Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-07-09 · 28 (9.7.1926) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
28 (9.7.1926)
Date
1926-07-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613869--1865-2619274
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

IWchLeraleZMmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die VefchLstsstelle ^jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: im Milgliedsbeitrage enthalten. :: rr :: Lhcfredakleur: Dipl.-Ing. Bruno Doyda. Viv „Jüdifch-llverale Zeitung" erscheint jeden Srvitag. Redaktion«. Seschüttssteile: verlin SW, Wlihslmftr. 147. Sernruf: kasenheido 3358, 3359 Poftfdyackkonto: B»rlin OW7 nr.lJ70ö9 (Vereinigung für da» liberal» Jubontum ieachdr»«k fSmtlid)»r Ortglnat-VEräg« nur mit «orftirigw 0»n»hmlgung Var Rebaktton gastattat. Anzeigenpreise: Die 12gespaKene^RonpareiSezeil» 0,43 Goldmark, die Reklamezeile 3.0E Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :r Anzeigenannahme: jüdisch -liberale Zeitung" Änseratenabteilung: Berlin SV 48. Dilhelmstrahe 147 (Hasenheide: 3358—80). sowie sLmtt. Annoneen-Epped. Nr. 28 Berlin. 9. Juli 1926 6. Jahrgang Las hrogramm von London. Wenn unsere Leser diese Zeitung zur Hand nehmen, dann wird in London die erste große internationale Tagung des liberalen Judentums eröffnet. Zu der gewaltigen liberalen Lunagoge von St. Johns Wood Noad, die im vorigen Jahre ein geweiht wurde, wird der geistige Führer des liberalen Juden tu ins in England, Rabbiner Israel Mattuck, die Vertreter des liberalen Judentums der Welt im Rahmen des .EabbatgotteSdienstes begrüßen. Am Abend wird Claude G. Montefiore, der verdiente Vorsitzende der Jcwish Rcligions Union, eine Ansprache halten. Ihm wird für die deutsche Delegation Rabbiner Dr. Scligmann-,Frankfurt a. M,, für die Amerikaner Rabbiner Louis Wolsey, für die Franzosen Rabbiner Germain Lövy-Paris antworten. Die eigentlichen Beratungen beginnen am 11. Juli. Der New-Aorker Rabbiner Salomon Schulman wird die Tagung leiten und über die „Synagoge im modernen Leben" sprechen. Weitere Referate werden § Rabbiner Dr. Wiener-Berlin (Bibel-Offenbaruug und I Bibclkritik) und Dr. Mattuck-London (Die Bibel in j Alltag und Erziehung) halten. Die Rachmittagssitzung leitet uns,er Führer, Rechtsanwalt Heinrich Stern-Berlin. Es werden Berichte! über bas Leben des liberalen Judentums in allen Ländern der Welt erstattet. Der Abend wird praktischen Fragen des jüdischen Liberalismus dienen. Die Geburt des Monotheismus aus dem Geist der Liebe und Weltfreude. Bon Binjgmin Segel. lieber die Psychologie und den Ursprung der jüdischen Religion, namentlich des Monotheismus, ist sehr viel Gelehrtes und Geistreiches gesagt worden. Renan li-at bekanntlich die Theorie von einer psychischen Disposition der Semiten für den Monotheismus aufgebracht. die aber unhaltbar ist angesichts der Tatsache, daß nur ein einziges semitisches Volk, die Juden, den Monotheismus als Bolksreligion geboren hat nud ihm treu geblieben ist. Die Araber haben sich erst eineinhalb oder zwei Jahrtausende nach den Juden zum Monotheismus, und zwar unter dem Einfluß der Bibel und einer starken indischen Propaganda bekehrt. Alle anderen semitischen Völker sind bis an ihr seliges Ende Polntheisten geblieben, nur in Babylonien scheint die höchste Priesterschast einen Monotheismus als esoterische oder Geheimlehre gepflegt zu haben, was übrigens auch bei den Indern und Aegyptern, vielleicht auch bei selten und Germanen der Fall war. Das Geistvollste und Klarste haben wohl in dieser Sache W. Robertson Smith und Pflciderer gesagt, die den angeblichen „semitischen Hang zum Monotheismus" aus soziale Ursachen zurücksührten. In Borderasien haben terrestriiche und historische Vorgänge die Entstehung einer starken desspotischen Königsmgcht begünstigt. während in Griechenland und im übrigen