcweihräncherung liegt uns wahrlich fern. Die Inden sind, wie Lazarus einst richtig bemerkte, „das klassische Volk der Selbstkritik". Tausende berühmte, mehr oder minder gute, von Inden über Juden geprägte W i tz c beweisen, wie sehr Selbstbeobachtung und Selbstkritik bei uns entwickelt nnd verbreitet ist. Wer empfindet das innerlich und äußerlich Unschöne und Widerwärtige des Ghetto - Kurfürstendamm - Börsen - Repräsentantenzänkereiusm.-Jndentnms schmerzlicher, als so viele Juden selbst! — Aber die Entartungen und Auswüchse sind — weiß Gott! — nicht das Tiefste und Essentielle des Judentums. — Etwas von dem in grauer Urzeit ertönten Wort: „Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern und ein heiliges Volk!" war in allen Jahrhunderten zutreffend. Das Schlagwort von der „Auscrmähllheik" ist niemals nur Phrase gewesen. Wie eine immer wieder laut schwingende Glocke hat der Menschheit Mit Jahrtausenden der Ton des gewaltigen jüdischen Elyos, der jüdischen Gottesvcrbnndenheit. der großen Sehnsucht, das gesamte Leben zu heiligen, geklungen. — Zu einer Zeit schon, als man von irgendwelcher sittlichen Kultur überhaupt noch nicht reden konnte, hat das Judentum — zum erstenmal in der Geistesgcschichte der Menschheit — ethische Gebote und religiöse Forderungen von unerhörter, durch die Jahrtausende strahlender Leuchtkraft ausgestellt. — Die seelische Inbrunst der israelitischen Propheten hat ans Erden nicht ihresgleichen. — Und etwas von dieser urjüdischcn, glühenden, den Himmel auf die Erde reißenden, heiligen Sehnsucht ist in dem indischen Dichter Beer-Hofmann wieder lebendig geworden. Wie ein goldener Faden zieht sich die dichterische Gestaltung dieser einzigartigen, herrlichen Seite jüdischen Wesens durch sein gesamtes Schassen. Wundervoll die poetische Glorifizierung der israelitischen Mission am Schlüsse des „Tod Georgs". Ties einprägsam die Figur des roten Jtzig. Und das Vorspiel „Jakobs Traum" hat der Weltliteratur in einer Sprache, die nicht mehr vergehen kann, den herrlichsten Edeltypus des Judentums geschenkt: die Gestalt Jakobs, der an der so echtjüdischen, brennenden Erlösnngsschnsucht „leidet", der wie einst später einmal Franziskus mit sämtlichen Wesen und Geschöpfen mitsühlt nnd allen, allen mit eigenem Herzblut helfen möchte. Noch eins hat Beer-Hofmann gezeigt: Er ist ein ebenso großer jüdischer wie deutscher Dichter. Er hat mit seinem Werk wieder einmal bewiesen, daß Judentum und Deutschtum keine Gegensätze sind, sondern seelische Emanationen, die sich zn Harmonien von Ewigkeitswert einen können. Ebenso wie Luthers Bibelübertragung etwas aus jüdischem Geist Geborenes, gleichzeitig Urdcutschcs ist, so auch die moderne Dichtung Bcer-Hosmanns. Uns Juden aber sei das Schaffen des heute allgemein gefeierten Dichters eine nie verstummende Mahnung, unserer „Sendung" stets eingedenk zu icijj. Das echte, wahre Judentum darf vom Schauplatz des Weltgeschehens noch nicht „abtreten". Es hat auf Erden noch sehr,' sehr viel zu tun! . .. Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin.

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