Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 22 (28.5.1926)
- Date
- 1926-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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plelgelasterte deutsche liberale Jude deutsch ist. So wird auch dort das Zusammentreffen mit religiös-liberalen Zionisten die grundsätzliche, die geistige Auseinandersetzung zwischen religiös-fortschrittlichem Gemeinschafts- und Nationaljudentum fördern. Für Deutschland ist diese Auseinandersetzung, nach unserm Dafürhalten eine der wesentlichsten Aufgaben aufbauender jüdischer Politik, elementar erschwert dadurch, daß der Zionismus nach wie vor stramm konservative Führer in den Bordergrund schickt, wenn es sich um Fragen der Gemeindepolitik in Deutschland handelt. Das hat sich wieder klar bei den Gemeinöewahlen in Berlin gezeigt,' von den acht Volksparteilern find vier ausgesprochene Misrachisten oder diesen ganz nahestehend, die übrigen vier rühmen sich ihrer konservativen Lebenshaltung, selbst wenn sie »wissenschaftlich auf liberalem Standpunkt stehen". Man traut sich nicht, einmal einige der vielen liberalen Zionisten in die Gemeindepolitik eingreifen zu lassen — oder diese sind zu gut für das bißchen „Galuthpolitik". So mutz eben weitergewurstelt werden wie bisher, die praktischen Politiker auf beiden Seiten haben die Führung, die großen geistigen Fragen verkümmern. Die eigentlichen Führer des. deutschen Zionismus in der Weltorganisation sind zur Zeit offenbar von den ernsten Sorgen absorbiert, die den verantwortlichen Führern der Stand der Palästinasrage, vor allem die politische Seite dieser Frage, bereitet. Man lese einmal die letzten großen Reden Weizmanns in Jerusalem, in Tel Aviv, man verfolge deren Widerhall in den Blättern Palästinas und des „Galuth", man würdige ernsthaft die zurückhaltende Sprache des führenden deutschen zionistischen Organs in seinem Schowuans-Artikel (Nr. 88/39. Jüdische Rundschau). Abwarten heißt cs, Erwartungen eindämmen, »ein Fehler, sich zu verbergen, daß die politische Situation heut ungünstig ist". Nun und? Wenn wir das sagen, wenn wir warnen, wenn wir erklären, bei einer solchen Situation arbeiten wir lieber am inneren Aufbau des Judentums in unseren Heimatländern, um nicht mit der Karte »Palästina" die Gesamtpartie »Judentum" zu riskieren'? Dann sind wir die Toren und Verbrecher! Man kann nur unterschreiben, was Rabbiner Dr. Jacob in seinem Artikel im »Jüdischen Wochenblatt" schreibt: Glaubt man, datz es uns Religiös-Liberalen leicht wird, sich von einem derart großen jüdischen Werk fernzuhalten? Wir haben uns dazu unter schweren Kämpfen in tausend Schmerzen durchgerungen, weil mir den Rückschlag beim Mißerfolg fürchten und dann wenigstens statt des einen — utopischen — Zentrums unserer wahren religiösen Pflicht gemäß den Altar des Ewigen dort gehütet haben wollen, wo, für unabsehbare seit das wahre Zentrum jüdischen Lebens sein wird, in der Zerstreuung. Das ist heilige Arbeit für uns! Und wenn der „Israelit", dieser Förderer jeder Reaktion im Judentum, die Stirn hat zu behaupten, daß es in liberalen Gemeinden »eigentlich nicht mehr viel zu entheiligen gibt", so berührt ein derartiger Geiferspritzer nicht einmal unsere Fersen. Es ist weit gekommen im Judentum, wenn ein kleiner Rest — wahrlich kein heiliger Rest — der deutschen Juden es wagen darf, vonZeinem lebens- und verantwortungsfernen