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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-05-28 · 22 (28.5.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
22 (28.5.1926)
Date
1926-05-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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fcett »vr sich gebt, wie vet der Einäscherung oder in fahren und Jahrzehnten wie bei der Erdbestattung, ist sachlich ganz «telchgültig. Der jüdische Liberalismus steht wie einst der Pharisäismus auf dem Standpunkt, daß das religiöse Leben nicht starr nach dem Buchstaben der Heiligen Schrift und dem Wortlaut von Lehren der späteren Zeit beurteilt werden darf, sondern tu lebendiger Entwicklung weitergebildet merden muh. Aber während die Pharisäer der Entwicklung in der Weise Rechnung trugen, dah sie durch eine Fülle religiöser Vorschriften und Handlungen das ganze Leben so zu gestalten suchten, dah möglichst jeder Augenblick religiös bestimmt erschien, ist der moderne Liberalismus der Meinung, dah nicht die stille, sondern die Intensität der religiösen Formen wesentlich ist. und dah die Fülle der Formen leicht zu einer Uebersättigung und damit zur Schädigung wirklicher Religiosität führen kann. Es ist eben der grundlegende Unterschied in der seelischen Einstellung des antiken und des modernen Menschen. Der antike Mensch konnte sich nicht aennq tun in dem-Ausdruck seiner Gefühle, der moderne Mensch ist mit dem Ausdruck seiner Empfindungen sparsam und zurückhaltend, ihm erscheint fall als Entblößung des eigenen Seelenlebens, was dem antiken Menschen der selbstverständlich gebotene Ausdruck der Gefühle war. Schon darum werden wir mit neuen Verboten und Einschränkungen außerordentlich vorsichtig sein müssen. Aber wir müssen grundsätzlich viel weiter geben. Wir bestreiten überhaupt den Bcgriss des „Religionsgesetzes". So wenig man sich mit allen Ausführungen in Mendelssohns „Jerusalem" wird einverstanden erklären können, so sehr sind seine grundlegenden Erörterungen über Religion und Staat anzuerkennen. Der Staat gibt Gesetze, die Religion Lehren: der Staat zwinat. die Religion mahnt und fordert. Damit ist nicht im Widerspruch die Geltung des Sittcngesetzes, auch keineswegs im Widerspruch, dah die Religion Handlungen und Unterlassungen, abgesehen von dem rein Sittlichen, fordert. Wohl aber ist es in sich widerspruchsvoll, dah religiöse Forderungen nach juristischer Methode festgestellt werden. Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen, wie es kommt, dah gerade die Pharisäer die äußere Gestaltung des religiösen Lebens in juristischer Methode formuliert haben, es ist auch ohne weiteres zuzugebeu, daß ähnliches in anderen Religionsgemeinschaften der Fall ist. Es mag lediglich darauf hingewiesen .werden, daß diese Methode die Gefahr in sich birgt, daß man wohl die Teile in der Hand hält, dah darüber aber das geistige Band verloren geht. Religiöses Leben verlangt ein großes Maß von Freiheit, die keineswegs gleichbedeutend ist mit Willkür. Wir wissen, dah Religion ohne äußere Form nicht denkbar ist. aber wir stehen den Formen frei gegenüber. nicht ln sklavischer Abhängigkeit und nickt in unbedingter ebenso sklavischer Ablehnung, die in gleicher Weise unfrei ist. wie die unbedingte Unterwerfung. Wir werden jede Form wahren, die Ausdruck eines religiösen Gedankens oder Empfindens ist oder religiöse Gedanken