Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-09 · 28 (9.7.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
28 (9.7.1926)
Date
1926-07-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613869--1867-2619276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i,Parlophon"-B erlog erschienen. Die hebräischen Texte werden auch in der Palästina-Oper verwendet. — Aus dem Oratorium „Elias" mit hebräischen Original-Texten sind Platten im „Beka"-Verlag erschienen, und verschiedene jüdische Volkslieder in Hebräisch und Jiddisch bei der „V o x"-Gcsellschaft. Tie Platten empfehlen sich durch ihre Vorzüglichkeit ansnahmsloö von selbst. Bonn. (E i n V e t c r a n von 1870.) Bor einigen Tagen beging ein aller Veteran der Königshusaren, der früher in Bonn, gegenwärtig in Honnef wohnende Kaufmann Moses Bier, seinen no. Geburtstag. Der Hochbetagte, der sich sowohl in der Bonner Bürgerschaft als auch in seinem nenen Wohnorte allgemeiner Wertschätzung erfreut, war Mitkämpfer von 1870/71, und zwar, laut eines Ausspruches von General v. Loe, einer der tapfersten Kvnigshnsaren des Feldzuges, den er als Ordonnanz mitmachte. M o s c S B i e r ist der einzige noch lebende Mitbegründer des Vereins Ehemaliger Köiiigshnsaren. Der Rcichsbmtd jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Bonn, ernannte ihn zu seinem Ehrenmitglied. Dresden. sA ns de m G c in e i n d c l c b e n.) In den zuständigen GeincindcratSausichüssen wurde angeregt, bei nächster Gelegenheit in Beratungen darüber cinzutreten, ob sich in Dresden der Ausbau des jüdischen Kinderheims ermöglichen Iaht. Bisher steht der Gemeinde nur das EommcrheiN'' auf den Leschwitzhvhen zur Verfügung. — Für bie ersten Tage dieser Woche wurde in daS Gemeindehaus eine a u h e r o r d e ii t l i ch e Tagung des Sächsische i» Israelitischen G c m c i n d e v c r b a n d c s ciuberufen, um Beschlüsse über die Gründung eines Deutschen Gemeinde- Sundes zu fassen, Zugleich kommen die Satzungsänderungen Mir Beratung, die im Zusammenhang mit dem demnächst im Sächsischen Landtag einzubringcnden Gesetz über die Rcligionsgeseüschastcn stehen. — Unter Leitung von sind. phil. Grynberg wurden int Gemeindehaus hebräische Sprachkurse eingerichtet. Da das Interesie dafür ein über Erwarten großes ist, wird der Unterricht in nächster Zeit weiter ausgcbaut werden. Gießen. sBcfreiitng vom Unterricht.) Befreiung der israelitischen Kinder vom Unterricht am Sabbat in Hessen. Das Hessische Landesamt für das Bildnngsmcscn hat in einem Rundschreiben an die Direktion der höheren Lehranstalten und die Vvlksschnlen angeordnet, daß auf Antrag der Erziehungsberechtigten die israelitischen Kinder vom Schulbesuch an den Samstagen zu befreien sind, wenn die Erziehungsberechtigten für einen Ersatz des ausfallenden Unterrichts durch Privatftuuden oder in anderer Weise sorget». Der Ersatznntcrricht ttnterlicgt der Genehmigung der staatlichctt Schulaussichtsbehörden, ebenso die Bcansfichtiguug. Wenn die Erziehungsberechtigten dieser Bcdingung nicht oder nicht in genügender Weise Nachkommen, ist die Befreiung zurückzuziehen. Groß-Strelitz. (B o l k s s ch n l l e h r c r Simon gestorben.) Ende Juni verstarb plötzlich der Volksschullehrer Adolf Simon, ein Mitkämpfer unserer Bewegung. Der Verblichene war von 1807 bis 1022, zu welcher Zeit die hiesige jüdische Volksschule aufgelöst wurde, Vetter dieser Schule. Zu viele junge Herzen hat er den Grundstock echter