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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-09 · 28 (9.7.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
28 (9.7.1926)
Date
1926-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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«nb Bewegtheit der Farben, aber nicht an Kraft ttbertrofsen wurde: „Tu. du hast uns «erlassen und beschämt und ziehst nicht ans mit unseren Armeen. Bor dem Feind lassest du uns ziirückwcichen. die Hasser dürfen plündern nach Herzenslust. Wie Schafe wirfst du uns zum Fraß hin. unter die Völker hast du uns verstreut .. . Für ein Nichts hast du dein Volk «erlauft, gar wenig für es gefordert. Zur Schmach unter unseren Nachbarn lassest du uns werden, zum Gespött unserer Umgebung... All das ist über uns gekommen, aber vergessen haben wir dich nicht, und deinen Bund nicht verleugnet. Unser Herz ist nicht zurückgewichen. unser Schritt von deinem Pfad nicht abgetreten. In die Behausung von Schlangen hast du uns verstoßen und Todesischattcn über uns gebreitet. Haben wir gleichwohl etwa des Namens unseres Gottes vergessen und unsere Hände zu einem fremden Gvtt ausgestrcckt? Das möge Gott selbst beurteilen, denn er kennt die Geheimnisse des Herzens. Für dich lassen wir uns den ganzen Tag töten, und erachten uns gleich Schlachttieren. Erwache, warum schläfst du! Ewiger, erwache, «erlaß uns nicht auf immer. Warum verbirgst du dein Antlitz, vergissest unsere Pein und Not? Steh aus und hilf uns und erlöse uns um deiner Gnade ovillen." Das sind nicht winselnde Sklaven, die vor einem Orientalischen Despoten ans dem Bauch liegen. Das sind Männer, die ihren Wert kennen. Sie sind überzeugt, von Gatt Recht und Gerechtigkeit fordern zu dürfen, weil er der Gott der Gerechtigkeit ist. Vom bitter» Sarkasmus geht ihr Ton in hingebungsvolle, vertrauende Demut über. Trotzig bekennen sie der ganzen Welt gegenüber ihren Gort, und erhobenen Hauptes rühmen sie sich vor Gott ihrer Treue, ohne aber am Ende viel Wesens aus ihr zu machen, denn schließlich soll er sie „nur um seiner Gnade willen erlösen." Ist das der Ausdruck eines Kontraktes auf der Basis du ut des? Und uoch auf einen Punkt muß Lei 'dieser Gelegenheit 'aufmerksam gemacht werden: es wurde gesagt, daß das Verhältnis Israels zu Gott unter dem Bilde eines GhebundeS angcschant wurde. Dies wird sogar täglich beim Anlegen -der Tephillim durch die Umwicklnnng der „Rezuah"-) um den Mittelfinger der Linken gleich einem Ehering symbolisiert, wobei der charakteristische Vers aus Hosea gesprochen wird: „Ich traue dich mir an auf ewig: ich traue dich mir an durch Gerechtigkeit und Recht, durch Liebe und Barinlierzig'kcit: ich traue dich mir an in Treue, und du (fern.) wirst Gott erkennen." Gleichmo-hl hat diese Vorstellung nie eine Abbiegung ins Sinnlich-Erotische erfahren. Es ist für den Folkloristen interessant, daß diese Vorstellung in der primitiven Volkspoesie der Juden iihre naiv-fröhliche, uian möchte sagen humoristisch-herzliche Abspiegelung gefunden hat: bekannt ist die sogenannte „Ketubbah" zwischen Gvtt und Israel, die im Volke in vielen Versionen kursiert. Aber so etwas wie der „Seelenbräutigam" und das „luunitcimne Jesulein", wie die Marienlyrik oder die jeden Kenner wohlbekannten Ergüsse katholischer und protestantitscher sogenannter Mystiker, bei deren Lektüre man bisweilen Ausschnitte aus einer Pariser Novelle vor sich zu haben glaubt, — das konnte im Judentum nie aufkommen. Stimmungen, ivie z. B. Mnrillp sie in seinem heiligen Antonius von Padua — nebenbei gesagt, einem der schönsten Bilder der Welt! — 