Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 24 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4 t i! m il Sprechsaal 4 ©w * Judentum und Feuerbestattung. i. Mit der iuir riitiacn Wochen vollzogenen Einweihung v,cs auf dem Siodjischcn Friedhof angelegten Krematoriums ist auch für viele die in Nr. 22 dieser Zeitg, erörterte Trage der Stellungnahme des Judentums zur Verbrennung von Interesse. Wie die Tinge sich hier gestalten sollen, haben wir früher anläßlich der Berichterstattung über eine vom israelitischen Gemcindeverein abgehaltene Versammlung auseinandergcsetzt. Tic Aschcnreste der auf ihren Wunsch verbrannten Angehörigen ans hiesiger Gemeinde werden im Sarge in üblicher Weise bcjgcsetzt. Von einem Urncnfriedhof wird also vorläufig leine Rede sein können, wie es arrkb ausgeschlossen erscheint, daß der Rabbiner bei der Trauerfcicr im Krematorium Mitwirken wird. Vorläufig 6.kbbrt Easscl noch zu den Gemeinden, in welchen noch keine jüdischen Reichen eingeäschert wurden, dagegen haben wohl schon außerhalb Cassels nerbrannte Angehörige hiesiger Gemeindemitgljeder in der oben geschilderten Form auf dem israelitischen Friedhof ihre letzte Ruhestätte gesunden. Moses. Eastcl. 11. Tie in Ihrer vorletzten Nummer das obige Thema be- Handelnden Aussätze haben mich besonders interessiert, da ich auch des öfteren in privaten Diskussionen zu dieser Angelegenheit Ltelluna zu nehmen hatte. Man kann nicht jagen, daß sich die Feuerbestattung. bei Juden und Christen einer allgemeinen Sumpalhic erfreut. Auch heute noch ist dies nur vereinzelt der Hall. Mögen hierbei auch rvirtichaftlichc gründe spezieller und allgemeiner Art im Spiele sein, so läßt sich doch auch jagen, daß bei vielen eine innere Antipathie mitsprichl. die wiederum daraus resultiert, daß man im Menschen ein göttliches Wesen, ein göttliches Ebenbild erkennt, das man noch dem Tode nicht plötzlich der völligen Vernichtung anheimgcben möchte. So sehr man auch die hngienischc Seite der Trage in den Vordergrund stellte — und als Mediziner werde ich mich dieser Bedeutung nicht entziehen können - io sehr ist doch das allgemein religiöse Moment nicht außer acht zu lasse?,. Wir befinden uns dabei im Bunde mit allen positiv gcricht'ten Andersgläubiger!. Tran Tormitzer sagt, daß die heilige Schrift vom Begraben nicht in Torrn eines Befehles spreche. Temgegenübcr möchte ich arrs ä. Buch Mose 21. 23 Hinweisen, wo über diese Befehlsform kein Zweifel fein kann! Die Schriftstelle spricht von cirrenr Delinquenten, aber wenn hier schon das Begraben zur Pflicht gemacht wird, dann erst recht bei einem Menschen, der ungestraft aus dem Vebcn geschieden ist. Desgleichen meist Trau Dorrnitzer aus die Stelle bei Saul hin. Diese Ltcltc ist bezüglich der Auffassung strittig. Es kann sich hier um eine Art Einbalsamierung gehandelt haben. Ist die Stelle aber wörtlich <;u nehmen, dann läßt srch das Verfahren aus der politische?? Notlage des Krieges genügend erklären. Zn dem Zitat Icrcmia 'UI hätte Trau Dormitzcr den Kommentar lesen sollen. Es war nämlich Brauch, daß man noch dem Beerdigen der Könige ein großes .Teuer anzündcte 12. Ehr. 1b. 11». oder daß man nach dem Tode der Könige die Wassenrüstnng und die Kleider desselben verbrannte. Schon beim .ersten Menschen heißt es II. B. Mose 3. 