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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-06-25 · 26 (25.6.1926) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
26 (25.6.1926)
Date
1926-06-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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sondere Eigenart der indischen Seele alS entscheidende- und grundlegendes Moment der iüüischen Religion erklärt. Hier steht der Liberalismus tatsächlich am Scheidewege. Ich hafte, er wird die Probe bestehen. Weil der wahre religiöse Libeaus seiner Weltanschauung heraus Bindungen völklich-uationaler Natur verwirft, um der Zukunft des 'Judentums willen verwerfen mutz, so kann er. bei aller Achtung vor den im Zionismus wirkenden idealen Kräften, rncht dulden, das; der Trennungsstrich zwischen beiden Anschauungen irgendwie verwischt wird. Rechtsanwalt Tr. Willy Katzen stein, Bielefeld. II. Zu obigem Thema hat der College Elt Thesen veröffentlicht und ficht nun bereits zwei Richtungen im Liberalismus voraus. Und weshalb'? Weil er letzten Endes keine Entwicklung des religiösen Erlebens kennt oder jedenfalls nicht anerkennt. Denn ein Stchenblciben auf primitiver Stufe ist es, wenn man heute noch — als Liberaler! — religiöse Schöpferkraft in dauernde Abhängigkeit vom Boden bringt, prophetisches Judentum nur in Palästina für möglich hält, die Sicherung der Gemeinschaft nur dort voraussieht. Ich weiß, daß das „nur" nicht dasteht und datz die Möglichkeit der Bejahung der deutschen Nationalidce zugestanden wird. Aber wenn kein „nur" -- wo liegt das Nene, weshalb die Notwendigkeit eines Neulibcralismuö? Wenn nicht dagegen angctämpft wird, datz Religion auch im alten Volkstum das Wesentliche, der Staat durchaus nur eine Daseinsform gewesen ist. wenn nicht bestritten wird, datz Religion im Entstehen wohl national sein kann, in höchster Blüte aber übernational werden oder besser — es zu werden imstande sein muh. wo ist dann das Neue? Solange es verichicdcne Religionen gibt — und es wird sie immer geben—, wird jede ihren religiösen Menschen. ihre religiöse Seele bilden — durch Erziehung Uebcrlieferlrug,Unterricht. Kultus, Leben. Selbstverständlich! Das ist keine Forderung, das ist religionsnaturnotwciidig. Aber kann das nur in Palästina geschehen, nur hier vorzüglich? Die Forderung, die sich aus den Thesen ergibt, ist eine ganz andere, aber gar nicht neue, nur lange noch nicht verwirklichte: den vollen, religiösdcutsch-iüdischen Menschen zu schassen! Solange man hieran freilich nicht glaubt, solange man nur dem „Indifferentismus" schuld gibt, solange man nur auf das Jüdisch" der. anderen starrt und die Erfolge, die man damit erzielt hat, solange man sein eigenes Deutsch-jüdischsein als minderwertig oder gar gefährlich hinstellt, solange wird man gerne geneigt sein, einem prin.zipiellen „Kampf" aus dem Wege .zu gehen. Sagen wir nicht „Kamps", aber Auseinandersetzung, sagen mir prinzipiell andere Einstellung. Prinzipiell. Tenn uns ist nicht Religion im Kleid der Nation, sondern nur Religion ohne diese das Höchste. Und deshalb gerade gehört unser ganzes Herz nicht der Glcichsetzung von Religion und von Vaterland. Deshalb verlangen wir von unserem Staat, als gleichberechtigt betrachtet zu werden. Deshalb verlangen wir von unseren Juden, deutsch und indisch zugleich zu sein. Aber mit dieser prinzipiellen Einstellung verträgt es fid). wenn wir abivartevd der Palästina-Entwicklung zuschauen, nichts tun. mos anderen die Heimat — ihre Heimat — zerstören könnte. Abwartend, wie weit einst auch Religion — liberale sowie uichtliberalc — sich ihren Platz dort