Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 21 (21.5.1926)
- Date
- 1926-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mai 1926 6, Jahrgang Aach den Berliner Wahlen. nicht tcUftcmimmett. Die Berliner Wähl erschall wird Was nun? Nun hat die Berliner Wählerschaft gesprochen. Bon insgesamt etwa 501WX) Stimmen haben die liberalen 33 50t>. die Zionisten 16000, die Mittelparteien 5500, öie Konservativen 3000, die Poale-Zionisten *2000 Stimmen erlxlltcn. Nachdem am Montag der Wahl- Prüfungsausschuß gesprochen hat. steht danach fest, daß Die liberalen 10, die Zionisten 8, die Mittelparteien 2 und die Konservativen 1 Mandat erhalten haben, während Paale Zion ausgefallen ist. Der Besitzstand der Liberalen ist somit erhalten geblieben. Tie Konservativen und Mittelparteiler haben außerordentlich schlecht abgeschnitten und werden zugunsten der zionistischen Sitze gewaltig geschwächt, in die neue Versammlung cinziehen. Den Erfolg des Tages können die Zionisten für sich verzeichnen. So hat die Berliner Wählerschaft gesprochen. Oder doch nicht? Das, was wir in unserem letzten Leitartikel vorausgesagt haben, ist ei »getreten. Die Berliner Nichtwählerschaft hat diesmal den Ansschlag gegeben. Während in den Berliner ostjirdiichen Be- «itfen. 60 bis. 90 Prozent Wahlbeteiligung sestgestellt ryurde, betrug sie im Berliner Westen und in den Außenbezirken teilweise noch nicht einmal 30 Prozent. El^ ist also der nn?rhört? imd für eine Gemeinde von -er kulturellen Bedeutung der Berliner beschämende ^akl einKetreten, daß nicht die Träger -er deutschjüdischen Kultur, sondern in hiesige Verhältnisse unkundige Elemente bewirkt haben. daß in den nächsten Jahren die Repräsentantenversammlung nur ein verzerrtes Bild der Berliner Jndenheit därstellcn wird. Es hat keinen Sinn, in diesem Augenblick, der jeden deutschgesinnten Juden mit nicht gerade erfreulichen Gefühlen erfüllen muß, Schuldfragen zu erörtern, stzarrz sicher hat die liberale Organisation in den letzten Wochen Großes geleistet. Eine Opferwilligkeit und Begeisterung ohnegleichen hatte unsere Helfer ergriffen. Die Arbeit der Liberalen am Wahltage selbst — das haben sogar Vertreter anderer Organisationen anerkannt — war geradezu mustergültig. Dafür muß allen unseren Freunden an dieser Stelle Dank ausgesprochen werden. Es muß aber auch noch etwas anderes gesagt werden. Nicht überall wurde, wie dies bei allen unseren liberalen freunden der Fall war, erkannt, um was es bei diesen Wahlen ging. Daß nämlich nicht wie bei früheren Gemeindewahlen nur religiöse Fragen im Vordergrund standen, sondern daß durch das laute Auftreten der „Jüdischen Volkspartei" und durch deren Begünstigung seitens der Konservativen und Mittelparteiler die Berliner Nepräsentanienwahlen zu einer Angelegenheit geworden sind, die für die politische Lage des deutschen Judentums von gewaltiger Bedeutung ist. Wenn z. B. das Organ des „CentralVereins deutscher Staatsbürger jüdischen (Aaubens" Berliner Repräsentantenmahlen in einer Briefkastennotiz erledigen zu können glaubt und als Leitartikel in diesen Wochen Untersuchungen über das Verhältnis von Erotik und Rasse veröffentlicht, dann konnte das nach der Ansicht Bieter kaum dazu beitragen, die deutschjüdische Wählerschaft ivachzurütteln. lieber all dicic Dinge wird noch eingehend zu reden sein. Und es wird auch darüber zu reden sein, in welcher Art und Weise der amtliche Wahlleiter, der Zionist Kareski. die Wahlen organisiert hat Es gibt kaum eilte Vorschrift des Statuts der Berliner jüdischen Gemeinde. das ein amtlicher Wahlvorsteher doch kennen sollte, die nicht in der flagrantesten Weise verletzt worden wäre. Und