19s: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zur Erde znrückkehrst. von der du genommen. denn Erde bist du und zur Erde sollst du zilrückkehrcn. Das Wort Ofor heißt immer Ende, niemals Asche. Das Verbrennen als Todesstrafe war nach dem Talmud kein wirkliches Verbrennen. Trau D. hält cs für selbstverständlich, 'idntz' orthodoxe Rabbiner nicht in einem Krematorium amtieren. Ich kann ihr sogar verraten, daß eine rabbirnsche Vorschrift dahin geht, daß testamentarische Bestimmungen bezüglich der Feuerbestattung nicht beachtet zu werden brauchen. Es ist aber nicht nur die biblische Vorschrift und der religiös sanktionierte Brauch von Bedeutung, sondern der Glaube an eine dcreinstige Auferstehung der Leiber, der im Judentum zu einem Dogma geworden ist svergl. 13 Glaubensartikel des Maimonides) läßt es nicht zu. den menschlichen Leib nach dem Tode der willkürlichen plötzlichen Vernichtung anheimzugeben. Bezüglich der Friedhöfe läßt sich folgendes sagen: Sorgfältig gepflegte Friedhöfe können keinerlei Schaden auf die bewohnte Nachbarschaft ansübcn. Eine Notwendigkeit zur Feuerbestattuna könnte vielleicht erst dann cintrctcn, wenn ein Fricd- —m——g—nM———— Hof mit paffendem Boden und richtigen Grundrorsterver» hältnissen in einem Orte nicht gefunden werden könnte oder wenn Platzmangel herrschen würde. Was die sonstige hygienische Seite der Feuerbestattuna anbetrifft, so ist cs natürlich richtig, daß hier Berwesungsprozeffe und Infektion gänzlich ausgeschloffen sind. Ich glaube aber, daß durch geeignete Einbalsamierung, die auch im Altertum geübt wurde, solche Prozesse vermieden werden können, und eS wäre nur noch zu erörtern, welches moderne Verfahren sich am geeignetsten und billigsten erweisen dürfte, eine Frage aber, die ich gern einem Chemiker überlasten möchte. kLitergtnr: M. Wiener. Oppeln: I. Hildesheimer. Berlin: Cohn. Inowrazlaw. Lerner, Altona, Unna. Mannheim u. a.1. Dr. med. I. Mauer. Düsseldorf. m. Ich erhielt Ihre Zeitung Nr. 22 vom 28. Mai und möchte zu dem Aufsqtz ^Judentum und Feuerbestattung" bemerken, daß in dem Absatz: ..Kiemat-orien. in welchen noch keine jüdischen Leichen eingeäschert esurden" ein Versehen vorgefallen ist. da mein Vater. Herr M. -Schiff, am 23. April d. I. in Friedberg eingeäschert wurde. Dies zur aefl. K>enntnisnahn?e. um Irrtümer zu vermeiden. .Hochachtungsvoll W Schrff. Zur Frage des Almemor in der Synagoge. In Nr. 18 dieser Zeitung hat Herr Prof Dr. Grotte sich für die Beibehaltung des Almemor in der Synagoge eingesetzt und die Bedeutung dieser Tribüne für die Eigenart des Synagogenbauö hcrvorgehoben. Soweit er als Künstler seinen Standpunkt mit Gründen der Acsthctik vertritt, wollen wir ihm gern folgen und alle seine Argumente gelten lasten. Freilich darf man sich nicht darüber täuschen, daß die Geschmacksrichtung im Laufe der Zeit gewechselt hat. Die Ar. chitektcn. welche z B. die Neue Synagoge in Berlin oder in Breslau oder die in Eilen entworfen haben, sind sicher bestrebt gewesen, einen bis in die feinsten Einzelheiten vollendeten Bau zu liefern, und haben dennoch die Einfügung eines Almemor offenbar nicht für nötig gehalten. obwohl um 1869, als in Berlin» und um 1879. als in Breslau gebaut wurde, noch genügend Synagogen mit Almemor vorhanden waren, die zur Nachahmung anregen konnten. Die Stellungnahme der Künstler fü r das Almemor ist erst neueren Datums und verdient vollste Beachtung. solange sie sich aus künstlerische 'Argumente beschränken. Anders liegt der Fall, wenn Herr Grotte mit einer h i st o r i s ch e n Begründung kommt. Da erlauben mir uns. seine Beweisführung nachzuprüfen und zur tick,zuweilen. Es ist völlig abwegig, wenn er cs so hinstellt, als bildete ein Almemor einen unentbehrlichen Teil einer Snnagoge, so etwa wie ein Vvrbeterpult oder der Toraschrein. Das (Gegenteil ergil?t sich mit voller Deutlichkeit auch ans feinen Ausführungen. Zur Klärung gestatte ich mir, den Absatz aus meinem Buche „Der indische Goiesdienst" hierher zu setzen: Die antike Basilika endete in einem erhöhten Ptatze,. aus dem die 'dichter saßen. Auch in den antiken Synagogen finden wir das wied,?r. an die Lade schließt sich eine Plattform an. die den Namen Bema führt .... In der ungewöhnlich umfangreichen Basilika in Alexandrien befand sich in der Mitte eine solche Trübinc, von der aus der Snnagvgcndiener der Gemeinde Zeichen gab. Das wurde der Anlaß, in vielen Synagogen in der Mitte eine Tribüne zu bauen, von dort aus die Schrift zu verlesen und zu predigen. Maimonides erklärte es sogar für ein religiöses Gebot, eine solche Tribüne in der Mitte der Synagoge zu errichten. Andere benannten die Stelle, bon der aus vorgelesen wurde, mit dem biblischen Migdal, in jeder Gegend wählte man eine andere Benennung, die sich aus der Bibel oder dem Talmud belegen ließ. Ais deutsche Ucbersetzung wählte Jakob Weil - tum 14001 den kirchlichen Ausdruck Altar. Die verbreiteste Bezeichnung aber, die sich schon in Raschis Talmudkommentar findet, ist Almemor (Almentftr), eine Verstümmelung des arabischen Alminbar. womit man die Kanzel in den Moscheen benennt. Auf der Tribüne mußte sich ein Tisch oder Pult zum Vorlescn befinden. Die Ausdrücke wechselten, weil auch die Anordnung des S y n a g o g e n b a u e s wechselte. Im Laufe der Zeit finden mir folgende Arten von Aufstellung der Tribüne. Entweder Tribüne und Vorbeterpult werden getrennt, das Pult befindet sich an der Treppe, die zur Lade führt, die Tribüne unmittelbar neben der Lade oder in der Mitte des Gebäudes. Oder beide sind vereint: fei es. daß beide unmittübar an die^ Lade anschließen oder daß die Tribüne mit dem Vorbeterpult und dem Borlesetisch in der Mitte des Raumes siebt. Namentlich wenn die Synagoge groß war oder aus mehreren aneinanderaefügten Räumen bestand, war ihre Ausstellung in der Mitte sehr geeignet, da dann der Borbeter nach allen Seiten gehört werden konnte. Josef Karo kannte aus eigener Erfahrung zahlreiche Synagogen, in denen die Tribüne nicht in der Mitte, sondern am Rande stand, er hielt das in kleineren Räumen auch für ganz zweckmäßig, exvermied es infolgedessen in den Schulchän Arnch Vorschriften darüber aufzunehmen. Sein Gloffator Moses Isserles jedoch fügte die erivähntc Vorschrift Maimunis wörtlich hinzu, infolgedessen wurde es in Deutschland und Polen überall als religiöse Pflicht betrachtet, in der Mitte der Synagoge ein Almemor zu errichten und von dort aus die Tora vorzulesen oder einzelne Gebete zu sprechen Für das Auge waren mrd sind die Almemore Zierstückc der Synagoge, sic wurden meist mit sehr viel Kunstfertigkeit. vielfach aus kostbarem Material bevgestellt: schon aus dem Altertum wird von der Verwendung von Marmor für diesen Zweck berichtet. Ferner boten die-feierlichen Prozessionen von der Lade zum Almemor und zurück ein glänzendes Bild. Andererseits aber waren mit der Aufstellung des Almemor auch viele Unzuträglichketten verbunden. Die Tribüne beanspruchte sehr viel Raum und versperrte allen, die hinter ihr ihren- Platz hatten, die Möglichkeit. zu iehen und zu hören. Um beide Mißstände zu beseitigen, wurde neuerdings in den meisten modernen Synagogen kein Almemor in der Mitte errichtet. Dadurch konnte die Zahl der Sitzplätze bedeutend vermehrt werden, es konnten ferner alle Synagogenbesucher freien Ausblick nach dem Borbeterpult und der hetliigen Lade erhalten. Die neue Einrichtung stieß auf sehr viel Widerspruch und mußte in zahlreichen rabbinischen Gutachten gerechtfertigt werden, infolge ihrer Nützlichkeit aber hat sic sich fast überall durchgeletzt: in Amerika, in Deutschland