Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 27 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Heimat-- und Vaterland, sich alS Juden die Bruderhand reichen und Liese Bruderhand entgegenstrecken nicht nur da» religiösen Organisationen anderer Richiunaen im Judentum, sondern auch den „Fromm« in «Bett Völker»^, jedem Mensenbruder, der die „noqchMchen" Gebote ansrkennt, die Ma«na Carta der ftMMfcttJIk Profess« Dr. «um; Seit geraumer Zelt wird -er LnsammensMutz all« ttrtschrittlich denkenden Juden als Notwendigkeit empfunden. Wenn jetzt die Konferenz in London Zusammentritt, darf sie nicht auseinandergehen. ohne die Weltorganisation liberaler Juden zu schaffen. Was diese wirken lall? 1. Sie s>oll neben die Weltorganisation des gesetzestreuen und des nationalen die des religiösen Judentumsetzen. Wenn eS die «reigenfte Aufgabe des liberalen Judentums ist. das Religiöse im betonen, z« gläubiger Ehrfurcht und Demut, zn dankbarer Hingabe und Menschenliebe zu erziehen. so wird eine Weltorganisation, die aller Einzelausgaben, aller lokalen Gorgen ledig ist, diesem einen großen Endziel ihre gesaante Kraft weihen können. 2. Eine Weltorganisation wirb die liberalen Bereinigungen der einzelnen Länder von der schweren Gefahr befreien, in die politischen Kämpfe Ihrer Heimat verstrickt m werden; sie wird sie aus ihrer partikularistischen Isolierung Herausheben und zu Organen des Gesamtjudentums machen. 3. Der in der Weltorganisation verkörperte jüdische Geist wird ein Korrektiv gegen Auswüchse de- Individualismus bilden. Zahlreich sind die Wege, die zum Ziel des liberalen Judentums führen, gar mancher leitet in die Irre: wir wollen keinen ehrlich Suchenden, keinen ernst Ringenden ausschliesien. das liberale Judentum mutz für individuelle Frömmigkeit Raum haben. Aber edarf nicht im Individualismus zersetzt werden, die Weltorganisation must die zentripetalen Kräfte wachhalten und stärken! O Rechtsanwalt Heinrich Stern: Bon der Londoner Konferenz erwartet naturgemäß in erster Linie das liberale Judentum einen bedeutsamen Anstoß, eine starke geistige Neubelebung. Man muß leider sagen, daß in Deutschland eine solche außerordentlich notwendig erscheint. Man hat allmählich vergessen, daß das liberale Judentum eine religiöse, d. h. in erster Linie eine geistige und nicht eine praktisch-politische Bewegung ist. lieber den Tagesaufgaben in der Gemeinde, über den Kampf gegen den Zionismus, so wichtig sie im einzelnen auch fein mögen, hat man die großen geistigen Auseinandersetzungen in den Hintergrund treten lassen, und so insbesondere die Jugend und die tiefer schürfenden religiösen Seelen unserer Freunde ohne diejenige innerliche Fundierung der Weltanschauung gelassen, die notwendig ist, um nach außen- Hin fruchtbringend weiterzuwirken. Diese geistigen Fragen wieder aufzurollen, an ihrer Klärung mitzuarbeiten, wird eine bedeutsame Ausgabe der Konferenz sein. Wir rechnen dahin die Ueberprüfung der Fragen des Verhältnisses von religiöser Form zu religiösen Inhalt, die Stellungnahme zu dem Problem der individualen oder Gemeinschastsreligion und vor allem auch eine klare Abgrenzung gegenüber den andern großen Richtungen im Judentum. Wir Deutschen erwarten hier insbesonder» Anregung von der Fühlungnahme mit unseren Freunden aus den angelsächsischen Ländern. die in der glücklichen Lage