Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 21 (21.5.1926)
- Date
- 1926-05-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitglieder fiitM in den *5SdftlerItflcn standen und io in die Lage verletzt wurden, das Wahlergebnis zu beeinflussen. Ter Hinweis, das; die Wählerlisten zur öffentlichen Einsicht ausgclegen haben. ist kein genügender Entschuldigungsgruud für daö nachlässige A, beiten des Wahlkommissars. Schon allem die Tatsache, das; mehrere laufend Wähler nachträglich als Wähler anerkannt werden muhten, zeugt davon, mit welcher Leichtfertigkeit der Wahlkommiffgr reiv. icinc Organe ihre verantwortungsvolle Arbeit ansgeführt habe». Mm» möchte beinahe annehmen, das, ein System darin lag. der großen Masse der Wähler die Einsichtnahme in die Liste zu erschweren. Eine andere Erklärung habe ich für die Tatsache nicht, daß die öfsentliche Einsichtnahme der Liste nur in der Oranienburger Straße möglich war. Bei allen politischen Wahlen gibt die Stadt den Wählern die Möglichkeit, die Wählerlisten in der nächsten Nähe ihrer Wohnung zu prüfen. ES wäre zum mindesten Pflicht gewesen, in allen Synagogen den Wählern die Möglichkeit der Einsichtnahme in die Wahlliste ,;n geben. iyui* den Geist, in dem der Wahlkommissar sein Amt auoübtc. ist folgendes Borlommnis bezeichnend: Bei Eröffnung des Wahlaktes stellte es sich heraus, das; einer der Beisitzer ohne Entschuldigung fehlte. ,'*m Lause des Tages erschien der •'öcn\ tun seine Stimme abzugeben. Ans die fragen des Wahlvvrstaudcs erllärtc er: Herr .Sloreiti habe ihn von der Arbeit am Wahltische benrlaul't. da er mit Arbeiten für die „jüdische Voltspartei" überhänit fei. Ob diese Erklaruna wörtlich io abgegeben worden ist. will;ch nicht behaupten, jedoch stimmt der Sinn genau mit dem Prötokvllvermerk des Wahlnorstandes des Wahlbezirks 7 überein. Herr Korcifi hat es nicht als notivendig crachtci. jemand anderes als Stcllvcrrretcr Z'.x bcstunmcn. Aus attcll diesen Vorgängen kann man nur die Lehre ziehen, das, der Gemeinde nahe gelegt werden mns;. zum Wahltounnissar jemand z» ernennen, der der Arbeit gewachsen ist und der das notwendige BerantwortungSgesii'.-.l für einen derartigen Posten besitzt. n m c s Silber >t e i n. ♦»♦♦»♦»♦444444444444444444444♦4444444»♦»+•♦ »♦44444»♦♦♦♦»« i K! Die jüdische Gegenwart § || f #iMMM«mttttttfAtmtttttt*uf***********A***AA*»*>A*'>AA* Das Leben in der jüdischen Gemeinde im ..Freistaat Danzig". Von A. Lichtenfel d. Tic politische Abschnürung der ehemals reiMsdeniiMen Sanfestadt Danzig oom Reiche auf Grund des „Versailler riedensvertrages" und die Normierung als „Freistaat" haben wie in politischer Beziehung-so auch bezüglich des jüdisch-religiösen Lebens dort Veränderungen geschaffen, die sich in den letztucrgangenen fahren mit Nüctsicht ans die politischen Grenzverhältnisse nach Polen hin ausgewirkt haben. Tie Berändcrungen zeigen sich in mehr wirtschaftlicher und sozialer als religiöser Art und beeinflussen den Etat der Danziger Synagogen-Gemeinde stark gegen früher, wenngleich arlch durch den Zustrom der ostiüdischen Glaubensgenossen nach dem non der polnische» Grcnzseite her politisch offenen „Freistaat" die religiöse Struktur des Gemeinde lebens sichtbar beeinflußt ist. Die religiöse Schichtung der jüdischen Bcnölkernng in Danzig war früher ganz eigenartiger Natur. Nicht wie in anderen deutschen Städten hatte die' Danziger Indenichast eine einheitliche Leitung, vielmehr bestanden früher am Orte au Stelle der erst zu Anfang bcr SOcr Zähre des »origen Jahr Hunderts unter besonderen Begleiterscheinungen, von denen noch gesprochen werden soll, zusammcngesaßten Einheitsgemeinde fünf getrennte Achillas, eigentlich