und Empfindungen auszulösen geeignet ist. Aber Formen und Bindungen, die uns nichts sagen können werden wir im Interesse der Religion nicht aufrecht erhalten. Andererseits werden mir den veränderten Verhältnissen auch dadurch gerecht zu werden versuchen, daß wir gegebenenfalls Neues einrichtcn. Von solchen Neuerungen seien hier nur als Beispiele -erwähnt die Orgel. Gebete in der Landessprache. die Konfirmation der Mädchen u. dgl. Die Feuerbestattung ist nicht etwas, was wir Liberalen einführcn. um es an die Stelle der früheren Form zu setzen, sondern etwas, was das Leben und die Entwicklung ohnehin neben die Form der Erdbestattuna gestellt hat. Es liegt kein zwingender Grund vor. sich der Feuerbestattung ablehnend gegenüberzustellen. wir sind vielmehr der Meinung, daß beide Formen durchaus gleichwertig nebeneinander stehen. Wit' werden darauf zu dringen haben, daß die Traucrfeicr bei Feuerbestattungen in gleicher Weis,' wie bei Erdbestatinngen in religiöser Form vor sich geht. Ich sehe keinen Anlaß, für Einäscherungen ein anderes Ritual sestzuietzen als bei Erdbcstaltungen Wir werden ferner wünschen daß Leichenwaschung und -bekleiduna auch vor der Einäscherung in gleicher Weise erfolgt, und daß die Urnen auf unseren Friedhöfen in die Erde gebettet werden. Das Menschenleben ist etwas von Gott Geheiligtes, und wenn cs ausklingt, ist die Bergung der irdischen ttcberreste ein heiliger und religiös zu weihender Augenblick. Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu! Austritt aus dem Judentum Bon Dr. C. P. Jenkwitz. Berlin. Vor 50 Jahren fanden im Preußischen Landtag die ersten Verhandlungen des Gesetzentwurfes über den Austritt aus dem Judentum statt. Interessant für die Vorgeschichte des Gesetzes ist es, daß derselbe nicht sowohl von liberalals von konservativ-jüdischer Seite dringend verlangt wurde. Die fortgeschrittenen Elemente unter unseren Glaubensgeuossen hatten sich bereits ein Menschenaller zuvor auf Dr. Abraham Geigers Anregung unter Dr. Holdheim in der Berliner „Reform" eine eigene Organisation geschaffen, ebenso in Hamburg in der „Tempelgemeinde", die von Heinrich Heine mit der ätzenden Lauge seines Spottes übergossen wurde. Der Zusammenhang mit der Hauptgemeinde wurde jedoch aufrechterhalten, ein Zustand, der bis zum heutigen Tage andauert. Die Orthodoxen aber unter der geistigen Leitung von Rabbiner Samson Raphael Hirsch in Frankfurt a. M. wollten eine von der Hanptgemeinde losgelöste Separatgemeinde mit eigenen Einrichtungen (Kirchhof, Mikwe usw.) ohne Verpflichtung zur Steuerzahlung an die Hauptgemeinde und bestürmten in diesem Sinne die einflußreichen jüdischen Führer der politischen Parteien: Lasker, Bamberger, Oppenheim, Dr. Max Hirsch, Sonnemann u. a. Trotz ganz anderer religiöser Einstellung befürworteten letztere aus Gründen der Gewissensfreiheit den solchen Wünschen Rechnung tragenden Gesetzentwurf der Negierung. Dieser war bereits im Jahre 1873 in einer vom Abgeordneten Lasker beantragten Resolution beschlossen worden, trotzdem dauerte es volle drei Jahre, bis die drei zuständigen Minister des Kultus, des Innern und der Justiz einen entsprechenden Gesetzentwurf ausarbeitetcn» der alsdann allerdings innerhalb weniger Tage in allen drei Lesungen während der letzten Maiwoche beraten und angenommen wurde. Dabei war das Gesetz verhältnismäßig einfach und bestand nur ans wenigen