und in Oesterreich-Ungarn sind Synagogen mit einem Almemor in der Mitte nur noch in ganz seltenen Fällen erbaut worden, vielmehr wird die Tribüne unmittelbar vor den Stufen zur Heiligen Lade angebracht. (S. 473 f.1 Historisch liegt die Frage völlig eindeutig, daß es eine feste Praxis im Synagogenbau nicht gegeben hat. daß man also da von einer jüdischen und einer unjüdischcn Bauart nicht reden kann, Ich empfehle Herrn Grotte ganz besonders den Kommentar, den Josef Karo zu Maimunis Mi schnei? Tora. Hilchot Tefilla. XI, 3, gibt: daraus wird er sehen, wte verschieden die Anschauungen über die Notwendigkeit eines Almemor waren. Der Erörterung solcher Fragen ist nichts so schädlich wie derartige angebliche religionsgcsctzliche Begründungen — gerade der Fanatismus, mit dem die Rabbiner des vergangenen Jahrhunderts das Weglassen des Almemor als Todsünde bekämpft hoben —. wovon namentlich Leopold Löm gar manches mitteilt lvgl. seine Ges. Schriften IV 93 ff.» —. ließ diese Maßnahme in den Augen der Fortgeschrittenen als eine Kulturtat erscheinen. Häufig war es wahrscheinlich eine Tat der Unkultur, da nwnche Snnagogen-Architektur dadurch zerstört wurde. Aber ausschlaggebend waren meist praktische Gesichtspunkte. Der eine war die Raumersparnis, die freilich von den heutigen Architekten sehr gering cingefchätzt wird. Der andere noch wichtigere war der. daß das Almemor in der ohnehin unruhigen Synagoge einen willkommenen Rückhalt für alle Störenfriede bot. Aber auch darin haben ja die Anschauungen gewechselt: unserer Jugend von heute macht die etwas unruhige. lebendige Synagoge des Ostens tieferen Eindruck als die temperierteAtmosphäre der , westlichen Rcformsynagoge. I. Elbogen. Zionismus und Liberalismus. An die Schriftleitung der Jüdisch-Liberalen Zeitung. Berlin. Sehr verehrte Dchriftleitung! In Nr. 19 vom 7. Mai und Nr. 22 vom 28. Mai bringen Sie Besprechungen des -von mir in München gehaltenen Vortrags „Liberalismus und Zionismus". Dem Leser wird ein eigenes Urteil dadurch sehr erschwert, daß Sie den im „Jüdischen Echo". München, erschienenen Auszug meines Vortrags nicht in Ihre Zeituna ausgenommen haben. Eine Besprechung, wie die des Herrn Wolfsohn-Breslau wäre dann unmöglich gewesen, da Herr Wolfsohn gegen Behauptungen ankämpft, die ich niemals in dieser Form und in gleich zu einem Rabbiner geschafft werden, der die Befugnis Inrtte, über solche Angelegenheiten zu entscheiden. Er untersuchte höchst sorgfältig die Abnormität, und sprach er das verhängnisvolle „Trepha" (ungenießbar) aus, so war der Genuß des betreffenden Tieres untersagt. Es kam nicht selten vor, daß man sich auf eine gebratene Gans freute und mit einem mageren Fisch vorliebnehmen mußte, weil die Gans durch einen verdächtigen Fleck an der Leber oder eine Verhärtung am Magen vom Rabbiner als „Trepha" erklärt worden. Solche Fälle konnten sich ereignen, wenn man Gäste zu Tisch geladcu, was der armen Hausfrau nicht geringe Verlegenheit bereitete. Ter Talmud, der sich um die geringsten kulinarischen Angelegenheiten kümmert und den Küchenherd streng überwacht. machte den jüdischen Hausfrauen das Leben recht sauer, und sie schwebten in steter Angst, besonders an Sonnabenden. Da wnrde Knchenfeuer nicht unterhalten, und so wurden die Speisen schon, am Freitag in wohlverschlossenen Töpfen, ans denen der Name der Eigentümer mit Kreide geschrieben war, zu den jüdischen Bäckern geschickt und am folgenden Mittag von der Magd abgeholt. Nun sehen aber die Töpfe sehr ähnlich aus, dazu kam noch, daß der Ofenrutz die mit Kreide geschriebenen Namen unleserlich vruchte. Die Töpfe wurden daher häufig