Vereine, deren jede ihre eigene Synagoge, Knltzesdemnte, Verwaltung ufw. hatte. Diese Zwcrggemcinden grenzten sich räumlich bczirks weise innerhalb der Stadtgemeindc lohne die damals noch nicht eingemeindeten Vorortes ab, begünstigt durch die altertümliche bauliche Eigenart des Stadtbildes. Es bedurfte, wie augedeutet, zu Beginn der 80cr Zähre des vorigen Jahrhunderts langwieriger Verhandlungen und der Znitiative und Organifationstätigteit weitausschauender, modern gesinnter Männer, um die Einigkeit des Gemeindelcbens vorzubereitcn und an die Stelle der „Vereine" eine cinheit liche Großgcmeinde zu setzen, die, von einer modern-orientterten Gemeinde-Verwaltung geleitet, befruchtend aus das füdischc Gcmcindclcben sowohl der Stadt wie der ganzen Provinz sich auswirkte. An die Stelle der oltehrwürdigen kleinen Gotteshäuser, Zeugen einer nun längst entschwundenen Vergangenheit und der einstigen lokalen Trennung, schasste die geeinte Synagogen-Gemeinde sich einen herrlichen, der Neuzeit angcpatzten Synagogenbau, der architektonisch noch jetzt, nach fast .">0 Zähren, einer der schönsten Bauten der Stadt ist. Die Namen der Schöpfer der Eiuhcilsgemeinde und der „Neuen Synagoge", Rabbiner Tr. E. Werner und Gustav Davisohn, leben heute noch lebendig in der treuen Erinnerung der Danziger Glaubensgenossen des vorigen und des ietzigen Geschlechtes. Der Name des im Jahre in München als Rabbiner der Münchener Synagogen-Gemeinde verstorbenen Dr. E. Werner ist s. Z. von Danzig aus weit über die Greirzeu der Stadt durch feine ungewöhnliche Rcdebcgabnng und Pivviertätigkeit als Mitbegründer des „Ecutralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" bekanntgeworden. Das Andenken an seine Wirtsamleit in Danzig während der Dauer von an. nähernd drei Zahrzehntcn lebt ungemindert und unauslöschlich in den Herzen aller Danziger sowie aller derer, die s. Z. in Danzig lebten. Znr Erläuterung der eigenartigen lokalen Zustände mögen einige Sätze aus dem Vorwort zrc dem im Zähre 1887 von Herrn Rabbiner Dr. Werner für die „Neue Srmagoge in Danzig" ausgearbeiieten Gebetbuch hier cingefügt werden: „Eigentümlich gestaltet, wie vielleicht in keiner zweiten Gemeinde Deutschlands, ivarcn die „Verbände", in denen sich die Danziger Zsraelitcn bisher zur religiösen Gemeinschaft vereinigten. Ursprünglich bestanden in den vier Vorstädten Altschotlland. Weinberg. Mattenbnden und Langsithr voneinander getrennte Zsraclitcngcmeinden, zu denen »och diejenigen Glavbensgenoisev hinzntawen, welche sich in der Stadt anshallev durste». Dan dem so war in den traurigen Z,eiten, in welchen unsere Vorsahrem zersircut wohnen »rußten, tfi verständlich. . das; sich aber während der vielen Zahrzelmte. \\\ denen die Zsraelitcn innerhalb der Mauern unserer Stadt oereim waren, die fünf Bruchteile nicht zu einem einheitlichen Ganzen verbunden haben, ist abnorm. Sv lebten die fünf Zsraclitenvcrbände nebeneinander, jeder hatte seine Snnagoge, seine Verwaltung und seine besonderen Institutionen. Der Kultus, die Rcligionsichule und die anderen Gemeinde-Einrichtiuigeii kannten durch solche Zersplitterung natürlich nur leiden. Nicht religiöse Dlijerenzen bildeten die anscheinend nnanssnllbare Kluft zwischen Gemeinde und Gemeinde, nicht soziale Ge sichtsvnvlte verhinderten die Verbindung der fünf Glieder zu einenc Ganzen, nur die Gcn'vhnhcit lals Pietät bezeichnetl und die E.nghcrzigleil trugen wiederholt auch hier den Sieg davon, sobald eine Vereinigung geplant wurde." Man kann die angedcntcten patriarchalischen Zustände, die vormals ans den gegebenen örtlichen Verhältnissen heraus sich entwickelt hatten und diesen angepaßt waren, und die man dann später ungern