Paragraphen, aber eine Sturmflut von Petitionen — nicht weniger als 88 — setzte seit dem Tage seiner Veröffentlichung, Petitionen, die teils dafür, teils dagegen gerichtet waren, mit Vcrbeverungsvorschlägen und dergleichen ein. Aus den eigentlichen Verhandlungen berücksichtigen wir besonders die Reden -ec jüdischen Abgeordneten Jüstizrat Marburg und Dr. Laster. Warburg-Altona. beiläufig bemerkt, gleich seinem fortschrittlichen Fraktivnskollcgen und langjährigen Vertreter von Niederbarnim im Reichstage, dem berühmten Psychiater Prof. Dr. Mendel. Inhaber deS Eisernen Kreuzes 1. Klasse aus den Feldzügen von 1806 und 70/71, wünschte Erweiterung des Judengesetzes von 1847 und sah vorliegende? Gesetz nur als ü Conto-Zahlung an: er konnte sich also mit den vielen, dagegen geäußerten Bedenken, daß cs öre Existenz des Judentums gefährde, nicht befreunden. Er verbreitete sich eingehend über die drei Gebiete, auf denen sich die Tätigkeit der jüdischen Gemeinden in ethischer Hinsicht bisher segensreich und ersprießlich erwiesen habe: Kultus, Schule und Wohltätigkeit. Insbesondere in bezug ans die letztgenannte bemerkte er zutreffend: „Den Juden ist di,> Wohltätigkeit nicht bloß ein Gebot der Humanität, sondern in der Tat eine religiöse Pflicht, und es kann ja nur willkommen sein, wenn aus diesem Grunde die Gemeinden ititm.'r it >ch Anstalten erhalten und bilden, um helfend ei-n-toreisen. wo die allgemeine Wohlfahrtspflege nicht ausreicht." (Wie zutreffend gerade in bezug auf die jetzige Not der Zeit nach 50 Jahren!) Er sprach im Zusammenhang damit die Zuversicht aus, daß kein human denkender Jude, dem ein Herz für seine Glaubensgenossen im Busen schlage, dem Judentum, auch wenn das Gesetz es erlaube, aus materiellen Gründen, schon seiner sozialen Institutionen wegen den Rücken fehle:» werde. Was den Gottesdienst anlange, so werde derselbe, n'ic Redner prophezeiend bemerkte, auch in Zukunft, irre das Gesetz anch ausfattcn möge, niemals fehlen, weil eben wahre Juden kein Opfer scheuen, um sich den Seelenfrieden zu verschaffen, den nur ein ihren Ansichten entsprechender Gottesdienst gewährleisten könne. Bezüglich der jetzt wieder nach einem halben Jahrhundert brennend gewordenen Frage der jüdischen Volksschulen, verwarf sie Warbnrg vom Standpunkte der konfessionellen Scheidewand, welche die Heranwachsenden Generationen voneinander entferne und entfremde: dadurch werde der Boden gelockert, aus dem nachher der konfessionelle Hader seine Wurzeln schlagen könne. Mag man sich zu dieser vielnmstrittenen Frage stellen wie mair will, so wünschen mir, daß der erhebende Wunsch, mit dem Marburg seine Rede schloß, dereinst zur Wahrheit werde oder Aussicht hätte, in absehbarer Zeit verwirklicht zn werden. „Meine Hoffnung ist. daß dereinst noch einmal eine Zeit kommen wird, wo wenigstens alle guten Menschen sich Kinder eines Gottes fühlen, die sich in Liebe hilfreich die Hände reichen auf ihren Lebenswegen und nicht in konfessionellem Hader sich bekämpfen, mögen auch ihre Anschauungen und Ueberzeugungen über die Verehrung Gottes Himmelweit auseinandergehen." . Abgeordneter Hirsch-Danzig betonte, daß tn Danzig fünf jüdische Gemeinden seit Jahrzehnten existieren, die in vollständiger Eintracht miteinander lebten: der konfessionelle Friede unter den Juden, dessen sich verschiedene christliche Redner so liebevoll annahmen, würde also durch