'festgehalten hat, hatten bei uns keinen Raum. Jene scharfe, feine Linie, wo die religiöse Extase lin sinnliche Geilheit einerseits oder sadistische und waiochistische Grausamkeit andererseits übergeht'), ist im Judentum nie überichritten worden. An schüchternen Anläufen hierzu hat es auch bei uns nicht gefehlt, namentlich ^..Hm 10. und 17. Jahrhundert, als die mystische Schwärmerei . iülerhand nahm. Aber alle diese Anläufe wurden von den Rabbinen, und gerade von solchen, die selber im Banne der Mystik standen, mit so viel Energie und Rücksichtslosig- "".'ffeit ivie Klugheit und feinem Verständnis im Keime erstickt, daß sic keinen nennenswerten Schaden stiften konnten. '(Die Anhänger des Sabbathai Zevi und des Jakob Frank .wurden ausgestoßen, als ihre religiösen Schwärmereien in Lüsternheit übergingen.) Diese Tatsache hat ihren Grund darin, daß der jüdische Goltcsbegrisf vom UrLeginn rein geistig, streng übersinnlich gefaßt worden ist. Die ganze Energie und die ganze Straft der Lehrer wurde ziisammengefaßt und auf diesen Punkt konzentriert: die Gottheit als absolut über alle Sinne, über alles durch die Sinne Wahrnehmbare, als rein geistig, übermenschlich und überweltlich zu begreifen, so daß cs absolut ausgeschlossen war. daß die Liebe zu ihr. bei aller Glut und Hingelumg, animalische Triebe rege zu machen, sinnliche Begierden zu erwecken vermocht hätte. Diesem großen Gedanken wurde der natürliche plastische Trieb, der Drang 's Lederriemen, an dem die Thephillim befestigt sind, si Man denke an die unio mystica und den FlagelkaiitiSmus und die verwandten Erscheinungen. zur bildlichen Darstellung, geopfert. Wir find M8 auf die neueste Zeit, unserem rein geistigen Gottrsibegriff zuliebe, ein kunstloses Volk geblieben. Mögen unS die anderen nur ruhig verspotten. Wir, wir wissen genau, daß wir mit diesem hohen Opfer für uns und die Menschheit etwas unendlich Kostbares erkauft haben und es bewahren wollen. Wir haben darob viel versäumt, aber wir können alles nachhvlen. Erst als der echt heidnische Trieb zur Bersinnlichnng und Erottsierung der Gottheit aus der Seele unseres Volkes so gründlich ausgerottet ward, daß von seiner Seite keine Gefahr mehr drohte, durften wir dem künstlerischen Trieb frei die Zügel schießen lassen. Die Werke der jüdischen Maler und Bildhauer seit Beginn des 16. Jahrhunderts sind da. um Zeugenschaft abzulegen, daß unser Können auf diesem Gebiete nicht zu verachten ist. Allein, eben diese Natur des jüdischen Gottesbegriffs war auch das Haupthindernis seiner Verbreitung in der Welt. Jener Umwandlungsprozeß, der Jahrtausende vor Christus in der Seele des jüdischen Volles vor sich gegangen war und cs befähigte. dem einig-einzigen, rein geistigen Gott die ganze Herzenswärme und Aufopferungsfähigkeit znzuwendcn, war so ungeheuerlich, daß er nicht so bald wiederholt werden kann. Die große und mächtige Propaganda, die das Diasporajndentum nahezu drei Jahrhunderte hindurch vor Christus in der griechischen Heidenwelt für den Monotheismus gemacht, hat sehr tiefe Wirkungen ausgeübt. (Sogar bei solchen flachen Naturen wie Virgil und Horaz finden wir Spuren der Bibel, aber sie sind vorwiegend literarisch.) Aber sie war selbstverständlich nicht stark und andauernd genug, um deren Seele so weit ttuizubilden. daß sie für die jüdische Theophi lie und den jüdischen Monotheismus reif geworden wäre. Der Gott des aristotelischen Monotheismus war ein abstrakter, kalter Begriff, ein Gott der Retorte und der Studierstubc. Und die Götter des Olymp waren, ach. schon so lange tot, sie waren lange vor Theagenes von Rhegio, lange vor dem Aufblühen der