missen wollte, begreiflicherweise mit der Eigenart der kleinen Kobilla erklären, in der die ersten „Größen" dieser „Verbände" nichts von ihrem Komet preisgeben wollten. Ehedem gab es in Danzig einen harten Stamm von an gesehenen und begüterten jüdischen Familien, die zur Eilte der Bevölkerung zählten. Das Verhältnis der Konfessionen zueinander war stets und ist auch heute noch ein ungetrübtes. Ganz besonders de> erwähnte Rabbiner Tr. Werner war al>' Redner auch in anderskoufenionellen Kreiicn und Vereinen sehr geschätzt. Wenn wir weiter zurnckgreifcn, begegnen nur in der Vergangenheit der Einzelgcmcinden n. a. Namen wie Rabbiner Dr. Gronemann, spater Landlabbincr i» -Hannover, Kantor L'evmann, Kantor Löwenil,al. Die Aendernng der tvirtschaiilichen Lage nach dein Kriege hat leider auch eine Umschichtung der pekuniären Verhältnisse der Danziger Zndcnschaft mit sich gebracht. Die auf die Geldinilation solgcnde Zeit führte einen überaus starken Zremdenznstroin nach Danzia, da viele icntcr den; englischen Regiine,.goldene Berge" erwarteten. Die Geldinstitute schossen sait über Nachf ans dem Boden, und sowohl von Preußen wie vom Ausland her wurde Danzig von Zuzug überschwemmt, ganz besonders von Polen her, welches für seine Staatsangehörigen aus begreiflichen Gründen die. lKrenznberichrcitnng nach Danzig erleichtert hat. Aber die pekuniäre Ernüchterung folgte nur zu bald. Die Danziger Zudensüiaft und die dortige Lyuagogen-Gcme.inde .waren ptütztich vor gänzlicb veränderte Verhältnisse gehellt. Die Linderung und Hilfe der Not der non Polen zuströwenden Scharen non Glaubensgenossen, deren Strom sich in den Zähren norher nach den großen Städten Deutschlands hin crf;oiicn hatte und nun über Danzig den Weg über den „großen Deich" zu erreichen trachtete, ücttte die Danziger Synagogen-Gemeinde vor völlig veränderte, nnübersehbare Verhältnisse, für die erst allmählich der Boden vorbereitet und geebnet werden mutzte. Zn Verhandlungen zwischen den am Ort seit Jahrzehnten bestehenden Wohlfahrtsvereinelt einerseits und mit den glaubensgenössischen Institutionen in Warschau und der pvlnischen Regierung andererseits wurde in mühevoller organisatorischer Pionierarbeit der Boden für das in den jüngstvergangenen Zähren ins Leben gerufene Hilfswcrk für Durch- und Auswanderer geschaffen, das inzwischen vielen Tausenden unserer vstjüdischen Glaubensgenossen Segen und .Hilfe brachte. Es wurden Unterkunftsräume und Spcisemöglichkeiten bereitgestellt und damit das Fundament für die vorübergehende Nnterbringung der zeitweise au .Hunderten zählenden jüdischen Flüchtlinge geschaffen, die einer ncnen Heimat znsirebten. Zn diesem unter dem Signum „.Hilssnerein für jüdische Emigranten ,Einigdirekt'" znsammengefaßten .Hilfswerk machte sich in hervorragender Weise der leider vor einigen Wochen in Danzig verewigte dortige Rabbiner Dr. Robert Kaeltcr verdient, neben ihm der gleichfalls daselbst wirtende derzeitige Rabbinats-Steltverlretcr Tr. David Weiß. Der Zustrom der vstjüdischen Glaubensgenvvcu bewirkte naturgemäß eine Veränderung der pekuniären Sitltation der Danziger Snnagogengemeiude lind eine starke Anspannung der sozialeil .Hilfstätigtcit in vorher nie gefordertem Ausmaße. Die ganz auf sich selbst gehellte Synagogen-Gemeindc hat es in diesen schweren Zähren nicht an segensreichem Wirken fehlen lauen: he zählt in den Reihen ihrer «üemeinde Mitglieder Gla>tbeitsgc»offen von begeiherte m jüdischen Empfinden und nie veriagcitdem glmlbcnsbrüderlichen Wirken. Die gewaltsame Abschnürung von, deutschen Mntlerlande. mit dem es jahrlinudertclang eine Einheit gebildet hat in traditioneller Gewöhnung deutscher Gleichheit in