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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-05-28 · 22 (28.5.1926) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
22 (28.5.1926)
Date
1926-05-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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'' Die Wahlbeteiligung war mit 50 483 gültigen Stimmen inngefähr die gleiche wie im Vorjahr, wo 48 044 gültige Stimmen abgegeben wurden. Eher war sie im Gemetndedurchschnitt etwas geringer. Denn 1925 fehlten noch zahlreiche Frauen in der Wählerliste, während diesmal die an Hand der amtlichen Personenstandszahlen aufgestellte Liste «war auch noch recht mangelhaft war, aber doch infolge ihrer amtlichen Grundlage nicht so viel Lücken aufwies wie die äm vorigen Jahr von der Gemeinde zum Teil durch Aufruf der nicht in den Steuerlisten verzeichneten Gemeinbemitglieder, besonders Frauen, verfertigte. Die Wahlbeteiligung betrug im Gemetuüedurchschnitt 38 Prozent. Der Prozentsatz der Wähler, die gestimmt haben, sinkt aber in den Bezirken des Berliner Westens und der westlichen Bororte fast durchweg erheblich, meist auf etwa 80, stellenweise — Im Bezirk 44a, Fasanenstratze — bis 20 Prozent. Auf der anderen Seite steigt sie in den Bezirken mit starker ostjüdischer Bevölkerung rapide an. Sie übersteigt stellenweise 70, 80, ja 100 Prozent der ursprünglich in den Wählerlisten Verzeichneten. was nur dadurch verständlich ist, daß in diesen Bezirken in großem Umfange Personen nachträglich in die Wählerliste ausgenommen sind — in einem teils mehr, teils aber auch minder korrektem Verfahren. Abgesehen voll der Anfechtbarkeit mancher derartigen Nachträge ist nach den hohen Wahlbeteiligungsziffcrn, wie sie bei keiner politischen Wahl erreicht werden, in Verbindung mit den persönlichen Wahrnehmungen unserer Freunde der sichere Schluß gerechtfertigt, daß eine größere Zahl von Stimmen in diesen Wahlbezirken nicht von den richtigen Wahlberechtigten, sondern von „Vertretern mit und ohne Vertrctungsmacht" abgegeben sind. Diese Umstände sind Gegenstand eines Wahlprotestes der Liberalen Partei. Bestehen bleibt aber die für die deutschen Juden beschämende Tatsache, daß, auch abgesehen von allen Unkorrektheiten, die Wahlbeteiligung der ostjüdischen Gemeindemitglieder eine vielleicht nm das Doppelte stärkere war als die ihre. Es haben erhalten: - 1025: Liberale 24 692, Bolkspartei 14 491, Mittelpartei 4990, Konservative 2756, Poale Zion 1715. 1926: Liberale 28166, Volkspartei 16 397, Mittelpartei 5548, Konservative 2902, Poale Zion 2143, Arbeitnehmer 287. Wer aus diesen Zahlen etwa den Schluß ziehen wollte, es seien 1600 Liberale zur Bolkspartei und Mittelpartei abgewandert, würde ganz irre gehen. Eine Abwanderung liberaler Stimmen hat, wenn überhaupt, nur in ganz geringem Umfange stattgefunden. Das lehren die Betrachtungen der Ergebnisse der einzelnen Stadtgegenden. Der bezirksmäßige Vergleich mit dem Vorjahr ist dadurch erschwert, daß sich die Grenzen der vorjährigen und diesmaligen Wahlbezirke gelegentlich schneiden, ja an einigen Stellen die diesjährige Einteilung derart benachbarte Straßen mehrere Stadtviertel umfaßte, daß nichts übrig blieb, als für die Betrachtung das Ergebnis zweier Bezirke arithmetisch aufzuteilen (es wurden geteilt Bezirk 14 in C und NO, Bezirk 51 in Schön ebevg und Wilmersdorf), was natürlich nur annähernd richtige Resultate ergibt. Mit diesem Vorbehalt können folgende Feststellungen getroffen werden: Das Zentrum und der Norden, die langjährige Domäne Der Bolkspartei, die alle eigentlichen Ghettobezirke umfaßt, ergab: 1926: Liberale 2574, Bolkspartei 4780, Mittelpartei 028, Konservative 942, Poale Zion 605. . 