Religiosität gelegt. Von feilten christlichen Amtsgenossen war er hochgeschätzt und geehrt, auch Vorsitzender des Pcstalozzivereins. Jahrelang war er Vorsteher (Vorsitzender) der Chewra-Kadischa, wie atlch stellvertretendes Gcmeindevorstandsmitglicd. Beide Aemter hat er mit Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit zum Wöhle der Gemeinschaft ausgcübt. Sein früher Heimgang ist um so bedauerlicher, als er nur ein Alter von 54 Jahren erreichte. ""'"Hamburg. (80. Geburtstag.) Herr Wilhelm Genzken. Mesterkamp 34, I., langjähriger Kastellan der Israelitischen Töchterschule, Kricgsveteran von 1870/71, beging am 3. Juli den 80. Geburtstag. ""^lciningcn. (Vehr er Kahn gestorben.) Der im 61. Lebensjahre verstorbene Lehrer und Kantor Leu Kahn im benachbarten Gleicherwieseu wurde unter starker Bcteiliaung der Ortsbewohner und auch auswärtiger Freunde zu Grabe getragen. In zahlreichen Ansprachen klang die allgemeine Trauer wider, die das frühzeitige Ableben des geachteten und bewährten Beamten bei seinen Bernfsgenossen und der gesamten Gemeinde geweckt hatte. Landrabbiner Frankel ans Meiningen hielt die Trauerrede und hob die vvrnehmetl Charaktereigenschaften des Verklärtet» hervor. Als persönlicher Freund toidmete Kreisschnlrat Bittors, auch im Namen der ehemaligen Klassenkameraden, dem Verstorbenen herzliche Worte der Würdigung seines Wirkens als Jngendcrzieher. Für die jüdischen Vereinskollegen rief Lehrer Levinstein, Tbemar, dem treuen und bewährten Mitgliede des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands innige Abichicdsworte nach, nitd ans dem ehrenden Nachruf des Schuldirektors Schön ans Hildburg- Hausen, der im Namen des Thüringer Lehrcrvercius sprach, wurde daS kollegiale Verhältnis erkennbar, daS zwischen dem Heimgegangenen und den Lehrern des Bezirks bestanden hatte. Die würdig verlaufene Trauerfeier hinterlieb bei allen Teilnehmern einen ergreifenden Eindruck von dem schweren Verlust, den die Gemeinde Gleicherwiesen durch daS Ableben ihres Lehrers erlitten hat. München. (Der Rat des bayerischen Landesverbandes.) Bei den Wahlen zum Rat des bayerischen Landesverbandes für den Wahlabschnitt 1026/31 wurden zu Vertretern der Verbandsgemeinden gewählt: a) im rechtsrheinischen Bayern: KR. Maier Bechmann (Fürth), Ludwig Dietenhöfer (Ansbach), Rabbiner Dr. Hanvver (Würzburg), Geh. IR. Dr. Sigmund Held (Nürnberg), IR. Dr. Moses Hammel (Schweinfurt), OLGR. Dr. Alfred N e u m e y e r (München). RA. Dr. Karl Oe streich (München), Ludwig Rosenzweig Nürnberg), Eduard Sonder (Kitzingen), RA. Dr. Elias Straus (München). RA. Dr. Eugen Straub (Augsburg), Geh. IR. Dr. Werner (Bamberg): b) im lmksrheinischen Bayern: KR. Albert Joseph (Landau), Amtsrichter Dr. Emil Rosen der g (Frankenthal). — Zn Vertretern der Rabbiner wurden gewählt: Rabbiner Dr. Bamberg er (Kissingcn). Rabbiner Dr. Freudenthal (Nürnberg). Rabbiner Dr. Stein (Schweinfurt). — Zn Vertretern der Gemeindebeamten wurden gewählt: Oberlehrer Simon D i n g f e l d e r (München), Seminar- Oberlehrer Jakob Stoll (Würzburg). Die von der letzten Tagung in den Rat gewählten Vertreter, KR. Brannschweiger (Würzburg) und IR. Dr. Max Fcnchtwanger (München), führen nach 8 14, Abs. 3, der Verfayimg ihr Amt bis zur Neuwahl fort. München. (D i t Verfassuna des Reichsverbandest Tcr non der Münchener Tagung der Vertneter der Landesverbände am 25. Avril d. I. eingesetzte Ausschuß zur Vorbereitung des Neichsverbandes der