Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 27 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Neumann und Weile-Hammerstein. Alex Neumann, Max freund und Max Freundlich-Schlochtm. Aus Schneidemühl waren anwesend die Herren Rabbiner Dr. Rosenzw«ig, vom Vorstände Stadtrat Schneider. Justizrat Goldtn. Jacob, Löwin Orb Stein: von den Repräsentanten Rosenthal, Löffler. Simonsohn. Goetze und Alexander Meyer. — Nach Eröffnung der Sitzung erhält Herr Leyrin das Wort zur Berichterstattung über die Pflichten und Rechte der Berhan-Kgemeinden. Alsdann legte Herr Dr. Rofenzweia die Grundzüge über die religiöse Versorgung der BevbanbSaemeinden dar. Dem Antrag des Herrn Cohn-Deutsch Krone, eine Kommission einzusetzen, welche die Einzelheiten der Berbandsleitung festsetzen soll, schließt sich Gimon- Jastrow an. Zu Mitgliedern der Kommission werden gewählt die Herren Dr. Rosenzweig. Schneider und Lowintchneidemühl, Simon-Jastrow. Schönfeld-Deutisch Krone. eumann-Märk. Friedland und Freundlich-Schlockau. Nachdem die Versammlung noch einzelne Punkte, die im Interesse des neugegründeten Verbandes liegen, in reger Diskussion besprochen hatte, faßte Herr Dr. Rosenzweia das Ergebnis der Tagung zusammen, indem er auf die ideelle Notwendigkeit des Zusammenschlusses und auf den Segen hinwies, der in einem solchen Zusammenschlüsse liegt, und wie es bereits in den Sprüchen der Väter ausgesprochen ist. daß eine Gemeinschaft, di« auf ideellen Grundsätzen ausgebaut ist. Bestaud bat. eine Gemeinschaft aber, die der ideellen Grundlage entbehrt, keinen Bestand haben kann. — Herr Schneider schloß hierauf mit herzlichem Dank an die Erschiereenen die Versammlung, in welcher endgültig „der Verband der jüdischen Gemeinden der Grenzmark" gegründet morden ist. Spredtsaal Inhalt und Form. Sehr geehrte Schristleitung! Die Nr. 38 Ihrer sehr geschätzten Zeitung enthält einen Aussatz „Gedanken über Sitten und Gebräuche" von Herrn Leyrer Hermann Wallach in Aachen. Herr Wallach warnt vor der Rückkehr ins Ghetto, aber sein Aufsatz macht den Eindruck, als wäre er selbst znrückgefallen in die finstersten Zeiten des Mittelalters, die einen Spinoza grausam und grausig fluchen konnten und als wollte er sich des verrosteten Rüstzeugs jener längst überwundenen Hyperorthodoxie bedienen. In der Tat, diesem Fanatismus fehlt nur noch, dass er das Anathema schleudert und fürchterlichen Bannfluch ausspricht gegen alle, die anders denken und empfinden. Daran ändert nichts, datz gegen den Schluß der Ausführungen die gütige Erlaubnis höhnisch und herablassend ausgesprochen wird, daß sich weiter noch ergötzen könne, wer an diesen Gebräuchen (Ghetto-Gebräuchen) Gefallen finde. „Religion ist schlechthin der Glaube an Gott" — o nein, nicht der Glaube an Gott, das Fürwahrhalten seiner Existenz, ist schon Religion. Religion ist das Erleben Gottes in tiefster Seele, das Empfinden Gottes im tiefinnersten Gemnte: ist nicht zu wissen, glauben dir gegeben. empfinde Gott und er wird in dir leben. Wie dieses Gotterleben Ausdruck und in welchen Formen es ihn findet, muß jedem überlaffen bleiben. Ich darf die Ausdrucksformen. denen ich mich weihe, für die meinem Empfinden angemessenen halten, aber ick habe kein Recht, zu verurteilen oder für minderwertig zu halten, wer anders empfindet als ich. Ich bin ein aufrechter, liberaler Jude und tief verankert im Deutschtum, aber Form und Inhalt eines solchen Aufsatzes lehne ich entschieden ab. O weh, wenn das liberales Judentum ist! Liberalismus — Fortentwicklung, aber ohne Verhöhnung und Verunglimpfung dessen, aus dem das Neue sich entwickeln soll. Wie wird da vom Ghetto gesprochen! Als wenn es eine