vergitterten Ställchen aus alles zu besudeln und zu hemmen, was an Gemeinschaftsarbeit im deutschen Judentum geleistet wird! H. S. formen und Bräuche. Von Rabbiner Dr. Wilde, Magdeburg, n. Hochzeit. -Unkultur und Ueberkultur berühren sich oft. Die Geschöpfe der Unkultur sind noch keine Menschen, die Geschöpfe der Ueberkultur sind keine Menschen mehr. Als die Menschen noch dem Tiere nahe waren, kannten sie beim Eingang einer Ehe weder Feste noch religiöse Bräuche. Die Menschen der Ueberkultur gehen zum Standesamt, sie unterschreiben, nicht anders, als wenn sie ein Geschäft abschließen. Die Ehe ist geschlossen, sie brauchen nicht Feier noch Segen. Wir Juden verwerfen Unkultur und Ueberkultur. Wer eine Ehe ohne religiöse Formen schließt, hat keine jüdische Ehe geschlossen. Wir verlangen von jedem, der sich zur jüdischen Gemeinschaft zählt, die jüdisch - religiöse Trauung. Unter welchen Formen wird sie geschlossen? Die Bibel erzählt noch wenig von bestimmten Formen und Bräuchen. Rebekka wird beim Abschied von ihren Angehörigen gesegnet: »Unsere Schwester, werde zu vielen Tausenden,' deine Nachkommen mögen das Tor ihrer Feinde erben!" Von einer Trauung oder Hochzeitsseier erfahren wir nichts. — In Gegenwart der zehn Aeltesten der Stadt erklärt Boas, daß er Ruth zum Weibe nehmen will: Alles Volk am Tor und die Aeltesten sprachen: „Wir sind Zeugen! Der Herr mache das Weib, das in dein Hans kommt wie Ratzel und Lea, die das .Haus Israel erbaut haben,' gewinne Macht in Efrata und erwirb einen Namen irr Bethlehem." Im Buche Tobit wird zuerst der geschriebene Ehevertrag erwähnt. »Tobias sprach: Ich genieße nichts, bjs ihr sie mir feierlich zugefiihrt habt. Da sprach Raguel: So nimm sie hin von nun an nach dem Gesetze. Der barmherzige Gott geleite euch aufs beste! Sodann rief er seine Tochter Sara, ergriff ihre Hand, gab sie Tobias zum Weibe und sprach: Hier empfange sie nach dem Gesetze Moses und bringe sie zu deinem Baker! Und er segnete sie. Hierauf rief er sein Weib Edna, nahm ein Blatt, schrieb einen Ehevertrag und versiegelte ihn ... Er richtete ihnen eine vierzehntägige Hochzeit ans." — Die Hochzeitsfeier im Kreise der Verwandten und Bekannten finden wir schon in ältester Zeit: »Laban versammelte alle Männer des Ortes ud machte ein Mahl." Gesang. Musik und Tanz verschönen das Fest. Witz und Rätselspiel heben die Unterhaltung. Der Bräutigam geht festlich gekleidet, gesalbt und bekränzt, die Braut blumengeschmückt, aber verschleiert. — In talmndischer Zeit nahmen die Hochzeitsbräuche bestimmte Gestalt an. Die Verlobung im biblischen Sinne bestand darin, daß der Mann der Frau vor Zeugen ein Geschenk reichte. Bon da an wurde ieder Treubruch des Weibes mit dem Tode bestraft. Diese Verlobungsfeier wurde später mit der Trauungsfeier vereint, so daß die ersten Segensprüche, die jetzt gesprochen werden, ursprünglich zur Verlobung gehörten: ebenso noch die Ueberreichung des Ringes, des symbolischen Ersatzes für den uralten Kaufpreis. Daher steckt bei uns nur der Bräutigam der Braut den Ring an: ein Wechseln der Ringe findet nicht statt. Die Worte, die der Bräutigam dabei spricht. liegen im Taldmnd noch nicht fest. Im Traktat Kidduschin 6a finden sich noch verschiedene Redewendungen: »hare at Kennjoh li, hare at birschujsi". hierdurch sollst b\t mir gehören; »hare at jcheli", hierdurch sollst du mein sein; »hare at