Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 24 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4rfKtt Religion. in der ein reiner, weder durch Kirchenvorschriftcv. nnd) durch Rftualgcfetze beschränkter Monotheismus Raum habe. Dadurch sei ihm „da- Verbleiben im Kreise der LuüurcUcn und religiösen Einheit" ermöglicht. Während {\lm die Taufe, laut späteren Mitteilungen an Björn Björuien und anderer schon durch das Apostolieum unn«*' ne hm bar war. on den Anfängen seiner publizistischen Tätigkeit batte R.tthcnau einen Aufsatz „Höre, Israel!" veröffentlicht, der unliebsames Aufsehen erregte. Er hat ihn in seine gefammelleit Werte nicht ausgenvnnnen. In einem Brief vom 17. Juli 1911 heißt cs: ..Der Judcuauftatz mar als Mahnung aeb-icht: in der unglürtlichsten Stimmung wurde er zur Anklage. Anklagen aber ist im llrfimt des Wortes diabolisch: aus Bitterkeit wird niemals das l^utc kommen, sondern aus .vivoit. Heute verstehe ich die Anklage kaum mehr ..." Er bezeichnet die Borstellung vom „auSerwählten Volk" am ä. Februar 1915 als Vermessenheit, ob sie von Juden gehegt uder gegen sie gerichtet wird: ..Ich kenne die Unterscheidung zwischen Deutschen nicht ... ES ist die verfluchte Pflicht eines jeden von uns, zu tun. was er dem Lande schuldet ... Das haben genug von unfern Brüdern aller Bekenntnisse' >!nd :y"i<’iii<MT getan •" Air 3fl. Juli 191« erwidert er aus einen Ausfall gegen die Juden: „Ick glaube, daß gerade in diesem kriege Bekenner jeden Glaubens m Lat und Opfer eng heisammenstehen, und daß daher keiner dem andern seinen Glauben nnd seine Schwäche vorwcrfen. sondern daß alle gemeinsam zum tonten streben sollten." Allerdings hatte er schon am 23. Februar des letzten Kriegsjahrcs „eine graste antisemitisch-agitatorische Bewegung" vorausgcsagt und rechtzeitige Austlärung befürwortet, wobei Berfehlungen einzelner nicht beschönigt werden dürften. „Kein Volk", wiederholte er am 6. Anguss 1918. „sollte sich als das anserwählte betrachten. In jedem Volk gibt eS Heilige. Indifferente. Schwache und Verbrecher: die Mischung ist überall sehr ähnlich." Und an den Schluß seiner Betrachtung setzt er die Worte: „Ich fühle deutsch und werde mich nie von meinem deutschen Bolke trennen." Aber das Blut! Aber die Rasse! Darüber enthalten Rathcnaus Briefe viele Betrachtungen. So heißt cs unterm 23. Januar 1916: „Ich habe und kenne kein anderes Blut alö deutsches, keinen anderen Stamm, kein anderes Volk als deutsches. Vertreibt man mich von meinem deutschen Boden, so bleibe ich deutsch, nnd es ändert sich nichts. Du sprichst von meinen, Blut und Stamm, selbst einmal von meinem Volk und meinst die Juden. Mit ihnen verbindet wich das. was joden Deutschen mit ihnen verbindet, die Bibel, die Erinnerung und die Gestalten des Alten und "Ikonen Testaments. Meine Vorfahren und ich selbst haben sich von deutschem Boden und deutschem Geist genährt und nnserm, dem deutschen Volk erstattet, was in umern Kräften stand. Mein Vater und ich haben keinen Gedanken gehabt, der nicht sür Deutschland und deutsch mar: soweit ich meinen Stammbaum verfolgen kann, war es das gleiche . . . Ich bin der Nebcr.zeugung. daß Glaube. Sprache, Geschichte und Kultur hoch über den physiologischen Dingen der Blutmischung schwebt und sie ausgleicht . . . Ich glaube an eine Gottheit, der wir alle mit gleichen Kräften zust reden „ . ." Und am 18. August 1916 spricht er von der Feindschaft, der die Juden begegnen, von dem Druck, dem sie vielleicht noch lange ausgbsetzt seien. „Vernichtet wird niemals ein Stamm durch solchen Druck: