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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-05-28 · 22 (28.5.1926) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
22 (28.5.1926)
Date
1926-05-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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8. Jahrgang Nummer 22 Beklage 28. Mat 1926 Wahlproteste in Berlin Wie wir nach Redaktionsschluß ans de« Berliner Polizeinräfidivm aus Anfrage erfahre«, sind dort gegen die Gültigkeit der Wahle» zur Repräfentauteuversammluna bereits acht Proteste eingegange». Es ist damit z« rechnen, -atz infolge der zahlreichen bei den Wahle« »orgekommene» Der« stöbe ftcoe» die gesetzlichen Bestimmnngen die Wahl für ungültig erklärt wird. Wir »erden in nächster Nummer ausführlich über die Angelegenheit berichte». Wozu -er jüdische Nationalismus in Wien führte Der Vorstand der Wiener Knltusgemeinde bewilligte in seiner Sitzung vom 6. Mai folgende Beiträge für den „Palästina-Aufbau": 25 000 Schilling für den Keren Hajeisod, 13 000 Schilling für die Chaluznn, 7300 Schilling für den Keren Hajischuw und 2300 Schilling fiir den Palästina-Arbeiierfonds. Hierzu schreibt sogar das doch gewiß nicht antizionistische Hamburger Israelitische FamlienblaLt: «Diese Sperröenfreudigkeit der finanziell keineswegs gu^estellten Gemeinde, die ihre eignen charitaiiven Institutionen nur durch wiederholte Sarmnelaktionen notdürftig vor dem gänzlichen Verfall zu bewahren vermag, ist das Ergebnis einer rücksichtslosen Opposition der jüdischnationalen Repräsentanten, die den Hinweisen der liberalen Mehrheit auf die Notlage der Gemeinde mit wüster Obstruktion und persönlichen Angriffen auf den liberalen Vizepräsidenten Tr. Orustein entgegentraten." Zionistischer Liberalismus Von I. WolfSsohn. Breslau. Tr. Elks in München gehaltene Rede veranlaßt einen Ungenannten in Nr. 19 der „Jüdischen Ztg. f. Ostdeutschland^ zu. Angriffen gegen L u ö w i g H o l l ä n d e r und zu Ausführungen über die „0) ä r u n g im Liberalism u s". Was die cvftcren betrifft, so ist Herr H. selber Manns genug, sich ihrer zu erwehren. Auf die letzteren wollen wir einiges erwidern, bevor wir uns mit der Münchener Rede beschäftigen. Wir wissen von dieser Gärung schon seit langem; namentlich ist uns bekannt, daß wohl an die 90 Prozent des deutschen Rabbinernachwuchses eine stark zionistische Färbung aufwciscn. Als hervorragendster Errvnent dieser Richtung tonn Tr. Wiener-Stettin sbald Berlin) gelten, der schon ans dem Delegiertentage Ende 21 ioder Anfang 22?) seinen Standpunkt ziemlich deutlich durchblicken Ließ. Venn aber der große Unbekannte der „Id. Ztg. f. -O." meint, daß diese „n eite z ionisti sch c Generation der liberalen Rabbiner nun ohne weiteres die Führer der liöcralcit B e weg u n g feie n", so dürste er sich irren. Es ist sehr wohl wahrscheinlich, daß ein Teil der liberalen Jugend ihnen Lolgen wird; von den Besonneneren ist das aber schwerlich .Lv erwarten. Ebenso dürfte der ungenannte Verfasser , taten, wenn er glaubt, daß diese „j u n g l i b e r a l c n Rabbiner das Problem Zionismus — Liberal i s m n s gelöst haben und tu sich nationales Judentum in i t religiös-liberaler Gesinnung vereinigen". Sie werden wahrscheinlich noch sehr oft und sehr stark von Fieberschauern inneren Zwiespalts erschüttert werden, ans denen sie hoffentlich genesen hervorgehen, was nach nuferer Anffassnng natürlich nur Wiederlvslvsung vom Zionismus bedeuten kann. Die anderen Punkte des erwähnten Artikels sollen heute nicht berührt werden, wir wenden uns nun zur Rede des Tr. Elk. Dr. E. scheint febenso wie seine Gesinnungsgesährten) eines vergessen zu haben: daß die jüdische Reformbewegung einen deutschen Charakter hat. Das kann nicht oft genug betont werden. Das Bedürfnis nach einer Reformierung des jüdischen .Viult und auch des bürgerlichen Lebens der Juden war schon lange vorhanden gewesen; aber nach der Emanzipation und durch diese wurde cs zu einer zwingenden Notwendigkeit. Die Emanzipation zertrümmerte (luic sich ein zionistischer Führer ausdrückt> die äußere Form des jüdischen Lebens im Westen Europas und damit trat an die Westjuden der Zwang heran, ihre .