ischti" hierdurch sollst du mein Weib sein. Bis schließlich die allgemein gültige Formel wurde: »hare at m'Kudesches li b'tabaas su k'bas mausche ro'zisroel", du sollst mir kraft dieses Ringes heilig fein nach de>m Gesetze Moses und Israels." Die folgenden Segenssprüche bilden die Einsegnung der Ehe. Die Chuppoh, der Trauhimmel oder das Verhüllen mit dem Gebetmantel vollenden die Feier, weil sie den Augenblick des beginnenden Ehelebens — das gemeinsame Zelt — symbolisch darstellen. Ein Ersatz für den uralten Brauch, daß die Ehe erst als abgeschlossen galt, wenn das Brautpaar in das Gemach geführt worden war. - Zahlreiche Bräuche sind im Lause der Zeit hinzugekommen, die heute wieder vielfach verschwunden sind: Bräutigam und Braut fasten am Hochzeitstage bis nach der Trauung,- der Bräutigam trägt das Sterbegewand. Die Braut wirdrei- oder siebenmal um den Bräutigam herumgeführt. Der Bräutigam zertritt nach der Trauung ein Glas. Auch in liberalen Gemeinden werden je nach der Gegrird verschiedene Hochzeitssitten vorhanden sein. Sofern sie nicht unschön oder abergläubischen Ursprungs sind, soll man sie erhalten. Eine Uniformierung ist durchaus nicht wünschenswert. Das ,/Bedecken" scheint mir solch sinniger Brauch, der verdient, erhalten zu werden. Vor der Trauung wird durch den Rabbiner das Gesicht der Braut mit einem Schleier bedeckt, der Segen über sie gesprochen. Findet dieses »Bedecken" im Elternhause statt, unmittelbar kurz vor der Fahrt zur-Trauung, sv wird es zur kurzen aber eindrucksvollen Abschiedsfeier von den Eltern. An anderen Orten ist der Brauch des „Mahnführens"/ der mir weniger erhaltenswert scheint. Schon im Talmud (Berochaus 60b) steht: »Man wirft Aehren und Nüsse vor Braut und Bräutigam." Jetzt werden Weizenkörner, Rosinen, Mandeln, auch kleine Geldstücke hingeworfen unter Segenssprüchen, die Nachkommenschaft. Besitz und Erwerb dem Brautpaar wünschen. Das „Bedecken" findet, wenn nicht zu Haus, im Vorran.m der Synagoge statt. Die Trauung i» der.Synagoge ist immer würdiger als im Saal. Nur das Elternhaus ist auch eine würdige Umgebung. Braut und Bräutigam schreiten entweder gemeinsam zum Altar, gefolgt von den Eltern und Gästen: oder der Bräutigam wird zuerst von den Bätern, dann die Braut von den beiden Müttern zum Trauhimmel geführt. Brennende Lichter sind selbstverständliches Symbol: zwei Becher Wein stehen bereit. Orgelspiel und Gesang können die Feier eröffnen und schließen, ohne aber Notwendigkeit zu sein. Nach der Traurede, die nicht allgemein, sondern persönlich gehalten sein soll, werden die ersten hebräischen Segenssprüche vom Rabbiner gesagt und der erste Becher dem Brautpaar gereicht. Dann steckt der Bräutigam mit der oben erwähnten Formel der Braut den Ring an. Ich bin für Beibehaltung der hebräischen Worte, sofern der Bräutigam auch nur geringe Kenntnisse des Hebräischen besitzt. Sonst ist es besser, den Satz in deutscher Sprache zu sagen, um nicht durch falsch nachgesprochene hebräische Worte die Würde der Feier zu gefährden. Auf der ersten israelitischen Synode in Leipzig 1870 war vorgeschlagen worden, datz auch die Braut dem Bräutigam einen Ring anstecken und dabei sagen sollte: »aui l'daudi w'daudi li", »ich gehöre meinem Geliebten und mein Geliebter mir". Ich glaube, daß wir bei dem alten Brauch bleiben sollen. Die Würde der Frau ist dadurch nicht gefährdet, daß sie den Ring schweigend