deutschen Juden hat bekanntlich einen Unterausschuß zwecks Vorbereitung eines Verfassungsentwurfes eingesetzt. Am 6. Juni trat dieser Unterausschuß in Berlin zusammen und wählte eine Redaktionskommission, die am 7. Juni den Entwurf herstellte. Am 18. Juli d. I. wird nun der Vollausschnß in München znsammentreten. um zu dem vorliegenden Verfassungsentwurf endgültig Stellung zu nehmen. Der Bayer. Landesverband hat die Herren Obcrlandesgerichtsrat Dr. Nenmener nud Justizrat Hommel delegiert. Vom Preußischen Landesverband werden an der Sitzuna dessen Vorsitzender, Kammergerichtsrat Wolfs, Instizrat Lilienthal. Rechtsanwalt Tr. Klee. GaUwski, außerdem Justizrat Blau-Franksnrt. tcilnehmen. Auch die übrigen Landesverbände werden entsprechend vertreten sein. Als besondere Sachverständige sind der Vorsitzende des Rabbincrverbandes Dr. Baeck und für den Lchrervcrband Lehrer Stern-Berlin zngezogen. München. (Gefahr eines Sch äch tv e r b ots in Bayern.) Der Bersassungsansschuß des Bayerischen Landtages beschäftigte sich in der Sitzung vom 23. Jnni mit der Eingabe des Tierschutzvcreins München auf Erlaß von Vorschriften. wonach vor dem Schächten eine Betäubung der Schlachttierc erfolgen müsse, sowie der Gcgeneingabe des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden. Sitz München. Mit dieser Frage hat sich bereits am 25. Februar 1026 der Verfassungsausschuß befaßt und dabei einen völkischen Antrag auf Erlaß eines vollständigen Schächtverbots abgelchnt, aber einen Antrag der Bayerischen Volksvartn. der das Schächten im Verhältnis der jüdischen BevölkerungSziffcr in Bayern kontingentiert wissen will, angenommen. Der Berichterstatter, Abgeordneter Tr. Buttmann (Nationalsozialist). trat für ein Schächtverbot ein- Der Mitberichtcrstatter, Abgeordneter Dr. Schärnagl (Bayer. Bolkspartci). führte aus, soweit das Schächten zum israelitischen Ritus gehöre. lasse sich aus Gründen der Gewissensfreiheit ein vollständiges Verbot nicht rechtfertigen. Es müsse jedoch eine strenge Kontingentierung des Schächtens durchgcführt werden. — Der Vertreter des Ministeriums des Innern, Oberregierungsrat Schwind, erklärte, daß auf Grund der Reichs¬ und Landesverfassuna ein gesetzliches Schachtverbot für Bauern nicht in Erwägung gezogen werden könne, da die Regelijna dieser Frage dem Reiche znstehe. In Bayern werde die Staatsrcgiernng dafür sorgen, daß die Schächtung im Verhältnis znr jüdischen Bcvölkcrungsziffer scharf kontingentiert erfolge. Bis jetzt betrage überhaupt in Bayern das Schächten nur drei Prozent der Gesamtschlachtungen. Nach der scharfen Kontingentierung werde diese Ziffer noch bedctttcnd zurückgehen, da die Israeliten in Bayern nur 0,67 Prozent der Bevölkerung ansmachen. Oberrcgierungsrat Metzger, als Vertreter des Kultnsministeriums meinte, daß zwingende Rücksichten auf das Allgemeinwohl und daS unmittelbare Interesse der Staates nicht vorlägen, die ein Schächtverbot rechtfertigen könnten. Auch das Kultusministerium sei der Ansicht, daß durch die Kontingentierung das Notwendige geschehe. — Abg Hildenbranöt (Bayer. Volksp.) führte auS: ES fei der Beweis noch nicht geliefert morsen, daß das Schächten wirklich eine allgemein verbindende Vorschrift für die Juden sei. weil in vielen jüdischen Gemeinden diejenigen Juden, die nicht rituell leben, also auch anderes Fleisch genießen, doch als vollwerte Religionsgenosscn betrachtet werden. Wenn das Schächten aber wirklich eine verpflichtende