1926: Liberale 3442, Bolkspartei 6494, Mittelpartei 818» Konservative 1027, Poale Zion 889, Arbeitnehmer 118. Diese Bezirke haben also eine weitaus größere Wahlbeteiligung als im Vorjahre aufzuweisen,- über 3000 Wähler mehr sind diesmal zur Urne geholt worden. Dabei haben all,e.Parteien einen Zuwachs erhalten. Und neben dem Zuwachsvon 1700 Stimmen, den die Bolkspartei aus ihren M-rsieren sammeln konnte, läßt sich auch der Zuwachs der LwLtalen von 863 Stimmen, gleich gut einem Drittel mehr als im Vorjahr, sehen. Die unermüdliche Arbeit unserer Freunde im Norden hat ebenso Früchte getragen wie die unverkennbar demokratischer gewordene Einstellung der Liberalen Partei, sowohl bei der Kandidatenaufstellung wie in der Agitation. Noch ausgeprägter zeigt sich die erfreuliche Seite des Wahlergebnisses im benachbarten Nordosten. Hier sind folgende Zahlen zu melden: 1625: Liberale 2398, Bolkspartei 2240, Mittelpartei 528, Konservative 362, Poale Zion 268. - 1926: Liberale 2643, Bolkspartei 2199, Mittelpartei 470, Konservative 333, Poale Zion 314, Arbeitnehmer 55. . Hier ist der Zuwachs allein bei den Liberalen und Poale Zion, bei allen anderen Parteien Stagnation oder Rückgang. Die Liberalen haben ihren Vorsprung vor der Volkspartei von 150 auf 450 Stimmen vergrößert und hätten ohne die unmittelbar an das Zentrum stoßenden, stark ostjüdisch bewohnten Bezirke sogar die absolute Mehrheit. Im einzigen Nordostbezirk, in dem die Volkspartei 1925 noch eine absolute Mehrheit hatte, in der Rykestratze, haben sie diese jetzt verloren. Dagegen konnten unsere Bezirksleiter Kaufmann, Laske und Sobotker aus Weißensee, der Greifswalber Straße und Kniprodestraße 64, 58 und 56 Prozent liberaler Stimmen melden. Das Weitzenseer Resultat reicht nahe an die besten Resultate des Westens heran. Auch hier im Nordosten zeigen ''m die Früchte intensiver Arbeit aller unserer Freunde ebc wie die richtige Einstellung der Vereins- Politik für die Interessen der dortigen Bevölkerung. Im Osten ist unsere Bezirksgruppe jünger als im Norden und Nordosten, entsprechend mäßiger ist auch das Ergebnis, aber immer noch durchaus befriedigend. Eö erzielten: 1025: Liberale 1594, Bolkspartei 1425. Mittelpartei 384, Konservative 358, Poale Zion 164. 1926: Liberale 1666, Volkspartei 1347, Mittelpartei 387, Konservative 369, Poale Zion 189, Arbeitnehmer 35. Also insgesamt ein kleiner Stimmenriickaana-. der aber am stärksten bei der Bolkspartei ausgeprägt ist. Die Prozentziffern der Liberalen, z. B. von 44% Prozent im Bezirk 16 (Kaiserstraße), von 44 Prozent im Bezirk 18 (Jannowitzbrücke), von 40% Prozent im Bezirk 18a (Wallner-Theater- Straße) sind für den Ortskundigen recht erfreulich. Viel weniger angenehm hören sich schon die Zahlen aus dem Südosten, Süden und Südwesten an, die wie folgt lauten: 1925: Liberale 2571, Volkspartei 1406, Mittelpartei 467, Konservative 200, Poale Zion 135. 1926: Liberale 2258, Volkspartei 1442, Mittelpartei 501, Konservative 232, Poale Zion 196, Arbeitnehmer 25. Hier ist der Verlust schon nur aus seiten der Liberalen, die anderen Parteien haben einen unbedeutenden, die Poale Zion einen sogar relativ großen Zuwachs. Im Süden mag schon die Reisezeit zum Schaden unserer Partei bemerklich geworden sein. Wichtiger aber ist wohl, daß unsere Bezirksgruppe Süd seit längerer Zeit als Veilchen im Verborgenen geblüht hat. Ein ausgesprochenes Reisezeitergebnis hat der anstoßende Berliner Westen (einschließlich der politisch zu Charlottenburg gehörenden Kleiststraßen-Gegend) geliefert. 