annimmt. Die Verlesung der K'hsuboh — der Tranungsurkunde — in hebräischer Sprache ist überflüssig, in freier deutscher Uebersetzung nicht störend: ihre Ausstellung in deutscher Sprache als Bestätigung der religiösen Trauung notwendig. Jetzt folgen wieder Segenssprüche, vom Rabbiner oder Vorbeter vorgetrageu. Mit dem Segen des Rabbiners über das Brautpaar, das jetzt ein Ehepaar geworden ist, schließt die Feier. Eine schöne Sitte gebietet dem jungen Paar, am nächsten Sabbat oder nach der Reise das Gotteshaus gemeinsam zu besuchen. Der Mann wird »ausgerufen", über beide ein Gebet gesprochen. Eine Trauung kann an jedem Wochentage stattfinden. Harmloser Aberglaube wählt gern den Dienstag als Glückstag. In der Bibel steht bei dem 3. Schöpsungstag zweimal „ki tauro". „Gott sah, daß er gut war". Zwischen Passah- und Wochenfest fanden früher — abgesehen von dem 33. Tag und den Neumondstageu — keine Hochzeiten statt, weil in dieser Zeit die Schüler des Rabbi Akiba an der Pest starben und schwere Judenverfolgungey stattgesunden hatten: ebenso in den drei Wochen vor dem 9. Ab, dem Tag der Zerstörung Jerusalems. Diese Einschränkungen sind als überlebt anzusehen. Selbstverständlich wird am 9. Ab selbst keine Trauung stattfinden. (An anderen geringeren Fasttagen läßt selbst der Schulchatt aruch Trauungen zu. sSchulchau aruch Orach Chajim c. 650 ß 3.] Ein Erklärer bemerkt, daß dann an Stelle des Bräutigams kleine Kinder den Wein trinken.) Ueberflüssig ist die Chalizah, diese »vergessene Schildwache aus der Zeit der Polygamie". Mit sehr wenig schönen Formen wird die Witwe eines kinderlos verstorbenen Mannes von der Pflicht der Schwagerehe befreit, die anderseits jetzt als verboten gilt. In der Bibel steht (V, 25, 5—10): Wenn Brüder zusammenwohnen und es stirbt einer von ihnen, ohne einen Sohn zu haben, so soll das Weib des Verstorbenen keinen fremden Mann heiraten. Ihr Schwager soll sie zum Weibe nehmen und an ihr die Schwagerpflicht iiben. Dann soll der Erstgeborene in den Namen des Verstorbenen eintreten, daß sein Name nicht in Israel ausgelöscht werde. Wenn der Mann sich aber weigert, seine Schwägerin zu heiraten, dann sollen die Aeltesten seiner Stadt ihn rufen, seine Schwäaerin soll zu ihm hintreten, seinen Schub von seinem Fuß abziehen. vor ihm ausspeien und sprechen: »Also geschieht dem Manne, der das Haus seines Bruders nicht baut! Sein Haus werde in Israel genannt: des Barfüßers Haus." Dieser Brauch wird Chalizah (Dchuhauszieben) genannt. Da die Schwagerehe nur einen Sinn hatte, solange die Vielweiberei bestand, diese aber seit Rabbi Gerschom von Mainz (gestorben im Jahre 1040) als religionsgesetzlich verboten giltz so wurde bestimmt, daß die Schwagerehe verboten ist und die Chalizah in jedem Falle stattfinden muß. Der Schukchan aruch schreibt genau vor, wie das Schuhausziehen und das Ausspucken erfolgt. Ein Schulbeispiel dafür, wie ein ursprünglich vernünftiger Gedanke zu eurem sinnlosen Verbot und zu einem häßlichen Brauch werden kann. Österreichische Bildung Die finanzielle Notlage unseres durch Krieg, Inflation und Wirtschaftskrise verarmten Staates, der Zwang, sich am jede mögliche Weise einzuschränken, hat leider auch vor den Toren unserer Hochschulen nicht haltmachen können .und diese befinden sich, wie jüngst in einer bewegllchen Klageschrift der Rektoren der österreichischen Universitäten geschildert wurde, in