Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 25 (18.6.1926)
- Date
- 1926-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2613366-2613841-2613866--1838-2619244- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdisch WeraleZülMg Organ -er Vereinigung für das liberale Iudenium e. V. Vezu-spreis durch die SefchSstsftelle Vt jährlich Sk. 2JS0 Sdyevwmmero^v. Bei freier Zusendung i. Inland 0^5 Lüe die Sktigüeder der Vereinigung ist der Bezugspreis;r s im Mtgliedsbeiirage enthattm. :: n :: thefredakie»r: Dipl.-9ng. Bruno Doyda. vts „Jüvlsch-Udsrals Jsi^ung" erscheint Zeven Srettag. Nsvaktion u. SsschSttsstsNs: verUn SW, WUHelmstr. 147. 5-rnrulr »afenheids 3358, 3359 poftf«h«m»ronto: B«nmnw7 nr.irroov (Vereinigung für da» liberale Juöentum Nad)Orudt (dmtUcDer Original-Beiträge nur mit vorheriger 0enef?mlgtmg der ReOafctlon gestattet. Anz c gKeftSgtft 0;46 Gowmm/k, die RrUmnezeile 3,00 TÄldmav^ mi :: s u Wiederholungen Rabatt. :: u A tUM igenannah m e: «Ridisch - Kberale.ZottrWg'' Inserat-nabteikma: BerNn SD 48, LWbeimstri' (Hafenheide: 3358—90), sowie fäntff. Annoncen «r.25 Berlin, 18. Juni 1926 >WWS8SiSWSWWSSS»NSSSSSS»SSSSNS»S 6.9ah«gMS :t Kwmmwmmm Das Kind Formen und Brüuche. Bon Rabbiner Dr. Wild e, Magdeburg. HI. Das Kind. Geburt. Ddi-t zitternder Freude sehen Vater und.Mutter der Geburt des Kiirdes entgegen. Nie ist die Seele des Weibes so für das Gebet gestimmt, wie in der Zeit vor der Geburt. Ihre guten und frommen Empfindungen sollen in die Seele des Kindes übergehen. Nie kommt das Dankgebet aus so tiefem Herzen, als in der Stunde, in der Vater und Mutter zum erstenmal vor dem Wunder des neuen Lebens stehen. Keine bestimmten Gebete schreibt unsere Religion für diese Stunden vor. Nur Frauengebetbücher geben denjenigen einen Anhalt, die nach Gebetesworten suchen. Leicht aber schlägt in den Stunden solcher seelischen Erregung der Glaube in Aberglaube um. Jüdische Gebräuche, die mit der Geburt zusammenhängen, gehören fast alle in das Gebiet des Aberglaubens. Magische Mittel haben in der Geburtshilfe bei allen Völkern keine unerhebliche Rolle gespielt. „So untersagt die Gothaische Landesordnung von 1658 den Hebammen das Segensprechen, den Gebrauch von Charakteren oder Buchstaben, Zeichen, sowie sonderliche Gebärden und das Kreuzmachen." Harmlos ist. wenn man bei jüdischen Frauen bestimmte Psalmen betetebedenklicher schon, wenn man eine Thorarolle im Geburtszimmer aufstellen ließ, „weil sie dadurch zu einem sympathischen Mittel herabgewttrdigt wird". Völlig Aberglaube, wenn man der Frau Amulette umhängtc. Die sogenannten Kindbett-Briefchen sind Amulette, welche an Tür und Fenster anebracht werden. In den östlichen Ländern Europas sind sie in jüdischen Buchhandlungen zu kaufen. Die Zettel enthalten die Namen der drei Engel Senoi, Sansenö und Samangeloph sie sollen die Kinder vor der gefahrbringenden Dämonin Lilith schützen. „Dieser Sitte begegnet man im Süden und Norden, im Osten und Westen, bei Gelehrten und Ungebildeten. sie ist schon vor Jahrhunderten bekannt." Die jüdische Sage erzählt: Lilith war dem Adam zugesellt. als er noch kein Weib hatte. Sie entfloh aber, weil sie es fiir ihre Aufgabe hielt,- alle neugeborenen Kinder krank zu machen. Die drei Engel, welchen von Gott die Heilung der Menschen übertragen ist. folgten ihr nach und sie mußte sich durch einen heiligen