sind, infolge ihres Zusammenschlusses zu rein liberalen Organisationen den spezifisch liberalen Fragen größere Aufmerksamkeit widmen zu können, als wir es in unseren Einheitsgemeinden leider zu tun pflegen. Besonders interessant versprechen die Berichte r<Hty freit einzelnen Ländern über die Entwicklung des Liberalismus zu werden. Hier wird man vergleichen, prüfen und bessern können. Tie Aussprache mit den Liberalen anderer Länder soll aber in erster Linie dazu bestimmt sein, neben der Hervorhebung der Abweichung das Gefühl der großen Gemeinsamkeit aller Liberalen erstarken zu lassen. Ich begrüße die Zusammenkunft als einen wichtigen Schritt, um auch in liberalen Kreisen den Gedanken der Einheit der jüdischen Gemeinschaft ans religiöser Grundlage zu vertiefen. Dem soll die geplante Weltorganisation der Liberalen einen sicht baren Ausdruck geben. Stärkt aber die Konferenz das GemRns Al uns. so bltnt sie damit der Förderung GesamtjudtzNtums. In alle» Ländern we sich Mp* ENb -ab« begK-Wde Gewißheit stark «erde», »aß utztsein ng des eralen en bist S eit» _ narr weroeu, mb wer aas »ö ein« grotze «Ilö im Herze« tra-en:KÜüer deZ Umiste» ftiMML von Anbeginn bis in ferne ZttAmfA Somit Wird gerade in b»r heutige« Zeit Her V«NälziM nnb Umwertung alles Gegebene» die Kanfewwz «Ach aff ein Meilensteinzu gelte« haben auf bM Wege, nm dab Judentum zu weisen bestimmt ist. dem prophetischen Wege zum Ideal der geeinten und geläuterten Menschheit. Iustizrai Bernhard Breslauer: Der ersten Tagung einer neuen Bereinigung soll man nicht Erfolge Voraussagen, hie sie erst erzielen will. Aier Künsche, die man für sie hegt, darf man ihr anssprechen, »nd Hoffnungen Ausdruck geben, die man an ihre TStigkest knüpft. Einigkeit macht stark, das Mort gilt für ave «renhchlkchen Bestrebungen — nicht zum wenigsten für solche, die aüf religiöse» Gebiete Liege«. Die Geschichte alle« ReLe-wn« lehrt, daß immer und immer wieder Gleichgesinnte sich zusammengetan haben, um aus dem Zusammenwirken Ml Berechtigung ihrer Bestrebungen darzutun «nb diesen Bestrebungen diejenige Verbreitung zu geben, die sie zum Leben brauchen. Und eine derartige Annäh-ernna und eine solche Derbreilnng dient im Zusammenwirken der gleichgesinnten Anhänger einer Richtung zugleich der Vertiefung ihrer Ideen. Daß alle Juden einig wären, behaupten immer nur ihre Feinde. Auch unter den Juden, ja auch Witter denjenigen Juden, die ihre Zusammengehörigkeit ausschließlich Och-religiösem Boden finden, herrschte stet- Uneinigkeit. Aber immer fanden sich auch unter ihnen Gleichgesinnte zu gemeiMsarnen Tun zusammen. Unserer Zeit ist es zu verdanken, daß diese religiösen jüdischen Vereinigungen wieder einmal Mi einer gewissen Bedeutung gelangt sind, und so hat denn d i r V e r - einigung für das liberale Judentum in Deutschland langsam aber stetig Boden gefaßt und.Ausbreitung gefunden. Sie hat auch ihren Gegnern heivlefeir^ daß die liberalen Juden, nicht, wie man ihnen nachsagt, eine Sekte, gerade noch Juden niederen Grades und dergl. sind, sondern daß ihre Grundsätze im Kern deS Judentums ihre Grundlage haben, daß die Fortentwicklung im Wesen des Judentums selbst begründet ist. und daß ohne diese Fortentwicklung eine Verknöcherung eintreten mutz, die zum Verfall und Verderb führt. Wenn sich jetzt die liberalen jüdischen Vereinigungen der einzelnen