einer schweren Krise. Allein die Not ist nicht nur eine materielle, sie ist auch eine geistige. Innerhalb des Professorenkollegiums und der höchsten akademischen Behörden macht der Ger st der Unduldsamkeit deutliche Fortschritte Bei der Habilitierung von Privatdozenten und bei der Ernennung von Professoren ist nicht allein die wissenschaftliche Bedeutung maßgebend, sondern in erster Linie der — Stammbaum des vorgeschlagenen Gelehrten. Besteht dieser die Ahnenprobe nicht, dann t)t er sicher nicht würdig, an österreichischen Hochschulen etwa Augenheilkunde oder römisches Recht zu unterrichten. An den ersten Bildungsinstituten unserer Republik scheinen so nicht die Anschauungen von Wissenschaftlern, sondern gewissermaßen die von Schweinezüchtern, die sich ja berufsmäßig mit Rassenfragen beschäftigen müssen, maßgebend geworden zu sein. §>ier ein Beispiel für viele andere. Nicht einmal heute hat " sich die Wiener Universität dazu herbeigelassen, dem Juden Siegmunö Freud, dessen 70. Geburtstag von der ganzen Welt vor kurzem gefeiert wurde, dem berühmtesten und bekanntesten Gelehrten unserer Stadt und unseres Reiches, den Rang eines ordentlichen Professors zuzuerkennen. So kam es. daß Siegmnnd Freud, wie Stephan Zweig jüngst sehr richtig bemerkte, heute der einzige und wahrhaft außerordentliche Professor unserer altehrwürdigen Alma mater ist. »Denn neben all den ordentlichen, fachtüchtigen und braven Gelehrten unserer Universität ehrt ihn die M e n s ch h e i t als den einzig Außerordentlich e n, den wahren Rektor des Geistes, als den Genius." Wohlgemerkt: »die Menschheit", aber nicht unsere Wiener Universität. Denn während Glückwunschöepescheu und Deputationen aus aller Herren Länder eintrasen, um dem Schöpfer der Psychoanalyse an seinem Ehrentage zu feieren fauch die Stadt Wien hat einen ihrer hervorragendsten Bürger in würdiger Form geehrt), ist es bezeichnenderweise gerade die Wiener Universität gewesen, die unter all den , Gratulanten durch ihre Abwesenheit geglänzt hat. Sie1 hat es nicht für nötig befunden, ihrem »außerordentlichen" Professor jenen Zoll der Achtung abzustatten, den man bei solchen und ähnlichen Anlässen auch weniger außerordentlichen Männern entgegenbringt. Gewiß ist es nicht ihr Verdienst, datz Freud einer der wenigen außerordentlichen Gelehrten unserer Zeit geworden ist, einer derjenigen, deren Werke in alle Sprachen überseht, deren Erkenntnisse in allen Zungen verkündet werden. Im Gegenteil, sie hat sich alle Mühe gegeben, ihn, den armen jüdischen Privatgelehrten mit den revolutionären wissenschaftlichen Anschauungen, nicht aufkommen zu lassen, ja sie hat auch heute noch nicht von seiner Theorie offiziell Notiz genommen. So mußte sich Siegmund Freud unter Hunger und Entbehrungen in tage- und nächtelanger ununterbrochener Arbeit langsam durchsetzen. Lange Zeit hat man ihn verlacht, verhöhnt, verspottet und ihm die. größten Hindernisse in den Weg gelegt. Doch Freud hat sich um die Leyrmeinung der „offiziellen Wissenschaft" ebensowenig gekümmert wie um die Verachtung, die man ihm am. meisten in seiner eigenen Heimat entgegengeb rächt hatten Heute ist Siegmnnd Freud „außerordentlicher? Professor^ einer der wenigen „außerordentlichen" Professoren, die <iumt besitzen. Und wie die Alten jungen, so zwitschern die Jungen. Auf den Hochschulen haben sich in der letzten Zeit irregeleitete häkcnkreuzlerische