Vorschrift wäre, dann solle man sich nicht hineinmischen. Ein nationalsozialistischer Antrag, die Eingabe des Münchener Tierschutzvereins der Regierung zur Berücksichtigung. die übrigen als Material zu überweisen.wurde mit den Stimmen der Deutschnationalcn, des Bauernbundes, der Völkischen, der Nationalsozialisten und Sozialdemokraten gegen die Stimmen der Bayerischen Volkspartci. der Freien Vereinigung und Kommunisten angenommen. Ein Antrag Dr. Wohlmuth (Bayer. Volkspartei): „Die Staatsregierung wolle im Auge behalten, daß eine den rituellen Vorschriften des Judentums nicht widersprechende Art der Betäubung vor den Schächtungöschnitt gefunden werde" fand einstimmige Annahme. Bfidterschau Gestalten und Gedanken in Israel. Geschichte eines Volke» in Charakterbildern. Von Prof. Dr. Rudolf IiitteL. 524 8. Verlag Quelle und Meyer-Leipzig. Der rühmlichst bekannte Forscher bietet in diesem Buche dem interessierten und lemfreudigen Leser die Summe seiner alttestamentlichen Studien. Er bietet sie nicht in der Form trockener gelehrter Forschung, sondern in der reizvollen Form abgerundeter in sich geschlossener Erzählungen. Und als Ziel des Buches gibt er selbst an, der Ueberzeugung Ausdruck zu verleihen, „daß die Menschheit im Laufe mehrerer Jahrtausende wohl dies und das zur Erweiterung unserer Erkenntnis, zur Verfeinerung des Daseins und zur Beherrschung der Materie hinzugelernt hat, daß sie aber in dem, was das Leben ausmacht: in der Kultur der Seele und der Reinigung und Veredlung der Sitten kauin oder nur wenig vorwärtsgekommen ist“. Wie diese Kultur der Seele in Israel, seinen Persönlichkeiten und seinen Schriften angeboren ist, das ist das Thema des Buches. Es verleiht der Darstellung einen besonderen Reiz, daß der Verfasser seinen Stoff in einzelnen für sich stehenden Kapiteln gruppiert, in denen alles sich um eine bestimmte oder mehrere deutlich bezcichnete Persönlichkeiten ordnei, so zum Ausdruck bringend, daß die Persönlichkeit das treibende Element allen Geschehens und Wandels ist. Und diese Schilderung ist von einer solchen Kunst der Erzählung begleitet, daß das Ganze sich mit Spannung liest und auch der mit den Dingen Vertraute in Spannung gerissen wird. Wohltuend berührt, wie unbedingt der Verfasser sich von den Maßlosigkeiten der Bibelkritik lernhält, die früher so oft den jüdischen Leser verletzten. Er gibi dem religiösen Genius Israels die Ehre, erkennt Israel die Großtat zu, daß es verstanden hat, alles Große, in der Welt auf Gott zu beziehen und in ihn einzubezichen. Er stimmt nicht ein in den Chor derer, die die Ur-Zehngebote in kultischen Bestimmungen suchen, sondern erkennt das Aller des Zehngebote-Schenias an. Kr erkennt an, daß eine Religion ohne Kallus unmöglich ist. und daß darum das Kultische in der altjüdischen Frömmigkeit notwendig ist und nicht fehlen durfte. Er erkennt in bewußtem Gegensatz zur Wellliausenschen Theorie das Alter der als Priesterkodex bezeichnten Stücke an. So wird das Buch zur Bekräftigung manches lange Zeit von den jüdischen Gelehrten allein verfochtenen Glaubens an die Zuverlässigkeit der biblischen Ueberlieferung. Aus seiner die jüngste politische Entwicklung Deutschlands ablehnenden Haltung macht er kein Hehl, ob es notwendig war, das zu betonen, bleibe dahingestellt, die dabei gelegentlich versuchte Inbeziehungssetzung aller Geschehnisse zu neuzeitlichen, ist rein subjektiv. Ganz frei von Vorurteilen ist auch er nicht. Die