Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 25 (18.6.1926)
- Date
- 1926-06-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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lösen, aber LaS erlaube ich mir foftor als Laie z» bemerken, -atz die Anschauung deS Herr« Simon. -atz -ie Gixttnffche Madonna, auch wenn sie nicht daS Werk RaffaelS. sonder« eines jüdischen Künstlers wäre, trotzdem in da- Gebiet der christlichen Kunst gehören würde, völlig abwegig ist. Eie würde eben von einem tüdischev Künstler niemals, so wie sie ist. gemalt worden fei«, und Mar Siedermanns „Jesus im Tempel" ist meines Wissens von niemand zur christlichen Kunst gezählt worden. ES wäre ja auch seltsam, wen« -aS jahrtausendelange geistig« und seelische Erbe de« jüdischen Künstler in seinem Schaffen nicht entscheidend beeinflussen solle Auch über das Problem -Autonomie" wäre viel zu sagen, vom ..liberalen" Standpunkt freilich nur, -atz sie nicht existieren darf. Wenn man aber liberal genug denkt, stch in der neueren Geschichtsforschung umzusehen. so wird man gewahr. baß die von Dubnow vorgAragen« Anschauung immer mehr Anhänger gewinnt. Man wird einem Gelehrten vom Range Dubnows nicht verwehren können, seine, übrigens auch von Zionisten nicht ganz gebilligte. Auffassung zu vertreten, zumal er am Schluffe selbst hervovhebt, baß -sie. innerhalb -eS jüdischen Volkes auch theoretisch umstritten ist". Wer mimosenhaft ängstlich ist und sich vor jeder Berührung mit einer ihm widerstrebenden Anschaiümg fürchtet, soll ein« Enzyklopädie nicht in die Hand nehmen. In jeder Sammelschrift stehen verschiedenartige Auffassungen nebeneinander. Das bekannte, in erster Reihe für chrfftliche Leser herausgegebene enzyklopädische Werk „Die Religion in Geschichte und Gegenwart" bringt in der jetzt erscheinenden zweiten Auflage zu Artikeln über religiöse Begriffe, die auch das Judentum interessieren. Ergänzungen aus jüdischer Reitet; sicher werden nicht alle christlichen Benutzer des Werkes sich mit den Anschauungen, die in diesen Zusätzen zum Ausdruck kommen, einverstanden erklären: sie werden aber wissenschaftlich genug denken, um zu verstehen, daß für die betreffenden Spozialfragen jüdische Autoren die berufenen Beurteiler find, und werden der Redaktion Dank wissen, daß sie im Interesse der Objektivität jüdische Mitarbeiter herangezogen bat. I. Elbogen. Inhalt und Form. Eigenartig sind die Ansichten über den religiösen Liberalismus, mitunter sogar, wenn sie von seinen eigenen Vertretern kommen. Jede irrige Meinung zu revidieren, ist eine undankbare Aufgabe, aber wenn es sich um einen Lehrer der Jugend handelt, so ist eine Stellungnahme dringend geboten. Die ständig geführte Diskussion über die Formen und ihren Sinn beweist einerseits, wie unbedingt wichtig man diese Frage nimmt, andererseits aber bat sie dazu geführt, über die längst erkannte Forderung hinaus, den alten Geist in neue Form zu gießen, manche Gemüter die Form überhaupt verneinen zu lassen. Und hier ist Wallach-Aachen gelandet. wenig glücklich allerdings. Seine Argumentationen sind bezeichnend. Wenn man eine ablehnende Stellungnahme zu einer Sache begründen will, dann sucht man bekanntlich die extremsten Beispiele. Das fromme Müttcrlein mag er wirklich gekannt haben, ich bin sogar überzeugt, daß es in seiner Frömmigkeit glücklich war (und das ist ja auch ein Hauptziel der Religion). Und von den Söhnen zu reden, lohnt sich nicht. Man komme doch bei Erörterung religiös-liberaler Probleme nicht mit gesuchten Fällen einer sicherlich vorhandenen, aber verlogenen Orthodoxie. Und der streng religiöse Talmudist. dessen Söhne sich taufen ließen? Ihnen fehlte eben die Brücke, um die Kluft zwischen erstarrter Vergangenheit und der Zeit zu