1925: Liberale 1434, Bolkspartei 315, Mittelpartei 325, Konservative 56, Poale Zion 20. 1926: Liberale 1029, Volkspartei 288, Mittelpartei 286, Konservative 59, Poale Zion 36, Arbeitnehmer 6. Hier haben also alle a,-öfteren Parteien verloren, weitaus am stärksten aber die Liberalen. Gerade in dieser Gegend ist festgestellt morden, daß zahlreiche Wähler ortsabwesend waren. Da dieser Umstand die Mittelpartei an sich ebenso wie die Liberalen betrifft, dürften trotz des zahlenmäßigen Rückganges derselben in geringem Umfange Abgaben an dieselbe erfolgt sein, insbesondere im Tiergartenviertel. Abgesehen von den Einwirkungen der Reisezeit hat aber, sicher hier wie in den anderen westlichen Gegenden mitgewirkt, daß die Wahlagitation an manche weniger interessierte Kreise nicht so herangereicht hat wie im vorigen Jahre. Auch hier ist außerhalb der Mahlzeit zu wenig geschehen. Dem deutlichen Hinweis für die Zukunft wird hoffentlich Folge gegeben werden. Aehnlich dem Westen ist Charlottenbnrg. 1925: Liberale 4904, Bolkspartei 1671, Mittelpartei 912, Konservative 304, Poale Zion 192. 1926: Liberale 4042, Volkspartei 1724, Mittelpartei 976, Konservative 301, Poale Zion 207, Arbeitnehmer 15. Hier beträgt der Stimmenrückgang der Liberalen prozentual nicht soviel wie im Berliner Westen, in absolnten Zahlen aber nicht weniger als 862, also mehr als doppelt soviel Stimmen, als erforderlich gewesen wären, um den Liberalen das entscheidende elfte Mandat zu sichern (zirka 400 hätten genügt). Die anderen Parteien hingegen haben einen kleinen Zuwachs zu verzeichnen. In Wilmersdorf stellt sich das Ergebnis wie folgt: 1025: Liberale 3409, Volkspartei 951, Mittelpartei 629, Konservative 173, Poale Zion 97. 1920: Liberale 3128, Volkspartei 1076, Mittelpartei 738, Konservative 179/ Poale Zion 116, Arbeitnehmer 5. Aehnlich in Schöneberg: 1925: Liberale 2511, Volkspartei 656. Mittelpartei 550. Konservative 119, Poale Zion 57. 1926: Liberale 2323, Bolkspartei 732, Mittelpartei 670, Konservative 159, Poale Zion 89, Arbeitnehmer 9. An beiden Stellen sind also die Verluste der Liberalen nicht gerade schwer. Immerhin ist es hier der mittelparteilichen Propaganda doch gelungen, in jedem der beiden Stadtteile etwas über 100 bisher liberale Wähler an sich heranznziehen. Vielleicht mögen es auch je etwas über 150 sein, wenn man nämlich berücksichtigt, daß auch die Mittelpartei durch die Reisezeit Ausfälle erlitten hat. Auch die Volkspartei bat je etwa 12 Prozent Stimmenzuwachs, der hier durch ostjüdische Reserven nicht erklärt werden kann, vielmehr — da von einer Abwanderung Liberaler zur Volkspartei niemand in der Wahlbewegung öaS geringste verspüxk hat — mit dem Hineinwachsen jugendlicher Anhänger inS wahlfähige Alter und den verbesserten Wählerlisten erklärt werden muß. „ „ „ C1 .... Ein geradezu klägliches Resultat haben aber die südwestlichen Vororte Friedenau, Steglitz, Zehlendorf, Grunewalb usw. geliefert. Sie ergaben: . 1925: Liberale 1081, Bolkspartei 309, Mittelpartei 106» Konservative 72, Poale Zion 50. 