würde er's. so war's verdient": „Mein Volk sind die Deutschen, niemand sonst. Die Inden sind für mich ein deutscher Stamm wie Sachsen. , Bauern oder Wenden . . , Für mich entscheidet über die Zugehörigkeit zu Volk und Nation nichts anderes als , Herz. Geist. Gesinnung nnd Seele. In diesem Empfinden stelle ich die Juden etwa zwischen die Sachsen und Schwaben: die sind mir wpniger nah als Märker und .Holsteiner: sie sind Mir vielleicht etwas näher alsi Schleuer oder Lothringer." Er rede natürlich nur von deutschen Juden. Ostjuden seien ihm Russen. Polen. Galizier. Westinden Spanier und Franzosen. Diese Erklärungen sind an einen rasseglänbigen Jugendfreund gerichtet, dem er am 10. Oktober 1917 vorhält: „Wir alle wissen, daß die deutschen Stämme nicht ein- Iheitlichen Blutes und. daß sic noch weniger die Nachkommen der taciteischen Germanen üarstellen . . . Ich halte alle Rassentheoricu sür Zeitspiel er ei." „Für mich ist Zeit und Seele frei und nicht an Materie, auch nicht des Fleisches und Mutes gebunden", wiederholt er am 30. April 1918. Er begründet diese Anschauung anssührltch. am 16. März ■■■ihm— ISIS, in einem Brief, der wie der Plan zu ei«ttn wissenschaftlichen Werk anmutet. Keine StamweSeinheit. geschweige eine so kleine, habe auch nur annähernd so entscheidend aus den Geist der Menschheit gewirkt wie die Jude«. Moses. JesaiaS. Christus, Johannes. PauluS. Spinoza. Marö—und da behaupteten die Antisemiten, die Juden seien deS schöpferischen Gedankens nicht fähig? UelbrigeiiS. die Lovrebner des blonden (Germanentums werden belehrt, daß die fünf Heroen germanischen Gebietes: Luther, Goethe. Beetckovcn. Rembrandt und Shakespeare „ausnahmslos dunkel,, waren. Der Stellung Rathcnaus zu Rasse, Volk. Nation entspricht seine Ablehnung des Zionismus. Er schreibt am 16. November 1918 an Rechtsanwalt Tr. Apfel: „Die überwältigende Mehrzahl der deutschen Juden, unter ihnen viele, deren Vorfahren seit ungezählten Jahrhunderten in Deutschland leben, bat nur ein einziges Natt onalg e fühl: das dentsche. Wir wollen wie unsere Väter in Deutschland und für Deutschland leben und sterben. Mögen andere ein Reich in Palästina begründen — uns Zieht nichts nach Men." Seit mehr als 2000 Jahren haben die Juden keinen eia«, nen Boden, fein eigenes StaatSwcfen. schreibt er am 8. Januar 1920 an eine Freundin in Schweden; er habe nichts gegen die Versuche, einzelne Juden wieder anzusiedcln: aber die Rückkehr des Judentums zu einem Staatssystcm lZionismusl bedeute einen Anachronismus vor mehreren Jahrtausenden. Unbeschadet dieser grundsätzlichen Auffassung, wollte er sich laut einem Schreiben vom 28. März 1921 angesichts der einander widersprechenden Berichte gelegentlich über die Dinge in Palästina ein eigenes Urteil bilden. Zu dieser Reise ist er nicht mehr gekommen. Denn er tiattc seine Zeit und Kraft in dem Amt. das er nicht gesucht hatte, dem Vaterland zu widmen, und wurde heimtückisch gefällt, fast, auf den Tag ein rundes Jahr nachdem er — am 26. Juni 1921 — geschrieben hatte: „Mein höchstes Glück wäre es. die Zeit zu erleben, wo Deutschland seinen inneren Hader vergißt und als wahrhafte Volksgemeinschaft zusaMmcnhält." D. W. Umschau. Die Berliner Wahlen beschäftigen noch stark die jüdischen Zeitungen aller Art. Bezeichnend ist, daß die „Jüdische Rundschau" mit großer Ansführiichkeit und gehässigen Kommentaren diejenigen Ausführungen dieser Zeitung wiedergibt, die sich mit den äußeren Veranlassungen zur „Niederlage" der Liberalen beschäftigen, ihren Lesern aber verschweigt, daß der Schreiber dieser Zeilen in