das Austrittsgesetz keineswegs in Frage gestellt werden Andere bemerken, daß die Unterschiede zwischen den verschiedenen religiösen Richtungen bei den Juden so gering seien, daß sich dadurch kein Austritt aus der Hauptgemeinde rechtfertige. Noch andere Redner, wie der Abgeordnete von Stzbel, der berühmte Historiker, als Referent über den Entwurf, wollten den Austretenden einen Anteil am Gemeindevermögen sichern. Es geschah dies nicht aus Wohlwollen gegen das Judentum, sondern aus bestimmten staatspolltischen Erwägungen, die sich aus der damaligen Situation mitten im Kulturkampf ergaben. Man wollte die Rückwirkungen auf die christlichen Konfessionen vermeiden und den dissidentischen Altkathouken den Anteil an dem katholischen Kirchenvermögen sichern.,: Diese Erwägungen fanden bei dem Parlament keine Gegenliebe. Die Laskerschen Amendements zu dem Gesetzentwurf wurden mit einer fast an Einstimmigkeit grenzenden Majorität angenommen. Der damals auf der Höhe seiner parlamentarischen Wirksamkeit stehende Abgeordnete Dr. Eduard Lasker entfaltete auch in dieser Frage ein Meisterstück der Beredsamkeit voll juristischer Schärfe und philosophischer Dialektik, indem er die einzelnen Paragraphen zerpflückte und zergliederte, ihre Annahme empfahl oder verwarf. Dies im einzelnen hier zn erörtern, würde zn weit führen. Auch er entwarf Zukunftsperspektiven, am meisten aber interessiert heute noch sein schönes Glaubensbekenntnis: „Sie wissen» dah ich nicht allein äußerlich der jüdischen Gemeinschaft angehöre, sondern daß ich in ihrem Kern den idealsten Ausdruck finde, der nach dem Zeugnis der Geschichte zum erstenmal der Menschheit in Form eines religiösen Bekenntnisses verkündet worden ist. Ich glaube, baß der wesentliche Inhalt des Judentums in dem Glauben an den einig-einzigen Gott liegt, und daß die Macht dieser lebendigen Ueberzeugung der Gemeinschaft, die ja erst in die Weltgeschichte mit dieser erhabenen Idee eiltactrctcit ifr. solange Dauer geben wird, als uberhanvt Rcligionsgesellschaften existieren. Zu diesem Ausspruch berechtigt mich eine vieltamcndjährige Geschichte des unter niedrigsten Verhältnissen leidenden Judentums." Zum Schluß gab Redner nach dem übereinstimmenden Gutachten allen Mitgliedern großer Gemeinden, die sich an ihn gewandt haben, der Ueberzeugung Ausdruck, daß dieses Gesetz mehr reinigend als auflösend wirken werde. In der Tat hat das Judentum die Probe ganz gut bestanden. Die Befürchtungen, die sich an die Annahme des Gesetzes wegen der Maücnanstritte aus der Gemeinde knüpften, haben sich als hinfällig erwiesen. Das Judentum ist dadurch in seiner Existenz nicht erschüttert worden. Wohl aber droht ihm allmählich in Deutschland der Untergang, wenn die Bevölkerungszisfer immer wieder durch Geburtenrückgang und Austritt gerade der reichen Kreise aus dem Judentum sich verringert. Indes, wie das deutsche Judentum vor 100 Jahren die Taufsenche, der damals selbst erleuchtete Geister, wie Börne, Heine, Saphir, Eduard Gans u. a. unterlagen, überwunden hat, so wird es auch auö dieser Krise siegreich hervorgchen. Umschau Das liberale Judentum rüstet sich zu einem bedeutungsvollen Ereignis. Vom 10. bis 12. Juli findet in London ein internationaler Kongreß liberaler Juden statt, auf dMr neben einigen größeren öffentlichen Vorträgen auch die. Berichte der einzelnen Länder über die Entwicklung öct', Bewegung erstattet' werden sollen und vor allem die eines organischen internationalen Zusammenschlusses der liberalen Juden verwirklicht werden sott. Deutschland wird durch eine stattliche Anzahl führender Liberaler vertreteu sein. Außer dem Vorsitzenden des liberalen Rabbinerverbandes Rabb. Dr. Seligmanu und dem Vorsitzenden der Vereinigung für das liberale Judentum R.