vertauscht, so daß der Arme die vorzüglichen Speisen des Reichen bekam und dieser sich mit der mageren Kost des andern begnügen mutzte. War der Ofen überheizt, so fand man bei seiner Oeffnung die Speisen in den Geschirren, die vierundzwanzig Stunden im Ofen zugebracht hatten, völlig verkocht und ungenießbar. Es konnte auch Vorkommen, daß die Speisen einer jüdischen Familie, die im Gerüche der Aufklärerei stand und sich in bezug auf die talmudischen Vorschriften manche Freiheiten erlaubte, mit im Backofen standen. Eine fromme Familie, die das erfuhr, berührte dann die eigenen Speisen nicht, aus Furcht, daß die aufgeklärten Töpfe den orthodoxen Töpfen zu nahe gekommen sein könnten. Es kam sogar vor, daß ein christlicher Mitbürger sich den üblen Scherz leistete und einen mit Schweinefleisch gefüllten Topf in einen indischen Backofen einzuschmuggeln wußte, wodurch^ der Inhalt des ganzen Ofens verdorben wurde, sowohl Speisen als Geschirre. Außer den Rabbinern erschwerten auch noch die Kabbalisten den jüdischen Frauen das Dasein durch tausenderlei Vorschriften, über die man sich oft vergebens den Kopf zerbrach. Ludwig Kalisch berichtet dazu von seiner Großmutter folgenden seltsamen Brauch: Alle drei Monate, und zwar zur Zeit der Nachtgleichen und Sonnenwenden, öffnete die fromme Matrone sämtliche Speiseschränke und legte auf die mit rohen feuchten Speisen oder die mit Flüssigkeiten gefüllten Töpfe, Flaschen und sonstigen Geschirre verrostete' Nägel, alte Schlüssel und was sie sonst an unbrauchbare» Eij-eN'Lur Hand-hEe« Als ich'sie «sich der Ursache dieses Gr, brauchs fragte, antwortete sie, dies geschehe, damit kein Blutstropfen auf die Nahrungsmittel falle. Weiter ging ihre Gelehrsamkeit nicht, und ich war so klug wie zuvor. Viele Jahre später erfuhr ich erst, daß diese kabbalistische Borsicht zuvörderst auf dem Aberglauben beruhe, daß bei Beginn jeder der vier Jahreszeiten aus den oberen Luftschichten cin die Gesuudheit bedrohender Blutstropfen falle, das Eisen aber die Kraft besitze, denselben unschädlich zu machen. Aber auch die Blutplage in Aegypten, das Geschick der Tochter Jephtas, und sogar der Adonis-Mythos spielen eine Rolle in diesem Aberglauben, der sich in die zu beobachtenden Gebräuche eingcschlichen hatte und den Judenfeinden einst einen bequemen Grund zu allerlei Verdächtigungen gab. Man sieht, wie sauer den Juden die Tafeifreuden wurden und welche Müh? und Not sie den frommen Hausfrauen verursachten. Dazu kamen noch die vielen langen Gebete, die man verrichten mußte und die viel Zeit raubten. Man konnte keinen Bissen Brot, keinen Schluck Wasser genießen, ohne sich vor und nach dem Genüsse desselben durch ein Gebet mit dem Himmel abzufinden. Dann mutzte eine fromme Frau auch noch die Gebete ihrer Kinder, besonders der Töchter, überwachen. Auch die Werke der Wohltätigkeit nahmen Zeit in Anspruch. Verschämten Armen mußte geholfen, dürftige Kranke mußten besucht und gepflegt, Familien, denen der Tod ein Mitglied geraubt hatte, mußten getröstet werden. Die Wohltätigkeit wurde im stillen geübt, doch betraute man nicht selten Kinder damit, um sie an Wohltätigkeit zu gewöhnen. So floß das Leben dieser Frauen in der gewissenhaften Beobachtung ihrer Pflichten ruhig und einförmig dahin. Einen Ehrgeiz hatten sie aber doch, und das war der, die männlichen Nachkommen der Familie als große Schriftgelehrte zu sehen. Unter den jüngeren Verheirateten gab cs manche, die mit der Zeit mitgingen. Sie schrieben und lasen deutsch und suchten auch andere Belehrung als die aus den jüdisch-deutschen strcnz orthodoxen Büchern zu schöpfen war. Neben