griechischen Philosophie gestorben. Sie waren im Grunde tot geboren. lNur als Modelle schöner 'menschlicher Leiblichkeit werden sie misterblich bleiben.) Tic ganze damalige Menschheit sehnte sich nach einem Gvtt, den sic verehren und lieben konnte. Sie war bereit, den Gott Israels anzuerkennen, aber ihn sich so zu denken, wie die Juden, und ihn zugleich zu lieben, dazu war sic noch lange nicht reif. Es hat wenig genützt, daß Paulus ihr das ganze „Gesetz" des Judentums erließ und sogar das jüdische Volk prcisgab. Hier bedurfte cs einer größeren Konzession: sollten die Heidcnvölker Gott lieben, so mußten sie ihm ein Wesen in Menschengestalt hinzugcsellen. Gott ist einzig? Ja! Aber er bat einen Sohn, in dem er sich verkörpert, menschliches Leiden und menschliches Sterben auf sich genommen hat. Nur so vermögen wir ihn zu lieben. . . . Die Juden aber, die konnten Gott lieben und für ihn sterben, auch wenn er nicht als sein eigener Sohn auf Erden gewandelt und schließlich eines qualvollen Todes gestorben ist. Hier hörte das gegenseitige Verstehen auf. An diesem Punkte schieden sich die Wege beider Religionen. Und noch Jahrhunderte später prägten die Rabbinen eine rührend naive und unbeholfene Formel, um dem Christentum den Dualismus oder auch die Trinität zu entschuldigen: „limmotsi Io niztawwu al haschitthuph", den nichtjüdischen Völkern ist es nicht verboten worden, dem einzigen Gott noch ein menschenähnliches Wesen hinzugesellcn in der Verehrung: sie können es nicht anders, man darf ihnen das nicht verübeln, sie sind trotzdem keine Götzendiener, keine Heiden mehr: sie beten Gott, tzcn Einzigen, an. Wir Juden haben das freilich nicht nötig. Wir wißen, er ist einig-einzig, allein, übersinnlich, rein-geistig, übcrwclt- Uch. und ist doch der Ewige, der barmherzige und liebreiche Gott, langmütig ynd gnadenreich, stark in Treue und Wahrhaftigkeit. er hütet seine Gnade der tausendsten Generation, er verzeiht Sünde. Frevel und Fehltritt. . .. Aus den Gemeinden Berlin. lR e p r ä i c it t o n t c it v c x f a ni in I u « g.) Am 1. Juli fand eine Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde statt. Da die am 10. Mai gewählte Versammlung bisher von der Aufsichtsbehörde nicht bestätigt worden ist, mußten die vorliegenden Arbeiten noch von der alten Rcpräsentanteuversammlung erledigt werden, damit die Gcmeindcarbeit nicht ins Stocken gerät. Trotzdem der Vorsitzende der Reprüsentantenversammluiig sich vorher des Einverständnisses der verschiedenen Fraktionssührer versichert hatte und nur wichtige unaufschiebbare Punkte auf der Tagesordnung standen, kam cs zu stürmischen Zusammenstößen. Rechtsanwalt Klee und Professor Löwe protestierten gegen die Tagung namens der Fraktion bet Jüdischen Bolkspartei und versuchten, durch endlose Geschäftsordnungs-Debatten die sachliche Arbeit zu sabotieren. Sie zeigten deutlich, daß ihnen das Wohl der Partei hoher steht als das Wohl der Gemeinde. Wäre ihnen die beabsichtigte Sprengung der Versammlung gelungen, so wäre die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde auf das empfindlichste gestört und das Eingreifen der staatlichen Aufsichtsbehörde notwendig geworden, gewiß ein beschämender Vorgang. Bo» der Jüdischen Volkspartei wurde mehrfach die Beschlußfähigkeit des -Hanfes bezweifelt, natürlich ohne Erfolg. Bezeichnend ist cs. daß das nentrale „Jüdische Zeitungsbureau über den Verlauf der Sitzung unter der Ucberschrift berichtet. „Ein Repräsentant protestiert gegen seine Agene Anwesenheit." Der Führer der Konservativen. Moritz A. Locb, der bei den letzten RcpräsentantenwMen mit der Jüdischen Volkspartei