cs muß ganz besonders peinlich berühren, daß Herr Kareski nur solange tätig gewesen ist. wie seine Tätigkeit seiner P a r t e i zugute kommen konnte. Da ist nichts versäumt worden, um durch »günstige" Legung der Wahllokale, eigenartige Einteilung der Bezirke und willkürliche Nachtragnngeu in die Wählerliste ein wenia „corrige.r lr f&rtune** zu spielen. Als aber das vorläufige Wahlergebnis die „erfolgreiche" Tätigkeit des amtlichen und halbamtlich-zionistischen Wahlleiters Kareiki ergab, da konnte er nicht eilig genug die Koster packen. Entgegen der klaren Vorschrift des $ 27 des Gemeindestatuts hat Herr Kareski nur i» einem kleinen Teil der Sitzung -er vereinigten Wahlausschüsse zur Ermittlung des Wahlergebnisses den Vorsitz geführt Bei der Erledioung von etwa 60 von 70 Bezirken war er nicht in der Satzung anwesend und hat an der Beschlußfassung ttch bei ihm und bei seinen zionistischen Freunden be- > danken müssen, wenn sie in einiger Zeit nochuials zur j Wahl schreiten muß. Bereits in der Sitzung der Wahl-! Prüfungskommission sind zahlreiche vorläufige Rügen zu Protokoll gegeben worden. Es besteht aber, wie von gut unterrichteter Seite verlautet, sogar die Absicht. die gesamte Wahl wegen der zahlreichen schweren Verstöße, die den Willen der Wähler völlig zu entstellen geeignet waren, bei der Aufsichtsbehörde anzufechten. Wir sind der bestimmten Ueberzcugung. daß alle deutsch jüdischen Wähler, wenn es tatsächlich zn einer nochmaligen Wahl kommen sollte, die Lehre des letzten Sonntag gezogen haben. Ob es aber zu ne neu Wahlen kommen wird oder ob die neue Repräsentanz in den nächsten Wochen ihre schwere Arbeit beginnen fmnt - wir Liberalen haben fetzt eine außerordentlich bedeutungsvolle Aufgabe zu erfüllen. Es gilt, die liberale Organisation so ausznbanen und sie io zn einer Sammelstätte der auf dem Boden deutscher Kultur stehenden religiös-liberalen Jndenheit zu machen, daß bei ben nächsten Wahlen die Wähler und nicht mehr die Nichtwählor die Entscheidung treffen werben. Umschau. Die RepräsentanteuWahlcu in Berlin sind vorüber, und wenn man die Wahlergebnisse objektiv betrachtet, hat eigentlich nur ein-' Partei einen offenkundigen Gewinn davongctragen. das ist die VoUspartci. Die Liberalen haben ihren Besitzstand behauptet, cs darf aber nicht verschwiegen werden, daß ihre Stimmzahlen gegen die Landesverbandswahlen abgenommen haben, wenn auch die Zahl der Mandate in der Repräsculantenveriammlung unverändert bleibt HO Sitze von 21) Die Orthodoxie kehrt nur in der Perion ihres Berlimr Rührers, des Herrn M. A. Loeb. zurück, die Mittelpartei. die mit io großen Hossnunacn in den Kamps ging hat statt ihrer bisherigen drei Vertreter lediglich zwei anszuwcisen, so daß die kleine Gruppe der Mittelvartei und der Kvniervativen '.wischen den beiden großen Fraktionen, der liberalen und der Bolkspartei, hin und her pendeln wird Aach den bisherigen Erfahrungen ist trotz der großen Verbrüderung bei den Wahlkämpfen noch keines, wegs darnil zn rechnen daß in allen fragen ein fester Block von Klee bis Weiße gegen die Liberalen geschmiedet werden wird. zumal wir wissen, daß unter den Mittclparteilern auch Persönlichkeiten sich befinden, die in »fragen j des Kultus und der Stellung zum Nationalfubentum sich vom liberalen Standpunkt nicht viel unterscheiden. > Sv wäre also an sich kaum eine erheblich? Veranlassung zur Sorge, wenn nicht die Tatsache der Wahlbeteiligung j selbst zum Nachdenken reichlich Veranlassung gäbe. Es hat ) sich nämlich gezeigt, daß in den Bezirken der mittleren und , kleineren Bevölkerungskreiie im Norden und Osten Berlins die liberalen Stimmen zugcnvmmen haben, während