erobern wird. Verträgt cs sich, wenn wir wie für alle Inden, so auch für die A r. m e n des Heiligen Landes ein Herz und eine offene Hand besitzen. Alles andere aber lehnen wir ab. Rabbiner Tr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Leichenbestattung oder LeLchenverbrennuug. Bon Sanitätsrat Dr. Scherbe! in Lissa i. P. Die Frage der Feuerbestattung ist im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einer „brennenden" geworden. An sich ist es ja Geschmacks- oder Gefühlssache, ob jemand sich nach seinem Tode verbrennen lassen will. Die Leichenverbrennung besitzt für viele vom Gesichtspunkte der Aesthetit aus einen gewissen Vorzug, da sie jeden Gedanken an Verwesung und Fäulnis ausschlietzt. Aber es wird dabei doch ein Faktor autzer acht gelassen, der gewichtiger ist als alle anderen, und der am meisten es verhindern dürfte, daß die Feuerbestattung häufiger wird und eine allgemeine Verbreitung erlangt. Dadurch, daß sie die menschliche Form in kürzester Zeit vollständig zerstört und vernichtet, beraubt sie die pietätvolle Phantasie der Hinterbliebenen des hauptsächlichsten Hilfsmittels für die spätere Reproduktion des Bildes in der Erinnerung. Die Lebenden wissen es wohl» datz der Verstorbene im Grabe dem Schicksale aller organischen Wesen verfällt. Doch um den Toten wieder zu „Staub" zu verwandeln, bedarf die Verwesung einer langen Zeck. So lassen sich denn die Hinterbliebenen zu gern durch die Phantasie über alle die Veränderungen, die mit dem Verstorbenen im Grabe vor sich gehen, hinwegtäuscheu. In ihrer Erinnerung ruht das liebe Wesen, welches sie verloren, unberührt und unentstellt, in der Gestalt unter dem deckeirden Rasen, wie sie cs daselbst hineingelegt haben. Und dem religiösen Gemüte, welches den tröstenden Glauben der Unsterblichkeit sesthält, scheint die möglichste Erhaltung der äußeren Form gleichsam die notwendige Grundlage und Vorbedingung dafür zu sein. Die Verbrennung dagegen, welche innerhalb weniger Stunden eine vollkommene Zerstörung des Körpers herbeiführt und nichts übrig läßt, als ein formloses Häuflein Asche, entzieht der Phantasie die Vorbedingung für die gewissermaßen geistige Wiederbelebung des Verstorbenen in der Erinnerung der Lebenden. Denn der pietätvolle Sinn wird durch die Ansicht der Urne mit dem darin enthaltenen Aschenrestc weniger befriedigt als beim Anblick des Grabes. Wie tief Pietät und Familiensinn im Herzen deS Inden wurzeln, ist bekannt. Weil also die Leichenverbrennung den vornehmlichen Bedürfnissen der verwandtschaftlichen Pietät und auch des religiösen Sinnes nicht in dem Maße Genüge leistet, wie das Begraben auf dem Friedhöfe, weil auch für die vielen, die nicht in Orten wohnen, in denen Krematorien bestehen, die Kosten erheblich ins Gewicht fallen, ist ihre allgemeinere Verbreitung nicht zu erwarten. Auf die Frage der Zulässigkeit der Leichenverbrennung vom religiösen Standpunkt will ich nicht eingeheu. Wenn auch einzelne Rabbiner, z. B. Dr. Wiener in Oppeln, der Feuerbestattung sehr lebhaft das Wort geredet hat, f» stehen doch viele Rabbiner auf einem anderen Standpunkte. Ich möchte nur auf die treffliche Schrift „Tollen wir Juden unsere Leichen verbrennen?" von Dr. Immanuel Deutsch, Rabbiner in Sohrau. Oberschlesien (später in Lissa i. P. und in Breslaus verweisen, die im Verlage von Neumann (Stadtbnchdruckerei) in Gleiwitz erschienen ist. Unter anderem weist er darauf hin, datz der entseelte Körper den gebrochenen Laden des Gottesbundes gleicht, die unverändert, wohlbehütet und wohlverwahrt in der Lade ruhen sollen und die nicht durch Menschenhände beschädigt oder gar verbrannt