Eid verpflichten, wenn sie die Namen der drei Engel erblickt, die Kinder zu verschonen. Solche, von orthodoxen Rabbinern oft geduldeten abergläubischen Gebräuche sind zu verwerfensic widersprechen der jüdischen Religion, die Dämonenglaube und Zauberei verwirft. (Bgl. hier und an anderen Stellen: Löw, die Lebensalter, Szegedin 1875- Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde 1668 bis 1920- Jahrbuch für jüdische Volkskunde 1923, Ozar Midraschim. Feldmann: The Je-wisch Child, London 1917. Moses Brück: Rabbinische Ceremonialgebräuche. Breslau 1837. Die erste Stelle für obige Sage findet sich: Talmud, Tractat Erubin 18,2.) Der Name. Im 12. Kapitel des dritten Buches der Thora steht: Wenn eine Frau ein Kind bekonrmt, so soll sie bei ciuem Knaben nach 33 Tagen, bei einem Mädchen nach 66 Tagen zum Tempel gehen und zwei junge Tauben (oder ein Lamm und eine Taube) als Opfer darbringen, eine Taube zuni Ganzopfer, eine Taube zum Sühnopfer. Es ist keine ausreichende Erklärung vorhanden, warum die Zeit bei dem Mädchen doppelt so lang ist. Für welche Sünde aber soll die Frau ein Sühnopfer bringen? Jede Frau gelobt in den Schmerzen der Geburt, sich in Zukunft von dem Manne sernzuhalten. Da sie dieses Gelübde doch nicht halten wird, soll sie gleich nach der Göburt ein Sühnopfer darbringen. Nach einer anderen Erklärung ist das Sühnopfer erforderlich, weil die Frau in ihren Schmerzen vielleicht gegen Gottes Vorsehung gemurrt hat. An Stelle dieses Tempelganges mit seinen Opfern ist jetzt der Synagogen besuch mit Einsegnung und Namensgebung getreten. Erst seit der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts wurde es bei den deutschen und den dem deutschen Ritus folgenden Juden anderer Lander Sitte, daß die Wöchnerin nach überstandcnem Wochenbette die Synagoge besuchte ud ihr Gatte an demselben Sabbate zur Thora gerufen wurde. Den in mohammedanischen Ländern wohnenden Juden blieb diese Sitte fremd. Denn „der Synagogengang der jüdischen Wöchnerinnen war eine Nachahmung des Kirchenganges der christlichen Wöchnerinnen, wie letzterer die Nachahmung des vermeintlichen Tempelganges der jüdischen Wöchnerinnen gewesen war. Das Opfer der Wöchnerin kam von den Juden zu den Christen, und kehrte von diesen wieder zu jenen zurück" (vergleiche Orgel!). Der Name wurde dem Knaben bei der Beschneidung gegeben- (vgl. Ev. Lucas 1,59). bei dem Synagogenbesuch wurde er wiederholtin orthodoxen Synagogen im sogenannten Mischeberach-Gebet. nachdem der Vater zur Thora anfgerufen warin liberalen Synagogen in einem deutschen. durch den Rabbiner gesprochenen Gebet. Bei der Beschneidung lautet die Gebetstelle: „Danket dem Ewigen, denn er ist gütig. N. Sohn des Herrn . . dieser Kleine möge groß werden. Wie er jetzt in den Bund Israels ausgenommen worden ist, so möge er ausgenommen werden in den Bund der Thora, der Ehe und der guten Werke." Heber die Namenerteilung bei Mädchen berichten die Quellen der älteren Zeit nichts, die Geburt eines DLädchens wurde bei allem Völkern, nicht nur bei den orientalischen, wenig beachtet. Das älteste gedruckte Formular für die Namengebung der Mädchen ist Sefardischen Ursprungs und lautet wie folgt: „Der gesegnet hat Sara und Rebecka, Rahel und Lea, die Profetin Mirjam, Abigail und die Königin Esther, der segne dieses liebliche Mädchen und sie erhalte den Namen N. zu gutem