diesen Blattern sich sehr ernsthaft mit den tiefer liegenden, inneren Ursachen des Wahlergebnisses beschäftigt hat. So informiert das offizielle Organ einer großen jüdischen Partei seine Mitglieder über wichtige Tägesfrägeu! Wie sott man da erwarten, datzein allmähliches Verständnis auch für die Gesinnungen des Gegners cintritt? Rührend in dem allgemeinen Ehor der Ueberhrtumg oder der Enttäuschung über die Wahl ist die zufriedene Stimmung des Einzigen, der wirklich einen schweren Verlust zu beklagen hat, nämlich des Führers der Konservativen in der Berliner Repräsentantenversammlung, des Herrn Loeb. Er ist mit seinem einen Sitz zufrieden und führt aus, daß sein Erfolg darin liege, daß in der Fraktion der Volksportci eine große Anzahl streng konservativer Herren säßen. Wer sein Gedächtnis noch nicht ganz verloren hat und zum Beispiel weist,, wie im Preußischen Landesverband im Vorjahr gerade die Zionisten in schwerster Weise gegen Herrn Loeb Sturm gelaufen sind, wird über den Wandel der Zeiten lächeln. Ein Korn Wahrheit liegt allerdings in den Ausführungendes Herrn Loeb, nämlich die Tatsache, daß in der ' Tat heute die Volk spartet, die. ja angeblich alle Richtungen im Judentum umfassen will, ganz einseitig konservative Interessen vertritt, und daß selbst diejenigen Herren, die im Innern absolut nicht konservativ eingestellt sind, aus außenpolitischen Gründen den „Kitt" der religiösen Form nicht entbehren zu können glauben. Die angeblich großen Scharen der religiös-liberalen Zionisten sind unvertreten. Wie sich die Konservativen damit abfinden, daß ihre Interessen von zionistischer Seite vertreten werden, ist deren Sache. Herr Loeb aber mag sich überlegen, ob eine Partei, die sich stets als auatwnale, als religiöse Partei in Reinkultur hingcstellt hat, sich von Männern vertreten lassen kann, deren offizielles Programm erst kürzlich wieder das Primat des Nationalismus laut verkündet hat. Die JahreSversammsung des Preußischen Landesverbandes ist für Oktober d. I. einberufen. Sie wird sich sehr ernsthaft mit den Dingen befassen müssen, die in der Zwischenzeit geschehen bzw. nicht geschehen sind. Man macht jetzt allerband Versuche, die Arbeiten noch zu fördern. Es erscheint ziemlich ausgeschlossen, daß innerhalb des Sommervierteljahres noch von den wesentlichen Aufgaben viel erledigt werden kann. Es soll nicht verkannt werden, daß in einzelnen Fragen der Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden manches geschehen ist. Die großen Probleme des Kultus und Unterrichtes aber sind gerade bis zur Wahl der Ausschüsse gedsehcn. Vom Judengesetz hat mau überhaupt noch nichts gehört. außer, daß auch diese Kommission zu einer ersten Sitzung einberufen sein soll. Sehr ernsthaft wird man fich auch mit der .Haltung des Landesverbandes in Sachen des Rcichsverbandes beschäftigen müssen. Noch ist der Beschluß des letzten Gemeindetages des deutsch-israelitischen Gemeindebuudes in Kraft, wonach eine direkte Reichsorganisotion gegründet werden soll. Wenn sich der Rat des Preußischen Landesverbandes ohne Befragung des Landesverbandes oder des ständigen Ausschusses über diesen Beschluß hinwegsetzt und jetzt eine Dachorganisation zu bilden gedenkt, bei der es keine direkten Wahlen, sondern Delegationen gibt, so liegt das keineswegs im Sinne einer großen Mehrheit der Liberalen. Wenn Bauern tatsächlich ans dem Standpunkt stehen nnd beharren sollte, daß es keine direkte Organisation will, so ist noch sehr zu prüfen, ob neun Zehntel des deutschen Judentums dem partikularistischen Eigensinn einer kleinen