übersteigen. Diese Brücke zu sein, ist ia gerade die verantwortungsvolle und segensreiche Ausgabe liberaler Religiosität. Bedauerlich ist es nur. daß dieser Iugenölehrer das von ihm besonders hervorgehobene Gesetz der Entwicklung eben nicht anerkennt. Denn er ist bei jenem Liberalismus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts steckengeblieben, der. aus dem Geiste der Aufklärung und der absoluten Befreiung von historischen und seelischen Bindungen geboren, mit dem Talmi das Gold wegzuspülen drohte. Man hielt sich für stark genug, die Idee in ihrer Reinheit und Absolutheit auf den Schild zu erheben, und versank dabei in tiefsten Materialismus, der schließlich mit zur großen Katastrophe beitrug. Auch Wallach fühlt ja so deutlich die Unfähigkeit der Menschheit, von der reinen Ethik, von der „Idee an sich", zu zehren, und aus dieser Schwäche heraus kommt er zu einer geradezu katholisch-mystischen, uns ganz fernliegenden Auffassung vom Gottesdienst. Das hebräische Gebet erklinge durch den Mund der „gottesdienstlichen Funktionäre" lein sehr neuer, aber wenig wertvoller Begriff für uns), sie mögen die Zeremonien, ein Reservat der Synagogen, dort als „heilige Handlung" vollziehen, diese Dinge seien nicht mehr Sache des „jüdischen Publikums" und der Kinderwelt. Mit Verlaub: hier ist nicht mehr organische Verbundenheit mit deutscher Kultur, sondern, in Verkennung des Grundcharakters jüdischer Religiosität, Neigung zu christlicher Einstellung zu spüren. Wir liberalen Juden wollen lebensvolle Menschen sein, die den Kopf bei den Sternen tragen, aber mit den Füßen auf der Erde stehen. Wir wollen unsere Religion lebendig, warm, überzeugend und kraftvoll gestalten, wir wollen sie nicht zur abstrakten Religionsphrlvsophie machen. Im Hause, iw engsten Kreise, beginnt unser religiöses Leben. Wir ehren das Alte, und durch unsere Erkenntnis ersteht es in neuer, schönerer und reinerer Form. Wir wissen, daß Religion Glaube an Gott und ein ethisch-sittliches Leben ist. Aber wir wissen auch, daß den Menschen Geist und Gemüt gegeben ist, und daß das Gemüt die Idee aus dem Reich der Gedanken ins Leben zieht, indem es ihr Ausdruck gibt — sei es ein gotischer Dom. sei es eine Baltische Fuge, sei es das Sabbatlicht. Mit ethffchen Grundsätzen, als philosophische Lehren vorgetragen, werden wir keine warmen jüdischen Kinderherzen gewinnen, wohl aber mit dem Freitagabendzauber, der immerhin auch von Wallach als „erhebendes Bild" gekennzeichnet wird und noch nicht — oder nicht mehr — ein „ungelöstes Problem" ist. Mit „heiligen Handlungen" werden wir in keiner Seele wahrhaste innige Andacht erzeugen, wohl aber mit der Befähigung zu wirklicher Anteilnahme an einem verständnisvollen, ästhetischen und religiös warmen Gottesdienst. Mt Glaubenssätzen werden wir keinem Trauernden Tröstung bringen, wohl aber mit dem gemeinsam gesprochenen Kaddischgebet. Denn Hirn und Herz des Menschen ruft und fragt, und beide suchen sie nach Antwort. Unsere Religion vermag beiden zu antworten. Einen „jüdischen Martin Luther" brauchen wir nicht, „denn der protestantische Mensch" ist ein Abstraktum. Aber eine Art jüdischen Menschen brauchen wir. und die Entwicklung wird ihn bringen, den Menschen, der Leben und Religion, deutsche Kultur und Judentum. Inhalt und Form in organische Einheit knüpft. Uralt ist die Kultur des Weines, man trank ihn aus rohen Gefäßen, aus Zinnbechern, und heute trinkt man ihn aus dem Kristallkelch, niemals aber unmittelbar vom Faß. So wechselt die Form, den edlen Inhalt bergend, und verschönert sich stets. Wir wollen den Wein mit Sorgfalt pflegen und die Gefäße immer schöner gestalten. Dies ist das neu fühlbare, religiöse Streben der Jugend, dem daS Elternhaus vielfach noch