Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 27 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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S-; 7 76 IiWHMerakZMmg Organ -erVereinigung für das liberale Ln-enium e.V. Bezugsprei» durch die vefchäfisflelle »/«jährlich SN. 2JB0 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 §ür dir Mitglieder der Vereinigung ist der Dezugeprei»;r 8 im Mttglied-beitrage enthalten. UL« Chefredakteur.' Dipl-In-. Bruno lvoyda. Viv „Jüdisch-lidorals Leitung" erscheint jeden Srettag. Redaktion u. SefchüttsstsUv: verlin 0W, Wllfoelmftr. 147*?«mruft vafanhaid» 3358» 3359 Poftfdiedtkonto t Berlin nW7 nr.woce (Verelttfamifl fAr öm liberal« )nbentum Nachvrack sämtlicher Ortetnat-Bettr(l0« nur mit vorheriger Senehmlgung Ver NedaNNon gestattet. Anzeiaenpreiser DielLgesvaltene Ronpareigezeile 0,45 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmard. hei r: 8 » Mederholungen Rabatt. 8 u u Anzeigenannahmer »Ndisch.liberale Zeitung" Änseratenabteilung: Berlin SD 48. Dilhelmstratze 14? (Hasenheide: 3358—50). sowie sämtl. Annoneen-Exped. Nr. 27 Berlin, 2. Juli 1926 6. Jahrgang Ae Bedeutung der Londoner Tagung. Wir hatte« «ns a» ,Ühre»d« Persönlichkeit«, des deutsche« liberale« J«d««t»«s mit »er Srage ge. -wandt: Was erwarten Sie von der Londoner Konferenz? Nachstehend die bei «ns eingegangene« Antworte«. Die Schriftleitung. $ Rabbiner Dr. Leo Baeck: Was die internationale Konferenz der liberalen Juden verspricht? Sie verspricht zunächst, den weiten Gesichtskreis aufzuzeigen. Liberalismus ist für viele mehr eine Gemeinde-Angelegenheit als eine Angelegenheit des Judentums und darum oft mehr eine kleine, so rasch befriedigte Politik als eine große drängende Idee. Es ist ein Vorzug der Verfassung der meisten jüdischen Gemeinden, baß die Gemeinde autonom ist. daß sie das Recht der eigenen Art und der eigenen Richtuna hat. Die Ausgestaltung des Kultus- und des Unterrichts-Wesens hat sich an dieser Autonomie entwickeln können. Aber eine Gefahr ist in ihr enthalten, di« Gefahr des engen Horizonts, die Gefahr. daß manch einer das Judentum mit seiner Gemeinde verwechselt, es vergißt, daß seine Gemeinde, so klein oder so groß sie ist, eine Bedeutung haben kann, nur wenn sie sich als Teil des Ganzen weiß, und die Gedanken. Sorgen und Aufgaben der jüdischen Gesamtheit ihr zu eigen werden. Ein liberales Judentum zumal, das in kleinen Gemeinde-Angelegenheiten sein Genügen findet, verleugnst sich selber: denn der Liberalismus lebt von den großen Problemen. Die Londoner Konferenz will diesen weiten Horizont demonstrieren und damit die echte Gemeinschaft, die Gemeinschaft der Idee aufzeigen, die mehr ist als eine künstliche Gemeinschaft der Politik. Eben damit will dieses Zusammenkommen der liberalen Juden aller Länder auch eine Betonung des 'liberalen Judentums sein. Liberales Judentum ist eine religiöse Angelegenheit, und alles Religiöse ist ein Positives. Abwehr und Polemik. Verteidigung und Angriff, so nützlich sie sein können, und so erforderlich sie für die Juden mancher Länder noch bleiben, sind doch noch kein Judentum. Und noch weniger ist es die Negation, die bei sich stehen bleibt. Wer nur weiß, was er nicht will, was er nicht tut. was er nicht erstrebt, wer nur immer zu sagen hat. was er verwirft, was er ablehnt, und wovon er sich fernhält, ist vielleicht dieses und jenes, aber ein liberaler Jude ist er noch nicht. Wir spotten über den Frömmler, der immer über alles genau Bescheid weiß, was er zu tun habe: wir sollten schärfer noch über den liberalen Juden absprcchen. dessen ganzes religiöses Wissen es ist. daß er alles weiß, was er nicht zu tun brauche. Die Londoner Konferenz will das Gewissen dafür schärfen, was liberales Judentum ist. Und sie will sagen, was liberales Judentum ist — ein Judentum, das nicht nur ein Erbe, sondern ein Glauben ist. das mit jedem neuen Geschlecht seine Wiedergeburt erleben will und darum auf jeden einzelnen die ganze Verantwortung der religiösen Habe legt, das jedem neuen