werden dürfen. Einer Lade gleich soll das Grab die den gebrochenen Tafeln vergleichbaren entseelten Körperreste unversehrt umschließen. Die Beerdigung sei nach der heiligen Schrift die der Regel nach einzig zulässige Art der Leichenhestnttuna. Der Ausspruch deS Patriarchen frt SefsingS „Nathan der Seife": i,Tut nicht- — der Jude wird verbrannt!" — so schließt Rabbiner Dr. Immanuel Deutsch — soll dem Juden in keiner Form patriarchalisch oder gar sympathisch klingen. Näuberleben am Rhein. Den lesenswerten Darstellungen Otto Schwerins (Ausgabe 22 u. 28 der ,TIüd.-lib. Ztg.") aus der Schinderbanneszeit seien kleine, aber für jene Jahre und ihre Menschen kennzeichnend« Einzelheiten ergänzend zugefügt. Zunächst grevfe ich aus eine vor etlichen Jahren in der „Köln. Ztg." veröffentlichte Aufsatzreihc des Hofrats A. Börckel zurück, der sich auf Grund der gleichen Duellen mit den Taten rheinischer Raubgesellen beschäftigte, allerdings ohne Beschränkung auf die jüdischen Opfer („Die Räuber in der Schiller-Zeit") Schurderhannes verdankte seinen Ruhm vorwiegend seinem Auftreten gegen die Juden, denen er die Schuld an der Verarmung seines Vaters gab. und seinem in den Augen des Volkes nicht unsympathischen Aeutzern. Und wenn seine Ueberfälle Juden galten, fand er in der Gehässigkeit und Bigotterie der andersgläubigen Ortsbewohner wenigstens passive Begünstigung. In der Nacht zum 4. September 1S01, gegen 11 Uhr, erschien in Sötern eine mit Fackeln versehene Räuberbande vor dem Hause des Mendel Löw. stieß Tür mrd F-enster ein und gab Schüsse ab. Der auf den Lärm herLeigeeiltc Bruder, Moses Löw. flehte vergebens die Bewohner von Sötern um Beistand an. Kein Mensch wollte helfen, der Schullehrer erklärte sogar, die Sturmglocke dürfe nur für Christen geläutet werden. Als dann die Räuber sich endlich entfernt batten, fand sich, datz Mendel Löw ermordet am Boden lag. An Grausamleit blieb Schinderhannes allerdings hinter eitrigen seiner Genossen zurück. Einer der schlimmsten war der Westfale Damian Hessel. Er war zwar nicht, wie ein anderes Mitglied der rheinischen Räuberbande. Mosebach. Pfarrerssohn, in seiner Jugend aber „zum Geistlichen" bestimmt, und er bewahrte aus seiner Schulzeit noch ein paar lateinische Brocken, die ihm den Spitznamen .Bacherlc" (Studentchen) eintrugen. Die Aussicht aus die geistliche und eine ehrbare Laufbahn überhaupt versperrte sich Hessel durch eine „Heldentat", die früh seine Neigung zur Gewalttat erkennen ließ. Bei einer Prozession in Paderborn hatten Gymnasiasten unter seiner Führung einen Juden mitzhandelt und in dessen Haus allerhand Unfug getrieben. Der Bestrafung entzog er sich durch die Flucht — in das Räuberleben. Erst im Oktober 1810 büßte er für seine zahllosen Verbrechen auf dem Blutgerüst. Als man ihm die bevorstehende Hinrichtung orrkündigte. brach er zunächst völlig zusammen. Seine letzte Nacht verbrachte er unter Flüchen und Verwünschungen, und obgleich er Christ war. verlangte er nach einem Rabbiner. Ob er seinen Bekenntnisgcnossen. die ihn gegen seine Erwartung in den Tod schickten, einen letzten Aerger antun wollte oder ob er den jüdischen Geistlichen für den besseren Geleitsmann hielt? Allerlei Seltsamkeiten sind mit dem Hang zum Verbrechen sa stets verbunden.