verständnislos gegen übersteht. Die Jugend wird ihren Wog finden, auch die von Herrn Wallach erzogene. Joseph Weinsast. Chemnitz. , SkettgiSser Ausbau. Denn I. Wvlssohn. BreSlau. in Nr. 22. vom 28. Mai 1926 meint, dich eS sich bei dem Liberalismus um eine rein religiöse Angelegenheit handele, so ist eS doch an der Zeit, die Frage zu prüfen, ob die deutschen! liberalen! Juden sich dessen bewußt sind, ob sie überhaupt wirklich religiöse Juden auch heute noch sind. Als vor über 100 Jahren Jarobfohu seinen Gottesdienst in Seesen. Kaffel und Berlin einrichtete, da fanden sich jüdische Menschen, die begeistert waren und Jacobsohns Werk unterstützten». Viele Rabbinen versuchten ihre Gemeinden für einen anderen Gottesdienst zu interessieren. All diese Versuche, den deutschen Juden ihre Religion zu erhalten, sind, und das müssen wir offen bekennen, nicht von Erfolg gewesen. Wir haben Jahrzehnte hindurch an einer inneren Zerrissenheit gelitten, und auch später kam cs nur zu einer Scheinblüte, trotzdem eine ganze Reihe mächtiger jüdischer Organisationen ins Leben gerufen wurden. Es fehlte das warme Gefühl, das innere Bewußtsein des Iudeieins. und heute fehlt es mehr denn je an dem starken Willen. Jude sein und bleiben zu wollen. Es hilft nun einmal nichts, die orthodoxen Ideen, die zionistischen Gedanken au verwerfen, ohne klar und deutlich wenigstens auf eine freiere Art seinen Glauben an den Gott der Väter zu bekunden. Alle Tätigkeit in der Verwaltung, die heute sogar z. T. von Leute» auSgeübt wird. Seren Iudesein lediglich in einer äußeren Kraftentsaltung besteht, alle Arbeit in Vereinen reicht nicht aus. um das Werk von Znnz, Geiger u. v. a. auf die Dauer zu erhalten. Die Wahlen zur Nepräsentanten- Versammlung der Berliner jüdischen Genwinde zeigen ganz deutlich die Gleichgültigkeit der meisten zu uns sich zählenden Juden, die noch nicht einmal Sie Zeit finden, ihren Wahlzettel abzugeben, und es ist gar nicht zu verwundern, daß dann der zionistische Gedanke als einen vielen Inden einleuchtenden Beifall finden muß. Wenn Herr Wolfsolin unsere Synagogen mit Orgel und Chor an den Sabatcn besucht, dann weiß er auch genau, daß die Rabbinen vor leeren Bänken sprechen, daß hie meisten seiner und auch meiner Gesinnungsgenossen es nicht der Mühe wert finden, den Prediger mit anzuhören: und da wundert er sich, daß der Rabbiner als Vertreter des jüdischen Gedankens dem Zionismus zugeneigt ist? Sagen wir es offen, denn nur dadurch bessern wir, daß es eine ganze Reihe von Vorstehern gibt, die zu den von unserem Heinrich Stern mit Recht so genannten Auch-, Noch- und Bitrinenjuden gehören, daß es Liberale gibt, die lieber einen Juden als Vertreter der Religionsgemeinde wählen, der in Mischehe lebt, weil er nach ihrer Ansicht liberaler, d. h. ungläubiger ist. als die positiven liberalen Juden, wie ihn sich anders niemals die Reformer vorgestellt haben. Es gibt sogar eilte Gemeinde, die einen solchen Juden zum Vorsitzenden der Kultnsgelncinde gewählt hat. Darf man da noch schweigen? Es ist Zeit, daß jeder liberale Jude, dem cs ernst ist mit seinem Väterglauben und seiner Liebe zum Judentum, sich ausrasft nnd kraftvoll in den liberalen Vereinen mitarbeitct. Auch für uns muß cs Grenzen geben, »vir können und dürfen niemand, iei cS»vcr es wolle, als Vertreter in die Rcligionsgcmciude schicken, der selbst dabei ist. vom Judentum sich durch Mischehe und "Religionslosigkeit seiner Kinder abzuwenden. Scligmann sagt einmal mit Recht: „Wir haben uns den andern w liingegeben, daß wir im Begriff sind, uns selbst aufzugebeu." Das alles braucht man bei den nichtjüdischen Kirchengescllschaften nicht zu erwähnen, cs ist ein selbstverständlicher Gedanke. Das Judentum, und das muß einmal gesagt