-A. Heinrich Stern rechnet man mit der Teilnahme von Baeck, Wiener, Elbogen, Julius Blau n. a. Besonders bedeutsam dürfte das Zusammentreffen mit den amerikanischen Liberalen werden, von denen einige, wie Stephan Wise, auch im Zionismus eine große Rolle spielen. Es wird für die Deutschen interessant sein, einem Zionismus zn begegnen, der. ganz im Gegensatz zn unseren Schild-Haltern des Konservatismus. religiös ansaesprocken reformerisck einacstellt ist und national genau so „100 % amerikanisch" wie der Religion Bist du mit Religion begabt, Wirst du den Gott im All erkennen; Wer niemals Religion gehabt. Wer völlig taub und unbegabt —■ Der wirb der Menschheit Heil verkennen. Und wenn selbst sichtbar wäre Gott — Was nützte das dem Unbegabten? Er hat im irdischdnmpfen Trott i Für Unbegreifliches nur Spott. Weil nie Erkenntnisse ihn labten. Der unbekannte Gott fragt nicht Wieviele ihn mit Namen nennen — In alle senkt er einst sein Licht, Daß ein verborgner Keim aufbricht — Einst werben alle ihn erkennen. Max Rosen selb. Zum vierzigsten Geburtstage Arthur Silbergleits (26. Mai 10*26.) Mit der allgemeinen Ausbreitung unseres herzlosen, innerlich hohlen und mechanisierten Zeitalters, dessen Symbole das hupende Auto und die den neuesten Kurszettel ansfpeiende Rvrativnsmaschinc sind, ist uns die Kultur der Seele verloren gegangen. Gäbe es in Deutschland nur so viel verinnerlichte Menschen als wolkenlos-sonnige Stunden im Jahr. — ein großes Fest würde Unzähligen der Geburtstag dieses zarten, ganz verinnerlichten Lyrikers sein, der oben „nur" Dichter ist. ganz Dichter, und dem sein Künstlertum wie eine Dornenkrone um die Stirn gewunden ist . . . Seltsam, im Bolksaberglanben fungiert „Der Jude" immer noch vielfach als der bloße Diesseitigkeitsmensch, der kalte Raffer. Aber ..Vox populi, voxna. das wollen wir dem lieben Herrgott denn doch nicht antun!" meinte Hille höchst treffend. — Kann m'an sich einen unirdischeren, weltabgewandteren 'Menschen vorstellen, als diesen stillen, ganz von Gott erfüllten jüdischen Poeten, der mit allen Merken des «Schöpfers auf Du und Dir steht, dem alle Sterne verschmistert sind und der uns so viele unvergeßliche Lieder von bezaubernder, volksliedhaster Süße und Innigkeit geschenkt hat?! — Abseits von allen Cliquen und Richtungen, von allen lauten Modeströmungen und lärmendem Tagesgeschrei, ohne äußere Erfolge, auf jedes Reklamegetrommel verzichtend. ist dieser Dichter bisher seinen Weg gegangen und hat auf seine Weise der großen jüdischen Sendung gedient, der Sendung, der das Judentum — ohne wahrhaft praktischen Erfolg — seit Jahrtausenden lebt: er hat Gott verkündet! . . . S i l b er g l e i t ist ein religiöser Dichter! Alle Keime seiner Geistigkeit wurzeln im Judentum. Ururalte jüdische Frömmigkeit hat er aus eine moderne lyrische Formel gebracht. Und doch ist er gleichzeitig ein Schulbeispiel für die nur von Böswilligen geleugnete Tatsache, daß das Echteste und Beste der jüdischen Seele eine unsagbar-wertvolle Bereicherima und Ergänzung