Völker und Länder in einer ersten Tagung zusammenfinden. so ist dies ein höchst erfreuliches Ereignis, für das den Veranstaltern Dank gebührt. Auch hier wird und soll die Einigkeit stark machen, auch hier soll und wird durch das Zusammenwirken Gleichgesinnter erwiesen werden, daß die Ideen der Fortentwicklung in der jüdischen Religion selbst ihre Grundlage haben, Saß ohne diese Fortentwicklung nach Ansicht der Liberalen aller Welt daS religiöse Judentum seine wesentliche Bedeutuna verlieren würde. Das oft verpönte Wort „liberal" hat der internationale Kongreß ausgenommen und es so zu einem klassischen gemacht. Möge cs dem liberalen Judentum gelingen, allen anderen. namentlich den konservativen Juden, die ja in verschiedenste Richtungen gespalten sind, zu beweisen, daß es derselben Wurzel entsprossen ist und die gleiche Berechtigung hat wie sie. ja, daß das frische ReiS kräftiger und zuknnstsversprechender ist. Möge der Kongreß dazu dienen, die Ideen des Liberalismus zu vertiefen, ihnen eine festere Grenze und ein sicheres Ziel zn schaffen und damit die Einigkeit aller liberalen Juden der Welt herbeizuführen. Möge dem ersten Kongreß der liberalen Juden noch manch weitere Tagung folgen und so die Hoffnung verwirklicht werden, daß die liberalen Ideen im Judentum sich weiter und weiter unter den Juden der ganzen Welt verbreiten und sich den Rang erobern, der ihnen nach Inhalt und Bedeutung gebührt. * Iustizrai Dr. Julius Blau: Wenn Eine Voraussetzung richtig ist. -atz eine gemeinsame religiös« U«e»zeuONNg aüe Teilnehmer des KnAgresseS leailt die ttcfteateugitftfi utzmLich, daß das Judentum als WkMeinsameH rkttWseö EÄmnt ihnen eine Lebensmacht deren GeGaUnng, yortnererenna und Verbreitung über «iß gangg Welt ihnen eine «ottgeevoltr Ansgabe Israels deheutet: nur hast, ste sich berechtigt Glaube«. Art und Form Wtt GatteSveremnüg. die von Mkt Mn Wandel der Zeiten jßtct**ffen fiewcfftt, der ge änderte» Gedanken- und SmpfindnUgSwelt Unserer Zeit anzu-passen. aber selbstwerMndltch unter Wahrung der geschichtlichen Kontinuität ur» unter pietätvoller Anlehnung au die jüdische Tradttivn, — jpemt darichtig itz. Hann erwarte ich von dem Kongresse in erster Linie eine AuSsprache darüber, wie diese gemeinsame religiöse Ueberzeugung sich am besten in der Welt auSwirkew. an. a. Mi wie der religiös-jüdische Liberalismus am Wird» samstrn verbreitet werLen kann. Nu» liegen aber die Diva« nicht in jedem Lande gleich. Da soll denn ein MetnuimSaü-- taufkü unter den Angehörige» der verschiedene» wnkt jedenfalls gegenseitige Belehrung «nd, wenn möglich, eine eilcheitliche Linie für die Arbeit herbeifützreir. Wir deutschere liberalen Juden werden dabei auf unsere auS der GrsahrnuO geschöpfte Ueberzeugung hinzuweisen haben, baß „etne gedeihlich«. Reform »nr innerhalb der Gesamtgerneinha »aLzoaen werden kann und soll, nicht aber in Separatgemeivden, die sich von der Hauptschar getrennt" (siehe AbraW» Geigers Leben und Lebenswerk von Ludwig Geiger. B. Ich. Mr werde« bMeiseu, daß gerade ein enges und heralicheO Zusammenarbeiten mit unseren streng tradition-getreuere Brüdern in den Gemeinden, auch wenn sie den Lide, ralen, ebenso wie dev Konservativen, gewiss« Verpflichtungen und Uiv!HränkuuOT« au £e *1 cjt, eine VsrwärtsbervastUNg der Gesam-tteit »ach Ser Verwirklich««« unseres Judentnms. et» Fvrtfchreite» der