werden, ist eine religiöse Gemeinschaft, auch für uns Liberale. Für deren Erhaltung kann man nicht werben ohne innere Begeisterung, ohne Hingabe. ohne die Ueberzeugungskrast von -er Wahrheit der jüdisch-religiösen Idee, Judentum ist nicht lediglich ein Verwaltnngsapparat. Viel mehr Achtung müssen wir vor unseren Rabbinen und Lehrern haben, die ja in der Tat die Träger des religiös-jüdischen Liberalismus sind: denn die meisten von uns sind doch viel zu gleichgültig, um sich überhaupt jüdischen Gedanken zu widmen. Jüdischer Liberalismus bedeutet nicht Indifferentismus, sondern den Versuch, auch den freierdenkenden Juden das Judentum zu erhalten. Mag unser Weg durch Kampf gehen, mögen wir einige Persönlichkeiten mit hochklirrgenden Namen verlieren, wir wollen dennoch zeigen, daß »vir uns selbst, wenn auch ein kleiner Rest, treu bleiben und die aroße Idee nicht durch Namensjudcn leiden lassen wollen. Ludwig Lazarus, Würzbnrg. Liberalismus und Zionismus. i. Den unter obiger UeLerschrift gegen Dr. Elks 'Münchener Rede gerichteten und in Nummer 24 dieses Blattes erschienenen Artikel habe ich lwie auch ausdrücklich schon in diesem vermerkt) geschrieben auf Grund des Berichtes der „Jüdischen Z t g. f. Ostdeutschland" Nr. 19, e r - schienen in der c r st c n Mai iv o ch c. Es ist nur nicht bekannt, daß Dr. Elk inzwischen gegen die Richtigkeit dieses Berichtes Einspruch erhoben hat. Anscheinend hat also die Redaktion der „Id. Ztg. f. Ostdschld." Herrn Dr. Elk nicht, wie sonst üblich, ein Exemplar der betreffenden Nummer zngesandt: auch hat ihm wohl ebensowenig einer seiner zahlreichen hiesigen Freunde etwas über die Angelegenheit berichtet. Nur so ist sein bisheriges Schweigen zu erklären.— Was nun Dr. Elks Berichtigung in Nr. 21 unseres Organs betrifft, so sei folgendes bemerkt: Zu 1. Zustimmung. Zu 2. aus der Znstimmnng zu 1. entspringende Ablehnung. Der jüdisch-religiöse Liberalisms gründet sich ans den Prophetismus. An diesem ist aber swenigsteus nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten) das Größte und Erhabenste die Idee der Wandlung des Nationalgottes Jahve zum Gott der gesamten Menschheit, die Entwicklung der Nationalzur Weltreligion, die Loslösung vom Nationalismus. wie sie die meisten und die bcderr>tcndercn der jüdischen Propheten predigen. > Zu 3 a) u. b). Deshalb kann eine vom uatioualjüdischen Standpunkt ans und in dcsscm Sinne erfolgende Besiedlung Palästinas von rcligiösliberalen Juden nicht unterstützt werden. (Ganz abgesehen von den noch frvgwürdigen wirtschaftlichen Erfolgen oder Mißerfolgen und sonstigen unangenehinen Begleiterscheinungen.) Denn die Weiterentwicklung des Judentums zur Weltreligion kann durch die jttdlschuationale Basis nur zurückgebrängt werden. — c) In religiösem Sinne gibt es keine Blutsgemeinschaft und kann es keine geben, denn Rcligionsgemeinsckwft ist immer etwas rein Geistiges: Zu 4. Daher grundsätzliche Ablehnung des Zionismus alS solchen: ihn anzuerkennen, was Dr. Elk „Politik in bestem Sinne, weil Realisierung von Ideen" erscheint, würde ungefähr das gleiche bedeuten, als wenn etwa die republikanischen Parteien Deutschlands die Wiedereinführung der Monarchie in Bayern zuließen, um diesen Bundesstaat beim Reiche zu halten. Zum Schluß: der jüdische Liberalismus muß es sich als Endziel setzen und deshalb sich stets von diesem Grundgedanken .leiten lassen, daß Religion und religiöse Entwicklung sich in der ganzen Menschheit nur schließlich in einer Linie und nach einem Punkte bewegen können und müssen,und daß nur die äußeren Formen andersgeartet sein dürfen. Religion ist nicht nur Geistes-, sondern auch Gefühlssache und Sann darum niemals völlig durch Philosophie ersetzt wenden. — «,■*.*.