seine Liste verbunden hatte, bemängelte auch seinerseits die Zusammensetzung der Rcpräseniantenversannnlung. Er kündigte an. daß in der neuen Repräientantenvcrsammlung eine Arbeitsgemeinschaft zwischen den Konservativen und der Mittelpartei bestehen werde. Es ist also damit zu rechnen, daß in der neuen Repräsentantenversammlung ein zionistisch-konservativ-mittelparteilichcr Block gegen die Liberalen vorhanden sein rvird. Die Versammlung beschloß mit Mehrheit, nachdem die Vorsitzenden der Repäsciitantenversammlung und des Gemeinde- Vorstandes auf Grund der Bestimmungen des Gemeiudestatuts die Tagungsfähiqkeit nachgewiesen hatten, sich durch die zionistisch-konservativen Sabotageversuche nicht beirren zu laßen. Die annähernd siü Punkte der Tagesordnung wurden, nachdem die Geschäftsordnungs-Debatte ihr Ende gefunden hatte, sämtlich angenommen. Auffallend mar. daß die Errichtung eines Ehrenmals für die gefallenen jüdischen Bruder auf dem Friedhof in Wcißensce mit den Stimmen der Liberalen aeaen die Stimmen der zionistischen „Jüdischen Bolkspartei" und der Konservativen angenommen! wurde. Berlin. (Unfall von Professor Rosen st ein.) Der Direktor der Chirurgischen Abteilung des Indischen Krankenhauses in Berlin, Professor Dr. Paul Rosenstein, der den Sonntag auf seiner Besitzung in Wernsdorf am Krossinsee verbrachte, wurde vor der Tür seines Landhauses von einem Blitz getroffen, fünf Meter weit fortgeschleudert und betäubt. Aus dem Boden schoß eine Fenersänle, die das Haus tu Brand zu sehen drohte. Sämtliche elektrischen Sicherungen schmolzen. Professor Rosenstein ist wie durch ein Wunder unverletzt geblieben. Berlin. (Stellenvermittlung des Landesverbandes.) Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden macht auf die bei ihm eingerichtete Stellenvermittlung für Lehrer, Kantoren, Prediger und Schochtim aufmerksam. Es sind zur Zeit eine Reihe gecigueter Kräfte in dieser Stellenvermittlung vorgcmerkt. Die Gemeinden werden in ihrem eigensten Interesse aufgesordert, vor Ausschreibung beim Landesverband Rückfrage nach geeigneten Bewerbern zu halten und nach Besetzung dieser Stellen dem Landesverband Mitteilung über die Personen und die Anstellungsbedinguiigcn des Beamten zu machen. Besonders wird auf die Vermittlung von Beamten für die hohen Feiertage aufmerksam gemacht. Berlin. (Politische Beleidigungsklagen.) Vor einigen Tagen hatte sich der Leipziger Rabbiner Dr. Goldmann vor dem Amtsgericht Charlottenburg wegen Beleidigung des Sanitätsrats Dr. Peyser zu verantworten. Cr wurde freigesprochen, weil das Gericht Wahrung berechtigter Interessen für vorliegend ansah. Eine Wi-erLßage Goldmanns gegen Peyser unterlag der Einstellung deK'Verfahrens. Am gleichen Tage fand in der Beleidignngssache des Rechtsanwalts Naumann gegen den Lehrer Steinhardt, der, wie erinnerlich, in erster Instanz zu 100 MarßoGeldstrafe verurteilt worden war, die BcrufnugsverhaNdlung statt. Auf ausdrücklichen Antrag des Klägers wurde dem Angeklagten Steinhardt aufgegeben, die Wahrheit seiner beleidigenden Aeußerungen unter Beweis zu stellen. Berlin. (Jüdische G r a m m o p h o n pl a t t e n.) Für die Freunde einer guten Gram m o phon-Musik dürfte es interessant sein, zu erfahren, daß der Hcldcntenvr, Opern- und Konzertsänger Arnold Altwell (Altschul) ehemals Obcrkantor der Großen Warschauer Synagoge (Tlomacka) jetzt als vielbeschäftigter Gesanglehrer in Elberfeld ansässig, eine Reihe von Platten hat erscheinen laßen, in denen er seine wirklich hochstehende Kunst in den Dienst des h c b r ä i s ch c u und des jiddischen Gesanges gestellt hat. Die voluminöse Stimmgcbung