im Westen einmal die zionistischen Stimmen nicht unerheblich gewachsen sind vor allem aber auch die Beteiligung der j Liberalen selbst mit Rücksicht ans die jetzt schon beginnende Reisezeit zum Teil ungewöhnlich gering war. Selbst wenn man auch aus die im Westen stärkere Abgabe liberaler Stimmen an die Mittelpartei und daraus Rücksicht nimmt, daß in den westlichen Vororten die Wahllokale reichlich ungünstig lagen, so muß man doch auch den tieferen Ursachen nachgehcn. und da zctgr sieh daß eben die Bezirke gut gewählt haben, die auch vor der Wahl in wahrliait liberalen Sinne gearbcilet haben Sowohl die ncugegründete liberale Ortsgruppe im Osten Berlins, die irr ifnpu kurzen Bestehen schon reicbllch Belehrung und Anregung geschaffen hat. wie vor allem die Ortsgruppe Norden, welche aus eigener Kraft sich eirren eigenen Gottesdienst, ein? eigene kleine, wohlredigierte Jeirung geschaffen hat. haben ihre Pflicht vollartf getan. Es ist eben immer wieder zn betonen. daß eiri Liberalismus rinr voll Bedeutung fein kann, wenn er nicht lediglich aus politische, d. h. i>n wesentlichen airti'.ionistiiche fragen eingestellt ist. sondern wenn er ans Grund einer eigenen Gemeinschaftsüberzengung. aus Ge ilieinschastsarbeit. ausgebant ist. Gerade im liberalen Interesse liegt es. diesen Gemeinschaftsgeist, aufgebavt auf religiöser Grnrrdlage. durch 'tzOammeuschluß aller wahrhaft interessierten Brüder und Schwestern immer inniger zu gestalten Auch die beste Wahlorgauisation — und diese Organisation hat überall ihre Ausgabe gut erfüllt — kann in einigen Wochen nicht den Enthusiasmus und die Liebe zur Sache schaffen, welche allein nachhaltig befruchtet. Es wird Ausgabe der neuen Fraktion sein, den kür die Weltstadt immer dringlicher werdenden Zusammenschluß in einzelnen tlcineren Kultusgemeinschasteu zur Wahrheit werden zu lassen, und in diesen Gemeinschaften nicht nur die höchst notwendige soziale Arbeit zu leisten, sondern auch für «oahrhast liberalen Gottesdienst und eine weit gründlichere Jugenderziehung Sorge zu trogen, als dies bisher möglich war. Vielleicht werden einige der liberalen „Nichtwähler", welche mit Entsetzen das Amvachseu der zionrstpcheu Fraktion erblicken, zu der Neberzcnguug gelangen, datz fie im eigenen Haute ansangen müssen. ein uchrbarrs, rhren Kindern faßbares jüdisches Ideal aufzurichten, und daß ne ihre Pflicht als Liberale erst dann erfüllen, wenn ne ihre Kinder nicht nur in neutrale Jugendvereine oder in ludifche Sportvereine senden — so nützlich diese letzteren auch sind —, sondern wenn sie die liberalen Jugendvereine stärken, indem sie ihre Kinder in diese besten Mittler eines innerlichen, aus jüdischen Kenntnissen und jüdischem Wollen beruhenden Liberalismus entsenden. Es ist aber mit Bedauern feft*. znstellen. daß in Berlin gerade diejenigen Akademiker- und. Kanfmannskreiie. in denen seit Jahrzehnten ttberale Gesinnung heimisch wnr. jetzt mit Achselzucken seitstellen, faß ihre Kinder einen andern Weg gehen, obwohl eme Mtr-- arbcit in unseren Jugendvereinen diese, aus andere Wege geratene Jugend viel inniger und tiefer an die Wen» onschauung ihrer Eitern und Großeltern ketten konnte. Ein besonders alkfsällig''s Moment ist der fast völlige Ausfall des orthodoxen Flügels in der Repräsentanten» Versammlung. Es ist zweifellos, daß ein Tel! der Konservativen für die Bivnisten gestimmt fort, ein Teil aber weg«r der Verbrüderung mit den Biunisten der Wohl ganz fern» geblisben ist. Ich glaube, daß über kurz und über lnng das gcsetzestrene Judentum, wenn es sich als selbständiger Jaktor im dentschen jüdischen Leben erhalten null, stch darauf besinnen muß. daß es eine