G esamtyei t in Richtung unsere- JhMS Nicht etwa hindert, sondern geradezu fördert und hast her Eiusluß der Kreise der Orthodoxie, die auf de» Äandpeentt des „smt trt »unt aut non sint" stehen und nach dem Gr*Nbsatze „divide et impera" 'die Trennung von der Gesmntgemeinde propagieren, durch das enge Zusammenarbeiten von Liberalen und Konservativen in den Gemeinde« am Erfolgreichsten zurückgedrängt wird. Das Prinzip der Einheit der Gemeinden aber fließt uns aus unserer Ueberzeuguug von der Einheit des Judentums. Und so erwarte ich denn weiter von einem SSelttongreß liberaler Inden, dast er ein einmütiges Bekenntnis zur Einheit des Judentums und zur Verbundenheit der gesamten Judenheit abgibt und auch den praktischen Konsequenzen hieraus, ans welchem Gebiete auch immer, sich nicht entzieht. . Atto cchod v. cächinnho echod. umi keamcho Iisroel gattj cchod! * Dr. Michael Holznran: Mit Freuden begrübe ich die erste Zusammenkunft von deutschen, englischen und amerikanischen Vertreter« einer freisinnigen Auffassung unserer Religion. Ist doch zu hoffe«, daß die persönlichen Besprechungen dieser Vertreter gegenseitige fruchtbringende Belehrungen zeitigen werde». So dürften, soweit uns ein Urteil über ausländische Verhältnisse znsteht, die amerikanischen Vertreter erfahren, best man in ihrem Lande auf eine Vertiefung des religiösen Sinnes eifriger bedacht sein müßte. Und die deutschen Vertreter werden sich sicherlich vergegenwärtigen. daß in hem Mutterlande der Wissenschaft de- Judentums ein bedenklicher Mangel an sortschrettender Betätigung des Freisinnes herrscht. So sind wichtige Forderungen, die uns ehemals tief bewegten, aber unerfüllt blieben, fast in Vergessenheit geraten. So ist die religiöse Belehrung «nd Erbauung werte« Kreisen, die danach lechzen, an einem bürgerlichen Ruhetage immer noch versagt. Und beim sabbathlichen Gottesdienst wird der Gemeind« das Wortverständnis bedeutsamer Teile de^ verlesenen Tvraabschnittes seit langer Zeit wieder nicht erschlossen. Lebensfreude. Von Franz Cingia. Es sind der Pfade viel, die auswärts führe-. Dem Hellen Licht der Sonne froh entgegen. 0 nimm die Kräfte wahr, die sich bewegen Und rufend dich im Innersten berühren. O las;' ein schmerzerfiilltes, schweres Denken Dicht allzu sehr ins weiche Herz sich graben. Saust kann die Lebensfreude ihre Galen, Wie sie wohl möchte, nicht an dich verschenken. Nicht immer darfst du von dem Leben glauben, Daß cs nur Sorgenstunden will bereiten Und du am Wrge gramgebeugt sollst stehen; Es schenkt dir manchmal Wein von edlen Trauben Und lächelt fröhlich in die Dunkelheiten. — Tn darfst nur recht mit deinen Augen sehen. Wie üt die gemeinste aller Lügen, die D utlüge, entstanden? Von Prediger a. D. Gossel in Köln. Es soll hier nicht meine Sache sein, zu beweisen, daß die Vcschuldignng, die Juden gebrauchten zu Ostern Christenblut, eine lügenhafte ist: denn bas ist erstens bei vernünfttr.cit Menschen nicht nötig, da diese wissen, daß es eine ganz gemeine Verleumdung ist, zweitens ist die Unwahrheit dieser Beschuldigung schon hundertfach von jüdischen und auch von großen christlichen Gelehrten aufs klarste nachgewiesen. Ich will nur die Quelle im Talmud richtig wiedergeben, in der die Blntlüge ihren Ursprung hat. Es sicht nämlich im Traktat Kessubot 102b: „Wenn jemand gestorben ist und hinterläßt