Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 25 (18.6.1926)
- Date
- 1926-06-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Irscher oder germanischer Namen nicht, wir tragen sie aber nicht, wenn sie Spott erregen, mag der Kpytt anch -noch so unberechtigt sein. Namens Lnderung. Gin abergläubischer Brauch, der noch jetzt in vielen Gegenden zu finden ist: Ist ein Kind schwer krank, so gibt man ihm einen anderen Namen von guter Vorbedeutung, wie Ehajim I(Leben) oder Alter, um den TodeSengel irrezufüyren; oder die Mutter übertrchgt das Kind durch einen Schetnverkauf einer Frau, deren Kinder sich guter Gesundheit erfreuen. ' Beschneidung. Zweihundert Millionen lebender Menschen halten diesen Brauch: Juden, Mohammedaner, die meisten afrikanischen Völker, Eingeborene Australiens, sowie einzelne amerikanische Stämme. Bei den meisten Naturvölkern gehört die Beschneidnng zu den Zeremonien der Mannbarkeits- Erklärung. Bei den Mohammedanern findet sie Zwischen oem 8. und 15., am häufigsten aber im 13. Lebensjahr statt. Grund dafür ist die Stelle im ersten Buch Moses 17,26, wo vom Stammvater der Mohammedaner, Ismael »erzählt wird: Ismael. der Sohn Abrahams, war 13 Fahre alt. als er beschnitten wurde. Bet den Juden findet die Beschneidung am 8. Tage statt. Der Brauch gilt für so bedeutungsvoll. Latz er auch am Sabbat ausgeführt werden darf (Sabbat 131 a und K). Aegypter und Juden erheben den Anspruch, ruerst die Beschneidung gehabt zu haben. Die Geschichtsschreiber Herodot (um 484 vor Chr. G.). Diodorus von Sicilien (um 100 vor Chr. G.) und Strabo l(um 50 vor Chr. G.) behaupten, daß die Juden diese Sitte von den Aegyptern übernommen hätten. Ideoque per antiquam traditionem in usu his gentibus esse ut pueros apud se natos ritu ab Egyptiis derivato circumcidunt (Dioöorus). Die Juden führen den Brauch auf Abraham zurück: „Gott sprach zu Abraham: Das ist Mein Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen, den ihr hüten sollt: Beschnitten werde bei euch jegliches Männliche. Am achten Tage werde jegliches Männliche beschnitten, auch die Eingeborenen des Hauses, wie die fiir Geld Gekauften (1.17.9 bis 14). Abraham nahm seinen Sohn Ismael mrd alle seine Haus-Eingeborenen und alle für sein Geld Gekaufte und beschnitt sie. Abraham war 99 Jahre alt, da er sich beschneiden ließ und sein Sohn Ismael 13 Jahre. An ebendemselben Tage wurden Abraham und Ismael beschnitten (I, 17,23 bis 27). Abraham beschnitt seinen Sohn Isaak, als er acht Tage alt war. Am Passahmahl dursten nur Beschnittene teilnehmen: „Wenn aber ein Gast bei dir verweilt und will das Passahlamm dem Ewigen opfern, so soll er beschnitten werden. Kein Unbeschnittener darf davon essen." (II. 12.48.) Das mosaische Gesetz wiederholt das Gebot: Wird ein Knabe geboren, so soll er am achten Tage beschnitten werden Hl. 12,2 bis 3). Zur Beschneidung wurde in alter Zeit ein scharfer Stein genommen: „Da nahm Ziporah einen scharfen Stein und beschnitt die Vorhaut ihres Sohnes" (II, 4,25). Später gebrauchte man Messer: „Josua machte sich scharfe Messer und beschnitt die Kinder Israel, denn das ganze Volk, welches in der Wüste geboren war, war nicht beschnitten" (Josua 5,3 bis 5). Bis zur Entstehung des Christentums hat dann der Brauch unangefochten bestanden. „Elisabeth gebar einen Sohn (Johannes), am achten Tage beschnitten sie das Kindlein" (Ev. Luc. 1,69). „Da acht Tage um waren, daß das Kind beschnitten würbe, da ward sein Name genannt Jesus" (Ev. Luc. 2.21). Vom Tage an, da Jesus durch die Beschneidung in den Bund des Judentums ausgenommen wurde, rechnet jetzt die christliche Welt ihre Jahre. Am 26. Dezember soll sein Geburtstag sein: acht Tage später, am 1. Januar, war die Beschneidung. Der Tag heißt noch heute im katholischen Kalender „rnrcumcisio dei", „Die Beschneiöung des Gottes". In den ersten christlichen Gemeinden