Schande und Schmach für das Judentum wäre und nicht für diejenigen, die es hineingezwungen haben. Es sei dem Laien erlaubt, die Meinung zu äußern, daß es einem Lehrer besser ansteht, die Leiden der Juden im Ghetto zu schildern, ihre treue Hingabe an ihren Gott trotz aller Leiden, ihr inniges Familienleben, ihr Wirken für den Fortbestand des Judentums und was sie sonst alles getragen und geleistet haben, als mit Verhöhnung des Ghetto sich zn rühmen, datz wir es so herrlich weit gebracht haben. „Schönheit der Religion". Der von Herrn Wallach mit Recht anerkennend zitierte Herr Rabbiner Dr. Kober sagt: „Freilich darf Aesthetik nicht mit Religion verwechselt werden." Es wäre, meine ich, recht gut gewesen, wenn Herr Wallach diesen Satz seines Zitates beachtet hätte. — Wieder der Ausspruch: „Das Ghetto kennt keine Aesthetik." Ist man wirklich berechtigt, dem Ghetto jede Aesthetik abzusprechen? Vielleicht ließe sich bei eingehendem Studium der Ghetto- Zeit seststelleu, daß man auch dort trotz allen Druckes und trotz der niedrigen Unwürdigkeit der Bedrücker doch die eigene Menschenwürde zu wahren und sie in einer den Umständen entsprechende und deshalb um so rührendere Schönheit zum Ausdruck zu bringen wußte. Gerade Einfachheit und innere Wahrheit, die Herr Wallach fordert, dürften die Grundlagen dieser Schönheit gewesen sein. Man braucht deshalb nicht zu den Bräuchen und Sitten zurückkehren, die unseren Altvorterin ir , Mg für uns Ltngebttßt haben, dägtz'gen ist.oie sicher Zeremonien in Basisch Bdarn urteilen.„®te AblehnungbeV Sri * Herr Lehrer Wallach niemals «i»e« haben, der -tu Schönheit erstrahlte, der Gemüts, crohstnn atmete« Freilich kommt eS darauf tuüg ugHSuß- S M veriftt age» «red an. daß der gewiß wird die denkende Jugend soviel historischen Sinn aufbringen, daß jene Dinge sie interesstevvn. Wer an solchem Sederavend den Vater im festlichen Schmucke der silberberänderten Seidenmütze, die Mutte« in Würdigem Gewände und vielleicht noch ehrmüxdige Großetter« «und diejenigen gesehen hat, die hungrig waren und gekommen Mb, um mitzuessen — ihm wird noch im späten Wer btt Schörwejt des alten Festes erstrahlen und feinen Sinn ersiötzen, ihn mit Freude, mit wehmütiger Freude erfchll«»/ solche Traditio« ehrt und auch wer sie fortsetzt, sie sann weder ihm noch anderen verhänguisvoll werden. Wer sie fite feine Person ablehnt, de» achte» wir utcht^Minder —; wir fchttuder» kein Anathema. Aber es geht nicht «rr» all das alö „Jüchischkeit" als „konservative Sentimentalitäten^ in Acht uns van» zu tun. Die Pflege des Gemütes, der tief innersten Empfindung, ohne die wahre Religiosität nicht 'zu denken sind, können nicht nur, sondern mttfle» für die Gemeinde und für die jüdische Gesamtheit von Nutzen srtn und auch für diejenigen, deren Lusdrucksformen von denen der anderen «b° weichen, selbst dann. - wenn diese mitleidig, spottend und herablassend aus jene Zeit -urüMicke», wo der Großvater die Großmutter nahm. Mag manches, vieles aus jener Zeit für uns unbrauchbar sein, aber wir fußen auf dieser alten Zeit, der wir gar vieles zu danken, der wir urfferen Respekt zu wahren haben. — Geradezu gehässig möchte man es nennen, wenn dem Verbote des Abnehmer»- der Kopfbedeckung „Weisheit" abgesprochen wird, di« darin wohl «och niemand gesucht hat. Es liegt nichts daran, wen« dieses Verbot fällt, aber seinen Ursprung außer acht lassen und es mit Hohn und Spott zu ötzjdenken, das ist eine Rigorosität, die man kaum bet den rückständigsten Orthodoxen finden wird. — Beim Legen der Tephillin wird der Arm nicht im Gotteshause, sondern t»,Hessen VorrMg-WWötzt noch nicht der Fall ist, soll man öayingeyerwe Vorschriften