einen kleinen Sohn seiner Mutter, und es sagen die Erben des Vaters: „Er soll bei uns answachsen", und seine Mutter sagt: „Mein Sohn soll bei mir aufwachsen", so soll man ihn bei seiner Mutter lassen und nicht bei einem, der ihn zn beerben berechtigt ist: denn es ist einmal vorgekommen, baß man einen solchen gleich am ersten Abend ermordete." Ich bemerke ausdrücklich. daß im llrtext steht „am ersten Abend" nach seiner Unterbringung bei den habsüchtigen Verwandten, während die Fälscher sageu.es bedeute „am Vorabend desPessachfestes". Wer hieraus einen sogenannten Ritualmord herleiten will, muß schorc vollständig hirnverbrannt sein. Aus dieser Talmudftetlc soll in Wirklichkeit nachgewiesen werden: ein Kind, dessen Vater gestorben ist, soll bei der Mutter bleiben und nicht den Verwandten des verstorbenen Vaters zur Erziehung übergeben werden. Das Vermögen des Verstorbenen ging nämlich auf das Kind über, und wenn dieses auch gestorben sein sollte, bekamen die väterlichen Verwandten dasselbe. Als Begründung wird hier angeführt, weil es einmal vorgekommen ist, daß man ein solches der Obhut von crbbrechtigten Verwandten anvertrautes s tt d i s ch e s Kind umgebracht hat, damit sie in den Besitz des Erbes kommen konnten, solle man in Zukunft eine vaterlose Waise nicht den Verwandten übergeben, sondern der Mutter lassen. Der Mutter erwächst aus dem etwaigen Tode des Kindes kein materieller Vorteil, vielmehr wacht sie mit mütterlicher Liebe über das Kind: die Verwandten aber können dem Kinde nicht die Liebe zuwenden wie eine Mutter, und es liegt nur in ihrem Interesse, wenn bas Kind bald stirbt, weil sie dann das Erbe erhalten. Wer hat das Kind umgebracht? Das geht aus dieser Stelle nicht hervor. Es können die Verwandten oder auch unbekannte Mörder gewesen sein — wahrscheinlich aber die ersteren aus gemeiner Habsucht —: soviel steht fest, sie haben es nicht mit gehöriger Sorgfalt behütet, und darum soll ihnen ein solches Kind nicht anvertraut werden. Geht aus dieser Talmudstelle nun etwa hervor, daß der Talmud den Mord billigt, wie die Antisemiten uns glauben machen wollen? Nein! Anläßlich dieses sich ereigneten Falles ward von den Talmudisten die rechtliche Bestimmung getroffen, daß ein seitens der Verwandten erbberechtigtes, unmündiges Kind, sei es ein Knabe oder ein Mädchen, beim Tode des Vaters im Schutze der Mutter bleiben soll. Es wird also eine gesetzliche Bestimmung getroffen, die nicht für, sondern gegen das Vergießen des Menschenbluts spricht, und durch dieses angeführte abschreckende Beispiel und die getroffene Bestimmung soll bezweckt werden, daß sich ein solcher Fall nicht zum zweiten Male ereignen kann. Wenn es wahr wäre, daß die Juden zum Pessachfeste Christenblut gebrauchen, dann ist es wunderbar, daß man sie nie vor der ersten Blutbeschuldigung im Jahre 1171 u. Chr. dieses Verbrechens verdächtigt hatte, und sie hatten damals das Pessachsest doch schon 2666 Jahre gefeiert!! Im Jahre 1195 v. Chr. war nämlich die Einsetzung des Pessachsestes. und in Frankreich wurden sie zum ersten Male 1171 n. Chr. in BloiS und in Deutschland zuerst 1235 n. Chr. in Fulda des Blutgebrauchs beschuldigt Aus der Apostelgeschichte 16. 2V, SS, 81. 