kämpften noch die Parteien um die Frage, ob die Beschneidung auch für die Angehörigen der neuen, aus dem Judentum hervorgeaangenen Religion verbindlich fein solle. Durch Paulus im Galaterbrief wurde die Frage entschieden: „Siehe, ich DauluS, sage euch: Wo ihr euch beschneiden läßt, so ist euch Christus kein nütze. Denn in Christo Jesu gilt weder Beschnetdung noch Borhaut etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist" (Galater 5,2 u. 6). In talmudischer Zeit fand die Beschneidung im Hause statt. Anwesenheit von Zeugen war dabei nicht erforderlich. Erst im neunten Jahrhundert wird es in Persien allmählich Sitte, die Beschneidung in der Synagoge vorzunehmen, in Deutschland fett dem dreizehnten Jahrhundert. Daher noch heute der Brauch, die Beschneidnng, wenn möglich, in Gegenwart von zehn Männern, also einer Gemeinde, vorzunehnren. Der Mann, der das Kind hält, wird Sandek genannt, abgeleitet aus dem griechischen Wort SynteknoS (Syndikus) Gevatter. Diese Nachahmung des christlichen Titels findet sich seit dem 9. Jahrhundert. In Polen pflegt der OrtZrabbiner immer der Pate zu sein. Ein Stuhl wird für den Propheten Elias hingestellt, „der unsichtbar bei jeder Beschneidnng zu>- gegen ist" (Pirke N. Eliezer 29). Daher sagt auch der Mohel zuerst vor der Beschneidung in hebräischer Sprache: „Dies ist der Sitz des Elijahu, gesegneten Andenkens. Elijahu. Bote des Bundes, hier ist das Deinige vor dir. Stehe zu meiner Rechten und unterstütze mich. Ich harre auf deine Hilfe, o Gott." Nach der Beschneidung sprechen die Anwesenden: „Wie das Kind in den Bund (der Religion) ausgenommen worden ist. so möge es auch ausgenommen werden in den Bund der Lehre, der Ehe und der guten Werke" (vgl. auch I. B. Joly: Histoire de la Circoncision, Paris 1899; W. A. Feldman«: The Yewisch Child, London 1917; Leopold Löw: Die Lebensalter, Szegedin 1876; Schenkel: Bibellexikon, Leipzig 1869). Welches ist der Zweck der Beschneidnng? Der jüdische Religtonsphilosoph Philo (im ersten Jahrhundert in Alexandrien lebend) gibt folgende überlieferte Gründe an: 1. Die Beschneidnng verhütet Krankheiten und Entzündungen. 2. Sie fördert die körperliche Reinheit. 3. Sie ist ein Symbol der Reinigung des Herzens (Unterordnung des Körperlichen unter das Geistige). 4. Sie bewirkt zahlreiche Nachkommenschaft (Maimonides, More Nebnchim 3,49 behauptet das Gegenteil!). Philo fügt noch als Grund hinzu: Die Beschneidung habe vor allem eine doppelte symbolische Bedeutung. Sie sei zunächst ein Sinnbild für die Ausschneiöung der das Denken berückenden, verwirrenden Lüste, nicht nur der einen, mächtigsten, deren Befriedigung von jenem Organ ausgehc, sondern in und mit ihr aller übrigen. Sodann sei sie gleichsam eine Ermahnung an den Menschen, sich selbst zu erkennen, die schwere Krankheit der Einbildung und Selbstüberschätzung, welche dem Geschöpf die Gott allein znkommende Kraft der Erzeugung lebender Wesen zuschreiben möchte, zu entfernen." — Ich möchte hinzufügen: Unsere Ahnen sahen in der Fortpflanzung die heiligste Aufgabe des Menschen. Sie weihten diesen Körperteil durch ein Opfer der Gottheit. — Es ist mir nicht bekannt, ob die amerikanischen Reformgemeinden die Beschneidungsseier durch eine andere religiöse Feier ersetzt haben. Die Auslösung des männlichen Erstgeborenen. Juden und Araber. Griechen und Rümer wie auch die Germanen hatten den Brauch, die Erstlinge von Pflanzen und Tieren als heilige Gaben der Gottheit zu weihen. Tie Erstlinge galten als das Beste: darum gehörten sie der Gottheit. Schon Abel brachte ein Opfer von den Erstlingen seiner Herde und rem Fett (I 4. 