Grnpe ihre Wünsche unterzuordnen hat. Wir kennen kein bäuerisches und kein preußisches Judentum, sondern nur ein deutsches Judentum. Nach unserem Dafürhalten würden, wenn die Besprechungen nicht in kleinstem Kreise geführt werden, sondern wenn wirklich einmal non Versammlung zu Versammlung 'Aussprachen stattsindeu würden, zweifellos auch die Bauern, insbesondere auch die bayerischen Liberale«, sich von der Notwendigkeit einer großen einheitlichen Organisation überzeugen lassen. Wo ein Wille ist. da ist ein Weg. Wir können unmöglich annehmen, daß unsere Freunde in München und Nürnberg anders denken sollten als wir. Selbstverständlich sollen sür Spezialfragen der einzelnen Landestcile die Landesorganisationen bestehen bleiben. Der Rcichsverband aber und die Reichsvertretung ist das Primäre. Die großen Ausgaben jüdischer Vertretung nach außen, der inneren Erziehung der Inden in Haus, Schule, Gotteshaus und Gemeinde sind ebenfalls keine Fragen, die man jenseits des Mains anders beurteilen kann als diesseits des Mains. Wir betrachten die Verhandlungen, die jetzt in der sogenannten Fünfzehner- Kowmission stattfinden und die zur Gründung des Dachnerbaudes führen sollen, lediglich als eine Abschlagszahlung und erwarten, daß auf dem yoffeutlich bald wieder einzubcrusenden Gemeindetag die Mehrheit der deutschen Juden die widerstrebenden Brüder im Süden zu sich herüberziehen wird. Erst wenn wir eine wirkliche einheitliche, nach großen Gesichtspunkten arbeitende Rcichsvertrctung haben werden, wird man non einem deutschen Judentum sprechen können. Im „Jüdischen Wochenblatt" lesen wir, daß Dr. Jsaac Bräuer aus Frankfurt in Jerusalem weilt, um dort bei der Regierung Abänderungen des Entwurfs eines Gesetzes für die jüdischen Gemeinden Palästinas im Sinne der Agudas Iisrocl (lies der streng konservativen Richtung) zu veranlassen. Eine scheinbar unwesentliche Notiz, die doch von größter Bedeutung ist. Es kann auch den Juden außerhalb Palästinas nicht gleichgültig sein, ob, wie cs die Orthodoxen erstreben, der streng konservative Charakter der Gemeinde in Palästina gesetzlich festgelegt wird. Unübersehbare Möglichkeiten sür die religiöse Entwicklung in dem Lande, in dem znm erstenmal seit Jahrhunderten wieder autonome jüdische Siedlungen im Entstehen begriffen sind, sind damit abgeschnittcn. Es wird von großem Interesse sein, festzustellev» wie die Zionisten, die sich als jevisb agency, d. h. als Süthen'» walterin der Gesamtjudenheit in Palästina betrachteu^hikx sich verhalten werden. Hier müssen insbesondere diejenigen liberalen Juden die Augen aushalten, die dem Keren Hajessod nahcstehen und für ihn eintreten. Wir verfolgen diese Entwicklung mit Spannung, und sie wird für die Einstellung des Gesamtliberalismus zu der Frage der Siedlungen in Palästina von ausschlaggebender Bedeutung sein. H. S. Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu! MnUUMBBWUBMMMWBBBWMWM——■B—atB——BMBBB—3—U— Judentum. Wir schwärmen aus zu 5cm, was uns beflügelt Und kehren immer wieder dir zurück. Du tiefer Urquell, drin sich Gott gespiegelt Mit seines Weltgeschehens Seherblick. Daraus wir schöpfen, unser Sein zu trinken, Uns neu c r sch affend aus der Thora Kraft. Erhoben spürt es stiller Schau Versinken, Wo dunkel sprudelt unsre Lebcnkrast. Du hast der Welt die Weihe erst gegeben' Durch dich ging Chaos einst zu -Ordnung ein- — > Du warst der Eingang zu der Menschheit Leben. — Und Jude heißt der Thora Hüter sein. E l l a v a n C l e e f. Jüdische grauen vor hundert Jahren. Von A. Strukat. Vor hundert Jahren begann