Gedanken ins Auge sieht, jeder neuen Aufgabe bereit gegenüber tritt, jedem neuen Tage das Ohr erschließt, das des Bleibeuden und dessen, worin das Judentum lebt, immer wieder gewiß werden will, das vernehmen will, was der Geist des Judentums, seine Seele und seine Hoffnung künden. um cs zu verwirklichen, und das Sumbol zu formen sucht, worin die Vergangenheit zum Heute wird, und das Heute zu den kommenden Tagen hinmeist. Das alles will die Londoner Konferenz mit all der Eindringlichkeit, die das Erfahren der Gemeinsamkeit gibt, wieder sagen. Uns liegt aller Personenkultns fern, aber eines darf zum Schluß hier ausgesprochen werden. Wenn diese -erste Konferenz in London Zusammentritt, so bedeutet dies für uns alle ein besonderes Persönliches. Denn wir können damit unsere Dankbarkeit und unsere Verehrung für einen Mann, der dort seinen Platz hat. für Claude G. Montesiorc bezeugen, es ihm bekunden, daß wir wissen, wer er ist. Auch ein Dank, ihm dargebracht ist diese Konferenz, so wenig er, dieser bescheidene, schlichte Mann solches für sich begehrt. Wir haben wenige wie ihn. einen Mann von solcher Lauterkeit des Wesens, solcher Ehrlichkeit des Denkens, solcher Rechtschaffenheit des Strcbens. Wer seine Werke kennt, weiß von dem Manne der Wissenschaft. Aber mehr als die Bücher, so reich sie an Wissen und Können sind, ist der Mensch: ein ganzer Mann, ein ganzer Jude, mit seinen sechzig Jahren ein Junger, voll des Temperaments, der Begeisterung und der Lebendigkeit der Jugend, ein Mann, der immer bereit ist. zu kämpfen, aber nie bloß streiten mag. ein Mann, der alle seine Jahre in den Dienst eines großen Gedankens gestellt hat, dem die Idee und die Hoffnung des Judentums sein Leben sind. Das diesem Manne znm Ausdruck zu bringen, auch das ist etwas, was die Londoner Taauna aeben soll. Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein: Mit einer gewissen Resignation entbiete ich den zum erstenmal in London versammelten Delegierten liberaler Vereine aus aller Welt einen herzlichen Willkommen-Gruß. Amtliche Verpflichtungen machen es mir leider unmöglich, an der Tagung teilzunehmen, aber mit meinem Denken und Empfinden und mit meinem Hoffen bin ich dort. Was ich mir von der Tagung verspreche? Nicht eine glänzende Parade und nicht eine Fülle von praktschen Ergebnissen in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes, nach denen die Allerweltsmenschen den Wert einer Zusammenkunft zu beurteilen pflegen. Wir sollten heute in der Nachkriegszeit nach so viel internationalen Besprechungen und Konferenzen endlich einsehen gelernt haben, daß der Wert solcher Tagungen in hohem Matze darin besteht, daß die führenden Persönlichkeiten miteinander in persönliche Beziehungen kommen und gegenseitig sich verstehen lernen. Denn bei aller Gleichheit der Anschauungen bestehen stets und überall Verschiedenheiten, die gar leicht den Anschein erwecken, als sei eben nicht die Gleichheit, sondern die Verschiedenheit das Wesentliche. Als ich am 20. Oktober vorigen Jahres in der Eröffnungssitzung der Central Confercnce of American Rabbis die Begrüßung des Präsidenten beantworten durfte, da betonte ich, daß, so grob die Unterschiede auch äußerlich feien, doch das amerikanische Reformjudeutum wie das liberale Judentum in anderen Ländern, insbesondere in Deutschland, auf derselben , geistigen Grundlage aufgebaut fei. Und wie sehr dies nicht nur meinem Empfinden, sondern auch der Auffassung liberaler Theologen in Amerika entsprach, das zeigte mir am 20. Oktober in Chicago in der dortigen Rabbinervereinigung die Begrüßungsansprache des Vorsitzenden, mit der er mein Referat über die Verhältnisse in Dutschland einleitete. Er sprach davon, daß das deutsche Judentum „pbvsicallv anä spiriluallv" die Mutter des amerikanischen Judentums sei. Wer David Philipsons Reform Movement in Judaism kennt, der sieht klar den geistigen Zusammenhang des liberalen Judentums in aller Welt, während gewöhnlich die äußere Verschiedenheit, die unverkennbar ist, in ihrer Bedeutung weit überschätzt