an Esra und Nehcmia anknüpfende Entwicklung ist ihm, bei aller Bewunderung der Persönlichkeiten, ein Rückfall in Partikularismus und Verzicht auf Geltung als Wellreligion. Im ganzen trotzdem ein mit hohem Genuß zu lesendes und ein in seiner Gesamttendenz erfreuliches Buch, int besten Sinne des Wortes „ein frommes Buch“; man kann es lesen, wenn man ohne Vorkenntnisse ist, und es bielet dem Kenntnisreichen gleichfalls hohen Genuß. Die Ausstattung ist vornehm, der Buchschmuck voll starker künstlerischer Wirkung. Rabbiner Dr. Dicncmann-Offenbach a. M. Dr. Arthur Posner: Die Psalmen, das Rcligionsbueh der Menschheit. Eine ethisch-ästhetische Wortung des Psalmbuchcs. Berlin 1925. C. A. Schwctsohke u. Sohn. Die vorliegende Schrift setzt es sich zum Ziel, die ethischen Gedanken der Psalmen herauszuarbeiten. Die wohl öcm, 5er alles, was in ihm lebt, an Willen, an Liebe, an Glauben, an Geist seinem Leid, seinen Schmerzen cntgegenstcllt, der niemals nachgibt, nie müde ivird, der sich das Ziel nicht verrücken läßt, der immer größer wird und nie kleiner, der immer wächst mit seinem Schmerz, der sich von der Höhe nicht hinabzerren läßt, auf der er gestanden, auf die er will! Der selbst noch das Weinen, verlernt und verschmäht, aber nicht, weil er sich seiner Tränen schämt, nein, weil er sie verlacht als Zeichen der Schwäche, weil er den Schmerz sck)vn beinahe liebt und ihn umarmen möchte und segnen! Fühlt cr doch täglich und stündlich es mehr: ach, »vie das stark macht und uns veredelt! Ach, wie das selig macht uns uns beglückt! Ach wie das reich macht und uns erhöht! Wie es so stolz macht und uns verliest, wie wir doch groß dastehcn vor nns selber, wie wir uns frei fühlen gegenüber dcm Schicksal! Wie es llns anflenchtet. was wir da lesen im Buch „Bon der tiefen Wirklichkeit": „Aller Schmerzen wert ist die Weisheit des Lebensfrohen^ Eil» Licht ist der Lebensstarkc und ein Baun» mit starken» Stamm und mit breitem Wipfel. Und ein Freund ist er, der in die Seelen fdxtitl und starke Arme hat." — Und wie erleben wir nicht in all dem das Schicksal der Inden immer wieder von neuem, dieses ewig lebendigen „Mannes der Schmerzen", der sich immer wieder verjüngt und stählt an seinem Leid, an seiner Not! Ja, hadert wir alles cinntal überstanden, hat die Stnrinesfahrt einmal ihr E»»de erreicht, stehen mir glücklich und friedlich am Ziel, kehren wir verwundet, aber doch siegreich aus unserem Kampf mit dem Schmerze zurück, dann falten wir doch vielleicht unsere Hände, darin lösen sich doch vielleicht »tttsere Tränen, danrt sprechen wir doch vielleicht jetzt in Andacht, was uns vorher so unbegreiflich schien: „Ich danke dir Ewiger, daß du mir zürntest. Es wendet sich bciit Zorn nnd du tröstest mich neu!" Die wirkungslosen Waffen des Antisemitismus. Der Profcsior «für Sozialphilosophie am College de France" in Paris, Jean Jzoulet. hat im Pariser Berlage Albin Michel ein bemerkenswertes Buch veröffentlicht, welches sich „Paris, die Hauptstadt der Religionen, oder die Sevöung Israels" betitelt. Wir entnehmen diesem Werke die markante Stelle, wo sich Jzoulet mit den wirkungslosen Waffen des Antisemitismus anseinandersetzt. Er bezeichnet ihn als die einfältige „Lösung" des ungeheuren Problems Israel, welche irr zwei Punkte zerfällt: 1. Israel ist eine Plage. 