erlassen. — ML man dem Brauch« jede Aesthetik abfpHßchoudaß man unter Lobpreisungen die Hände wäscht und Gott dankt, daß das Brot im Hause ist, das heute so vielen fehlt. Und das Tischgebet enthält gewiß schön« und erhebende Gel — bas Störende kann gestrichen owrdeu. nicht täglich zu spoechen. men» «atz nicht wi' ihm deshalb nicht den vielfach tief Gehalt aosprechen. Darf man all dM WräWs lPirSickt Mt dem herabwürdlgende» Ausdruck „Aesthetik VeS HäimWen" bezeichnen? Die Mutter,, die von dem Gohst« ßor «in Verbrechen begangen hat, er Hab« «sui^tens nicht Drephv gegessen, wollte darin wohl «ine Beruhigung sinöen. haß er doch noch seinem Gott anhtnge strrd darum nicht ^rnverloren sei. Wäre sie akademisch gebildet gewesen, bann hält« sie sich gewiß präziser attSgebrückt. — Daß der getaufte Sohn am Grabe des Vaters das Kadischgehet spricht — beweist daß nicht, daß das Elternhaus, der fromme Dater'anch Nock) in dem getauften Sohne wirkt und baß „veraltete, lächerlich? Gebräuche, ein Gehet iv hebräischer Sprache", es vermag dem getauften Sohne zum Tröste. zu Heil und Hslfe in seiner Gewissensnot zu werden? — Dank, POr Wallach, baß Sie uns dieses tiefergreifende Bild geschenkt haben. Der Liebe zur deutschen Muttersprache geschieht durch das Erlernen der hebräischen Sprache kein Abbruch. Wenigstens soweit sollen wix sie tzs»nevh haß wir dieses der heiligen Gotte§r>exehrung in dar Svyagoge" verstehen. Wie herrlich wäre es. wenq wir alle soviel hebräisch wüßten, wie mancher deutsche christliche Theologe, um die Schätze der Weltliteratur in Hebrßstcher @nrftrfte it^ nTtginnr folg« zu können. Wer vom Freitagabend-Zauber i» A»tWc>mgLstrichen spricht, wer alle Gebräuche und aotut ols die „Aesthetik des Häßlichen. mit dem datztz Wü wohl nickt rechten über die Schönheit, über die GemüMrefe, die solch ein Freitagabend außstraW. Wer ihn nicht maa^der soll ifrt lassen, aber von jedem Juden kann man Be^ändni« dafür verlangen, was er anderen bebeuted Wer aber dieses Verständnis besitzt, wird nicht über „das Tabbatbrvt mit Mohn bestreut" über Ärddusch und hebräische Lieder spotten, — Ich stehe den Speisegesetzen ablehnend gegenüber, «er ich «Me nie höhnend und spottend von ihren als von „Kochrezepten" sprechen. DaS Judentum, frei von Dogmen, konnte Mh hgt M fortentwickelt und sich in erfreulicher Werse neuer Zeit, modernem Denken angepaßt und der deutsche Jude lebt voll Liebe und Hingebung in seinem Deutschtum brs auf eilte verschwindende Minorität und selbst diese ist piek mehr ppp deutschem Wesen, dtzutscher Kultur dnShdrunae«. alS eS Gr zum Bewußtsein kommt. So wird und soll sich das Judentum immer weiter entwickeln. Di«, lebendige Arqft. öitz ihM innewohntz duldet keinen StillstanU 'innrer" wird sie treiben zu«' 'eigenen Heile und zum Heile der Menschheit. Aber diese Blüten werden Wurzel und Stamm, dem sie entsprossen, nicht verachten, sie nicht höhnen und mit billigem Spotte begießen. Nicht «hange Sorge" braucht uns zu beschleichen. Wir werdest levHzl Der Fanatismus von rechts wird uns nicht einengen und nicht zurmkhalten. Und selbst die Unnatur, von «nks, divon «ranoer Ghetto- 4cc «rttuihtetst tfk allrt» «acht da» W< aus, die tiefste Tiefe des Gemütes, bas innerlichste CeeUtt» «kleben ist sein Wertvollster, sein beglückender, sein lebenSgste* GehaA der durch dt« Jahrtausende gewirkt und cwartsstreben nie die Achtung und Ehr. oet seinem »ormartSstreven nie die Achtung erbtetung vor Vergangenem vermisse» lassen wird. Mit vorzüglicher Hochachtung Georg Kuttner. VT. „Zurück atttn Ghetto" — er handelt sich doch wohl nicht darum, das irgend jemand neuerbtng» Gebräuche ein» führen will, die auf Herrn Wallachs „Ghettogebräuche" -n» "reu. sondern nur um das Verharren in de«, «atz Herr Der tot« Jucke. (Forts.) Von Doris Wittner. »achämck verbeten. — Copyright by Orethleln 4 Co„ G. m. b. H., Leistfff. M«r4och»i Israel Sontheim« ließ den von schwer«« Lidern geschützten Blick über di« Gestalt Judiths gleiten; Jann senkten sich die Lider vollends; eine schlaffe Gest« lud d«s M&dchen znm Sitzen ein, und immer noeb verstriche» einige Atemzüge, ehe der Hausherr aahub, «n reden. Als aber Mardochai Israel Sontheimer sich endlich zu« Worte entschloß, war es Judith, als erkenne sie di# Stimme und den wohlbekannten Tonfall des ehrwürdigen Mannes nicht wieder. Zerbrochen, rauh, scheinbar mit sieh seihst ringend, quollen die Töne aus einer offen* sichtlich gelähmten oder kranken Kehle hervor: „Eilige ICuriere sind bei mir gewesen, mich in dringen* den Geschäften nach Frankfurt und Köln zu rufen. Ich W«nn «Mit anders und muß dem Rufe binnen wenigen Stunde» folgen. Mein Haus bleibt also ohne männliches Obefnaq$ft, ohne selbstverständlichen Hort und Hüter der Gastfreundschaft. Dem kann ich Euch, Judith Pereira, die * Tochter meines edelsten Freundes, nicht wohl aussetzen, lefc muß Euch mithin bitten, Judith, Euch ebenfalls eilig fc zu bereiten, damit Ihr in meiner Obhut eine .„pW* «MMumten Stadt« erreichen könnt; dort werden Euch angesehen« Freunde oder Abgesandte Eures Vaters in Empfang nehss-en, um Euch ehestens in Euer Vaterhm« zurüokzugeleiten. Wollet mir wegen des plötzlichen y\u{bruchs nicht zürnen; aber die Tochter Benjamin Cerf Pdrekas wftd wissen, daß es Obliegenheiten gibt, die kejnm Aufschub erlauben. Eure Base Perl und die Mägde meines Hauses mögen Euch behilflich sein, wenn es gilt, Eure Bagage zu rüsten. Ihr verlasset mit mir noch v«r Abend Worms, und unterwegs schon werde ich Visse»* Wo und wem ich Euch zu treuen Händen anver« tränen darf. Euch, den höchsten Schatz Eures Vaters, meines Fremdes, Benjamin Cerf Pereira.“ Schwer wuchtend hatte das Haupt des Sprechers sich während dieser Worte in die bleichen, blutlosen Hände —- Hände eines geistigen Arbeiters, die jahrtausende alte HHtz«ht verrieten gesenkt. \Judith Pereira war jählings erblaßt unter der Anrede des väterlichen Freundes. Dann aber flammte «in ungekannter Aar» in ihr empor. Sie wußte, sie fühlte sich und ihr Tun erkannt, aber sie war nicht bereit, ihr süßes Getietmnis su bereuen,* geschweige denn Buße zu tun sie — vermeintlich — ihre Bestimmung als Weib erfüllt hatte. Einen Augenblick hindurch durch« zuckte sie so?ar der häßliche Gedanke, als sei nur der Neid ihrer Base Perl ihr auf der Fährte geblieben und h*b» somit erspürt, was doch, ihr, Judith Pereiras. eigenste« Ejriebe» gewesen^ Aber diese Anwandlung hatte sieh, nur einen Herzton lang zu halten vermocht, dann wuÄe Judith mit untrüglichem Fraueninstinkt, daß ihr in Cyra Ped niemals eine Neiderin dieses Glücks erwachsen Wäre; * 'naß vielmehr Perls unbarmherzige Sittenstrenge Weche gehalten hatte über ihr und dem Venezianer, und daß nichts in der Weit die Base dazu bewegen würde, Judith Pereira je wieder als ihresgleichen anzuerkennen. Dr0r|k erweckt Gegendruck. Und die Demütigung, die Judith Pereira soeben, wenn auch in höflich verhüllter Porm, erfahren, hieß sie justament wider den Stachel Mm. ,Xure plötzlichen Geschälte, Reb Mardochai Sontheimer, nehmen mich wunder. Aber sei’s drum! Mehr noch erstaunt mich, daß Ihr darin einen Anlaß seht, mir die Gastfreundschaft Eures Daches zu versagen. Lasset Ihr doch Cora Perl, Eure Tochter und meine Base, dem« nach im ungehületen Heim. Warum sollte, was Perl recht M, «Ir ahmt billig sein? Mein Vater hat mich als Gast WMSWkWW et 5Juli md