lZicfühl. Gedankenwelt, Währung und jegl icher Verbindung gleich - gesinnter und geschäftlicher Z.uiammengehörigkeit, hat ihr sichtbarstes Rkerkmal in der Schaffung einer örtlichen Separat-Währuiig gefunden. Zetzt ist der „Freistaat" gegen Deutschland iah obgeriegelt, nur a,ii ichivierigeci Umwegen mit Paß- und Zoll-Schwierigkeiten -- ivodlirch die. Preise der eingcsührten Waren ganz erheblich belastet werdet, wie. fremdes Ausland zu erreichen, dagegen von Polen her als willtommencs, ollen es Einsallsgebiet betrachtet. Ob der räirmlich eingezwängte „Freistaat" -- von allen Kundigen als ein politisches Unding bezeichnet, das lediglich krasser Unverstand geschossen — sich aus die Dauer politisch wie wirtschaftlich wird halten können, das zu entscheiden, gehört nicht zum Thema dieses Aufsatzes. Wie bereits ermähnt, teilen sich eine Anzahl seit Za.hr-, zehnten bestehender charitativer Vereine lEhcwra. Sterbekahe. Armcn-Unterftütznngs-, s\ranlenpflege-, Zranenuerein. Zweigstellen der jüdischen Logen und des „Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen l^lanbens"! in die vielfachen "Verzweigungen der örtlichen Wolilfahrtsbestrebnngen. Ten Mittelpunkt des religiösen Lebens bildet seit ihrem Bestehen — nun bald all Zahre — die „Nene Synagoge", in der nach einem ans Traditionellem und Ntodernem zusammengesetzten Ritus mit Orgel und gemischtem Ehor gebetet wird, dadurch die Verbindung zwisclien Provinz und .Hauptstadt betonend. Ans der Kanzel dieses herrlichen Gotteshauses wirkten und tündeten das läotteswort nach dem Schöpfer des ersten für die Einheitsgcmcinde heransgegcbenen Gebetbuches nach neuem Ritus, dem verewigten Rab- Inner Dr. Werner, n. a. die Herren stlabbiner Dr. Blumenthal. seit 1000 in Berlin, »nd Rabbiner Dr. Zrendenthal, jetzt in Nürnberg. Der Rabbiner liberaler Riststnng, den >üe Synagogengemein de de,«nächst an Stelle des kürzlich verewigten Rabbiner Dr. Kaeltcr an die Spitze der <^iemeindc berufen wird, findet in jeder Hinsicht einen überaus reichen und sozial interestanteni bedeutungsvollen Wirkungskreis vor. Als Kantoren fungierten in früheren Zähren u. a. die setzt in Berlin tätigen Herren KanGren Kalischer und Zaeoby: derzeit fungiert als erster K'äntor seit ungefähr zwei Zahrzehntcn Herr Oberkantor Meisel. Daneben ist eine alte Synagoge (die ehemalige „Mattenbndener"l zur Wahrung des orthodoxen Ritus vorhanden. Die ostiüdischen Glanbensörüder verrichten ihre Andacht arr separater Stätte in ihrer gewohnten Art. Die räumliche Ausweitung der Stadt, nachdem die ein» engenden Zestungsmällc vor einigen Zahrzehnten fielen. nach den eingemeindeten Vororten hin machte in neuerer Zeit die Einrichtung von Z.weiggottcsdicnsten in den Vororten Langsuhr und Oliva nötig. Der jüdische Religionsunterricht wird in modern orgsnisierier Weise sowohl in einer Retigionsschnlc wie auch «it den höheren Lehranstalten der Stadt erteilt. Der Voritand sst Lessing und Mendelssohn. Von S. M c i s e l s. Rennt man den Namen Lcfsing, so ist es uns, als tauchrc urplötzlich ans stark bewölktem Himmel ein strahlender Stern hervor, der. feiner Sendung bewußt, in leuchtendem Mut und ln mutigem Leuchten Wolkenmancn zerteilt und Nebelschleier zerreißt, auf daß das Licht sich sieghaft die Welt erobere. Lessing bedeutet noch immer das Signum des .Kampfes gegen Unkultur und Barbarei, gegen Nudnldsamkeit und Vorurteile jeglicher Art. Lessing ist der große, edle, tapfere Mensch, der alles, was er sonst noch mar: den großen j Dichter, den scharfsinnigen Kritiker, den geistvollen Lite- > raten — durch die hohe Würde wahren Menschentums überragt. - Es gibt in der deutschen Literatur leinen zweiten Namen, der -eu Zuden so teuer