1926: Liberale 765, Bolkspartei 384, Mittelpartei 331. Konservative 40, Poale Zion 41, Arbeitnehmer 6. Es ist das die einzige Gegend, wo die Wahlziffern, wie unumwunden zugegeben werden muß, eine Niederlage dokumentieren. Neben starkem Stimmenverlust der Liberalen relativ erheblicher Zuwachs der Mittelpartei, auf die zweifellos ein Teil der liberalen Stimmen übergegangen ist. und daneben auch ein 25 prozentiger Zuwachs der Bolkspartei. Hier haben allerlei Umstände zusammengewirkt: die skandalöse Wahlkreiseinteilung der Gemeinde, die den Wählern wöite Wege zum Wahllokal auferlegte und damit die Wahlbeteiligung zum Teil auf 28 und 24 Prozent drückte, die in derart wohlhabenden Bezirken besonders -fühlbare Reisezeit, ., aber auch die besonders auf die Psyche der reichen Krcuc eingestellte Agitation der Mittelpartei und das Versagen der liberalen Organisation außerhalb der Wahlzeit, die nach einigen hoffnungsvollen Ansätzen im vorigen Jahre steckengeblieben ist. Bleibt nur der Nordwesten übrig, der folgende Zahlen gemeldet hat: 1925: Liberale 2211, Bolkspartei 719, Mittelpartei 370, Konservative 204, Poale Zion 113. 1926: Liberale 1970, Volkspartei 705, Mittelpartei 366, Konservative 107, Poale Zion 117, Arbeitnehmer 10. Hier trifft der Verlust zwar auch die Liberalen, aber er ist nicht groß und durch Ortsadwesenheit wohl ziemlich erklärt: Gewinne der anderen Parteien sind nicht zu verzeichnen. Im Anschluß an die gegebene Uebergcht sei noch verzeichnet, daß von den 99 Bezirken 55 absolute Mehrheiten der Liberalen haben: 3 Nordosten, 1 Osten. 5 Süden, 4 Westen (sämtliche), 13 Charlottenburg, 9 Schöncberg (sämtliche), 1 Schöneberg und Wilmersdorf, 11 Wilmersdorf, 2 südwestliche Vororte, 6 Nordwesten (sämtliche) und 12 absolute Mehrheiten der Bolkspartei (10 Zentrum und Norden, 1 Zentrum und Nordosten, 1 Osten). Wenn man die Situation der drei größeren Parteien überschaut, so zeigt sich folgendes Ergebnis der Statistik: Die Bolkspartei hat in ihren angestammten Domänen aus den schon seither ihre Gefolgschaft bildenden Wählermassen starke Reserven herangeholt. Außerhalb ihrer Stammbezirke hat sie, von den südwestlichen Vorortbezirken abgesehen, entweder Rückgang (Nordosten, Osten, Nordwesten, Westen) oder geringen Zugang (Süden, Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg): die Zahl ihrer Stimmen und Mandate ist nur dadurch zu einer Gefahr herangewachsen, daß gerade die ihr abgewandtesten Teile der Berliner Juden in den Bezirken des Westens zum erheblichen Teil zu indolent sind, ihrer Wahlpflicht zu genügen. Diese Kreise mögen sich nicht wundern, wenn sie eines Tages merken, daß die Berliner Gemeinde von der Aktivität der — durchaus gleichberechtigten, aber bislang in Berlin weder zahlenmäßig noch kulturell ausschlaggebenden — Mehrheitskreise der Grenadier- und Gvrmannstraße beherrscht wird. Zum zweiten Male hat die Mittelpartei mit den ihr zu Gebote stehenden reichhaltigen Mitteln bei der Berliner Bevölkerung geworben. Eine große Zahl von „Namen" hat sie für die Unterschrift ihrer Aufrufe gewonnen, nicht seltM,> von Persönlichkeiten, die in ihrem Beruf nnd der Oeffeyl-" lichkeit hoch geachtet sind, aber dem jüdischen Leven so ferw,. wie möglich stehen und aus rein gesellschaftlicher GefälligkM" ihren Namen einer ihnen ganz unbekannten Sache geliehen haben. Der Eingeweihte weiß ergötzliche Beispiele dieser Art Werbung zu berichten. Bier, ja fünf Mandate dachtesie zu erringen: zwei Mandate hat sie aus dem Kampf gerettet, statt drei, die sie in der vorigen Repräsentanz hatte. Es hat sich wieder gezeigt, daß im größten Teil von Berlin nur diejenigen wenigen tausend Gemeindemitglieder der Mittelpartei zugefallen sind, die infolge ihrer gemäßigtkonservativen Einstellung deren natürliche Gefolgschaft bilden. Darüber hinaus haben besonders in den wohlhabenden südwestlichen Stadtteilen beschränkte Kreise der Bevölkerung an den salbadernden Phrasen der — wie es in einem ihrer Flugblätter so schön hieß —: selbstlos für Frieden und Einheit kämpfenden — Partei Gefallen gefunden oder sind kritiklos