** 9tr*aTdii- 18 ft I. WalkSsoßn. II. Der Bortraa deS Herrn» Rabbiner Dr. Elk Über „Liberalismus und Zionismus" hat ein Problem berührt. daS immer weiteren Kreisen in seiner ganzen Wichtigkeit offenbar wird. Der Liberalismus als religiöse Bewegung im Judentum kann unmöglich, «ne Herr Dr. Elk unter anderem erklärt, „den Paläsktnaausbau Kreisen überlassen, die religiös indifferent sind, womit sicher nicht alle Zionisten gemeint sind", ober Kreisen, die die jüdische Religiosität wie die Orthodoxie in einer Form kultivieren, die den innersten Neberzeugungen des Liberalismus zuwider sind. Ich führe daS von Herrn Dr. Elk gesagte so «aus, indem ich konkret formuliere, daß eine Renaissance des jüdischen Prophetismus in Palästina, also einer Religiosität, die arff persönliche Verinnerlichung hinztelt zugleich mit einer Betonung der Heiligkeit der sittlichen Tat. daß eine solche Religiosität, deren Träger der Liberalismus ist. allein imstande ist. die Levanttsierung in Palästina, die ein ausschließlich weltlicher Zionismus zur Folge haben würde, zu verhüten. Und zweitens zu verhüten, daß die orthodoxen Bestrebungen eine Fixierung des Mittelalters bewirken, die unter den gegebenen Umständen in Palästina eine Orientaltsieruito des Judentums bedeuten würde. Dies würde die unglücklichste Reaktion sein, die der jüdischen Gemeinschaft zustoßen könnte, weil diese heute durch ihren ausschlaggebenden Teil eine europäische Nation ist und bleiben will, wobei selbstverständlich Europa kein geographischer Begriff ist. sondern ein Äulturbegriff. Zu dem prinzipiellen Verhältnis des Liberalismus und des Zionismus zueinander, möchte ich den zu diesem Thema gemachten Ausführungen deS Herrn Rabbiner Dr. Elk in Nr. 24 dieser Zeitung noch diese Gedanken hinzufügen. die ich gelegentlich eines Vortrages von Herrn Rabbiner Dr. Max Wiener in Berlin in der Diskussion vorbrachte. Damals wurde vom Vortragenden die enge Verbundenheit der jüdischen Frömmigkeit mit der Zuwendung zur jüdischen Gemeinschaft betont. Bei dem Vergleich von Liberalismus und Zionismus sehe ich ab von den heutigen, gegebenen Verhältnissen. wie sich Liberalismus und Zionismus als politische Parteien repräsentieren und nehme allein Rücksicht auf den Ideengehalt, den diese beiden Richtungen darstelle». Tut man das. so entdeckt sich sofort ein Gemeinsames: Liberalismus ulid Zionismus sind beide Renaissancebestrebuugen. Beide sind Erscheinungen durchaus neuzeitlicher Struktur. Liberalismus ist religiöse Renaissance. Zionismus ist weltliche Renaissance. Beide haben daher ihre Gegensätzlichkeit zur Orthodoxie. Als Orthodoxie definiere ich die Bestrebungen im Judentum, welche das Mittelalter in heutiger Zeitlage bewahren wollen. Daß cs ein jüdisches Mittelalter gibt, darüber sind sich unsere Historiker bereits klar. Wir haben ein Mittelalter, genau so finster und genau so erhaben wie das christliche Mittelalter. — Der Liberalismus bedeutet die religiöse Renaissance. I>n Mittelalter gibt es keine autonome, sondern nur religiös bevormundete Kultur. Das bekannte Wort: Die Philosophie ist die Magd der Theologie, gilt im Mittelalter von allen Kultnrgebieten. Es gibt keinen selbständigen Staat, keine selbständige Wissenschaft, keine selbständige Kunst, sie alle, sind im unfreien Dienste der Religion. Der Begriff des freien Individuums und der Begriff, der Nation sind in der mittelalterlichen Kultur so unbekannt wie Buchdruckerkunst und Schießpulver. Die europäische Renaissance nun stellt die Bewegung dar. die die Trennung von Religiomurnd weltlicher Kultur bewirkte. Diese Trennung erscheint uns neuzeitlichen Menschen als ein Segen, weil die Religion, auf ihr eigenes Bereich gewiesen, an Tiefe gewinnt, die weltliche Kultur aber, autonom geworden, eine Breite erreichen