üultformen der Umwelt entsprechend zu gestalten. Solche Anpassung ohne Verletzung ethischer Gsoubensgrundsätze datiert schon von der Gesetzgebung am Sinai her,' denn auch der Opserdienst kann nur als eine derartige Anpassung angesehen werden. Und wenn Rußland seine Juden vor hundert Jahren emanzipiert hätte, würde gewiß eine Kultresorm eingetreten sein, die der russischen Umwelt entsprochen hätte. Man kann sogar sagen. daß unser religiöser Liberalismus einen geradezu norddeutschen Charakterzug aufweist. Der äußerste Ausläufer der ReformÜewegung, die Berliner Resormgemeinde, zeigt (natürlich nur in dem Aeußeren ihres einfach schlichten Äulls) den deutlichen Einfluß des protestantischen Preußen. Ihre Einrichtung in dieser Form hätte sich z. B. in Köln schwerlich ermöglichen lassen. Die Tatsache des deutschen Charakters unserer Reformbewegung zeigt sich auch darin, daß sie aus der Masse des Volkes hervorging; die Rabbiner kamen erst später zu ihr. Daher die gesunde Kraft ihrer Grundsätze, die sich z. B. in Amerika mit entsprechender Berücksichtigung der dortigen Landessprache noch stärker und umfangreicher anöwirkten. Das sollte doch Dr. E. und allen „jungliberalen Rabbinern" zu Lenken geben. Die Reform des Judentums durch den Liberalismus geschah zum großen Teil durch Loslösung vom jüdischen Nationalismus; sie hat damals die weitere Abwanderung von Tausenden unserer deutschen Glaubensgenosien, und nicht der schlechtesten, verhindert. Nun sagt Dr. E., „man solle wieder zum Nationalismus znrückkehren"; nicht völlig und unbedingt, aber etwas, so daß das Religiöse gewahrt bleibt. Denn „durch das Vorherrschen politischer Ideen im Liberalismus, der zum Deckmantel anderer politischer und gesellschaftlicher Tendenzen geworden, sei die Religion diskreditiert und ihres Einfluß' auf weite Kreise beraub t". Was der Redner mit diesem geradezu unglaublichen Borwurf im einzelnen gemeint, ist leider aus dem Zeitungsbericht nicht zu ersehen. Daß sich unter den Liberalen alle Berufsstäude und alle Bermögensklasseu befinden, steht fest; von einer einseitigen Bevorzugung ge- I nässer Berussschlchten kann also gar keine Rede sein. Und wenn Dr. E. die Bergurckung mit staatlich-politischen Interessen im Auge hatte, so trifft auch das in keiner Weise zu. Aber selbst wenn das letztere der Fall wäre, würde Dr. E.'s Empfehlung, sich dem Nationalismus zuzuwenden oder doch ihn zu unterstützen, nur heißen, daß „man den Teufel durch Beelzebub oustreiben soll". Denn wer immer noch bestreitet, daß der Zionismus aufs engste mit der Außenpolitik verknüpft ist, den darf man wohl zu den politischen Kindern rechnen. Nachdem sich die Ideale des Zionismus durch England verwirklicht haben, muß er auch seine Politik englisch einstellen; oder, wenn Palästina einmal die Selbständigkeit der anderen englischen Dominions erhalten haben sollte, asiatisch, wie der durchaus nicht antizionistisch eingestellte Berichterstatter der „Frist Ztg." mit Recht sagt. Auf keinen Fall aber kann der Zionismus derüsche oder französische oder russische Politik treiben. Wer als deutscher Staatsbürger dte Konsequenzen ziehen will, der mag sich dem Zionismus znwenden. Und wer als liberaler Jude Herrn Dr. E. Gefolgschaft