4). Zunächst wurden die Erstlinge der nährenden Pflanzen, Getreide, Most, Oel dargebracht (V. 18.4); die ersten Früchte, welche der völlig ausgevildete Obstbaum trägt (III, 19, 25). Dann auch die lebenden Erstlinge, der erste Wurf der Herde (V. 15, 19). Da die weiblichen Tiere schwächer sind, verlangt oaS Gesetz als beste Gabe die männlichen. Da nicht alle Erstlingsgaben alS Opfer verbrannt werden konnten, so wurde ein Teil zum Geschenk für die Priester. Gehören aber nicht auch die männlichen Erstgeborenen der Menschen der Gottheit? Menschen zu opfern, war der jüdischen Religion ein unmöglicher Gedanke. Die Thora bringt folgende Vorschriften: Gott sprach zu Mose: heilige mir jede Erstgeburt der Kinder Israel, Sie den Mutterleib durchbricht" (II 13, 2). „Jfden Erstgeborenen deiner Kinder sollst du auslösen" (II, 13,13). „Einen Monat nach Ser Geburt sollst du ihn auslösen mit einem Wert von fünf Silber-Schekel" (IV. 18,16). Das Geld, in die Landesmünze umgerechnet, wird jetzt einem Kauhen (Mann aus dem Priestergeschlecht) gegeben. Die Feier findet am 31. Tag nach der Geburt — aber nicht am Sabbat — statt. Der Vater überreicht seinen Sohn dem Kauhen und spricht die vorgeschriebenen hebräischen Worte: „Meine Frau gebar mir dieses männliche Kind als Erstgeburt." Der Kauhen: „Was ist dir lieber: dieser dein erstgeborener Sohn oder die fünf Selaim, die du als Lösegeld für ihn geben sollst?" Darauf der Vater: „Meinen erstgeborenen Sohn habe ich lieber; hier hast du fünf Selaim, sein Lösegeld. Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns die Anslösung des erstgeborenen Sohnes befohlen hast. Gelobt seist du. Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns am Leben erhalten hat und diese Stunde hat erreichen lassen." Der Vater gibt dem Kauhen das Geld und nimmt sein Kind. Der Kauhen wiederholt dreimal: „Dein Sohn ist ausgelöst." Er segnet das Kind: „Gott lasse dich werden wie Ephraim und Manasie: der Ewige segne dich" ussw. — Kinder von Kauhanim und Lewiten brauchen nicht ausgelöst zu werden, auch wenn nur die Mutter Tochter eines Kauhen oder Lewi ist. Die Karaiten rechnen diese Feier zu dem priesterlichen Dienst, der mit der Zerstörung des Tempels aufgehört hat. „Die Gebühren der Priester," sagen sie, „sind nach der ausdrücklichen Erklärung der Thora ein Lohn für den von ihnen geleisteten Dienst. In unserer Zerstreuung ist mit dem Dienst auch der Lohn erloschen!" Jakob Enrden (gestorben 1776) macht es den Kanhanim zur Pflicht, den empfangenen Betrag zurückzugebeu, weil diese ihrer priesterlichen Herkunft nicht gewiß sind. Drei Lügen um Rathenau. Gegen Walther Nathenau batten die antisemitischen Hetzer vornehmlich mit drei Lügen gearbeitet, ehe er — am 24. Juni 1922 — zur Strecke gebracht wurde. Diese Lügen kehren in den Reden und Schriften der urteutonischen Rassenschützler immer wieder. Mit ihnen hat sich Rathenau in den Briefen, die seine Mutter neuerlich der Oeffentlichkeit übergeben, mehrfach beschäftigt. 1. Die Dreihundert. Rathenau hat angeblich eingestanden, daß die Welt von dreihundert Juden regiert werde. Diese Erklärung spielt eine Rolle bei den Märchen von der Geheimregierung, von der in den „Weisen von Zion" geschwindelt wird. Darüber befragt, antwortete Rathenau am 3. Oktober 1921 (laut Nr. 746 der Briefe), der Ausspruch finde sich in einem Aufsatz: „Unser Nachwuchs" in der Nr. 16 288 der „Neuen Freien Presse" in Wien vom 26. Dezember 1909 und laute wörtlich: „Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen ihre Nachfolger aus ihrer Umgebung." Der darauffolgende Satz: „Die seltsamen Ursachen dieser Herr, gib Frieden! Herr, gib Frieden Den Völkern der Erde. Es sei uns boschieden Wieder Dein „Werde —!" Laß Leid hienieden Im Licht zerrinnen — Gib auch den Frieden Im Herzen innen! M a x R o s c n f e l d. Casanova und die beiden Lia. Bo» S. McilelS. Der Verlag Ernst Rowohlt in Berlin legt in schöner Ausstattung und in einer von Franz Hessel und Ignaz Jezower besorgten wohlgelungenen Uebersetzung Casanovas „Erinnerungen" vor. Bereits im Jahre 1797 erschien eine deutsche Uebertragung der