38 im Reuen Testament, und auS Tertullian apolotfeticum, Kap. Q, geht hervor, daß auch die ersten Christen kein Blut genießen durften, und die strengere kirchliche Richtung hat dieses Verbot noch mehrere Jahrhunderte beobachtet. Dennoch wurden auch sie — al^o lange vorher, ehe die Juden des sogenannten Ritualmordes verdächtigt wurden — von den Römern des Verbrechens beschuldigt, Menschenblut zu rituellen Zwecken zu gebrauchen, was ihnen heute noch in China angedichtet wird, wie dieser Wahn denn, bei vielen Völkern vorhanden, sich stets gegen den Schwachen wendet. So war beispielsweise im Jahre 177 eine Christenversolgung in Lyon, weil eine christliche Sklavin ein Kind zu rituelle« Zwecken getötet haben sollte. Mau wollte sie durch di« Tortur zwingen einzugestehen, daß die Christen Kinder tüte« müssen, um ihr Blut zu genießen. Sie soll aber — waS durch Akten festgestellt ist — geantwortet haben: ,Mie könnt ihr Heiden glauben, daß wir dies tun, da wir nicht einmal das Blut von Tieren genießen?" Das war dieselbe und die einzig richtige Antwort, die auch die Juden herüe »och aus die wahnsinnige Anklage geben können. Es scheint auS dieser Antwort übrigens hervorzugehen, daß die damaligen Christen noch teilweise jüdische Gebräuche befolgten, daß sie noch Fleisch von nach jüdischem Ritus geschachteten Tieren gegessen haben, wie sie ja auch noch den Sabbat mit den Inden zusammen feierten, und erst im Jahre 825 auf dem Konzil zu Nicäa ist die Bestimmung getroffen worden, den Sabbat von dem siebenten auf den ersten Tag in der Woche zu verlegen und Ostern nicht wehr mit ihnen zusammen zu feiern. Wegen des knappen mir zur Verfügung stehende« Raumes will ich von den vielen von christlichen Autoritäten ausgestellten Zeugnissen gegen die Blutbeschuldigung nur die vom Papst Jnnocenz am 6. Juli 1247 an die Kirchenfürsten von Frankreich und Deutschland erlassene Bulle anführen, welche also lautet: „Einige Geistliche und Fürsten, Edle und Mächtige eurer Länder erdenken, um das Vermögen der Juden ungerechterweise an sich zu reißen und sich dasselbe anzueignen, gegen sie gottlose Ratschläge und erfinden Anlässe. Sie dichten ihnen fälschlich an, als wenn sie znr Passahzeit das Herz eines ermordeten Knaben untereinander teilten. Die Christen glauben, daß das Gesetz der Juden ihnen solches vorschreibe, während im Gesetz das Gegenteil offen liegt. Ja, sie werfen den Juden einen irgendwo gefundenen Leichnam zu. Und auf Grund solcher und anderer Erdichtungen wüten sie gegen dieselben, berauben sie ihrer Güter ohne förmliche Anklage, ohne Geständnis, ohne Ucberführung. Im Widerspruch mit den ihnen vom apostolischen Stuhl gnädig gewährten Privilegien gegen Gott und seine Gerechtigkeit bedrücken fie durch Nahrungsentziehung, Kerkerhaft und andere Quälereien und Drangsale die Juden, legen ihnen allerhand Strafen auf und verdammen sie zuweilen sogar zum Tode, so daß die Juden, obgleich unter christlichen Fürsten lebend, doch schlimmer daran sind als ihre Vorfahren in Aegypten unter den Pharaonen. Sie werden gezwungen. daS Land im Elend zu verlassen, in welchem ihre Vorfahren seit Menschengedenken wohnten. Da wir sie nicht gequält wissen wollen, so befehlen wir, daß ihr euch ihnen freundlich und günstig zeiget. Wo ihr ungerechte Angriffe gegen sie wahrnehmet, so stellet sie ab und gebt nicht zu, daß sie in Zukunft durch solche oder ähnliche Bedrückungen heimgüsucht werden. Die Bedrücker Ler^Juden sollen mit dem Kirchenbann belegt werden."