leisten will und zur Befreiung des Liberalismus von staatlicher Innenpolitik den Zionismus auch nur irgendwie unterstützt, der beschwert gerade die rein religiöse liberale Bewegung mit der viel drückenderen Last 5er Außenpolitik. Denn für uns besteht kein Zweifel, daß es sich bei dem Liberalismus n in eine rein religiöse Angelegenheit bandelt, die die Juden der einzelnen Länder nach ihrer Eigenart zu ordnen haben. Das war schon so zur Zeit Jerusalems und Babrilons, solche Unterschiede haben sich weiter erhalten zwischen Sepüardim und Aschkenasim usw. Uebrigens hoben sich nach den bisherigen Berichten diese Differenzen im neuen Judenstaat Palästina nicht nur nicht verringert, sondern sogar verstärkt und vermehrt. Was Dr. E. von der „durch die nicht völlig verwirklichte Emanzipation hetvorger ns eiteu seelischen Heimatlv s igkeit der Jude lr sagt, ist weiter nichts wie die üblichen zionistischen Redesloskeln und soll heute hier nicht weiter erörtert werden. Ebensorvenig die Frage, ob das deutsche Jndentnm in dieser Zeit furchtbarster wirtschaftlicher Rot überhaupt das Recht hat, auch nur einen Pfennig nach dem Ausland zu geben. Auch nicht die Frage, ob die soziale Not der Ostjuden auch nur einigermaßen ausreichend durch die Besiedlung Palästinas behoben werden kann. — Einen ganz eigenartigen Beweis konstruiert sich Dr. E. für den Zwang zur 'Anerkennung eines jüdischen Nationalismus. Er nimmt nicht nur eine indische Schicksals-, sondern auch B lntsgemeinschaft als völlig erwiesen und bestehend an und sagt nun: „Der Liberalismus erkennt' z. B. d i e Bere cü tigu n g eines de u t s ch e lt lt n 6 i r a u z ö s i i ch e u Nationalismus a n, dem - g e m u h nt u ß er d a s gleiche bei dem i ü bischen tun." Daß von einer jüdischen Blutsgemeinschaft gar nicht gesprochen werden kann, dazu bedarf es nur des Hinweises aus die Masscnvermischnug während des babylonischen Exils und der hellenistischen Zeit, aus die Massenübertritte zmn Jndentnm non Römern und Griechen, sowie auf die späteren Zeiten. Der Zionist und Rassenwissenschaftler Tr. Zollschan läßr auch die These vom jüdischen Blut fallen; er stützt die Vererbung von jüdischen Sondereigenschasten ans gewisse Engramme lEinprägmigeiJ des Geistes, für dereit Erhaltung und Entwicklung natürlich auch Umwelt und Erziehung maßgebend ist, und erkennt ausdrücklich an, daß diese beiden, letzteren Faktoren auch das Wesen einer Rasse umgestalte« könne«. DaS ist eine Beweisführung, die der Auffaffung eines anationalen LiöeralismuS sehr nahe, wenn nicht gleich kommt. Ernstlich wird Dr. E. auch nicht behaupten wollen, daß der jüdische Marokkaner, Bememte, Chinese dem jüdischen Europäer auch nur irgendwie wesensähnlich ist. Bon einer anderen wirtschaftspor'ckischen Brndung des Judentums der gesamten Welt, durch welche es einen VolkScharakter erhalten sollte, kann erst recht keine Rede sein Wenn wir nun aber lm i t vollem R e ch ts auS der Zollschanschen Theorie eine andere Schlußfolgerung zieheu. so können jüdisches Denken und Fühlen, jüdische LeÜensunü Weltauffassung auch auf anderen Wegen wie dem der Vererbung verbreitet werden. Daß diese andersartige Verbreitung schon durch die Mehrzahl der Propheten inamenrlich durch die bedeutenderen) angedeutet und angebqhnt worben, daß sie sich im Laufe der Jahrtausende bis in die allerletzte Zeit hinein häufig in der Praxis durchgesetzt, soll hier nicht ausführlich erörtert werden. Dr. E. verneint das ausdrücklich und geht darin noch weiter wie sein Amtsbruder und Gesinmmgsgefährte Dr. Wiener. Dieser tat auf der eingangs erwähnten Delegiertenversammlung ziemlich wörtlich den Ausspruch, „das Judentum sei überhaupt nichts für die große Menge, sondern immer