ausschließlich religiöse^deukrgung iß, faß es andernfalls, wenn es mit nationah-fumschW Ideen zu paküeren ansängt, zu einem bloßen AnoonsM, det großen zionistischen Organisation werden, wird,, M zeigt sich aber auch weiterhin deutlich, daß fas Mrre.. formale Prinzip des deutschen gesetzestrenen Judeut.ums.nur noch wenig Bekenner hinter sich hat. Das große künftige Ringen wird ansgefochten werden zwischen dem Natwniujudentum und dem positiven Liberalismus. Wie ein Scherz wirkt es be' dieser Dackiage. lvenn jäm in dem Programm der Herrn Loeb nahestehenden ..Achduth den Satz liest, der sich mit dem liberalen Judentum befaßt. Hier wird den Liberalen mitleidig aus die Schulter.geklopU, ilnd sic werden den gesetzestreuen Volljuden gegenüber.mit milder Hcrablasiung als ..irrende Brüder" bezeichnet, auf deren fchlicßliche Besserung die guten Eltern doch noch hoffen. Wir müssen uns ein derartiges ..Wohlwollen auf das entschiedenste verbitten. Wir sind liberal mcht aus Nachlässigkeit und Gedankenträgheit. sondern weil wir vor unserem Gewissen nicht anders können. Wir nerlanglen Respekt vor unserer Ueberzeugnng und nicht die hilfreiche Hand des „großen Bruders" der uns langsam wieder zu jenen Pfaden znrückführt. die zur völligen Vereinsamung und Erstarrung führen. Wir wollen mit allen Juden gemeinsam arbeiten ans Grund gegenseitiger Achtung, und niemand soll es wagen, unsere Weltanschauung als Irrtum rder gar als Irrlehre zn bezeichnen. H. Betrachtungen eines liberalen Wahlagitators. Einer der interesiantesten Wahlbezirke war wahrscheinlich der Bezirk 7 in der Belle-Alliance-Straße. Infolge der großen Entfernung ldie Grenze des Bezirks liegt am Tempelhofer Jeld) vom Verwaltungsbureau der Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße war nur ein verhältnismäßia kleiner Teil der Wähler in der Lage» die Wahllisten cinznsehen. Es ergab sich, daß ganze Häuser, in denen Juden wohnen, in der Wahlliste übergangen worden sind. Ich schätze den Ausfall an liberalen Stimmen in diesem Bezirk aus etwa '>0. da eine entsprechende Anzahl von mir bekannten liberalen Wählern am Wahltisch erschienen war und ihr Stimmrecht infolge der mangelhaften Borhereiunlg der Wahl seitens der Gemeinde nicht anSüben,konnte. Wenn meine Jllformationen zutressen, hat die jüdische Geukeinde bzw. der Wahlkomm iss ar von den zuständigen politischen Verwaltungen ein Verzeichnis der in dem betreffenden Bezirk wohnenden Inden eingcsordert. Auscheinenb hat der Wahlkommissar ohne weiteres diese Listen sür Wahl-zwecke verwendet, ohne sich die Mühe zu machen, einen Vergleich mit den Listen der Steuerzahler vorzunehmen. oder aber auch nur zu prüferk. ob auch Steuerzahler und alle Empfänger des Gemeindeblattes in den Listen enthalten sind. So erklärt z. B. ein alter Herr aus der Monnmentenstraße. daß er seit üb.r sij Jahren in Berlin wohne, an die Jüdische Gemeinde Steuern zahle lind regclnräßig das Gemeindeblgtt empfängt. Trotzdeul war er. der 7ttjährige Greis, und seine Iran nicht in der Wählerliste enthalten. Bei einer.Familie in der Borksiraße (vier Köpfe) lagen die Verhältnisse genau so. Es ließen sich diese Fälle rroch vielfach vermehren, fedoch glaube ich, daß schon diese zwei Vorkommnisse beweisen, wie leichtfertig bei der Aufstellung der Wählerlisten vorgegangen worden ist. Ich will ja nicht behaupten, daß absichtlich liberale Wähler in den Listen gefehlt haben, aber ich kann wohl mit Recht sagen, daß die Liberale Partei unter den schlechten Wahllisten am meisten gelitten hat. Andererseits habe ich die Erfahruna gemacht, daß zahlreiche Nichtwahlberechtigte ^Andersgläubige und Juden, die nur in Separgtgeweindeß