Memoiren Casanovas: seitdem haben die „Denkwürdigkeiten" des großen Abenteurers, oft übersetzt und gedruckt, stets von neuem eine ansehnliche Lesergemeinde gefunden. Sie wurden allezeit jener verbotenen Lektüre zugezählt, die in ihrer herben Süße einen doppelten Genuß bieten. Der Hauptreiz der Erinnerungen Casanovas besteht ia im wesentlichen und für die meisten Leser darin, daß hier die Anekdoten Boccaccios zu Erlebnissen geworden sind, zu Erlebnissen eines Mannes, der die Inkarnation des Jndnstrierittertums des achtzehnten Jahrhunderts war. Es wird kaum jemals genau sestgestellt werden, was und wieviel von alledem, was Casanova in seinen Memoiren erzählt, auf daö Konto der Wahrheit oder das der Dichtung zu setzen sei. Zur richtigen Bewertung seiner Erinnerungen hat, wie mir scheint, Casanova selbst in seinem Vorwort einige Anhaltspunkte und Richtlinien gegeben. Zunächst betont er mehrmals, er habe seine Denkwürdigkeiten nur sich und seinem Leser zur Freude und zum Vergnügen geschrieben. Wer seine Erlebnisse mit dem ausgesprochenen Zweck niederschreibt, sich und den Leser in eine vergnügliche Erregung zu bringen, der muß von vornherein auf gewisse Verschönerungen und Stilisierungen bedacht sein. An einer andern Stelle seines Vorworts zitiert Casanova den vielsagenden Ausspruch eines alten Weisen: „Hast du nichts getan, was wert ist, beschrieben zu werden, so schreib, was wert ist, gelesen zu werben." Er nennt dies eine Vorschrift, schön wie ein Diamant von reinstem Wasser. Freilich verschleiert Casanova alles wieder und er will eS nicht so gesagt oder zum mindesten nicht so gemeint haben. Aber zwischen Spruch und Widerspruch liegt der Schluß in der Mitte. Einen Beweis für das Jneinandermengen von Dichtung und Wahrheit glaube ich in den Schilderungen der Abenteuer mit den beiden Lia gefunden zu haben. Die beiden Lia waren zwei Jüdinnen von rassiger Schönheit, in die sich Casanova verliebte und deren Gunst er erst nach mühseligen Anstrengungen und Wagestücken errang. ES ist ein wenig auffällig, daß Casanova, der durch aller Herren Länder zog, allerhand Geldgeschäfte »nachte und mit Menschen aus allen Gesellschaftskreisen in Berührung kam, in seinem abenteuerlichen Leben doch eigentlich recht wenig mit Juden zu tun hatte. Auf seiner Reise nach Holland 1767 besucht er den jüdischen Hofbankier Boas im Haag, auf dessen Namen er einen Wechsel von dreitausend Gulden besitzt. Er kommt zu Herrn Boas am Weihnachtsabend, und da der Hofbankier ihn mit feinem Takt an daS Christfest erinnert, antwortet der Freigeist Casanova, er zöge es vor, mit den Juden das Fest der Makkabäer zu feiern. Herr Boas findet an Herrn Casanova Gefallen, zahlt ihm die dreitausend Gulden aus, bittet ihn, während seines Aufenthaltes im Haag bei ihm zu wohnen und gibt ihm schließlich eines Morgens beim Frühstück einen wohldnrchdachten Rat, wie er, Casanova, ans leichte Art und in wenigen Tagen zwanzigtausend Gulden verdienen könnte. Noch bei einem zweiten Besuch im Haag ist Casanova Gast des Herrn Boas. Außerdem kam Casanova auf seinen vielen Reisen mit zwei andern Juden in Berührung, nämlich mit den Vätern der beiden Lia. Der eine dieser Juden hieb Moses und war Pferdehändler in Turin: der andere, namens Mardochai, wohnte in Ancona. Sowohl der Moses als der Mardochai hatte eine Tochter, die Lia hieß, und sowohl in die eine wie in die andere war Casanova bis zur Raserei verliebt. Wegen der Lia des Juden Mardochai blieb er sechs Wochen in Ancona, bis er sein Ziel erreichte. Die Schilderungen der Abenteuer mit den zwei Jüdinnen gehören zu den prickelndsten Partien in Casanovas Memoiren. Schon der Umstand, das; sie beide Lia hießen, macht den unbefangenen Leser ein wenig stutzig. Indes, ss kann Zufall und daher auch wahr sein. Trotzdem muß man dabei unwillkürlich an jenen Mann denken, der gewohnt war, jeder Jüdin