Glücke und in segensreicher Stunde. Gott lasse sie heranivachsen in Gesundheit, Frieden und Ruhe. Gott beglücke ihren Batet und ihre Mutter, auf daß' sie schauen mögen di/ Freude dieser ihrer Tochter, ihre Hochzeit, ihre männlichen Nachkommen, ihren Reichtum und ihre Ehre. Frisch und gesund mögen sie im Greisenalter noch blühen. Dies sei der Wille Gottes, Amen." In der Literatur erscheint dieses Gebet zum erstenmal Ferrara 1554. Es hat sich in Paris und im ganzen Süden Frankreichs bis heute erhalten. Die Mädchen werden dort zur Namensgebung in die Synagoge gebracht. Im Orient ist die Namensgebung des Mädchens ein rein häuslicher Akt: Die Eltern geben ein Gastmahl und verkünden den Gästen den Namen ihrer neugeborenen Tochter. Ein Zeitpunkt dafür ist nicht festgesetzt. „Die Namengebung eines Mädchens wird je nach Gelegenheit vor oder nach acht Tagen, immer jedoch nur am Sabbat vorgenommenauch dies ist ein religiöser Akt und wird die Namengebung auch durch eine Mahlzeit gefeiert. Auch ein besonderer Segensspruch von lithurgischer Bedeutung wird bei diesem Anlasse vom Chasan in der Wohnung der Eltern des Kindes gesangsweise rezitiert! Dieser Akt heißt spanisch fadar la ija und hebräisch liswad habath und beginnt mit dem 14. Vers des 2. Kapitels aus dem Hohenliede: „Meine Taube an Felsenriffen, an heimlicher Stiege, laß mich schauen deine Gestalt, laß mich hören deine Stimmedenn deine Stimme ist süß und deine Gestalt anmutig." Ein Mischeberach (derjenige, der die Väter Abraham, Isaak und Jakob gesegnet, segne N. N.) worin der Name des Mädchens erwähnt wird, beschließt die Feier." (Dr. Grünwald', Großrabbiner von Bulgarien. Sitten und Bräuche der Juden im Orient, Wien 1894.) Bei den deutschen und polnischen Juden wurde die Namengebung bei beiden Geschlechtern doppelt gefeiert: in der Synagoge und im Hanse. In Süddeutschland ist noch jetzt die Sitte des „Holegrasch" vorhanden. Am Sabbat, an dem die Mutter zum ersten Male wieder die Synagoge besucht, werden Kinder eingeladen. Sie heben die Wiege in die Höhe und rufen: ,„Holle, Holle, Grasche. wie soll das Kinöle Hase." Der Name soll zusammengesetzt sein aus dem hebräischen Wort chaul, unheilig, weil das Kind bei dieser Gelegenheit den zweiten, nichtjüdischen Namen erhält, und dem deutschen Wort kreischen. Es ist wünschenswert, von diesen Bräuchen dies zu erhalten: Vater und Mutter besuchen ° tut ersten Monat nach der Geburt das Gotteshausein deutsches Gebet wird fiir das Kind gesprochenin diesem Gebet erhält das Kind seinen Namen. Eine kleine häusliche Feier schließt sich dem Gottesdienst an. Welchen Namen aber soll das Kind erhalten? Die Namengebung ist in eine religiöse Form gekleidet: muß nicht deshalb das Ktnö^emen^rc . d. h. biblischen Namen erhalten?, Aber selbst d«e orthodoxe Rabbiner Dr. Salomvn Carlebach schreibt im Jahre 1918: Nun gebe ich gerne zu, daß auch Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Sarah, Hawia nicht ganz richtig sind, daß sie Avvohoim, Jezchok, Jaakauw. Mauschch, Soroh, Ehannoh Heißen müßten, sp wjyr wir die hebräischen Namen aussprechen. Wer so, d. h. also ganz korrekt, verfahren will, der mag es tun. Meinen Beifall findet es nicht . .. Mein Kmd will ich aber nicht dem Spotte aussetzen, wenn es seinen Namen nennt. Es hat. als Kind, noch nicht dte Kraft, die Widerstandsfähigkeit, die dazu gehört, sich