des Herrn Alt. well erinnert stark an Caruso, so daß die Platten in ihrer jüdischen Tendenz mit zu den besten gehören, was die Gram. mophon-Musik überhaupt aufzmveisen hat. Arien ans der „Jüdin", „Romeo und Julia", zum ersten Male vor Herrn Altwell mit hebräischen Texten gesungen, sind in Sonett. herrlich strahlst du WalÄ in deiner Pracht! Doch saa'! Das dürre Laub zu deinen- Füßen, — War's auch eln st'Pracht und muß es jetzo büßen Den-kurzen Tag nrit ewig langer Nacht? .Hat es dereinst der Evnne zugelacht Und uns gewährt ein fröhliches Genießen?! O wehe, jetzt am Boden liegen müssen. Zum Hohn vom neuen Glanze überdacht! Trotz deiner stolzen Pracht läßt du uns sehen, Wie sich bei dir auch eng zusannncnfinden. £, grüner Wald, das Sein und das Vergehen. Doch die Erkenntnis läßt's uns überwinden, Daß deine Herrlichkeit und ihr Verweben Im ewig neuen Werden sich verbinden! — Georg Kn t tu er. Echmerztriiger. Von Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. „Ich danke dir Ewiger, daß du mir zürntest." (Jcs. 12. 1.) Nicht das natürlich gilt es zu glauben, ein Leben ohne Schmerz ist lein Leben, und ein Dasein voll Glück und Sonnenschein wäre ein wahrhaftes Unglück für uns. Nicht das natürlich sollen wir wünschen, daß uns das Leben recht viele Dornen in unser Blut presse und drücke. Ach nein, eS ist ichon schön um ein Leben, das äußerlich leicht und ruhig verläuft. Es ist schon ein rechter Gottessegen, wenn man die Psennigsorgen nicht kennt und niemals dem Worte zu- -ustimmeu braucht: „Ein schlimmeres Uebel als der Tob der liebsten Menschen ist die Not. Sie läßt nicht sterben und nicht leben. Sie.streift des Lebens Blüte ab, streift, was uns Lieblichstes gegeben, an Herzen und Gemüte ab. Den Stolz des Weisesten selbst beugt sie, daß er der Dummheit dienstbar werde. Der Sorgen bitterste erzeugt sie, denn man muß leben auf der Erde." — Und ach, ist der nicht glücklich zu preisen, der niemals Seelcnkämpfe gekannt, der friedlich und sicher durch alle Klippen das Lebensschifflein hindnrchgesteuert, den nie etwas aufwühlt, den nichts durchstürmt, der nie verzweifelnd und niemals klagend auf seinem Bette weinend gesessen, dem sich alles erfüllt, was er sich wünscht, dem nie eine Hoffnung fehlgcschlagen! Nicht das also kann unser Wort bedeuten, das Gott auch für den Schmerz noch denkt, nicht das also kann deö Dichters Spruch meinen: „Auch der Schmerz ist Gottes Bote." Nein, was am Schmerze ein Segen ist und was ihn mit der Religion verbindet, es ist ein dreifaches. Und zuerst dieses: es ist die Umwandlung unseres Wesens, die wir durch ihn notwendig erleiden. Es ist die Anspannung unserer Kräfte, der Geistes-, der Körper-, der Seelenkräfte, zu der er uns unerbittlich zwingt. Es ist die Aufgabe, vor die er uns stellt. Es ist der Ruf an unsere Person, mit diesem Schmerze fertig zu werden. Es ist die Wahl: Fall oder siege, es ist die Qual: Kämpfe oder erliege! Es ist die Frage, soll er dich zerdrücken oder sott er dich aufrecht sehen, soll er dich besser wachen und stärker, lebenssicherer als du vorher gewesen vder soll er dich schwächen und schwächen, um dich am Ende gar zu zerbrechen! In diesem Widerstreit unseres Daseins, in diesem Zwang, sich entscheiden zu müssen, liegt wirklich der erste Segen des Schmerzes. Denn in der Art, wie man entscheidet, zeigt sich unsere wahre Natur, offenbart sich der Grad unserer Religion. Denn es sind nur die Schwächlinge und Lebeusverlvrenen, die sich vom Schmerz überrennen lassen. Es sind die Geistes- und Seele »armen, die keinen Widerstand leisten können. Es sind die großen Kinder des Lebens, welche das