Deutschland ein Industriestaat zu werden, ein Umstand, der auf die Bevölkerung von größtem Einfluß war. Die alte und jüngere Generation standen einander gegenüber, oft wie zwei fremde Welten. Auch die Juden blieben davon nicht unberührt. Schon in der Tracht unterschieden sich die älteren Frauen von den jüngeren. Jene trugen ein halb orientalisches, halb russisches Kostüm, bestehend ans einem Kleid von schwerem Brokatstoff und aus einem Kopsputz, dem „Gcschleier". Das war eine goldene Kappe mit einer breiten goldenen Stirnbiude. deren Enden kreuzweise Mer den Rücken sielen. Auch trug mall statt dessen den „Perlenbund", einen kleidsamen Kopfschmuck, mit Perlen und Brillanten reich verziert. Die jüllgcrc Generation kleidete sich bereits deutsch, ohne darum auf den Jnwelcnschmuck zu verzichten. Die Hälfte ihres Vermögens batten die Juden damals in Kleinodien stecken. Die Mitgift bestand fast zur Hälfte aus Goldschmuck und Edelsteinen, und mit dem zunehmenden Wohlstände ward auch der Schatz dieser Kostbarkeiten vergrößert. Selbst eine Frau aus dem Mittelstände trug Ähre Perlenidmüre und batte im Hause einen beträchtlichen Vorrat an Silberzeug. Dies ist aber nicht der Eitelkeit zuzuschrelben. sondern es hatte seinen Grund zum Teil in den Gefahre». Lenen bisher das Eigentum der Juden auSgefetzt gewesen. Der Jude, der früher kein Grundeigentum erwerben durfte und oft genug von der Habgier großer und kleiner Fürste» aebrauöschatzt wurde, konnte wenigstens den Teil seines Vermögens, den er in Kleinodien besaß, vor der Raubsucht seiner Verfolger retten, wenn er zur Flucht genötigt war. Mit der verbesserten Stellung verlor sich auch die Lust der Inden an solch totem Kapital. Die älteren Frauen der damaligen Zeit schlossen sich ebenso wie die Männer von der nahenden Aufklärung ab, und die jüngeren, die sich dieser Aufklärung sehr zugänglich zeigten, vermieden doch alles, was die ehrlichen Matronen in deren Glonbensstarrheit hätte verletzen können. Sie wurden überhaupt mit einer unbeschreiblichen Hochachtung behandelt, nicht bloß von der Heranwachsenden geistlichen Generation, sondern auch von den Männern, und zwar von den hervorragendsten und bedeutendsten. An den Sonnabenden und Festtagen, vor der Reise und nach Rückkehr derselben drängte man sich herbei, um ihren Segen zu empfangen, und sie spendeten ihn mit einer schwer zu schildernden feierlichen Sammlung. Sie waren nach Ihrer Weise gut unterrichtet, denn sie verstanden nicht allein die hebräischen Gebete, sondern auch die Bibel, und viele von ihnen kannten eine Menge Bibelverse und Sprüche jüdischer Gelehrter. Sie ließen es nicht an frommen Worten bewenden, sondern übten Wohltätigkeit als heilige Pflicht und übten sie im stillen. Wo die eigenen Kräfte nicht ausreichten, nahmen sie die Kräfte anderer in Anspruch und scheuten keine Mühe, keine Entsagung, wenn es galt, den Bedrängten Hilfe zu spenden, den Kranken Schmerzen zu erleichtern, den verfolgten zu ihrem Recht zu verhelfen, den Verleumdeten Genugtuung zu verschaffen. Ihr eifrigstes Streben war, den Ruf einer Zenoue (fromme Matrone) zu verdienen und ihr Beispiel von andern befolgt zu sehen. Aus Sittenreinheit wurde streng gehalten, nnd eine Verletzung derselben zog der Familie einen ewigen Makel zu. Nicht nur die Strenge nnd die frommen Lehren bei der elterlichen Erziehung bewahrten die jungen Mädchen vor leichtsinnigem Leben, sondern auch die frühen Ehen, die im 15. oder 16., ja oft auch schon im 14. Lebensjahre geschlossen wurden. Der Gatte war gewöhnlich nicht viel älter. Bei diesen Bündnissen