— Und an diese Geschickte möge der Bericht von einer nicht minder „kuriosen" gereiht sein, die ich müudticher und nach meiner Annahme durchaus glaubhafter Ueberlieferung verdanke. Einer Räuberbande am linken Niederrhein gehörte ein Einbrecher an, der zum Judentum übergetreten war und der zwar nicht desseuSiteugebote, wohl aber seine Gebräuche nach Möglichkeit beobachtete. Zuweilen erschien er am frühen Morgen bei einer städtisch-jüdischen Familie und erbat sich — Tephillin. die er dann in Gegenwart seiner Gastgeber wider Willen aulegke. Man fragte ihn nach Beendigung seiner „Andacht" einmal, woher er so früh komme. Nnd er antwortete ohne Umschweife, als berichte er eine Selbstverständlichkeit: „Von W . . ., wo wir die „Diwle" (Kirche) geräumt haben." Natürlich konnten die Gastgeber nicht wagen, von dieser Kenntnis die SicherheitSbehörde zu verständigen. Sie atmeten nur auf. wenn sie den „frommen" Besucher ohne eigenen Schaden losgeworden waren. Einigermaßen an ein berühmtes Goethesches Wort erinnern die Wirkungen dieser Zeit auf gewisse jüdische Individuen: „Ein Richter, der nicht strafen kann, gesellt sich endlich zum Verbrecher." So mag es schließlich in jenen Jahren, da die Sicherheit aller und die der jüdischen Bevölkerung ganz besorrders gefährdet war. einigen Inden sinnvoller erschienen sein, den Hammer statt des Ambosses zu spielen. Sie schlossen sich den Banden an oder sie raubten auf eigene Hand. Der Katalog der Kölner Stadtbibliothek enthält unter Nr. 132 einen Bericht: Engelbert Jungblut. Rotgerbcr, Mathias Hirtz, Simon Elias, Jakob Geisfel. überwiesen. 3 verschiedene Diebstähle mit Einbruch begangen zu haben, vom Spezialgericht zu Eöln zum Tod verurteilt und am 10. FriMaire (Dezember) .1803 hingerichtet. Unter Nr. 437: Trauerlied des Juden Michael Meyer, welcher vom Eriminalgericht in Eöllen als Räuber zum Tod verurteilt wrrrde. (Eöllen 1802.) Diese Dokumente der Nachprüfung von Fachleuten empfehlend. möchte ich zum Schluß noch bemerken: „Wie es sich christelt, so sudelt es sich auch." In wirren Zeiten sind auch Juden — bei aller vererbten Scheu vor Gewalttat — zu Verbrechern geworden — als schließliche Opfer der vorangeggugenen Gewalttätigkeit anderer. S> Andorn. Krefeld. Inhalt und $orm. Die Orthodoxie hat einen zweifellosen Vorzug gegenüber dem Liberalismus. Sie hat in ihren Formen einen festen Inhalt, der gelehrt nnd überliefert werden und dadurch eine gemeinschastsbilöende Wirkung ausüben kann. Schwach steht es allerdings mit dem religiösen Wert dieser Formen und der auf sie gegründeten Gemeinschaft. Formen müssen, das dürften heute auch die deutschen Orthodoxen zugeben, der notwendige Ausdruck einer Idee fein. Die altüberlieferten Formen haben wohl noch den Geruch der religiösen Ideen, die sie einmal ausgedrückt haben. Aber diese Ideen sind fast durchweg längst vergessen, die Formen sind stumm und leer geworden. . Trotzdem bleibt ein geringer Vorzug gegenüber dem Liberalismus bestehen. Denn Neubildung von Mitteklungsformen ohne Nerrbildung der Idee ist schlechthin unmöglich und führt zu willkürlichen Konstruktionen. Ter Liberalismus kann also nicht einfach au die Stelle der alten Formen neue setzen, ohne der Religion noch mehr zu schaden. Er mutz der sakramental e u Handlungen und Unterlassungen entr a t e n — w a s e r i m m e r r^v ch n i ch t ganzbegreif c n will—, und kann als Formen nur äußerlich ordnende Sitten einführen. ohne die überhaupt keine Genreinschaft existieren kann. Anlehnungen an die Künste aller Art sind ferner jeder religiösen Zusammenkunft, seien die Mitglieder traditionell oder liberal eingestellt, zu empfehlen und werden im Judentum noch viel zu wenig angewandt. Aber durch sie sind die alten Zeremonien, die unmittelbarer Ausdruck der religiösen Idee waren und sein sollten, nicht ersetzt. Bleibt bem Liberalismus also nichts weiter übrig. alS ohne festvestinnnte An-drnckSformen feine religiöse Idee mitzuteilen und zu überliefer«. Ist das möglich? Die