den „großen Namen" gefolgt. Ihnen verdankt die Mittelpartei den Hauptteil ' ihres Stimmenzuwachses vvn insgesamt 550 Stimmen. DerrheimscheMuberhauptrnann Schinderhannes und die Juden! Kulturhistorische Plauderei von Otto Schwerin. Das Richtbeil des Schinderhannes auf der Polizeitechnischen Ausstelluna in Karlsruhe. — Kurze Lebensbeschreibung des Schtnderhannes. - Der Antisemitismus des Stratzeuräubers. — Der Mord au dem Viehhändler Seligmaun aus Seibersbach. — Aktenmäßige Beispiele von Judenplündernnaen nnd Mißhandlungen. — Behördlicher Kampf gegen die Bande des Schinderhannes. — Seine Hinrichtung in Mainz am 21. November 1803. Im vorigen Jahre weilte ich. als Vertreter einer Anzahl Tageszeitungen, auf der Internationalen Polizciausstellung in Karlsruhe. Ein hessischer Polizcioberleutnant. der zufällig den Pressevertreter in mir erkannte, führte mich an den Stand der hessischen Ausstellung, um mich aus einige besonders wertvolle Kuriosa ausdrücklich aufmerksam zu machen. Das Prunkstück der hessischen Abteilung war ein Iflacher. mit Leder bezogener Holzkasten, der auf rotem Samt ein Fallbeil enthielt: es stammte von jener Guillotine. die im Winter des Jahres 1803 den Ränberhauptmann Johannes Bückler. im Bolksmund als Schindcrhannes bekannt. vom Leben zum Tode beförderte. Die Lebensgeschichte dieses gefährlichen Verbrechers, der glücklicherweise nur 25 Jahre alt geworden ist, scheint derart interessant, vor allem im Znsammenhana mit der Geschichte, der in der Nahe- und Hundsrttckgegend wohnenden Juden, daß wir sie nachstehend in großen Zügen skizzieren wollen, wobei wir uns auf die von Rauchhaupt zusammengestellte aktenmäßige Geschichte des Schindcrhannes und den Pitaval haiiptisächlich stützen. Die Veröffentlichung dürfte insofern von besonderem Interesse sein, alö sie n. E. honte erstmalig, im obigen Zusammenhang, ausführlich und eingehend erfolgt. Bückler wurde am 25. Mai des Jahres 1778 in Nastätten als Sohn des Wafenknechtes Johannes Bückler geboren» und hatte «ine sehr bewegte Kindheit. Bücklers Vater profieffterie jahrelang unglücklich und erfolglos mit zahlreichen Juden, und entschloß sich zum Auswandern, nahm aber in einem habsburgischen Infanterieregiment Harrdgelld und wurde Soldat. Johannes, der Sohn, trieb sich während dieser Zeit mit den zahlreichen anderen Soldatenkindern frei umher, und folgte dann seinem Vater, —der sich natürlich um die Erziehung seines Kindes in keiner Weise kümmerte und schließlich desertierte, — in die Heimatgegend zurück. Ein kleiner Diebstahl veranlatzte den jungen Johannes Bückler die Heimat zu verlassen und in die Dienste des Scharfrichters Nagel, von Kirn an der Nahe zu treten. Mer auch hier tat der junge Bückler. der. airf Grund seiner Tätigkeit den Beinamen Schindcrhannes erhielt, nicht gut. Er wurde, nachdem er sich verschiedene Diebereien zuschulden kommen ließ, fcsigenommen, und öffentlich ausgepeitscht. Ein Jahr später finden wir den jungen Bückler bereits als gefährlichen Stratzenräubcr wieder, dessen Tätigkeit den ganzen Hundörück, die Nahe. Teile der Pfalz, aber auch rechtsrheinische Gebiete in Atem hielt. Er wurde mehrere Male ausgegrissen und ins Gefängnis gesteckt, aber es gelang ihm immer wieder, mit heiler Haut zu entkommen und sein Räubcrle'ben weiterzuführen, bis er im Jahre 1803 endlich und endgültig dingfest gemacht werden konnte. Wenn wir nns heute erstaunt fragen, wie es möglich war. daß ein Räuber viele Jahre lang sein Unwesen treiben konnte, ohne eine nennenswerte Behinderung und Belästigung seitens der Behörden zlr erfahren, so muß immer in