spielte die Leidenschaft keine Nolle: die Eltern entschieden, und die Kinder fügten sich dem Willen der Eltern. Daß unter solchen Umständen die Ehen nicht immer glücklich waren, versteht sich von selbst, doch waren die entschieden unglücklichen ziemlich selten. Die Ehen beruhten auf gegenseitiger Duldung und erhielten eine besondere Stütze durch die tief eingeprägten religiösen Grundsätze. Ein Sturm in der Ehe wurde von den Schwiegereltern ober sonstigen Verwandten beschworen. Nahmen die Zwistigkeiten einen bedenklichen Charakter an, so wandte sich das Paar an einen ehrwürdigen Rabbi öder den Rabbiner der Stadt, und der fromme Mann suchte durch seine Ermahnungen den Frieds wieder herzustellen. Gelang auch ihm das nicht, so wurde zur Scheidung geschritten, was aber sehr selten geschah, und daun stets in der Synagoge. Die Mädchen wurden nicht streng überwacht. Sie durften ohne Begleitung ausgehen, mißbrauchten jedoch diese Freiheit nicht: ein Mädchen, daß sich häufig allein auf der Straße sehen ließ, gefährdete seinen Ruf, der bei Ehebündnissen wichtiger war als Geld. Es galt für eine hohe Ehre, in eine Familie zu treten, die bedeutende Gelehrte und fromme Männer hervorgebracht hatte. Die Aristokratie unter den damaligen Juden hatte lange Stammbäume, und man nannte mit Stolz die Männer, die durch ihre Schriften hervorgeragt, durch Wohltun sich ausgezeichnet oder durch ihren Tod sür den Glauben ein glänzendes Beispiel gegeben. Da solche Namen unter den Inden aller Länder bekannt waren, so wurden diejenigen, die sich der Abstammung von glorreichen Männern rühmen konnten, überall bereitwilligst ausgenommen. Waren nun zwei Familienväter von solch ruhmwürdiger Abkunft, so suchten sie durch die Verbindung ihrer Kinder ihren Namen noch mehr zu veredeln, und nicht selten geschah es, daß die Sprötzlinge, die noch in den Windeln zappelten, verlobt wurden. Das Brautpaar in der Wiege ließ fich dann nach 13 Jahren ohne Sträuben an den Traualtar führen, und diese Ehen waren bei den damaligen patriarchalischen Verhältnissen durchaus glücklich. „Die Ehen werden im Himmel geschlossen", sagte man sich, und indem man den lieben Gott zu ihrem Beschützer machte, fugte man sich in dessen Willen und beschwichtigte das geheime Grollen des Herzens durch das Bewußtsein gewissenhafter Pflichterfüllung. Und der Pflichten gab es für die Hausfrau genug zu erfüllen. In der Haushaltung waren raufend rabbinischc Vorschriften streng zu beachten, und sie erforderten eine unausgesetzte Uebcrwachung. Der Topf, den man auf dem Markte gekauft hatte, mußte erst in fließendes Wasser getaucht werden, bevor er benutzt werden konnte, und kam er in die Küche, so mußte er höchst sorgfältig von einem großen Teil seiner Mittöpfe abgesondert werden. Die Töpfe nämlich, die man für Fleischspeisen gebrauchte, durften niemals für Milchspeisen verwendet werden. Eine Verwechselung dieser Geschirre machte die Speisen unbrauchbar und brachte in die Wirtschaft eine unbeschreibliche Verwirrung, die nur durch unablässiges Glühen, Waschen und Scheuern wieder beseitigt werden konnte. Man durfte niemals mit Sicherheit darauf rechnen, das Geflügel. das gackernd und schnatternd auf dem Hofe umherlief, einst auf dem Tische zu sehen. Wenn der Schlächter mit dem Messer nickt tief genug oder etwas zu tief in den Hals des Tieres einschnitt, so war dasselbe dem Genuß entzogen. War es tadellos abgeschlachtet, so konnte sich doch beim Auswciöen desselben ein Unglück ereignen. Sobald man nämlich eine ...Abnormität an den Mngeweiöen fand, mußte das Tier so-