konnte, die Voraussetzung für unser modernes Leben geworden ist. In diese europäische Renaiffancebewegung ordnet sich dev jüdische Liberalismus ein. Die religiöse Befreiung des Individuums von der Vormundschaft des Schluchan aruch, des Dins, ist der erste Schritt in der Renaiffancebewegung des Judentums. Der Schulchan aruch ist die starrste, unbeweglichste Kirche geworden, die die Religionsgeschichte kennt, denn unter Kirche verstehen wir jede Institution, die den Menschen religiös machen will, ohne ans seine Individualität Rücksicht zu nehmen, sie sogar zu vergewaltigen bereit ist. Der jüdische Liberalismus als religiöse Renaissance. entdeckte überhaupt wieder das jüdische Individuum. Das Individuum hat aber nicht nur Autonomiebedürfnisse in bezug auf sein Verhältnis zur Religion, sondern ebensolche in bezug auf sein Verhältnis zu den weltlichen Kulturgebieten als da sind: Staat und' Nation. Diese Autonvnnebeöürfnisse den weltlichen Kultnrgebieten des Staates und der Nation gegenüber will der Zionismus befriedigen, er lut also dasselbe, was der Liberalismus tut. der die Autonomie des religiösen Individuums erkämpfte, seine Befreiung vom Ritual, von der Tradition, sofern sie nicht crlebbar ist. Beide also, Zionismus und Liberalismus, gehören d ensel ben g e isti gen Bewegungen an. Nunmehr zu den angeblichen Gegensätzen: Man sagt innerhalb des Liberalismus, daß zwischen dem Universalismns des jüdischen Prophetismus, dessen Ncubelebung das große Verdienst deS Liberalismus ist. sich keine Brücke schlagen ließe zu irgendeinem Nationalismus. Diese Behauptung ist geschichtlich und sachlich falsch. Geschichtlich deshalb. weil für den jüdischen Prophetismus nationale Eigcnerhaltung naive Selbstverständlichkeit war. Sachlich ist sie deshalb falsch, weil der Menschheitsgcöanke des Universolismus »ur in einer nationalen Kultur echt gedeihen kann. Es ist ein tiefer sittlicher Gedanke. Menschheitsidee und Nationalidee zu paaren. Aber es ist rationalistischer Utopismus. Menschheit und Nation, Idee und Realität gegeneinander ausspielen zu wollen. Das Wort Mendelsohns. Jerusalem ist eine Idee, ist ein großes Wort. Nur Epigonentum kann dieses Wort, das gesprochen wurde, als noch kein Zionismus in geschichtlicher Sicht war, mißverstehen, als hieße es: Jerusalem ist nur eine Idee. Die echte Idee ist kein Widerspruch zur Realität, sic schafft Realitäten. Die gesunde Realität ist kein Widerspruch zur Idee, sic gebiert Idealitäten. Jerusalem ist eine Idee, nnd Idee heißt sittliche Idee. Als Juden wissen wir. daß Ideen Taten werden können, Taten werden sollen. Und noch ein letzter Punkt: Wenn so vieles von dem, was der Liberalismus gewollt hat. mißlungen ist oder mißlingen mutzte, so ist der Grund der folgende: Der Liberalismus hatte niemals hinter sich eine BolkSgemeinde. Immer blieb es eine Gruppe von Intellektuellen, die begeistert die Ideen diskutierten, energisch neue Formen wagten, aber eS fehlte die organische Gemeinde, die das Neue gelebt hätte, und dadurch, daß sie es lebte, die Ecken nnd Kanten ausgeglichen hätte, die daS Neue unvermeidlich an sich hat. So ist viel Gutes nnverwtrklicht geblieben, viel echtes, wertvolles Streben «diskrediert worden. Der Zionismus bietet dem religiösen Liberalismus neue Chancen. Der religiöse Liberalismus. der nichts weiter sein wollen wird als religiöse Bewegung. hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen. Wir dürfen hoffen, daß der Liberalismus mehr ist als eine vorübergehende Episode in der jüdischen Geschichte. Wem wirklich die religiösen Ziele des Liberalismus am Herzen liegen, der begrüßt die neuen Chancen, die der Zionismus dem Liberalismus bietet, als großes Glück. Rabbiner Dr. Ignaz M a y b a u m. Bingen a. Rh.