den schönen Namen Sarah anzuhängen. Die berühmte Lia von Turin, der der Marquis DösarmoiseS daS Zeugnis auöstellte, sie sei eine unbesiegliche Jüdin, die den Angriffen der berühmtesten Liebhaber von Turin widerstanden hat, sah Casanova zum erstenmal auf der Promenade. Natürlich sing er sofort Feuer. Casanova schildert die Reize dieses schönen Mädchens wie folgt: „Sie moi' blendend. Sie mochte höchstens zweinndzwanzig Jahre alt sein. Der schlanke Wuchs einer Nymphe, herrliches Haar von schönstem Schwarz, eine Haut von Lilien und Rosen, schöne, seelenvolle, feurige Augen, lange Wimpern und schön gewölbte Brauen, die allen, die auf die Eroberung so außerordentlicher Reize ausgingen, den Krieg zu erklären schienen — das waren Lias Vorzüge. Aus ihrem Benehmen konnte man aus gute Erziehung und Wcltgewandtheit schließen." Noch am selben Tage macht sich Casanova nach der Porta öel Po zu Lias Vater aus und kaust bei ihm für vierzig pienwntesische Pistolen ein Reitpferd, um es der schönen Jüdin m schenken. Lia erhält noch von ihm viele andere Geschenke. Er unternimmt mit ihr lange Spazierritte, er kauft einen Phaethon, um mit ihr spazieren fahren zu können. Einmal besucht er in Begleitung der schönen Lia eine jüdische Hochzeit, deren Zeremonien er sehr amüsant findet. Er ist täglich um sie bemüht, er kämpft förmlich um sie. Und je schwieriger ihm die Sache erscheint, um so mehr Reiz hat sie für ihn. Nicht minder schwer gestaltet sich der Kampf Casanovas um die Lia von Ancona, die ebenso schön ist wie ihre Turiner Namensschwester und ebenso unbezminglich wie diese. Lias Vater, .Mardochai, lernt Casanova aus einer Fahrt von Sinigaglia nach Ancona kennen; auf Fürsprache des Betturino nimmt er den Juden in seine Kalesche aus. und er hatte es später nicht zu bedauern, diesen Mardochai zum Reisegefährten gehabt zu haben. Während der langen Fahrt unterhält sich Casanova mit Mardochai und gibt ihm Aufschluß darüber, warum er die Inden nicht liebe. Mardochai versichert ihm, daß die Juden in der Synagoge jeden Freitag abend für alle Christen und für das Leben des Papstes beten. Dagegen zitiert Casanova „auf hebräisch Stellen aus dem Alten Testament", in denen den Juden befohlen wird, den Nichtjuden soviel Böses wie möglich zuzufügen. Da ist wirklich eine Rede der andern wert. Was der Jude sagt, kann nicht stimmen, und was Casanova „auf hebräisch" entgegnet, stimmt ganz und gar nicht. Diese Unterhaltung Casanovas mit Mardochai ist sehr interessant und in vieler Beziehung charakteristisch. Das Ergebnis dieser gemeinsamen Fahrt ist, daß der Jude an Casanova sein Wohlgefallen findet und ihm für die Dauer seines Aufenthaltes in Ancona ein schönes Zimmer in seiner Wohnung einrichtet. Casanova verliebt sich in seine Tochter, die schöne Lia, und kämpft um sie mit allen Mitteln, die einem Casanova zur Verfügung stehen. Wie seinerzeit in Turin erlangt Casanova auch in Ancona einen vollständigen Steg. Diese zwei Geschichten, deren Heldinnen in Namen, Charakter Temperament, sowie auch in ihrer äußeren Schönheit und inneren Schlechtigkeit einander gleichen, scheinen mir für den Grundcharakter der Memoiren Casanovas außerordentlich bezeichnend. Wie dem aber auch sei, Casanova war im Geiste und in Wirklichkeit ein Abenteurer, wie ihn die Welt kein zweites Mal gesehen. (Cagliostro war ein glänzender Schwindler, Casanova war ein genialer Jndustrieritter.) Es ist ganz irrelevant, ob und wie viel Dichtung Casanovas Memoiren beigemengt ist. Hat er alles das, was er schildert, auch wirklich erlebt, so ist er zu bewundern: hat er jedoch manches,'was er als Erlebnis erzählt, nur hinzugedichtet — so ist er noch mehr zu bewundern. Denn man muß bedenken, nach seinem eigenen Geständnis war Casanova zweiundsiebzig Jahre alt, als er seine Memoiren schrieb. In diesem Alter solch ein Gedächtnis oder solch eine Phantasie!