nur für einen verhältnismäßig geringen Teil der Menschheit". Dr. E. geht (immer nach dem Zeitungsberichts noch weiter und meint, „das Judentum könne nur durch Geburt erworben werden". Also ganz ähnlich dem schärfsten deutschvölkischen Standpunkt, der jeden nicht rein Germanischblütigeu vom Deutschtum ausschlietzt! Soweit mir bekannt, gab es doch schon in der mosaischen Zeit außer dem ger hazedek (gotteSfürchtigen Fremdling), der nur die ethischen und zivilrechtlichen Grundsätze des Judentums anerkannte und dennoch fast alle Rechte des Volksgenossen hatte auch den durch Uebernahme aller religiösen Pflichten in die Gemeinschaft aufgensmmenen „V o l l i s r a e l i t e n". Dr. E, geht also mit seiner Auffassung noch hinter diese Zeit zurück, stellt sich damit im Gegensatz zum Prophetismus. Wie beide „jungliberale" Rabbiner sich eine auch nur einigermaßen wirkliche Erfüllung der messianischen Zeit in der Praxis einstens vorstellen, ist mir nicht recht klar. Dr. E. fordert, daß „bas Nationale dem Religiösen unterzuordnen sei". Ob seine Auffassung von „dem nur durch Geburt zu erwerbenden Jndentum" dieser Forderung entspricht, mag der Leser selbst entscheiden. Die Berechtigung und Bedeutung des Galuth erkennt Elk an und scheint sich auf den geistigen Zionismus des von ihm erwähnten Achad Haam einzustellen, der die Wiedererrichtung eines Judenstaates wegen der damit verbundenen Gefahr eines politischen Nationalismus verwarf, aber für das Leven inmitten der Völker schärfste Absonderung forderte. Auch da§ mutz der wahrhafte Liberalismus energisch ablehneu. Soweit mir bekannt, hat Dr. E. seine Rede als Liberaler m einem z i o n i st i s ch en Verein gehalten. Das erscheint mir eigentlich unrichtig; er hätte als Zionist in einem liberalen Verein sprechen sollen. Der Zeitungsbericht sagt zwar nichts über die Diskussion, aber es ist nicht anznnehmen, daß irgendein Zionist ihm widersprochen hat. Im Grunde genommen versucht Dr. Max Elk ähnliches, wie es der am 12. Mai gestürzte Reichskanzler Dr. Luther mit der Flaggenfrage im Sinne hatte. Dr. Elk will ja nicht die Flagge ö religiösen, anationalen Liberalismus ga streichen, aber er will neben ihr die bla weiße des jüdischen Nationalismus ho-, ziehen. Wir wollen hoffen, daß der religiöse Liberalismus in gleicher Weise alle derartigen Bestrebungen aufnimmt, wie das deutsche Volk in seiner Mehrheit das Vorgehen Dr. Luthers in her Flaggenfrage. Statistisches zum Berliner Wahlergebnis Mit diesem Äufscih beginnen wir eine Reih» von Abhaud, lungcn. die sich eingehend mit den Berliner Repräsentanten^ wählen befassen. In den folgenden Aufsätzen soll u. a. dis Arane eine* örtölbrclcfle-ü. wie ec hon verschiedenen Seiten erdrterk wird, und das Verhalten einiger jüdischer Organi". 'alioneil, vor allem die unverständliche Uitlätiglsit des Central» jcmits, einer eingehenden Kritik unterzoaen werden Die S'chrtftl. Die Statistik kann als Wisienschast gepflegt und als Kunst geübt werden. Sogar eine Art Schwarzkunst kann sie sein, mit deren Hilfe ein geschickter Künstler aus Weiß Schwarz machen, die Tatsachen auf den Kopf stellen kann. Solche statistischen Methoden sollen hier nicht geübt werden. Rein sachlich. sine ira et studio, sollen die Ziffern der Berliner Repräsentanteuwahlen, insbesondere im Vergleich mit Seiten der vorjährigen Landesoerbandswahlen, geprüft werden, denn nur eine nüchterne Erfassung der Lehren, die uns die Ltimmziffern erteilen, kann uns zeigen, wo die bessernde Hand anzulegen ist. fdiz' xjurudL iMl . Sakko•Anzug jijaktische Mot>f.iib9. modrruc dn- und zweireihige Form . . Sakko-Anzug - -kamtaguTugrau gemusterter ähnlicher Stoff. 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