wäre, wie der Name Gotthold Ephraim Lessing. Für uns bedeutet Lessing nicht nur einen denkwürdigen Slbschnitt in der Literatur und einen Wendepunkt in der Geistesgeschichtc — für uns ist Lessing vermöge der Zdee, die er verkörpert und die noch immer im Leben der Verwirklichung harrt, ein Stück Gegenwartsprvgramm. Trotz der erlangten Aufgeklärtheit und der errungenen Freiheit gibt cs noch so viele anfzuklärev und zu befreien, versteht sich, im Sinne Lessings auszuklären und zu befreien, daß uns der Schöpfer des „Nathan" heute noch "Wegweiser zum Ziele sein kann, lieber die Bedeutung Lessings für die Gegenwart ließe sich vieles sagen. Das Wesentlichste in Kürze hierüber hat Georg Witkomski in der Einleitung ,'»n seiner im Bibliographischen Znstitut zu Leipzig erschienenen Lessing-Ausgabe — nebenbei bemerkt, eine vorzügliche, kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, die alles das enthält, was geeignet ist, non der Persönlichkeit und dein Schaffen Lessings ein vollständiges und zutreffendes Bild zic gewähren — klar und schön ausgesprochen. „Ans ewigen Sitzen", so schreibt Witkomski, „erhaben über das Getriebe der Nachwelt, thronen, Göttern gleich, die Großen unserer klassischen Zeit. Noch immer wenden wir dankbar bewundernd, Hilfe n>cd Erhebung suchend, unsere Blicke zu ihnen, aber wollen wir ihnen nähen, so müssen wir uns ans der ruhelosen Gegenwart in ihre stille, hohe Welt der Ideale htnausschwingett. Nur einer läßt sich noch jetzt bewegen, unter uns zn treten, die Schlachten für du' Freiheit der Wissenschaft, der Kunst, des Glaubens mitznschlagen: Lessing. der Kämpfer, Lessing, der Befreier!" Eng verbunden mit dem Kämpfer Lessing ist fein Mitkämpfer Moses Mendelssohn. Berthold Auerbach bat einmal das kernige Wort geprägt, Schiller und Goethe feien ein Dtphtong der deutschen Klassiker. Mit gleichem Recht könnte man sagen, Lessing und Mendelssohn seien ein Diphtoug der dcuticheii Anstläruugsepochc. Der Freundschastsbuvd zwischen Mendelssohn und Lessing har viele gute, reife Früchte gezeitigt, au deren Genuß die Nachwelt sich laben durfte. Aber Moses Mendelssohn hat ein gut Teil seiner Persönlichkeit »itf dem Altar dieses Freundschaftsbnndes zum Opfer gebracht, das will sagen: die Nachwelt hat ein gut Teil seiner Persönlichkeit auf dem Altar dieses Frenndschafts- Hundes geopfert. Mendelssohn wurde allzuviel als Freund Lessings gefeiert und dadurch zu einem Trabanten herabgesetzt, der von einem Planeten ictit Licht empfängt. Und dennoch war Mendelssohn, >;m im Bilde zu bleiben, ein Lenchtkörper für sich, und er gab ebensoviel, als er empfing. Mendelssohn steht fixr sich, und er muß, soll seine ganze Persönlichkeit gerecht gewertet werden, als Ganzer, der, durch niemand gestützt, non keinem abhängig, ganze Arbeit verrichtete, erfaßt werden, ststan darf vor allem ob der Einheitlichkeit seines Charakters die Vielseitigkeit seines Schaffens nicht außer acht lassen. Nur, wer vor dem Umweg non den Werken Mendelssohns zu ihm selbst nicht znrückschent. vermag dieser Persönlichkeit gerecht zu werden. Mendelssohn liat die verschiedensten Samenkörner nach vielen Richtirngen gestreut. Er hat Taten vollbracht, Werke geschaffen, die insgesamt, weil sie einer Grundidee, der der Hitnurnität ciitnanrmcn, ein cinheitkiches Lcbcnsivcrl bilden. Leising war immer mir Lessing, in allem n»d jedem nur Lessing. als Kritiker, als Kultnrkämpfer, als Dichter, als Philosoph derselbe Geistcsheros, an seinen blanken Geisteswafsen deictlich erkennbar. Die Größe Lessings zeigt sich darin, daß er in der Geistesgeschichtc ohne Beinamen dasieht: der "Name Lessing allein ist Sinn und Inhalt seines Wirkens und seines Schaffens. Ueber