Orthodoxen bestreiten eS. und auch manche liberalen Rabbiner, die immer wieder neu« Formen auf Lager habe«, bezweifeln es und bezeugen damit die Schwäche ihres Liberalismus. Es besteht aber für den Geistesforscher kein Zweifel, daß Ideen, wenn sie nur ernsthaft und wahr, das heißt folgerichtig und lebendig, erfaßt sind, scharf genug umrisien sind, um mindestens für den Kreis geistiger Menschen Lebenskraft zu haben, mögen sie sich auch in der großen Masse der Gemeinschaft niemals rein durchsetzen lassen — eine Tatsache, aus ivclchcr der Liberalismus den Schluß ziehen mag, datz er niemals allein und absolut die jüdische Gemeinde beherrschen kann. Die Zukunft des Liberalismus beruht also ausschließlich aus der Neuschöpfung der religiösen Idee. Weil diese der traditionellen Religion im Laufe der Entwicklung abhanden gekmmncn ist, bedurfte und bedarf es des Liberalismus. Gelingt ihm das schwierige schöpferische Werk, so ist der Liberalismus und die jüdische Religion gerettet. Gelingt es ihm nicht, so wird die Religion weiter verfallen, die Wirksamkeit des Liberalismus nur negative Kritik bedeute». Der Liberalismus hat sich eine äußerst schwierige — aber notwendige — Aufgabe gestellt, von der die rein defensive Orthodoxie nichts weitz. Er will nicht nur kritisieren, sondern die indische Religion retten und beleben. Der Zwiespalt zwischen traditioneller Religion und Liberalismus ist sicher nicht nur eine jüdische Erscheinung. Er ist eine Krisenerscheinung, ein Beweis für die kritische Lage der heutigen Religion. In einer ähnlichen Lage haben die israelitischen Propheten einmal das Judentum neu begründet, auch damals allerdings ohne zur ausschließlichen Herrschaft in der Gemeinde zu gelangen. Mit Recht lehnt sich deshalb der jüdische Liberalismus an die Propheten an. Einfach kopieren können wir sie allerdings nach 2500 Jahren nicht. Die Verhältnisse haben sich geändert, die ewige Idee mutz neue Ideale erzeugen. Daß diese noch nicht geschaffen sind, ist die Schwierigkeit des Liberalismus, die durch keine Formenänderung behoben werden kann. Als Monotheisten einerseits und Vertreter einer Diesi'eitsreligion anderseits richteten sich schon die israelitischen Propheten aus die menschliche Gesellschaft. Die einheitliche Geschloffenheit der Lebensführung und ihre ausschließliche Beherrschung durch di« Gottesidee war der Inhalt ihrer „religiösen" Ethik, die Schaffung einer allein von der Gottesiöee geleiteten Lebensführung. Den heutigen Diesseitsethiker religiöser Konsequenz beschäftigen noch dieselben Probleme: wir sind immer noch auf der Forschung nach der idealen menschlichen Gesellschaft. In folgende Einzelprobleme möchte ich das Ganze zergliedern. Die Gesellschaft zerfällt immer noch i n Stärkere nnd viel zu Schwache, die ohne sichere Grundlage der Lebensführung jeder Ausnutzung und Ausbeutung zum Opfer fallen. Weiter: Die Unselbständigkeit und Haltlosigkeit der Massen weckt bei den Kapitalisten den Geist der Risiko- und E r ob e r un g s I ust. Eine der schlimmsten Folgen dieses Geistes sind die Kriege, die neues, unfaßbares Elend über die Massen bringen. Schließlich mutz auch der brutalen List im inneren Verkehr der Völker ein beträchtlicher Spielraum gelassen werden, um ein Ventil zur Ableitung der größten 2dvt offen zu lassen. Luftprolctariat. Ausbeutung. Krieg und E r s fl) leichung sind die Krankheiten unserer europäischen Gesellschaft. Eine ideale Gesellschaft verlangt: Hebung des Proletariats. Der Proletarier darf nicht blotz Objekt der Wirtschaft sein, geeignet für jedes Experiment und jede Ausbeutung. Er mutz auch, mm so mehr, je weniger er