2. Israel muß daher eliminiert werden. Aber diese Lösung selbst enthält zwei fundamentale Einwändc: 1. Kann Israel eliminiert werden? Ist Israel überhaupt eine Plage? Ja. sagt man, Israel ist ein Volk von Wuärercrn nnd Aufrührern, ein Volk von ewigen Nagern und ewigen Verschwörern. Man muß es daher um jeden Preis eliminieren, und da kann man zwischen vier Methoden wählen — wählen oder vereinigen. Doch wir wollen den Verfasser selbst sprechen lassen: „Trotz allem, was eben gesagt wurde, wollen wir annehmen. daß Israel ein Nebel ist. Welches sind die vier Heilmittel des Nebels? Worin bestehen sie? Und was sind sie wert? Das angcbltrhe Nebel und die vier anacblichcn Heilmittel des Nebels: 1. Die Ausrottung. 2. Die Vertreibung. 3. Die Ausschließung. 4. Die Assimiliernng. Wieviel angebliche Heilmittel «für daS angebliche Nebel? Alles in allem, scheinbar nur vier. 1. Die Ausrottung Israels in allen Ländern. 2. TUc Bcrtrcibnna Israels aus allen Ländern. 3. Der Ausschluß Israels von allen öffentlichen Funktionen in allen Ländern. 4. Die mehr oder weniger relative und mehr oder weniger progressive Assimiliernng Israels in allen Ländern. Was soll man von diesen vier Lösungen denken? Meiner bescheidenen Ansicht nach sind sie alle unsinnig. Werfen wir einen raschen Blick ans jede von ihnen. 1. Die AnSrottung? Gehen wir weiter. 2. Die Assimiliernng? Angenommen, sie sei wünschenswert, aber sie ist vollständig unmöglich. Oh, ganz gewiß ist der Magen des Christentums nicht stark genug, um das lebhafte und scharfsinnige, flüchtige und zähe, hartnäckige und kampflustige Jiracl zu verdaue,»! Sobald wir diese beiden extremen Lösungen beiseitegcschvben haben, wollen wir einmal die beiden mittleren und vermittelnden betrachten. 3. Tie Vertreibung aus diesem oder jenem Lande? Israel hätte keine Mühe, die anderen Länder gegen dieses eine zu koalisieren, ohne in Betracht zu ziehen, daß Israel gar nicht nötig hätte, in einem Lande zu sein, mit es durch die Presse oder durch die internationale Finanz oder gar durch das Parlament und die Regierung selbst, welche den ersteren mehr oder weniger untergeordnet sind, nis manövrieren. Die Vertreibung aus allen Ländern? Sic ist doppelt und in lächerlicher Weise unmöglich. Alle Länder würden sie nicht wünschen, weit entfernt davon! Und selbst wenn alle Länder wollten, sie könnten nicht? Auf dem ganzen Planeten gibt es nämlich kaum noch Güter ohne Herren: der ganze Planet ist aufgeteilt. Man müßte also Israel vom — Planeten verjagen. 4. Schließlich der Ausschluß von allen öffentlichen ft-mit« Honett. Genau genommen, ist er theoretisch unmöglich, aber lächerlich unausführbar und grotesk illusorisch. Man wollte die Inden hindern. Abgeordnete. Senatoren. Minister, Präfekten. Gouverneure und Staatsräte zu sein? Meinetwegen. Aber will man sie verhindern. Industrielle. Kam'lcrric und Finanzlente zu sein? Und will man ihre Finanz verhindern, einen Druck auf die Presse ausznüben und mit Hilfe der Presse einen Einfluß auf das Parlament und die Regierung zu haben? Und will man sie hindern. Gelehrte. Dichter, Roma»- schriftsteller. Dramaturgen. Journalisten, Publizisten zu sein und sich damit nicht nur der Intelligenz zu vemächtigen, sondern auch der Imagination und des Gefühls und auf diese Weise ganz oder teilweise die geistige Macht an sich zu reißen, welche, wie man weiß, noch viel mächtiger ist als die zeitliche, politische, wirtschaftliche. gesetzgebende oder finanzielle Macht? Was bleibt also -von de» vier großen Waffen des Antisemitismus?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.