wird. Orthodoxe Auffassung ist es, die der äußeren Form eine solche Bedeutung beimißt, während es im Wesen des Liberalismus liegt, in dem Aeußeren eben nur die Ausörucksform bestimmender Gedanken zu sehen. So mutz der Liberalismus das volle Verständnis dafür haben, daß dieses Aeußere sich in den verschiedenen Ländern wie in den verschiedenen Zeiten ie nach den Verhältnissen verschieben gestaltet. Aber er muß darum erst recht das Verlangen und das Bestreben haben, sich immer von neuem über die gemeinsame geistige Grundlage klar zu werden und das gemeinsame Band zu festigen. Das alles war für den Herbst 1914 in Elberfeld geplant, die große Weltkatastrophe hat dieses, wie vieles andere damals, im Keime erstickt. Nun soll 12 Jahre später in London die Arbeit von neuem ausgenommen werden. An erster Stelle werden es Organisattonsfragen sein, die zur Erörterung kommen. Das liegt in der Natur der Sache. Nicht daß diese Organisationsfragen an sich das Wertvolle oder gar Entscheidende sind. Sie find vielmehr für den geistigen Gehalt relativ bedeutungslos. Aber gerade die Geschichte des jüdischen Liberalismus hat es in eklatanter Weise bewiesen, daß es keineswegs genügt, daß die Ideenwelt von den führenden Persönlichkeiten erfaßt und immer wieder den Menschen dargevoten wird, sondern daß es notwendig ist, diese Ideenwelt durch geeignete Organisation praktisch wirksam zu gestalten. Das deutsche Judentum hat sich erst 1907 unter dem Eindruck der Tatsache, daß trotz geistiger Ueberlegenheit und auch trotz der zahlenmäßigen Ueberlegenheit der Liberalismus in äußerster Gefahr war, ins Hintertreffen zu kommen, zum Zusammenschluß in der Vereinigung für das liberale Judentum bereit gefunden. Daß diese Vereinigung infolge des Krieges und der Nachkriegszeit noch nicht zu voller Auswirkung hat gelangen können, wird nur derjenige nicht verstehen, der geschichtliche Dinge nach Augenblickserfolgen bemißt. Das amerikanische Judentum hat in seinem liberal gerichteten Teil frühzeitig den Zusammenschluß gesucht und gefunden, und die Union of Hebrew Congregations bat in dem halben Jahrhundert ihres Bestehens den Beweis geliefert, welche schöpferische Kraft durch geeignete Organisation zur Auswirkung gebracht werden kann. Von unseren Gegnern ist seinerzeit die Begründung der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland heftig bekämpft worden. In den Gemeinden hat mau vielfach den Standpunkt vertreten, daß durch solche Bereinigung der Friede in der Gemeinde gefährdet wäre, ein Standpunkt, den man den anderen Organisationen gegenüber nicht verfochten hat. Längst haben sich die anderen Richtungen innerhalb des Judentums über die Grenzen der Länder hinaus in Weltorganisationen zusammengeschlossen. Um der praktischen Betätigung willen ist es hohe Zeit, daß dies endlich auch von liberaler Seite geschieht. Aber ich habe bereits oben ausgesprochen, daß der organisatorische Zusammenschluß, so wichtig er in seiner praktischen Wirkung ist, nicht das eigentlich Bedeutsame der Londoner Tagung ausmacht. Viel wesentlicher ist vielmehr, baß man in Erörterungen über die Grundfragen jüdisch, religiösen Liberalismus den gemeinsamen Boden finden, die Gleichheit der Anschauungen feststellen und so die Grundlage für gemeinsame Arbeit gewinnen wird. Ich hoffe, daß auch diese Erörterungen insofern ein praktisches Resultat zeitigen werden, daß endlich ein langgehegter Wunsch verwirklicht werden wird, nämlich die Schaffung einer wissenschaftlichen theologischen Zeitschrift. Nicht ohne Sorge haben wir in den letzten Jahren unter dem Einflüsse gewisser romantisierender Strömungen recht viel Unklarheit bis weit in theologische Kreise herein aufkommen sehen. Es ist unbedingt erforderlich, ein Organ zu schaffen, das durch wissenschaftliche Aussprache zur Klärung der Anschauungen beiträgt. Dabei dürfte sich sehr bald zeigen, daß ungeachtet aller Wandlungen die geistigen und theologischen Grundlagen des Liberalismus heute die gleichen sind, wie in der Zeit, in der unsere großen Führer sie zuerst