beim Kapitalismus eine gesicherte Dienerstellung findet, cigeneWirtschaftzuerlangen suchen. Als Mittel bieten sich hier dem einen der Kommunismus, anders Orientierten die Siedlung von Mafien auf nicht oder nicht auLreichend bebautem Boden an. Die ideale Gesellschaft verlangt weiter Beruhigung der Gesellschaft. Der Eroberungscharakter mutz gedämpft werden durch Befriedigung des Proletariats und durch Stärkung der Wirtschafts- und Staatskörper. Nach den Erfahrungen des großen Krieges dürften wir hier zu einem Gegensatz zu den Anschauungen der israelitischen Propheten, geneigt sein. Während diese den Frieden von dem Zusammenbruch der großen Raubstaaten erhofften, scheint uns die Wohlfahrt der Mafien und der Friede um so gesicherter, je größer und widerstandsfähiger Staaten und Wirtschaftskörper sind. Schließlich darf List und Gewalttat ebensowenig zwischen den Völkern wie im inneren Verkehr geduldet werden. Der Rechtsschutz davs nicht problematisch sein und immer dann versagen, wenn nur die nötige Schlauheit im Umgehen der Gesetzesbuchstaben angewandt wird. Vielmehr duldet die Gerechtigkeit kein Zudrücken der Augen, und wird es nicht mehr zu dulden brauchen, wenn die Eristenzmöglichkeiten der Mafien genügend verbessert sind. I m g a n z e n wollen wir dahin streben, datz die menschliche Gesellschaft nicht ein Chaos ewiger Umstürze, sondern eine gesicherte Planmäßigkeit des Bestandes der Existenzen i st. damit die Menschen nicht mehr von zerstörendem Egoismus, sondern vom Glauben an die Ewigkeit geleitet werden. Dieses Streben aber, wenn es nicht Gelegenheitsphrase, sondern Ernst ist. mutz all unser Denken beherrschen und von allem unsere» Tun bezeugt werden. Solches Denken und Tun hot charakteristisches Gepräge. Es bezeichnet in feiner Folgerichtigkeit den ganzen Menschen und setzt Geschlossenheit des Charakters voraus. Wenn Israel noch ein einheitlicher Volkscharakter ist. so wird es in der Durchprägung solcher Ideale seinen Charakter erkenntlich machen: in seinem Idealbild der menschlichen Gesellschaft werden sich die wesentlichen Züge seines Charakters zeigen. Solch ein energisch durchgedachtes Ideal — es ist daL Ideal der religiösen Ethik — ist konkret genug, um sich wenigstens unter den geistigen Führern zu erhalten und fortzupflanzen und dadurch den Bestand und die .Höherbildung unserer Religion zu sichern. Dieses geistig« und deshalb in vollem Sinn« liberale Ideal ist nicht ungreifbar, farblos und willkürlich, sondern, wie alles auf «festen Grundlagen Ruhende und lückenlos Durchgedachte, bestimmt und individuell charakterisiert. Mögen sich auch die einzelnen idealen Forderungen mit den realen Verhältnissen ändern — eine Wandlung, die jede Religion mitmachen mutz —. so ist doch Grund und Ziel der religiösen Diesleitsetbi'k fest und beständig. Wir müssen nur in Wahrheit und vollständig von diesem ethischen Streben beherrscht sein: dann wird eS seine Unbestimmtheit verlieren, konkrete Gestalt annohmen und wieder eine jüdische Religion schaffen, die nicht eine Gewohnheit der Launen oder eine Versicherungsanstalt der Acngstlichen ist. Ist Religion Kultus? Sicher nicht. Ist Religsm bloße Gefühlssache? Die jüdische Diesseitsreligio« gewiß nicht. Gibt es eine Grenze zwischen Religion, Ethik und Politik? Für die Religion der Propheten Israels auf keinen Fall. „Ganz sollst du fein mit dem Ewigen, deinem Gotte!" Auch Protestanten und Katholiken suchen in Kongressen und Anstalten dahin zu aeläugen, da- Leben zu beherrschen. Das Judentum kann darauf nicht verzichten. R.-A. M. Lew in skr, Berlin.

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