Betracht gezogen werden, daß die Verhältnisse und Zustände im heiligen römischen Reich deutscher Nation, Ansgangs des 18. Jahrhunderts, denn doch etwas anders gelagert waren als in der Gegenwart. Die Revolutionskriege, die sich größtenteils in der heutigen Nbcinprovinz und Pfalz abspielten. beziehungsweise diese Gebiete stark in Mitleidenschaft zogen bildeten den Nährboden für Gesindel jeder Art. dessen Bekämpfung durch die deutsche Kleinstaaterei und ihre ohnmächtigen Polizeibehörden, ein beinahe aussichtsloses Unterfangen bedeutete. Die Gebiete, in denen gerade Bückler sein Unwesen trieb, standen außerdem einige Zeit unter französischer Verwaltung, urrd, wenn cs auch zur Ehre der Franzosen gesagt werden muß. daß sie beinahe besser für Ordnung und Zucht sorgten als die deutschen BÄwrden. so batten ne doch weit mehr zu tun, als sich nachhaltig mit den Räuberbanden zu befassen, die es zudem nach Möglichkeit vermieden, den französischen Militärbehörden ins Gehege zu kommen. Die Bekämvfung des Schinderhannes und seiner Kumpane mußte auf große Schwierigkeiten stoßen, da ihm die einheimische Bevölkerung Vorschub leistete und unterstützte, teils der Not gehorchend, teils aber auch aus einer gewissen Sympathie heraus, weil die Räubereien Bücklers sich zumeist gegen die Juden richteten, die damals noch mehr, wie heute, als Fremdlinge und Fremdstämmige betrachtet wurden, und deren Brandschatzung und Beraubung die Bevölkerung nicht nur nicht allzu tragisch nahm, sondern sogar ans Haß gegen die .»wucherischen" Hebräer, noch schadenfroh begrüßte. In jedem Aufsatz, bzw. jeder größeren oder kleineren Arbeit, die sich mit dem Leben und Treiben des Schinderhannes besaßt, nehmen seine gegen die Juden gerichteten Streiche einen breiten Raum ein. Der Begriff Schinder- Hannes scheint untrennbar mit Judenhaß, uud die Vermutung. daß Bückler stark antisemitisch" eingestellt war. liegt nabe. Natürlich trifft eine solche Behauptung nicht in dem heute gebräuchlichen Sinne zu, denn ein Antisemitismus in seiner heutigen Form war damals insofern unbekannt, als der Jude überhaupt als etwas Minderwertiges angesehen wurde und überall und von jedem mit Haß. Neid und Verachtung bedacht wurde. Da Bücklers Vater durch die Prozcsic mit Juden landflürbtig werden mußte und sein geringes Vermögen durch jüdische „Machenschaften" verlor, könnte man annehmen, daß Bückler Sohn gerade die Hebräer mit besonderem Haß verfolgte. Dies traf aber in keiner Weise zu. Schindcrhannes raubte überall da, wo seiner Berechnung nach etwas zu holen war. und eine Beraubung der Juden schien ihm aus diesem Grunde nicht nur zweckmäßig, sondern auch gefahrlos. Zweckmäßig, weil bei dem jüdischen Kaufmann oder Viehhändler ec» ipso mit einer Wegnahme von Bargeld weit eher zu rechnen war. als bei dem christlichen Bauer oder Handwerker. Gefahrlos, weil die Feigheit der Juden damals sprichwörtlich war, außerdem konnte er im voraus wissen, daß kein christlicher Mitbürger auch nur die Hand hob. um den Juden gegen Schinderhannes beizustehen. Im Gegenteil, die Bauern freuten sich ganz offen, daß der ,Judd", dem sie größtenteils in irgendeiner Form verschuldet waren, durch einen Räuber, der eine gewisse Popularität besaß, auch ein wenig geschröpft wurde. Es muß Schinderhannes nachgesagt werden, daß er im großen und ganzen keine blutdürstige Natur gewesen ist. Zahlte der Jude die ihm auferlegte „Kontribution", so war er im allgemeinen seines Lebens sicher. Weigerte er sich, was aber selten genug vorkam, so mußte er mit einer furcht»

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