der deutschen Dichtung ist; denn dieser Poet schreibt ein so kunstvoll-ziseliertcs und musikalisches Deutsch, wie nur wenige Schriftsteller unserer Tage. Er hat nicht das Glück gehabt, wie ein anderer jüdischer, religiöser Dichter von heute. Lissauer. als Kommerzienratssohn auf die Welt zu kommen, er entstammt einer armen Gleiivitzer Familie. Schon seinen Vater „quälte" der Trieb, künstlerisch zu wirken und er wurde deshalb Photograph. — Irdische Güter hat Silbergleit auf seinem Lebensweg nie zu Gesicht bekommen. Er hat alle Nöte und Bitternisse durchlitten, die der verfeinerte Mensch erdulden muß. welcher der Brutalität dieses Daseins nicht gewachsen ist. Ein wahres Wunder ist'Z säst, daß bei all seinen mühseligen Existenzkämpfen etwa ein halbes Dutzend Bücher von ihm erschienen sind, schmale Hefte voll herrlicher Verse und wundervoller Gedichte in Prosa, die wie mattleuchtende Pastelle wirken, voll frommer Legenden und wie Musik klingende Stimmungsbilder . . . Mau bewundert die hohe Sprachkunst des Dichters lamcht den verborgenen Melodien und freut sich, daß die unendliche Poesie des Judentums hier wieder einmal Wesen und Gestalt geworden ist. Jüdische Symbole, indische Themen kehren immer wieder, bilden den Grundakkord seines Schaffens. Unvergeßlich z. B. unter vielem anderen iene feine Skizze vom Saböatahend, da er als Kind den Vater fragt, warum die Kerzen weinen und der Alte schwermütig erwidert: Die Lichter wissen es. — daö ist Las Los alles Leuchtenden aus Erden: es muß im Dunkel sterben." — Das Hauptwerk Silbergleits ist bisher in vielen Zeitschriften, Anthologien und Zeitungen verstreut, zahlreiche tzkdichte auch in unserer „Jüdisch-Liberalen Zeitung." — Noch hat sich bisher kein Verleger gesunden, der all' die kostbaren Schätze gesammelt hätte. Psalmen und Gebete von einzigartiger Schönheit sind darunter. Gedichte von Gott, die wie Choräle tönen, in denen unsere Dt nt t er spräche zum frommen brausenden Orgelklang wird: „In mix ist alle Leere, In Dir ist alle Macht. Wenn Deine Huld nicht wäre, Ich hauchte keine Nacht! Wenn nicht von Deiner Lende Mir Lust und Leben kam: Ich hübe meine Hände Nicht gen Jerusalem!" „Wie soll ich Dich verkünden, Den Hirt und Herde preist Und den in grünsten Gründen Der Wind willkommen heißt? Soll ich auf Gipfel steigen Zu Wassersturz und Sturm. st Soll ich im Staub mich neigen Vor Dir ein schwacher Wurm?" Und im Liede des Klausners heißt es u. a.» „Was mir der Traum vertraute. Huscht scheu durch meinen Gang Und siedelt in die Laute Sich ein als Gottgesang. Schon fehlt als Klang der Klänge Auch nicht der reichste Reim: An Vaters Hetzen hänge Ich singend, nun daheim." - Dermaleinst, wenn die Fluten unserer verwirrten und veräußerlichten Epoche abgecbbt sein werden, wird man in Deutschland schon erkennen, was für einen Dichter unsere Zeit in Silbergleit besaß! Vieles, was er schrieb, manche seiner Psalmen und religiösen Lieder werden noch lebendig sein und wirken, wenn anderes, heute Berühmtes längst in den Grüften der „Literaturgeschichte" den ewigen Schlaf schläft. — Schließlich schreibt aber kein Antor bloß für seine vier Wände! — Wir wünschen dem Dichter zum heutigen Geburtstage, daß er seinen Ruhm, der sicher einmal kommen wird, noch erleben möge! . . . Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin.

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