Europa Ursachen derselben Natur eine aristokratische Ncgierungsform begünstigten. Da nun für den antiken Menschen Religion und Staatsform znsammenficlen. so bildete sich bei den Semiten die Neigung zur Anerkennung eines Gottes, während die Indogermanen dem Polytheismus zuneigten. Das klingt sehr plausibel und hochmodern, ist aber ebenso falsch. Denn das einzige semitische Volk, welches seit Menschengedenken monotheistisch war. hatte für seine Monarchen blutwenig Respekt: die biblischen Geschichten behandeln die König« ganz wie andere Sterbliche und beurteilen ihren Wert nur nach dem Grad ihrer Befolgung der Gesetze Gottes. Der einzige König, dem sie eine wahre Verehrung widmeten, war David, und.dies nicht weil, sondern trotzdem er König war. weil er in der Erinnerung des Volkes als kühner, ritterlicher Held und großer Sänger lebte, dem alle die wunderschönen, im Volke entstandenen Gedichte zugeichrieben wurden. Aber seine Streiche vergaß man ihm nickt, und noch der Talmud suchte Milderungsgründc für ihn und sagte: „Wer David für einen Sünder hält, irrt sich bloß." Alle diese Gelehrsamkeit ist leider völlig unnütz und philosophiert am eigentlichen Problem nur vorbei. Es ist gerade, wie wenn jemand den .Parthenon-Fries, den Apollo vom Belvedere oder den Altar von Pergamon ans der geochemischen Beschaffenheit des Herstellungsmaterials restlos „erklären" zu können vermeinte. — obgleich ia. wie z. B. die ägyptische Plastik zeigt, die Konsistenz des Marmors für die Entwicklung der bildenden Kirnst von hoher Bedeutung ist. Die Sache ist nämlich die. daß die Hauptbedeutung des Judentums in der Religionsgeschichte der Menschheit gar nicht im Monotheismus liegt. Nicht der M o n o t h e r s - m u s ist das Einzigartige. Unterscheidende. Neue. Revolutionierende. welches durch das Judentum in die Welt ge- Ain Montag Äorinittag findet die Aussprache über die Themata der Vorangegangenen Tage statt. Am Nachmittag soll die Gründung einer JntcruaNonalen Union der liberalen Juden erfolgen. Der Abend wird die Mitglieder der Tagung und die liberalen Freunde in England bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung vereinigen. Die deutsche Delegation wird aus etwa 20 Teilnehmern bestehen. Sie wird in London von einem umfangreichen Arbeitsgebiet erwartet. Die Tagung wird eine u-m so größere Bedeutung haben, als auch die englische Leffentlichkeit an ihr lebhaften Anteil nimmt. So stellt diese Zusammenkunft ein notwendiges Gegengewicht gegen die zionistische Propaganda dar, die ja gerade'im Lande der Mandatarmacht Palästinas einen großen Umfang angenommen hat. Der Dezernent für jüdische Angelegenheiten im Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches, Professor Dr. Sobernhcim, hat sich ebenfalls nach London begeben, um der Tagung bcizuwohncn. Das liberale Judentum der ganzen Welt blickt mit stärkster Spannung in diesen Tagen nach London und erhofft vom Zusammenschluß der liberalen-Inden eine neue Stärkung des religiösen Gedankens. Möge die Londoner Tagung, über die wir in den nächsten Nummern eingehend berichten werden, diese Hoffnung in Erfüllung gehen lassen. kommen ist. sondern die Theophilie ist es. Diese war etivas Unerhörtes, vorher nie Tagewefenes, und auch ganz Unverstandenes. Daß das Weltall von einer einzigen Urkraft beherrscht und gelenkt ist, das wurde, wie schon erwähnt, auch anderwärts erkannt, wenn auch nicht verkündet (sondern eher geheim gehalten'). Zu diesem Resultat mußte endlich das menschliche Nachdenken über den Kosmos von selber logischcrweisc gelangen. Mer daß diese einigeinzige Urkraft eine lebendig.' Persönlichkeit ill. die man lieben, der man sich in Vertrauen und Hoffnung selbstlos hingeben kann, das hat das Judentum zuerst der Welt verkündet. Es ist ja ganz verfehlt, zu meinen, daß das jüdische Glaubensbekenntnis sich in dem Verse