Lessings dramatischen Schriften, unter denen „Nathan der Weise" am beliebtesten war, wurden auch die Werke Schillers stark gelesen und viele seiner Gedichte, wie die Balladen und das „Lied von der Glvcke" auswendig gelernt. Auch Romane, die man aus der Leihbibliothek holte, wurden mehr oder weniger verstohlen gelesen. Alle Bücher wurden mit Heißhunger verschlungen, und durch die verworrene Lektüre entstand manchmal eine Halbbildung, die ihre komischen Seiten hatte. Man schnappte hochtrabende Phrasen auf und wandte sie in der Unterhaltung oder in Briefen an, wo sie wie die Faust aufs Auge paßten. Judesten gab es doch viele Frauen, die es verstanden, sich ziel- Vewutzt weiterzubilden. Auf jeden Fall muß man fest-alten, daß Empfänglichkeit für geistige Kultur den jüuaeren Kr.W«r aus -g- Entschiedenste zeigt?, - Das wird man am besten verstehen, wenn man an Berlin denkt, wo Mendelssohn den Beginn einer neuen Aufklärungsepoche hervorrief. Kaum hatte dieser Reformator sich eine angesehene Stellung in der deutschen Literatur erobert, als sein Hans ein Mittelpunkt für die hervorragendsten Geistesarbeiter wurde. Juden und Christen fanden hier einen neutralen Boden, wo kein religiöses Vorurteil galt und sich auch keines geltend machen wollte. Den Unterhaltungen wohnten nicht nur die Töchter des Hausherrn, sondern auch deren Freundinnen bei. Nach dem Tode des Philosophen bildeten die Damen ihrerseits Kreise, zu denen sich alle Größen der Literatur, der Kunst der Wisienschaft und selbst fürstliche Personen drängten. Man langweilte sich in den Palästen und suchte Geist und Witz im Hause der schönen Henriette Herz, -er hochgebildeten Dorothea Veit und der gemütvollen Rahel Lewin. Selbst Alexander von Humboldt nannte sein Familienschlotz Tegel „Schloß Langeweile". Er und sein Bruder Wilhelm lernten von Henriette Herz die jüdische Kurrentschrift, in welcher sie aufrichtig bekennen durften, ohne den Aerger der Ihrigen zu erregen, daß man sich in der Gesellschaft jüdischer Frauen bester unterhalte als auf dem Schloß der Väter. Freilch war auch in diesen Kreisen nicht alles reines Gold. Die meisten der Männer waren nicht Freunde der Juden, sondern der schönen Jüdinnen, und keiner hatte für die Befreiung der Juden aus der langen Unterdrückung eine Lanze gebrochen. Nur wenige hatten eine gewisse politische und religiöse Festigkeit. Alles das wirkte nachteilig auf das Gemüt der in äußerster Sittenstrenge erzogenen Frauen. So kam es, daß die älteste Tochter Mendelssohns, Dorothea, ihrem Gatten und ihren beiden Kindern entlief, um sich dem selbstsüchtigen Friedrich Schlegel anzuschließen. Sic wnrde erst evangelisch und dann katholisch, während ihre Schwester Henriette sofort zur katholischen Kirche übertrat. Henriette Herz, die Freundin Schleiermachers, verließ ebenfalls den Glauben ihrer Väter, und so auch Rahel, welcher das Judentum widerstrebte. Allerdings geschahen die Uebertritte dieser Frauen zum Christentum erst nach dem Tobe ihrer Eltern. Solange diese lebten, schonten sie deren strenge Orthodoxie. In den kleineren Städten war diese Rücksichtnahme noch größer. Die jüngeren Frauen beobachteten diese sogar bei Kleinigkeiten, um die strenggläubigen Matrouen nicht zu verletzen. Sie kleideten sich zwar wie Christinnen, weil in -ezug auf die weibliche Kleidertracht der Talmud glücklicherweise keine Vorschrift gibt. Keine jüngere Frau würde sich aber erlaubt haben, eine stark ausgeschnittene Haube zu tragen oder sich gar entblößten Hauptes sehen -«lasten, da einer talmudischen Vorschrift zufolge die verheiratete Jüdin ihr.Haqr selbst vor »KMrKKMLkMW verberge» Mb.'