über solchen gemeinen Spott erhaben zu denken. Es wird tiefe Wehmut, bittere Kränkung über den Spott empfinden, und es wird nicht den Spötter, sondern den Urheber des Spottes, den Vater, im Herzen.anklagen. und es wird mit dem Namen gleichzeitig sein Judentum als schwere Bürde empfinden, statt auf beide stolz zu sein ... Es geht mit Namen da. wie mit der Kleidung. Ist ein Kleidungsstück aus der Mode gekommen, wird es nicht mehr allgemein getragen, dann wirkt es komisch und reizt zum Spott, wenn es an sich auch noch so schön, und wenn es auch durch sein Alter ehrwürdig ist." Carlebach setzt zwar zu: „Gewiß, es gibt auch genügend' solche, die über Abraham. Isaak, Moses auch die Schale ihres Spottes ausgießen . .. gegen solche niedrigen Subjekte sein Kind zu wappnen, dürfte jedem ernsten Vater gelingen." Gilt aber nicht trotzdem Wort für Wort von dem Vorhergesagten ebenso für Abraham wie fiir Awrohom. für Moses wie fiir Mansche, für David wie Kr Dowid? Abrahanr ist auch für Andersgläubige der Stammvater der monotheistischen Religionen. Moses eine der gewaltigsten Gestalten der Weltgeschichte, David der Stammvater. von dem das Nene Testament in seinem ersten Kapitel das Geschlecht Jesus' ableitet- und trotzdem! Selbst in der Religionsschnle erröten Kinder, wenn sie solchen Vornamen angeben, so sehr sind sie gewöhnt. Spott oder wenigstens Lächeln bei Nennung des Namens zu finden. Ich glaube nicht, daß ich ein schlechterer Jude geworden bin. weil ich Georg Wilde heiße, aber ich wäre es vielleicht geworden, wenn ich, wenigstens als Kind, unter der Verspottung meines Namens zu leiden gehabt hätte. Der Brauch. Namen in der Landessprache zn führen, ist uralt. Wir finden in talmudischer Zeit griechische Namen, wir finden im Mittelalter, je nach dem Land, arabische, spanische, italienische, deutsche Namen. Sehr alt ist auch schon der Brauch, zwei Namen zn führen. Schon im dreizehnten Jahrhundert finden wir die Sitte, neben einem biblisch-talmmdischen Namen einen Namen Her nichtjüdischen Umgebung zu tragen. Heute ist auch in liberalen Kreisen vielfach der Brauch, neben dem Rufnamen noch bei der religiösen Namengebung einen hebräischen Namen zu nennen. Der Name wird nackaltem Brauch von verstorbenen. Angehörigen — Großeltern — übernommen. Es ist auch zu raten, dem Kinde einen biblischen Rufnamen zu geben, der dcnr Geschmack der Umwelt nicht widerspricht und nichts Auffälliges an sich hat. Etwa folgende Namen für Mädchen: Deborah, Dina, Elisabeth (eli5eba, deren Eid Gott ist, ö. h. die Gottesverehrerindie griechische Bibelübersetzung gibt den Namen mit Elisabeth wieder), Esther. Eva, Hanna (Johanna), Hulda. Judith, Lea. Mcrab. Miriam. Rahel. Rut. Für Knaben ist die Auswahl geringer: Adam, Dan. Daniel, Eli, Gabriel. Gad, Immanuel, Johann, Josef. Michael. Nathan, Raphael, Uri (Uricl). Zu verwerfen ist das entgegengesetzte Ertrem: Rebekka Cohn wirkt wenigstens stilvoll. Thusnelda Cohn nur komisch. Wir schämen uns des Gebetmantels nicht, wir laufen aber nirfVf mit ifttit iifipr Mt* Strane. Wir fdWinten 11 HL fiifi= □□□□□cxDDtxoxoxnaDaanoaaoaDDixinai □ 8 Tage vor Ihrer Reise müssen Sie bei Ihrem zuständigen Postamt die Ueberweisung beantragen, wenn Ihnen die „Jüdisch-liberale Zeitung" auf kürzere oder längere Zeit in die Sommerfrische nachgesandt werden soll. ixiocra^oDDGaDQQDQDDOQaaQaQDaaDDQGcxiDaQDQD