Studentengruppen gebildet, die' die Hochschulen terrorisieren, offen deren »Rassenreinheit" proklamieren, und in deren Anschlagkästen wahre Haßorgien gefeiert werden. Nach dem oben Gesagten erscheint es wohl leider selbstverständlich, daß diese Studenten nur in ganz vereinzelten Fällen von den berufenen Faktoren eine Zurückweisung, ja daß sie vielmehr durch deren wohlwollende Duldung wiederholt eine Kräftigung erfahren haben. So wurde durch die Rektorate der Technik und der Hochschule für Bodenkultur ein Studentenrecht geschaffen, das die Hochschülerschaft in Nationen teilte: die deutsche Studentennation erscheint bevorrechtet, als solche wurde hie sogenannte „Deutsche Studentenschaft", die Vertretung der Hakenkreuzlergruppen, anerkannt. Als einen vorläufigen Erfolg der gegen dieses Stndentenrecht gerichteten Bestrebungen kann man wohl bemerken, daß in einer im Natioualrat gehaltenen Rede der Bundesministcr für Unterricht, Dr. Schneider, wörtlich ausgeführt hat: »Die Negierung wird natürlich kein Studentenrecht genehmigen können, das gewährleistete Rechte verletzt: wir können daher die ins Leben getretenen Studentenvertretungen nicht Ueber die besagte »Deutsche Studentenschaft" kam nun jüngst eine Meldung, die, obwohl ans dem Gebiete der Wirtschaft stammend, dennoch auf die Kultur gewisser Kreise ein grelles Licht zu werfen geeignet ist. In ihren Händen befindet sich nämlich eine „WirtschaftShilfe für die deutsche Studentenschaft", gewiß eine Institution, die in einer Zeit, in der sich viele Studierende in wirtschaftlicher Bedrängnis befinden, allgemein segensreich wirken könnte. Wir sagen ausdrücklich „könnte", denn in Wirklichkeit ist die segensreiche Wirksamkeit genannter Institution nur ans einen kleinen, ja sogar sehr kleinen Kreis von Studenten und Nichtstudenten beschränkt geblieben. Dafür hat dieser kleine, aber erlesene Kreis, der aus den ehrenamtlich bestellten Funktionären dieser Institution besteht, eine um so anSgiebigere „Wirtschaftshilfe" bezogen. Denn bei der »Wirtschaftshilfe" sind Zustände eingerissen, die selbst in einer Zeit ärgster Sittenverderbüis kaum mehr übertroffen werden können. Arme Studenten wurden beim Geldwechseln betrogen, indem Wechselkurse direkt erfunden wurden. Bedenkt man, daß in Wien viele deutsche Wildenten aus dem Deutschen Reich, den Nachfolgestaaten, Polen, der Tschechoslowakei. Rumänien usw. studieren und ihre oft recht armseligen Unterstützungen von ihren im Anslande wohnhaften Angehörigen in fremden Valuten erhalten, dann wird, man die ganze Roheit dieser auf ihr Ariertum so stolzen Herren von der „Wirtschaftshilfe" erkennen, die sich nicht gescheut haben, mit einem jüdischen „Gesinnungsgenossen" namens Feingold eine gar seltsame Geschäftsverbindung einzugehen, um so ihre Kameraden, die sich vertrauensvoll an sie gewandt hatten, besser schröpfen zu können. Diese Studentenausbeutungsgesettschaft m. b. H. „Hakenkreuz, Feingold & C0." betrieb jedoch noch viel großzügigere und lukrativere Geschäfte, als es das Geldwechslergeschäft war. Liebesgaben wurden, statt an arme Studenten verteilt, an jüdische Händler um teures Geld verkauft: ebenso wurden Stoffe, die die „Wirtschaftshilfe" aus England fast geschenkt erhalten hatte, jüdischen Textilfirmen überlassen, was den Absichten der Spender sicher nicht entsprach. Herr Feingold hat nicht nur den hakenkreuzlerischen Leiter der