Mendelssohn aber waltete das Verhängnis, daß man stets statt des gesamten Lebeuswerkcs nur einzelne Werte als Wertmesser für seine Persönlichkeit heravzog. Statt die Einheitlichkeit der Werke durch deic Mann, der sic schuf, luicdcrherznstellcii, wurde der Mann durch seine Werke seines einheitlichen Eharaktcrs beraubt. Man dehnte in der Regel die Wertung, die bloß eine einzelne Leistung betras, auf den ganzen Mann ans. Deshalb wurde Mendelssohn mit so vielen Beinamen belastet. Der Schöpfer des „Phädon" erhielt den fchöuklingendeik Namen eines „deutschen Plato", der Bibelübersetzer den nicht minder klangvollen Namen eines „jüdischen Luther", die vrthvdoxeu Jude»», die ihn als Reformator haßten, nannte» ihn „Moses Dessauer", die Hebraisten, die ihn als Begründer einer neuhebräischen Knlrnr abgüttisä) verehrten, nannten ihn „Ben Meuachem". Diese Bietnamerei hat die Persönlichkeit Mendelssohn geradezu erdrückt: diese Namen nmrankteu ihn und »rächten ihn wie in einem Vexierbild nnfichtvar. Jeder dieser Beinamen bezeichnet bloß eine einzelne Ausstrahlung dieses Geistes: hat man erst die einzelnen Strahlen in einem Brennpunkt gesammelt, so kommt die leuchtende Gestalt des ganzen Moses Mendelssohn zum Vorschein. Leising und Mendetssahnl Selten hat das Ideal ber Freundschaft einen ähnlichen Triumph gefeiert, wie durch die brüderliche Vereinigung zweier Geister, die auf dem Wege zur Humanität Und Weisheit einander begegneten. Wie verschieden waren doctr Lessing und Mendelssohn in ihrem innersten Wesen, und deinroch erkannten sic, nachdem sic einander gefunden hatten, daß sie füreinander geschaffen waren. Lessing war eine impulsive Natur voll Leidenschaftlichkeit und Kawpsessrendigteit, Mendelssohn mar ruhig und bedachtsam, selbst im Kampfe von einer stoischen Gelassenheit: Lessing liebte die zermalmende Kritik, Mendelssohn die ruhig-sachliche Auseinandersetzung: Lessing war von sprühendem Scharfsinn, Mendelssohn von philosophischer Abgeklärtheit. Lessing war zum heldenhaften Führer, Mendelssohn zum tapfer» Mitstreiter geschasfen. klud in der Tat focht Mendelssohn tapfer an der Seite seines Freundes, er war ein Mitstreiter Lessing im Kampfe gegen Plattheit und Halbheit, gegen Vornneil und Aberglauben, gegen philosophische Phrase und überliefertes Zopftum. War er auch nicht von einer besonderen Kampfeslust beseelt, so war er dennoch nicht der Mann, der sich, einem Gegner gegenübergestellt, zaghaft um die Ecke drückt und die Flinte ins Korn wirft. Daß sich diese zwei Männer trotz oder gerade ivegen ihrer Gegensätze anzogen imd einen Freu'ndschaftsbund schlossen, das war ein Gcwinu für ihr eigenes Leben und ein unschätzbarer Gewinn für die gesamte deutsche Geistesknltnr. Diese zwei Männer des Geistes haben auf ihre Zeit einen mächtigen Einflixß geübt. Was verschwommen, halbdunkel, im Geiste des Volkes gärte, was vom Volke unklar, ahnend bloß empfunden ward, das erlangte im Geiste dieser Denker seine Abklärung. Sie haben die im Zeitenschoße schlummernden Ideen geweckt und ins Leben hineingetragen. Ein neuer Geist regte sich damals allerorten in den deutschen Landen,, der Wissensdrang wurde immer stärker, das Streben nach Aufklärung, nach Befreiung von den starren Formen, die dazumal die Gesellschaft gebannt hielten, immer mächtiger. Man hörte in der Lust neue Banner wehen: allein die Bannerträger fehlten noch. Und die Bannerträger kamen. Um diese Zeit, in ein und demselben Jahre, wurden Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn geboren. Und diese zwei Geisteshelden, die vereint, öen gleichen Zielen zustrebend, durchs Leben gingen, haben ihrer nnd der kommenden Zeit!»as erlösende Mort gesprochen.