erschöpfe: „Höre, Israel, der Ewiae. unser Gott, der Ewige ist einzig." Jeder kleine Indeniunge weiß, daß dazu auch das nachfolgende Kapitel untrennbar gehört, welches lautet: „Und du wirst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen. mit ganzer Seele, mit aanzer Innigkeit" und so weiter. Und schon in ältester talmudischer Zeit interpretierte man dieses Bekenntnis folgendermaßen: mit ganzem Herzen, das heißt, mit beiden Trieben dcS Herzens, dem altruistischen sowie dem Lnsttrieb. mit ganzer Seele, das heißt, auch wenn Gott dir die Seele nimmt ldich sterben läßt, oder Leid über dich verhängt). An die Todcsbereitschaft für Gott muß man auch denken beim Ansivvcchen des Wörtchens „echad". weshalb dessen letzte Silbe verlängert wird. Außerhalb des Judentums ist die griechische Philosophie und innerhalb die'cr Aristoteles, Platos Gedanken hierin konscguent entwickelnd, dem jüdischen Gottesbegrifs am nächsten gekommen, weshalb denn auch die Juden der griechischen Philosophie so zuneigten und insbesondere diesen beiden Denkern fast religiöse Verehrung zollten. Aber dem Aristoteles war der Monotheismus nur die beste Erklärung des Weltgeschehens und ließ sich am bequemsten mit seinem gereiften Denken vereinen. Daß man aber Gott lieben oder von ihm geliebt werden könnte, kam ihm. wie er selber sagt, absurd, ja, unziemlich vor?) Zwischen Göttern und Menschen könne keine Liebe und Gegenliebe bestehen, und cs wäre ungeziemend, wenn einer sagte, er liebe Zeus. So dachte und empfand einer der größten heidnischen Geister. Und nun vergleiche man damit die angeführten indischen Gebete, um die ganze Kluft zu ermessen, die die beiden Wcltgefühle trennt. Freilich war der Monotheismus die unerläßliche Bedingung der jüdischen Theophilie. Denn wenn ich zehn Väter habe, die noch dazu, wie in Indien und Griechenland, einander die gröbsten Injurien an den Kopf schleudern, sich die Weiber abjagen und gegeneinander intrigieren, so kann ich keinen von ihnen lieben. Die Erkenntnis oder Offenbarung, daß es nur einen einig-einzigen Gott geben kann, konnte nur aus dem riesen Bedürfnis erblühen, ein Wesen zu besitzen, dem man eine kindliche, freudige, hingebungsvolle, dankbare, vertrauende, nichts als dieses Wesen und seine Gegenliebe allein verlangende Liebe widmen konnte. Daß ein solches Wesen nur einig-einzig, unteilbar und unvergleichlich sein konnte, ist klar. Aus der Sehnsucht nach einem solchen Gefühl mutzte zwangsläufig der absolute jüdische Monotheismus 0 Dal. Magua Moralia II, 11. erwachsen, mit seiner ganzen Schroffheit und Strenge und Eifersucht Liebe ist ohne Eifersucht nicht denkbar. und wenn das Verhältnis zwischen Mensch und Gott aus Liebe beruht, ist es ohne Eifersucht nicht denkbar. Die Sehnsucht nach der vertrauensvollen Liebe, die sich durch die ganze Gcbetliteratnr hindnrchzieht. ist wohl das Primäre in der jüdischen Volkspsyche gewesen, und daraus entsprang der jüdische Monotheismus. Da die Freude und die Dankbarkeit in den jüdischen' Gebeten eine solche Rolle spielen, so sind wohl die jüdische Wcltfreude und der jüdische Optimismus von Anbeginn starke Motive des Monotheismus gewesen. Wäre der Inhalt der jüdischen Religion der Monotheismus allein, bann hätte Paul de La gar de recht mit seiner Behauptung, die Lehre von der Einheit Gottes sei jeden religiösen Wertes bar.. „Der Monotheismus." sagte er in seiner platten, ihm geistreich dünkenden Art. „lmt aber mit der Religion in Wahrheit nichts mehr zu tun, als das Wissen, um die Einwohnerzahl Deutschlands mit dem deutschen Patriotismus zu tun hat." Oder: „Der Monotheismus der Juden steht auf einer Stufe mit dem Berichte eines zur Intendantur kommandierten Ilnterofsiziers, der das Dasein von nur einem Exemplar irgendeines Gegenstandes meldet." Ja, aber der Unteroffizier liebt diesen einzigen Gegenstand gar nicht, er ist