formuliert haben, daß die Abgrenzung gegenüber der Orthodoxie und gegenüber dem Nationaljudentum auch heute auf den Ideen beruht, mit denen der Liberalismus damals hervorgetreten ist. So verspreche ich mir nicht augenblickliche große Erfolge, wohl aber einen bedeutsamen Anfang und wertvollste Förderung von der Londoner Konferenz und grüßen die dort aus aller Welt Erschienenen in der frohen Zuversicht, daß diese Zusammenkunft für die Entwicklung des Judentums segenbringeud sein wird. 9 Prediger Dr. Joseph Lehmann- Die Londoner Tagung kommt sehr spät, aber noch nicht zu spät. Das liberale Judentum. das im ganzen vorigen Jahrhundert die Führung hatte, hat hinsichtlich seiner Organisation viel zu lange gezögert, den Weltverhältnissen Rechnung zu tragen. Die einzelnen Verbindungen innerhalb der Länder genügen durchaus nicht, dem liberalen Gedanken den Weg zu bahnen, um für die notwendige Fortentwicklung der Ideen und Einrichtungen des Judentums Sorge zu tragen. Die Welt ist kleiner geworden, auch auf dem Gebiete des Geisteslebens. Hinüber und herüber gehen die Fäden. Aber während die separatistische Orthodoxie es fertig gebracht bat, diese Fäden schon seit Jahren zu ergreifen. um daraus neue Seile zur Befestigung ihres absperrenden Zaunes zu schaffen, und eine Weltorganisation, die Agudoh. ins Leben trat, während die Gemeindeorthodoxie über die Gemeinden und Länder hinweg in der „Achduth" gleiches erstrebte, hat dem liberalen Judentum diese Weltorganisation bis heute gefehlt und ist ihm doch angemessener als allen anderen Richtungen. Sieht es doch seine Aufgabe nicht in der Beschränkung des religiösen Gedankens, sondern in seiner Weitung, nicht in der Abschlietzung und Ausschließuna. sondern im Zusammenschluß, in der Verbindung und Vereinigung, um so die Annäherung an das messianische Menschheitsziel zu bewirken. Aber nicht als Kampforganisation denke ich mir diese liberale Weltvereinigung. Ich sehe auch in der „Agndoh" und in der „Achduth" absolut nichts, was an sich bekämpft werden müßte. Es ist zu begrüßen. daß auch die orthodoxen und konservativen Glaubensbrüder untereinander Verbind düng und Stärkung suchen. In solcher Verbinduna werden wenigstens kleinliche Gehässigkeiten durch allgemeine Gesichtspunkte znrückgedrängt. Ich kann mir die Möglichkeit denken, daß über den drei religiösen jüdischen Verbänden, eventuell über noch mehreren, eine Spitzenorganisation geschaffen würde — wobei ich absolut nicht an irgendein Synhedrium oder ähnliches denke, oder an irgendeine „kirchliche" Behörde, sondern nur an eine Vereinigung, wie sie jede dieser Organisationen in sich darstellt —. um auf diese Weise dem religiösen Judentum das notwendige starke Gegengewicht zu schaffen gegenüber den sein Dasein, seine Geltung, seine menschliche und mensckbeitliche Weltaniaabe bedrohenden Strömungen eines politischen, vartikulariftischeu, nationalen, völkischen Sonderjudentums. Ist schon für das orthodoxe Judentum, wo man es klar erkennt und konsequent durchführt, ein anderes Judentum als „Torahjubentum", also religiöses Judentum gar nicht denkbar, so liegt im Wesen des liberalen Judentums die Uebernationalität und Universalität des religiösen Gedankens als etwas ganz Selbstverständliches begründet. ES kann auch in Palästina ein liberales Judentum geben, dessen Anbänaer ihrer Nation nach Palästinenser, ihrer Religion nach Bekenner des Welten- und Menschheitsgottes der Propheten sind. Es kann aber im universalen Judentum, kein Bolksjudentum geben. Das wäre eine contrackictiy in ackjecto, ein Widerspruch in sich selbst. Die Religion der Propheten aber wieder zur Volksreligion zurückschrauben, gleich den antiken Volksreligionen, über die emporzusteigen gerade ihre Originalität ausmachte. wäre nicht nur ein Rückschritt «sondergleichen, sondern würde das Judentum auch für immer aus der Reihe der Weltreligionen ausscheiden lassen. — Nur auf dieser universalen Grundlage können die liberalen Juden aller Länder, in treuer Liebe und in innigster Verbundenheit mit ihrem besonderen