Fcststehen noch nicht gelernt Es sind die Haltlosen, Schwankenden, Wankenden, es sind die Wurzel- und Bodenlosen, die sich wohl biegen und beugen und bücken, doch niemals auf ihrem Grund bleiben können. Es sind die Feiglinge unter den Menschen, die einzig im Jammern groß sind und Klagen. Es sind die Weichlichen unter uns, die alles Genießen köstlich verstehen, die aber noch nie das Verzichten gelernt. Es sind die Bequemen und Selbstgefälligen, die ach so gern Geschenke annehmen: Geschenke des Schicksals und auch der Menschen, die aver selbst nichts verschenken können, weil sie ja nichts zu verschenken haben. Sie alle werden im Augenblick, da die Entscheidung an sie herantritt, schmählich versagen und untergehen. Denn wer nur mit der Sonne zu leben vermag, der ist für diese Welt nicht geboren — für diese Welt, die zu uns spricht: Das aber ist die größte Liebe, das ist die höchste Opferkraft, die heldenstark im Wagen, Tragen zur Sturmesfahrt die Segel strafft! " Und hier liegt der zweite Segen des Schmerzes: daß er uns nämlich von unserem Leben eine ganz andere An. schauung gibt: daß er den trügerischen Vorhang wegzieht, der uns so viel Lockendes vorgctäuscht hat: daß er uns durch di« Oberfläche, die ach so glatt schien und spicgelklar in der tiefen Weltengrund sehen läßt, in dem alles verschlungen ist alles verworren, alles Kampf heißt und Leidenschaft: ja. da? er uns unser Menschcndascin nicht mehr als harmloses Lust« wandeln darstellt. sondern als eine Sturmesfahrt! Es gibt eine Zeit in unserem Leben — cs ist die Zeit unseres Werdens und Reifens — da man gar leicht an Weltschmerz leidet. Es ist die Zeit des Träumens und Sehnens, die Zeit des Dichtens und des Bergleichens. Man sieht von sich in öaS Leben hinein, man sicht den Gegensatz zu unseren Wünschen und man wird traurig und irre an der Welt. Und dann kommt wieder eine Zeit in dem Leben, da blickt man auf jene Träumcrjahre mit einem leisen Lächeln zurück. Man hat es inzwischen eben erfahren: Der Weltschmerz jener vergangenen Tage war nur ein Spiel gegen den Schmerz, den uns das Leben später beschert. Damals war unser Schmerz eingebildet, heute ist er die Wirklichkeit. Damals suchten wir diesen Schmerz, heute sucht der Schmerz uns! Oder wie eS in Tolstois Tagebuch heißt: „Die Hauptnrsache aller Leiden ist die, daß man das erwartet, was nicht vorhanden ist, nicht aber das erwartet, was stets da ist." Hier haben wir den Weltschmerz beider Arten kurz und knapp gegennbergestellt. Erwarten, was nicht erlebbar ist, das ist das Zeichen der jungen Jahre. Erleben, was nicht erwartet wurde, das ist das Zeichen der späteren. Und dieses Eindringen in daS Leben, dies Aufgeklärtwerden über uns selbst — es ist ein bitteres, herbes Erleben, aber doch auch ein hcilvolles. Denn nun kommt der dritte und größte Segen, der mit dem Schmerze verbunden ist: daß wir die Segel straffen müßcn. wenn wir die Sturmfahrt bestehen wollen! Wohl hem, der sich hinauswagen mag. Wohl dem, der vor seinem Schmerze steht wie der kühne Fahrer vor dem stürmenden Meer! Wohl dem. der die Arme ausbreiten mag und sich jauchzend hineinstttrzen in den Strudel des Leids. Dem das Toben der Wellen wie Musik erklingt! Dem die Brust sich schwellt, die Arme sich stählen, das Auge zielfest wird und die Seele stahlhart! Ja. wohl dem, wohl dem. der ihm nicht ausiveicht, der mit dem Schmerz ringt so wie ein Künstler mit seinem Stein, an dem er meißelt, an dem er feilt, an dem er Funken auf Funken herausschlä§t, bis aus dem kalten, toten Gestein ein herrlich leuchtendes Bildnis entsteht. Jq t

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