ihm vollkommen gleichgültig, geschweige. daß er sich für ihn töten ließe. Der „tiefe und große" Chamberlain dekretiert: „Die Arithmetik hat mit der Religion nichts zu tun." Diese Weisen übersehen nur, daß diese Arithmetik, welche die absolute Eins herausbrachtc. jenen starken und bedeutungsvollen Umschwung im Gefühlsleben möglich machte, der den Monotheismus zur Grundlage aller Religion der Kulturmenschheit werden ließ. — ein Prozeß, der übrigens noch lange nicht vollendet ist. Alle die zahlreichen, so ungeheuer gründlichen Werke, in denen mit Hilfe der Ethnologie, der Urgeschichte, der Psychologie, der Philologie. der Erkenntnistheorie die „semitische Religion" erklärt und dargestcllt wird (vorausgesetzt, daß es eine solche überhaupt je gegeben hat), geben uns über das Judentum gerade soviel Auskunft, wie Z. B. das Goethe-Haus in Frankfurt über Goethes Dichtungen. Was für ein Zusammenhang besteht zwischen dem Erlkönig, Netzer allen Gipfeln, dem Gott und der Bajadere oder dem Faust und all dem Zinngeschirr und den sonstigen ehrwürdigen Utensilien, die dort aufbewahrt werden und die vor IM Jahren in jedem „besseren" Bürgerhanse zu Frankfurt ebenfalls vorhanden waren? Was geht mich all das GerümpcL an. welches die flachbrüstigen, baedeckerbewafsneten Engländerinnen so sehr beschnüffeln, als würde ihnen dadurch der Genius des Dichters offenbar? .. , * Im Bereiche der heidnischen Kulturreligion ist nur die indische Bhakti der jüdischen Auffassung einigermaßen nahcgekommen. Das Wort ist wohl am besten mit dem hebräischen Ehest d wicdergegeben, es bedeutet Liebe, Gnade, Hingabe. Die Bhakti-Religion tritt uns am vollendetsten im B a g h a v a d g i t a entgegen, das ungefähr um 300 v. Ehr. niedergoschrieben sein soll. Damals halte der indische Monotheismus seinen vollständigen Kristallisationsprozcß seit Jahrhunderten abgeschlossen. — Im Baghavadgita erhobt sich die Bhakti-Religion zu einer ungewöhnlich hohen Stufe von Reinheit und Tiefe. Sie ist beinahe ethischer Monotheismus. Im Mittelpunkte steht der ewige, eine Brahma, der ohne einen zweiten neben sich die einzige Wirklichkeit ist, ein persönlicher Gott, den man in herzlicher Hingabe lieben darf und soll, der dem frommen Verehrer Liebe cntgegenbringt. Die Bhakti macht seinetn eigentlichen Kultus ans. Aber — nach dem Urteil Ed. Lehmanns — „es liegt hier eine Gottesliebe vor, die ohne festes Vertrauen ans Gott und ohne praktische Verpflichtung gegen Menschen, in unstäten Gefühls- Wallungen zwischen Furcht und Enthusiasmus schwankt und keiner inneren Entwicklung fähig ist. Auch zerfließt diese Stimmung leicht ins Mystische mit einem Stich ins Asketische und verliert dadurch den persönlich-positiven Charakter." Wie ganz anders ist der Geist, den die diesbezüglichen Stellen der Bibel atmen (Deut. VI, 4—9). Was für einen kostbaren Schatz er in diesen sechs Versen besitzt, wird der Jude erst gewahr, wenn er sich in den Geist der großen Weltreligionen vertieft. * Und wie die Juden zuerst die Liebe Gottes in die Welt gebracht haben, so waren sie es. die die Idee des Martyriums geschaffen. (Daß der Jude aber auch für das außerjüdische Martyrium Sinn und Verständnis hatte, beweist das vierte Buch des „Kusari" wohl am allerbesten.)! Keinem Inder und keinem Griechen wäre es eingefallen, daß man Qualen. Leiden und Tod auf sich nehmen könne, um den Namen Indras oder Zeus' „zu heiligen", wie es der Jude tat und auch alle Zeiten hindurch zu tun nicht aushören wird. Denn sterben, und noch dazu mit einem Dankgobet. mit Gesang auf den Lippen, kann man doch nur für einen, den man liebt, mehr liebt, als sein bißchen armseliges Leben hienieden. Und mit was für Stimmungen sie das taten, das lehrt uns am besten der Malm 44, der non späteren ähnlichen Liedern wohl an Reichtum des Gefühls

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.